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Full text of "Neue Heidelberger Jahrbücher"

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leidelberger 
Jahrbücher 



Historisch-Philos.. 
Verein zu 
Heidelberg 




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$h<? flMass 1891. 



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NEUE 



HEIDELBERGER JAHRBÜCHER 



HERAUSGEGEBEN 



VOM 



HISTORISCH-PHILOSOPHISCHEN VEREINE 

zu 

HEIDELBERG 

- 

JAHRGANG I 



HEIDELBERG 

VERLAG VON G. KOESTKU 
1891 



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rnlveniUU-Buchdruckcrei vou J . HDruing >» Heidelberg 



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INHALT. 



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- 

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.seitc- 
Programm . . . 3 

Chronik des Vereins 5 

M. Cantor, A. Dürer als Schriftsteller .17 

R. Schröder, Die Landeshoheit über die Trave . ... 32 

K. Hartfelder, Das Katharinenfest der Heidelberger Artistenfakultät 52 

A. Haasrath, Arnold von Brescia 72 

F. Ton Dahn, Heinrich Schliemann 145 

0. Kariowa, Die Rangklassen des Ordo salutationis sportularumque provinciae 

Numidiae, insbesondere die coronati 165 

A. von Domaszevrski, Beitrüge zur Geschichte der Perserkriege .... 181 
— Die Entwicklung der Provinz Moesia . . .190 

^ J. von Pflugk-Harttung, Keltische Bauwerke 201 

A. von Gutschmld f, Die Heidelberger Handschrift der Paradoxographen (Pal. 

/Gr. 398) 227 

A. C. Clark, Die Handschriften des Graevius 238 

V» A. von Oechelhänser, Philipp Hainhofens Bericht über die Stuttgarter Kiud- 

taufe im Jahre 1616 254 

G. Meyer, Die Verhandlungen des preussischen Abgeordnetenhauses über den 
Erlass von Stempelsteuern für Fideikommisse 33K 

B. Erdmannsdörfler, Zur Geschichte der Heidelberger Bibliotbcca Palatina 349 
A. Hausrath, Festrede gehiilten bei der Enthüllung des Scheffel- Denkmals zu 

Heidelberg am 11. Juli 1891 . . 352 



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I 



NEUE 

HEIDELBERGER JÄHRBÜCHER 

HERAUSGEGEBEN 
VOM 

HISTORISCH-PHILOSOPHISCHEN VEREINE 

zu 

HEIDELBERG 
JAHRGANG I HEFT 1 



HEIDELBERG 

VERLAG VON 0. KOESTER 
1891 

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Der im Jahre 1863 gegründete historisch-philosophische Verein 
zu Heidelberg hat in seiner 612. Sitzung, am Montag den 3. November 
d. J. den Beschluss gefasst, eine halbjährlich erscheinende Zeitschrift 
unter dem Titel: 

Neue Heidelberger Jahrbücher 

herauszugeben. 

Die Zeitschrift hat den Zweck, ein zur Zeit hier fehlendes Organ 
für die historisch -philosophischen Wissenschaften in deren weitestem 
Umfange zu schaffen und in erster Linie den Mitgliedern des Vereins 
Gelegenheit zu geben, sowohl die im Vereine von ihnen gehaltenen 
Vorträge, soweit sich solche zum Abdruck eignen, als auch Unter- 
suchungen und Abhandlungen aus den genannten Gebieten zu veröffent- 
lichen. Die Mitarbeiterschaft soll jedoch keineswegs auf dio Mitglieder 
beschränkt bleiben. Die Neuen Heidelberger Jahrbücher werden viel- 
mehr allen einheimischen und auswärtigen auf dem bezeichneten wissen- 
schaftlichen Gebiete thätigen Forschern ihre Spalten geöffnet halten. 
Namentlich wird auch auf die Unterstützung unseres Unternehmens 
seitens ehemaliger Vereinsmitglieder gerechnet. 

Der Charakter der Zeitschrift soll ein wissenschaftlicher sein, dabei 
werden jedoch Themata von allgemeinerem Interesse in erster Linie 
berücksichtigt und Spezial-Untersuchungen nur soweit zugelasson werden, 
• als dieselben geeignet erscheinen, auch ausserhalb der Grenzen des be- 
rufsmässigen Fach-Interesses Verständnis zu finden. Kecensioncn und 
Anzeigen bleiben grundsätzlich ausgeschlossen. Eine ständige Rubrik 



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_ 4 - 

wird der Berichterstattung über die Thätigkeit unseres Vereins gewid- 
met sein. Nach Bedarf werden Tafeln dem Texte beigegeben. 

Der Titel „Neue Heidelberger Jahrbücher" wurde gewählt mit 
Bezug auf die „Heidelberger Jahrbücher", welche von 1808 an lange 
Zeit hindurch eine bedeutsame Stellung nicht nur in dem wissenschaft- 
lichen Leben unserer Universitätsstadt, sondern innerhalb der ganzen 
deutschen Wissenschaft eingenommen haben. 

Möge unseren Bestrebungen allseitiges Wohlwollen und Interesse 
entgegengebracht werden ! 

Heidelberg, den 6. November 1890. 

Der Redattions-Ausschiiss der Heuen HeUelterier Jahrbücher : 

Moritz Cantor, Friedrich von Huhn, Bernhard Erdmaiinsdörffer, Karl Hart- 
felder, Adolf Hausrath, Gnsiav K Oester, Adolf von Oechelhäuser, Richard 
Schröder, Max von Waldberg, Karl Zaiigeineister. 



Die „Neuen Heidelberger Jahrbücher" erscheinen jährlich zweimal 
und zwar vor Beginn der akademischen Ferien, durchschnittlich je 
8 Bogen stark im Verlage von G. Koester in Heidelberg. 

Briefe und Manuskript-Sendungen sind an Professor Dr. A. von 
Oechelhäuser in Heidelberg zu richten, welchem vom Ausschusse 
die Redaktionsgeschäfte übertragen sind. 



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Chronik des Tereins. 



Der historisch-philosophische Verein zu Heidelberg wurde vor 28 
Jahren durch die Herren Dr. Wilhelm Wundt und Lic. Adolf 
Hausrath ins Leben gerufen und hat bisher, abgesehen von einer 
Unterbrechung im Sommer 1884 bis Sommer 1885, regelmässig seine 
Thätigkeit entfaltet. Zweck des Vereins ist, dem wissenschaftlichen Ver- 
kehre der gebildeten Kreise hierorts durch Vorträge auf dem Gebiete 
der historischen und philosophischen Disciplinen einen Mittelpunkt zu 
geben. Die von den genannten Herren der konstituierenden Versamm- 
lung am 7. Februar 1863 vorgelegten und von dieser genehmigten Sta- 
tuten, die im wesentlichen heute noch in Geltung sind, tragen folgende 
Unterschriften: Wilhelm Blum, Moritz Cantor, Levin Gold- 
schmidt, Adolf Hausrath, Heinrich Holtzmann, Paul 
Laband, Karl von Langsdorff, Etienne Laspeyres, Wil- 
helm Oncken, Er nst Pagenstecher, Erasmus Pfaff, Eduard 
Pickford, Kobert Salzer, Bernhard Stark, Wilhelm Watten- 
bach, Wilhelm Wundt, Eduard Zeller, denen sich am 9. Feb- 
ruar noch Georg Weber und Johann Kaspar Bluntschli an- 
schlössen. 

Einen ansehnlichen Bruchteil von der Zahl dieser Begründer als 
eifrige Mitglieder noch heute an seinen Sitzungen Teil nehmon zu 
sehen, erkennt der Verein als ein besonderes Glück an. Die Zahl der 
Mitglieder hat sich im Laufe der Jahre nach mancherlei Schwankungen 
auf 130 erhöht. 



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- 6 



Als geschäftsführende Sekretäre wirkten: Wilhelm Oncken vom 
Beginn dos Vereins bis März 1870, Eugen Laur bis März 1884 
und Arthur von Kirchenheim bis November 1887. Dem der- 
zeitigen Sekretär Adolf von O.cchelhäuser ist zugleich die re- 
daktionelle Leitung der Neuen Heidelberger Jahrbücher übertragen 
worden. 

Hat das Programm des Vereins durch die am 3. November 1890 
erfolgte Gründung dieser Zeitschrift eine wesentliche Bereicherung nach 
littcrarischcr Seite hin erfahren, so ist in den letzten Jahren auch der 
erfolgreiche Versuch gemacht worden, mittelst wissenschaftlicher Ex- 
kursionen nach geschichtlich wichtigen wie durch Kunstdenkmale aus- 
gezeichneten Punkten in der Umgebung Heidelbergs (Maulbronn, 
Wimpffen) den Mitgliedern neue Anregungen zu bieten. 

Über die Art und den Umfang der Vereinsthätigkeit in den bis- 
herigen 618 Sitzungen vermag das nachstehende Verzeichnis der Vor- 
träge den besten Aufschluss zu geben. 



Verzeichnis der seit Gründuug des Vereins in dem- 
selben gehaltenen Vorträge. 



Asher G. M., Tities, Ramnes und Lucercs 27. III. 65 — Biographische Mit- 
teilungen über den Entdeckungsreisenden Hudson. 23. IV. 66. — Über die 
patricischen Claudier. 22. VII. 67. Über Wilhelm Usselinx. 11.1.69. — 
Über die deutschen Kolonien an der Wolga. 16. VII. 77 und 23. VII. 77. 

Askenasy E., Über die Beziehungen der Pflanze zum Licht. 28. VI. 75. — Über 
die Geschichte der Entdeckung der Sexualität der Pflanzen. 18. VI. 77. 
Über Bakterien (Spaltpilze). 5. VII. 80. 

Bartsch K. +, Über deutsche Orthographie. 17. VII. 71. — Über das Passionsspiel 
in Oberammergau. 11. XIII. 71. — Über Deutschtum und Welschtum in 
Tirol. 29. IV. 72. — Über Fragmente von Schiller. 24. XI. 73. — Über das 
Rolandslied. 6. 1. 74. — Hoffmann von Fallersleben als Gelehrter. 22. VI. 74. 
— Bemerkungen über Dante-Übersetzungen und Probe einer neuen Über- 
setzung. 7. XII. 74. - Vorlesung aus B's. Übersetzung der Hölle Dantes 
10. 5. 75. — Aus der Anstandslehre des Mittelalters. 12. VII. 75. — Über 
Goethes Drama „der Falke". 20. XII. 75. — Über die orthographische Kon- 
ferenz. 31. 1. 76. — Vorlesung aus seiner Übersetzung von Dantes Purga- 
torio. 22. V. 76. — Über italienische Frauensitteu im Zeitalter Dantes. 
19. V. 79. — Über das französische Volkslied des XV. und XVI. Jahrhunderts. 



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7. II. 81. — Über Schillers Krankheit im Jahre 1791. 19. XII. 81. — Leben 
und Aufenthalt der Romantiker in Heidelberg während der Jahre 1803 bis 
1808. — Über Jean Pauls Aufenthalt in Heidelberg (1817). 22 V. 82. — 
Mitteilungen über den zweiten Aufenthalt Jean Pauls in Heidelberg (1818). 
5. VI. 82. — Goethes Aufenthalt in Heidelberg. 19. VI. 82 und 26. VI. 82 
und 10. VII. 82 und 17. VII. 82. 
Behaghel 0., Über J. P. Hebel. 5. II. 83 und 12. II. 83. 

Sessels E.f, Über die Korallen. 13. II. 71. — Einiges über die nördlichen Erd- 
bewohner. 8. II 86. 

Bernthsen A., Die Stellung der Chemie zur Frage nach dem Wesen der} Materie. 

20. II. 82. — Über Fortschritte auf dem Gebiet der chemischen Technik. 
8 I. 83 und 22. I. 83. — Bericht über einen Besuch chemisch-technischer 
Etablissements. 4. 1. 86. 

Bierbaum F., Über Land und Leute in Irland. 20. V. 78 und 24. XI. 79. 
Blnding C, Über das alte Burgunderreich. 30. V. 64. 

Blnm W., Über die Verhaltnisse von Adel und Bauernstand in den deutsch-russi- 
schen Ostseeprovinzen. 2. V. 61. — Über Lefort und Peter den Grossen. 
27. XI. 65. — Geschichte des Zollvereins. 27. XII. 66. — Über Hypotheken- 
reformen. 15. VI. 68. — Über Tabaksteuer und Tabakmonopol. 7. VI. 80. — 
Das moderne Vagabundentum und dessen Bekämpfung. 23. XI. 85. 

Bluntschll J. K. f, Reiseeindrücke aus Italien. 9. V. 64. — Die Entstehung des 
indischen Kastenwesens. 5. XII. 64. — Über Confucius und den altchincsi- 
schen Staat. 17. VII. 65. — Über Alexis de Tocqueville. 20. XI. 65. - Wan- 
delungen und Änderungen der Staatsformen. 29. X. 66. — Legitimität und 
Legitimation der Staatsgewalt. 25. I. 69. — Einfluss der Race auf den Staat. 
26. VII. 69. — Über Laurent: Le Catholicisme et la religion de Pavenir. 

4. VII. 70. - Über die Alabamafrage. 22. V. 71. — Ül »er nordamerikanische 
Zustände in Bezug auf Kirche und Schule. 27. XI. 71. — Über die Inter- 
nationale. 1. VII. 72. — Über die Brüsseler Konferenz betr. Kriegsvölkerrecht. 
1. II. 75. — Über Belgien. 31. V. 75. — Über die rechtliche Verantwortlich- 
keit des Papstes. 7. II. 76. — Über das Völkerrecht und die orientalische 
Frage. 27. XI. 7G. — Über die Verfassung des europäischen Staatenvereins. 

21. I. 78. — Über die Angriffe auf das private Grundeigentum und die drei 
Hauptsysteme der Bodenverteilung. 9. VI. 79. — Über die Beziehungen des 
deutschen Reiches zu den Samoa-Inseln. 9. II. 80. — Über das Institut für 
Völkerrecht, insbesondere über die diesjährige Versammlung desselben in 
Oxford ( 1880). 15. XI. 80. — Über die Versammlung des Protestantenvereins 
in Berlin. 20. VI. 81. 

Braun J. f, Über die Entstehung der Völkernamen. 6. VII. 63. 

Brie 8., Geschichte der Gründung des Königreichs Helgien I. Teil 22. 1. 66. II. Teil 

29. 1. 66. — Geschichte Luxemburgs und seines Verhältnisses zu Deutschland. 

13. V. 67. — Über die geschichtliche Entwickelung der Lehre vom Bundesstaate. 

5. V. 73 und 12. V. 73. 

Bohl H., Über die Geschichte des deutschen Buchhandels. 28. VII. 79. — Raphael 
bis zu seiner Übersiedelung nach Rom 1508 10. XII. 83 und 7. III. 84. — 
Das Erbrecht nach dem neuen deutschen Gesetzentwurf. 14. IV. 88. — Der 
Entwurf eines bürgerlichen Gesotzbuches und das römische Recht. 28. VII. 90. 
Über Gewerbegerichte. 12. II. 91. 

Bansen Th. von, Die irische Frage. 14. II. 87. — Die schwedisch-norwegische 
Union. 19. XII. 87. 



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Cantor M«, Über den Prioritätsstreit zwischen Newton und Leibnitz. 15. VI, 63. — 
Über Petrus Ramus. 16. XI. 63. — Über Galileo Galilei. 15. V. 65. — Über 
Benjamin Franklin. 28. I. 67. — Über die neuesten Entdeckungen bezüglich 
des GaHlei'srhen Prozesses, n. XII. 70. — Uber Blaise Pascal. 17. II. 73. — 
Über Regiomontanus. 11. 5. 74. — Über Hero von Alexandrien. 21. XII. 74. 

— Über römische Feldmesser. 8, U, 75. - Zur Geschichte der Erdbeben. 
19. VII. 75. — Über die Nationalitat des Kopernikus. 26. VI. 76. — Über 

Linnardn da Vinp.i 20 XI 7fi — Ühpr einen wiBBftnap.haftlip.hpn Streit deR 

IG. Jahrhunderts. 5. II. 77. — Rückblicke auf das Gauss-Jubiläum. 4. VI. 77. 
Über neue Untersuchungen des Galileischen Prozesses. 2.). X. 77. — Über die 
letzten Forschungen Wohlwills zum Galileiprozess. 5. XI. 77. — Über die 
Mathematik der Babylonicr. 10. XI. 7l>. — t : ber Abraham Gotth. Kaestner. 
10 1.81. — Aus dem Briefwechsel Galileis. 13. XL 82. — Aus Ilnivcrsitäts - 
kreisen. 28. V. 83. — Über Prowes Biographie de8 Kopernikus 25. II. 84. 

— Über Volkszählungen und Sterblichkeitstabellen. 21. XII. 85. — Ein drei- 
hundertjähriges Jubiläum. 1. II. 86. — Über vier berühmte Astrologen. 

5. XII. 87. — A. Dürer als Schriftsteller. 13. II. 88. — Über Nikolaus von 
Cusa. 29. IV. 89. — Michael Stifel. 5. V. 90. 

Caspari ().. Über Lotzes Geschichte der Ästhetik in Deutschland. 2. III. 68. 

Cohn G.« I ber die Reform des ehelichen Güterrechts. 15. V. 7<!. — Über die Rechts- 
verhältnisse an der Hochschule Bologna im Mittelalter. 3. VII. 76. — Uber 
eine Bulle wider 14 deutsche Rechtssätze. 29. I. 77. — Zur Geschichte der 
Eorse. 14. V. 77. — Über den Congres international de la propriete indu- 
strielle. 25. XI. 78. — Über das international gleiche Recht. 28. III. 79. — 
Über den Entwurf eineB deutschen Checkgesetzes. 17. XI. 79. — Über Karl 
Friedrich Eichhorn. 20. XI. 89. — Über den Entwurf des Aktien-Gesellschafts- 
Gesetzes. 14. I. 84. — Über den Brüsseler Kongress für Welthandelsrecht. 

13. V. 89. — Über den Markenschutz und seine Reform. 6 I. 90, 
Cohn M M Über das Versicherungswesen der Römer. 18. V. 74. 
Deppe A., Über die beiden Lager des Varus. 16. XII. 78. 

Dörgens H. f» Uber den Dienst beim römischen Heere. 20. II. 65. — Der päda- 
gogische Einfluss der Freigelassenen im alten Rom. 10. 1. 66. — Über Moliere. 

6. VIII. 67. — Beiträge zur Topographie Konstantinopels unter den Kaisern. 

14. XII. 68. 

Domnszewski A. Ton, Die römische Lagerstadt Carnnntum. 21. XI. 87. — Epigra- 
phische Streifzüge im Orient. 19. 1. 90. 

Pulut F. von, Der augenblickliche Stand der archäologischen Forschung zur Etrns- 
kischen Frage. 20, II. 8',*. - Die ältesten Beziehungen zwischen Ägypten und 
Griechenland. 10. II. 90. — Märztage in Troja 21. V. 90. — Heinrich Schlie- 
mann. 14. 1. 91. 

Eisenlohr Ad. f, Kräftewirkung auf rotierende Körper. 24. IL 68. — Reisemittei- 
lungen aus Italien. 9. XL 68. — Neueres über Meteoriten. 28. VI. 69. — 
Neueres über Gehirgsbildung. 28. II. 81. — Über Thalbildung. !>. Y. 81. — 
Naturwissenschaftliches von seiner Reise nach dem Pacitic. 19. XL 83. 

Eisenlohr Ang M Über das Dekret von Canopus. 29. IV. 67. — Rückblicke auf das 
alte Ägypten. 13. VI. 70. — Über den grossen Papyrus Harris. 17. VI. 72. — 
Uber den Inhalt der Papyrusrollen. 16. VI. 73. — Ein mathematisches Lehr - 
buch der alten Ägypter. 17. 1. 7*;. — Über altägyptische Romane. 21. 11.81. 

— Uber seine Heise nach Ägypten. 7. XU. 85 und 21. V. 86. 
Eisenlohr F., Über die Bestimmung der Sonnenentfernung. 21. VI. 66. 



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Erdmannsdörfler B., Über die ersten diplomatischen Beziehungen zwischen Preus- 
sen und Russland. 26. VII. 80. — Der Fondaco dei Tedeschi in Venedig. 
29. X. 88. — Über die Klostergründlingen der Cisterzienser in Deutschland 
27. V. 89. — Deutsche Handels- und Kolonialpolitik im XVII. Jahrhundert. 
16. VII. 90. 

Fachs K. f, Über Darwins Schöpfungslehre. 6. XII. 63. — I ber Natur- und Land- 
schaftscharakter von Italien. 7. XI. 64. 

Gaedeke A., Über Lucrezia Borgia. 16. XI. 74. — Die Vorgeschichte der spanischen 
Erbfolgefrage. 29. XI. 75. — Über Lucrezia Borgia. 30. VII. 77. — Über Don 
Carlos. 4. III. 78. — Über die Gefangenschaft des Grafen James Bothwell in 
Dänemark. 13. V. 78. - über Maria Stuart. 11. XI. 78 und 18. XI. 78. - 
Über Struensee. 26. V. 79. — Über den Zarewitsch Alexei. 15. XII. 79. — 
Über Joseph II. 1. III. 80. — Über den Fürsten Metternich. 21. VI. 80. — 
Über den dritten Band der Metternich'schen Memoiren. 25. VII 81. — Über 
Friedrich II. und Voltaire. 27. II. 82. 

Gas* W. t> Geist und sittliche Bedeutung des alteren Mönchtums. 22 VI. 68. — 
Über Gemisthos Pletho Tzept Wijuov. 10. V. 69. — Die kirchlichen Wirren 
in Livland. 1. XI. 69. — Über Recht und Notwendigkeit des Krieges. 4. XI. 70. 
Über den Bilderdienst in der griechischen Kirche. 20. II. 71. — Über Kon- 
stantinopel im vierten Jahrhundert 20. XI. 71. — Über die sittliche Bedeu- 
tung des Asketischen. 10. II. 72. — Über den bulgarischen Kirchenstreit. 
15. VII. 72. — Über den Dichter Prüden tiu 8. 27. 1. 73. — Über Optimismus 
und Pessimismus. 26. VI. 73 und 30. VI 73. — Prozess und Hinrichtung des 
Johann Huss verglichen mit d en Hinrichtungen des Michael Servede und des 
Nikolaus Krell. 2. II. 74. — Über die Schrift des Papst Innocentius III : De 
contemptu mnndi et humanae conditionis miseria. tf. VII. 74. — Gladstone 
und der Vatikanismus. 24. V. 75. — Über Vincenz von Beauvais und das 
speculum morale. 21. II. 76. — Die Apokalypse in ethischer und ästhetischer 
Beziehung. 17. VII. 76 und 24. VII. 76. — Zur Kulturgeschichte der Univer- 
sität Heidelberg. 18. II. 78. — Über Busenbaum und die Jcsuitenmoral. 
8. VII. 78. — Über den Fund einer antiken Bronze (Theseus im Kampfe mit 
dem Minotauros). 28. X. 78. — Rückblicke nach Italien. 3. II. 7!) u. 24. II. 79. 

— Der Widerstreit der Pflichten. 21. VII. 70. — Neuestes vom Berge Athos. 
24. V. 80 

Geizer H., Über den Einfluss des Orients auf die griechische Kultur. 17. XI. 73. 

— Über die Nachrichten der Ägypter und Assyrer über die Griechen. 
15. VI. 74. — Über Neuestes aus Assyrien. 20. VII. 74. — Kirchenstaat und 
Kulturkampf auf afrikanischem Boden. 5. VII. 75. — Über die Ursprache in 
Chaldäa. 26. VII. 75. — Über den Ursprung und die Verbreitung der Sakäen. 
24. 1. 76. — Reiseeindrücke aus Sicilien. 12. VI. 76. — Über die Ausgra- 
bungen auf dem Palatin. 18. XII. 76 und 8. 1. 77. — Über Kosmas, den Ost- 
indienfahrer. 24. VI. 78. 

Gericke A. f, Bearbeitungen vou Shakespeare's Macbeth, insbesondere durch Schiller 

und Dingelstedt. 26. X. 68. 
Goldschmidt L., Über Wuchergesetzgebung. 29. V. 65. — Über Handelsgerichte. 

27. 1. 68. 

Gothein E., Über die Verwaltung Karl Ludwigs von der Pfalz. 19. VII 86. 
Hagen E. von f, Über die orientalische Frage. 28. V. 77. 

Martfelder K., Über den Aberglauben eines deutschen Humanisten. 30. III. 88. 

— Über Heidelberger Ortsnamen. 27. X. 90, 



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Hansrath A., Herodes Agrippa. 9. II. 63. 

Hecht F., Haftpflicht der Eisenbahnen für Körperverletzungen und Tötungen. 

5. VII. 69. — Über die Beschlüsse des Eisenacher Kongresses der Katheder- 

socialisten und die Reform des Aktienrechts. 27. X. 73. 
Helniholtz H. von, Physiologie der Buchstabenbildong. 23. 1. 65. — Über psychische 

Thätigkciten, die zum Zustandekommen der Sinneswahrnehmungen nötig sind. 

30. IV. 66. — Musikalische Ästhetik. 25. XI. 67. — Über neuere Arbeiten die 

Principien der Geometrie betreffend. 15. II. 69. — Über die neueren kosmo- 

gonischen Theorien. 31. 1. 70. — Über Optisches in der Malerei. 6. II. 71. 
Hillebrand A. f, Über die Vulkane der Hawaiischen Inseln. 10. II. 73. — Über 

die Insel Hawaii. 3. III. 73. 
Hiller K., Über die Zukunft des deutschen Schwurgerichts. 1. VI. 74. 
Hofmeister W. f, Die Flora der Braunkohlcnzeit. 2. I 65. — Über die Heimat 

einiger Kulturpflanzen. 3. IV. 65. — Über die Vegetation in Nordafrika. 

13. V. 66. — Über Krankheiten einiger Kulturpflanzen. 26. XI. 66. — Über 

die Ursachen, welche die Mannigfaltigkeit der Pflanzenformen bestimmen. 

18. 1. 68. — Über Sexualität der Pflanzen. 30. VI. 70. 
Holst H. von, Ludwig XIV. und die Hugenotten. 19. VI. 65 und 26. VI. 65. 
Holthausen F., Über die germanische Runenschrift. 31. 1.87. 
Holtzmann H., Über Konstantin Tischendorf und Konstantin Simonides. 23. III 63. 

— Über den gegenwärtigen Stand der Evangelienfrage. 7. III. 64. — Über 
die Entwicklung der messianischen Idee lei den Juden. 6. XI. 65. — Paulus 
und die korinthische Gemeinde. 13. III. 66 und 19. III. 66. — Pharisäische 
und saddueäische Politik. 25. II. 67. — Hätte Mirabeau bei längerem Leben 
über die Revolution Herr werden können oder nicht? 17. VI. 67. — Reise- 
mitteilungen aus Italien. 9. XI. 68. — Beiträge zur ältesten Kirchengcschichte 
Roms. 8. II. 69. — Über die Johannessage. 28. XI. 70. — Über die römische 
Petrussage. 4. III. 72. — Über Bojardo und Ariosto. 9. XII. 72. — Über eine 
Reise nach Rom. 19. V. 73. — Uber die Entstehung des kirchlichen Christus- 
kopfes. 19. 1. 74. — Nero und die Christen, mit Beziehung auf H. Schilters 
„Nero", Hausraths „Neutestamentliche Zeitgeschichte" und Renaus „Anti- 
christ". 23. II. 74. 

Hönig W., Die Lehre Jesu in übersichtlicher Darstellung. 23. V. 64. 

Horn A. Ton, Über die Stellung des Generals Karl v. Clausewitz in der Geschichte 
der Kriegswissenschaft und der militärischen Literatur. 7. I. 78. — Die tür- 
kische Landmacht in Europa. 27. V. 78. — Zum Gedächtnis Karl Ritters. 
7. VI 1.79. — Über die Methode des Studiums der Kriegsgeschichte. 20. XII. 80. 

Horstinann A., Über das Ende der Welt vom Standpunkte der mechanischen 
Wännetheorie. 11. XII. 71. 

Ihne W., Über Tiborius. 18. I. 64 und 24. I. 64. — Über die Verfassung des Ser- 
vius Tullius. 27. VI. 64. — Über die Zustünde der englischen Geistlichkeit. 
19. XII. 64. — Über Recht und Rechtsgelehrte von England. 15. I. 85. — 
Über die Patres conscripti 16. VII 65. — Entstehung des Volkstribunals 
und Befugnisse desselben bis zum Deccmvirat. 5. XII. 65. — Über englische 
Universitäten, insbesondere Oxford und Cambridge. 5. XI. 66. — Über die 
Fabier und Claudier. 1. VII. 67. — Über den Tarentinischen Krieg. 11. XI. 67. 

— Rom und Karthago. 7. VI. 69. — Reisemitteilungen aus England. 29. XI. 69. 

— Über die religiöse Grundlage des antiken Staates. 9. V. 70. — Über Re- 
ligion und Religionsgebräucbe der Parsen. 8. V. 71. — Über die angebliche 
Ackerverteilung des Lykurgos. 30. X. 71. — Über Karthago zur Zeit seiner 



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— 11 - 



Zerstörung. 8 I. 72. — Über Senat und Parlament. 25. XI. 72. — Über Walter 
Mapes. 10. XI. 73 — Über die Bacchanalien-Feier in Rom. 6. XII. 75. — 
Über die Censoren als Sittenrichter. 13. XI. 76. Über bisher nngedruckte 
Blätter aus dem Tagebuch der Mad. Roland. 19. XI. 77. — Über L. Cornelius 
Sulla. 10. II. 79. — Die Umsturzversuche der Gracchcn. 8. XII. 79. — Über 
Lord Byron 11. VII. 81. — Über Shelley. 19. XII. 81. — Über das heutige 
London. 8. V. 82. — Über Walter Scott. 6. XI 82. — Über einen Kriminal- 
prozess in der letzten Zeit der römischen Republik. 11. VI. 83. — Über 
Cicero's Charakter nach der neuesten Geschichtschreibung. 9. XI. 85. — Über 
Milton als Theologe und Politiker. 17. I. 87. — Lord Bacon als angeblicher 
Verfasser der Shakespear'schen Dramen, 28. V. 88. — Über parlamentarische 
Regierung. 24. II. 90. 

Jacobi L. (aus Homburg), Über die Resultate der neuen Ausgrabungen an der 
Saalburg 23. I. S9. 

Kayser K. L. +, Über die Auffassung Pindars in verschiedenen Epochen der Philo- 
logie. 6. VI. 64. — Über das Monumentum Ancyranum. 8. VII. 67. 

Kii'clienhehu A. von, Was ist Statistik? 17. 1. 81 — Strafrecht und Anthropologie 
nach Auffassung der neuesten Kriminalistenschule in Italien. 6. II. 82. 

Kleinschmidt A., Über Lady Mary Wortley Montagu. 28. VI. 80. — Über Madame 
de Tencin. 31. 1. 81. — Über die Herzogin Maria Karoline von Berry. 16. VII. 83. 
— Über Madame la Palatine, Anna Gonzaga. 31. V. 86. — Der Frankfurter 
Humanist Hamm an von Holzhausen. 23. VII. 88. — Der Bastillensturm. 
22. VII. 89. 

Knies K., Über Carey. 20. V. 67. — Über die Verhältnisse und den Einfluss des 
Handels im Altertum, namentlich bei Griechen und Römern. 28. II. 70. — 
Über Karl Marx und dessen Ansicht vom Kapital. 22. VII. 72. — Über den 
Eisenacher Sozialistenkongress. 18. XI. 72. 

Koch A., Die Schicksale der Heidelberger Nachtigall. 16. I. 88. - Richard III. von 
England. 14. XI. 89. 

KÖehly H. f, Geschichte und Stand der homerischen Frage. 13 III. 65. — Ent- 
stehung der homerischen Gedichte. 1 . V. 65. 

Kopp H., Über einige neuere Arten, den Zustand der Witterung anzugeben. IL II. 
78. — Über die aurea catena Homeri. 3. V. 80. 

Korthals C, Erinnerungen aus Japan. 3. XI. 90. 

Knntze E., Über moderne Kriegsfübrung. 2. II. 91. 

Laband P., Über das richterliche I'riifungsrecht der Gültigkeit von Gesetzgebungs- 
akten. 2. II. G3. — Über die Rechtsstellung der Frauen im altrömischen und 
altdeutschen Recht. 15. IL 64. 

Ladenburg A., Über drei Fundamentalbegriffe der Chemie. 27. VI. 70. 

Langsdorff C. von f, Über die deutsche Mythologie. 27. IV. 63. 

Laspeyres E., Über den preussisch-französischen Handelsvertrag. 9. III. 63. 

Laar E., Über die Pariser medizinische Fakultät im XVII. Jahrhundert 24. I. 70. 
Montesquieu's Beziehungen zur Academie francaise. 16. V. 70. — Über Cyrano 
de Bergerac. 30. I. 71. — Über le Perc Duchesnc. 12. VI. 71. — Über den 
„Postzug" von Ayrenhoff. 10. VII. 71. — Über Christoph und die Allgemein- 
heit der französischen Sprache. 22. I. 72. — Über Guy du Four de Pibrac. 
21. VII. 73. — Über Mlle. Rachel und die Schauspielkunst. 1. III. 75. — Über 
Le Noble und la belle Epiciere. 14. VI. 75. — Über einen französischen 
Kaspar Hauser. 15. XL 75. — Über den Marquis de Sade. 29. XI. 76. — 
Über Talleyrand und die orientalische Frage. 11. VI. 77. — Über den Namen 



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— 12 



Moliere. 17. XII. 77. — Über Le Sage und Gil Blas. 4. II. 78 — Bericht 
über eine Reise nach dem Kaukasus, Tiflis und Voti. 4. IV. 78. — Bericht 
über eine Fahrt von Voti nach Fcodosia, .Talta und Umgebung, Sewastopol 
und Odessa. 17. II. 79. — Die Lebensweise der Frauen in Frankreich wäh- 
rend des 18. Jahrhunderts. 14. VII. 79. — Über Eugene Scribe. I«. II. 80. — 
Über die Beziehungen Ludwigs XIV. zu den hervorragendsten Dichtern seiner 
Zeit. 26. IV. 80. — Über den Abbe Frevost und Nanon Lescaut. 10. V. 80. 

— Über Mlle. Moliere. 14. 11.81. - Über Emile de Girardin. 16. V. 81. - 
Zur Geschichte der Beatrice Cenci. 1. V. 82. — Über Lamartine als Dichter. 
30. X. 82. — Über Lamartine als Politiker. 30. IV. 83. — Über Turgeniew. 
7. v. 83. — Über Madame Guyon. 28. I. 84. 

Lefuiann S., Über Franz Bopp. 19. XI. 66. — Über August Schleicher. 1. II. 69. 

— Über deutsche Rechtschreibung 9. 1. 71. — Sanskrit und indogermanische 
Sprache. 31. VII. 71. — Über den Bedeutungswandel im Indogermanischen. 

26. II. 7. — Über Nirvana und die Buddhalegende. 22. VII. 78. — Zur Sa- 
kuntala, eine Säkularfeier. 24. VI. 89. 

Lenivke K., Über mecklenburgische Verhältnisse. 27. VII. 63. — Ein Stück tür- 
kischer Politik. 24. VII. 65. — Über Schnaase's Einleitung zum ersten Bande 
seiner Geschichte der bildeuden Künste. 2. VII. 66. — Über Peter Cornelius. 

27. V. 67. — Über Ludwig 1. von Bayern. 4. V. 68. 

Leser E., Über John Stuart Mill. 4. V. 74. — Über die Aufstellung der Bilanz bei 
Hypothekenbanken. 25. VI. 77. — Über den Autor der Juniusbriefe. 20. I. 79. 

— Über den Stillstand in der deutschen Münzreform. 23. II. 80. — Über die 
Verhältnisse des Grundbesitzes in Irland. 12. VI. 82. — Über direkte und 
indirekte Besteuerung. 19. II. 83. 

Lexis W., Über die Erhaltung der Kraft. 1. II. 64. 

Lobnteln E., Über die medizinische Fakultäts-Feier und den Gründer des anato- 
misch-pathologischen Museums in Strassburg. 10. XII. 77. — Zur Geschichte 
des Bürger-Hospitals in Strassburg. 1. XII. 79. — Über Abtei und Stadt 
Weissenburg im Elsass. 30. V. 81. — Zur Philosophie der Musik und Dialog 
zwischen Friedrich d. Gr. und Joh. Seb. Bach. 9. 1. 82. — Über die ehemalige 
freie Reichsstadt Landau. 21. V. 83 und 18. VI. 83. 

Loening E., Die Verwaltung der Stadt Paris, namentlich unter dem Seinepräfekten 
Haussmann. 15. XII. 67. 

Loewenthal W., Sociale nnd politische Zustände iu Rumänien. 26. VI. 71. 

Martin E., Über Alpharts Tod. 12. XI. 66. — Über das Leben Walthcrs von der 
Vogelwcide. 15. VII. 67. — Ein österreichischer Satyriker des 13. Jahrhun- 
derts. 20. I. 68. 

Mayer A., Über menschliche Ernährung. 6. II. 71. — Über Karl Marx. 25. 1. 75. 
Mendelssohn K., Über die Verwaltung Griechenlands unter König Otto. 13. VI. 64. 

— Über Friedrich von Gentz. 18. II. 67. — Mitteilung seiner Funde in 
Wiener Archiven. 3. VI. 67. 

Merx A., Über die Entwickelung der Pentateucbkritik. 11. XII. 76 und 15. 1.77. 
(Der am 19. XI. 77 gehaltene Vortrag ist nicht protokolliert.) 

Merz E., Über die Neugriechen. 22. VI. 63. — Über Baco von Verulam und seine 
kulturgeschichtliche Bedeutung. 9. XI. 63. 

Meyer F., Schilderung russischer Zustande. 28. II. 76. — Über den Ha*s gewisser 
Schichten des russischen Volkes gegen die Deutschen. 8. V. 76. — Über einen 
russischen Staatsmann ( Walüjew). 7. V. 77. — Über Goethes Märchen „der 
neue Paris". 15. VII. 78. — Über Goethes Märchen „die neue Melusine". 



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12. V. 79. - Über die Nihilisten in Russland. 23. VI. 79. - Petersburger 
Reflexe des deutsch-französischen Krieges von 1870—71. 27. X. 79. — Über 
das geistige Leben der St. Petersburger Deutschen. 18. VII. 81. — Über das 
geistliche Drama im Mittelalter. 23. I. 82. 

Meyer G., Über parlamentarische Regierung. 18. XII. 85). — Über neuere englische 
Verwaltungsreformen. 15. XII. 90. 

Moos S., Über Kretinismus. 16. II. 74. 

Xippold F., Über die Moscheen von Kairo. 13. II. 65. — Über die wiedertäufe- 
rischen Bewegungen im Reformationszeitalter. 13. XI. 65. — Über die Kon- 
fessionswecbsel im 19. Jahrhundert. 5. III. 66. — Geschichte des Papsttums 
1814-1866. 19. XII. 66. — Über die kölnischen Wirren. 27. VII. 68. — Über 
die altkatholische Kirche von Utrecht. 12. XII. 70. 

Oechelhäuser A. von, Ein Aufenthalt in Pcrgamon. 5. VII. 86. — Der Liller- Wachs- 
kopf. 19. XII. 88. — Das Maulbronner Kloster. 27. V. 89. — Über die Kunst- 
denkmale der Reichsstadt Wimpffen. 11. VI. 90. 

Oncken W., Über das Exil des Geschichtschreibers Thukydides. 20. VII. 63. — 
Über Kleon. 26. X. 63. — Über Aristoteles' Politik I. 18. VII. 64. II. 25. VII. 
64. — Über Perikles. 8. V. 65. 

Oppenheimer Z., Epidemische Geisteskrankheiten im 14. Jahrhundert. 4. II. 67. 

Ostholf H., Über die älteste lateinische Inschrift. 23. V. 81. 

Pagcnstecher E., Über den Streit des Kantons Tessin um seine Unabhängigkeit 
von dem Bistum Como. 16. III. 63. — Über das Lichtrecht. 8. II. 64. — Aus 
der Geschichte der Privilegien. 21. XI. 64. — Entwicklung des Rechts der 
Eheschliessung in den christlichen Staaten. 11. XII. 65. 

Pelpers D., Über Piatos Theologie. 11. III. 67. 

PfalT E., Max Müllers Vorlesungen Ober die Wissenschaft der Sprache nach der 
deutschen Ausgabe von Böttger, Leipzig 1863. 11. V. 63 und 1. VI. 63. 

Pickford E. t» Über den preussischen Handelsvertrag mit Frankreich. 13. IV. 63. 

Pierson A., Über Holland und dessen Kolonien. 26. V. 73. — Über das Kultur- 
system der holländischen Kolonien. 8. VI. 73. — Über die Blütezeit der hol- 
ländischen Literatur. 2. III. 74. — Über Wilhelm I. von Oranicn. 27. VII. 74. 

Ribbeck 0., Über das historische Drama der Griechen und Römer. 1. XII. 73. 

Richter J., Über die Schopenhauer'sche Philosophie. 28. XI. 64. 

Rieks J., Über Urbanus Rhegius. 12. 1. 80. — Über Josephs II. kirchliche Reform- 
bestrebungen. 6. XII. 80. — Über den Index librorum prohibitorum. 3. I. 87. 

Kiese A., Über die Auflösung des römischen Volksglaubens mit besonderer Rück- 
sicht auf Varro. 27. II. 65. — Spätrömische Lyrik. 14. 1. 67. 

Salzer K., Über die Schicksale Heidelbergs im Jahre 1688— 89. 3. VI. 78. — Hei- 
delberg im Jahr 1693. 13. 1. 79. — Über den Brückensturm am 16. Oktober 
1799. 19. 1. 80. — Aus dem Tagebuche Otto Heinrichs. 18. I. 86. - Über 
Ottheinrichs Fahrten. 10. V. 86. — Über eine norwegische Reise. 4. III. 89. 

Samuel) A. f> Über den Stand der heutigen Gesetzgebung, die Schuldhaft betref- 
fend. 15. II. 69. 

Schaible K., Über deutsche Krieger und Kriegsabenteuer im Auslande (vom 12. 
bis 17. Jahrhundert), 18. II. 84. 

Schenkel D. f, Schleiormachers Verhalten im preuss. Agendenstreite. 13. VII. 68. 

Scherrer J., Ethnographie von Mittel- und Nordeuropa. 7. 1. 67. — Über die Ent- 
stehung und die Anfänge der Monarchie bei den Deutschen. 5. II. 72. 

Schmidt A., Über die Entwicklung und den gegenwärtigen Zustand des Gold-Berg- 
baues in Kalifornien. 31. VII. 76. - Über die verschiedenen Nationalitäten 



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— 14 — 

der Vereinigten Staaten. 12. XI. 77. — Die Eröffnung des Sutro-Stollens in 
Nevada und der Eisenbahn nach Cerro del Pasco in Peru. 5. V. 79. — Über 
die Darstellung von Eisen und Stahl mit Berücksichtigung der Entphos- 
phorungsfrage. 31. V. 80. — Über die Galmeibergwerke in Wiesloch. 8. XI. 80. 

— Über elektrische Beleuchtung. 4. XII. 82. — Unsere Kenntnisse vom Zu- 
stande des Erd-Innern. 25. VI. 83. 

Schorn 0. von. Das Grotteske und Komische in den bildenden Künsten. 29. X. 89. 

Schröder R., Über einen mittelalterlichen Territorialstreit zwischen Mecklenburg 
und Lübeck. 9. VII. 88. — Die deutsche Kolonisation des nordöstlichen 
Deutschlands im Mittelalter. 4. II. 89. — Über die Rolandssäulen. 25. XI. 89. 

— Fehde und Friedlosigkeit im germanischen Recht. 13. XI. 90. 
Schnitze Fr., Über einige Funktionen des Gehirns. 12. VII. 80. — Über die neuen 

Entdeckungen auf dem Gebiete der Ätiologie der Infektionskrankheiten. 11. 11.84. 
Stark B. f, Tantalossage. 23. II. 63. — Über die neuesten Entdeckungen auf dem 
Gebiete der attischen Topographie. 8. VI. 63. — Reisemitteilungen aus Eng- 
land, Sommer 1863. 30. XI. 63. — Über Winckcl mann und sein Jahrhundert. 
21. XII. 63. — Winckelmann in Rom. 11. 1. 64. — Über Inschriften von 
Delphi, welche sich auf Freilassung von Sklaven beziehen. 26. VI. 64. — 
l'ber die Versammlung deutscher Philologeu und Schulmänner in Hannover 
(26.— 30. September 1864). 24. X. 64. — I ber die Vasenbilder des Altertums. 
6. II. 65. — Über zwei in Karlsruhe aufgestellte Mithrasdenkmäler. 12. VI. 65. 

— Sokrates, Piaton und Aristoteles in ihren persönlichen Verhältnissen. 
27. II. 66. — Die Javanim auf der Völkcrtafel der Genesis. 4. VI. 66. — Über 
einen Eros des Praxiteles. 9. VII. 66. — Die Orestessage. 21. 1. 67. — Über 
die römischen Funde zu Ladenburg. 24. VI. 67. — Ein Bild aus der Zeit 
des untergehenden Hellenismus. 18. XI. 67. — Die Akropolis zu Athen. 3. II. 
68. — Topographie der Stadt Rom. 6. VII. 68. — Der borghesische Fechter. 
8. XII. 68. — Über die Methode archäologischer Forschung. 12. VII. 69. — 
I ber Denkmäler aus der Zeit Otto Heinrichs. 8. XI. 69. — Die Arbeit und 
ihre Geltung bei den Griechen. 14. II. 70. — Über Alexander d. Gr. in der 
bildenden Kunst. 30. V. 70. — Der Krieg in der bildenden Kunst. 14. II. 70. 

— Über das Verhältnis Dürers zu den wissenschaftlichen Bestrebungen seiner 
Zeit. 15. V. 71. — Erinnerungen an den Bosporus und Hellespont. 18. XII. 71. 

— Erinnerungen aus Kleinasien und Griechenland. 15. 1. 72. — Über das 
alte Ilion. 6. 1. 73. Über ein vergessenes Heidelberger Kind. 12. 1. 74. — 
Uber Peiresc. 30. XI. 74. — Über die Feier des dreihundertjährigen Be- 
stehens der Universität Leiden. 22. II. 75. — Aus dem Archiv eines antiken 
Kirchenstaates. 21. VI. 75 — I ber die Rundform in der antiken Kunst. 
10. 1. 76. — I ber die Ausgrabungen in Olympia. 6. XI. 76. — Über den 
Lyonneser Arzt und Archäologen Jacques Spon. 19. II 77. — Zur Erinne- 
rung an Peter Paul Rubens. 2. VII. 77. — l' ber den Grafen Caylus. 1. VI. 78. 

— Über Goethe und die bildende Kunst. 9. XII. 78. — Zur Geschichte der 
Berliner Kunstsammlungen. 16. VI. 79 und 30. VI. 79. 

Steiner H., Entstehung des Alphabets. 4. II. 67, 

Strathmann G. f, Erinnerungen aus der badischen Revolution 1849. 28. X. 67. — 
Ein Kriminalfall aus dem Jahre 1825. 11. V. 68. — Über einen Kriminalfall 
seiner eigenen Erfahrung. 2. XI. 68. — Erinnerungen aus dem Jahre 1848. 
17. 1. 70. — In vino veritas. 31. X. 70. — Über Münster und die Münstc- 
raner. 23. I. 71. 

Strauch H., Über die Bedeutung des Krieges im internationalen Uechtsleben. 
14. XI. 88. 



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Süpfle Th., Schillers Räuber in Frankreich. 12. III. 88. — Über die Beziehungen 
zwischen Frankreich und der Universität Heidelberg. 7. 1. 89. 

Sybel A. Ton, Erinnerungen von der Occupation und Annexion Elsass- Lothringens. 
1. II. 86 und 1. III. 86. — Das Invaliden- und Altersversorgungs-Gesetz. 
8. VII. 89. 

Thorbecke A., Uber Beaumarchais. 27. II. 71. — Reise-Eindrücke aus Griechen- 
land. 27. V. 72 und 8. VII. 72. — Über eine Sekte im Schwarzwalde: die 
Salpeterer. 19. VI. 76. — Über Gervinus. 10. VI. 78. — Über den Vater des 
Grafen Mirabeau. 3. III. 79. — Über Karl von Dalberg. 3. XI. 79. — Über 
die Schlachten bei Prag und bei Wimpffen. 5. 1. 80. — Über eine Anzahl 
ausgestellter illustrierter Flugblätter, die sich auf den Winterkönig Fried- 
rich V. beziehen. 12. 1. 80. — Über Wrede. 29. XI. 80. 

Thorbecke H. f, Über moabitische Inschriften. 11. 1. 75. 

Tranmanu E., Sudermanns „Ehre" im Lichte unseres klassischen Dramas. 3. XII. 90. 
Treitschke H. von, Über die preussischen Verfassungskampfe 1815—1823. 29. 1. 72. 

— Über die Anfänge des deutschen Zollvereins. 24. VI. 72. — Über das 
Zweikammersystem. 24. II. 73. — Über den Wiener Kongress. 9. II. 74. 

Uexküll A. von, Über Sibirien. 12. XII. 64. — Die neueste Geschichte von Central- 
und Ostasien. 30. 1. 65. — Deutsche und Deutschtum in den Ostseeprovinzen. 
20. III 65. — Über die Russifizierung der russischen Ostseeprovinzen. 4. XL 72. 

Uhlig G., Aus dem modernen Griechenland. 15. XII. 73. — Über religiöse Reform 
und Revolution in Altgriechenland. 22. I. 77. 

Vetter J., Die Einführung und Ausbreitung des Christentums im Abendlande und 
die Benützung der daraus gewonnenen Resultate bei Aufsuchung römischer 
und keltischer Ansiedlungen. 24. V. 69. 

Vulpiug G., Über die Alchenlisten. 9. XI. 74. 

Walt« 0., Über den Reichstag zu Worms 1521. 29. VII. 67. 

Walz E., Über die Krankenversicherung der Arbeiter. 3. XII. 88. 

Wagner A., Geschichte der Heiliggeistkirche im Zusammenhang mit der kirch- 
lichen Entwic klung der Pfalz. 21. VI. 86. — Über Vorschläge zur Umgestal- 
tung der Reichsjustizgesetze. IL VI. 88. 

Wattenbach W., Benedictus de Pileo. 16. IL 63. — Über die wunderlichen Hei- 
ligen des Mittelalters. 20. IV. 63. — Uber die Schwierigkeit, archivalische 
Schätze zu heben, zumal in Österreich. 18. V. 63. — Über die Geschichte 
der Universität Breslau. 29. VI. 63. — Über die Schottenmönche. 22. II. 64. 

— Französische Reise-Eindrücke. 25. IV. 64. — Über schlesische Nonnen- 
klöster, insbesondere die Geschichte des Klosters Czarnowanz. 11. VII. 64. — 
Über die Monumenta Germaniae und Geh. Rat Pcrtz. 14. XL 64. — Über 
Petrus de Vinea. 22. V. 65. — Reiseskizzen aus Algier. 6. V. 66. — Peter 
Luder und die erste Einführung des Humanismus in Heidelberg. 28. V. 66. 

— Über Sesostris. 4. III. 67. — Über Wacker von Wackenfels. 17. II. 68. — 
Reisemitteilungen aus Spanien I. 18. V. 68 II. 25. V. 68. — Über Leipziger 
Universitätsleben im 15. Jahrhundert. 30. XI. 68. — Das germanische Museum 
in Nürnberg. 3. V. 69. — Über die Sachsen in Siebenbürgen. 25. X. 69. — 
Gustav Bergeuroth. 3. I. 70. — Über das Schriftwesen im Mittelalter. 21. XI. 
70. — Über die Ehrenrettung des Ligurinus. 3. VII. 71. — Über Martin 
Opitz 12. IL 72. — Beitrag zur Geschichte des Humanismus. 28. X. 72. — 
Über die Anfänge des Humanismus in Deutschland. 20. I. 73. — Über Brief- 
sammlungen aus dem Mittelalter. 15. VII. 73. 

Weber H., Über den Erdmagnetismus. 10. II. 68. — Reisemitteilungen aus Ober- 
italien. 16. XL 68. 



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- 16 - 

Welcker K. Th. f, Über Souveränetat. 19. II. 66. 

Wille J., Zur Geschichte der Reichsstadt Wimpfen. 23. VI. 90. 

Windisch 0., Über irische Sprache und Sage. 7. VII. 73. — Über das indische 

Altertum. 26 I. 74. — Über die Aufgaben der vergleichenden Syntax. 15. II. 

75. — Die Entzifferung der etruskischen Sprachdenkmäler. 7. VI. 75. — Über 

das Leben der Sprache. 26. VII. 75. 
Winkeltnann E., Über die bürgerlichen Vergnügungen des Mittelalters. 14. XII. 74. 

Reiseplaudereien über Sicilien. 14. I. 78. — Über die Kulturzustände der 

Ostseeprovinzen in der Mitte des 1(1. Jahrhunderts. 2. II. 80. — Die äusseren 

Verhältnisse der Universität Heidelberg in den letzten Jahren der pfalzbai- 

rischen Herrschaft. 7. XI. 81. 
Woermann K., Über erhaltene griechische und römische Landschafts - Bilder. 

2. XII. 72. 

Wunderlich H., Die Erfindung des Buchdrucks als Ausgangspunkt orthographischer 
Bestrebungen. 9. XII. 89. 

Wandt W., Psychologische Entwicklung der Religionsvorstellungen insbesondere 
bei den Naturvölkern. 2. III. 63. — Über physikalische Axiome. 18. XII. 65. 
— Über den Verlauf der Vorstellungen. 13. VII. 74. 

Zangenieister K., Die Entstehung der römischen Zahlenzeichen. 30. 1. 88. — Über 
die Manesse-Handschrift. 25. VI. 88. 

Zeller E., Über historische Kritik. 13. VII. 63. — Über den Übergang der grie- 
chischen Philosophie zu den Römern. 20. VI. 64. — Über die Sage von der 
Wiederkunft Neros. 6. III. 65. — Über eine Arbeitseinstellung im alten Rom. 

3. VII. 65. — Neuplatonische Wundererzählungen. 2. XII. 67. — Neuere Auf- 
fassungen der Sophistik. 1. HI. 69. — Der naturrechtliche Charakter der 
Stiftungen. 13. XII. 69. — Wie hat sich der Glaube an Götter oder an eine 
Gottheit in dem menschlichen Geschlechte zuerst gebildet? 23. V. 70. — Über 
die Formen zusammengesetzter Staatswesen. 6. III. 71. — Über die Bedeutung 
der Nationalität für das Staatsleben. 7. VI. 72. 

Zittel E., Beschreibung der dalmatischen Küste. 30. III. 63. 

Zöller M., Über die „civitas sine suffragio" im Zusammenhang mit den Municipien. 

4. VII. 64. - Über die Ärarier. 5. II. 66. 

Ausser den vorstehend angeführten Vorträgen fanden zahlreiche Besprechungen 
neuerer litterarischer Erscheinungen statt. 

Publizistisch ist der Verein bis jetzt zweimal und zwar mit Festschriften 
aufgetreten: das erste Mal im Jahre 1865 zur Begrüssung der 24. Versammlung 
deutscher Philologen und Schulmänner und sodann 1886 im Jubeljahre der Ruperto- 
Carola. Beide (im Verlag von W. Engelmann in Leipzig erschienenen) Hefte enthalten 
wertvolle Beiträge von: G. M. Asher, H. Doergens, K. Hartfelder, H. Holtzmann, 
W. Ihne, L. Kayser, A. von Kirchenheim, C. Lcmcke, W. Oncken, A. Riese, J. Scherrer, 
W. Wattenbach, G. Weber, W. Wundt und E. Zeller. 



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Albreelit Dürer als Schriftsteller. 

Vortrug gehalten im Historisch-philosophischen Verein zu HcMelherg 

am 12. Februar 1888 

von 

Moritz Cantor. 



Wer kennt nicht Albrecht Dürer als einen der hervorragendsten 
Künstler, den Deutschland hervorgebracht hat? Dieser Frage könnten 
wir fast die Gegenfrage an die Seite stellen : wer kennt Albrecht Dürer 
als einen der hervorragendsten Schriftsteller ans dem ersten Dritteil dos 
sechzehnten Jahrhunderts? Diese letztere Kenntnis, wenigstens unter 
den Mitgliedern unseres Vereins, zu verallgemeinern ist der Zweck dieses 
Vortrags. Eine kurze Lebensskizze des so vielseitig bedeutenden Mannes 
mag als Einleitung dienen. 

Albrecht Dürer der jüngere, wie er im Gegensatze zu seinem Vater, 
dem älteren Albrecht Dürer genannt werden könnte, ist ein echter Nürn- 
berger gewesen. In Nürnberg ist er am 21. Mai 1471 geboren, in Nürn- 
berg am 6. April 1528 gestorben, in Nürnberg hat er gelebt, geschaffen, 
in Nürnberg am 7. Juli 1495 ein Weib genommen, mit welchem er 
glücklich gelebt zu haben scheint, wenn auch aus einem, zwei Jahre 
nach Dürers Tode geschriebenen Briefe Pirkheimcrs, seines engsten 
Freundes, die entgegengesetzte Folgerung hat gezogen werden wollen. 
Albrecht Dürer, der Vater, war ein aus Ungarn eingewanderter Gold- 
schmied und hätte es am liebsten gesehen, wenn der Sohn sein Gewerbe 
fortgesetzt hätte. Aber eben dieser Sohn hatte eine unbezwingliche 
Neigung zur Malerei, und es gelang ihm, den Vater dazu zu vermögen, 
dass er ihm gestattete, dieser Neigung zu folgen. Eine in Wien be- 
findliche Silberstittzeichnung von 1484 ----- Selbstporträt des 13-jährigen 
Knaben — wird nicht selten als diejenige Probe der Leistungsfähigkeit 
bezeichnet, der gegenüber der Vater seinen Widerstand aufgab. 

Die Erziehung des jungen Dürer war die eines GoMsehmiedsohnes 
im damaligen Nürnberg. Allerdings ragte diese Reichsstadt gerade um 

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das Jahr 1500 herum weit hervor unter den deutschon Städten. Die 
grosse Kaufmannsstrasse aus Venedig führte über Augsburg und Nürn- 
berg weiter nacli Westen und Norden. Handel und Reichtum hatten 
der Kunst und der Wissensehaft dort eine bleibende Stätte zubereitet. 
Wer heute noch eine Wanderung durch die älteren Teile der Stadt 
macht, den grüssen in den von neuen Architekten verschont gebliebenen 
Strassen aus Häusern und Kirchen, aus Brunnen und Heiligenbildern 
die Werke der Kunst eben jener Zeit, und Adam Knifft. Peter Vischel". 
Veit Stoss, vor allem aber Albrecht Dürer sind Namen, die keinem 
Nürnberger fremd klingen, welchen Alters er sei, welchem Stande er 
angehöre. Fine Lateinschule war schon in Dürers .Jugend vorhanden, 
und Söhne von Handwerkern besuchten sie. Wir wissen solches z. B. von 
einem 23 Jahre nach Dürer in Nürnberg geborenen Schneiderssohne, von 
Hans Sachs, dem Schuhmacher und Poet dazu. Ob Albrecht Dürer dieser 
Schule angehörte, ist fraglich, und, wenn er hineinging, ist er jedenfalls 
nicht lange darin verblieben, denn wir wissen von ihm selbst, dass sein 
Vater ihn aus der Schule nahm, sobald er lesen und schreiben konnte. 

Albrecht Dürer war IM Jahre alt, als er 1400, vorgebildet durch 
dreijährige Lehrzeit bei dem damals hervorragendsten Nürnberger Maler, 
Michel Wolgcmut, auf die Wanderschaft sich begab, die ihn vier Jahre 
lang die Kreuz und Quer an den Oberrhein, nach Tirol, vielleicht nach 
Venedig führte. Zurückgekehrt verehelichte er sich bald, wie schon 
oben erwähnt worden ist. Aber noch zu zwei grösseren Reisen griff 
Dürer nach dem Wanderstab. In den Jahren 1505 — 1507 war er in Ge- 
schäften in Venedig. Die Frau bezog unterdessen mit Kupferstichen 
und Holzschnitten die Frankfurter Messe. In den Jahren 1520 und 
1521 sodann machte Dürer eine Geschäftsreise nach den Niederlanden 
in Regleitung seiner Frau und einer Magd. In Venedig hatte es sich um 
den staatlichen Schutz seines Monogramme* gehandelt, um Schutz gegen 
Nachdruck seiner schon allgemein beliebten und gern gekauften Holz- 
schnitte. Die niederländische Reise bezweckte die Bestätigung eines Dürer 
von Kaiser Maximilian auf die Nürnberger Stadtstcuer angewiesenenen Ge- 
haltes von hundert Gulden jährlich durch Kaiser Karl V. Beide Reisen er- 
füllten ihren geschäftlichen Zweck, waren aber auch in künstlerischer 
Richtung fruchtbar. Von Venedig aus machte Dürer einen Abstecher nach 
Bologna, um dort l'nterricht in der Perspektive zu nehmen. In den Nieder- 
landen studierte er die dort heimischen Kunstschulen und kaum weniger die 
in öffentlichen Aufzügen und bei Volksfesten zu Tage tretenden eigen- 
tümlichen Trachten. Fr war zugegen bei dem Finzuge Karls V. in 



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Antwerpen. Die Frage, ob er bei dieser Gelegenheit Makart'sche Ko- 
stümstudien machte, hat Dürer selbst beantwortet. Er erzählte Melanch- 
thon von den mythologischen Gruppen, dargestellt durch die schönsten, 
kaum bekleideten Mädchen. Der Kaiser habe sie kaum eines Blickes 
gewürdigt, aber, fuhr er fort: ich, weil ich ein Maler bin, habe mich 
ein wenig unverschämter umgeschaut. 

Wie auf seinen Reisen war auch in der Heimat Dürers Streben stets 
auf seine weitere Vervollkommnung gerichtet. Und diese Behauptung 
rechtfertigt sich nicht allein in Beziehung auf künstlerische Thätigkeit, 
bei welcher ihm ein unermüdliches Experimentieren nachgerühmt wird, 
das ihm an einem Tage den Pinsel, am anderen die Radiernadel zur 
Hand nehmen, bald Holzschnitte ausführen, bald Metallgussmodelle zu- 
bereiten Hess: auch in den Wissenschaften war er der gelehrige Schüler 
der Männer, mit welchen ein freundschaftlicher Verkehr ihn zusammen- 
führte, und holte reichlich ein, was in der Kindheit versäumt worden 
war. Vor Allen förderten ihn die Gäste des Hauses Pirkheimer. 

Willibald Pirkheimer. dessen Lebenszeit zwischen den Jahren 1470 
und 1530 eingeschlossen fast vollständig mit der Dürers sich deckt, ist, 
wenn auch in Eichstätt geboren, zu den nürnberger Patriziern zu zählen. 
Dort verbrachte er sein ganzes Mannesalter: der Stadt Nürnberg lieh 
er in diplomatischen Angelegenheiten seine zum Teil mehr erfolgreichen 
als richtig anerkannten Dienste; in ihr lebte er später in gelehrter 
Zurückgezogenheit von städtischen Geschäften sich selbst und seinen 
allseitigen wissenschaftlichen Neigungen. Wer von Männern irgend her- 
vorragender Bedeutung kürzere oder längere Zeit in Nürnberg sich auf- 
hielt, verkehrte im Pirkheimerschen Hause. Wir nennen den Huma- 
nisten und Dichter Konrad Oeltis, den vielseitig gebildeten Philologen 
Joachim Camcrarius, den Leiter der kirchlichen Reformbewegung in 
Nürnberg Andreas Osiander, welcher dem Astronomen nicht minder be- 
kannt ist durch seinen Anteil an der ersten Drucklegung des kopperni- 
kanischen Werkes von den Umdrehungen der Gestirne und insbesondere 
durch die unglückselige Vorrede, die er jenem Werke hinzufügte. Wir 
nennen den Astronomen Johannes Werner, den Herausgeber von dessen 
Schriften Johannes Schöner, den Herausgeber des Archimed Thomas 
Venatorius. Sic alle lernte Albrecht Dürer in den zwanziger Jahren 
des sechszehnten Jahrhunderts, also nach der niederländischen Reise, 
kennen und erfreute sich gemeinschaftlich mit ihnen der reichen Pirk- 
heimer'schen Bibliothek, der anregenden in dem gastlichen Hause ge- 
führten Gespräche, welche, wie wiederholt von den verschiedensten Schrift- 



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— 20 - 



stellein ausgesprochen worden ist, für Nürnberg eine Akademie dar- 
stellen, dergleichen nur in Italien noch früher bestanden, wie man 
denn auch die Gemeinschaft des Lionardo da Vinci mit seinen Schülern 
in Mailand eine Akademie nennen kann. 

Wir haben nicht ohne Absicht hier den Namen eines grossen ita- 
lienischen Künstlers genannt, mit welchem Dürer in mehr als nur einer 
Beziehung verglichen werden mag. Nicht auf die bahnbrechende Be- 
deutung allein möchten wir hinweisen, welche Lionardo da Vinci für 
die italienische, AI brecht Dürer für die deutsche Malerei besass, nicht 
auf die Luft Perspektive, welche Jener erkannte, während Dieser das 
Verdienst beanspruchen darf, in seinem Adam und Kva die ersten, im 
richtigen Verhältnisse der einzelnen Gliedmassen gezeichneten mensch- 
lichen Gestalten seinem Vaterlande gezeigt zu haben. Wir denken bei 
unserem Vergleiche vorzugsweise an dio schriftstellerischen Leistungen 
der beiden Künstler, durch welche sie sich einen ehrenvollen Platz in 
der Geschichte der Wissenschaften, insbesondere in der Geschichte der 
Mathematik gesichert haben. 

Wir sind damit bei unserem eigentlichen Gegenstande angelangt. 
Drei Werke Albrecht Dürers sind zu nennen, welche rasch nach einander 
erschienen: die Undenreijtmuj der Metmny mit dem Zirchel und Richt- 
xrheift von 1525. Et Hehr, underrieht zu hefextif/uny der Stett, Srhfoss und 
Flecken von 1527 und Vier Bücher rou menschlicher Projxniion von 
1528, das letztgenannte erst nach dem Tode des Verfassers ausgegeben, 
alle drei wiederholt übersetzt und abgedruckt. 

Die ('ndrruej/suny der Messun;/ mit dem Zirchel und Richtscheift 
ist Pirkheimer zugeeignet. In der Widmung meint Dürer, es gebe recht 
viele im l'hrigen ganz geschickte Maler in Deutschland, welche Man- 
cherlei ganz falsch zeichnen, auch ihre Schüler es so machen lehrten, 
als wenn sie Wohlgefallen an ihrem Irrtume hätten, während doch die 
alleinige Ursache die sei, dass sie die Kunst der Messung nicht gelernt 
hätten, ohne die kein rechter Werkmann werden oder sein könne. Dem 
Zwecke, welcher Dürer darnach vorschwebte, den Maler in den Stand 
zu setzen, gewisse Konstruktionen nicht aus freier Hand ohne Gewähr 
der Kichtigkeit, sondern nach geometrischen, wenn auch unbewiesenen 
Vorschriften auszuführen, sind im Ganzen 80 Seiten eines kleinen Folio- 
formates gewidmet, deren Inhalt nach vier Büchern sich gliedert. Dürers 
Sprache vermeidet die Fremdwörter und gibt höchst wahrscheinlich selbst- 
gebildete Ausdrücke für geometrische Begriffe, wenn er z. B. die Kreis- 
fläche eyn runde Ehene, das Quadrat f/efierfc Ebene, wenn er die Kugel, 



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die C) lindcrttäche eijn kuylete Ebene und eijn buyne Ebene nennt. Der 
Punkt ist ihm eijn tupft', Parallelen ilie ttltreg (/(eich weit von einander 
tauften oder auch eijn Imrtini. Man sieht daraus, wie sein Bestreben 
das der Deutlichkeit war, und wie er das Buch grade für junge Künstler- 
kreise verfassto. welche fremder Sprachen nicht mächtig zu sein pflegten. 
Für sie giebt er gleich im T. Buche Vorschriften zur Zeichnung man- 
cherlei krummer Linien. Allerdings sind diese Vorschriften wie die 
krummen Linien seihst sehr verschiedener Natur. Die Ellipse — Dürer 
nennt sie Eierlinie — entsteht vollständig richtig nach seiner Vorschrift. 
Spiralen dagegen und dergleichen sind aus aneiuanderstossenden Kreis- 
bögen gefertigt, so dass die Zeichnung eine leichte, deren Richtigkeit 
dagegen nur eine sehr bedingte ist. Daneben hat Dürer wieder Kreis- 
bewegungen in höchst verwickelter Weise zusammengesetzt, um Kurven 
entstehen zu lassen. Bei seiner Spinnenlinie rollt ein Kreis auf dem 
Umfange eines anderen, mit anderen Worten Dürer zeichnet eine Epi- 
cycloide, eine Gattung krummer Linien, welche, wie allerdings erst um 
1050 durch Desargues in Lyon bemerkt wurde, die zweckmässigste Ge- 
stalt für die ineinander greifenden Zähne von Maschinenrädern liefert. 
Mit annähernder Richtigkeit begnügen sich wieder gewisse Zeichnungen, 
welche im 11. Buche gelehrt sind. Teilt man z. B. die Diagonale eines 
Quadrates in zehn gleiche Teile, so bilden acht dieser Teile den Durch- 
messer des dem Quadrate flächengleichen Kreises. Beschreibt man in 
einen Kreis ein regelmässiges Sehnendreieck, so ist die Hälfte der Drei- 
eckseite die Seite des demselben Kreise eingeschriebenen regelmässigen 
Siebenecks. Ein regelmässiges Fünfeck wird mit Hilfe eines Lineals und 
eines Zirkels von unveränderter Öffnung hergestellt. Grade diese drei 
ebengenannten Vorschriften sind von so hervorragender geschichtlicher 
Bedeutung, dass wir bei denselben etwas verweilen müssen. 

Zunächst kann man nicht stark genug betoneu. dass Dürer das 
Bcwusstsein hatte, die Zeichnungen seien nur mechunice richtig. Wer 
es will genauer haben, der such' es (fcmonstrathe, fährt er fort. Aber 
woher kam ihm dies Bcwusstsein, woher die Methoden selbst? Hat er 
sie etwa erfunden oder sind sie ihm anderwärts bekannt geworden ? Und 
wenn Letzteres sich nachweisen Hesse, sind sie ihm dann als genaue 
Methoden zur Kennntnis gekommen, deren Mangelhaftigkeit er erst auf- 
deckte';' Es ist ersichtlich, um wie viel höher Dürer als Mathematiker 
dastünde, wenn gerade das Letztere Beglaubigung fände, und in der 
That scheint es sich so zu verhalten. 

Unzweifelhaft ist Dürer nicht der Erfinder jener Kreiszeichnung, 



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niclil der der Konstruktionen des Siebenecks und Fünfecks. Eine Um- 
setzung der Kreiszeiclinung in Zahlen lehrt sofort, dass bei ilir die ge- 
wöhnlich durch den griechischen Buchstaben - bezeichnete Verhältnis- 
zahl des Kreisumfangs zum Durchmesser den Wert 3'/ 8 besitzt. Vitru- 
vius beschreibt einen Wegmesser (Hodometer), dessen Rad bei 4 Fuss 
Durchmesser 12 '; 2 Umfang habe, und das entspricht genau dem gleichen 
Werte für - Die Dürer'sche Konstruktion aber ist in den indischen 
jedenfalls sehr viel älteren (^ulvasütras beschrieben. Die Siebenecks- 
Zeichnung hat sich bei Abu '1 Wafä (einem Araber aus dem Ende des 
zehnten Jahrhunderts) nachweisen lassen, ebenso bei Jordanus Nemo- 
rarius (einem deutschen Mathematiker des dreizehnten Jahrhunderts), 
der sie als aus Indien herstammend bezeichnet, ebenso bei Lionardo da 
Vinci. Ob auch an das nach arabischen Quellen einst vorhandene archi- 
medische Buch über das Siebeneck im Kreise gedacht werden darf? 
Schon die Frage ist so kühn, dass wir mit einer Beantwortung zurück- 
halten. Die Füufcckszeichnung endlich findet sich und zwar mit der 
Siebeneckszeichnung vereinigt, in einem Schrittchen von wenigen Blät- 
tern „Geometria deutsch'' betitelt, welches vor dem Jahre 1Ö0O ge- 
druckt zu sein scheint. Ein Exemplar dieses Schriftchens hat sich noch 
heutigen Tages in einem Sammelbande der nürnberger Stadtbibliothek 
erhalten. Es könnte sehr gut Albrecht Dürer vorgelegen haben, wenn 
nicht andere Gründe hinderten an diese Quelle zu glauben. Die Geo- 
metria deutsch enthält nämlich auch eine sehr hübsche genau richtige 
Vorschrift zur Achteckszeichnung, welche bei Dürer fehlt und doch kaum 
von ihm übergangen worden wäre, wenn er sie gesehen hätte. Eine 
auch nur annähernde Sicherheit darüber, woher Dürer jene Vorschriften 
entnahm, liegt also nicht vor. Nur das können wir die Fünfeckszeich- 
nung betreffend noch bemerken, dass Zeichnungen mit unveränderter 
Zirkelöffnung bei Griechen und Arabern, unter Letzteren bei dem vor- 
hin genannten Abu '1 Wafä, vorkamen, dass Lionardo da Vinci sich da- 
mit beschäftigte, dass sie im sechszehnten Jahrhundertc eine mathe- 
matische Lieblingsspielerei italienischer Gelehrten bildete. Nur das gilt 
für alle drei, dass sie von Dürer gelehrt wurden, und dass bei ihnen 
daher wie bei allen nicht richtigen Behauptungen der Schluss unanfecht- 
bar bleibt, sie seien unmöglich mehrfach selbständig erfunden, sondern 
übertragen worden. Was nun die andere oben aufgeworfene Frage an- 
geht, so ist wenigstens bei keinem der uns bekannt gewordenen Vor- 
gänger Dürers in so bestimmter Weise und so ausdrücklich wie bei 
ihm auf das Vorhandensein genauerer demonstrativer Methoden hinge- 



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wiesen. Dürer scheint also in der That liier bahnbrechend vorgegangen 
zu sein, scheint jene Konstruktionen zuerst als das erkannt zu haben, 
was sie wirklich sind: Annäherungsverfahren mit für die künstlerische 
Anwendung ausreichender Genauigkeit. 

Über das III. Buch, welches aus der Ebene in den Kaum führt, 
sei nur bemerkt, dass im Gegensatze zu diesem seinem Hauptinhalte 
auch gelehrt wird, die Buchstaben des Alphabets mit Hülfe von Lineal 
und Zirkel geschmackvoll zu konstruieren. Dürer folgte darin einem italie- 
nischen Vorganger, Luca Paciuolo, der die gleiche Aufgabe in seiner Divina 
proportione behandelt hat. Höchst merkwürdig ist, dass abermals die 
gleiche Aufgabe für arabische Buchstaben schon im zehnten Jahrhun- 
derte gestellt und gelost worden ist. wovon noch nachher die Bede sein 
muss. Endlich aus dem IV. Buche sind zwei Dinge hervorzuheben. 
Schon vor Dürer hatte man wiederholt .Modelle regelmässiger und halb- 
regelmässiger Vielthiehner hergestellt. Dürer war aber der Erste, von 
dem wir wissen, dass er ancinanderhängende Zeichnungen von den Grenz- 
flächen jener Körper, Netze derselben, veröffentlichte. Das ist das Eine. 
Zweitens aber schliesst das Buch mit Anleitungen zum perspektivischen 
Zeichnen, und bei ihnen müssen wir etwas verweilen. 

Es war davon die Bede, dass Dürer bei seiner italienischen Beise 
(genau gesagt zu Ende des Jahres 1506) in Bologna Unterricht in der 
Perspektive nahm. Wer war damals sein Lehrer? Thausing, Dürers 
Biograph, hält dafür, es könne wohl Luca Paciuolo, der bereits genannte 
italienische Mathematiker, der Freund desLionardo da Vinci, welcher nicht 
verschmäht hatte, zu einem von dessen Werken die Figuren zu zeichnen, 
gewesen sein, und Dürer könne zu ihm vielleicht schon auf seinen Lehr- 
wanderungen um 149:5 in Venedig in persönliche Beziehungen getreten 
sein. Die letztere Annahme ist keineswegs unmöglich. Paciuolo hat 
nachweislich in den Jahren UiW und I4!>4 in Venedig gelebt und ge- 
lehrt. In Bologna war er 1501 und 1502. Im Jahre 150(> dagegen 
war er nicht in Bologna, sondern in Florenz, und dieses entzieht der 
hauptsächlichen Vermutung Thausings jeden Boden. Überdies ist man 
keineswegs berechtigt, die wissenschaftliche Perspektive als ausschliess- 
liches Eigentum Paciuolos zu betrachten, wenn dieser ihrer auch kundig 
war. Jenes Gebiet war in Italien seit dem Ende des fünfzehnten Jahrhun- 
derts ein vielfach angebautes. Schon 1485 druckte man in Florenz ..Leone 
Battista Albcrti's Architeetura'\ über welche Lorenzo Ghiborti in seiner 
Chronik von Florenz schon vor der Drucklegung sich folgendermassen 
aussprach: „Albcrti's unvergleichliches Buch über die Baukunst trägt 



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nicht wenig zum Glänze unseres Jahrhunderts bei, da es in mehreren 
Abschriften in den Händen der Bauverständigen .sich befindet. Möchte 
es bald auf die neue in Deutschland erfundene Weise vervielfältigt 
werden , damit von Florenz aus sich auch das Licht über andere Staaten 
verbreite. Eine Erfindung, die Alberti machte, ist wahrlich der Buch- 
druckerkunst an Nützlichkeit gleich zu achten. Er verfertigte nämlich 
ein Instrument, wodurch es möglich ist, allerlei Zeichnungen auf belie- 
bige Weise zu vergrössern und zu verkleinern, zugleich mit einer Vor- 
richtung, um jede Zeichnung so zu verändern, wie es die Perspektive 
erfordert.' 1 Alberti hat übrigens ausser seiner Architectura noch einige 
kleinere Schriften verfasst, welche in deutscher Übersetzung durch Dr. 
Hubert Janitschek allgemeiner zugänglich gemacht worden sind. In 
einer dieser kleineren Schriften, in dem am 7. September 14:55 vollen- 
deten Buche über Malerei hat Alberti folgendermassen seinen Schleier 
— v c 1 o — beschrieben : „Man nimmt einen ganz feinen, dünn gewebten 
Schleier von beliebiger Farbe, welcher durch stärkere Fäden in eine 
beliebige Auzahl von Parallelogrammen geteilt ist; diesen Schleier 
bringe ich nun zwischen das Auge und dio gesehene Sache, so dass die 
Sehpyramide in Folge der Dünnheit des Gewebes hindurchzudringen 
vermag. Sicherlich gewährt Dir dieser Schleier nicht geringe Vorteile." 
Es kann nicht zweifelhaft erscheinen, dass dieser Schleier dio von Ghiberti 
gemeinte Vorrichtung ist, weil sie unter Annahme eines gleichfalls pa- 
rallelogrammatisehcn Netzes auf der Malerleinwand, je nachdem dessen 
Maschen grösser oder kleiner als die des Schleiers sind, sowohl Ver- 
grösserung als Verkleinerung des abzubildenden Gegenstandes zulässt. 
Von diesem Schleierverfahren vermutlich abhängig, aber nicht unmittel- 
bar damit übereinstimmend, sind die Anleitungen, welche Dürer uns 
übermittelt hat. Er empfiehlt einen Kähmen mit einer nach aussen 
sich öffnenden, inwendig papierüberzogenen Thüre anzufertigen. An den 
vier Seiten des Kähmens und mit denselben gleichlaufend, befinden sich 
Stäbchen, längs deren ein oben und unten befestigter Vertikal faden und 
ein rechts und links befestigter Horizontal faden verschiebbar sind. Der 
Zeichner sitzt hinter dem Kähmen, und hinter dem Zeichner ist an 
einem Wandhaken ein langer Faden befestigt. Bei geöffneter Apparat- 
thüre wird jener Faden bis zu einem abzubildenden Punkte gespannt und 
der Ort, wo der Faden durch den Kähmen geht, durch Kreuzung der 
beiden verschiebbaren Fäden bemerkt. Nun wird der lange Faden wieder 
zurückgezogen, der Apparat geschlossen und ein Punkt auf das Thür- 
innere bei der eben bewerkstelligten Fadenkreuzung gemalt. Beliebig viele 



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Punkte des abzubildenden Gegenstandes können so nach einander erhalten 
weiden und geben jedenfalls ein richtiges Bild, dessen Augenpunkt der 
Wandhaken ist, von welchem der lauge Faden ausgeht. Ein /.weiter 
Vorschlag Dürers, der ebenso wie auch der erste an eiuer Abbildung 
verdeutlicht ist, benutzt statt des Kähmens eine Glastafel, auf welcher 
mit einem Stifte die gesehenen Umrisse des abzubildenden Gegenstandes 
festgehalten werden. 

Wir gehen nun zu dem zweiten Werke über, mit welchem Dürer 
1527 als Schriftsteller auftrat, zu dem Vmkrrkht zu befeat'ujniHj. Ks 
mag von heutigem Standpunkte, wo Arbeitsteilung der Gelehrten die Regel 
bildet, in ihren Wirkungen dem ehemaligen Zunftzwang der Handwerker 
vergleichbar, in Wunder setzon. dass in der Höhezeit der Zünfte und an 
einem Mittelpunkte des Zunftwesens ein Maler nicht nur überhaupt als 
Kriegsingeniour auftrat, sondern sogar mit einer Schrift, die bahnbrechend 
gewirkt hat. Die Verwunderung nimmt aber ab, wenn man der Zu- 
stände städtischer und persönlicher Unsicherheit gedenkt, welche damals 
Jeden wehrhaft machten, weil er es eben sein musste. Wissen wir doch 
von einem anderen Künstler, der in dem gleichen Jahre 1527, in welchem 
Dürers Werk die Presse verliess, auf artilleristischem Gebiete sich Lor- 
beeren pflückte; wir meinen Benvenuto Cellini, dessen Thätigkeit bei 
der Verteidigung der Engelsburg in Horn aus seinen von Göthe ver- 
deutschten Denkwürdigkeiten allgemein bekannt ist. Grade in der Be- 
festigungskunde war aber damals ein Bruch mit dem Alten unabweis- 
bar geworden. So lange Feuerwaffen noch nicht in Übung waren, 
galt es für den Verteidiger eines befestigten Ortes nur zweierlei zu ver- 
hüten : das Ersteigen der Mauern, das Zertrümmern derselben durch 
Mauerbrecher. Dem Einen wehrte man durch die grösstthunliche Höhe 
der Mauern, dem Andern durch breite Gräben, durch Abrunden der 
Mauerecken, durch Scharten in denselben, mittelst deren man den Gra- 
ben beherrschen konnte, durch Türme, welche gleichfalls dem letztge- 
nannten Zwecke dienten. Seit der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts 
traten im Festungskriege Feuerwaffen in Anwendung, zuerst nur zum 
Angriffe, im fünfzehnten Jahrhunderte auch zur Verteidigung. Von da 
an konnten die bisherigen Sicherungsmittel nicht beibehalten werden. 
Je höher insbesondere die Mauer war, um so leichter wurde sie zu- 
sammengeschossen, um so rascher füllten ihre Trümmer den Festungs- 
graben aus; man sah sich daher veranlasst, sie zu erniedrigen. Auf 
der gewohnheitsmässigen Breite der Mauer hatten schwere Geschütze 
keinen Aufstellungsraum, man musste desshalb für Vergrösserung dieser 



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Abmessung sorgen. Audi der Minenkrieg entstand infolge der kriege- 
rischen Verwendung der Sprengkraft des Schiesspulvers, und es zeigte 
sich notwendig, hiergegen sich zu schützen. Ks ist für einen Laien 
ausserordentlich schwer, sich in die Litteratur der Befestigungskunst 
hineinzulesen, selbst wenn man einen Führer besitzt gleich dem Artil- 
lerieoffizier G. von Inihof, welcher 1871 in. wie er glaubte, allverständ- 
licher Weise über Albrecht Dürer in seiner Bedeutung für die moderne 
Befestigungskunst geschrieben hat. Wir wollen es lieber gleich auf- 
geben genau zu erörtern, wie die von Dürer 1527 veröffentlichten Vor- 
schlüge im Einzelnen entstanden sein mögen, wie weit sie vorbereitet 
waren. Wir wollen nur das hervorheben, was nach jenem unserem Ge- 
währsmanne zur bleibenden Einrichtung wurde. 

Dürer verlangt für die Verteidigung gesicherte Unterkunft für die 
Mannschaft wie für die Vorräte jeder Art, wie auch für die Geschütze 
und einen Kauchabzug zur Entfernung der bei Bedienung der Geschütze 
verdorbenen Luft. Er ist der Erfinder der Kasematten. Dürer verlangt 
gradlinige, nach aussen convexe, an den Ecken abgerundete l'mwallungen. • 
Er ist damit der Begründer der sogenannten Polvgonaltrace. Dürer 
will die Geschützwirkung über möglich weiteste Strecken verbreitet wissen, 
und jede Strecke soll unter möglich dichtes Feuer genommen werden 
können. Dazu diente eine ganze Anzahl von Vorschriften. Wir hätten 
schon die Polvgonaltrace darunter zu erwähnen, dann aber auch die 
Anlage mehrerer Geschützaufstellungen übereinander, die sogenannte Per- 
pendikularkasematte. Jedes Geschütz muss den weitesten Spielraum in 
der Richtung haben. Darum soll die Schiessscharte von der Mündung 
des Geschütaes, als Spitze eines Kegels gedacht, nach aussen sich er- 
weitern. Diese Form der Schiessscharte gehört wieder Dürer an, wenn 
auch der Grundgedanke ein sehr alter ist. Besucher des Ausgrabungs- 
leides von Pompeji wissen zu erzählen, dass die alten Fensteröffnungen 
der dort neu zum Vorscheine gebrachten Häuser so gestaltet waren, 
damit sie möglich viel Licht cinliessen und ein fremdes Auge doch 
nicht in das Innere des Hauses dringen konnte. Die Geschütze müssen 
ferner unbehindert sein, ihre volle Wirkung nach aussen zu üben. Dess- 
halb soll auf die Entfernung einer kleinen Meile kein Gebäude vorhanden 
sein, ebensowenig Gräben und andere Deckungen. Modern ausgedrückt, 
Dürer verlangt ein Kayongesetz. 

An diese Forderung anknüpfend, möge ein weiteres Verlangen Dürers, 
bauliche Anlagen betreffend, Erwähnung finden, wenn es auch nicht 
mit der Geschützeswirkung zusammenhängt. Dürer sagt: „Der Kunig 



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sol keinen todten Körper innerhalb der groben begraben lassen, sunder 
ein kirchhotl' machen zunechst am Gepurg gegen den auH'gang, so wirdet 
der praden durch den Westwind, der durchs jar zu feychter zevt weet, 
hinweg getrieben.* Das ist bekanntlich der Grund, den man gewöhn- 
lich für die Thatsaehe anführt, dass die Städte nach Westen zu sich ent- 
wickeln, dass nämlich der Westwind nur in diesem Falle die schädlichen 
Dünste von den neuen Stadtteilen wegtreibe. Dürer hat eine Nutzan- 
wendung daraus gezogen, die vielleicht heute noch bei der Neuanlage 
von Friedhöfen Beachtung verdienen möchte. 

Wieder zu den Geschützen zurückzukehren, hat Dürer die hoch- 
räderigen Lafetten empfohlen, bei welchen der in Folge des Schusses 
entstehende Bückstoss vermindert, freiwillige Platzverändcrung dagegen 
erleichtert wird. Wenn nun die Geschütze so Avie geschildert auf- 
gestellt sind, und nach der Ferne ihre Schuldigkeit in vollem Masse 
ausüben, bleibt der Stadtgraben für ihre Wirkung ausser Betracht. 
Einmal dort angelangt ist der Feind daher übermächtig. Dieses zu 
verhüten ist die Aufgabe eigens zur Beherrschung des Grabens erbauter 
Werke. Mit in Grabentiefe aufgestellten Geschützen versehen, welche 
vorher weder in Thätigkeit waren, noch vom Feinde in directem Schusse 
eingesehen und get rollen werden konnten, treten sie in dem bezeichneten 
hochbedenklichen Augenblicke in Wirksamkeit. Dürer hat diese Streich- 
wehren oder Caponieren erfunden. Aber auch wenn sie und mit ihnen 
Graben und Festungsmauern gefallen sind, soll die Verteidigung nicht 
aufgegeben werden müssen. Hinter den ersten Werken soll der Feind 
auf andere stossen. Dürer will sonach Abschnitte, will eine innere Ver- 
teidigung. 

Das sind nach Herrn von Imholl' die grossen Gedanken der neu- 
deutschen Festung, wie sie von Albrecht Dürer zuerst ausgesprochen, 
zuerst in Zusammenhang mit einander gebracht, zuerst in Nürnberg 
ausgeführt worden sind. Von ihm stammen zwar nicht die vier mäch- 
tigen Kundtürme am Neuenthor, Spittlerthor, Franenihor und Laufer- 
thor. Diese wurden erst in den Jahren 1555— 1508 von Unger erbaut, 
Aber zwischen jenen Fektürmen des Parallologrammes der nürnberger 
Stadtmauer giebt es noch erhaltene Streichwehren, die bis auf Dürer 
zurückgehen. Auch in Heidelberg und zwar in den nach Osten zu ge- 
legenen Befestigungen des Schlosses, hat ein anerkannter kriegswissen- 
schaftlicher Schriftsteller, Generalmajor von Horn, Dürers Ideen als zu 
Grunde liegend nachgewiesen. 

Nicht überall, nicht immer unter Dürers Namen kamen seine 



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Gedanken zur Verwertung. Daniel Speckle 1599, Montalenibert 1776 sind 
die hervorragendsten Schriftsteller, welche Dürers Gedanken verbreiten 
halfen. Seit 1820 etwa hat die Dürersche Befestigungskunst in Ulm, 
in Coblenz, in Posen sich bewahrt, soweit von einer Bewahrung ge- 
sprochen werden darf, wenn Feinde in grösserer Anzahl die Festung 
nur als unfreiwillige Gäste, nie aber als Angreifer kennen lernten. 

Dürers nachgelassenes Werk von menschlicher Proportion verlangt 
noch unsere Besprechung. Man sollte es für nicht mehr als selbst- 
verständlich halten, dass seit den ältesten Zeiten, in welchen man natur- 
wahr Menschen und ihnen ähnliche Götterbilder aus der Härte des Mar- 
mors herauszubauen wusste. dieses nicht dem dunkeln künstlerischen 
Gefühle nach geschah, sondern nach bestimmten Kegeln, nach in Zahlen 
ausgedrückten Verhältnissen der einzelnen Körperteile, gleichviel wie 
die Kenntnis dieser Verhältniszahlen entstanden sein mag, ob aus der 
Erfahrung, ob aus vorgefassten Meinungen. Für dieses Selbstverständ- 
liche sind wir im Stande geschichtliche Belege beizubringen. Das älteste 
Zeugnis geben die mit Kotstift in Quadrate eingeteilten Wände des 
früher als 1400 vor Christus unfertig verlassenen Grabes des Ägypter- 
königs Seti I. Jene Einteilung konnte nur dann den Künstler unter- 
stützen, wenn er nach einem gleich abgeteilten Schema arbeitete. Dass 
auch in Griechenland Massverhältnisse bekannt und in praktischer 
Übung waren, lehren uns zwei Berichte. Lucian erzählt in seinem Her- 
motimos oder über die philosophischen Sekten, ein bildendor Künstler, 
er meine, es sei Phidias gewesen, habe die Klaue eines Löwen gesehen 
und habe es verstanden daraus zu ersehliessen, wie der ganze Löwe be- 
schälten gewesen sei, eine Erzählung, aus welcher das sprichwörtliche 
ex nwf M honem entstanden ist. Von des Phidias grossem Zeitgenossen 
und Nebenbuhler Polyklet berichtet Galenus noch bestimmter, er habe 
in einer Schrift die Lehre von allen Verhältnissen des Körpers aufge- 
stellt, er habe zugleich seine Angaben durch ein Kunstwerk bestätigt, 
indem er nach den Vorschriften seiner Lehre eine Bildsäule verfertigte, 
welcher er auch so wie der Schrift den Namen Kanon beilegte. Polyklets 
Schrift selbst ist verloren gegangen, es sei denn, dass wir die Verhältnisse 
der einzelnen Körperteile zu einander, welche Vitruvius etwa im Jahre 
14 nach Christus im dritten Buche seiner Architektur als erster erhaltener 
Schriftsteller dieser Art uns angiebt, auf Polyklet zurückführen dürfen. 
Dass Vitruvius überall von griechischer Wissenschaft heeinflusst ist, 
steht nämlich unerschütterlich fest. 

Auf weit entlegenem Boden finden sich in den in der zweiten Hälfte 



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des zehnten Jahrhunderts entstandenen Abhandlungen der lauteren Brü- 
der die Verhältnisse ziemlich ausführlich erörtert, welche zwischen den 
einzelnen Strichen stattfinden sollen, aus welchen die Buchstabenzeichen 
gebildet werden, und diejenigen, welche die Natur bei den einzelnen 
Gliedern des menschlichen Körpers uns zum sinnlichen Bewusstsein 
bringt. Auch jener wissenschaftliche Geheimbund der lauteren Brüder 
in Al-Basra steht aber durchweg auf dem Boden griechischer Wissen- 
schaft. Dürfen wir annehmen, die Buchstabenzeichnung, von welcher 
schon weiter oben die Kede war, stamme gleichfalls aus Griechenland? 
Wir sind geneigt, die Frage zu verneinen. Hier dürften wir Arabisches 
vor uns haben, da kein Volk so viel Gewicht auf Schönschrift legte 
als das arabische, bei welchem derselben nahezu gottesdienstliche Be- 
deutung innewohnte. 

Kehren wir nach Europa zurück, so wurde in einem etwa um 1200 
geschriebenen Codex des St. Petersstiftes in Salzburg eine Bemerkung 
gefunden, in welcher ein Egesippus oder Eugippus als Gewährsmann 
für Verhältnisszahlen menschlicher Gliedmassen angeführt wird, und diese 
Persönlichkeit dürfte doch wohl ein Grieche sein, denn schwerlich möchte 
an den sogenannten Hegesippus d. h. an den Übersetzer des jüdischen 
Krieges von Flavius .Tosephus ins Lateinische zu denken sein. Die Zeit- 
folge führt weiter zu Giotto, der um das Jahr 1300 über die Verhält- 
nisse des menschlichen Körpers geschrieben haben soll. Gleiches wird 
noch von anderen Künstlern wie Pietro della Francesca, wie Ghirlandajo 
gerühmt. 

Erhalten ist erst eine Schrift vom letzten Drittel des fünfzehnten 
Jahrhunderts. Der mehrgenannte florentiner Künstler und Schriftsteller 
Alberti hat in seinem Buche De statua, welches nach 1464 entstanden 
ist, und dessen Übersetzung gleichfalls unter den früher genannten klei- 
neren Schriften veröffentlicht ist, Masse der einzelnen Körperteile des 
Menschen nach Länge, Breite und Dicke angegeben, welche, wie er ver- 
sichert, auf vielfachen Messungen beruhen. Albertis Massstab, von ihm 
Exempeda genannt — ein Wort griechischen Ursprunges und stammend 
von einem Zeitworte mit der Bedeutung beobachten — hat die Länge 
eines zu messenden Menschen und ist in 600 Teile geteilt, die natür- 
lich je nach der Länge des ganzen Menschen von einem zum andern 
Individuum verschieden sind, aber in ihrer Verhältnismässigkeit beim 
Riesen wie beim Zwerge gleiche Zahlen aufweisen. Dann folgten an- 
dere italienische Schriftsteller dem einmal gegebenen Beispiele. Ins- 
besondere erschien 1509 in Venedig die Divina proportione das Luca 



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Paciuolo, zu welcher wir haben dieses früher berührt — Uonardo 
da Vinci die Abbildungen zeichnete, wenn er nicht noch näher hei dein 
Werke beteiligt war. Das göttliche Verhältnis des Paciuolo ist Nichts 
anderes als der goldene Schnitt, d. h. diejenige Teilung einer Strecke, 
bei welcher der kleinere Teil zum grösseren sich verhält, wie dieser 
zur ganzen Strecke. Zahlcnbeispiolc dafür zu geben ist unmöglich, weil 
in ganzen Zahlen eine solche Teilung nicht vorhanden ist. sie vielmehr 
zu sogenannten Irrationalitäten führt. Seit Kepler eine erste Andeutung 
über die Erscheinung des goldenen Schnittes in der Pflanzenwelt mehr 
ahnte als behauptete, haben besonders in unserm .Jahrhunderte Zeising, 
Höber. Pfeifer sich Mühe gegeben, in Natur und Kunst den goldenen 
Schnitt als wirkungsvoll und als in Wirkung tretend nachzuweisen. Da- 
von ist bei Paciuolo noch keine Rede. Kr weist, sagt Pfeifer gestützt, 
auf eine genaue Durchsicht der sehr seltenen Divina proportione, nicht 
an wirklichen Werken der Kunst oder Natur, sondern bloss an schema- 
tischen Zeichnungen gewisse Proportionen nach und bleibt hierbei auch 
nicht bei der Proportion des goldenen Schnittes stehen." .Jedenfalls 
aber ist das Werk für den von uns besprochenen Gegenstand von Wich- 
tigkeit, wie Alle eingesehen haben, die über denselben unmittelbare 
oder mittelbare Untersuchungen anstellten. Paciuolo hat nämlich hier 
jene geometrische Zeichnung schöner Puchstaben gelehrt, welche uns 
bereits bekannt ist, hier Verhältniszahlen für einzelne Teile des mensch- 
lichen Körpers angegeben. 

Nach diesen Vorgängern und gewiss nicht unabhängig von denselben 
trat Dürer an die Aufgabe heran, welche ihm als Künstler, welche 
ihm aber auch vermöge ihrer mathematischen Fragestellung wichtig er- 
scheinen musste: Ist der menschliche Körper nach bestimmtem Ver- 
hältnisse seiner Abmessungen geschaffen? Kann man dem bildenden 
Künstler Zahlenvorschriften geben, welche bis zu einem gewissen Grade 
das lebende Modell ersetzen? Eine Abhängigkeit Dürers bei der Be- 
antwortung dieser Frage von Alberti ist insbesondere an den 000 Teilen 
ersichtlich, in welche auch Dürer die ganze Körperlänge zerlegt. Ganz 
genau zu vergleichen, welche Zahlen bei den genannten Schriftstellern 
übereinstimmen, welche nicht, möchte für künstlerische, möchte viel- 
leicht für anatomische Zwecke nicht unverdienstlich sein. Unser Ziel 
ist ein anderes. 

Wir wollten nicht Alles und Jedes strengstens prüfen, was Dürer 
in seinen Schriften ausgesprochen hat. Wir wollten ihn überhaupt nur 
als Schriftsteller kennen lernen und zeigen, dass er auch als solcher 



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der Nachwelt unverloren wäre, dass ein Gelehrter Albrccht Dürer fort- 
leben würde, wenn der Künstler Albrecht Dürer nicht unsterblich wäre. 
Wir haben dabei nur die wirklich vollendeten und im Drucke verviel- 
fältigten Bücher benutzt. Wir dürfen von Dürer nicht scheiden, ohne 
noch eines grossen Werkes zu gedenken, welches er zu verfassen beab- 
sichtigte, zu verfassen begonnen hatte. 

„Eine Speise der Malerknaben*, so lautet der von Dürer geplante 
Titel, und den Umfang wird man aus einer ziemlich alten Angabe zu 
entnehmen im Stande sein, welche von Dürers Hand sich erhalten hat, 
und welche die vorläufige Inhaltsanzeige darstellt. Vom Masse der 
Menschen, der Pferde, der (iebäude wollte er handeln, von der Per- 
spektive, von Licht und Schatten, von den Farben. Man erkennt so- 
fort, dass es ein Handbuch für bildende Künstler werden sollte, um- 
fassend angelegt, im Plane etwa dem grossen Werke vergleichbar, mit 
welchem Lionardo da Vinci sein ganzes Leben sich trug, ohne mehr 
als bunt durcheinandergewürfelte, kaum lesbare Bruchstücke der wesent- 
lichsten Abschnitte neben wenigem Druck fertigen zu hinterlassen. War 
die Absicht der beiden grossen Künstler-Gelehrten die gleiche, so war 
das Schicksal der beiden Entwürfe ein wenig verschiedenes. Auch Dü- 
rer's handschriftliche Zeichnungen sind zerstreut. Nürnberg. Dresden, 
London beherbergen solche. Das Buch von „menschlicher Proportion" 
sollte wohl den ersten Abschnitt des Werkes bilden. 

Hat Dürer auch in den übrigen bis jetzt nicht gedruckten Ab- 
schnitten an ihm bekannt gewordene Vorarbeiten Anderer angeknüpft? 
Gleichviel wenn er es that. Mag Manches in Dürers Schriften Vor- 
gängern entlehnt sein, wer teilte dieses Schicksal nicht? Steht doch 
Jeder auf dem von Vorgängern bereiteten Boden. Wie hoch man von 
diesem aus sich zu erbeben vermag, giebt den Massstab persönlicher 
Kraft, und dass dieselbe bei Dürer keine geringe war. geht hoffent- 
lich aus unserer Darstellung hervor. 



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Die Landeshoheit über die Trare. 

Hin Beitrag zur Geschichte des Stromregals. 

Von 

Richard Sehröder. 



Vor kurzem hat ein seit Jahrhunderten schwebender Tcrritorialstreit 
zwischen Lübeck und den beiden Meklenburg, mit dem schon das Reichs- 
kammergericht befasst gewesen ist, seine endgiltigc Erledigung durch 
Richterspruch gefunden. Ks handelte sicli um die Landeshoheit über 
die untere Trave, die von Lübeck abwärts einen stromartigen Charakter 
trägt und vor ihrem Ausflusse in die Ostsee (bei Travemünde) zwei 
hatt'artige Buchten, die Pötenitzer Wiek und den Dassower See, bildet. 
Während der obere Lauf des Flusses teils von holsteinischem, teils von 
lübeckischem Gebiete eingeschlossen oder begrenzt ist, gehört an dem 
unteren Laufe das ganze linke Ufer zu Lübeck, das rechte Ufer da- 
gegen von der Schlutuper Wiek bis zur Mündung der Stepenitz in den 
Dassower See zu Meklenburg-Strelitz (Fürstentum Ratzeburg), von da 
an zu Schwerin, nur die Travemünde gegenüber gelegene Halbinsel 
Priwall, welche die Pötenitzer Wiek vom Meere trennt, zu Lübeck. 

Seit dem Jahre 1188 wurden auf Gruud einer Schenkung Kaiser 
Friedrichs I. die Hoheitsrechte über die ganze untere Trave mit Ein- 
schluss ihres Überschwemmungsgebietes von Lübeck in Anspruch ge- 
nommen. Der dagegen von den beiden meklenburgischen Regierungen 
erhobene Widerspruch stützte sich auf den völkerrechtlichen Grundsatz, 
dass Wasserflächen dem Staatsgebiete zuzuteilen seien, zu welchem die 
Ufer gehören, und dass also da, wo die Ufer im Besitze verschiedener 
Staaten sich befinden, die Wasserflächen zur Hälfte zu teilen seien, 
sofern sich nicht eine besondere Schiffahrtsstrasse (der sog. Thalweg) 
durch das Gewässer ziehe, welche alsdann die Grenze der Tierstaaten 
bilde. Nachdem in Gemässhcit dieses Grundsatzes beide Meklenburg 
bei dem Bundesrate des Deutschen Reiches gegen Lübeck auf Aner- 



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kennung ihrer Landeshoheit über die entsprechenden Wasserflächen ge- 
klagt hatten (auf Grund des Artikels 76 der Reichsverfassung), wurde 
durch Bundesratsbeschluss vom 6. Oktober 1887 der vierte Civilsenat 
des Reichsgerichts mit der schiedsrichterlichen Erledigung des Streit- 
falles beauftragt. Der am 21. Juni 1890 ergangene Schiedsspruch lautet: 

„Die Hoheitsrecht« an dem Dassower See, der Pötnitzer Wiek und 
an der Trave von der Schlutuper Bucht bis an ihre Mündung in die 
Ostsee, soweit ihr Überschwemmungsgebiet reicht, also bis an das feste 
sie begrenzende Ufer, stehen der freien und Hansestadt Lübeck zu." 

Der von Meklenburg angerufene völkerrechtliche Grundsatz ist zwar 
allgemein anerkannt, kommt aber selbstverständlich nur da in Anwen- 
dung, wo nicht auf Grund älterer, wohlerworbener Rechte eine andere 
Abgrenzung der Hoheitsrechte stattgefunden hat. Für die Beurteilung 
streitiger Grenzfragen zwischen Staatsgebieten, die aus dem ehemaligen 
Römischen Reiche deutscher Nation hervorgegangen und erst durch die 
Auflösung des Reiches zu staatlicher Selbständigkeit gelangt sind, 
kommen aber zunächst überhaupt nicht die Grundsätze des Völkerrechts, 
sondern die bei der Ausbildung der Territorialverfassung massgebend 
gewesenen Faktoren in Betracht. 

Die deutsche Territorialverfassung ist aus der Gerichtsverfassung 
hervorgegangen. Aus königlichen Gaubeamten fürstlichen Ranges sind 
die Träger der gräflichen Gerichtsbarkeit unter dem Einflüsse des Lehns- 
wesens zu Landesherren (domini terrae) geworden, die ihr Fürstentum 
vom Reiche zu Lehen trugen. Indem die Krone sich nach und nacli 
bewogen fand, den Fürsten die Ausübung einor Reihe von wichtigen 
Hoheitsrechten oder Regalien abzutreten, wurden die gräflichen Rechte 
zur Landeshoheit erweitert. Je grösser die Zahl der abgetretenen Re- 
galien wurde, desto mehr näherte sich die Landeshoheit, vielfach noch 
durch eigenmächtige Usurpationen gefördert, dem Begriffe einer wahren 
Staatsgewalt. Die westfälische Friedensurkunde konnte sie bereits als 
„snperioritas territorialis", d. h. Souveränität, bezeichnen. Das Vorbild 
der fürstlichen Landeshoheit wurde schon im Mittelalter für die staat- 
liche Entwicklung in zahlreichen nicht geforsteten Territorien und den 
Reichsstädten massgebend. 

Nicht selten hat die schrittweise, mehr oder weniger zufallig vor 
sich gehende Anhäufung von Hoheitsrechten in den Händen der terri- 
torialen Gewalten dahin geführt, dass in einem und demselben Terri- 
torium die einzelnen Regalien verschiedenen Herren zustanden, dasselbe 
Gebiet also in den verschiedenen Richtungen seines staatlichen Lebens 

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verschiedenen Herrschaften unterworfen war. Da jedoch die Souveränität 
als solche unteilbar ist, so musste in derartigen Fällen die Frage ent- 
stehen, auf welcher Seite nunmehr die eigentliche Staatsgewalt und auf 
welcher ein blos von dieser abgeleitetes oder abgezweigtes Hoheitsrecht 
anzunehmen sei. Wie die geschichtliche Entwicklung ihren Ausgang von 
der hohen Gerichtsbarkeit genommen hat, so ist diese als der eigent- 
liche Kern der territorialen Staatsgewalt zu betrachten und 
ihr Besitz oder Nichtbesitz muss als das entscheidende Kriterium für die 
Frage, wer in einem Gebiete gemischter Hoheitsrechte als der Träger der 
Staatsgewalt zu gelten habe, angesehen werden. In diesem Sinne hat 
sich schon der alte Struben ausgesprochen: An verschiedenen Orten 
in Deutschland werden nicht alle Hoheitsrechte vo n et nein Reichssta nd ', 
sondern eines von diesem, das andere aber von einem anderen grübet. — 
Vielfältig entstehet darüber ein Streit, wem im Zweifel diejenige Re- 
galien zukommen, welche niemand rechtlich hergebracht zu haben er- 
weisen kann. Ich glaube, dass gemeiniglich die Vermutung für den Ge- 
richtsherrn streitet, weil die Vbung der höchsten Gerichtsbarkeit der 
stärkste Reueis des Territorialrechts ist f mithin die, Regalien, welche an- 
dere an dem Ort hergebracht haben, <ds Servitutes juris pubfici anzu- 
sehen sind 1 ). 

Von diesem Gesichtspunkte ans hat man die eigentümliche Er- 
scheinung der sogenannten Strassengerichtsbarkeit aufzufassen. So 
lange die von dem fränkischen Reiche überkommene Gauverfassung be- 
stand, bildeten die einzelnen Grafschaften abgerundete Sprengel von mehr 
oder weniger gleichartigem Charakter. Sie waren die Grundlage für die 
ordentliche Rechtspflege und Verwaltung in den einzelnen Teilen des 
Reichos und wurden in ihrer territorialen Geschlossenheit im wesent- 
lichen nur durch Reichsvogteien (Domanialgrafschaften) und Immuni- 
täten (grundherrliche Grafschaften) durchbrochen. Erst seit dem drei- 
zehnten Jahrhundert geriet die Gauverfassung in Verfall, indem die 
Grafschaften den Charakter von Amtssprengeln verloren und in ihrer 
territorialen Abgrenzung einen durchaus willkürlichen und prinziplosen 
Charakter annahmen. Aber auch bei der schlimmsten territorialen Zer- 
splitterung haben die grossen Land- und Heerstrassen ihren staatli- 
chen Charakter behauptet. Mochte es den verschiedensten territorialen oder 



1) Vergl. Struben, Nebenstunden IV. (1789), S. 57. Derselbe macht auf 
den Ausspruch eine9 Herzogs von Sachsen vom Jahre 1312 aufmerksam: Dar dat 
gud to landdinge ginge, da scholn de hern over herschoppen. 



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grundherrlichen Gewalten gelingen, die Gebäude und Gelände auf bei- 
den Seiten der Strassen unter ihre Gerichtsbarkeit und Botmässigkeit 
zu bringen, auf den Strassen selbst wussten die Fürsten, als die vom 
Reiche belehnten Träger der Grafengewalt, meistens die Gerichtsbarkeit 
und damit die Landeshoheit zu behaupten. So erstreckte sich die landes- 
herrliche Gewalt des Kurfürsten von Trier nach dem 1587 aufgezeich- 
neten Weistum von Greimerath (Grimm, Weistümer II. 103 f.) über 
alle fandstrassen und wasserstram, eben so wol in als auswendig der 
dorfer. Insbesondere hatte der Kurfürst die hohe Gerichtsbarkeit über 
alle Frevel, die auf der Landstrasse oder weniger als drei Schritte neben 
derselben vorfielen: Und ob such were, dass einer in der darf er eins 
— — in der Strassen geschlagen und beschädigt wurde, und fiele drei 
tritt aus der Strassen, oder wurde neben der Strassen geschlagen und fiele 
in die strass, dasselbig und sunst alles, was in der Strassen beschickt, 
weisen sie ihre kurfürstlichen gnaden zu, der gebar zu straffen. — Inner- 
halb der Herrschaft von Otterburg in der Pfalz stand das königsgericht 
dem Pfalzgrafen, das Gericht ausserhalb der königsstrass dagegen der 
Herrschaft zu; das erstere griff platz, wenn ein Verwundeter oder Ge- 
töteter mit dem ha übt in den weg fiel ; — — sch lugen sie sich aber 
auf der strasseti und fielen über das wageng el eise (d. h. über den Weg 
hinaus), so war das Gericht der Herrschaft Otterburg zuständig 1 ). 

Der Grund für die Aufrechterhaltung des staatlichen Charakters 
der Landstrassen lag darin, dass man nicht aufgehört hatte, die Land- 
und Heerstrassen als „ Reichsstrassen * oder des „Königs Strassen" auf- 
zufassen 8 ). Noch im fünfzehnten Jahrhundert sah man es als selbst- 
verständlich an, dass unser herre der konig moge/ichen alle Strassen 
schüren und schirmen solte, und Kaiser Friedrich III. konnte noch 1465 
an einen Reichsfürsten schreiben : Wann ihr uns und dem Reich ge- 
wandt und schuldig seit, unser und des Reichs Strassen und die, so die 
üben und gebrauchen, zu befreien, zu beschirmen und, wie recht, zu 
handhaben, auch deshalb dieselben Strassen friedlich zu halfen 9 ). Aber 
während bei den Strassen der Reichsgedanke schon im dreizehnten Jahr- 
hundert vor der mächtig aufstrebenden landesherrlichen Gewalt der 
Fürsten in den Hintergrund trat, wurde hinsichtlich der schiffbaren 



1 ) Vcrgl. Grimm, Weistümer I. 778. V. 663, 711. 

2) Vergl. Haltaus, Glossarium Germanicum medii aevi 1115, 1 754 f. Grimm, 
Deutsches Wörterbuch V. 1 7 1 6 f. Schiller und Lübben, Mittelniederdeutsches 
Wörterbuch II. 524. IV. 427 f. h am precht, Deutsches Wirtschaftsleben II. 237. 

3) Vergl. Haltans, a. a.0. 1754. 



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Gewässer, also der Wasserstrassen, bis zum vierzehnten Jahrhundert 
daran festgehalten, dass sie, soweit nicht spezielle Verleihungen stattgefun- 
den hatteu, von dem Bereiche der territorialen Herrschaften ausgenommen 
und unmittelbar der königlichen Gewalt unterstellt blieben. Mit voller 
Entschiedenheit nahm die berühmte Constitutio de regalibus Friedrichs I. 
vom Jahre 1158 neben dem Strassenregal auch das Stromregal, 
und zwar mit ausdrücklicher Ausdehnung auf die noch nicht schiffbaren 
Quellflüsse, in Anspruch : Regal in sunt — — vie publice, flumina navi- 
gabilia et ex (juibus fünf narigabilia 1 ), und dass damit nichts neues 
bestimmt wurde, ergibt sich aus einer auf die Sauer bezüglichen Hof- 
gerichtsentscheidung aus der Zeit Heinrichs V. 2 ) und dem Ausspruche 
Ludwigs des Deutschen: Vuiustunujui > polest atis sint litfora, nostra tarnen 
est regalis aqua 9 ). Demgemäss erklarte Friedrich I. den Rhein für libera 
et regia strata 4 ), den Main für eine zollfreie via regia*). Noch das 
Görlitzer Landrecht aus dem Anfange des 14. Jahrhunderts bezeugt die 
Fortdauer des Stromregals: Jegelich rlizinde tcazzir heizet des riches 
straze c '). Erst seit der zweiten Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts hat 
sich die landesherrliche Gewalt auf Kosten des Reiches mehr und mehr 
auch der Flüsse bemächtigt, doch finden sich einzelne Betätigungen 
des königlichen Stromregals noch in Privilegien Wenzels von 1393 und 
1398 für Strasburg, Heilbronn und Wimpfen, Sigismunds von 1428 
für Frankfurt, Maximilians I. von 1494 für Kaufbeuern. Der Stadt 
Schweinfurt bewilligte Wenzel im Jahre 1397 am römischer königlicher 
mächte, das* sie in unserem und des Reichs ströme uf dem Main bei 
ihn an der statt und auch uf dem lande brücken, stege, mühten, währe 

oder sonst andere gebaude zu der stat not dürft bauen sollen und 

mügeu. Allerdings handelte es sich in den angeführten Beispielen wohl 
durchweg um Verfügungen über Reichsgebiet, dass aber selbst in den 
kurfürstlichen Territorien das Stromregal des Reiches noch im fünfzehnten 
Jahrhundert nicht ganz überwunden war, beweist ein Privileg Kaiser 
Friedrichs III. von 1456, welches die Kurfürsten von Brandenburg 



1) JI.F.56. Monum.Germ.Leg.il. 111. 

2) Vergl. Lamprecht, Deutsches Wirtschaftsleben, II. 23* Note 4. 

3) W a i t z , Verfassungsgeschichte IV. 2 133 f. 

4) Hansisches Urk.-B. I. Nr. 18(1165). 

5) Hofgerichtsentscheidung von 1157 hei Böhmer, Urk.-B. der Stadt Frank- 
furt, Seite 15 f. 

6) Görl. Landr. 34, § 1. Vgl. Ssp. II. 6(!, § 1 : des loninges strate in watere unde 
in velde, und II. 28, § 4: Svelk icater strantes rlüt, dat is gemene to varene unde 
tn tmchene inve. 



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ermächtigte: da^s sie in allen ihren landen zu ihrer und der fand not- 
durft auf ihren tmsaern, wo wie und wann sie wollen, wühlen aufrichten, 
bauen und derer nach ihrem gefallen gebrauchen und gemessen sollen 
und wögen, von aller mämii glich ungehindert '). 

Noch aus der Blütezeit des Stromregals besitzen wir ein höchst 
bedeutsames Hofgerichtsweistum des Königs Adolf vom Jahre 1294: 

Quodsi insula natu est in Rheno vel alio flumine in comitatu ali- 
cuius comitis, qui in ipso flumine recipit telonia et conductus, 
hahetque comitatum eundem, telonia et conductum ab imperio in 
flumine praedicto, eadem insula potius spectat ad imperium et ad 
ipsum comitem, quam ad alium dominum, cuius districtus pro- 
tenditur ad ripam fluminis praelibati*). 
Aus dieser inhaltsreichen Entscheidung ergibt sich folgendes. 1. Das 
Stromregal wurde noch 1294 dahin verstanden, dass das Reich das Eigen- 
tum an dem Flussbette und demgemäss auch an allen in dem Flusse 
neugebildeten Inseln hatte 3 ). 2. Die den Fürsten verliehenen Regalien 
erstreckten sich nicht auf das Stromregal 4 ). 3. Die schiffbaren Gewässer 
waren also noch immer „des Königs Strasse 4 und standen unmittelbar 
unter dem Reiche, soweit nicht eine besondere Verleihung seitens des- 
selben stattgefunden hatte 5 ). 4. Eine derartige besondere Verleihung 
wurde nur dann angenommen, wenn sie die Stromgerichtsbarkeit (comi- 
tatus in flumine), den Stromzoll und das Geleitsrecht (conductus in 
flumine) umfasste 6 ). Nur wenn diese drei Hoheitsrechte in der Hand 



1) Alle hier angezogenen Urkunden bei Pf effinger, Vitriarius illustratus 
III. 1467, 1469 f. 

2) Monumenta Germaniae, Leges II. 461. 

3) Wenn der Sachsenspiegel {Ssp. II. 56 §2) das Eigentum an ueugebildeten 
Inseln oder verlassenen Flussbetten den Ufereigentümern nach Massgabe der Mittel- 
linie zuweist, so bezieht sich das nur auf Privatflüsse (vliet, vlet) nicht auf schiff- 
bare Ströme {sträm, ström). 

4) Vergl. mein Lehrbuch der deutschen Rechtsgescl lichte 51 7 f. 

5) Vergl. ein Urteil des Rheingauer Landgerichts von 1148, durch welches dem 
Erzbischof von Mainz eine Rheininsel aus dem Grunde zugesprochen wird: quod 
omnes insulas ipse habeat ab imperio (B od mann, Rheingauische Altertümer 604). 

6) Durch Friedrichs II. Statutum in favorem prineipum von 1232 war den Fürsten 
der conductus per terram eorum als ein in ihrem Fürstenlehen begriffenes Regal aus- 
drücklich zugestanden, während der conductus in flumine besonders verliehen wer- 
den musste. Als einen Teil des Stromgeleitsrechtes wird man auch das Fähr- und 
Brückenregal, das Grundruhrrecht und das Recht auf den Leinpfad ansehen dürfen, 
doch scheint das Leinpfadsrecht seit der Mitte des 14. Jahrhunderts schon Uber- 
wiegend landesherrlich gewesen zu sein. Vergl. Lamprecht, Deutsches Wirt- 
schaftsleben, II. 201 f. 



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des Beliehenen vereinigt waren, besass er die Stromhoheit, d. h. die 
landesherrliche Gewalt über den Fluss; wer blos das eine oder andere 
dieser Regalien oder etwa noch das Fischereiregal oder Fährregal er- 
worben hatte, konnte sich darum roch nicht als den Herrn des Flusses 
betrachten. 

Eine solche Spezialverleihung wurde hinsichtlich der Weser von der 
Reichsstadt Bremen behauptet, von dem Erzbischof von Bremen aber, 
da die Urkunden fehlten, nicht ohne Erfolg bestritten 1 ). Dagegen ist 
die von Friedrich I. im Jahre 1188 zu Gunsten der Stadt Lübeck aus- 
gestellte Urkunde noch heute im Original vorhanden 2 ). Dieselbe zer- 
lallt in drei Abschnitte, von denen der erste die durch kaiserliche Ver- 
mittelung erfolgte Regelung der Grenzstreitigkeiten der Stadt Lübeck 
mit ihren Nachbarn, den Grafen von Holstein und Ratzeburg, der zweite 
die Erneuerung und Erweiterung der zu Gunsten Lübecks erlassenon 
Privilegien Herzog Heinrichs des Löwen, der dritte die Verleihung der 
Travc an Lübeck enthält. Die letztgedachte Verfügimg lautet: 

Et quoniam predictorum ciritnu nostrorum ius in mdlo di- 
minui per im volumus, sed in omnibux, prout oportunum esse 
viderimus, augmentare, nostra auctoritate supperaddentes 
toncedimus eis, ut mque ad heum, ad quem in inttndafione as- 
cendit fturius yui Truiene dicitur, eadem qua et intra civitatem 



1 ) Vergl. v. B ii 1 o w und Hagemann, Praktische Erörterungen aus allen 
Teile» der Rechtsgelehrsamkeit, II. Autlage 1. 1—37. Die Stadt Bremen hatte dem 
Kaiser Karl V. vorgestellt, dass sie wegen ihrer, dem Reich geleisteten trefflichen 
Dienste von den voiigen Kaisern folgende Berechtigungen erhalten und seit etlichen 
Jahrhunderten ausgeübt hatte: alh Obrigkeit, Hecht und Gerechtigkeit, Jurisdik- 
tion, Gebot und Verbot auf der Weser an beiden Ufern von und unter der Stadt 
Bremen bis in die salzen See; das Hecht, Seeräuber auf der Weser und anderswo 
zu Land und zu Wasser zu verfolgen, niederzuwerfen und zurecht zu bringen, 
die freie Schiffahrt mit ihren und andern Kaufmannswaren auf der Weser bis 
an die Stadt Münden an der Fulda und auf der Aller bis gen Zelle; die Fische- 
rei in der Ochtemen, Lesemen, auch Hunte, und auf der Weser von Hoya an 
bis in die salzen See; die Befugnis, allein Seetonnen und Baaken nach Notdurft 
anzurichten. Der Kaiser leistete diesen Vorstellungen Gehör und bestätigte alle 
aufgezählten Gerechtsame 1511 durch besonderes Privileg, das aber auf Be- 
schwerde des Erzbischofs und des Domkapitels von Bremen schon drei Jahre später 
durch den Zusatz beschränkt wurde, dass den Freiheiten und Gerechtigkeiten des 
Erzstifts dadurch kein Eintrag geschehen solle. Seitdem schrumpfte die von Bremen 
beanspruchte Stromhoheit Ober dio Weser zu einer blossen servitus juris publici, 
dem ausschliesslichen Rechte zur Herstellung von Schiffahrtszeichen und der Be- 
fugnis zur Erhebung eines Stromzolles, zusammen. 

2) Abgedruckt Urk.-Buch der Stadt Lübeck 1. Nr. 7. 



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fruaittur per omnia insthia ä Übertäte. Usytie ad termiuos pontis 
et tarn eadem qua et in cititatc, ut diximna, eos uti columus iustitia 
et libertate. 

Durch diese 1204 von König Waldemar II. von Dänemark und 
1226 von Kaiser Friedrich IL, später auch noch von Rudolf I. und Adolf 
bestätigte und auch von den benachbarten Fürsten wiederholt anerkannte 
kaiserliche Verleihung ') wurde der Travetluss in einer seinem Hochwasser- 
stande entsprechenden Breitenausdehnung dem Weichbilde der Stadt Lübeck 
einverleibt. Da diese Einverleibung aber nur mque ad terminos pontis 
gehen sollte, so kann sie sich nur auf einen Teil des Flusses erstreckt 
haben. An sich würde es nahe liegen, bei der „Brücke - an die seit 
1216 in den Quellen erwähnte Holstenbrücke in Lübeck zu denken, ob- 
wohl die Nachrichten des zwölften Jahrhunderts nur von einer einzigen 
Travebrücke, bei Oldesloe in Holstein, wissen. Allein schon der Um- 
stand, dass die Lübecker noch Ende des sechszehnten Jahrhunderts die 
hohe Gerichtsbarkeit auf der Trave bei Oldesloe ausübten, lässt darauf 
schliessen, dass der Kaiser unter „der Brücke" eben die damals einzige 
Brücke bei diesem Orte verstanden hat. Bestätigt wird dies durch die 
in dem ersten Abschnitte unserer Urkunde enthaltene Entscheidung des 
Kaisers über die Fischereigerechtigkeit in der Trave: Inmper licebit 
ipsis ciiibm et eorum piscatoribm piscari per omnia a supradicta villa 
Odislo it&jue in mare, preier septa comitis Adolfi, sicut tempore ducis 
Heinrici facere comuewrunt. Die Lübecker hatten also schon zur Zeit 
Heinrichs des Löwen, wahrscheinlich auf Grund einer Verleihung des- 
selben, die Fischerei auf der ganzen Trave von Oldesloe bis zum Meere 
ausgeübt und wurden nunmehr, gegenüber der Anfechtung des Holsteiner 
Grafen, durch den kaiserlichen Schiedsspruch in dem Besitze dieser Ge- 
rechtigkeit bestätigt, nur ein dem Grafen gehöriges Fischwehr (wahrschein- 
lich das Lachswehr dicht oberhalb Lübecks) wurde diesem vorbehalten. 
Endlich berichtet der gleichzeitige Geschichtschreiber Arnold von Lübeck 
über gewisse mit unserer Urkunde in Verbindung stehende Vorgänge, 
dass Graf Adolf von Holstein im Jahre 1187 eine von den Slaven zer- 
störte Burg Herzog Heinrichs des Löwen an der Travemünduug wieder- 
aufgebaut und daraufhin von den Lübeckern einen ihnen schon von dem 



1) Dem mittelalterlichen Brauche entsprechend kleideten sich diese fürstlichen 
Anerkenntnisse in die Form freiwilliger Zugestandnisse und Gunsterweisungen für 
Lübeck, während es sich in Wirklichkeit nur um die an sich überflüssige, bei den 
rechtlosen Zuständen des Mittelalters aber immerhin vorteilhafte Anerkennung des 
guten Rechtes der Stadt Lübeck handelte. 



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Herzoge auferlegten Zoll verlangt habe. Da die Lübecker den letzteren ver- 
weigerten, weil sie den Zoll dem Herzoge ohne rechtliehe Verpflichtung, nur 
auf seine Bitten und auf beschränkte Zeit, zum Unterhalte der Burg ent- 
richtet hätten, so hatte der Graf ihnen (juicquid commodUatis in suis ter- 
minis eives ante videlantur habere in ftuviis, in pascuis, in sihis entzogen und 
einige Bürger der Stadt zu Goiseln gemacht. Durch die Vermittlung des 
Kaisers hatten die Lübecker dann gegen eine dem Grafen gewährte Geld- 
entschädigung die Zollfreiheit erlangt und durchgesetzt, dass sie nie u muri 
ttstjue ad Thodislo (d. i. Oldesloe) liiere fruerentur fiuciix pascuis silrU 1 ). 

Kann es sonach keinem Zweifel unterliegen, dass die Schenkung 
Kaiser Friedrichs I. sich auf die ganze Trave von der Brücke bei Ol- 
desloe bis zum Meere, mit Einschluss des Überschwemmungsgebietes, 
bezog, so war damit auch die Übertragung der Pohlitzer Wiek 2 ) und 
des Dassower Sees, deren Wasserflächen an dem Steigen und Fallen der 
Trave unmittelbar teilnehmen, von selbst gegeben 3 ). Dass aber die 
Ausdehnung der „iustitia et libertas intra civitatem" auf den Travefiuss 
gleichbedeutend mit der Aufnahme des letzteren in das Weichbild von 
Lübeck war, ergibt sich aus dem dor Stadt im Juni 1226 von Kaiser 
Friedrich II. erteilten Freiheitsbriefe, durch den die ursprünglich fürst- 
liche, nach dem Sturze Heinrichs des Löwen aber in das Eigentum des 
Reiches übergegangene Stadt feierlich zu einer freien Reichsstadt er- 
hoben wurde : ut predicta cicitas Lubicensis Hiera Semper sit, videlicet 
specialis cicitas et locus lmperii et ad dominium imperiale specialiter 
l>ertinens, nullo umquam tempore al ipso »iwciali domin io sejairanda*). 
In demselben Privileg wurde der Stadt, neben einigen hier nicht weiter 
in Frage kommenden Gebieten am linken Traveufer, auch die Halbinsel 
Priwall 5 ) überwiesen : Concedimus autem eis insulam sitam contra Castrum 



1) Mon. Germ. Scriptores XXI. 161 f. 

2) Dieselbe wurde im Mittelalter zuweilen einfach als der Travehafen (portus 
Travene) bezeichnet. Vgl. unten Anm. 5. 

3) Insbesondere nimmt der Dassower See an jeder, durch das Kindringen des 
Meerwassers bei Travemünde herbeigeführten Erhöhung des Travespiegels teil. Vergl. 
Ernst Boll, Abriss der meklenburgischen Landeskunde (18G1) S. 238, über 
den Dassower See: „Dieser tief in das Land einschneidende Meerbusen enthält so- 
genanntes Brackwasser, welches je nach dem Stande der Ostsee in der Travemünder 
Bucht steigt und fällt und daher bald mehr, bald weuiger salzig ist ; dcssbalb mischen 
sich denn auch hier die Fische und Mollusken des Meeres noch gleichmässigcr als 
in der Ostsee mit denen der süssen Gewässer." 

4) Urk.-Buch der Stadt Lübeck I. Nr. 35. 

5) Der Priwall war eine Halbinsel und nur vorübergehend in Folge eines 
Durchbruches des Wassers zur Insel geworden. Eine Lübecker Stadtbuchuotiz 



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TramteMunde t qHe Priwole nuutinatnr t iure rieihttis de cetera pomdeHdum 
quod iricbelede dkitur. Der Priwall wurde demnach in derselben Weise, 
wie 38 Jahre früher die Trave, dem Lübecker Weichbilde inkorporiert 1 ). 
Die dem Priwall gegenüber belegene Burg Travemünde blieb noch könig- 
lich, sollte aber dem jedesmaligen Schirmvogt von Lübeck überlassen 
werden. Ausserhalb der Burg, am Hafen, wurde den Lübeckern der 
Baugrund zur Anlage eines Hafenortes, des heutigen Travemünde, ein- 
geräumt, ausserdem erhielt die Stadt die Freiheit, dass in dem ganzen 
Laufe der Trave, von der Quelle bis zur .Mündung, auf beiden Seiten in 
einer Entfernung bis zu zwei Meilen vom Cfer niemand zu ihrem Nach- 
teil eine Befestigung anlegen dürfe. Derartige Bestimmungen wären ohne 
die stillschweigende Voraussetzung, dass die Trave bis zu ihrer Mün- 
dung zu Lübeck gehörte, unmöglich gewesen. 

Durch die Aufnahme der Trave in das Weichbild von Lübeck war 
die Ausdehnung der vogteilichen Gerichtsbarkeit innerhalb der Stadt 
auf das inkorporierte Stromgebiet von selbst gegeben. Bis in die erste 
Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts wurde die gräfliche Gerichtsbar- 
keit in Lübeck durch einen von dem Könige ernannten Vogt ausgeübt. 
Gegen die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts hat die Stadt das Recht, 
den Vogt zu ernennen, an sich gebracht 2 ). Seitdem war der Vogt blosser 
Beamter der Stadt; Träger der gräflichen Gerichtsbarkeit im Stadt- 
gebiete, also Graf der Stadtgrafschaft, war nunmehr die Stadt selbst, 
die als reichsfreie Stadt ihre Grafenrechte unmittelbar aus der Hand des 
Königs besass. Alle Jahrhunderte hindurch wurde von Seiten der Stadt 
Lübeck Sorge dafür getragen, die hohe Gerichtsbarkeit auf der 
Trave, als das wichtigste Kennzeichen ihrer Stromhoheit, zu behaupten. 
Ein wesentliches Mittel dafür war das sogenannte Fahr recht. Gegen 
Ende des Mittelalters hatte sich vielfach die dem altdeutschen Gerichts- 
verfahren noch unbekannte Einnahme des gerichtlichen Augenscheins an 



(Urk.-B. I. Nr. 498) berichtet darüber: Nota, quod sub a. d. 1X86 in insuia Pri~ 
walk aqua insulam ipsam in uno Joco tantum penetraverat, quod portus Travene 
duos habuit introitus et exitus; undc ad obstruetionem unius, videlicet circa ter- 
minos Slavie protensi, civita* tum magno labore fecit magnam summam sumptuuw. 

1) In einem Vertrage zwischen Lübeck und den Grafen Johann I. und Ger- 
hard I. von Holstein im Jahre 1247 (Urk. -Buch I. Nr. 124) erkannten die beiden letz- 
teren ausdrücklich die Ausdehnung des Lübecker Weichbildes auf das Inundations- 
gebiet der Trave an: omnia, que per aquarum inundacionem et alluvionem coh- 
sueverunt occupari, adwichbelede civitatis perpetuis temporibtis annumerari 
concedimus et asscribi. 

2) Vergl. Frensdorff, Stadt- und Gerichtsverfassung Lübecks 90 ff. 



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Ort und Stelle durch Gerichtsdeputicrte entwickelt 1 ), namentlich fand 
dieselbe bei unnatürlichen Todesfällen Anwendung, sie bildete den ersten 
Schritt zu der Ausbildung des modernen gerichtlichen Obduktionsver- 
fahrens. Immer handelte es sich dabei um einen Akt der hohen Ge- 
richtsbarkeit, in erster Linie um die Einleitung einer Strafverfolgung, 
im Falle eines Selbstmordes oder unverschuldeten Todes um die even- 
tuelle Geltendmachung des tiscalischen Rechtes an erblosem Gute 2 ). Eine 
besondere Bedeutung hatte dies Verfahren überall, wo die Gerichts- 
grenzen verwickelt, die Gerichtssprengel stark in einander geschoben 
waren, zumal wo eine besondere Strassengerichtsbarkeit bestand 3 ). Die 
freie Stadt Lübeck übte auf den ihrer Hoheit unterworfenen Gewässern, 
soweit diese nicht von dem Lübecker Territorium umschlossen waren, 
die Strassengerichtsbarkeit aus. Die grosse Bedeutung, welche dieselbe 
für Lübeck hatte, mag dazu beigetragen haben, dass hier jenes Augen- 
schcinsverfahreu zu einer sonst unbekannten Ausbildung des sogenannten 
„Fahrrechts" führte 1 ). Dass es sich dabei thatsächlich nur um eine be- 
sondere Variation des Strassengerichts handelte, zeigt der ganz ähnliche 
Vorgang bei einem 1701 in dem Hamburg-Lübecker Gebiete abgehal- 
tenen „Strassen recht und Zettergeschrei. " Das über denselben aufge- 
nommene Protokoll ist zwar schon anderweitig gedruckt 5 ), trägt aber 
einen so altertümlichen Charakter, dass wir es hier noch einmal glauben 
mitteilen zu sollen: 

1) Vergl. v. Kries, Der Beweis im Strafprozess des Mittelalters, S. 128 ff. 

2) Vergl. Urk.-B. der Stadt Lübeck II. S. 1082, Nr. 1099 (1347). 

3) Vergl. S. 34 f. In dem Bezirke des Gogerickts Solzhausen bei Lüneburg stand 
nach dem Weistum von 1577 (Grimm. Weistümer III. 224 ff.) das Strassengericht 
auf der Heerstrasse dem Bischof von Verden zu; was neben der Heerstrasse vor- 
fiel, gehörte vor das Gogericht des Herzogs von Braunschweig-Lüneburg, der ausser- 
dem das Strassengericht auf der Dorfstrasse hatte Das Weistum zeigt, dass es an 
Konflikten nicht fehlte: Gefragt, xcan eine that also uff der herstrassen geschahen, 
ob audi der BiscJiof zu Verden oder iemand von seinent wegen habe ie darüber 
ein strassengericht gehalten über d*s, so uff der herstrassen gescheiten, und von 
weine es gehalten, ob sie auch dergleichen feile gedenken? Eingebracht durch 
Warneken Beneken, das die gerichtsleute gedenken, dass Lüdeke Koster Vorjahren 
einen auf der herstrassen erschlagen habe, auf solcher stelle seie ein strassengericht 
gehalten worden. So hab auch Lüdeke Schmedes Hans Stedings mit einem steine 
auf der her Strasse geworfen, dass sie inen vor tot gehandelt: solches sei vor das 
gogericht gebracht, aber hinwieder vor die verdischen ambten verwiesen worden. 

4) Vergl. Dreyer, Einleitung zur Kenntnis der Lübecker Verordnungen, 
S. 416ff. Hach, das alte lübische Kccht, S. 144. Schiller undLübben, 
Mittelniederdeutsches Wörterbuch V. 207. 

5) Mitgeteilt von Petersen, in den Forschungen zur deutschen Geschichte 
VI. 274. 



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Anno 1701 den H. Februar ist allhier über ein vorgestriges Tages 
in Christian Beerfreundts gewesenen Kohlgarten eingescharrt gefundenes 
neugebohrnes todtes Kindt auf öffentlichem Markte in Gegenwart des 
Herrn Ambtsverwalter , Herrn Ambtschreibers und eines ehrte. Rahts 
Strassen Recht und Zetter Geschreg gehalten norden, nachfolgender müssen. 
Anfangs ward das hochnohtpeinliche Halsgericht gewöhnlicher Massen ge- 
heget. Hierauf fing der Fiscalis an, wie folget: 

„Herr Richter, ich bitte und» Vhrlaub, für das hochnohtpeinliche 
Halsgericht zu treten und meine psealische ■peinliche Halsgerichts- Klage 
zu verrichten. Obgleich nach Anweisung sowoll göttlicher Rechten als 
auch Kagsers Caroli V. peinlicher Halsgerichts-Ordnung bey I^eib- und 
Lebens-Strafe verboten, dass niemand den andern vergeicaltigen oder tödten 
solle, so hat sich doch leider vorgestriges Tages gefunden, dass eine mehr 
denn unchristliche Mutter ihr neugebohrnes alliier vor Augen erblasset 
liegendes todtes Kind entweder selbst nach der Gebührt ungewaschen und 
angebadet mit u nabgebundenem Nabelstrange in einem gewissen Garten 
alliier in die Erde verscharret und solcher Gestalt ersticket, erdrücket 
oder durch andere es thuen oder wenigstens zu Tode bluten lassen. Wann 
denn nun diese abscheuliche und wieder die Natur laufende, an einem 
unschuldigen Kinde begangene Mordthat auch von der weltlichen Obrig- 
keit nicht ungeahndet gelassen werden kann, diese Mörderin aber noch 
zur Zeit nicht kund und offenbahr, als bitte ich Fiscalis unterdienst- 
lich, diese noch zur Zeit unbekannte Kinder Mörderin nach hergebrachtem 
Gerichts-Gebrauche zu dreyenmahlen durch den Frohnen citiren und 
folglichen das Zetter-G eschreg wie geuöhnlich darüber ergehen zu lassen, 
auch, wenn sie dermahlen kumlt und zur Haft gebracht worden, als- 
dann denen Rechten nach sie wenigstens mit dem Schwerdte vom Leben 
zum Tode bringen zu lassen, und, weilen dieses erblasste Cörperlein un- 
begraben nicht über der Erden bleiben kann, zu erlauben, dass selbiges 
der Erden einverleibet werden möge. Welches alles dann gerichtlich zu 
erkennen und zu erlauben das hoch mild- richterliche Ambt ich Fiscalis 
hiemit omni meliori modo implorire." 

Hierauf traten die Findlings- Bürger in die Findung, und als sel- 
bige eingebracht, ward die Vrthel publiciret, worinnen des Fiscalis pe- 
titis in allen deferiret ward. Nach publicirtem Vrthel fuhr Fiscalis fort : 

„Weil denn unter andern die Citation wieder die Kinder-Mörderin 
erkannt, als wollet ihr, Herr Bürgermeister, dem Frohnen anbefehlen, 
dass er selbige gebührend zu dregen Mahlen thue." 

Worauf der Bürgermeister den Frohnen also anredet : 



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„Ich befehle euch Frohnen, dass ihr die Citation begehrter mausen 
verrichtet." 

Hierauf der Fr ohne: 

„So esche ich diese Kinder-Mörderin zum ersten mahl in meiner 
Herrn gehegten Hecht, dass sie komme, gebe und nehme liecht. Ich 
esche sie zum andern mahl, dass sie komme etc. Ich csche sie zum 
dritten mahl, dass sie komme" etc. 

Barauf der Fiscalis: 

.,Dieieeil die Mörderin nicht erscheint und limine Verantwortung 
thuet, so erlaubet, Herr Bürgermeister, dem Frohnen, dass er sein 
Fggewappen ') entblösse und sein Ambt verrichte." 

Der Bürgermeister: 

„Es seg dem Frohnen erlaubt, sein Fggewappen zu entblösscn 
und sein Ambt zu verrichten." 

Worauf der Frohnc sein Eggewappiu entblösset, selbiges in die 
Höhe hält und zu d regen mahlen dabeg rufet: 

„Zetter über diese Kindermörderin, so diesen Todtschlag in diesem 
der begden ertv. Städte Lübeck und Hamburg Gebielhe gethan und mit- 
führet hat! Zetter über diese etc. Zetter über diese" etc. 

J Herauf Fiscalis: 

„Herr Bürgermeister, befehlet dem Frohnen, dass er sein Fgge- 
wappen bedecke." 

Der Bürgermeister: 

„Es seg dem Frohnen erlaubet, sein Eggewappen zu bedecken." 

Wann solches geschehen, wird durch den Bürgermeister das Ge- 
richt gewöhnlicher masseti geschlossen. 

Das Fahrrecht hat sich in Lübeck bis gegen das Ende des acht- 
zehnten Jahrhunderts in Übung erhalten, bezeichnenderweise wurde es 
aber durch eine Katsverordnung von 1619 dahin beschränkt, dass es 
bei unverschuldeten Todesfällen in Zukunft nur noch ausserhalb der 
Stadt, ebenda wo es sich um das Strassengericht handelte, in Anwen- 
dung kommen sollte. Gerade auf derartige Unglücksfalle hatte sich 
das Fahrrecht (von ahd. fara, d. h. böse Absicht) ursprünglich nicht 
bezogen, es war vielmehr von Hause aus ein ausschliesslicher Akt der 
strafenden Gerichtsbarkeit gewesen'). Dass man es ausserhalb der Stadt 

1) Scharfe Waffe, Schwert 

2) Vergl. Hai tau s, Glossarium 438 f. In einer Lübecker Verordnung von 
1659 begegnet „Fahrtilgung- für „vorsätzliche Tötung". Vergl. I) rey er a. a. 0. 420. 



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auch auf Akte mehr polizeilichen Charakters ausgedehnt hatte, Meng 
offenbar mit dem Bestreben zusammen, die hohe Gerichtsbarkeit der 
Stadt ganz besonders auch auf den Gewässern der Trave zum Ausdrucke 
zu bringen. Das alte Fahrrechtsformular war das folgende 1 ): 

Dat vaerrccht arer einen, de doet geslagcn is, efte vordrunken, 
rfte sik sidvest ummegebracht lieft, dat holt men also: Des rades vor- 
sprake sprikt: ,,Hcr vaget, latet mi ein ordeldclen: na dem men hir 
eine sähe apenbaren schal, de int frie hogestc geit, möge gi dar ock 
van rechte wegen cn dink to hegen?" De ander vorsprake: ,.Her vaget, 
dar möge gi van recht wegen ein dink to hegen." De riehteschriwer 
secht: „So do ick, alse mi to rechte vunden ist, unde hege unde holde 
ein dink, ein warre, ander warve, drudde warce. Iek frage, effte ick 
ein dink heget und holden hebbe, alse id recht siede unde vasl bliven 
schall?" Des rades vorsprake: „Her vaget, ghi hebben ein dink heget 
unde holden, alse id recht stede unde vast bliven scall." De richte- 
schriver: „Ick vraghe, wat ick vorbeden scliall?" Des rades vorsprake 
secht: „Schcldewort, unlust; recht bedä van miner hcren wegen." De 
richteschriver secht: „So do ick, alse mi to rechte vunden is. unde vor- 
bede scheldcword, unlust; recht bede ick van miner Iteren wegen." Des 
rades vorsprak r. „Her taget, aldns apenbare iek hir ein klage van miner 
heren wegen der koninkliken wolt. unde frage mi (in?) rechtes: na deme 
disse minschc is gekamen van dem levende to dem dode, effte dar iemant 
to were effte to qiicmc, de dar mede weset were in rade effte in dade, 
in flöck unde worden, des min hcren van Lübeck konden to der war- 
heit kamen, de kleger der gelieken, effte se de ock mögen wesen unvor- 
samrf hnden in dessem hudigen daghe?" De ander vorsprake: ..Ihr 
raget, ick wilt minen heren to Lübeck to rechte finden, dem kleger 
der ghelicktn: na dem dnssv minschc is gekamen van dem levende to 
deme dode, effte dar iemant mede weset ladde. in rade, in dade, in 
flöhe, in worden, des min heren konden to der warheit kamen, de klegher 
der gelieken, des tri mögen wesen umorsumet hnden in dessen daghe." 
Des rades vorsprake: „Her vaget, latet wider ein ordel delen, na dem 
de levendige nicht is bi dem doden", effte men ock möge den doden to 
grave bringhen unde stau sick mit dem levendigen umorsumet gelick 
hnden in dessen daghe etc.?" 

Die Lübecker übten das Fahrrecht auf der Obertrave bis nach Ol- 
desloe in Holstein aus. Um dem entgegenzutreten, hatte der Statt- 

1 ) Abgedruckt hei Petersen, a. a. O. 2(i4 f. 

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halter von Segeberg im Jahre 1592 den Oldesloe™ befohlen, dat sc 
den ersten minschen, so hernegest in der Traten vor Oldeschloe wurde 
vordrenken, scholden unbefahrrechtet heniceknchmen. Dem entsprechend 
hatte man bald darauf eine Meile von Oldesloe einen Ertrunkenen aus 
dem Wasser gezogen und in Oldesloe beerdigt, ungeachtet de lubeschen 
richteheren sc ermanet, de7i doden an den ort to bringende, dar se den 
genamen, unde bcfahrrcchtcn to taten. Nachdem aber die Lübecker 
Repressalien ergriffen hatten, sahen sich die Oldesloer nach vergeblicher 
Beschwerde bei dem dänischen Reichsrate genötigt, den Toten wieder 
auszugraben und im Sarge wieder an den Ort, wo man ihn aus dem 
Wasser gezogen hatte, zu bringen, und den luheschen richteheren dat 
varrecht dar am- sitten taten. Nach der Chronik des Gotthard von 
Hövel, der dieser Bericht entnommen ist, hatte der dänische Reichsrat 
die Beschwerde des Statthalters von Segeberg in der Erwägung zurück- 
gewiesen : nademe im ganzen lande to Jfolstcn l'undich were, dat de 
Tratenstrom den Lubschen togehorich, scheide er sc In dem eren unbe- 
eindrechtiget loten 1 ) 

Ein ähnlicher Konflikt wie hier an der Obertrave war 1632 auf 
dem Dassower See begegnet. Ein Fischer von Travemünde war in dem 
See ertrunken und bei Zarnewitz (Zarnewenz) im Ratzeburgischen, weil 
es gross Wasser gewesen , an das Land geschlagen t also dass er, nach- 
deme das Wasser wieder abgelaufen, fast t-rucken uf dem Lande ge- 
legen. Da die Lübecker diesen Vorfall nicht sofort erfahren hatten, 
so waren die beiden lübeckischen , Gerichtsverwal ter* erst dritten Tages 
hernach hinausgefahren, in Meinung, über den ertrunkenen Cbrper das 
gewöhnliche Für recht zu halten. Es fand sich aber, dass inzwischen 
schon die ratzeburgischen Beamten aus Schöneberg das Fahrrecht ge- 
halten und die Abführung der Leiche nach Travemünde verstattet hatten. 
Der Lühecker Rat verfasste in Folge dessen ,.zu Erhaltung ihrer Juris- 
diction" eine Protestation sschrift und Hess dieselbe dem Amte zu Schöne- 
berg „durch Notarien und Zeugen 11 überreichen. In dem Proteste 
wurde ausgeführt, es wüsste die ganze Nachbarschaft, dass die Jttris- 
dictio über bcmcllem Dassower SeJie einem hochw. Rothe der Stadt 
Lübeck zuständig und sie die allezeit mit dem Befahren (d. h. Farrecht) 
und anderen actibus jurisdictionalibus, insonderheit auch wenn sich solche 
Fälle begeben, dass ertrunkene Menschen ans demselben oder von dessen 
Ufer aufzuheben gewesen, ohne jemandes Widersprechen oder Vcrhin- 

1) Fahne, die Herren und Freiherren von Hövel 111.53. 



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47 - 



deren frei öffentlich exercieret und ohne einiges der Benachbarten Zu- 
thun allein verübet heften. Der ratzeburgische Amtmann berief sich 
dem Proteste gegenüber darauf, dass der vertrunkene und angetriebene 
Cor per nicht im Wasser, sondern ufftn Lande, und also uff ihres gne- 
digen Fürsten und Herrn, des Herrn Bischoffs unstreitigem Grund und 
Boden von den Panrcn und Ampts Unterthanen gefunden ivere, heften 
also das Farrecht billig darüber gesessen und damit in eines ernvesten 
hochw. linths Jurisdiction und Gerechtigkeit angebrachter massen keinen 
Eingriff gethan. Er berief sich ausserdem darauf, dass nicht allein bei 
ihrer Zeit unterschiedliche Actus und noch nicht al zulang über zwene 
ertrunkene Cörpcr und angetriebene, die mit dem untersten Leibe im 
Wasser und mit dem Haupte und Obrrleibe uffen Lande gelegen, son- 
dern auch die Bcampten vor ihrer Zeit ohne Jemandes Contradiction 
verübet helfen. Hielten also dafür, dass sie auch zu diesem jüngsten 
Actu wol befuget gewesen und der Stadt Lübeck Gerechtigkeit und 
Jurisdiction dadurch nicht turbiret, heften auch geschehen lassen, weiln 
des Dassower Sehes halben Iis pendens in Camera 1 ), dass ein ernvester 
hochweiser Rath in und uff dem Wasser actus jnrisdictwnis verübet 
heften , wie dann noch etwa vorm Jahre, da ein vertrunkener Cörper 
gefunden, die verordnete Gerichtsherren denselben am Ufer fest machen 
lassen, dass er nicht uffs Land kommen sollen, und das Farrecht über 
demselben im Wasser gesessen und zu dem Behucf Stühle darein setzen 
lassen heften. — Nach einem Fahrrechtsprotokoll vom Jahre 1618 hatte 
der Amtsschreiber von Schöneberg gegen ein auf dem rechten Trave- 
ller von Lübecker kSeite über einen Ertrunkenen abgehaltenes Fahrrecht 
Protest eingelegt, worauf sich die Lübecker Beamten darauf beriefen, 
dass sie sich noch in dem Überschwemmungsgebiete befanden : dass das 
Ufer, so weit sich des Winters Zeit wegen der Trafen Ausgiessung er- 
strecken möchte, eines ehrbarm Raths zu Lübeek Hoch- und Gerechtig- 
keit were, worauf sie je und allewege Fahrreeht gehalten und ifzund auch 
halten woltcn. Der ratzeburgische Beamte räumte hierauf ein, dass das 
Ufa-, so weit sich der Trarenstrom Winferszeit ergrnsst, dem Rat he zu 
Lübeck zugehöre, und erhob nur Protest dagegen, dass seinem gnädigen 



1) Bezieht sich auf den 1599 angestrengten Prozess Meklenburgs gegen Lü- 
beck wegen der Fischereigerechtigkeit in der Travo, dem Dassower See und der 
Pötenitzer Wiek. Per allerdings mehrfach unterbrochene Prozess war erst im Jahre 
1800 bis zur Entscheidung im possessorium summariissimum gediehen. Zu dem vor- 
behaltenen Verfahren im possessorium ordinnrium ist es nicht mehr gekommen. 



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Fürsten und Herrn solch Fuhrrecht zu keinem Vorfenge (/ehalten und 
verrichtet werden möchte. Er wollte sich also nur dagegen verwahren, 
dass aus dem vorliegenden Falle eine Berechtigung Lübecks, auch auf 
dem festen Ufer Fahrrecht abzuhalten, hergeleitet würde. — Im Jahre 
1612 war eine Frau auf dem Eise des Dassower Sees eingebrochen. Die 
Leiche wurde nach Teschau im Ratzeburgischen gebracht, die von den 
Einwohnern zur Abhaltung des Fahrrechts aufgeforderten Schöneberger 
Beamten erklärten aber, sie wollten mit denen von Lübeck nichts zu 
schaffen haben, dun der Dassoiver Sehe gehörete ohn allen Streit einem 
erbarn Raths zu Lübeck zu. Darauf ist es den Heim des Gerichts 
alt hier durch zwei Hausleute kund gethan, und als Herr Johann Lüne- 
horg mit dem Gerichtschreiber. BuJbicrcr, Vrocuratorn und Fronen zu 
Teschow ungetan get und gesehen, dass die Hausleute die Leiche im Hause 
und uf einem Wagen im Sarke liggende gehabt, ist von den Banren 
begehret norden, dass Herr Johann Lüneborg, Bathmann und Gerichts- 
Verwalter zu Lübeck, das Fahrrecht über die Leich daselbst im Dorfe 
Teschow halten möchte, dan sie es vor ihrer Obrigkeit wol verantworten 
tcolten. Weil sich aber der wolgemelfer Herr dessen gewegerf, berich- 
tende, solches ihme nicht gebühre, ist die. Leiche an den Ort, dar sie 
ertrunken, doch an den Over drs Dassowischen Seins, weil man uf das 
Eis. so gar mürb gewesen und nicht mehr halten wollen, nicht kommen 
können, wiedergebracht und nieder gesetzet worden, darüber den am 
2'J. Januarii dieses 1012. Jahres am Ufer des Dassowischen Sehes jegen 
Volkerstorf das gewöhnliehe Fahrrecht gehalten worden. — Noch be- 
zeichnender als dieser Vorfall ist ein F'aJirrechtsprotokoll vom Jahre 1622. 
Tra Dassower See unweit des meklenburgischen Dorfes Dassow war am 
7. März ein Mann ertrunken. Von zwei Lübecker „Rathmannen und 
Gerichtsverwaltern* wurde den U. Martü in Jjgemvart vieler Dassower 
Einwohner uff der Brüggen das gewöhnliche Farrveht gehalten. Die den 
See abschliessende Dassower Brücke über die Stepttoitz wurde hiernach 
noch als zu dem Lübecker Staatsgebiete gehörig angestehen. Ein Protest 
von meklenburgischer Seite war nicht erfolgt. \ 

Wie in dem Zarnewitzer Falle vom Jahre 1632, so ist allerdings auch 
sonst mehrfach von ratzeburgischer oder meklenburgischer weite im Laufe 
des sechszehnten und siebenzehnten Jahrhunderts über Per*»nen, die in 
dem Dassower See oder der Pötnitzer Wiek ertrunken waren\ das Fahr- 
recht abgehalten worden, dabei handelte es sich aber in der] Regel um 
solche, die an das feste Ufer getrieben waren, so dass die Zuständigkeit 



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wenigstens zweifelhaft sein konnte, und wenn man in zwei Fällen 
die Leichen aus dem See aufgetischt hatte, so war dies wahrscheinlich 
geschehen, ohne dass die Lübecker Behörden überhaupt Kenntnis von 
jenen Eingriffen in ihre Gerichtsbarkeit erhalten hatten. 

Zu den notwendigen Vorraussetzungen der Stromhoheit gehörten nach 
dem Rcichsweistum von 1294 (Seite 37) ausser der Stromgerichtsbarkeit 
auch die Zollgerochtigkeit und das Geleitsrecht auf dem Strome. 
Unter den Bestimmungen der Urkunde Friedrichs 1. von 1188 über die 
Erneuerung der Privilegien Heinrichs des Löwen für Lübeck befindet 
sicli auch eine Zollordnung, aber ohne dass sich mit Sicherheit erkennen 
lässt, ob die Zölle für die Stadt oder das Reich erhoben werden sollten. 
Eine Ausführung dieser Bestimmungen, eine vollständige Lübecker Zoll- 
rolle, rindet sich nun aber in der 1227 oder bald nachher entstandenen 
ältesten Aufzeichnung des lübischen Rechtes, dem sogenannten lübischen 
Fragment 1 ). Da wir es hier unzweifelhaft mit einem Akte der reichs- 
städtischen Autonomie zu thun haben, so ergibt sich, dass Lübeck seit 
1188, mindestens aber seit dem Freiheitsbriefe Friedrichs IT. von 1226 
die Zollgerechtigkeit innerhalb des städtischen Weichbildes, demnach 
auch auf derTrave, besessen hat. — Über das Geleitsrecht hatte der er- 
wähnte Freiheitsbrief von 1226 bestimmt: Prrterca firmitcr inhibemus, 
nc aliqua persona, magna vel parva, smdaris vcl ccclesiastica, persone 
alicui conduetum pnbeat in eivitatem predictam, quin ipsa euilibet im- 
pefenti eam in iure debrat reaponderc. Damit war innerhalb des Lü- 
becker Weichbildes, mit Einschluss des demselben einverleibten Strom- 
gebietes, jedes fremde Geleitsrecht ausgeschlossen, von einer Stromhoheit 
der benachbarten Fürsten über die Trave konnte demnach fortan über- 
haupt keine Rede sein. Einstweilen verblieb das Geleitsrecht wohl noch 
bei dem Reiche, mit dem Übergänge der Vogtei ist es dann aber un- 
zweifelhaft sofort auf die Stadt übergegangen. Aus einer im Jahre 1600 
aufgenommenen Zeugenaussage erfahren wir, dass jedesmal, wenn von 
Seiten der Stadt vornehme Personen im Travemünder Hafen empfangen 
wurden, um ihnen das Geleite nach Lübeck zu geben, auf dem gegen- 
überliegenden Ufer der damals von meklenburgischer Seite in Anspruch 
genommenen Halbinsel Priwall auch eine meklenburgische Empfangs- 
deputation anzutreten pflegte, gegen deren Erscheinen aber seitens der 
. Lübecker Abgesandten regelmässig Verwahrung eingelegt wurde. 



1) Urk.-U. der Stadt Lübeck I. Nr. 32. Verjrl. F r e n s d o r f f , Das lübisehe 
Hecht nach scineu ältesten Formen (1872) S. 11 rt. 

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Seitdem die Stadt Lübeck sich im Besitze der gräflichen Gerichts- 
barkeit, der Zollgerechtigkeit und des Geleitsrechtes auf der Trave be- 
fand, besass sie alles, was nach dem Reichsweistum von 1294 erfor- 
derlich war, um sich als Trägerin des Stromregals betrachten und sich 
das Eigentum an dem Strombette der Trave und den in demselben sich 
bildenden Inseln zuschreiben zu dürfen. So ist denn auch die einzige 
noch heute vorhandene Insel des Dassower Sees, die Insel Buchhorst, 
von jeher lübeckisches Stadtgut gewesen. Über eine früher in der Nähe 
derselben befindliche, später wieder verschwundene zweite Insel berichtet 
eine Eintragung des Lübecker Oberstadtbuches von 1842: Notum sit, 
fjuod Constantinus consul anit a fratre suo llinrico Constantino nnttm 
insulani in statjno Darsowe iaeentem, non remota ab una insnla alia 
que civitati pertinet, et isla insnla ad dictum Jfinricttm ex div-isione 
Itcrcditatis inter ipsum et Constantinum fratrem fit erat antca devoluta. 
Srd ab co ipse Constantinus nunc emii y et ipse Hiuricus eam Constan- 
tino coram consilio resignarit, salro tarnen civituti, si aliqua scriptum 
inde reperiri posset, qua doceri passet, se in dieta insnla melius ins 
habere. Jta cousilium scribi iussit*). Auch die zweite Insel stand hier- 
nach unter Lübecker Gerichtsbarkeit und gehörte zu dem Weichbilde 
der Stadt. 

Auch in Ansehung der Strom bauten hat Lübeck seine Hoheitsrechte 
mit Entschiedenheit und auf diesem Gebiete bis in die neueste Zeit un- 
angefochten zu wahren gewusst. Als im Jahre 12Ö6 von der Pötenitzer 
Wiek zum Meere ein Durch brucli des Wassers durch den Priwall er- 
folgt war, wurde derselbe von lübischer Seite mit grossen Kosten wieder 
ausgefüllt. Von einer Beteiligung Meyenburgs bei diesen Arbeiten, die 
zunächst der meklenburgischen Grenze vor sich gingen, war keine Bede, 
obwohl es, wenn Meklenburg ein Recht am Dassower See und der Wiek 
gehabt hätte, dringend in seinem Interesse gelegen haben würde, die 
ihm so günstige neue Wasserstrasse nicht zu verschliessen, sondern im 
Gegenteil zu erweitern. Im ,'lahre 14(>5 sah sich der Rat der Stadt 
Lübeck veranlasst, bei Travemünde eine Menge Steinkisten versenken 
zu lassen, ummc hterintje willen des thpes, treufe de Strom en helt 
nicht edle tid enen top, mer be teilen was he middene in demme depe, 
beirilcn to euer siden, also dat de dupe des traters wart ruhen genau- 
deh 2 ). Auch hier wäre es, wenn Meklenburg ein Hoheitsrecht über die 



1» Vcrgl. ITrk.-B. der Stadt Lübeck II. S. GS5, 107«. 
2) Vcrgl. Üruutoff, Lübecker Chroniken II. S. 285. 



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Trave gehabt hätte, ganz undenkbar, dass eine so bedeutende Strom- 
anlage ohne Mitwirkung von meklenburgischer Seite erfolgen konnte, 
zumal da es sich um eine künstliche Verlegung des Fahrwassers han- 
delte, das nach den Grundsätzen des Völkerrechts die Grenzlinie zwischen 
Meklenburg und Lübeck gebildet haben müsste. Sehr bezeichnend für 
die Stromhoheit Lübecks war es auch, dass der Rat zur Deckung der 
durch diese Strombauten entstandenen Kosten allen ein- und auslaufen- 
den Schiffen einen Zoll auferlegen konnte, der zwar, wie der Chronist 
berichtet, ausserhalb Lübecks grossen Unwillen erregte, aber gleichwohl 
aufrecht erhalten wurde. 

Schwerer zu behaupten waren die Hoheitsrechte Lübecks in Betreff 
der Fisehercigcrechtigkeit und gewisser von Holstein in Anspruch 
genommener Fährgerechtigkeiten. Hinsichtlich der ersteren kam 
es im Anfange des sechszehnten Jahrhunderts sogar zu einem Kriege mit 
Meklenburg, später zu dem erwähnten endlosen Prozess vor dem Reichs- 
kammergericht. In beiden Fällen handelte es sich um niedere Regalien, 
deren Besitz oder Nichtbesitz für die Frage nach dem Besitze der Strom- 
hoheit nicht in Betracht kommen konnte. Die eigentliche Fischerei- 
hoheit, die sich in polizeilichen Massregeln und Verordnungen hinsicht- 
lich der Travefischerei äusserte, wurde ebenso wie die Jagdhoheit auf 
der Trave bis in die neueste Zeit ausschliesslich von Lübeck ausgeübt. 

In mittelalterlicher Weise kam die Stromhoheit Lübecks auf dem 
besonders umstrittenen Dassower See bis in den Anfang unseres Jahr- 
hunderts alljährlich im Mai durch eine feierliche Grenz fahrt der Goth- 
munder und Schlutuper Fischer, in Begleitung von drei lübischen Be- 
amten und sechs Stadtsoldaten, zum Ausdrucke. Am Ende des Sees 
rief einer der Beamten: Bis hierher geht der Herren von Lübeck ihr 
Hecht! worauf die Soldaten ihre Gewehre abschössen und die Fischer 
das auf einem kleinen im See belegenen Werder gewachsene Gras ab- 
mähten. Die amtliche Begleitung hat seither aufgehört, im übrigen 
dauern diese jährlichen Grenzfahrten im amtlichen Auftrage des Lü- 
becker Senates noch heute in alter Weise fort. 



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Das Kathnrineiifest der Heidelberger Artisten- 
fakultät. 

Ein Beitrag zur inneren Geschichte mittelalterlicher Hochschulen. 

Von 

Karl Martfelder. 



Die mittelalterlichen Hochschulen waren kirchliche Anstalten. Viele 
derselben sind durch die Kirche allein oder durch ein Bündnis von 
Staat und Kirche gegründet. Ihre Lehrer waren Geistliche, selbst in 
der medizinischen Fakultät, und bezogen ihren Gehalt in der Regel aus 
kirchlichen Pfründen. Die Lebensordnungen für Lehrer und Schüler 
zeigen in allen Punkten einen kirchlichen Charakter. Die Mehrzahl der 
Studenten wohnt in den sogenannten Contubernien oder Bursen, d. h. 
klösterlich eingerichteten Studierhäusern. Sie sind verpflichtet, in einer 
Kleidung einherzugehen, die an die mönchische Tracht erinnert ; man 
erwartet von ihnen wie von den Profossoren regelmässigen Besuch dos 
Gottesdienstes. 1 ) Die akademischen Feste sind anfangs wohl ausnahms- 
los Festtage des Kirchenjahres. s ) 

Dem entsprechend wird auch jede Fakultät von einem Heiligen 
oder einer Heiligen patronisiert. Die zahlreichste der Fakultäten, aber 
die letzte in der Reihe und den andern nicht gleich an Würde, ist die 
artistische, wofür wir jetzt philosophische zu sagen pflegen, so genannt 
von den sieben freien Künsten, Septem arte» liberales, welche den Gegen- 
stand des Unterrichts bildeten. Erst wenn man die Vorlesungen und 
Übungen der Artistenfakultät erledigt hatte, stieg man in eine der 



1) Vgl. darüber G. Kaufmann, Die Geschichte der deutschen Universitäten. 
Bd. I. Vorgeschichte. Stuttgart 1888. Aug. Thorbocke, Geschichte d. Universität 
Heidelberg I. (Heidelberg 1S8G). S 42 ff. 

2) Vgl. Ed. Wink el mann, Urkundenbach der Universität Heidelberg (Hei- 
delberg 1866). I. Nr. 10. S. 13. 



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drei oberen Fakultäten auf. 1 ) In ihr .herrschte schon wegen der grossen 
Zahl der Schüler das regste wissenschaftliche Treiben. So ist auch die 
Patronin dieser Fakultät, die hl. Katharina von Alexandrien, diejenige 
Heiligengestalt, welche überhaupt als Vorbild und Schützerin wissen- 
schaftlichen Strebens galt. 8 ) 

Nach einer vorbreiteten Form der Legende stammt sie aus könig- 
lichem Blute und zeichnete sich als 18jährige Jungfrau nicht bloss durch 
Schönheit, sondern auch durch Weisheit und Gelehrsamkeit aus. Durch 
eine Disputation bekehrte sie eine Anzahl heidnischer Philosophen zum 
Christentum. Ja dieselbon wurden alsbald so bokenntnisfreudige An- 
hänger der neuen Religion, dass sie das Martyrium für dieselbe auf sich 
nahmen. Auf Befehl des Kaisers Maxentius (nach anderer Angabe 
Maximinus) in den Kerker geworfen, bekehrte Katharina hier die Ge- 
mahlin des Kaisers, den Heerführer Porphyrins, welcher die Kaiserin 
geleitet hatte, und dessen 200 Soldaten. Auch diese erleiden das Mar- 
tyrium. Die Heilige selbst trotzt allen Schmeichelkünsten wie Drohungen 
des Kaisers. Als man sie mit Hilfe eines Kades, das mit Nägeln be- 
setzt war, hinrichten wollte, zerbrach die Maschine durch ein Wunder. 
Der Kaiser liess nun die in ihrem Glauben unerschütterliche Jungfrau 
mit dem Schwerte hinrichten. Der 25. November wurde ihr Gedenktag. 
Engel trugen ihre Gebeine nach dem Berge Sinai, woselbst Kaiser 
Justinian I. ein Kloster über denselben bauen Hess. 3 ) 

Die Artistenfakultät Paris hatte Katharina zu ihrer Patronin aus- 
ersehen. Bei der Vorbildlichkeit, welche die Pariser Hochschule für 
viele deutsche Hochschulen gewann, erklärt es sich, dass auch die Ar- 
tistenfakultäten deutscher Universitäten dieselhe sich erwählten, so die 
Wiener, welche das Katharinen fest durch eine Predigt und eine grosse 
quodlibetische Disputation feierte. 4 ) Auch an der Universität Ingol- 
stadt feierten die Artisten den 25. November das Fest ihrer Patronin. 6 ) 

1) Vgl. Sybels Histor. Zeitschrift. Bd. 45, 397. — Bd. 04, 86. 

2) Die alte und neue Litteratur über K. ist verzeichnet in dem Artikel 
Zöcklcrs, Theolog. ltealencykl. VII. (Leipzig 1880i. S. 624 u. 625. Vgl. dazu die 
Augabcn Potthasts im Supplempntband seiner Bibliothcca medii aevi. 

3) Vgl. Fr. Haraeus, Vitae Sanctorura (Antverp. 1594), p. 878. Manche Va- 
rianten der Legende bei anderen Schriftstellern. 

4) Vgl. J. v. Aschbacb, Geschichte d. Wiener Universität (Wien 1865). I. 83. 
136. 190. Über die quodlibetische Disputation vgl. Thorbecke, Geschichte der 
Univere. Heidelberg. I. 72 ff". Ergänzungen dazu bei Liessem, Hermann van dem 
Busclic. S. 58—70 (Köln 1886, Progr. d. Kaiser Wilbelms-Gymnasiunis). 

5) C. Prantl, Gesch. d. Ludwigs-MaximilianB- Universität etc. (München 1872). 
1. 79. IL 52. 117. 



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Die Statuten der Hochschule Wittenberg bezeichnen ebenfalls Katharina 
als die Patronin der Artistenfakultät und verlangen die festliche Be- 
gehung ihres Tages. 1 ) 

Nicht anders war es in Heidelberg. Schon im Gründlingsjahr 
der Hochschule, den 19. November 1386, beschloss eine Versammlung 
der Magistri, dass zu den von der Universität zu begehenden Festen, 
an denen eine Messe gehalten werden sollte, neben fünf Marientagen 
auch das Katharinenfest zu feiern sei. Im Laufe des 15. Jahrhunderts 
wurde dasselbe sodann noch mit grösserer Feierlichkeit und Pracht be- 
gangen. Den 6. August 1446 beschlossen die Vertreter der Artisten- 
fakultät über die Formen der Feierlichkeit. 8 ) Mit einem Anschlag an 
den Kirchenthüren wurde zur Begehung des Festes eingeladen. Feier- 
kleider bei Messe und Vesper wurden angeordnet, ebenso das Spiel der 
Orgel. 3 ) 

Von besonderem Interesse ist die Anordnung, dass am Tag vor dem 
eigentlichen Feste in der Heiliggeist-Kirche eine Predigt (collatio) über 
Katharina zu halten sei. 4 ) Zugleich erwartete die Artistenfakultät, dass 
der Rektor in Begleitung des Pedells mit dem Scepter der Hochschule 
und die Doktoren der oberen Fakultäten sich an der Feier beteiligten. 

Im Jahre 1454 Hess die Artisten - Fakultät ein Scepter anfertigen, 
das noch vorhanden ist. „Der obere Teil zeigt in einem dreiseitigen 

1) Th. Muther, Die Wittenberger Universitäts- und Facultäts-Statuten etc. 
(Halle 1867). S. 2. Vermutlich war Katharina noch an anderen Universitäten Pa- 
tronin der Artisten. — Kath. war auch Patronin der deutschen Nation in Bologna. 
Vgl. Malagola und Friedlander, Acta nationis Germanicae p. 6. 

2) Ed. Winkelmann, Urkundenbuch I. 13. Nr. 10. 11. S. 38. Nr. 331, wor- 
nach weitere Beschlüsse am 18. u. 21. Novcmher hinzukamen. G. Tüpke, Matrikel 
der Universität Heidelberg (Heidelberg 1884). 1. 625. 639. 647. 

3) Weitere Einzelheiten zusammengestellt bei Thorbecke, Geschichte der 
Universität. I. 80 und Anm. 160. S. 67* 

4) Eine solche, 1479 hier gehaltene „collatio" des M. Jodocus Kychcman aus 
Calw ist im Cod. Pal. Vat. Lat. 362. f. 40—43 enthalten. Eine andere wird unten im 
Abdruck mitgeteilt. — Die fraglichen Worte des Beschlusses über die Kntbarinenfeier 
lauten: Ordinauit eciam facultas, quod singulis annis futuris ad almam vniuersitatem 
heydelbergensem fiat collacio de beata katherina in profesto eiusdem per aliquem ex 
birretatis in facultate artium, pro quo obtinondo instat dicta facultas, ut sie fiat de 
consensu et voluntate facultatis theologice, et hanc collationem visitarc tenehuntur 
decanus, omnes magistri et bacealarij sub pena 11 sol. den. superius expressa; 
protinus eciam interessencic hortandi sunt scolares facultatis artium. Ann. der 
Artisten II. (Hdschr. 358, 73), fol. 2 b (= tom. III. 1 b). Die Feier soll stattfinden 
in choro ccclcsic regalis saneti Spiritus in augmentum et landein antelatc facultatis. 
Doch scheint der Besuch mangelhaft geworden zu sein. Den 13. November 1514 
fasste die Fakultät Beschlüsse, um die Teilnahme an der Feier zu erhöhen. Annal. 
der Artistenfakultät III. fol. 63. 



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gotischen Tabernakel, das in zwei Stockwerken autsteigt, die Figur der 
heiligen Katharina mit weit herabwallendem Haar, das eine Krone ziert ; 
in der Rechten umfasst sie ein mit der Spitze nach unten gekehrtes 
Schwert, mit der Linken hält sie das Rad. auf dem sie gemartert werden 
sollte, und das zerbrach, als sie es mit ihrer wunderthätigen Hand be- 
rührte.* 1 ) Unter den der Universität gehörigen Studierhäuseru oder 
Bursen (auch Contubernien genannt) war auch eine Katharinen burse, in 
der vermutlich bloss Artisten Aufnahme fanden. 2 ) 

Nun verstehen wir auch, warum die Humanisten, welche überwie- 
gend der Artistenfakultät angehörten und selbst bei zunehmenden Jahren 
meist in derselben blieben, gerade die hl. Katharina so häutig besingen. 
Es ist kein Zufall, dass unter der grossen Zahl von humanistischen 
lateinischen Gedichten, welche an Heilige gerichtet sind, so viele Ver- 
herrlichungen Katharinas sich finden. Sehen wir von der Gottes- 
mutter Maria ab, so ist keine Heilige eifriger angesungen und um Bei- 
stand angegangen worden. Die lateinischen Poeten feierten eben die 
Patronin ihrer Fakultät, die Schützerin ihrer gelehrten Zunft. 

So steht in den Carmina des Karmelitergenerals Battista Spagnuoli 
aus Mantua, gewöhnlich B a p t i s t a M a n t u an u s geheissen (1448—1516), 
unter den Parthenicae an zweiter Stelle ein langes hexametrisches Ge- 
dicht auf die hl. Katharina, nachdem an erster Stelle Maria gepriesen 
worden. 3 ) Dasselbe hat in Deutschland freundliche Aufnahme gefunden. 
Kein geringerer als der berühmte Jakob VVimpfeling forderte seinen 
Freund, den Humanisten Sebastian Murr ho aus Kolmar, auf, eine 
Erklärung zu demselben zu schreiben. Dieselbe erschien 1501 in Strassburg 
und wurde noch zweimal gedruckt. 4 ) Ein anderer Italiener, der um die 
Verbreitung des Humanismus in Deutschland grosse Verdienste hat, 
Aeneas Sylvius Piccolomini, der spätere Papst Pius II., hat 
ebenfalls in einem Gedichte Katharina gefeiert. 

1) Thorbeck i', Gesch. I. Anm. S. GL)*. Ein Bild dieses Sccpters befindet 
sich in Rupcrto-Carola, Festchronik der Univers. Heidelberg (Heidelberg 1886), 
S. 28. 

2) Weiteres darüber bei Hautz, Gesch. d. Univers. Heidelb. I. 203. Bant/, 
Lycei Hcidelbergensis Origines etc. (Ileidelb. 184G), S. )3G. — Kine Katharinouburse 
hatte auch Dasei. Hutteni opp. ed. BOcking. Sappl. II. I, .'521. 

3) Dasselbe ist dem venetianischen Batticier Bernardus Bcmbus gewidmet. 
Vgl. die in Köln 1500 erschienene Ausgabe, welche der bekannte Hermann van dem 
Busche mit lateinischen Distichen empfohlen hat. 

4) Bei J. Knoblouoh in Strassburg 1515 ii. 1518. Vgl. Ch. Schmidt, Hißt, 
littt-raire de l'Alsace. II. 38 und 391. 



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- 5« - 



Von Italien kam die humanistische Hinhing nach Deutschland. 
Gleich die ersten Wegehereiter der neuen Bildung in unserem Vater- 
land gesellen sich zu dem Jubelehore der Heiligen. So hat der be- 
rühmte Friese Kudolf Agricola, ein auch sittlich achtungswcrtcr 
Vertreter der deutschen Frührenaissance, Katharina in einer bis jetzt 
noch ungedruckten lateinischen Ode geleiert. Der wanderlustige Konrad 
Celtis bittet sie in lateinischen Distichen, so wie man Maria anruft, 
ihn von der Körperlichkeit zu befreien und durch die Lande Iiiegen zu 
lassen. 1 ) Des Celtis Nachfolger auf dem Ingolstadter Lehrstuhl war 
der streitbare Humanist Jakob Locher Philomusos aus Ehingen 
in Schwaben. Auch von ihm wissen wir, dass er ein .Carmen heroicum 
de sancta Catharina* geschrieben hat. 2 ) Eine ähnlich wanderlustige 
Persönlichkeit wie Celtis war Hermann van dem Busche, genannt 
Pasiphilus, „der Wanderprediger des Humanismus' 4 im nördlichen Deutsch- 
land. In zweien seiner lateinischen (ledichtsammlungen finden sich Epi- 
gramme ,de diva Catharinau 3 ) Selbst der polnische Humanismus be- 
teiligt sich an diesem Kultus: der Dichter Paulus Crosnensis 
preist in der feierlichen Form einer sapphischen Ode unsere Heilige als 
,virginem et martyrem gloriosissimam." 4 ) 

Neben dieser lateinischen Verherrlichung geht eine solche in d e u t- 
scher Sprache einher. Im Laufe des 15. und Di. Jahrhunderts er- 
scheinen Bearbeitungen des Lebens von „Sant Katherem* in Vers und 
Prosa. Ohne Angabe des Verfassers ist ,Ein schönes lyed, von dem 
leben der heyligen Junckfrawen vnd martrerin Sant Katherina. In 
dem Muscatplüt thon" bei Hans Weyssenburger in Nürnberg, anfangend: 
„Ein junckfraw fein, sant Katherein." 5 ) Eine prosaische Bearbeitung 

► 

1) Vgl. K. Hartfei der, Fünf Bücher Epigramme d. K. Celtis (Herlin 1*81). 
I. 20. Varianten zu diesem Epigramm finden sich in zwei lat. Handschriften der 
Münchener Hof- und Staatsbibliothek (Olm. 480. fol. 235 u. Olm. 434. fol. 14b u. tio). 

2) Aus dem Jahre 14%. Vgl. Hehle, Der schwäbische Humanist Jakob 
Locher etc. I. 17 (Ehinger Progr. 1873). 

3) In seinen Epigrammensammlungen von 1498 u. 1504. Vgl. Liessem, Her- 
mann van dem Busche. Sein Lehen und seine Schriften. I. (j u. 21 (Programm des 
Kaiser-Wilhelms-Gymnasiuras in Köln. 1884). 

4) Bron. Kruczki ewiez, Pauli Crosnensis etc. carmina (Cracoviac 1887), 
p. (50 u. 61) Vol. II des Corpus antüiuissim. poet. Polon. Latin.). — Auch bei den Lit- 
thauern wurde Katharina in gleicher Eigenschaft verehrt : Literarum Studiosi Catha- 
rinau! virginem alexandrinam velut alteram Minervam colunt. ( f Haupts Zeitschr. 
für deutsches Alterthum. T. (1841) 144. — Mittelalterliche Hymnen auf K. bei Daniel, 
Thesaurus hymnolog. V. 122. 123. ICH u. sonst. 

5) K. Gödeke, Grundriss zur Geschichte der deutschen Dichtung (Dresden 
1884). 12. 312. Dazu ein weiterer Druck eines Liedes im Muskatblüt-Ton bei Martin 



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der „neuen, seltsamen und lustigen Legende* vom Ursprung, Leben 
Marter, Sterben und den Wunderzeichen „der wolgebornen Künigin vnd 
Junekf'rawen vnd marterin sant Katharinen" erschien im Jahre 1500 zu 
Strassburg bei Hans Griininger. 1 ) Neben diese oberdeutsche Bearbei- 
tungen stellte sieh auch eine solche in niederdeutscher Sprache, welche 
in Köln erschienen ist. 2 ) Der aus dem Ingolstadter und Freiburger Hu- 
manistenkreis stammende Urbanus Rhegius hat als Domprediger zu 
Augsburg eine Predigt über die Heilige gehalten, welche 1521 eben- 
daselbst gedruckt wurde. 3 ) In den Lebensbeschreibungen heiliger Jung- 
frauen, welche Peter Chalybs 1515 in Nürnberg herausgab, und die er 
Chelidonius widmete, fehlt auch die der hl. Katharina nicht. 1 ) 

Hinter den redenden Künsten blieben die bildenden nicht zurück. 
Es ist gewiss kein Zufall, dass eine Menge von Darstellungen der hl. 
Katharina nachgewiesenermassen gerade im 15. und 16. Jahrhundert 
entstanden sind. Das Martyrium derselben oder ihre Verlobung mit 
dem Christkinde gehörten zu den beliebtesten Vorwürfen jener Zeit und 
zwar nicht bloss auf Kupfern, Schrotdrucken oder Holzschnitten, die als 
Marktwaare im Volke weiteste Verbreitung fanden, sondern auch auf 
den Familientafeln und Altarbildern der Gotteshauser spielte die Heilige 
eine sehr bevorzugte Rolle. 

Nur einige Beispiele seien angeführt : so hat A. v. Essen wein wahr- 
scheinlich gemacht, dass der Altarschrein aus der Nürnberger Katha- 
rinenkirche, welcher sich jetzt im germanischen Museum zu Nürnberg 
befindet, in der Zeit von 1460 bis 1470 entstanden ist. 5 ) In Köln ent- 
stand 1473 dio St. Katharinenkapelle. 0 ) Im Jahre 1512 malte der ältere 
Holbein das Martyrium der hl. Katharina : „höchst lebendig ist der 
Moment erfasst, in welchem der Blitzstrahl das Rad, das ihr den Tod 
geben sollte, zerschmettert, die Schergen niedergeworfen oder in Schrecken 
gejagt hat." 7 ) Der gleiche Gegenstand dürfte schon einige Jahre vorher, 



Ilach in Strassburg. 1508. Vgl. dazu Weiler, llepertoriimi typographicum (Nörd- 
liDgcu 18G4). Nr. 443. 713. Ein Druck von V. 1520 ebendaselbst Nr. 1480. 

1) Der genaue Titel Gödeke a.a.O. Iis. 22. 

2) Sent katherinen passie. 12 Bll. 4°. Vgl. Gödeke a. a. 0. I. 4G8. 

3) Bei Silvanus Otmar. Vgl. Well er Nr. 1934. 

4) Vgl. Fr. v. Bezold im Anzeiger f. Kunde d. deutschen Vorzeit. N. F. 29 
(1882). Nr. 4. — In der Wolfenbüttlcr Handschrift Nr. 236 findet sich gleichfalls 
ein Leben der Katharina ans dem 15. Jahrhundert. 

5) Mitteilungen aus dem germanischen Nationalmuscum. II. (21) 165— 1G8. 

6) Vgl Janssen, Geschichte des deutschen Volkes (Freiburg 1883). P. 146. 

7) Alfr. Woltmann, Holbein und seine Zeit 2. Aufl. (Leipzig 1874). I 83. 



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1506, von dem altern Lucas (.'ran ach gemalt worden sein. 1 ) Ein 
Altarbild der hl. Katharina in der Kapelle des Heidelberger Schlosses 
besingt der Humanist Adam Wernher von Themar. 2 ) Auch Albrecht 
Dürer stellte dio Marter der hl. Katharina in einem seiner berühmten 
Holzschnitte dar, und unter seiner Leitung wurde der gleiche Gegen- 
stand, vermutlich durch Schüler, unter den Bildern des Hellerschen 
Altars gemalt. 3 ) 

Diese Beispiele der redenden wie der bildenden Künste Hessen sich 
noch sehr beträchtlich vermehren, wozu hier ein Grund nicht vorliegt. 
Ks kann aber nicht mehr zweifelhaft sein, dass in der zweiten Hälfte 
des 15. und in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts der Katharinen- 
kultus eine bedeutende Steigerung erfuhr. Wir gewinnen dadurch eine 
I'arallele zu dem Kultus der hl. Anna, der Mutter Marias, die eben- 
falls von den Humanisten viel gefeiert wurde und deren Kultus am 
Ende des Mittelalters mit solcher Geschwindigkeit wuchs, dass es sogar 
den damals lebenden Menschen selbst auffiel. 4 ) Der steigende Wissens- 
drang am Ende des 15. Jahrhunderts, der unseren Latein- und Hoch- 
schulen solche Scharen von Schülern zuführte, ist die eigentliche Wur- 
zel für die wachsende Katharinenverehrung; denn diese Heilige patroni- 
sierte ganz speziell das Wissen und den Lerneifer. So erzählt der fah- 
rende Schüler Felix Platter in seiner bekannten Lebensbeschreibung: 
„Ich hatte auch meine Heiligen und Patrone, zu denen ich betete, zu 
jedem Besonderes, ... zu St. Katharina, dass sie mir zur Gelehrsam- 
keit helfe." 5 ) 

Ein weiterer Beitrag zur Katharinenverehrung ist eine lateinische 
Kede, welche in dem einzigen auf der Schlcttstadter Bibliothek befind- 
lichen Wimpfeling- Codex (n. 1165) enthalten ist. Herr Oberlehrer 



1) Das Bild ist jetzt in Dresden. Vgl. M. B. Lindau, Lucas Cranach (Leipz. 
18S3). S. 45 Anni. Sollte sich darauf das lateinische Gedicht des Caspar Ursimis 
Velins beziehen? Vgl. G. Bauch, C. Ursinus Velius (Budapest 188G). S. 44. 

2) Vgl. K. Hartfelder, AH. Werner v. Th. (Karlsr. 1880). carm. 59. S. 35. 

3) M. T hausing, Dürer. Geschichte seines Lebens und seiner Kunst (Leipzig 
187(>). S. 203 und 25)9. Weitere Katharinenbilder wurden gemalt von Masaccio, 
Lippi, Correggio, Cagliari, Carlo üolce, Paolo Veronese, Hans Memling, H. v. Eyck 
u. A. Vgl. Zückler in der Theol. Realencykl. VII. 625. 

4) Vgl. Th. Kol de, M. Luther (Gotha 1884), 1. 21 und die Litteratur Uber 
diese Frage ebendaselbst S. 3<>3. 

5) Ich entnehme die Stelle, da mir dio neue Ausgabe l'latters von Boos nicht 
zur Verfügung ist, Gnst. Freytag, Bilder aus d. deutschen Vergangenheit (Leipz. 
1887). II. 2, S 32. Weitere Litteratur über den Katharinenkultus bei J. K. Seide- 
mann, Beiträge zur Keformationsgeso.hichte (Dresden 1846), S. 20. 



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- 59 — 



Dr. Knod, der die aus der Zeit Wimpfelings selbst stammende Abschrift 
in diesem Sammel-Codex wieder aufgefunden hat, war so gütig, mir 
seine Kopie derselben zur Verfügung zu stellen, deren Abdruck weiter 
unten erfolgt. *) Der Verfasser derselben ist Jodocus Galcz oder 
Galtz, latinisiert Gallus oder Gallicus aus Ruft'ach im Elsass, eine 
der hervorragendsten Persönlichkeiten an der Heidelberger Hochschule 
um die Wende des fünfzehnten Jahrhunderts. Schon durch seine 
Geburt, aber auch durch Sinnesart und geistige Richtung steht er 
Jakob Wimpfeling, dem berühmten Humanisten, nahe, der längere 
Zeit an der Universität Heidelberg eine einflussreiche Stellung inne 
hatte.*) Galtz war den 22. Oktober 1470 in Heidelberg immatrikuliert 
worden, hatte sodann den 6. Juli 1478 das Baccalaureatsexamen und 
im März 1480 unter dem Dekanat Wimpfelings sein Magisterexamen 
bestanden. Schon in den nächsten Jahren war er selbst Prüfungskom- 
missär (temptator) und bereits 1484 Dekan der Artistenfakultät. Im 
Dezember 1492 wurde er durch die Wahl zur höchsten akademischen 
Würde, zum Rektor der Hochschule berufen. Ein heiterer lebenslusti- 
ger Mann von derbem Witz, wie man aus der von ihm gehaltenen aka- 
demischen Scherzrede sieht, in seiner Lebensführung nicht ohne sitt- 
lichen Makel, scheint er nicht nach dem Ruhme eines fruchtbaren 
Schriftstellers gestrebt zu haben. Nur wenige Schriften aus seiner 
Feder sind im Drucke erschienen, wie z. B. die Mensa philosophica, 
welche 1500 in Heidelberg gedruckt wurde. Wiederholt hat er bei 
festlichen Anlässen lateinische Reden gehalten, so im Mai 1489 auf 
einer Synode in Speyer, welche Rede auch gedruckt wurde. Andere 
sind bisher ungedruckt, so auch die untenstehende über das Leben 
der hl. Katharina. In welchem Jahre dieselbe gehalten wurde, ist in 
der Rede nicht gesagt. Da aber nach den akademischen Bestimmungen 
entweder der Dekan der Heiliggeistkirche oder ein Magister der Ar- 
tistenfakultät die Rede halten sollte und Galtz den 8. März 1480 zum 
Magister promoviert wurde, so haben wir damit den Zeitpunkt, nach 
welchem die Rede gehalten sein muss. 

Die Form derselben ist dadurch sehr merkwürdig, dass sie sich 
nach einer nicht allzulangen Einleitung zu einem Dialoge zwischen der 

1) Bei der nicht ganz leichten Herstellung des Textes habe ich mich der Hilfe 
von Hofrat Dr. Zangemeister zu erfreuen gehabt. 

2) Über Gallus vgl. Ch. Schmidt, Histoire litteraire de l'Alsace. II. 40ff. 
Einige Berichtigungen und Ergänzungen zur Biographie des G. gebe ich Zeit- 
schrift f. d. Gesch. d. Oberrheins. Bd. 45 (N. F. 6), S. 163. Über Wimpfeling in Hei- 
delberg vgl. Knod in genannter Zeitschrift, Bd. 40 (N. F. 1), S. 317 ff. 



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I 



— HO - 

hl. Katharina, die selbst redend eingeführt wurde, und einem jungen 
Menschen, gewiss einem in Heidelberg studierenden Artisten gestaltet. 
Wir nehmen dabei gewiss mit Recht an, dass Galtz selbst die der 
Heiligen in den Mund gelegten Worte gesprochen hat. So gewinnt die 
kirchlich-akademische Feier einen pädagogischen Charakter; es ist ein 
charakteristischer Schulakt, der, entsprechend der Eigentümlichkeit der 
mittelalterlichen Hochschulen, nicht im Schulraum, sondern in der 
Kirche stattfindet. 

Wenn wir nicht schon wüssten, dass Galtz der damals in Heidel- 
berg vertretenen humanistischen Richtung angehörte, so würden wir es 
aus unserer Rede entnehmen können. Ihr Latein freilich ist keines- 
wegs von ciceronischer Schönheit und Reinheit. Wortschatz uud Gram- 
matik ist wesentlich verschieden von echt humanistischen Erzeugnissen 
der Zeit, wie sie z. B. Rudolf Agricolas Feder schuf. Aber die Rede 
enthält eine Verteidigung der sogenannten Eloquentia; das ist keines- 
wegs Beredtsamkeit im gewöhnlichen Sinne, sondern die üblicho Be- 
zeichnung für das Ganze und Wesentliche der humanistischen Bildung. 
Der von den Alten entliehene Ausdruck ist das eigentliche Schlagwort 
für die Bildungsweise der humanistischen Neuerer. 1 ) Aus der Rede 
selbst ergiebt sich, dass Galtz derselben Richtung wie Wimpfeling an- 
gehörte. Er erstrebte eine Vereinigung der religiösen christlichen Bil- 
dung mit der rein menschlichen, welche auf die Schriftsteller der 
Alten zurückgeht. Für diese humanistische Schule, welche in Deutsch- 
land immer die herrschende blieb, zu der selbst noch Erasmus gehörte, 
wenn man ihn recht versteht und seine Gedanken nicht verzerrt, gab es 
keinen Gegensatz zwischen Christentum und Humanismus, zwischen Re- 
ligion und Wissenschaft. Sie dichtet religiöse Lieder auf die Gottes- 
mutter und die Heiligen und feiert zugleich die Schönheit der Alten. 2 ) 

Auch ist unsere Rede ein lehrreiches Zeugnis für die Zustände 
einer deutschen Hochschule am Ende des Mittelalters. Wir erfahren, 
was sich die Lehrer für Studenten wünschten, welche Ziele man den 
Lernenden setzte, wie aber die Wirklichkeit durch viele Erscheinungen 
im schroffen Gegensatz zum angestrebten Ideal stand (vgl. z. B. S. 65). 
Die Angaben darüber, wie sich viele Studierende beschäftigten und Zeit 



1) Vgl. darüber K A. Schmid, Geschichte der Erziehung etc. (Stuttg. 1889). 
II. 2, 65. 

2) Vgl. G. Knod, Aus der Bibliothek des Beatus Bhenanus (Leipzig 1889), 
S. IX. — K. Hartfelder, f'ber neuere Beurteilungen des deutschen Humanismus 
(Heidelberg 1888), S. 11. 



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1 



- 61 - 

und Gesundheit vergeudeten, sind gewiss keine blossen Redensarten, 
sondern spiegeln die Wirklichkeit wieder. 

Die Orthographie der Handschrift, die sehr wesentlich von der 
jetzigen abweicht, wurde im wesentlichen beibehalten, nur wurden die 
Eigennamen und die von Eigennamen abgeleiteten Adjektiva mit gros- 
sen Anfangsbuchstaben versehen und offenbare Schreibfehler verbessert, 
jedoch die handschriftliche Lesart in der Anmerkung angegeben. Die 
Interpunktion wurde zur Erleichterung des Verständnisses nach den jetzt 
üblichen Grundsätzen geregelt. 

Trithemius berichtet, dass Wimpfeling eine „Oratio ad Gymnoso- 
phistas Heidelbergenses de Sancta Catharina" gehalten habe. 1 ) Wenn 
diese Schrift, die meines Wissens bis jetzt nicht wieder aufgefunden 
ist, auch in Zukunft nicht wieder zum Vorschein kommen sollte, so 
kann unsere Rede bis zu einem gewissen Grade als Ersatz dafür gelten. 
Die beiden geistesverwandten Männer haben gewiss den Stoff in ähn- 
licher Weise behandelt. 



De beatissima Artistarum patrona, Catharina virgine, 
JodociGalli Rubeacensis oracio. 

Gracia vobis et pax a Deo patre nostro et domino Jesu Christo. 
Amen. 

Quandoquidem, doctissimi patres, audientibus vobis praestantissimis 
viris hodie utcunque orandum michi est, quo tametsi nedum michi om- 
nium pusillo, verum eciam unieuique res tarn ardua minus redditur 
facile ferenda, inspicienti tarnen michi liodierne et quidem ') preclarissime 
festivitatis, de quo sermo habendus, obiectum mox animus accessit, ut 
celeberrimis patribus in theologia magistris, quemadmodum debui, libcn- 
cius me facerem obsequentem. Inprimis itaque venit in mentem oppor- 
tuna rei subiecte auditorumque conformitas, que non parum oratoris 
et officio et fini congruere videtur, conformitas, inquam, qua 8 ) illic 
quidem diua nobis Katharina gentilium diuinarumque scienciarum doc- 
tissima proponitur ieiunio, oracione solemnitatibusque colenda. 

Ex alia uero parte variorum sectatores studiorum, laudis ipsius 
cupidissimi auditores hie loci comparuerunt. Quamuis enim uniuersis 



1) Vgl. Knotl in der Zeitschrift f. cl. Geschichte des Oberrheins. N. F. Bd. I. 
(1886), S. 321. 

2) „quid" Iis. 

3) „quam" Hb. 



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- 62 - 

Christi fidelibus in hac ipsa virgine nostra plurima laudis et preconii 
argumenta palam emineant, quibus ipsa diuine fraterneque caritatis, pu- 
dicicie, humilitatis et martirij splendidissimum extat exemplum, ludo 
tarnen literario deditis, singulare quoddam in ea concessum est pri- 
uilegium intueri. Nam si uel omnes, que in cathalogo sanctoruin 
descripte sunt, uirginum condictiones examinauerimus, hanc solam su- 
peresse constabit, que arcium et inter eas rheseos ') potissimum philozo- 
phieque {sie) preeepeionibus excellentissime fuerat imbuta. Quod si uel 
maioribus non niouearaur argumentis, quinquaginta saltem oratores 2 ) per 
eam et disputando uicti et ad fidem quam saluberrime conuersi fatentur 
et declarant. Quamobrem recte nobis cum hac virgine patrocinij com- 
mercium est, eam ut inter alias preeipuam habeamus, veneremur, co- 
lamus. 

Sunt, qui Aristotelem, *) Platonem aliosue gentilitatis periciores 
magno prosequuntur et cultu et honore, credentes id se necessario facere 
oportere propter librorum, quos apud nos modo tenemus, primariam tra- 
(Hctionem. Sed reuera nihil Uli opitulaminis afferre nobis possunt, ut 
uel rerum cognicionem nanciscamur vel vitam aliquatenus emendemus, 
cum nemo ex eis aut forsitan pauci (si saltem plerisque doctoribus fidem 
adhibeamus) saneta diuinaque beatitudine, unde salus omnis emanat, 
perfruatur. Sunt preterea (sed quid illis detestabilius quidue magis 
perfidum esse potest?), qui non solum Auerroim 4 ) scelestissimum aposta- 
tam habere gaudent autorem, verum ipsius quoque doctrinam aliis ante- 
ferre, eam ipsam sublimare, oxtollere, magniticare. Cuius apud catho- 
licam nostram fidem apostasia id meruisset, ut omnes quas unquam 
exeogitauit adinuenciones prorsus de ueritat« reputarentur esse suspeete. 
Sunt, qui Franciscum, Augustinum, Dominicum, Benodictum 5 ) aliosue 
professionum suarum institutores maxima veneraciono excipiunt, sed illi 
forsitan nec immerito religione sua indueti id ipsum facere consueuerunt, 

1) Das griechische (auch S. 67 Z. G vorkommende) scheint sonst im 
lateinischen nicht gebraucht worden zu sein. 

2) Das sind die 50 Philosophen, welche auf Befehl des Kaisers Katharina 
im Kerker aufsuchen mussten, um sie zu widerlegen. 

3) „arestotelem" Hs. 

4) Der arabische Philosoph Averroes od. Äverhoes (U2G-1198) schrieb Kom- 
mentare zu den Werken des Aristoteles, die auch ins Lateinische ubertragen wur- 
den. Seine Schrift De substancia orbis wurde im Mittelalter, z. B. in Krakau, zum 
Gegenstand einer Vorlesung gemacht Vgl. W. Wislocki, Liber diligent. univ. 
Cracov. I (Cracov. 188G), S. 219. 

5) Angehörige der Orden der Franziskaner, Augustiner, Dominikaner und 
Benediktiner bekleideten im Mittelalter vielfach die Profcssuren an den Hochschulen. 



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— 63 - 



quemadmodum et laycorum gonus omne ad aliquem sanctorum solet 
conflucre aut siDgulari quadam affectione aut egritudinibus inductum, 
quibus ipsi nonnunquam sancti domino concedente succurrunt. Nobis 
autem tum Spiritu sancto ad Christi professionem accersitis, tum eciam 
in gymnasio 1 ) literarum et preeipue arcium et philosophie constitutis, 
quis sanctorum patrocinio nostro magis poterit esse accommodacior uir- 
gine nostra Katharina? 2 ) lu qua nobiscura una fides est (o utinam in 
nobis charitate firraata) ac deinde credibilium naturaliumque secretorum 
licet satis impar intellectus. Videntur quoque hac maiores nostri occa- 
sione permoti, a quibus in nos eisque posteriores eius de qua patrocinium 
e.st deuolutum. Nam id palam pre se ferunt prudentissinio eorum de sua 
festiuitate instituciones, ordinaciones pulcherrime, ritus apprime magnifici, 
laudabiles cerimonie, hijs ipsis significantes eam esse, quam in quibus- 
libet neccssitatibus nostris adiutricem inuocemus, sub cuius presidium 
confugiamus; do quo ut adiuuante deo et audire et loqui conuenint 
magis, omnium virginum primam et matrem Christi archangolica salu- 
tationc interpcllamus dicens : 3 ) Aue gracia plena. 4 ) 

Certo quidem cercius esse michi uidetur, viri maximopere colondi, 
tunc uniuersos nos diuc Katharine nostre luculenter et ad uota forsitan 
sua laudes decantauisse, si ad eius multiplex exemplum charissimos nos 
deo famulos in maudatorum obseruancia offeremus atque, quod inter 
cetera maxime nos debet admonere, ut eius sponsi Christi Jhesn sanguine 
preciosissimo non in cassum nos redemptos pernoscamus. Quo enim 
crederomus vel summo omnium regi vel patrone nostre placidos nos 
exhiberi, si quotidie et preter numerum huius quidem mandata, illius 
uero positas in eius uita exhortaciones transgrederemur ? Que spera- 
rcmus carmina uel dominum uel modiatricem ipsam mulcerc posse, 6 ) 
si huius et misericordia et iusticia, illius uero precibus ad uiam recti 
nullatenus impellcremur ? Keuera non coucordarct hoc pacto psalterium 
cum cithara, quinimo prorsus inualida erunt, que laxis eciam fibris rc- 
sonaremus, 6 ) mirifica eius gesta, marthirium, uirgiuitas, summa in Chris- 
tum dilectio, cognicio rerum. 

1) Gymnasium wird im Mittelalter häufig für Hochschule gehraucht. 

2) „Katherina" Hs. Diese Form wechselt wiederholt in der Hs. mit Katha- 
rina, welcher Wechsel von hier an nicht mehr besonders angegeben wird. 

;t) Vermutlich zu verbessern in „dicentes". 

4) Die Worte des Erzengels Gabriel im Ev. Luc. I. 28. 

5) „possent" Hs. 

G) Nach dem Hymnus auf Johannes den Täufer: „Ut queant laxis resonare 
fibris." (Mitteilung des Herrn Bibliothekar Geny in Schlettstadt.) 



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Agite igitur, precor, patres fratresque reuerendi suauissimique, di- 
scamus inprimis in hac virgine nostra tantum a summo deo nos graciam 
obtinere, ut, quemadmodum ipsa, ita et nos, quoad possibile fuerit uni- 
cuique in hac quam degimus vita, doctrinarum apicom, post uero, ea 
vita defüncti, diuinam beatihci obiecti fruicioneni feliciter attingamus. 
Quod ut pro viribus singuli adtentemus, speraui non inutilem nobis fore, 
quam ex dialogo sumus exhortacionem allaturi. Cuius unam adole- 
scens, arcium auidus, personam aget, alterum uero felix ipsa Katharina 
non dedignabitur persone locum obtinere. ') 

Procedit itaque adolescens hisce verbis virginem alloquuturus : 
Adolescens: Quantum tc diligam, castissima virgo Katharina, non 
satis tibi, ut arbitror, ore meo patefieri potest. Verum si quando datur 
introspici pcctus, licet prorsus immundum, mox ingentes amoris in te 
mei flammas facile agnosces ; taciunt id quam plurima, quamobrem dili- 
geris, argumenta atque inprimis, quod visibiliter dominus ipse Jesus 
conversioni se dedit esse prescntem, quod te, regali Stirpe progenitam, 
potentia diuicijsque affiuentcm, faciei membrorumque elegancia decoram, 
uirginem castam, dilectissimam spoosara humilemque Christo filiam ex- 
hibuisti, quodque eius feruentissimo tandem amore inducta, nedum mnlti- 
plicem Maxencij 2 ) tortorisque ignominiam, verum et mortem quoque 
truculentam subire non dubitasti, uude ceterarum es eftecta virginum 
primiceria, omnibus eis longe gloriosior, sola preter dei genitricem 
summo regi sponsa familiarior. Quas ob res tametsi vulgus eciam in- 
doctum te multipliciter colat, te veneretur, fateor tarnen non tarn ha- 
rum, quas modo dixi, rerum, quam singulari ac precipuo sciencie dono 
in tui amorem mo fuisse prouocatum, atque eo magis, (juo logenti michi 
historiam tuam potissimum occurrebat magna tc industria attigisse, 
quicquid intimus nature rimator Aristoteles 3 ) perlucida ordinataque serie 
docuerat, quicquid poetarum tcgumentis fuerit adumbratum, quicquid 
euigmatibus obscuris diuinus Plato scpeliverat, quicquid denique sibil- 
linis carminibus aliisque speciem quaudam prophecie pre se ferentibus 
precinebatur. »Speraui igitur, optima uirgo, ad te veniens, tantam in 
oculis tuis me graciam atque beneuolenciam inuenturum, ut (quibus me 
dedidi) bonarum arcium intellectus tua intercessione, deo autem largitore 



1) Nach diesen Worten ist man zur Annahme geneigt, dass jemand, als heil. 
Katharina verkleidet, die Holle in dem nun folgenden Dialog gesprochen hat. 

2) Der Redner folgt also derjenigen Form der Tradition, welche den verfol- 
genden Kaiser Maxen tius nennt, wahrend die andere Form den Maximinus annimmt. 

3) „arestoteles" Iis. 



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- 65 - 

michi tribuatur, vires ingenium sumat, confortetur memoria, racio diri- 
gatur, deinde quod regulas quasdam ex hystoria tua te informatrice 
ediscam, non tarn pro vite emendacione necessarias quam pro nomine 
tuo solaciosas, quibus me demum ad hunc facias montem peruenire, qtii 
et legem Moysi dedit in monte Sinai, et in eodem loco corpus tuum 
sanctissimum per angelos mirabiliter collocauit. ') Hac enim occasione 
seruitorem me tibi quotidianum deuoui, te ex alijs patronam elegi, 
hodie ieiunium subij, futuram crastine diei solemnitatem oracionibus 
atque tuum in amorem elemosinis festinandam expectans. 

(Katharina). 2 ) Gaudeo vehementer te (quibus es artibus manci- 
patus) tantopere affici, ut nedum, quod ab omnibus laudi datur, appre- 
hensionem earum desideres, verum pro ipsis eciam uberius nanciscendis 
non veluti rüde quoddam 5 ) hominum genus totam discendi speciem atque 
fiduciam in te ipso constitueris, quin seiende ymo et bonitatis cuiuslibet 
olfeceris largitorem, quo dirigente nihil deuiura, quo docente nihil pror- 
sus ignotum. Hec adipiscende veritatis prima salus est, ut eruditorem 
ipsum et agnoscas et reuerearis. Quis enim, si preeeptorem vel nesciat 
vel scire neglexerit, ne dicam contempserit, in qualibet eciam facultate 
aliquantisper eruditus euadet? Placet item audita in me deuocio tua, 
dum saltem nichil fuerit figmenti admixtum aut, quod eque timendum 
est, labili ruinamque minaturo fundamini sit innixa; verum, priusquam 
responsione mea super agendis rebus cercior fias, breuibus me loquentem 
audito. 

Adolescens. Quiduis prolaturam te expecto. 

Katharina. Non te latet eos, quibus finera aliquem attingere 
cordi est, et ea quoque media attingere oportere, sine quibus propositum 
penitus dostituoretur eftectu; ymo nec illis dumtaxat apprehensis inox 
optatam se metam arbitrentur consequutos, quin et uniuersa, si qua siut, 
pro adquirenda fine obstacula e medio anferant necesse est. Te autem 
utrumque negligere vix satis atque satis mirari possum, preter que uel 
doctus uel sapiens usqnam euasit nemo. Finem habes salubritor intentum 
liberrimarum artium assequutionem, sed nec media circumspicis iwc 
obstacula repellis. 



1) Bezieht sich auf die Angabe der Legende, dass Katharinas Leichnam von 
Engeln nach dem Berge Sinai gebracht worden sei. — Die Worte klingen an die 
Oratio des Breviers am 25. Nov. nn (Gcny). 

2) Vermutung Knods. Kehlt in der Handschrift. 
o) „quodam* Hs. 

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Adolescens. Die queso primum, que me a discendis litteris im- 
pedimenta seducant. 

Katharina. Ocius dicam, licet, tanquam rusticus ad solem, pa- 
teant uniuersis. Quis enim tarn mente inops, qui ludum, euagacionem, 
ocium, commessaciones, luxuriam nesciant studiosis cciam incredibile 
detrimentum afferre. Cetera uero tu ipse cogitato, que uulgacioribus istis 
solent versiculis enumerarj. Ebrietas, pbrenesis, Studium diseontinuatum, 
oeeipitis vulnus, languor, nimius quoque sompnus: hec faciunt minui 
Studium tibi pbilozopbie. Nam quot tempestate nostra vidimus alta 
sublimique scripturarum intelligencia floruisse, qui lenocinio, decursione, 
tasseribus, *) segDicie, crapula aut discontinuacione studia coluerunt! 

Adolescens. Fateor ego tecum singula, que connumerasti, plu- 
rimum discentibus obesse. Anne est danda pro tempore remissio que- 
dam dantibus operam litteris? 

Katharina. Danda est utique, sed sit remissioni modus, ne, quem- 
admodum in scholaribus hodie conspicitis, oeij consuetudinem faciant 
remissiones uimie. 

Adolescens. Habeo tibi gracias, si quas possum, immortales, 
que tarn nociua me monuisti impedimenta deuitare. Que vero, dicito 
precor, tanta tamque necessaria sunt studendi media? 

Katharina. Leccio frequens et quottidiana, eiusdem repeticio, 
viuax diligentia, exercitacio et que hijs metris optime comprehensa sunt: 
mens humilis, Studium querendi, vita quieta, scrutinium tacitum, pau- 
pertas, terra aliena : hec referre solent nonnulla obscura legenti. Quem- 
admodum enim imprudenter sub Arcturo 8 ) vina se sperat collecturum, 
eciam si superos (ut ita dicam) inuocauerit omnes, qui anno iam lapso 
nichil laboris vitibus applieuisse visus est, ita stulto quoque magnam 
in so credat philosophiam suboriri, qui Codices s ) uel nunquam uel raris- 
sime versat, nunquam aut lecta repetit aut audita, nunquam, disputacioui 
argumentando se ingerit, in facultate sua exercicium habet nunquam. 

Adolescens. Sane de hijs omnibus et exercicio preeipue verum 
te dixisse non ambigo, quod decursis feie tribus mensibus et in sylo- 
gisacione et scribendis epistolis experiencia didici, unde tantns me in 



1) So die Hs. 

2) So emendiert Zangemeister; „subacturo" die Hs. „Sub Arcturo" = im 
Herbst ; vgl. Vergil. Ge. I. 67 „sub ipsum Arcturum". Der Arktur, der glänzendste 
Stern im Sternbild des Bootes, ging in der ersten Hälfte des September auf. 

3) Codices bedeutet Bücher und zwar nicht bloss geschriebene, sondern auch 
geilruckte. 



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— 67 - 



discendam rhetoricam ardor inuasit, ut, nisi popularium et quidem ini- 
quam iudicio meo criminacionem vererer, nihil me ab eiusdem seiende 
traditoribus absterreret, si qua demum daretur eius particula deprehendi, 
que nedum artibus, verum cuilibet quoque faeultati videatur decorem 
afferre. 

Katharina. Quanam stulticia indueti populäres rhesi se tantopere 
prebent infestos eamque et ipsi aspernantur et ceteris interdicunt? 

Adolescens. Confestim eius causam sciscitantibus ') grauissimam 
Ciceroniani Hieronymi obijeiunt reprehensionem, quum id reprehensum 
esse aiunt, quod eloquencie fuerit studiosus. 

Katharina. Ttaque ornatum ideirco dicendi arbitrantur repre- 
hensum ? 

Adolescens. Ita est. 

Katharina. Si tantam ab ipsis eloquencia calumniam habet atque 
vituperium, non valeo satis admirari, quamobrem nedum singulariter me 
colentes, verum et tota quoque uniuersalis ecclesia eam in me unica 
laudat, extollit, magnificat. Tnter ceteras enim quas de me concinit 
laudes non manet eloquencia intacta, quam cum maximi Piatonis philo- 
zophia fere instar Ciceronis et in suramo me predicat attigisse easque 
tanta profectione complexam, 8 ) ut in aneipiti iudicio penderet, an sapiencia 
an eloquencia floruerim prestancior. Nunquid in ea, quam de me canit 
et organo ludit, sequencia sie inter cetera affertur: 

„Annis puerilibus sophistieis artibus fuit clara. 

Turbam philozophicam vicit et rhetoricam disputando. " 

At neque est (ut stat plurimorum sentencia), quod christiano rhe- 
torica non conueniat. Nam, ut ad Hieronymum redeam, non fuit eius 
accusacio, c|iiod esset Ciceronianus, sed quod non Christianus, qualem se 
falso predicauerat, cum litteras despiceret sacras, non itaque huius artis, 
sed nimium huius vel alterius Studium, ita ut locis melioribus non re- 
linquatur, reprehensum. 

Verum quid verbis opus est? quid Hieronymo ipso eloquencius, 
quid magis Oratorium, quid, licet illc sepe dissimulare velit, benedicendi 
solicicius, studiosius, obseruancius ? quid quod libros gentilium sepe in 
testimonium assumit, quemadmodum et ego ipsa inter disputandum cum 
oratoribus effeci, quos, si non licet legere, minus profecto legendos ex- 
hibere; quare, quod iam extra periculum positus, ad gentilium lectionem 



1) „scissitantibus" Hs. 

*2) So emendiert Zangemeister; „complexaiü" Iis. 



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- 68 - 



rediit, siue ut illinc eloquentiam mutuaretur, siue ut illorum bene dicta 
probans maledicta reprehenderet, quod et ceteri omnes Latini örecique 
fecerunt, Hilarius, Ambrosius, Augustinus, Lactancius, Basilius, Grego- 
rius, Crisostomus, alij quam plurimi, qui in omni etate preciosas illas 
diuine sapiencie gemmas auro argentoque eloquencie vestierunt. ') In 
contrarium igitur res ipsa recidit, ut non modo non reprehendendmn sit 
eloquencie studere, verum eciam non studere calumniandum. Tu uero 
ad eam, si quem animum nuper concepisti, fac modo audaciter (sie), 
que cepta sunt, aggrediaris, maximum ex ea paucis post diebus como- 
dum inuenturus. Eque uero tum huic tum ceteris artibus iuxta 
commemoratam 8 ) medionim impedimentorumque regulam tc aecomodabis, 
quod licet ad unguem usque seruare, factu haud facile sit unieuique, 
posteaquam tarnen sumpto animo atque bona in Christum confidencia 
rem ipsam fueris aggressus, ne dubita, quin et meo, si quid possum, 
auxilio atque interuentu presto velim tibi Semper adesse. 

Adolescens. „Letatus sum in hijs, que a te modo dicta suut 
michi V) sed si dicere ausim, nedum factu haud facile, sed grauissimum 
uidetur hoc quidem superius explicatum mediorum iter obseruare, illa 
uero impedimentorum deuia surdis auribus preterire. 

Katharina. Tametsi uerum est, uulgo quod dici solet, neminem 
auratis calcaribus militem insigniri nisi eum, qui duris laboribus uiri- 
liter in campo Mavortio decertauit, 4 ) itaque sine curis atque uigilijs doc- 
tum te euasurum non presumes, attamen non est cupidis in ueritate 
molestum onus, quod in speculacione pertimescis respondeatque obiecti- 
oni tue unlgatum illud prouerbium: »Volenti et amanti nihil difficile." 
Quin ymo quas tu credis esse anxietates, ocium magis, ut Ciceroni placet, 
litterarum est, ocium suauissimum, ocium honestum. 5 ) Sed hijs aliorsum 
dimissis que pociora restant, breui collocucione expediemus. 

Adolescens. Probe facis, suauissima virgo, peticioni mee iam 
denuo satisfactura ; te autem, priusquam in hanc instruetionis formam 
accingas, id unum oratum velim, ut discendis rebus totam vitam pas- 
sionisque Seriem connectas, quo, dum Spiritus hos regit artus, 6 ) eam 
facilius memoria tenere possim. 

1) Verwendung einer Stelle aus Cassiodor, e<l. Garet, vo). II, p. 554 (e. 28). 

2) „commemoratum" Hs. 

3) Psalm. 121, 1. 

4) Am Rande stehen hier die Worte mit roter Tinte: „sicut una hyrundo". 

5) Anspielung auf Cic. Tusc. V, 3ß § 105, wo aber der richtige Text „otium 
litteratum" hat. 

6) Citat aus Vergil, Aen. IV. 330. 



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Katharina. Studebo pro uiribus deuocioni tue morem gerero, si 
modo veniara dabis, ut res de me gestas (quam hystoriam appellant) 
summarie transcurram. 

Adolescens. Id et gracius et iucundius michi est. 

Katharina. Sed quid tibi principia, patriam commemorare iuuat 
Alexandrina >) suo tempore philosophia abunde redundantem: que ta- 
metsi prima fuerat occasio generöse indolis, incertum tarnen est, an 
in partem veniat numeranda felicitatis. IUic rex Coscus (nam id patris 
nomen erat), dum adhuc tener fuerat animus, philosophie studiis arti- 
busque liberrimis fecit applicari; ubi ante omnes preceptorum instituta 
hauriebam: tantus erat labor et diligencia), ut nemo me coetaneorum 
visus esset superasse, ad quod imitandum plurima iam verba edidissem, 2 ) 
nisi magna michi spes parata foret ex superioribus te satis fuisse ad- 
monitum. 

Adolescens. Sat dictum reor parere cupienti. 

Katharina. Spiritu, deinde tractu diuino christianam tidcm sa- 
crosanctumque baptisma suscepi, in quibus castitate perpetuo seruanda 
Christo me sponsam deuoui, uniuersis, que libidini fomenta ministrant, 
omnino postergatis: hic ut breuibus dicam, discendum tibi est omnes 
immundicias reijcere, lasciuias deuitare, delicias contemnere, opibus vel 
hereditate vel beneficio acquisitis non abuti. Post hec, Maxencio idolis 
sacrificare precipienti iam a me correpto*), accersitos per eum pro 
mutua disputacione quinquaginta oratores eo deduxi, ut gentilitatis er- 
rore deposito crepitantes ignium flammas pro Christo subirent. Regina 
item, Maxencii coniunx, 4 ) Porphirius quoque militum tribunus dum noctu 
me in carcere visitassent, per me ad fidem sunt conuersi atque per sup- 
plicium pro Christo passum deinde ad gaudia regni cclestis peruenerunt. 
Nunquid autem pro feminei sexus fragilitate acceptam a domino sciencie 
pecuniam existimabor dedisse ad usuram? 

Adolescens. Satis profecto, ita me saluet Jesus. 

Katharina. Tu igitur caue, precor, si quem doctrine thesaurum 
fueris a domino consequutus, ne non seminando abscondas, errantes non 
dirigas, ignaros non instruas, non corrigas desidiosos. 



1) „allexandrina" Hs. 

2) Dazu geschrieben von derselben Hand: eftunderem. 

3) Corripere ist hier in der nicht allzu häufigen Bedeutung „tadeln", „zurecht- 
weisen" gebraucht 

4) In der Legende führt sie den Namen „Faustina". Vergl. Fr. Haraeus, 
Vitae sanctorum (Antverp. 1594), p. 878. 



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Adoloscens. De tarn gloriosissimis facti« nunquid non exsultasti? 

Katharina. Gaudebam utiquc conuersorum ad fidera saluti me 
consuluisse. At nec inficias ibo omnem me fastura contempsisse, dum 
memoriam subijsset regni '), diuiciarum apparatus: eximius forme dccor, 
corporis speciositas, florida iuuentus, secularium diuinarnmque rerum 
cognicio, oratorum triuniphus 2 ) ad me omnipotentis Dei dono accessissent. 
Quid enim rectins cum psalmista dicerem: „Non nobis, domine, non 
nobis, sed nomini tuo da gloriam." 3 ) Sed o auem in terra vestra ra- 
rissimam, o insolitum cordibus vestris et pene inauditum hospitem! 
0 quam durum quamque graue est scienciam cum humilitate foedus 
inire! Nam uereor admodum paucos esse, qui uel mediocriter iam 
edocti non alios despiciant, se ipsos extollant, ceteros deprimant, in se 
glorientur. Tum uero si me patronam tibi uelis adessc, ex me humi- 
litatera discas, solidum spiritualis edificij fundamentum; quod si iactum 
non fuorit, detestabilem perferet ruinam, quicquid superedificabitur. 

Adolescens. Quo tandem uite exitu martirij palmam obtinuisti ? 

Katharina. Apparatur postremo machinamentum acutis noua- 
culis horrificum, sed fulmine celitus misso colliditur circumstanciuin- 
(jue 4 ) gentilium turba ingens igne celesti concrematur. At non minus 
seua tyranni feritas ingraueseit properatque mortem alacri desiderio cu- 
pitam inferre. Astat iam carnifex ense accinctus, illico ceditur caput, 
corpus lacte fluit, Syna sepelitur ex tumbaque oleum manat curandis 
morbis saluberrimum. Hic, hic te fortitudo admonere videtur, ut ad 
pugnam bellaque viciorum prudenter instruaris. Nam etsi katholica 
tides per totum orbem disseminata est, etsi persecutionum procella modo 
detumuit, etsi vincula, verbera cesserint et carceres, altero tarnen genere 
bellorum liostes vincere, triumpho potiri et gloriam tibi querere con- 
cessum est. Si igitur tyranni defuerint contra fidem bellatores, aciem 
expectabis viciorum, certabis preclare in hostiles mundi carnis et de- 
monum ineursus. Illic et hodie victoribus palma datur, illic suos eciam 
habent hec prelia triumplios. Habes ex me modo hystorie compendium 
et ca que 5 ) succinete potui documenta excerpere ; quibus si te obtempe- 
rantem prebueris, nihil dubitacionis de consequenda post lianc vitam 
cterna felicitate restabit. 

1) „regnis" Hs. 

2) Zangemeister vermutet, ilass hier „quae w einzuschieben ist. 

3) Psalm 113, b, 1. 

4) „circumstanciarnque 14 Hs. 

;t) }>o emeiuliert Zangemeister; „que ea" IIb. 



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Adolescens. Optime mones patrona atque informatrix fidissima: 
modo hic volentem adiuua, adiuuatum conserua, labentem releua, ober- 
rantem in uiam reuoca atque hanc, quam tibi quotidie offerre decreui 
oraciunculam, ne sinas effectu fore destitutam. 

Responsum. Surge, virgo, et nostras sponso preces aperi. Tua 
uox est dulcis in aure domini, que pausas sub umbra dilecti; ab estu 
mundi, transfer nos ad amena paradisi. Amen. 1 ) 

Uniuer8alis ecclesie atque gymna9ij nostri statum et ine ipsum pri- 
mitatibus vestris facio commendatum. 

Alias. 8 ) 

Cum uniuersalis ecclesie statu gymnasium nostrum atque me ipsum 
primitatibus vestris facio commendatum, patres ac domini doctissimi. 
Cultrix diuina, virtutum flos, Katharina, 
Altera regina celi, terro medicina, 
Tu disciplina rhetorum tideique carina, 
Hinc rota cultrina 3 ) veneratur lampade fina, 
Roris piscina, bonitatis crisma propina,*) 
In nos declina faciem, virgo seraphina, 
Nos de sentina mundi, mortis Libitina, 
Ad celos mina, 5 ) quo pax manet absque ruina. 6 ) 

Aliud de S. Katharina. 
(Tu) foelix regina, virgo prudens Katharina, 
Sponsi celestis verax inuictaque testis, 
Nobis indignis precibus succurre benignis, 
Ut pietas Christi, cuius regnum meruisti, 
Nos a peccatis mundet iungatque beatis. 

1) Das wahrscheinlich gesungene Responsum ist das sog. Capitulum des Offi- 
cium der hl. Katharina; s. Strassb. Brevier 1478. (Geny.) 

2) Das Wort „alias" steht in der Hs. in der folgenden Zeile nach „nostrum", 
ist aber vermutlich nach Zangemeister hierher zu setzen. 

3) Ein mit Messern besetztes Rad, oben mit „machinamentum acutis nouacu- 
lis" bezeichnet; s. S. 70. Das folgende „lampade" bezieht sich auf den ebendaselbst 
erwähnten Blitzstrahl. 

4) „Spende die Weihegabe der Güte", d. h. spende deine Güte als Weihegube. 

5) Von dem vulgärlateinischen „minare" = „ducere, promovere". Vgl. Diez, 
Etymol. Wörterb. I. s. v. menare. 

6) Dieses Gedicht ist, wie Zangemeister bemerkt hat, ein Akrostichon: 
Cathrina. In der Handschrift sind die Initialeu nicht besonders hervorgehoben. 



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Arnold von Brescia 

von 

Adolf HauHiath. 



Als die Nachfolger des grossen Karl und unter diesen vor allem 
die frommen Ottonen Bistümer und Abteien mit Landbesitz ausstatteten, 
bis sie an Macht und Einkommen hinter den grossen weltlichen Lehen 
in nichts zurückstanden, dachten sie ausser an die Pracht und Macht 
der Kirche, die ihnen am Herzen lag, doch auch daran, diese Gebiete 
bei der Kirche sicher zu stellen gegen die Vererbung in den Familien 
der grossen Vasallen. Leichter war es, für ein erledigtes Bistum einen 
dem Kaiser ergebenen Prälaten zu finden und dessen kanonische Wahl 
bei dem Kapitel durchzusetzen, als ein erledigtes weltliches Lehen dem 
Sohne oder Erben des gestorbenen Trägers vorzuenthalten, mochte dessen 
Treue auch noch so zweifelhaft sein. So waren die geistlichen Gebiete, 
die der König verlieh, zumal in Deutschland, recht eigentlich die 
Stützen des Königtums geworden. Daran freilich hatte in der Zeit der 
Ottonen, die Päpste einsetzten und absetzten, niemand gedacht, dass 
eines Tages ein Papst sagen könnte: „alle diese Lehen, Privilegien, 
Immunitäten, die der König den Bischöfen verlieh, lässt die Kirche sich 
gefallen, aber die Bestätigung der Wahlen steht ausschliesslich beim 
Papste und die Laieninvestitur ist als sündhafte Simonie verboten!" 
Es war bekanntlich Gregor VII., der solche Forderungen stellte, und 
damit don langen, das Abendland zerrüttenden Investiturstreit entfesselte, 
in welchem im letzten Grunde darum gekämpft ward, ob die Theokratie 
die Staatsform der abendländischen Christenheit werden solle? Hätte 
das Papsttum seinen Anspruch durchgesetzt, so wären die geistlichen 
Gebiete zu einem Kirchenstaate geworden und gestützt auf sie hätte 
der Papst auch über die weltlichen die Oberlehnsherrlichkeit errungen, 
die er theoretisch schon lange in Anspruch nahm. Kein Wunder, dass 
da Fürsten und Völker sich ihres Rechtes wehrten und Gregor VII. 



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durch sein Verbot der Laieninvestitur einen fünfzigjährigen Bürgerkrieg 
entzündete, der namentlich Italien und Deutschland verwüstet hat. 
Diesen Kampf um die Herrschaft besser zu führen, hatte Gregor VII. 
seinem Klerus die Ehe untersagt. Erst wenn der Klerus nicht mehr 
mit den bürgerlichen Familien versippt und verschwägert, wenn der 
Priester keiner der Hoffnungen und Befürchtungen seiner Mitbürger 
mehr teilhaftig war, erst dann besass ihn der Papst ganz und auf alle 
Bedingungen. Bei diesen Neuerungen hatte aber die römische Kirche 
einen schweren Stand gegen ihre eigene Geistlichkeit. Die lombardischen 
Bischöfe standen zum Teil auf Seiten des Kaisers, dem sie ihre Lehen 
verdankten und wollten von den masslosen Ansprüchen des römischen 
Stuhles nichts wissen. Weil sie gern von den Privilegien ihrer durch 
Ambrosius berühmten Kirche redeten, nannte man sie Ambrosianer. 
Den Empfang der Pfründo aus weltlicher Hand schalt man Simonie, 
da die Empfanger, wie Simon Magus, die Gabe des heiligen Geistes 
um Geld zu kaufen pflegten, die verehlichten Priester Nikolaiten, nach 
jenen neutestamentlichen Nikolaiten , deren Werke der Apokalyptiker 
hasst. Der niedere Klerus war nun aber meist beweibt und wollte, wie 
der Pope der orientalischen Kirche, lieber auf ein Vorrücken in höhere 
Ämter als auf sein Familienleben verzichten. Da riefen die Vorkämpfer 
Roms die fanatische Laienwelt zum Kampfe gegen Ambrosianer, Simo- 
nisten und Nikolaiten auf ; der Volksbuud der Pataria wurde gegründet, 
und in gräuelvollen Bürgerkriegen hat die römische Partei dem Willen 
des Papstes Gehorsam verschafft. Eine Lauge des Spottes war damals 
über die unglückliche Priesterschaft ausgeschüttet worden, die an ihren 
Lehensherrn und an ihren Ehefrauen festhalten wollte. Nur ein Klerus, 
behaupteten die Agitatoren Borns, der ein wahrhaft apostolisches Leben 
führe, sei im Stande, der Gemeinde wirksame und wahre Sakramente 
zu spenden. Die Hand, die das Schwert des Fürsten schwinge, dürfe 
nicht den Kelch des Herrn ergreifen ; nicht solle der, der den Leib der 
Gattin umfasse, den Leib Christi in der Hostie berühren. Kein Ekel- 
name war den Führern der Pataria zu roh, um die Unheiligkeit und 
Unwirksamkeit solcher Sakramente zu bezeichnen. x ) 

Fünfzig Jahre wütete der Kampf. Einmal war die Kurie so weit 
heruntergebracht, dass Paschalis H. im Jahre 1111 auf der Synode von 
Sutri sich bereit erklärte, alle weltlichen Lehen zurückzugeben, wenn 



1) Vergl. Amulft gesta archiop. Mediol Mon. Germ. VIII, 13. Sigeberti Gembl. 
Chron. Mon. G. VI, 362. 



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Kaiser Heinrich V. dafür die freie Ernennung der Bischöfe der Kirche 
überlasse. Aber die Bischöfe selbst venvarfen einen Vertrag, der ihre 
Lehen opferte, während der Papst das seine, den Kirchenstaat, sich 
vorbehielt. Praktische Folgen hat der Vertrag von Sutri deshalb nicht 
gohabt, aber es hatte doch einen Ungeheuern Eindruck gemacht, dass 
ein Papst das Aufgeben aller weltlichen Herrschaft und ein Leben 
apostolischer Armut für den kanonisch-richtigen Stand der Kirche er- 
klärte. Bald stellten sich die Magistrate der bischöflichen Städte und 
die Lehensleute der reichsten Stifte ein und zeigten sich bereit, der 
Kirche diese lästigen Regalien abzunehmen. Die Rechtsgelehrten Italiens 
aber erwiesen aus den eben wieder hervorgezogenen Quellen des römi- 
schen Rechts, dass weder zu Konstantins, noch zu Justinians Zeiten die 
Bischöfe weltliche Gewalten ausgeübt hätten und das Märchen von der 
Schenkung des Kirchenstaats durch Konstantin wurde zu Rom selbst 
öffentlich verspottet. x ) 

Aber auch eine mehr innerliche religiöse Richtung fing an, sich 
zu regen, die jenen Verzicht, den Paschalis II. in einer Stunde der Not 
sich hatte abgewinnen lassen, für den wahrhaft evangelischen aposto- 
lischen Stand nnd für allein heilsam und erspriesslich erklärte, damit 
das babylonische Weib im Purpur wieder die keusche Sulamitin werde, 
die der König der Ehren lieb hat. So manchem Kreuzfahrer war auf 
den steinigen Wegen Palästinas, auf denen Jesus und seine Apostel ge- 
wandelt, der Gedanke gekommen, wie doch die verwöhnte, prächtige 
Klerisei von heute so gar keine Ähnlichkeit habe mit Jesus und Petrus, 
deren Nachfolger sie zu sein behauptete. Ihnen schwebte eine arme 
Kirche gerade als die wahre, dem Heiland wohlgefällige vor, und diese 
Fanatiker des asketischen Gedankens waren für den verweltlichten Klerus 
um so gefährlicher, als sie im Grunde nur wiederholten, was die Le- 
gaten Roms noch unlängst dem katholischen Volksbunde der Pataria 
selbst gepredigt hatten. 2 ) 

Aus drei Quellen flössen mithin die Gedanken der neuen kirchlichen 
Opposition. Der Investiturstreit hatte die Denkenden genötigt, die 
Grenzen des Kirchlichen und Weltlichen genauer festzustellen; das 
Studium des römischen Rechts hatte den Staatsgedanken im 
Gegensatz zur Theokratie erneuert; die Kreuz züge hatten das arme 
Leben der Apostel in Erinnerung gebracht, das mit dem des Nach- 
folgers Petri keine Ähnlichkeit zeigte. 

1) Wibaldi epistolae 404. Jaffe, Biblioth., rer. Germ. I. Mon. Corbeiensia. p. 542. 

2) Jaffe, Monum. Gregor. S. 523 f. 



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Alle Reformer dieser Epoche, mögen sie neue Mönchsorden, oder 
neue Sekten stiften, haben irgendwie Anteil an dieser Gedankenwelt, 
die, juristisch oder religiös formuliert, doch in allen ihren Formen die 
Behauptung der Gregorianer verneint, dass Christus ein weltliches 
Reich auf Erden habe begründen wollen, dessen König der Pabst sei. 

Diese Opposition gegen die weltlichen Ansprüche des Klerus war 
da am stärksten vertreten, wo der Investiturstreit am schlimmsten ge- 
wütet hatte, denn dort war eine Macht erwachsen, die man früher nicht 
in dieser Weise kannte, die sittliche Macht der öffentlichen Meinung 
und es war die Folge der Agitationen Gregors selbst, dass diese öffent- 
liche Meinung ihre Kritik vor allem an den Schäden der Kirche übte. 
Herbergen der Ketzerei sind jetzt gerade jene Städte, in denen die 
römischen Agitatoren die Laienwelt aufgerufen hatten gegen die be- 
weibten Priester und simonistischen Bischöfe. 

In eben diesen fünfzigjährigen Wirren waren aber auch die Zügel 
der bürgerlichen Gewalt den Händen der angefochtenen lombardischen 
Bischöfe und preisgegebenen kaiserlichen Beamten entfallen und an die 
Magistrate übergegangen. In den meisten der früheren Bischofsstädte 
regierten jetzt gewählte Consuln als Vertreter der drei Stände, und den 
alten Autoritäten wurde nur noch ein geringer oder gar kein Eintiuss 
auf die städtische Verwaltung gestattet. So erklärt sich der uns schwer 
verständliche Bund des Papsttums mit dieser jungen Städtefreiheit 
Italiens; sie war ihm willkommen, weil sie die früher unbotmässigen 
Bischöfe zum Anschluss an Rom nötigte und die Gewalt des Kaiser- 
tums lahm legte. Aber des Papstes eigene ünterthanen nahmen sich 
ein schlechtes Beispiel an diesen verlockenden Vorbildern. Mit Neid 
sahen die römischen Quiriten auf das Aufblühen der norditalischen 
Städte und ihrem Verlangen, sich die gleiche Selbstständigkeit zu er- 
ringen, kamen zwiespältige Papstwahlen entgegen, die die Ausübung der 
bürgerlichen Gewalt unmöglich machten. Im Jahre lltfO hatte die 
Partei der Frangipani und Oorsi einen Trasteveriner aus altem Hause 
zum Papste erwählt, der sich 1 n n o c e n z II. nannte, aber die reiche und 
mächtige Familie der Pierleoni, deren Ahnen man im Ghetto suchte, 
stellte ihm Anaklet II., den Sohn des 1128 verstorbenen alten Pier- 
leone entgegen. l ) Da die Pierleoni mit ihren Thürmen Rom beherrschten, 



]) Bern. Ep. 139: Iudaicam sobolem sedem Petri oceupasse. Arnulf, Monum. 
Germ. XII, p. 711: Cujus avus cum inaertimabüem pecuniam mntiiplici corro- 
gastet wsura circumeisionem baptismati* unda dampnavit. Vgl. lnnoc. II vita a 



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behauptete sich in der Stadt Anaklot IL und der Papst der Frangipani, 
Jnnocenz IL, nahm vorerst seinen Sitz in Pisa, dann in Frankreich. l ) 
Rom, Lateran und Peterskirche waren Anaklets Rechtstitel, da aber die 
grossen Ordenshäupter, der Cluniacenser Petrus venerabilis , der Cister- 
cienser Sanct Bernhard und der Stifter der Prämonstratenser, Norbert, 
sich für Innocenz IL erklärten, so wurde dieser ausserhalb Roms als 
Papst anorkannt. Nur der Normanne Roger, dem Anaklet IL den Titel 
eines Königs von Sizilien verlieh, hielt an dem Papste der Pierleoni 
fest. Mochtcu die Mönche den Papst, der von den Juden abstammte, 
und den König, dor seine Kriege mit Sarazenen führte, als die beiden 
Antichristen im ganzen Abendland ausschreien, in Rom und Unteritalien 
war Anaklets Stellung so gesichert, dass selbst Lothars Römerzüge in 
den Jahren 1132 und 1137 das Schisma nicht beseitigten. Zwar war 
schliesslich der Anhang Anaklets stark zusammengeschwunden, doch 
starb er am 25. Januar 1138 in pontificalibus. Jetzt huldigten auch 
die Brüder Pierleones nach kurzem Versuche, das Schisma fortzusetzen, 
überwunden durch die Energie und Beredtsamkeit des heiligen Bern- 
hard, dorn zweiten Innocenz. In der Fastenwoche 1139 erwies eine 
stattlich besuchte Lateransynode die wiederhergestellte Einheit, ver- 
nichtete alle Akte Anaklets, bannte Roger, der den Königstitel kraft 
Anaklets Decreten führte, und verhängte strenge Strafurteile über die 
Gegner des Bischofs Mai nf red von Brescia, von denen wir noch 
werden zu reden haben. *) Da Innocenz IL aber bald darauf Roger in 
die Hände fiel, musste auch er den tapfern Normannen als König an- 
erkennen, und die Verbindung Apuliens mit Sizilien, die die Kurie stets 
bekämpft hatte, gut heissen. Im Kriege mit dem kleinen Tibur er- 
lebte er eine beschämende Niederlage und weil er sich einseitig mit 
demselben versöhnte, brachen in Rom Unruhen aus, die ihn mit dem 
Verluste seiner weltlichen Herrschaft bedrohten. Als er am 24. Sep- 
tember 1143 starb, stand Rom in vollem Aufruhr. Die Revolution war 
von dem Adel ausgegangen, der sich mit dem Papste über Tibur ent- 
zweit hatte, aber dio wehrfähige Bürgerschaft, in Bannerschaften orga- 
nisiert, drängte bald die Geschlechter zur Seite; der niedere Adel und 
einige ehrgeizige Aristokraten gingen zur Bürgerschaft über. 3 ) Wäh- 



Bosone conscripta bei Watterich, Pontif. Rom. vitae. II, 174. Mansi, concil. coli. 
XXI, 428 f. 

1) Seine Darstellung der Wahlvorgänge bei Jaffe, Regesta pontificum I, 561. 

2) Mansi XXI, 523. 

3) Wie das Beispiel des Jordanus Pierlcone und die Erneuerung des ordo 



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rend die Lehensmänner des heiligen Stuhls als Consuln und Capitane 
gearatet hatten, setzte sich nun die Commune einen Sacer Seuatus, der 
namens des souveränen Volks die Quinten regierte. So war Rom ge- 
spalten in eine consularische Partei des in seinen Burgen verschanzten 
Adels und der neuen senatorischen Volksgemeinde, die auf dem Capitol 
zu tagen pflegte. Unter so stürmischen Verhältnissen wurde Guido von 
Castello Papst, früher als Kardinal Beschützer Abälards *) und selbst 
Magister der Pariser Schule. Er nannte sich Cölestin II., starb aber 
nach halbjährigem Pontificat am 24. September 1144. Als sein Nach- 
folger Lucius IL, ehemals Kanzler unter Innocenz, mit Roger von 
Sizilien einen nachteiligen Frieden schloss und die Barone gegen das 
Volk hetzte, wurde der Bruch vollständig. Jordan Pierleone, ein 
Bruder Anaklet II., trennte sich von seiner Sippe und wurde der Banner- 
träger des Senats und Patricius der neu constituierten Republik, die 
von diesem Jahre 1144 ihre Aera zählte. Seine weltliche Regierung.s- 
gewalt sollte der Papst an den Senat abgeben, und in Betreff seiner 
Einkünfte verwies man ihn auf einen kirchlichen Zehnten oder freiwillige 
Gaben der Christenheit. 2 ) Der Name eines Patricius für das Staats- 
oberhaupt, den einst Otto III. nach Erinnerungen aus byzantinischer und 
fränkischer Zeit, dem ersten römischen Beamten beigelegt hatte, betonte 
den Zusammenhang Roms mit dem Kaiserreiche und wie der Papst, 
so wendete auch der Senat sich an Konrad HL, damit er die Ordnung 
herstelle. Aber Konrad konnte dem Papste nicht beistehen und den 
Senat würdigte er nicht einmal einer Antwort. 5 ) So fochten die strei- 
tenden Parteien ihren Kampf mit eigenen Mitteln aus, und bei einem 
Sturme auf das Capitol kam der Stellvertreter Christi durch einen 
Steinwurf um's Leben. 4 ) Nunmehr wählten die Kardinäle den Cister- 
cienserabt von St. Anastasio delle tre fontanc als Eugen III. zum Papste, 
um sich den Beistand des mächtigen Cistercienserheiligen zu Clairvaux 
zu gewinnen. Aber Bernhard sprach sich sehr kühl aus über diese 

ehester durch den Senat beweist. Otto Frising, De gest. Frid. 2, 2*2. Monum. 
Germ. XX, 404. 

1) Epistol. S. Bern. 192 bei Migne I, 358. Seine vita bei Watterich II, 276 f. 
Magister heisst er in dem Chron. Mauriniac. p. 387. Uebrigcns ist er nicht zu ver- 
wechseln mit dem gleichnamigen Beschützer Arnolds, der damals in Passau war. 

2) Otto Frising, Chron. VII, 31. M.G. XX, 264 f. 

3) Wie aus dem spateren Schreiben des Senates ersichtlich ist. 

4) So berichtet Gottfried von Viterbo Mon. G. XXII, 261. Die Vita Bosos ver- 
schweigt es und Otto von Freising sagt allgemeiner: cruciatibm ac taedio vitae 
aflectus diein obiit. Chron. VII, 31. 



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Wahl') und die Bürgerschaft, die in den Zeiten des Schisma und der 
Anarchie sich bereits an den Besitz der Gewalt gewöhnt hatte, ver- 
hinderte die Weihe im S. Peter, so lang der Gewählte nicht auf das 
weltliche Regiment verzichtet und ihren Senat anerkannt habe. 8 ) Da 
entfloh der Cistercienser aus seiner aufrührerischen Metropole und nahm 
zu Farfa die Weihen. Lange sass er als Exulant vor Roms Thoren, 
in Erwartung, dass der Adel innen oder aussen sie ihm am Ende doch 
öflnen werde. 8 ) Zunächst wütete aber in der Stadt ein Schreckens- 
regiment des Volks. Der Adel wird zur Unterwerfung unter den Patri- 
cius gezwungen, die Thürme der Widerspenstigen werden gebrochen, 
und die Häuser der Kardinäle und Priester gründlich ausgeplündert. 
Das Volk befestigt den Dom von St. Peter, und die Pilger, die dort 
ihre Andacht verrichten, werden mit Gewalt und Blutvergiessen zu 
einem Tribut gezwungen. In Folge dieser Gräuel sprach der Papst 
über den Patricius Jordanus Pierleone den Bann aus und schnitt mit 
Hülfe der Bürger von Tibur und der umliegenden Barone die Stadt 
von allem Verkehr nach aussen ab. *) Mit der Zeit übten die Schrecken 
des Bannes und der Belagerung auch die erwünschte Wirkung. Seit 
Anbruch des Winters fanden von Viterbo aus, wo Eugen acht Monate 
lang residierte, Verhandlungen mit den Römern statt und mit Anbruch 
des Winters willigte der von den Verbündeten des Papstes hart be- 
drängte Senat in einen Frieden, in Folge dessen Eugen III. im De- 
zember 1145 seinen Einzug in den Lateran zu halten vermochte. Die 
Bedingungen waren den Römern noch immer günstig genug. An die 
Stelle des Patricius trat wieder ein päpstlicher Präfcct, aber der Senat 
behielt seine Würde, nachdem der Papst ihm die Investitur erteilt hatte. 5 ) 
Während Eugen III. zu Viterbo residierte, hatte sich bei ihm der 
Führer jener Gegner des Bischofs Mainfred von Brescia eingefunden, 
den Jnnocenz II. auf der Lateransynode im April 1139 als Schismatiker 
abgestraft hatte c ). Vertrauend auf die bussfertige Gesinnung des lange 
Verbannten, der die letzten Jahre jenseits der Alpen im Schutze des 
Bischofs Hermann von Konstanz und des nach Böhmen und Mähren 
gesandten Kardinallegaten Guido zugebracht hatte, nahm Eugen III. 
den Excommunicierten wieder in die Geraeinschaft der römischen Kirche 

1) Ep. 237. 238. 

2) Vita Eng. Watterich III, 281 f. 

3) Seine Kreuz- und Querzüge Regesta pontif. I, 617. 

4) Otto Frising, Chronikon VII, 31. Mon. g. XX, 264 f. 

5) Otto Fris. Chron. VII, 34. (M. G. 266.) Vita Eng. bei Watterich 2, 282. 

6) Hist pontif. Mon. Germ. XX, 538. Der Verfasser der historia pontificalis 



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auf, indem er ihm befahl, an den heiligen Stätten Roms seine Sunden zu 
büssen. So kam Arnold von Brescia auf Befehl des Papstes und 
vielleicht in dessen Gefolge nach der Stadt seiner ruhmvollen Zukunft. 

Der Papst steuerte in Bälde das Schifflein Petri wieder heraus 
aus den Wirbeln dieser stürmischen See, in der es zu kentern drohte, 
und flüchtete sein Papsttum nach Frankreich, jener Pilger aber, der 
nur an den Gräbern der Apostel und in den sieben Pfarrkirchen Roms 
seine Busse hatte absolvieren sollen, setzte sich an das Steuer der römi- 
schen Republik und donnerte als Bussprediger gegen die Sünden des 
Papstes und seiner Kardinäle. 

Es kam ein Mann mit Namen Arnold, „der ass nicht und trank 
nicht 11 . Vor unscrn Augen steht bei dieser Schriftstelle, die der Abt 
von Clairvaux parodistisch auf seinen Gegner anwendet 1 ), die bleiche 
Gestalt eines neuen Johannes Baptista, eines mittelalterlichen Asketen 
in ärmlichem geistlichem Gewände, von Fasten erschöpft, aber aufrecht 
gehalten vom Feuer seiner Leidenschaft, ein Bussprediger, vor dessen 
mächtiger Stimme die Leute in feinen Kleidern erzitterten, und für den alle 
Priester Schlangen- und Otterngezüchte waren 2 ). Ein kampfreiches und 
gehetztes Leben hatte der Prophet bereits hinter sich, als ihn Eugen, 
sich und ihm zum Verderben, in die aufgeregte Hauptstadt einliess. 

Arnold von Brescia war nach Walther Mapes 3 ) von adeligem Ge- 
schlecht, ein beliebter Priester und dazu ein hervorragender Gelehrter. 
Schriftstudium, Kenntnis der römischen Litteratur und des römischen 
Rechts sind die Elemente, in denen die uns erhaltenen Documente seiner 
Richtung wurzeln. Ein Redner voll südlicher Leidenschaft besass er das 

ist nach Giesebrecht, Arnold v. Br. München 1873. S. 6 und Pauli, Zeitschrift für 
Kirchenrecht XVI, 265 f. Johann von Salisburv. (iiescbrecbt setzt die Abfassung 
in das Jahr 1162 oder 63, Pauli 1164. 

1) S. Bernardi Epist, 195.: Homo est neque manducans, neque bibens, eine An- 
spielung auf Luc. 7, 33, wo es von Johannes heisst: neque manducans panem, 
neque bibens vinum. Siehe Migne 182, p. 362. 

2) So schildert der Bergamaske, der Friedrichs I. Thaten c. 1165 in Italien be- 
sang, (gestadi Federico, herausgegeben von Ernesto Monaci, Rom 18*7.) Vers 762 f. 
Arnold : 

Vir nitnis austerus dureque per omnia rite. 
In vicln modicns, sed verbi prodigus .... 
Iste sacerdotes pariter populosque minores 
Carpebat. 

Ganz dasselbe Bild geben die pontificalis historia, Otto von Freising und der Dichter 
des Ligurinus III, 262 f. 

3) Walther Mapes war ein Ratgeber Heinrichs II. und Bekannter des Thomas 
Becket, zuletzt Erzdechant von Oxford. Seine Schrift de nugis curialium, bezieht 



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Selbstvertrauen, das Andern Vertrauen einflösst 1 ) und in ungewöhn- 
lichem Grade verstand er sowohl die Grossen, wie die Menge an seine 
Person und seine Sache zu fesseln. 

Namentlich aber als strenger Asket von exemplarischem Wandel 
wurde er in Brescia und Kom gepriesen und bewundert 8 ). Diesen Kuhm 
wagten selbst seine erbitterten Feinde, wie der Abt von Clairvaux und 
der Bischof Otto von Freising, ihm nicht zu bestreiten. Nicht anders 
schildert ihn der, der ihm von allen Zeugen am nächsten steht, Johann 
von Salisbury, als einen strengen Asketen, der sein Fleisch durch rauhe 
Kleidung und Hunger kasteite, als einen Gelehrten, scharfsinnig und 
beharrlich im Studium der Schrift und als ebenso heftigen wie bered- 
ten Prediger der Weltverachtung 8 ). 

Arnolds Jugend fällt in die Zeit des gewaltigen Aufschwungs, den 
für das Papsttum die Wiederaufrichtung des Königreichs Jerusalem 
bedeutete. Auch der Lärm des Investiturstreits, die Erregung des Klerus 
über den Vertrag von Sutri muss seine Jugend noch berührt haben, zu- 
mal seine Vaterstadt Brescia eine der Pflanzstätten der Pataria war, 
von der aus sie sich über Cremona und Piacenza ausbreitete 4 ). Bereits 
in Brescia zum Leetor geweiht, war er nach Paris gegangen, um Abä- 
lard zu hören, der im Vollgefühl des siegreichen Dialektikers behaup- 
tete, die menschliche Vernunft sei es, die das Dogma erweise, der aber 
auch durch kecken Spott über die Wunder des heiligen Norbert und 
unbotmässigen Widerspruch gegen die Visitationsbemerkungen des hei- 
ligen Bernhard, sich den Hass dieser mächtigen Prälaten zugezogen 
hatte. Wie viel von den gewagten Theorieen Abälards sich der junge 
Brescianer angeeignet hatte, erfahren wir nicht, aber in strenger Askese, 

sich für ihre Mitteilungen über Arnold auf direkten Bericht a viro temporis illius 
Roberto de Burnebam. Auch hat Mapes etwa zwanzig Jahre nach Arnolds Wirk- 
samkeit in Paris studiert, ist also kein ganz zu verachtender Zeuge. Geschrieben 
hat er seine nugae ungefähr um 1190. 

1) Vgl. gesta di Federico I., V. 63 f.: 

Facundus et audax, 

Conädensque sui, vir multe litteratnre. 

1) Secundum sanguinis altitudinein erat Ernaldus nobilis et magnus, se- 
cundum Uteras maximus, secundum religionem primtis, nihil sibi viclus aut vestis 
indulgens nisi quod aretissima cogebat necessitas. Circuibat praedicans, non quae 
sua sed quae dei sunt quaerena, et (actus est omnibm amabilis et admirabilis.'' 
De nugis curialium, Cap. 24, Ausgabe von Wright, p. 43. 

3) Hist. pontific. a. a. 0. 

4) Bonitho in Jaffe Bibl. II (Mon. Greg), p. G43 64*. Päch, die Pataria in 
Mailand von 1065—77. Göttinger Dissertation, S. 31. 187.'. Krüger, die Pataria 
in Mailand. Breslauer Programme v. 1873 u. 74. 



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bitterer Verachtung des Klerus und schneidender Kritik der kirchlichen 
Zustände ist der lombardische Kleriker Abälards vornehmster Schüler 
geworden 1 ). So kehrte er nach Brescia zurück, das sich gleichfalls 
eine Regierung durch Consuln gegeben hatte, auf deren Seite wir Ar- 
nold finden. Vielleicht durch diese Parteistellung stieg er bald vom 
Mitgliede des Kapitels zum Vorsteher desselben auf*). Mönch ist Ar- 
nold offenbar nicht gewesen, obwohl Johann von Salisbury ihn Abt bei 
Brescia nennt, denn keiner seiner Gegner wirft ihm Bruch seiner Ge- 
lübde vor, alle aber nennen ihn einen Verfolger der Mönche. Mit den 
übrigen Pomgeistlichen wird er nach der Kegel des heiligen Augustin 
in einem Kapitelshause gelebt haben, dem er als Vorgesetzter vorstand. 
Er war mithin nach unserem Sprachgebrauch Dompropst und wenn die 
Historia pontificalis ihn als Abt bezeichnet, so erklärt sich das leicht, 
da ja auch der Propstname ursprünglich dem Klosterleben entstammte 5 ). 
In solchem kanonischem Zusammenleben der Geistlichen sah man seit 
Gregors Zeit das beste Schutzmittel gegen die Priesterehe. 4 ) War Ar- 
nold Propst, so war er auch Stellvertreter des Bischofs und so erklärt 
es sich, dass er bei seinen Zerwürfnissen mit Bischof Mainfred es bei- 
nahe dahin brachte, seinem Bischof die Rückkehr nach Brescia unmög- 
lich zu machen. 

Im Jahre der ersten Romfahrt Kaiser Lothars, die Anaklet besei- 
tigen sollte, nahm der aus Frankreich zurückgekehrte Innocenz II. 1132 
für längere Zeit seinen Aufenthalt in Brescia. Der bisherige Bischof 
Villanus musste einem Anhänger Innocenz' II., einem gewissen Main- 
fred weichen. Aber die Consuln sowohl wie Arnold, der an der 
Spitze der Geistlichkeit stand, gerieten mit dem neuen Hirten in hef- 
tige Streitigkeiten. Schulter an Schulter mit den bürgerlichen Consuln, 
die mit ihm standen und mit ihm fielen, führte Arnold einen sieben- 
jährigen Krieg gegen die Ansprüche des neuen Bischofs und die Ent- 
artung seines geistlichen Anhangs und erneuerte die Strafreden gegen 
dio verweltlichte Kirche, die in den Tagen der Pataria Brescias Mauern 
erfüllt hatten. War doch trotz des Sieges der Gregorianer der kirch- 

1) Auf das asketische Lehen der Schaler Abälards im Walde von Troyes 
spielt der Dichter des Ligurinus an 3, 2CA: tenui nittrivit Gallia sumtu edoeuitque 
diu. Ob das diu aber auf geschichtlicher Überlieferung oder dem Bedürfnis des 
Hexameters beruht, müssen wir dahingestellt sein lassen. 

2) Erat hic dignitate sacerdos, habitu eanonicus regularis, sagt die Hist. 
pontif., abbas apud Brixiam, Mon. (i. XX, p. .037. 

3) Hinschius, Kirchenrecht II, 89. 

4) Päch, Die Pataria v. Mailand, S. 30, Beschlüsse der Lateransynode von 1059. 

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liehe Zustand nur wenig anders geworden. Die Kurie Innocenz' It. er- 
regte, wie sogar Bernhards Klagen bezeugen, bei ihren Wandeningen 
in Italien und Frankreich durch Hoffart und Erpressungen den Unmut 
der Strengen. Nicht die Fürsten verkauften jetzt die geistlichen Stellen, 
aber die Kapitel und vor allem die Legaten des Papstes. Die freige- 
wählten Bischöfe bedurften noch mohr als früher der kriegerischen Rüs- 
tung, seit kein Lehensherr mehr ihre Rechte schützte. Sie hielten jetzt 
zum Papste, aber in allem andern war es beim Alten geblieben. Ar- 
nold aber begriff nicht, warum die strengen Grundsätze der Pataria 
nun keine Anwendung mehr finden sollton, nur weil die Sünder die 
Fahnen gewechselt hatten. Wenn der ein Simonist war, der sein Amt 
vom König kaufte, war der keiner, der den Legaten bestach? Wenn 
der beweibte Priester das Sakrament nicht spenden konnte, wie Hilde- 
brands und Damianis Banden einst behauptet hatten, wie sollte der es 
können, der fünf Weiber hatte, oder jedes Jahr ein anderes 1 )? Die 
Lehre, dass ein unwürdiger Bischof den heiligen Geist nicht austeilen 
könne, weil er ihn selbst nicht habe, war vor einem Mcnschenalter durch 
die Legaten Roms überall verkündet worden, aber seit nicht der Kaiser, 
sondern der Papst den vorwaltenden Einfluss bei ihrer Einsetzung übte, 
wollte die Kurie nichts mehr hören von jenen hochgespannten sittlichen 
Forderungen. Dazu, welche endlosen Streitigkeiten waren erwachsen, 
seit jeder geistliche Würdenträger angewiesen war, die Unabhängigkeit 
aller seiner Rechte und Funktionen von der weltlichen Gewalt zu be- 
haupten, derer nicht zu gedenken, die aus dem langjährigen Schisma 
gerade für Italien sich entwickelt hatten. 

Über solche Regalien wird es zwischen dem Bischof Mainfred und den 
bürgerlichen Oonsuln zu Streitigkeiten gekommen sein ; hier aber stellte 
sich die auffallende Thatsachc heraus, dass der Propst sich auf Seite 
der bürgerlichen Behörden stellte, indem er erklärte, der Kirche selbst 
werde es ziemlich und heilsam sein, wenn sie aller irdischen Herrschaft 
und weltlichen Ansprüche sich entkleide. 

Man kann nicht gerade sagen, dass es ein unerhörter Reichtum 
von neuen Ideen gewesen wäre, den Arnold über seine Zeitgenossen aus- 
schüttete — es ist immer wieder der eine Gedanke von der armen 
Kirche der Apostel, auf den er zurückkommt — aber man hat es ja 

1) Arnolds Kampf gegen den Nikolaitismus betont namentlich das Epos Gesta 
di Federicol., V. 799 f. Ed. Monaci, Rom 1887. Des gleichzeitigen Abtes Gerhoh's 
Meinung über den Stand der Disciplin unter den Päpsten seiner Zeit sind ausführ- 
lich dargestellt von K. Sturmhoefcl, Gerlioh von Reichersberg Leipzig 1888. Siehe 
S. 32 f., S. 7 u. a. 0. 



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oft erlebt, wie solche grosse Volksredner mit wenigen Schlagworten, von 
deren heilender Zauberkraft sie selbst überzeugt sind, die allergrössten 
Bewegungen hervorrufen. Damals aber war dieser Hinweis auf das 
arme Leben Jesu, der später so gewöhnlich wurde, noch eine neue 
Botschaft. 

Hoc erat Arnahii fammi dotpnu mayktri 
Quin/ mirftix hmiihiUHi mhi noritnte phicebnt '). 

Also als neues Dogma begrüsste man die Behauptung Arnolds, 
dass der ganze Verfall der Kirche daher rühre, dass sie das rein reli- 
giöse Gebiet, zu dessen Pflege sie Christus bestellte, vorlassen und da- 
für weltliche Güter, Ehren und Hechte an »ich gerissen habe. Die 
weltliche Obrigkeit, meinte der Reformator, solle alle diose Dinge wie- 
der an sich nehmen, so allein sei der Kirche zu helfen *). Dennoch darf 
man in dem asketischen Priester nicht blos einen Hetzer gegen Mönche 
und Bischöfe seilen, wie Bernhard und Otto thun; auch den Laien ist 
er, nach jenem in Brescia wohlbekannten Gewährsmann 3 ), ein strenger 
Sittenprediger gewesen, der den Schleier von den Sünden des Hauses 
und Marktes erbarmungslos hinwegriss, dabei aber freilich immer auf 
das eine zurückkam, dass die Herde nur darum so verwildere, weil die 
Priester bei ihren weltlichen Sorgen ihrer geistlichen Pflichten vergossen 
hätten. Schon damals fiel auf, mit welch besonderer Härte Arnold das 
Mönchswesen verfolge, das in jenen Jahren gerade einen unerhörten 
Aufschwung nahm. Erzählte man docli von Bernhard von Clairvaux, 
er allein habe in 'AG Jahren einhundertumlfünfzig Klöster gegründet, 
so dass den Laien der Boden schmal und das Brod knapp werden 
musste. Kein Wunder, dass da die Bürger mit Eifer einer Predigt 
lauschten, die auf den schreienden Widerspruch der Mönchsregeln und 
des Mönchlebens hinwies, wie ihn niemaud bitterer erfahren hatte als 
Arnolds Lehrer Abälard. Aber auch den bürgerlichen Behörden, denen 
die materielle Wohlfahrt ihrer Gemeinde befohlen war, konnte ein 
solcher Reformator nur willkommen sein. In anderen Zügen erscheint 
Abälards Schüler durchaus als Sohn der von den Vätern gestifteten 
Pataria. Ein echter Patarener ist er, wenn er die Laien warnt 4 ), bei 

1) Gesta di Fed., V. 802f. 

2) Der Dichter des Ligurinus führt III. 202 — 300 diesen Inhalt der Predigten 
Arnolds wortreich ans, da er aber sonst nur als Versiücator des Otto von Freising 
erscheint, geht wohl auch diesem Abschnitt der selbstständigc Quellenwert ab. 

3) Dem Bergamasken, der die Gesta Friderici I. gedichtet hat. Vgl. V. 774—801. 

4) Nec debere Ulis populum delicta fateri, 

Set magis aller utr um, nec eorum sumere mera. 



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unwürdigen Priestern zu beichten und zu communicieren. Lieber 
möge einer den andern absolvieren, als jenen habsüchtigen Pfafl'en zur 
Beichte zu gehen, die gleich Advokaten für Geld Prozesse führen und 
Tag und Nacht mit der Untersuchung weltlicher Rechtshändel sich be- 
schäftigen. Der letzte und eigentliche Sitz des Übels aber sei Korn, 
denn dort sei der geistliche Jahrmarkt, bei dem sie mit Pfründen und 
Sündenvergebung, ja mit allen Dingen im Himmel und auf Erden Han- 
del trieben. 

Darum verlangte Arnold, dass die Lehensherren alle Lehen wieder 
zurücknehmen sollten, die Geistlichen aber sollten von Erstlingen und 
Zehnten leben, wie die heilige Schrift das weislich geordnet habe 
Heftige Zerwürfnisse in Brescia 2 ), die sogar nach Mailand hinüberge- 
wirkt haben sollen 3 ), waren die Folge von Arnolds Umtrieben. Die- 
selben mussten in Brescia um so zerrüttender wirken, als hier nicht wie 
in anderen Städten eine saubere Auseinandersetzung zwischen der bürger- 
lichen und geistlichen Gewalt erfolgt war, sondern die Verwaltung von 
dem Bischof gemeinschaftlich mit den zwei bürgerlichen Consuln ge- 
führt werden sollte*). Über den Verlauf des Streites erfahren wir nur, 
dass Brescias Bürger auf Arnolds Seite standen und als Bischof Main- 
fred sich einmal längere Zeit nach Horn begab, wusste sein beredter 
Gegner ihm so allen Boden zu entziehen, dass es eine Weile den An- 
schein gewann, die Stadt werde ihrem Hirten die Thore zur Rückkehr 
überhaupt .verschliessen. 

Wer Recht hatte in diesen zerrüttenden Kämpfen, ist heute kaum 
zu entscheiden, denn von den Stimmen über diesen Streit sind nur die 
der Geistlichen auf uns gekommen 5 ), aber ihre Weherufe bezeugen, wie 
sehr Arnolds Schläge sie geschmerzt haben. Der deutsche Bischof Otto 
von Freising findet alle Schuld bei Arnold, der das geistliche Gewand 
nur angenommen habe, um die Laien um so leichter zu täuschen und 
der nirgends Buhe gehalten, „alles zerreissend, alles benagend, niemanden 
schonend. Ein Tadler der Geistlichen und Bischöfe, ein Verfolger der 



Gesta di F., V. 784 f. Vgl. auch Gerhohs Bericht: Ut domus taliter ordinata do- 
rn u-i Bei non sit, et praesuks eorum non sivt epücopi. De investig. Antichristi II, 42. 

1) Gesta di Fed. 781—801. Ligurinus 26Ö-30O. 

2) S. Bernardi Ep. UC». 

3) Gesta di Federico, V. 807: Hoc dogmate etiam magnum turbavit Mediolanum. 

4) Breyer, Arnold v. Br., Historisches Taschenbuch von 1889, S. 138. Annal. 
Brix. Monum. Gern». 18, 812. 

5) Otton. Frisingensis Gesta Frid. imp. Alonum. Germ. XX, 36G und 403—4 
und der Verfasser der Historia pontificalis ebenda 537—38. 



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Mönche, nur den Laien .schmeichelnd. Er sagte nämlich, dass weder 
die Geistlichen, welche Eigentum, noch die Bischöfe, welche Regalien, 
nocli die Mönche, welche Besitztümer hätten, in irgend eiuer Weise 
selig werden könnten. Alles das gehöre dem Fürsten und müsse von 
seiner Gnade ausschliesslich den Laien zum Gebrauche überlassen werden". 
Von seinem Standpunkte aus konnte der Freisinger Bischof in dieser 
Forderung Arnolds nur Connivenz gegen die Begehrlichkeit der Laien 
sehen, die überall ihre begehrlichen Hände nach dem Kirchen- und Kloster- 
gut ausstrecken und er wirft Arnold verächtlich vor, er habe den 
Laien gepredigt, wonach ihnen die Ohren juckten 1 ). Allein bei Arnold 
verband sich die juristische Überzeugung, dass weltliche Güter auch 
der weltlichen Obrigkeit unterständen, mit dem religiösen Glauben, dass 
Jesus seinen Aposteln Armut zur Pflicht mache und eben diese Ver- 
bindung von Rechtssätzen und Bibelsprüchen bleibt für ihn und seine 
Schüler charakteristisch. 

Das Papsttum Innocenz' 11. hatte inzwischen in Italien wechselvolle 
Schicksale bis ihm Lothars II. zweiter Römerzug im Frühling 1137 zu 
einem entscheidenden Erfolge' verhalf. Die Städte, die zu Anaklet ge- 
halten hatten, büssten jetzt diese Schuld durch barbarische Heimsuch- 
ungen und nach Anaklets Tod am 25. Januar 1138 streckte auch sein 
Anhang nach kurzem Zögern die Wallen. Ein Opfer dieser kirchlichen 
Umwälzung wurde Arnolds Partei in Brescia. Als Innocenz II. in der 
Fastenwoche des Jahres 1139 sein erstes Lateranconcil hielt 8 ), begab 
sich Bischof Mainfred von Brescia mit einem Gefolge der ihm ergebenen 
Geistlichen nach Rom, um gegen Arnold und seine Anhänger ihre Kla- 
gen anzubringen. Es ist möglich, dass Arnold sogar in Person vor 
jenem Concile gestanden hat, da es heisst, er habe Innocenz II. damals 
einen Eid geleistet und da durch das Concil ein Strafmandat gegen ihn 
erging, dem er ohne weiteres Folge leistet 3 ). Einer Ketzerei wurde 



1) M. G. XX, 404. 

2) Watterich 2, 178. Innoc. vita a Bosone conscr. 

3) Bernhards Worte, Kp. 196: quem Briscia evomuit, lioma exhorruib 
Francia rcpulit, Germania abominatur, machen Arnolds Anwesenheit wahrschein- 
lich, da an den andern aufgezählten Orten Arnold persönlich geweilt hat. Auch 
Walther Mapes a a. O , Cap. '24, nimmt an, dass Arnold zweimal in Rom auftrat, 
leitet aber die erste Verweisung aus der Stadt von seinem Eifern gegen das 
üppige Leben der Kurdinäle. Hie cum Romam venisset, venerat i sunt Jiomani 
doetrinatn ejus. Pervenit tandem ad curiam, et vidit mensas cardinalium vasis 
aureis et argenteis onustas et delicias; in epistolis coram domino papa reprehendit 
eos modeste sed moleste tulerunt, et ejecerunt tum foras. Qui rediens ad urbem etc. 



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er nicht überfuhrt, sonst wäre er so leichten Kaufs nicht davongekom- 
men. Zwar deutet der Bischof von Freising an, der Brescianer stelle 
im Kufe, auch über Taufe und Abendmahl nicht richtig zu lehren und 
Neuere haben den 28. Kanon der Laterans) node von 11$), der den 
Widerspruch gegen die kirchlichen Sakramente mit dem Fluche- der 
Kirche belegt, auf Arnold bezogen, aber in diesem Falle hätte man den 
Häretiker im Kerker unschädlich gemacht. Seine Kcchtgläubigkeit 
tastet selbst Bernhard nicht an und auch Johann von Salisbury weiss 
nur, dass Arnold als Schismatiker, der seinem Bischof den Gehorsam 
verweigerte und die Kirche von Brescia zerrüttete, seines Amtes ent- 
setzt und aus Italien ausgewiesen worden sei. Meinungen, die man 
ihm heute als Ketzerei aufrechnen will, lassen sieb ebenso bei Gregor VII., 
Gerhoh von Reichersberg und anderen Strenggesinnten nachweisen. Mit 
Arnolds geistlicher Stellung brach auch das republikanische Regiment 
in Brescia zusammen und die Arnold verbündeten Consuln wandern wie 
er in's Exil 1 ). Vor Antritt desselben liess Innocenz 11. Arnold schwören, 
dass er ohne ausdrückliche päpstliche Erlaubnis den Boden Italiens nie 
wieder betreten wolle. Man glaubte offenbar, dass nur in den Wirren 
Italiens die Wurzeln seiner Kraft lägen, jenseits der Alpen werde der 
Propst von Brescia unschädlich sein. Darin freilich sah man sich ge- 
täuscht. Aus dem Lokalpatrioteu der italienischen Bischofstadt ward 
in Paris der Wortführer einer grossen kirchlichen Partei. 

Denn dorthin, wo er einst zu Abälards Füssen gesessen, kehrte 
Arnold nunmehr zurück. Sein alter Lehrer hatte seit dem Jahre 1186, 
siebenundfünfzig Jahre alt, seinen Unterricht in Paris wieder aufge- 
nommen und wiederum einen jener grossen Erfolge gefeiert, an denen 
die Geschichte seiner Lehrthätigkeit so reich ist und die ihm jedesmal 
die bittersten Angriffe der kirchlichen Stimmführer eintrugen. Wie in 
den Tagen seiner Jugend hatte Abälard auf dem Berge der heiligen 
Genovefa die Scharen seiner Schüler um sich versammelt. Hatte man 
einstmals an ihm gerühmt, dass seine Einfälle nicht allein zur Philoso- 
phie nötig, sondern auch nützlich zur scherzhaften Erheiterung des mensch- 
lichen Geistes seien 2 ), so erweckte auch jetzt seine kühne Dialektik die 
Bewunderung seiner Schüler, tbat aber zugleich einer Disputierlust des 
jungen Klerus Vorschub, die die Mysterien des Glaubens profanierte 



1) Die Annalen von Brescia aus dem dreizehnten Jahrhundert melden zum 
Jahre 1139: „Die schlechtgesinnten Consuln werden von den Hrcscianern vertrieben." 

2) Otto Frising, Gesta Frid. 1, 47: Ad jocos Valens. 



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und ganz Frankreich mit dem Geräusche unnützer Wortgefechte er- 
füllte. Schon einmal hatte dem Magister Petrus seine neue Weise, die 
Trinitätslehre zu demonstrieren, im Jahre 1121 auf der Synode zu 
Soissons eine Verurteilung zur Klosterhaft zugezogen und so schaute 
auch jetzt das mächtige Haupt der Cistercienser finsteren Blickes auf 
die Erneuerung des bereits verurteilten Lehrgebäudes, indem er sich 
drohend vernehmen Hess: , Verflucht sei, wer Jericho wieder aufbaut!" 
Als der Cistercienser Wilhelm von Thierry, einer der Intimen des hei- 
ligen Bernhard, bald nach Arnolds Ankunft in Parin, im Jahre 1140 
mit einer Klage auf Ketzerei gegen Abälard hervortrat 1 ), konnte os 
niemandem zweifelhaft sein, dass der mächtige Abt von Clairvaux selbst 
hinter dieser Klage stehe, die an ihn und den Bischof von ühartres 
gerichtet war. Trägt doch die Klagschrift selbst so ganz den Charak- 
ter von Bernhards Briefstyl, dass man sogar ihre Verfasserschaft dem 
Heiligen zugeschrieben hat*), wiewohl er in der Antwort an seinen 
Schüler einen Ton anschlägt, als ob er der Sache völlig fern stehe. 
Aber Bernhards Briefe beweisen, mit welcher Geschäftigkeit der Abt 
den begonnenen Streit aller Orten betrieb und nur wenige namhafte 
Anhänger sind es, dio damals bei Magister Petrus aushielten. Voran 
stehen unter diesen Getreuen der Scholastikas Berengar, der einen 
überaus bittern Bericht über Bernhards Verhalten uns hinterlassen hat 3 ), 
der römische Subdiakon Hyacinth und in erster Keiho Arnold von 
Brescia. 

Wie ein edles Schlachtross, das die Ohren spitzt, wenn Schwcrt- 
hiebe auf Blechhauben klirren und von selbst herbeieilt, wenn die Fan- 
fare geblasen wird, so fand sich der mit Not dem eigenen Verderben 
Entronnene bei dem Meister ein, um an seiner Seite zu fechten. 

„Aufrecht,* klagt der hciligo Bernhard, „schreitet der Goliath ein- 
her, mit kriegerischem Apparate gerüstet und vor ihm geht sein Waffen- 
träger Arnold von Brescia. Schuppe verbindet sich der Schuppe, 
dio französische Biene summt der italienischen zu und sie vereinigen 
sich gegen den Herrn und seinen Gesalbten 4 ).* Was den Exulanten 
aus Brescia, den Mann der Praxis und des öftentliehen Lebens an Abä- 
lard band, war schwerlich Philosophie und Dogma, sondern die grim- 



1) Bern. Ep. 32G. Ed. Mignc 1, 531. 

2) Vgl. darüber M. Deutsch, die Synode von Sens, Berlin 1880, p. 7 ff. 
3j Berengarii scholastk-i apologeticus etc., Migne 178. 

4) Epist. 189 bei Migne 185, 355. Die Biene ist eine Anspielung auf Jes. 7, 18 
sibilabit Dominus muscae . . et api, quae est in terra Astsur. 



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mige Verachtung des Klerus, die ihnen beiden gemein war, dazu die 
Neigung zu strenger Askese, denn auch Abälard war damals längst 
nicht mehr der glänzende Weltmensch, der einst den Roman mit der 
schönen Heloise gespielt hatte. „In Beziehung auf Nahrung und Klei- 
dung/ schreibt Bernhard von beiden, „haben sie den Schein der Fröm- 
migkeit, aber ohne ihr Wesen und täuschen viele dadurch, dass sie sich 
in Engel des Lichtes umgestalten, während sie doch Engel des Satans 
sind. Gespannt sind ihre Bogen und ihre Köcher sind voll Pfeilen, um 
die Frommen zu treffen. Zwischen den beiden Heerschaaren steht der 
Goliath mit seinem Waffenträger und schreit wider die Schlachtreihen 
Israels und schilt um so frecher, weil er weiss, dass kein David da 
ist." Was nun Abälard, den „Goliath" betrifft, so wissen wir aus 
seinen, wie aus seines Schülers Berengar Äusserungen, wie wenig er in 
der kampfesfrohen Stimmung war, die Bernhard hier ihm andichtet. 
Schon seine historia calamitatum mearum hat nur das eine schwermü- 
tige Thema, dass Leben Leiden sei *) und alle Zeugnisse bis zu dem des 
ehrwürdigen Abtes Petrus von Clugny über sein Abscheiden im April 
1142 bezeugen die gleiche lebensmüde Stimmung. Wenn also Bern- 
hards Erzählung nicht völlige Erfindung sein soll, werden wir den 
Waffenträger Arnold für die Provocationen, über die Bernhard klagt, 
verantwortlich machen müssen; ihm wäre so heller Schlachtruf, ein 
solches clamare adversus pbalangas Israel wohl zuzutrauen. Der Go- 
liath Abälard hatte nur, den Treibereien seiner Gegner gegenüber, den 
Erzbischof von Sens gebeten, ihn dem Abte von Clairvaux in öffent- 
licher Disputation gegenüberzustellen. Bernhard wich anfänglich dieser 
Herausforderung aus, da er Abälard s Überlegenheit im Disputieren fürch- 
tete; als er die Annahme aber nicht mehr verweigern konnte, bot er 
brieflich seinen ganzen Anhang auf 2 ), um des Erfolgs zum voraus ge- 
wiss zu sein. So der Abstimmung sicher, konnte er es „dem heiligen 
Geiste überlassen, wie oder was er reden solle." 3 ) Er eröffnete die Ac- 
tionen in Sens, wo die Synode stattfand, damit, dass er die Gemeinde 
aufforderte, für den Mann zu beten, den er vernichten wollte, und, wie 
zu erwarten, wurde darauf am 2G. Mai 1141 Abälard als Vater zahl- 
reicher Ketzereien verurteilt. Da aber schon bei der Vorverhandlung, 
bei der trunkene Bischöfe beim Glase Wein ihr damnamus . . . namus 



1) P. Abaelardi op. ed. Cousin. Vergl. namentlich den elegischen Schluss 1,36. 

2) Ep. 187. 

3) Ep. 189. Migne p. 35G. 



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lallten, 1 ) Bernhard die Stimmen festgelegt hatte, Hess sich Abälard 
auf das Schein verhör im Plenum gar nicht ein, sondern meldete sofort 
Appellation an den heiligen Stuhl an. 

Nach der Art. wie Bernhard in seinem Berichte über die Synodal- 
Verhandlungen Arnold als die rechte Hand des verurteilten Ketzers 
schildert, ist es durchaus wahrscheinlich, dass der verbannte Brcscianer 
auch in Sens seinem Meister zur Seite stand und ihm die Waffen reichte 2 ). 
An Abälards Appellation sicli zu beteiligen, hatte Arnold keinen Grund, 
da er in das Urteil nicht eingeschlossen war. Aber Bernhard schloss 
den Schildträger mit ein in das Urteil über den Goliath, indem er 
Abälard um so sicherer erdrücken konnte, wenn er seine Sache mit der 
Arnolds vermengte, der bei der Kurie des schlechtesten Leumunds ge- 
noss. „Du musst," so schreibt er an den Papst tnnocenz II., „die Füchse 
fangen, so lang sie noch jung sind . . . Übrigens sind sie nicht mehr 
so jung, darum können sie nur von einer starken Hand vertilgt werden 3 ). tt 
Hatte er dem Papste in seinem Kampfe gegen den Löwen Petrus (Pier- 
leone) beigestanden, der bei Tage brüllte, so mag der Papst ihm nun 
helfen gegen den Drachen Petrus, der im Hinterhalt lauert. Bei dem 
Danke, den er dem Höchsten schuldig ist für seine Erhebung, ver- 
pflichtet er Eugen, die beiden Gegner der Kirche, Abälard und Arnold, 
unschädlich zu machen. Und nicht genug, dass der Cistercienscr den 
Cistercienser auf dem Stuhle Petri an die Solidarität ihrer Interessen 
erinnert, auch eine Fülle von Briefen an die Kardinäle entströmen seiner 
Feder, in denen er mit nervöser Hast sie bestürmt, dass sie ihn in 
einer Frage nicht im Stiche lassen dürften, in der er sein ganzes An- 
sehen eingesetzt hatte. Jeden einzelnen Richter bearbeitet er inständig 
gegen den Angeklagten, keinen aber dringender als Guido von Castello, 
der als Gönner Abälards bekannt war 4 ). Es musste eine zweifelhafte 



1) Vgl. die satirische Schilderung Berengars im Apologeticus a. a. O. Ohne 
dieselbe zu kennen, hat Schiller nach der Lecturc von Bernhards Briefen von dem 
Abte von Clairvaui ganz ähnlich wie Berengar geurteilt. „Es möchte schwer sein, 
in der Geschichte einen zweiten so weltklugen geistlichen Schuft aufzutreiben, der 
zugleich in einem so vortrefflichen Elemente sich befände, um eine würdige Bolle 
zu spielen." Briefwechsel mit Göthc. Ed. Spemann 2, 314. 

2) Ep. 180: Squnma squamae conjnngitur et vec spiraculum incedit per eas ; 
Arnold ist Abälards Waffenträger und durch andere Pflichten nicht in Anspruch 
genommen, wich er nicht von des Meisters Seite. Auch aus dem Berichte der 
Bischöfe, Ep. 337 lässt sich das schliessen: Adfuit magister retrus cum fau- 
toribu8 suis. Wignc 542. Vgl. die Parallele Ep. 330. Migne p. 535. 

3) Ep. 1*9. 

4) Ep. 189. 192-93.331-36. 338. 



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Sache sein, die so aufgeregter Nachhilfe bedurfte, und man hat den 
Eindruck, dass der Abt seiner Umgebung keineswegs sicher ist. Das 
Verfahren der Synode von Seus war auch von so grober Unbilligkeit 
gewesen, dass sich sofort im Kreise der hohen französischen Prälatur 
Widerstand gegen „den Abt u erhob *). Der spätere römische Kardinal 
Hyacinth machte Bernhard scharfe Opposition 2 ) und kein geringerer 
als der Klosterfürst von Clugny, Petras Venerabiiis, bot sich dem ver- 
folgten Gelehrten als Fürsprecher an. Als Abälard auf seiner Reise 
nach Koni in Clugny vorsprach, behielt der mächtigo Cluniacenser ihn 
bei sich und versprach ihm, seinen Frieden mit Bernhard zu vermitteln. 
Nicht ohne Widerruf und mauchfache Demütigung hat Abälard diesen 
Frieden erhalten, aber alt und gebrochen war dem Kampfesmüden kein 
Opfer zu gross, um für den liest seiner Tage sich Ruhe zu schaffen. 

Arnold aber war von anderem Schlage. Er blieb auf dem Platze. 
Auf dem Berge der heiligen Genovefa, den Abälard geräumt, eröfthete 
Arnold eine neue Schule bei S. Hilarius. Johann von Salisburv, der ihn 
vielleicht selbst gehört, berichtet in seiner historia pontificalis, nur arme • 
Schüler habe der Brescianer um sich versammelt, die für sich und 
ihn das Brod von Thür zu Thür erbettelten 3 ). Wohl begreift es sich, 
dass Arnolds Predigten gegen die Pracht der Bischöfe in Paris kein 
Publikum hatten. Die jungen Geistlichen, welche hier studierten, woll- 
ten ja alle solche prächtigo Bischöfe werden und eben dazu waren sie 
hierher an den Sitz des Königs, zum Stelldichein der höchsten Prälaten 
gekommen, um jene weltlichen Benefizien zu erringen, die Arnold ver- 
dammte. Praktische Leute, wie Johann von Salisbury, hielten auf eine 
arme Kirche nicht viel. „Was Arnold lehrte," schreibt er, „stimmte 
mit dem Gesetze der Christen vollkommen überein, aber mit dem wirk- 
lichen Leben war es unverträglich. Der Bischöfe schonte er nicht 
wegen ihres Geizes und schändlichen Gewinnes, weil sie nicht ohne 

1) Noch sieben Jahre später, als auf dem Concil von Rheims Bernhard gegen 
Bischof Gilbert von Poitiers zum voraus Stimmen warb, entrüsteten sich die Car- 
dinäle, Meentes quod abbas arte simili magistrum Petrum agressus erat. Hist. 
pontif. c. 9. 

2) Damals noch römischer Subdiacon. Ep. 189 u. 338. Vgl. auch Johann von 
Salisbury: Ernaldus adhaesit Petro Abaielardo partesque ejus cum domino Ja- 
cineto, qui nunc cardinalis est, adversus abbatem ClarevaUcnsem studiosius fovit. 
Hist. pontif. c. 81. 

3) Parisiis manens in monte sanete Genooefe divinas litteras sccHaribus ex- 
ponebat apud sanetum llylarium, ubi jam dictus Petrus fuerat hospitatus. Sed 
auditores non habuit nisi pauperes et qui ostiatim elemosinas publice mendicabant, 
unde cum magistro vitam transigerent. Hist. pontif. c. 31. 



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Vorwurf lebten und die Kirche Gottes mit Wut zu bauen strebten." 
So führte Arnold allein den Kampf weiter, dem Abalard entronnen war, 
und Bernhard bezeugt, dass er „scharf und hartnäckig", auch nach er- 
folgter kirchlicher Entscheidung fortgestritten habe. Auf ihn hei nun, 
nachdem Bernhard mit Abälard sich ausgesöhnt hatte, der ganze Zorn 
des Heiligen nieder. Die gegenseitige Abneigung war um so grösser, 
als jeder den anderen eitler Ehrbegier bezichtigte. „Den heiligen Bern- 
hard," so berichtet die historia pontiticalis von Arnold, „beschuldigte 
er eitler Ruhmsucht und warf ihm Neid gegen alle vor, die in der 
Wissenschaft oder der Kirche emporkamen, ohne zu seiner Fahne zu 
schwören." Reformatoren wollten sie beide sein und gerade darum 
hassten sie sich um so grimmiger. Auch Bernhard wollte eine aske- 
tische Reform, aber eine Reform durch die gesetzlichen Organo der 
Kirche. Auch Bernhard eiferte gegen die neue, in Form von Abgaben 
gebrachte Simonie, die der römische Stuhl jetzt treibe, aber nicht bei 
den Laien sollte man den heiligen Petrus verklagen, wie Arnold pflegte, 
sondern dem Papste in erbaulichen Briefen Vorstellungen machen, wie 
das dem Abte freilich erlaubt war. In solchen erbaulichen Schriften, 
wie in den fünf Büchern .über die Betrachtung", die er Eugen III. 
widmete, konnte Bernhard dem Gedankenkreise des Brescianers ganz 
nahe kommen, so wenn er, fortgerissen von der eigenen Rhetorik, seinem 
Papste zuruft: „Auf das Richten über Sünden, nicht über Besitz- 
ungen bezieht sich Euere Gewalt. Über das Irdische zu richten, sind 
Könige und Fürsten eingesetzt; warum greift Ihr also in die Grenzen 
einer fremden Gewalt ein? Nicht, dass ihr dessen nicht wert seid, 
sondern dass es Eurer unwürdig ist, solchen Dingen obzuliegen ') . . . . 
Gold und Silber und Herrschaft mögt Ihr erlangen auf irgend eine 
andere Weise, aber nicht vermöge eines apostolischen Rechts ; denn der 
Apostel konnte Euch nicht geben, was er selbst nicht hatte. Er gab 
Euch, was er hatte, die Sorge für die Kirche ; er gab Euch aber nicht 
die Herrschaft, dio ihm untersagt war. Es ist daher auch Euch unter- 
sagt, Euch die Herrschaft zuzueignen 2 ). 14 „Des Konstantin Nachfolger 
warst du, nicht der des Petrus 3 ).* Man glaubt Arnold selbst zu hören, 
so bestimmt scheidet der Abt hier zwischen dem Lehramte, das Petrus 
dem Papste hinterliess und dem weltlichen Regimente, das or ihm viel- 
mehr untersagte. Anders haben auch Arnold und seine „Lombarden" 

1) De consideratiouc 1, 6. (Migne 1, 736 ) 

2) •>, 6 (Migne p. 748.) 

3) 4, 3 (Migne p. 776.) 



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niemals gepredigt. Leider aber stimmen des Abtes Thaten schlecht zu 
seinen Worten. Gerade er zwang im Jahre 1131 den Kaiser Lothar 
auf die Investitur zu verzichten, d. h. weltliche Herrschaft in des Pap- 
stes Hand zu lassen und in einem Briefe vom Jahre 1145 sagt er sehr 
im Gegensatz zu den schönen Grundsätzen jener Erbauungsschrift, der 
Papst sei berufen, über den Fürsten zu thronen, den Bischöfen zu ge- 
bieten und über Königreiche und Kaisertümer zu verfügen 1 ). Gemäss 
diesem Grundsatze ist er in der Praxis auch stets verfahren und da- 
rum kannte er denn auch keine Waffenruhe gegen einen Schismatiker, 
der die Gedanken der Weltentsagung nicht nur homiletisch verwenden, 
sondern die Kirche zwingen wollte, in der Praxis mit ihnen Ernst zu 
machen. 

Inzwischen kam alles darauf an, wie Born die Beschlüsse der Svnode 
von Sens und Bernhards Anträge verbescheiden würde. Bernhard hatte 
nicht nur durch seine Briefe an Innocenz II. und die einzelnen Kardi- 
näle auf den Verlauf des Prozesses einzuwirken gesucht, sondern er 
hatte auch einen persönlichen Unterhändler nach Kom entsendet. . Ein 
vielgewandter Mönch, der Cistercienser Nikolaus von Montier Hamey, 
der später als Fälscher aus Clairvaux flüchten musste 2 ), war von dem 
Abte beauftragt, die nötige mündliche Auskunft den Briefen, die er 
trug, hinzuzufügen. So will Bernhard von dem römischen Subdiakon 
Hyacinth, dessen böse Zunge weder die Person des Papstes, noch die 
Kurie an dem französischen Hofe geschont habe, Schriftliches nicht 
vermelden, doch wird es jener vertrauenswürdige Nikolaus viva voce 
hinterbringen 8 ). Mit technischer Meisterschaft hatto der weltkluge 
Abt von Clairvaux den Prozess in allen Instanzen geleitet und so Hess 
denn auch das Urteil, das in Rom schon am 1(>. Juli 1141 über Abä- 
lard und Arnold erfolgte, an Strengo nichts zu wünschen übrig. Ohne 
den Angeklagten auch nur Gelegenheit zur Verantwortung gegeben zu 
haben, verurteilte der Papst beide zu lebenslänglicher Einsperrung. Die 
Entscheidung 4 ) wird auf den schon von den Kaisern Valentinian und 
Marcian ausgesprochenen Grundsatz gestellt, dass über kirchlich fest- 
gestellte Lehren nicht mehr disputiert werden dürfe, weshalb der Papst 

1) Ep. 237. : Ad praesidendum principibu*, ad imperandum episcopis, ad 
regna et imperia dispomnda. Ahnlich Ep. 25'5. 

2) Ep. 298 warnt Bernhard den Papst Eugen III., er möge sich von ihm 
nicht auch düpieren lassen wie von Arnold von Brescia, den Eugen selbst in Rom 
zugelassen hatte. 

3) Ep. 189. 

4) Mansi concil. coli, XXI, ÖG3-C5. Die Bulle auch bei Migne, 182, pag. 359 f. 



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auf die Materie gar nicht eingeht, sondern sich begnügt, die ihm ein- 
gesendeten Sätze des Peter Abälard zu verdammen und ihm als Ketzer 
ein beständiges Stillschweigen aufzuerlegen. Auch alle Anhänger und 
Verteidiger seines Irrtums werden von der Gemeinschaft der Gläubigen 
ausgeschlossen und sind mit Banden des Fluches zu fesseln. War da- 
mit Arnold von Brescia an sich schon eingeschlossen in die Excommuni- 
cation, so blieb doch auch ein ausdrückliches Anathema für ihn nicht 
aus. In einem zweiten Breve befiehlt der Tapst den Bischöfen von 
Rheims und Sens, sowie dem Abte von Clairvaux, Peter Abälard und 
Arnold von Brescia, als Urheber verkehrter Leinen und Feinde des 
Glaubens im Klosterkerker unschädlich zu machen und ihre Bücher zu 
verbrennen. So war Arnold von Brescia verurteilt, in einem Kloster- 
kerker zu vermodern, ohne Verhör, ja ohne Anklage, lediglich auf ge- 
heime Denunciation des Abtes von Clairvaux, denn die Anträge der 
Synode von Sens hatten sich nicht auf ihn bezogen und wie wenig 
regelmässig der Geschäftsgang auch sonst gewesen war, beweist eine 
Nachschrift des päpstlichen Erlasses, das Urteil sei vor der Hand ge- 
heim zu halten, bis es auf der bevorstehenden (Konferenz zu Paris den 
Erzbischöfen im Original vorgewiesen werden könne. Unter solchen 
Umständen wundern wir uns nicht, dass sich Bernhard bald einem Car- 
dinale gegenüber gegen den Vorwurf zu verteidigen hat, dass er das 
Urteil über Arnold beim Papste erschlichen habe. ') Abor eben darum, 
weil Bernhard in seiner eigenen Sache, in der er ohnehin schon Kläger 
und Richter zugleich gewesen war, nun auch noch mit der Vollziehung 
des Urteils betraut wurde, entbehrte dieses Urteil der moralischen 
Autorität und die päpstliche Bulle verfehlte bei den französischen 
Bischöfen ihres Eindrucks. Abälard hatte hinter den Maliern von 
Clugny ein Asyl gefunden, d.is selbst für den heiligen Bernhard unan- 
tastbar war und auch an Arnold wagten sich die Bischöfe nicht. 2 ) Un- 
gehindert fuhr er fort, auf dem Berge der heiligen Genovefa gegen die 
verweltlichte Kirche und den Abt zu donnern und es fand sich kein 
Bischof, der Lust hatte, seinen Anhang gegen sich aufzubringen, indem 
er den päpstlichen Spruch an ihm vollzog; „da war keiner, der Gutes 
thue," klagt der heilige Bernhard. 3 ) So musste der Abt sich von den 
geistlichen an die weltlichen Behörden wenden. Er, der seine Hände 



1) Ep. 196. 

2) Bern. Ep. 195. Bist, pontif. M. (i. XX, ."537. 

3) Ep. 193 bei Aiigne, S. 3G3. 



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in allen Fragen hatte, war auch in den Missverständnissen Tnnocenz' II. 
mit Ludwig VII. der Zwischenhändler. Bei solcher Gelegenheit wird 
es gewesen sein, dass er den jungen König zur Aufopferung des Propstes 
von Brescia bestimmte. Den Vollzug der päpstlichen Bulle an Arnold 
erreichte er allerdings nicht ; der französische Hof schaffte sich aber 
die widerwärtige Frage dadurch vom Halse, dass er den Italiener aus 
Frankreich auswies. So griff der Märtyrer seiner Idee wiederum zum 
Wanderstahe. Unstät und flüchtig gleich Kain (vagus et profngus super 
terram), wie Bernhard dem geschlagenen Feinde nachhöhnte. *) fand 
Arnold den Weg, den nacli ihm so viele ausgewiesene Revolutionäre 
gefunden haben, den Weg nach Zürich. Kr ging, um dem biedern 
Volke der Alemannen dio Lehre von der armen Kirche zu verkünden, 
die in der Welt Händel sich nicht flechten solle. Der Yorsificator des 
Otto von Freising giebt in seinem Ligurinus diese Nachrichten in den 
Versen wieder: 

Ftajit ab itibe sita, Iransalftinist/iie ireepfas 
(Jua sibi viilnas Alemannia anapirit Alpes, 
Statten ab alpha) tlueens, nt fama, Lewa ti im , 
Salti fc Titrieyitui, thu foria man ine ftilstt, 
Insetlif, tttftniitjtie brevi sab tempttre terram 
JWfitlua iinpuri faetlarit tlagmalis anra.*) 
Wenn uns auch nähere Nachrichten über Arnolds Thätigkcit in 
Zürich fehlen, so haben doch Schweizer Historiker mit Hecht darauf 
hingewiesen, wie verwandt die damaligen Verhältnisse der Stadt an der 
Limmat. denen in Arnolds eigener Heimat waren. Die Stellung, die 
in Brescia der Bischof, nahm in Zürich die Acbtissin des Frauen- 
münsters ein, die Bürgerschaft aber erkämpfte von dem Stifte der Reihe 
nach die Regalien für sich, so dass die Heichsunmittelbarkeit von der 
Abtei allmählig auf die Stadt überging. Dass Arnold in diesen Uegen- 



1) Kp. 195. 

2) Gunther Ligurinus III, '101 f. Kranckc, Arnold von Bresciii, S. 133 und 
Vierordt, Bodischc Geschichte '2ofi sehliessen aus dieser Stelle, dass Arnold unter 
dem falschen Namen eines Doctor Leemann in Zürich gelebt habe, aher die Meinung 
des Dichters ist, dass Alemannia seinen Namen von Lemannus ahleite. Oh der 
Poet unter dem alpino Lemanno den Fluss Limmat verstehe, wie seine Vorlage, 
Otto von Freising, gesta Friderici I, 8 (Mon. Germ. XX, 357) oder den Züricher 
See, wollen wir dahingestellt sein lassen. Im lilter miraculorum des heil. Bernhard, 
Monum. Germ. 2G, 125, heisst die Limmat Lindemack. fbrigens passt diese Etymologie 
des Namens Alemannia hesser für einen Italiener als für einen deutschen Dichter 
und dadurch ist die Stelle beachtenswert. 



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Sätzen seine Stellung genommen, besagen unsere Berichte aber nicht. 
Er durfte öffentlich als Lehrer auftreten (officium doctoris assumens, 
sagt Otto von Freising) und streute eine Weile die Samen seiner Lehre 
aus. Doch hatte auch hier der Abt von Clairvaux seinen Gegner nicht 
aus dem Auge verloren. Aus einem Briefe des Heiligen ersehen wir, l ) 
dass die Cistercienser seine Thätigkeit genau controllierten, die sich in 
Zürich keineswegs nur auf arme Studenten, wie in Paris, beschränkt hat. 
Lässt doch der Abt von Clairvaux sich melden, „ gleich einem mäch- 
tigen und wildon Wolfe " sei Arnold in die Diöcese Konstanz einge- 
brochen und drohe das Volk zu verschlingen wie einen Bissen Brot. 
So sei es immer seine Art, sich erst Sehnt/, zu sichern bei den Mächtigen 
und Neichen und dann das Volk aufzuwiegeln gegen seinen Klerus. Die 
Gefahr lag also vor, dass Arnold in Zürich und dem Adol seiner Land- 
schaft einen neuen Stützpunkt finde für seine Agitationen gegen die 
Kirche. Als einige Jahre später Friedrich Barbarossa zu Konstanz sein 
Hoflager hielt, schrieb ihm ein Anhänger Arnolds aus Rom, Wezel oder 
Wczilo, dem Namen nach auch ein Alemannc, der Kaiser möge die in 
der Diöcese Konstanz ansässigen Grafen von Rammisberch und 
Lenz bürg oder Eberhard von B od mann nach Rom schicken; 
diese drei Herren hält Arnolds Freund für geeignet, mit der römischen 
Volkspartei zu verhandeln. 8 ) Das also werden solche Edellinge sein, 
deren Schutz nach Bernhard der Sektierer gewann und die der Lehre 
Beifall gezollt hatten, dass die Kirche die Güter zurückgeben sollte, 
die die Einfalt der Weltlichen ihr zugewendet. Udalrich von Lonzbnrg 
kennen wir ohnehin als Gegner des reichen Abtes von Einsiedeln, mit 
dem er prozessierte; er steht also den kirchlichen Streitigkeiten der 
Züricher Landschaft auch sonst nicht fern. s ) Unbedeutend ist nach dem 
allem Arnolds Wirksamkeit in Zürich mit nichten gewesen und noch 
vierzig Jahre später glaubt der Dichter des Ligurinus in der Züricher 
Bevölkerung die Nachwirkungen von Arnolds Wirken zu verspüren: 
Unrtc veneuato (Turtum corruptu wjwre 
Et uinhum fafoi rtodrhm ratis inhaemtx, 
Semtt arthur utw (jmtniu yeu* Ufa /tntrruar.*) 



1) Epist. 195. 

2) Wibaldt Epp. in JaflY«, Bibl. I, No. 404. 

3) Vgl. die Urkunde bei Bernhard!. Konrad III, S. 332. 

4) Anspielung auf P'zech. 18, 2. Die Väter essen Herlinge und den Söhnen 
werden die Zähne stumpf. Man hat die Stelle dafür geltend gemacht, dass der 
Ligurinus ein Werk der Renaissance sei, da die Schweizer des 14. und 15. Jahr- 



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Auch Neuere wollen in einem angeblich kühlen Verhalten der Züricher 
gegen Bernhards Kreuzpredigt im Jahre 1146 eine Nachwirkung von 
Arnolds Thätigkeit sehen, aber die Kreuzprediger selbst machten diese 
Entdeckung nicht, ') Nur die Thatsache steht aus Bernhards Brief an 
den Bischof von Konstanz fest, dass die Cistercienser fürchteten, der 
Feind des Kloster- und Kirchenguts könnte in Zürich ähnliche Unruhen 
erregen wie vordem zu Brescia und Paris. Der qualmenden Phantasie 
des heiligen Bernhard hat sich Arnolds Gestalt dabei zu wahrhaft aben- 
teuerlichen Umrissen verzogen und dennoch kommt hier und dort in 
dieser Schilderung eine freilich verzerrte Ähnlichkeit mit dem sonst be- 
zeugten Arnold zum Vorschein. Heimatlos und flüchtig auf Erden, 
thut er, nach Bernhard, was er zuhause nicht darf, in der Fremde, in- 
dem er umhergeht wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er ver- 
schlinge. So ist dem Abte hinterbracht, dass Arnold in Zürich Unheil 
in's Werk setze und das Volk vorschlinge gleich einem Bissen Brotes. 
Ist doch sein Mund stets „voll von Lästerung und Bitterkeit, schnell 

hundert» den Freiheitssinn eines Arnold von Brescia noch immer bethätigten und 
der Ausdruck servat adhuc gens Hla gustum uvae paternae auf lang verflossene Zeiten 
zurückschaue. Vgl. zu dieser Frage die Untersuchungen von A. Panneborg in den 
„Forschungen zur Deutschen Geschichte" XI, 164 f. und XIII, 227 f. Ziemlich über- 
einstimmend aber setzt man jetzt wieder den Ligurinus in das Ende des zwölften 
Jahrhunderts. 

1) So Vierordt, Bad. Gesch. 258. Die beiden Lebensbeschreibungen des heil. 
Bernhard bestätigen aber diese Meinung nicht und das Uber miracidnrum (Mon. 
Germ. XXVT, P22f.) führt gerade den Konstanzer Bischof, unter dessen Duldung 
Arnold in Zürich gewirkt hatte, als eifrigen Verehrer des Abtes auf. Mit vielen 
Bitten beätürmt er Bernhard auf dem Reichstag zu Frankfurt im December 1 146, 
ihm nach Konstanz zu folgen, obgleich dieser nur ungern sich seinen Brüdern so 
lang entzieht. Bischof Hermann selbst bezeugt die Wunder, die in seiner Diöcesc 
von dem ersten Pfairdorfe Kenzingen an, Station für Station, an Kranken von 
Euenheim, Kippenheim, Freiburg, Krotziugen, Heitersheim, Schliengen, Rheinfelden, 
ja sogar vor dem populus durissimus zu Sückingen (wie der Priester selbst seine 
Pfarrkinder nennt, M. G.XXVI, 1Ä) und weiterhin zu Thiengen. Schaßhausen und 
Stein von dem Heiligen gewirkt wurden. Frowin, der Abt von Salem, Aruolds mut- 
masslicher Verkläger bei Bernhard, ist Zeuge der Wunder zu Konstanz, die hei dem 
Volksgedränge nur von wenigen beobachtet werden konnten. Zu Wintherthur redet 
ein stummes Mädchen, Paralytische werfen ihre Krücken von sich und von Zürich 
selbst heisst es, die Lahmen gehen, die Blinden sehen, die Stummen reden und 
wenn nicht mehrere Fälle aufgeschrieben werden konnten, so war davon das Volks- 
gedränge die einzige Ursache. Auch bezeugen die Aebte Gerhardus uud Henricus, 
als sie aus der Schweiz zurückkehren, dass Brot, das der h. Bernhard vor elf Jahren 
in der Schweiz geweiht hatte, noch zur Stunde unverdorben sei. (Mon. G. XXVI, 
114.) Arnolds Lehre hatte also den Wunderglauben der Konstanzer Diöcese nicht 
erschüttert. 



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sind seine Füsso Blut zu vergiessen: Zerstörung und Unheil ist in 
seinen Wegen, und den Weg des Friedens hat er nie gekannt. Ein 
Feind des Kreuzes Christi sät er Unfrieden, schafft Spaltung, stört die 
Harmonie, spaltet die Einheit. Seino Zahne sind Waffen und Pfeile, 
und seine Zunge ist ein scharfes Schwert. Seine Reden sind glatt wie 
Öl und dennoch Speere. So ist sein Brauch, mit schmeichelnden Keden 
und erheuchelten Tugenden die Heichen und Mächtigen anzulocken, wie 
geschrieben steht: Er liegt im Hinterhalt mit den Reichen, im Ver- 
steck, dass er den Unschuldigen töte" (Ps. 10, 8.). Wie treu oder un- 
treu dieses Bild auch sei, jedenfalls beweist es die Furcht, die Bern- 
hard vor diesem dämonischen Gegner empfand und ein Zeugnis dieser 
Sorge ist der Brief, den der Heilige an den Bischof Hermann von Kon- 
stanz richtete. ') Unmöglich, schreibt er, könne Bischof Hermann un- 
bekannt sein, wovon die Kunde sogar bis nach Frankreich gelangt sei, 
dass Arnold die Seelen verführe, die dem Konstanzer Bischof anvertraut 
seien nnd in starken Worten spricht er seine Verwunderung darüber 
aus, dass der Bischof den Überführten nicht als Ketzer erkenne, nicht 
festnehme und ihn nicht einmal verhindere, die Seelen zu verderben, 
für die Christus gestorben sei. Von Arnold von Brescia rede er, von 
dem nur zu wünschen wäre, dass seine Meinungen oben so gesund wie 
sein Leben streng sei. „Er isst nicht und trinkt nicht, weil er mit dorn 
Teufel speist und nach dem Blute der Seelen dürstet. Denn er gehört 
zu denjenigen, von denen Paulus sagt, dass sie den Schein der Gott- 
seligkeit haben, aber ihre Kraft verleugnen, ein Wolf im Schafskleide. " 
Wo Arnold bis jetzt sich aufgehalten, habe er so hässliche und traurige 
Spuren seiner Anwesenheit hinterlassen, dass er selbst nicht wage, zum 
zweiten mal seinen Fuss dorthin zu setzen. Ein eigentümlicher Vor- 
wurf freilich, da der Papst Arnold die Rückkehr nach Italien verboten 
und Bernhard selbst gesorgt hatte, ihm die nach Frankreich zu ver- 
schliessen, wie er denn sofort berichtet, dass Arnold, verflucht von Petrus 
dem Apostel, sich zu Petrus Abälard gewendet und dessen Lehre auch 
dann noch heftig und hartnäckig verteidigt habe, nachdem die Kirche 
sie bereits verurteilt hatte. Seine Gewohnheit sei, mit schmeichlerischen 
Reden und erheuchelten Tugenden die Reichen und Mächtigen für sich 
zu gewinnen,' dann aber, wenn er ihr Wohlwollen erworben habe und 
ihrer Freundschaft sicher sei, werde man ihn den Kampf mit dem 
Klerus beginnen sehen; er werde dann die Tyrannei der Weltlichen 



1) Ep. 195, Migne 361 f. 

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gegen die Bischöfe aufrufen 1 ) und gegen den ganzen geistlichen Staad 
wüten. „ Schaffet den Übelthäter hinweg aus euerer Mitte," habe der 
Apostel geboten. Da aber mit Arnolds Ausweisung Bernhard im Grunde 
nur wenig gedient war, setzt er unmissverständlich hinzu, dass der 
Freund des Bräutigams noch lieber dafür sorgen werde, den Übelthäter 
zu binden, als ihn zu vertreiben, damit er nicht durch seine Reden an- 
derwärts noch grösseren Schaden anrichte. 

Auf welchem Wege Bernhard zu seinen Nachrichten über die 
neuen Erfolge Arnolds gekommen, lässt sich unschwer erraten. Unfern 
dem Bischofssitze des Hermann von Konstanz und der Burg der edelen 
Herrn von Bodmann liegt das Cistercienserkloster Salem. Der erste Abt 
dieses im Jahre 1134 gegründeten Stifts war Frowin, einer der vertrau- 
testen Begleiter des heiligen Bernhard 2 ). Die Kanäle des Cistercienser- 
verbands haben die Nachricht nach Clairvaux befördert und Bernhards 
schnöder Brief ist ein neuer Beweis, wie Kluniacenser und Cistercienser 
die Bischöfe unter ihrer Aufsicht hiolten und was sie sich gegen den 
regulären Klerus herausnehmen durften. Man muss aber in der hohen 
Hierarchie der ewigen Schulmeisterei „des Abts" schon sehr überdrüssig 
gewesen sein, denn auch hier, wie in Frankreich, geschah nicht, was 
Bernhard verlangte. Bischof Hermann von Konstanz war ohne Zweifel 
auch „ein Freund des Bräutigams", er hielt sich aber darum doch nicht 
für verpflichtet, alle Leute einzusperren, die mit dem Abte von Clair- 
vaux Händel hatten. Andererseits konnte er freilich auch keine Nei- 
gung verspüren, sich wegen eines Fremden mit dem mächtigsten Manne 
des Abendlandes zu entzweien, dem er im Gegenteil einige Jahre später 
bei der Kreuzpredigt von 1 14H eifrig den Hof macht 8 ). So schlug er 
einen Mittelweg ein. Kr entfernte den Italiener, oder übergab ihn viel- 
leicht auch selbst dem Kardinaldiakone Guido, der im Jahre 1142 nach 
Böhmen und Mähren geschickt wurde und damals am Bischofssitze zu 
Passau längere Zeit verweilte 4 ). Bei ihm taucht iu einem Briefe Bern- 



1) Fretuvi tyrannide militari: wir werden also nicht Mos reiche Bürger der 
Stailt, sondern auch Grafen und Kdelinge zu Arnolds Gönnern zu rechnen haben. 

2) Siehe die hütoria miraculorum, Migne 185, 370 und M. G. a. a. O , wo 
Frowin die abenteuerlichsten Wunder des Heiligen bezeugt 

3) Liber miracul. Beruh. Prooem. Mon. G. 26, 122. 

4) Die Chronologie des Arnold'schen Exils ist also die folgende: Aus Italien 
ausgewiesen wurde er durch die Fastensynode 1139. Zur Einsperrung mit Abälard 
wurde er verdammt durch die Bulle vom 16. Juli 1141. Zu Guido begab er sich 
nach dem 21. August 1142, unter welchem Datum Innocenz II. Guido an den Bischof 
Heinrich von Mähren empfiehlt (.raffe, 8238). Als ihn Bernhard bei diesem voraus- 



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hards der bei dem Konstanzer Bischof Verdächtigte im Jahre 1142 
auf 1143 wieder auf. Die Verhältnisse, in denen der italienische Exu- 
lant bei Guido lebte, scheinen nach Bernhards Klagen ganz behagliche, 
ja ehrenvolle gewesen zu sein Hausgenosse und Tischgenossc eines 
Kardinals, von diesem in häufigen Gesprächen zu Rat gezogen, war er 
geborgen vor Bernhards Zorn und selbst die Aussicht, dereinst mit 
seinem Patrone in die Heimat zurückzukehren, that sich vor ihm auf. 
Auch der neue Gönner, so gut wie die Bürger von Brescia und die 
Studenten von Paris, empfand die „Süssigkcit seines Umganges" 8 ) und 
wie Abälard an Peter von Clugny, so hatte Arnold an Kardinal Guido 
den Mann gefunden, der ihm seinen Frieden mit der römischen Kirche 
vermittelte. War doch Guido auch andern Priestern strengster Rich- 
tung hold; so findet sich im Jahre 1143 der asketisch ernste Gerhoh 
von Reichersberg, der mit Arnolds strengen Grundsätzen mancherlei 
Berührungspunkte darbietet, gleichfalls in Guidos Gesellschaft und wird 
von ihm im Jahre 1144 an Papst (Jölestin, den Gönner Abälards, nach 
Rom empfohlen 3 ). Vielleicht dass aus diesen gemeinsamen Beziehungen 
Gerhohs Interesse an Arnold stammt, dessen Schüler er zwar bekämpft, 
aber dessen reinem Eifer er noch nach Arnolds Tode Worte des Anteils 
widmet 4 ). Doch wissen wir von Arnolds Asyl bei Guido nur aus einem 
der kirchlichen Steckbriefe, an denen Bernhards Correspondenz so reich 
ist. „Arnold von Brescia", schreibt Bernhard in strengem Ton an den 
neuen Gönner des verfolgten Lehrers 5 ), „dessen Umgang Honig, dessen 
Lehre aber Gift ist, der den Kopf einer Taube und den Schwanz eines 
Scorpions hat, den Brescia ausgespieen, vor dem Rom sich entsetzt, 
den Frankreich vertrieben hat, den Deutschland verwünscht und Italien 



setzt, lebt Innoccnz II. noch (f 24. Septbr. 1143) und in Italien erseheint Arnold 
wieder während Eugens HI. Aufenthalt zu Viterbo vom 15. April bis 1. Dez. 114"). 

1) Weil Bernhard Ep. 196 sich hypothetisch ausdrückt „Amaldus fertur vo- 
biscum esst" und „Si tarnen verum est, quod vobiscum hominem hnbeatis" meint 
Breyer a. a. 0. 146, dass Arnold gar nicht bei Guido gewesen sei, sonst würde dessen 
Begleiter Gerhoh von Reichersberg seiner Anwesenheit gedenken. Aber die hypo- 
thetische Wendung ist welsche Höflichkeit. Ohne sichere Kunde hätte Bernhard 
gewiss nicht in diesem Tone au den Legaten geschrieben. 

2) „Cujus conversatio viel, cui Caput columLae". Ep. 19G. 

3) Migne 193, 578. Siehe Gerhoh's Biographie von W. Ribbeck, Forschungen 
zur deutschen Geschichte 24, 15 

4) Gerhob, über ad Hadrianum, S. 4. De investig. Antichr. 383. Forschungen 
zur deutsch. Gesch. 25, 559. Auch in der Lehre haben beide manche Berührungs- 
punkte. Vgl. Sturmhöfel, Gerhoh v. R., S. 5. 

5) Ep. 19(5. 



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100 - 



nicht wieder aufnehmen will, soll jetzt bei Euch sein. Sehet Euch vor, 
ich bitte Euch, dass er durch Euer Ansehen nicht noch grösseren 
Schaden verursache. Denn da er sowohl die Fähigkeit als den Willen 
besitzt, zu schaden, so wird er, wenn Eure Gunst hinzutritt, dreifach 
gefährlich und unerraessliches Unheil, fürchte ich, wird dann von ihm 
ausgehen." Wenn der Kardinal den landflüchtigen Mann wirklich bei 
sich habe, so könne nur eines von zweien möglich sein. Entweder wisse 
der Legat nicht, wen er da aufgenommen, oder er habe Hoffnung auf 
Besserung des Schismatikers gewonnen. Wie sehr wünscht doch der 
Heilige, dass diese Hoftnung nicht vergeblich sein möge! Möchte es 
Guido verliehen sein, aus diesem Steine einen Sohn Abrahams zu er- 
wecken. Welch genehmes Geschenk aus den Händen des Legaten 
würde es der Mutter Kirche sein, den als Gefass der Ehre zu erhalten, 
der so lang ein Getass zur Unehre war. Der Versuch ist erlaubt, aber 
ein weiser Mann werde mit solchen Versuchen nicht über die von dem 
Apostol bestimmte Zahl hinausgehen und einen ketzerischen Menschen 
meiden, wenn er ein oder zweimal ermahnt ist. Ihn im Gegenteil zum 
Hausgenossen zu haben, zu häufigen Gesprächen zuzulassen, ja zu ge- 
meinsamen Mahlzeiten, erwecke den Verdacht der Begünstigung, die eine 
neue Walte für den feindlichen Menschen sein werde. Der Hausgenosse 
und Vertraute eines päpstlichen Legaten wird überall Eingang finden, 
denn wer wird an so hoher Stelle sich eines Übels versehen? Der Kar- 
dinal möge doch zusehen, welche Spuren Arnold überall hinterlassen 
habe, wo er bisher gewesen. Mit guten Gründen habe der apostolische 
Stuhl ihn über die Alpen geschickt und dulde nicht, dass er in die 
Heimat zurückkehre, während die Fremden, zu denen er gewiesen worden, 
nur allzusehr wünschten, er möge wieder dahin gehen, woher er ge- 
kommen. Darin aber liege eine nachdrückliche Bestätigung des päpst- 
lichen Urteils, sodass niemand sagen könne, dasselbe sei erschlichen 
(ne quis dicat subreptum fuisse domino papae). Gegen diese Unter- 
stellung findet also Bernhard doch für nötig zu protestieren und er 
setzt, wie es scheint, voraus, dass der Legat die Sache so ansehe, wie 
sie im Jahre 114G auf der Synode von Rheims öffentlich beurteilt 
worden ist 1 ). Die Richtigkeit der Sentenz, meint Bernhard, verkünde 
aber Arnolds Leben laut genug, auch wenn seine Zunge sie bestreite. 
Ihn begünstigen, heisse darum dem Herrn in Rom widerstehen, ja dem 
Herin im Himmel. Doch hat Bernhard das gute Zutrauen zu der 

2) Iiistor. pontif. c. y. 



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101 - 



Klugheit und dem Anstandsgefühle des Legaten, dass er nach Empfang 
dieses Briefes, über den wahren Sachverhalt nunmehr ius Klare gesetzt, 
sieh nicht werde verleiten lassen, zu irgend einem Sehritte seine Zu- 
stimmung zu geben, der einem Legaten nicht ziemt und der Kirche 
schadet, deren Legation Guido bekleidet. Mit diesem deutlichen Winke 
schliesst der Brief, ein Beweis, welche Censorrolle Bernhard auch Kar- 
dinälen gegenüber, schon vor dem Papat seines Ordensbruders Eugen, 
sich herausnehmen durfte. Dennoch verfehlte die herrische Epistel ihren 
Zweck. 

Da Arnold im gleichen Jahre 1145 wie Legat Guido ») wieder in 
Italien erscheint, so nimmt man an, dass er bis zu diesem Zeitpunkt in 
Guidos Gefolge blieb und dass dieser es war, der ihn mit der Kurie wie- 
der aussöhnte *). Bernhards Schreiben ist noch zu Lebzeiten Innocenz' IL. 
also vor dem 24. September 1143, vertagst. Nach dem Wechsel auf dem 
heiligen Stuhle brauchte Guido aber dem Schreiben des Abts nur noch 
geringe Bedeutung beizumessen, da der Nachfolger Innocenz' 11. jener 
Guido von Castello war, den wir aus den Briefen des heiligen Bern- 
hard als Gönner Abälards kennen 3 ). Derselbe war zwar durch die 
gleichen Kardinäle zum Papst gewählt worden, die Arnold und Abälard 
verurteilt hatten, aber er konnte doch als Papst keinen Antrieb em- 
pfinden, die Häupter einer Schule zu verfolgen, der er einst als Pariser 
Magister selbst angehörte. Auch Lucius IL hatte während seines stür- 
mischen Pontificats sicherlich dringendere Sorgen als die Verfolgung des 
in Böhmen oder Mähren lebenden Propstes von Brescia. 

Da erschien im Jahre 1145, nach sechsjähriger Verbannung aus 
der Heimat, der berüchtigte Agitator wieder in Italien und suchte zu 
Viterbo persönlich bei Eugen III. um seine Wiederaufnahme in die Ge- 
meinschaft der römischen Kirche nach '). Hatte er seinen Eid, Italien 
nicht ohne Erlaubnis des Papstes zu betreten nur auf Innocenz IL 
gedeutet 5 ), dem er ihn geschworen, oder hatte ihm Guido die voraus- 
gesetzte Erlaubnis erwirkt, sicher ist, dass er zu Viterbo durch Eugen 
selbst in die Gemeinschaft der römischen Kirche wieder aufgenommen 
wurde. Dass er dabei versprach, seine bussfertige Gesinnung durch 



1) Jaffe, Reg. Pontif. 929G. 

2) Vgl. Giesebrecht, Arnold v. Brescia 17. 

3) Ep. I9C und 330. Watterich II, 276 - 78. 

4) Hist. pontif. M. G. XX, 538. 

5) So scheint Otto von Freising Arnolds Heimkehr aufzufassen: Comperta 
vero morte Innocentii circa jmneipia pontificatus Etigenii, urbem ingressus. 



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— 102 — 



Fasten, Nachtwachen und Gebete an Roms heiligen Stätten zu erweisen, 
entsprach dem kirchlichen Brauch bei solcher Keconciliation und konnte 
dem asketisch gerichteten Eiferer nicht schwer werden. Anderseits 
wird man doch in dieser bussfertigen Unterwerfung ein Zeichen sehen 
müssen, dass Arnold auch Guidos Schutz nicht ohne Concessionen er- 
kauft hatte, wie er denn auch jetzt dem Papste eidlich gelobte, der 
römischen Kirche forthin gehorsam zu sein. 

Aber Eugens III. Regiment in Rom war von kurzer Dauer. Die 
Römer verlangten die Bestrafung des feindlichen Tibur, Eugen aber 
konnte Tibur nicht preisgeben, das während der Belagerung sein bester 
Bundesgenosse gewesen war. Mit der Erklärung, dass er des Lebens 
satt sei, verliess der neue Papst schon im Januar 1146 den Lateran 
und zog sich hinter die Befestigungen der Leoni nischen Stadt zurück, 
um vor einem Handstreiche sicher zu sein, im März 1146 aber räumte 
er Rom völlig und verlegte seinen Sitz nach Sutri. Die Folge war 
der Wiederausbruch der revolutionären Bewegung 1 ). Jordanus Pierleone 
wurde wieder Patricius, seine zum Papste haltenden Brüder flohen, der 
Palast des Cencius Frangipani wurde dem Erdboden gleich gemacht 2 ) 
und das unglückliche Tibur ward erbarmungslos abgestraft. 

Während dessen lebte Arnold als frommer Büsser in der Stadt und 
ring nur allmählig an, wieder eine Gemeinde um sich zu sammeln. Er 
hatte dazu freie Hand, da Eugen III., dem er Gehorsam gelobt hatte, 
Rom mied und sich schliesslich im März 1147 nach Frankreich begab, 
um die von Bernhard getroffenen Vorbereitungen des zweiten Kreuz- 
zuges zu bestätigen. 8 ) Die Geschäftslast, die damals auf dem Abte 
von Clairvaux lag, hatte ihn nicht abgehalten, auch dem Papste bei- 
zuspringen, indem er zwei Briefe, den einen an die Römer, den andern 
an Konrad III. richtete, um dem Papste zu einer würdigen Stellung in 
seiner Metropole zu verhelfen. Dass Arnold wieder in Rom ist, weiss 
Bernhard bei Abfassung dieser Schreiben nicht, denn weder in seinem 
Briefe an die Römer, noch in dem an Konrad III. thut er des Schis- 
matikers Erwähnung, dessen Namen doch sonst die Schleusen seiner 
Beredtsamkeit weit auftliut, wo er den Verdruss hat, seinem ver- 
hassten Antlitz zu begegnen. Erst später findet sich in einem Briefe 
an Eugen III. ein gelegentlicher Hieb gegen des Papstes Leichtgläubig- 

1) Otto Frising. Chron. VII, 31. Vita Eng. a. a. 0 Ann. Casio. 114(5 (M. G. 
XIX, 310). 

2) Histor. pontif. Caj>. 27. Mon. Germ. 536. 

3) Kegesta Pontif. 1, G25. 



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- 103 - 



keit, ') der sich die mit Arnold erfahrene Täuschung zur Warnung 
dienen lassen soll. Bernhards Schreiben an den römischen Senat ist in 
dem bekannten Tone der Hierarchie gehalten, die gleich dem Zauberer 
der Fabel sich jetzt klein macht wie ein Mäuschen, jetzt gross gleich 
einem Kiesen. Zu dem hohen und berühmten Volke wagt „Bruder 
Bernhard", „eine geringe und kleine Person" kaum zu reden, der 
doch nur „ein unbedeutendes Menschlein ist" (nullius pene mumenti 
liomuncio), aber wer weiss, vielleicht bekehren sich die auf die Bitte 
eines Armen, die den Drohungen der Mächtigen und den Waffen der 
Starken nicht weichen wollten. Bekehrte sich doch Babylon auf die 
Stimme des Knaben Daniel. Auch er ist ein Knabe, nicht nach den 
Jahren, sondern nach den Verdiensten. Wenn das Haupt leidet, so 
leiden alle Glieder mit, Rom aber ist das Haupt, weil der eine Apostel 
dort sein Haupt verlor, der andero mit dem Haupte nach unten ge- 
kreuzigt ward (alter amkm, alter submisso in cruce capite). Wie nur 
konnten die Kömer die beiden Fürsten der Welt, die ihre besonderen 
Patrone sind, also beleidigen? Schwungvoll setzt der beredte Mönch 
den Kömern auseinander, wie sie durch Vertreibung des Papstes und 
Plünderung der Kardinäle Korn selbst um seinen Glanz brächten. Sie 
sollten sich doch erinnern, wie in den früheren Unruhen Anaklets aller 
Schmuck und Reichtum der Kirchen verschleudert ward. Was an Gold 
und Silber auf den Altären und Altargefässen, ja auf den heiligen Bildern 
selbst sich fand, wurde durch frevelnde Hände geplündert und wegge- 
schleppt! „Was habt ihr jetzt von dem Allem in Euerem Beutel?" frägt 
der Abt spöttisch. Nicht anders werde es bei der gegenwärtigen Revolu- 
tion ergehen, und nun erhebt er sich drohend, um alle Strafen des Himmels 
denen anzukündigen, die Petrus und Paulus in ihrem Stellvertreter ver- 
trieben haben, und warnt sie vor den auswärtigen Nationen, vor der 
Wildheit der Barbaren, vor den Tausenden der Bewaffneten, vor dem 
Bürgerkrieg, der sich in ihrer eigenen Mitte erheben wird. „Versöhnt 
Euch mit den Regierern der Welt, dass nicht die Welt anfange, für 
sie zu kämpfen gegen die Unsinnigen. Wisst Ihr nicht, dass Ihr, wenn 
Ihr die Apostelfürsten beleidigt habt, nichts vermögt, unter ihrem 
Schutze aber nichts in der Welt zu fürchten braucht? Ja unter ihrem 
Schutze hast Du Tausende nicht zu fürchten, die Dich umzingeln, glor- 
reiche Stadt, Sitz der Tapfern ! Versöhnt Euch mit ihnen und zugleich 
mit den tausend Märtyrern, die zwar bei euch sind, aber gegen euch 

1) Ep. 298. 



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... 104 — 

sind wegen der grossen Schuld, bei der ihr beharrt." ') Mit unsern 
Begriffen von Loyalität vertrügt es sich nun freilich schlecht, dass der 
Abt die Barbaren, vor deren Wildheit er die Kömer warnt, sofort selbst 
herbeiruft. Aus der gleichen Zeit liegt ein Brief Bernhards an Kon- 
rad III. vor,*) in dem der Heiligo das Seinige thut. um nicht als falscher 
Prophet erfunden zu werden. Da Konrad dem Papst« Beistand leisten 
soll, so ist dieses Mal nicht davon die Bede, um wie viel höher die 
päpstliche Gewalt ist als die königliche, sondern Könige und Priester 
sind Brüder, von denen geschrieben steht: „so Einer dem Andern hilft, 
sollen sie beide getröstet werden." Des Abtes Seele war nie im Kate 
derer, die da meinten, des Reiches Stärke sei der Kirche Schaden. Born 
ist nicht nur der apostolische Sitz, sondern auch die Hauptstadt des 
römischen Reiches. Hülfe wird der Kirche schon werden, aber dem 
König würde es zur Schande gereichen, wenn ein anderer sie brächte 
und darum ruft der Abt dem Könige zu: „Gürte Dein Schwert um 
Deine Lenden und gieb dem Kaiser wieder, was des Kaisers und Gott 
was Gottes ist. 4 Hier freilich ist Korn nicht mehr die erlauchte Stadt, 
die „Stadt der Tapferen", sondern dem Könige schreibt der Abt seine 
wahre Herzensmeinung: „Der Römer Übermut ist grösser als ihr 
Mut. War es irgend einer der Grossen und Mächtigen, ein Kaiser oder 
Fürst, der das Kaisertum und Priestertum zugleich so schändlich zu be- 
schimpfen wagte? Nein, das verfluchte und aufrührerische Volk, das seine 
Kräfte nicht zu messen, das Ende nicht zu bedenken, den Ausgang 
nicht zu berechnen weiss, hat in seiner Thorheit und Raserei zu so 
grossem Frevel sich erfrecht. Gott verhüte, dass auch nur einen Au- 
genblick des Volkes Gewalt, des Pöbels Frechheit vor den Augen des 
Herrschers sich sollte halten können % und wer dem König anders rate, 
der verstelle entweder nicht, was dem Könige zieme, oder er sei des 
Königs Feind und suche das seine. 

Wie viel Weltklugheit dieser Brief des Heiligen auch verrät, der 
geschickt den Stolz des Feudalherrn aufzustacheln weiss gegen die An- 
massung der römischen Mundhelden, dennoch hatte er keine Wirkung, 
da Konrad III. damals an keinen Römerzug denken konnte. 

So blieben die Römer sich selbst überlassen und Johann von Salis- 
burys Bericht zeigt deutlich, wie in diesen wechselvollen Freiheitsstürmen 
Arnolds Stern glänzender als jemals aufging. „Während Arnold," heisst 



1) Kp. 24». 

2) Kp. 244. 



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— 105 — 



es in der historia pontiticalis, .in Busswerken in Horn lebte, gewann er 
sieh Gunst in der Stadt, und zu der Zeit, als der Papst nach Frank- 
reich gegangen war, begann er freimütiger zu predigen und sich einen 
Anhang zu bilden, welcher die Sekte der Lombarden genannt wurde. 
Seine Jünger, die sein asketisches Leben annahmen, fanden wegen ihres 
ehrbaren Wandels und ihrer Sittenstrenge bei dem Volke Beifall und 
vornehmlich bei frommen Frauen Unterstützung." Auch hier also hatte 
der gemeine Mann und die in solchen Dingen selten irrende Frauenwelt 
den Eindruck, dass es dem gewaltigen Bussprediger ganz anders Ernst 
sei mit seiner Sache, als der verweltlichten, offiziellen Geistlichkeit und 
dieses Vertrauen der gemeinen Leute war in Rom, wie vordem in Paris 
und Zürich, seine Stärke. Doch schon begnügte er sich nicht mehr 
mit dieser engen Wirksamkeit im Kreise frommer Freunde. „Oft hörte 
man," erzählt die historia pontiticalis, „Arnold auf dem Oapitol und 
in öffentlichen Versammlungen Heden halten. Schon schmähte er un- 
verhohlen die Kardinäle und sagte, ihr Kollegium sei wegen ihres Hoch- 
mutes, ihres Geizes, ihrer Heuchelei und Lasterhaftigkeit nicht ein 
Tempel des Herrn, sondern ein Kaufhaus und eine Räuberhöhle; sie 
selbst nähmen die Stelle der Schriftgelehrten und Pharisäer in der 
Christenheit ein; der Papst sei nicht, wie er vorgebe, ein apostolischer 
Mann und Hirt der Seelen, sondern ein Mann des Bluts, in dessen 
Xainen Brandstiftungen und Mordthatcn verübt würden, ein Folterknecht 
der Kirchen, ein Unterdrücker der Unschuld, der nichts anderes in der 
Welt thue. als seinen Leib nähren, den eigenen Geldkasten füllen, und 
die der Anderen leeren. „Darum," pflegte er zu sagen, „nenne man ihn 
Apostolicus, weil er die Apostel nicht nachahme. 44 Ein apostolischer 
Vater aber von unapostolischem Wandel habe auch keinen Gehorsam 
und keine Verehrung anzusprechen. 

Die rohen Umrisse dieser Predigt, die wir gegnerischen Berichten 
entnehmen müssen, werden wohl treu überliefert sein, aber aus den 
Briefen der Römer an Konrad III. und Friedrich I. weht uns zugleich 
ein eigentümlicher Hauch der Poesie entgegen. Wandelnd zwischen den 
Trümmern einer erhabenen Vorzeit, ist über den strengen Bussprediger 
das Heimweh gekommen nach den grossen Tagen der alten Roma und 
diese messianischen Ausblicke sind es, die zu den mächtigen Tönen des 
sittlichen Pathos eines starken und zornigen Herzens, zugleich die wei- 
cheren Laute der Sehnsucht nach einer besseren Zeit hinzufügen, wie 
denn auch unsere Quelle ihm den patriotischen Dithyrambus auf Rom 
in den Mund legt: „Hier sei der Sitz des Kaiserreichs, hier der Born 



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106 — 



der Freiheit, und jene solle man nicht zulassen, die Korn, die Herrin 
der Welt, ihrer Herrschaft unterwerfen wollten." So hatte Horn in dem 
strengen Asketen ein neues Feuer, das des italienischen Patrioten ent- 
zündet. Damit wird er nun aber auch mitschuldig an dem utopischen 
Treiben dieser neuen Quinten, die glaubten, sie seien das alte Rom und 
die Weltgeschichte führe dasselbe Stück zweimal auf. Die Forderungen 
der evangelischen Armut hatten die Heiligen mit einer bleichen Wut 
beantwortet, die ihr schlechtes C4ewissen verriet, die altrömischen An- 
massungen des Volkstribunen forderten nur das Gelächter der Bischöfe 
heraus, mit dem sie nicht zurückhielten. Arnold war eingetreten in 
den Kreis einer Bürgerschaft, die in den langen Wirren des Schisma, 
hei der schwachen Stellung Anaklets und seiner Nachfolger, sich der 
Verwaltung ihrer Stadt bemächtigt hatte und dieselbe nicht wieder aus 
der Hand gehen wollte. Mit der Behauptung des römischen Senats, 
dass die Angelegenheiten der städtischen Verwaltung, des Kirchenstaats 
und des römischen Reichs, den Nachfolger Petri nichts angingen, sondern 
zur Kompetenz des Senates gehörten, stand Arnolds Lehre von der aposto- 
lischen Armut der wahren Kirche in bestem Einklang und eben das brachte 
ihn an die Spitze der Bewegung, dass er den an sich nur egoistischen 
politischen Bestrebungen der Stadtgemeinde das idealere Ziel einer grossen 
kirchlichen Reform hinzufügte. Entkleidung der Hierarchie von ihren 
weltlichen Ansprüchen, war sein Programm und in einer Zeit, in der 
die Hälfte aller Fehden sich auf kirchliche Streitigkeiten bezog, war 
dieses Programm willkommen, weil es den Frieden versprach, nirgends 
aber war es willkommener als in Rom. das seine Freiheitspläne mit 
demselben prinzipiell rechtfertigen wollte. Arnolds weltgeschichtliche 
Stellung datiert von der Stunde seiner Verbindung mit der jungen Re- 
publik und dennoch ist es für den kirchlichen Reformator ein Un- 
glück gewesen, dass er sich in diese Wirbel reissen Hess, obwohl jetzt 
begeisterte und freiheitstrunkene Massen mit Jauchzen jene Loosungs- 
worte aufgriffen, die er in Paris nur armen Studenten und in Deutsch- 
land langsamen alemannischen Bürgern und Herren vorgetragen hatte. 
Der Hintergrund des Kapitols und des Forums, so sohr er die Phantasie 
erregte, passte doch schlecht zu den schlichten und ernstgemeinten 
Ideen einer asketischen Reform und die damaligen Römer waren zudem 
die letzten, dio sich solcher Strenge des Lebens unterworfen hätten. 
Im innersten Wesen waren sein Ideal und das ihre sich dennoch fremd. 
So erging es Arnold wie seinem Vorbilde Johannes dem Täufer, der 
auch kam im Kleide von Kameelshaaren, ass nicht und trank nicht und 



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das Volk ergötzte sich an ihm. wie der Evangelist sagt — ..auf eine 
Stunde." Ganz unberechtigt ist darum der Spott der Bischöfe nicht 
gewesen. Auch Arnolds nüchterner Sinn, wenn wir anders ihn nach 
den offiziellen Dokumenten seiner Partei beurteilen dürfen, berauschte 
sich an dieser romantischen Wunderwelt, in der tausend ehrwürdige 
Denkmale und altersgraue Trümmer von Roms früherer Herrlichkeit 
erzählten. Auf den verfallenen Plätzen Roms, zwischen den gebrochenen 
Säulen und Triumphbogen des campo vaccino versammelte er die Qui- 
nten und redete ihnen von Roms alter Grösse und der Kirche wahrer 
Herrlichkeit. Eine wundersame politische Restauration sollte nach ihm 
mit dem Wiederaufbau des Kapitals Hand in Hand gehen. Aus dem 
niederen Adel wollte er einen neuen Ritterstand dem Senate zur Seite 
stellen, die Volksversammlungen auf dem Forum erneuerte er und selbst 
von der Wahl eines römischen Kaisers durch Volk und Senat ist im 
weiteren Verlaufe die Rede. Das alles aber hatte bei ihm einen mora- 
lisch asketischen Hintergrund. Das zeigt nicht nur der höchst merk- 
würdige Brief seines Anhängers Wezel, sondern selbst der Bischof von 
Freising berichtet: „er entflammte die Bürgerschaft, indem er die Bei- 
spiele der alten Römer ihnen vorhielt, die infolge der Weisheit des 
Senats und infolge der Zucht und Unverdorbenheit der jugendlich tapferen 
Geister den ganzen Erdkreis zu ihrem Eigentum gemacht hätten. Da- 
rum lehrte er, das Kapitol müsse wieder aufgebaut, die senatorische 
Würde erneuert, der Ritterstand in bessere Ordnung gebracht werden. 
Den römischen Papst gehe die Ordnung der Stadt nichts an, für ihn 
genüge es, dass ihm das kirchliche Gericht zustehe. - Während Arnold 
so den republikanischen Ideen einen höheren Schwung verlieh, war er 
für die neue Volksregierung aber auch dadurch ausserordentlich wertvoll, 
dass es ihm gelang, einen Teil der niederen Geistlichkeit zur Sache der 
Freiheit herüberzuziehen. Das war ja die schwache Seite der jungen 
Republik, dass sie den Klerus gegen sich hatte. Dass Arnold hier ver- 
mittelnd eintrat, musste seine Stellung ausserordentlich befestigen. Wie 
er Kreise von unbestreitbarem kirchlichen Sinn, zumal die fromme 
Frauenwelt, für die Reform gewonnen hatte, so gelang es ihm jetzt, 
auch einen Teil der niederen Geistlichkeit vom Felsen Petri abzusplit- 
tern und damit war die Möglichkeit gegeben, nötigenfalls selbst einem 
Interdikte des Papstes zu trotzen. Hielt dieser Erfolg stand, so hatte 
Arnold dem Senate den grössten Dienst geleistet, der ihm in seiner 
schwierigen Lage geleistet werden konnte. Mochten die Gegner den 
populären Anhang des Propheten mit dem neuen Ketzernamen „der 



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— 108 - 



Lombarden' 1 für abgethan halten, mit der Spaltung des Klerus nahm 
man es weniger leicht, Auf den zunehmenden Abfall der Kaplaue, die 
den Kardinälen und Krzpriestern den Gehorsam weigerten und öffent- 
lich zu Arnold hielten, bezieht sich das erste Breve Eugens 1 ), das sich 
wieder mit den römischen Angelegenheiten befasst, nachdem der Papst 
eine Weile die Miene angenommen hatte, als wolle er die Kömer ruhig 
in ihrer eigenen Freiheit schmoren lassen, bis sie selbst ihn zur Erlö- 
sung von ihren Wirren zurückrufen würden. Auch die offiziellen Akten- 
stücke der römischen Republik tragen in dieser Zeit den Stempel des 
Geistes Arnolds und sind mit seinen theologischen Gedanken durch- 
flochten, so dass sich seine Stellung in Rom fast derjenigen vergleichen 
lässt. die in einem späteren Jahrhundert Huss in Böhmen oder Savona- 
rola in Florenz eingenommen hat. 

In diesem Stande blieben die Dinge, bis im April 1148 Eugen III. 
eilig und unerwartet aus Frankreich zurückkehrte. Des Papstes Wie- 
dererscheinen in Italien hängt mit den Übeln Nachrichten zusammen, 
die von dem Kreuzzuge Konrads III. und Ludwigs VII. in Frankreich 
eingelaufen waren. Allen ihren abendländischen Verwickelungen hatte 
die Kurie sich zu entwinden gedacht, indem sie einen neuen Kreuzzug 
predigte und das Abendland gegen das Morgenland führte. Kam die 
ungeheuere Völkerfahrt unter Eugens Auspicien zu Stande und hatte 
sie Erfolg, dann stellte sich die päpstliche Autorität in Rom ganz von 
selbst wieder her und man konnte dann mit dem römischen Senate 
kurzer Hand aufräumen. So erklärt os sich, dass die Kurie die römi- 
schen Zustände ruhig ertrug. Zumal Bernhard, der grosse Macher des 
Jahrhunderts, hatte mit der Vorbereitung dieses gewaltigen Unter- 
nehmens zu viel zu thun, um seines alten Gegners in Rom zu gedenken, 
der freilich gerade jetzt bewies, dass er genau so gefahrlich war, wie 
der Menschenkenner zu Clairvaux stets behauptet hatte. Während die 
Römer den schönen Traum einer weltbeherrschenden Republik nach dem 
Muster der Gracchen träumten, war diese AVeit erfüllt von einer frommen 
Agitation ohne gleichen. Kreuzpredigt, Wunderspuk, apokrypho Weis- 
sagungen, Orakel eines fabelhaften Armeniers oder gar der sibvllinischen 
Bücher und hundert andere Mittel bearbeiteten die abergläubischen 
Massen. Ein Cistercienser trug die Botschaft des Kreuzes nach dem 
Rheine und überall, wo er erschien, flammten die .Tudenviertel auf und 
mit entsetzlicher Schnelligkeit verbreitete sich der Judenmord über alle 

1) Mansi XXI, 627 f. 



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- 109 — 



Städte Deutschlands. Im November 1 146 traf Bernhard selbst in Mainz 
ein. Er schickte seinen Klosterbruder, der diese Scheusslich keiten an- 
geregt hatte, nach Clairvaux zurück, vermochte aber kaum mehr den 
entfesselten Pöbel zu bandigen. In Frankfurt, wo er König Konrad 
vergeblich zu einem Kreuzzuge ermahnt hatte, lud ihn Bischof Hermann 
von Konstanz zu jenem Besuche seiner Diöcese ein, von dem wir schon 
gesprochen haben. ') Wunder reihte sich an Wunder und so gewaltig 
klang die liede des leidenschaftlichen Franzosen, so sehr redeto jede 
Fiber an dem Leibe des nervösen, zarten Mönches, so begeistert wetter- 
leuchtete es von dem Antlitz des jetzt nur von seiner Idee erfüllten 
Fanatikers, dass die Alemannen zu Thränon gerührt wurden von dem 
Fremden, von dessen lateinischer Rede sie doch kein Wort verstanden. 2 ) 
Wenn er dann vollends Blinde, Lahme, Taube heilte durch seinen 
Segen, seinen Speichel, durch Einführung der Finger in das Ohr und 
sich Wunder auf Wunder zutrug, dann stand der zarte, hinfällige 
Mann in Gefahr, von der begeisterten Menge erdrückt zu werden, so 
dass hohe Herrn ihn auf eigenen Armen nachhause tragen, während das 
"Volk nicht müde wird, das Wunderlied: „Christ uns genade!" immer 
und immer wieder anzustimmen. Endlich gelang dem grossen Künstler 
«im Weihnachtsfeste 1146 zu Speier das „Wunder der Wunder", die 
Unterwerfung Konrads III. unter seinen Willen. Der König, der aus 
guten Gründen bis dahin den Zug abgelehnt hatte, nahm, in bittere 
Seelennot hineingeängstet durch dio Beredtsamkeit des Abtes, wirklich 
das Kreuz. ') Ringsum Wunder wirkend ohne Zahl zog dann der Heilige 
die Rheinlande abwärts nach Lüttich und traf zu Ende des folgenden 
Monats bereits wieder in Frankreich ein. Dieses ganze Jahr, vom Früh- 
ling 1147 bis Frühling 1148, war Eugen III. mit den Angelegenheiten 
Frankreichs und Deutschlands in Anspruch genommen. Da erschien er 
plötzlich, allen unerwartet, im Juni 1148 zu Vercelli. 4 ) Der Grund, wes- 



1) Bern. Vita VI, 2 u. 3. Die kürzere Relation IV, 5. § 30. Liber miracul. 
Monum. Germ. 26, 122 f. 

2) Über den Eindruck vgl. (Migno Patrol. 185, 816) das Zeugnis des Gau- 
fridus, dass die unverstandenen Worte grösseren Kindruck gemacht bitten als die 
nachfolgende Interpretation des Dolmetschers. Die Art dieser Beredtsamkeit cha- 
rakterisiert Wibald Ep. 285: Quem si aspiäs doceris . . . . Prius persuadet visus 
quam auditus . . gestus corporis etc. 

3) Er manete in harte mit ttinir suozen lere, sagt die Kaiserchronik Vers 
17291. Konrad selbst aber schreibt an den Papst: cor nostrum (spiritus sanetm) 
mirabili digito tetigü. Wibaldi Ep. 33. 

4) Regesta Pontif. 1, 634. 



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halb ihm so plötzlich der französische Boden zu heiss wurde, lag in 
den Nachrichten vou den furchtbaren Niederlagen der beiden Könige 
in Kleinasien, deren Kindruck auf die Franzosen er nicht abwarten 
wollte. 1 ) Wahrend ein Sturm des Unwillens gegen die Veranstalter des 
unseligen Unternehmens losbrach, die ihrerseits auf die Ausschweifungen 
und Sünden der Kreuzfahrer alle Schuld des Misslingens schieben wollten, 
versammelte Fügen III. eine Synode zu Cremona, auf der er, nachdem 
die auswärtige Politik gescheitert war, nunmehr wieder die Ordnung 
der italienischen Kirchenfragen an die Hand nahm. Von Brescia aus, 
wo er sich eiuige Monate aufhielt und wo jeder Stein ihn an den be- 
rühmten Agitator erinnerte, erliess er ein Schreiben an den römischen 
Klerus, in dem er beklagte, dass gewisse Kapläne in Rom, d. h. die 
Priester der Filialkirchen, dem Ansehen ihrer Vorgesetzten Hohn sprächen 
und sich an Arnold von Brescia anschlössen, den die Bulle sofort als 
einen Schismatiker und Sohn des Satans bezeichnet. *) Damit sein seit- 
heriges Schweigen nicht falsch gedeutet werde, erklärt Engen jeden 
Kleriker seiner Ämter und Pfründen für verlustig, der sich Arnolds 
Partei anschlösse und seiner Irrtümer teilhaftig mache. Auch eine aus- 
drückliche Excommunication Arnolds ist um jene Zeit, vielleicht schon 
auf der Synode von Cremona, erfolgt 3 ) und zwar formlos genug „ohne 
Uitation, ohne Verteidigung und ohne seine Anwesenheit; nicht nach 
seinen Schriften, sondern wegen seiner Predigt." 4 ) 

Dennoch waren mit Eugens Rückkehr nach Italien die Verhand- 
lungen zwischen Papst und Senat wieder aufgenommen worden, aber 
abgesehen davon, dass man sich über eine Abgrenzung der beiderseitigen 
(ilewalteu nicht zu verständigen vermochte, scheiterte alles an der Person 
Arnolds. Der Senat weigerte sich, einen Mann preiszugeben, der sich, 
wie man sagte, der Ehre der Stadt und der Freiheit der Homer gelobt 
hatte und die Concentration des päpstlichen Angriffs auf den Einen 
hatte nur die Wirkung, dass die leicht erregbare Menge einen öffent- 
lichen Akt herbeiführte, in dem Senat und Volk von Rom einerseits 

1) Nolebat enim in tanta tristicia Francorum et Alemannorum manere inter 
illos. Hist. pontif. 18. (M. G. 20, 531.) 

2) Mansi concil. coli. XXI, 627 f. 

3) Auffallend ist freilich, dass Johann von Salisbury davon nicht redet, ob- 
wohl er die Synode besucht hat. Siehe Breyer n. a. 0. 

4) Gualteri Mapes, Nugae curinks. Dist. 1, 24 S. 43. Edit. Wright. Zweifel- 
haft bleibt doch, ob Mapes hier nicht Eugen III. mit Innozenz II. verwechselt, da 
er von einer Verurteilung Arnolds nach derjenigen Abülards spricht und somit 
vielleicht die vom Jahre 1141 meint, die gleichfalls ohue Verhör erfolgte. 



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— 111 — 



uud der Prophet von Brescia anderseits sich feierlich zuschworen, sie 
wollten auch ferner in Rat und That sich unterstützen gegen alle 
Menschen, insonderheit aber gegen den Papst. ') Es war der theatralische 
Ausdruck einer schönen Stimmung; heilig gemeinte Eidschwüre, die 
dennoch verwehten, als der Wind umschlug. Dieser Umschlag aber 
bereitete sich schon vor, denn der Papst war mit gefüllten Taschen 
aus Frankreich heimgekehrt. Zwar seine Vaterstadt Pisa, in der er den 
October und November des Jahres 1148 verlebte, konnte ihn nicht 
unterstützen, da Pisa selbst in einem Kriege mit Lucca begriffen war. *) 
Als er aber im Dezember sein Hoflagcr nach Viterbo und im April 1149 
noch näher nach Tusculum verlegte, wo er die Thürme Korns vor Augen 
hatte, schaarte sich der Adel der Campagna um seine volle Kasse. 3 ) 
Der Graf von Tusculum rüstete, der aus Rom verjagte Cencius Frangi- 
pane fand sich ein, Söldner wurden geworben und Cardinal Guido Puella 
sollte als Generalissimus der Christenheit den Feldzug gegen den römi- 
schen Senat eröffnen. ') Aber das weltliche Schwert des heiligen Petrus 
ist niemals glücklich gewesen. Bernhard von Clairvaux und Gerhoh 
von Reichersberg warnten vor dem unerhörten Unternehmen. „Wenn 
sich/ schrieb der deutsche Abt, „der Papst mit Söldnern zum Kriege 
rüstet, so glaube icli Petrus mit gezücktem Schwerte zu sehen, und in 
dem Übeln Ausgang des Kampfes höre ich den Herrn ihm zurufen: 
„Petrus, stecke dein Schwert in die Scheide!" 5 ) Johann von Salisbury 
aber berichtet lakonisch : „Der Kampf verlief unglücklich, so gross als 
möglich war der Aufwand, so klein als möglich der Erfolg." Aller- 
dings sandte König Roger von Sizilien ein Hülfscorps, aber die Nor- 
mannen begnügten sich, die benachbarten Dörfer und Flecken auszu- 
plündern und anzuzünden, so dass Arnold ein Recht hatte zu donnern 
gegen diesen Apostolicus, der Mord und Brand gutheisse und anordne/') 
So lagen sich beide Teile in Waffen gegenüber, als im Mai 1149 Kon- 
rad III. in Aquileja landete, um mit den Trümmern seines Heeres nach 
Deutschland zurückzukehren. Der Papst sowohl wie der Senat schickten 

1) Hist. pontif. 31 (S. 537). 

2) Jaffe 1)298-9306. Ann. Tis. M. G. 19, 241. 

3) A magnatibus honorifict suseeptus, qui aurum et aryentuin dfecerant 
Galliarum. Hist. pontif. 21 (M. G. 20, 533). 

4) Hist. pont. 27. 

5) Pez, Thea. VI, 1, p. 540. Oestr. Vierteljahrsschrift für kathol. Theologie. 
Bd. IV, 37. Vgl. Gerhohs Biographie von W. Ribbeck, Forschungen zur deutschen 
Geschichte, XXIV. 

6) Romoahli Salem. Chron. Mon. G. XIX, J25. Wib. Kp. 147 u. 214. 



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ihm Gesandte. 1 ) Die Cardinäle kehrten wieder um, als sie Konrads 
Abzug erfuhren, 2 ) die Boten des Senats folgten ihm über die Alpen. 
Wenn jemals, so hatten sie jetzt Hoffnung, gehört zu werden, denn als 
Verbündeter des griechischen Kaisors war Konrad mit Koger im Kriegs- 
zustand, der Papst aberstand auf Seite des Normannen. In der Wibald- 
schcn Briefsammlung 3 ) haben sich etliche Schreiben der Kömer und 
Wibalds eigene Korrespondenz mit den Vertrauten des Königs über 
Konrads Verhältnis zum Papste erhalten, Briefe, die die Beweggründe 
der handelnden Personen ausserordentlich deutlich in's Lieht rücken. 
Nach der Aufstellung, die Eugen III. auf der Seite der Feinde des 
Kaisers genommen, gab der Senat sich der Hoffnung hin, dass Konrad 
die Befreiung der Stadt vom päpstlichen Joche begünstigen werde, da- 
mit unter seinem Schutze Korn der gleichen Unabhängigkeit geniesse 
wie andere Städterepubliken Italiens. Dass der deutsche König frühere 
Hingaben unbeantwortet gelassen, hält den Senat nicht ab, ihm durch 
drei vornehme Boten, den Senator Guido, den Sohn des Procurators 
Sixtus und den Procurator Nikolaus ein neues Gesuch zu übergeben. 
Zunächst beschweren sich die Kömer, dass der König ihre früheren 
Schreiben unbeantwortet gelassen, denn ihr ganzes Streben ist ja nur, 
dem römischen Kaisertum wieder zu dem Glänze zu verhelfen, den es 
zur Zeit Konstantins und Justinians hatte, „die den ganzen Erdkreis 
durch die Kraft des römischen Senats uud Volkes in ihren 
Händen hielten/ Darum haben wir mit Gottes Gnade den Senat wieder 
eingesetzt und grösstenteils diejenigen gedemütigt, welche sich auf- 
rührerisch gegen euere Herrschaft zeigten, auf dass ihr alles, was dem 
Kaiser und dem römischen Keiche gehört, erhalten möget. Und dies 
zu bewirken, haben wir einen guten Grund gelegt, denn wir geben 
Frieden und Hecht allen, die es wollen ; die Festungswerke (d. h. die 
Thürme und Paläste der Barone in der Stadt), die mit dem Sicilianer 
und dem Papste sich rüsteten, euerer Herrschaft zu widerstehen, haben 
wir eingenommen, einige geschleift, andere erhalten wir in eurem Ge- 
horsam. Für das alles, was wir in der Treue gegen euch gethan haben, 
bekämpft uns der Papst mit den Frangipani und die Söhne des Pier- 
leone, die Männer und Freunde des Siciliers (mit Ausnahme des .Tor- 
danus, der als unser Fahnenträger und Helfer in der Treue zu euch 

1) Wibaldi Epp. 185. 

2) Otto Frising. 1, 61. 

3) .Tafle, IJibliotli. rerum «erm. I, 832 f. N. 214 ff. Auch Otto von Freising bat 
•las Hauptaktvnstilck, I, 28 ff. 



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beharrt) auch Tolomeus (Graf von Tusculum) und andere von allen 
Seiten, um uns zu verhindern, eurem königlichen Haupte die Kaiser- 
krone aufzusetzen. Weil aber der Liebe keine Mühe zu sauer wird, 
leiden wir alles gern aus Liebe zu euch und für euere Ehre; denn wir 
haben die Zuversicht, dass ihr als unser Vater uns dafür belohnen und 
uns an unsern Feinden rächen werdet. Lasst also diese Hoffnung uns 
nicht täuschen, nehmt keine Rücksicht darauf, wenn schlechte Gerüchte 
von uns zu euern Ohren kommen ; denn die Menschen, welche Deiner 
Majestät Schlechtes von uns hinterbringen, möchten sich, was Gott ver- 
hüte, der Zwietracht zwischen uns und euch erfreuen, um nach ihrer 
Art uns beide listig zu unterdrücken. Dies möge aber verhüten euere 
königliche Weisheit, sich erinnernd, wie viel und wie grosses Übel die 
päpstliche Kurie euren Vorgängern zugefügt, so wie jene unsere Mit- 
bürger; und jetzt suchen sie, mit dem Sieilianer verbunden, noch 
grösseres Übel über euch herbeizuführen. Aber wir haben mehrere von 
ihnen als des Reiches ärgste Feinde aus der Stadt vertrieben." „Darum 
komme zu uns Euero kaiserliche Macht, denn Ihr könnt alles, was Ihr 
wollt, in der Stadt erhalten, und, um es kurz zu sagen, Ihr werdet in 
der Hauptstadt der Welt Eueren mächtigen Sitz aufschlagen, über ganz 
Italien und das deutsche Reich, befreit von allem Widerstande der Geist- 
lichen, freier und besser fast als alle Euere Vorgänger herrschen können." 
Der Senat erwarte nur, heisst es zum Schluss, Konrads Befehle. Der 
Ponte Molle, sei wieder hergestellt, so dass ein Kaiserliches Heer den 
Tiber ungefährdet überschreiten und durch die Porta del popolo in Rom 
einrücken könne, ohne durch die im Besitze der Pierleoni befindliche 
Engelsburg belästigt zu werden. 

„Was dem Kaiser gebührt, sei sein, das Seine dem Papste, 
So war Christi Itefehl und Petrus zinste dem Kaiser." 

Mit diesem poetischen Wunsche schliesst die Rotschaft des Senats, die 
nicht nur in diesem letzten Stichworte von Arnolds Geist diktiert ist. 
Sieht man von einigen überschwänglichen Wendungen ab. die man dem 
Italiener gerne zu gut hält, so ist dieses Schreiben durchaus verständig 
und verdient nicht den plumpen Spott, mit dem der Bischof von Frei- 
sing es einführt. Träumte der deutsche König davon, dass ihm die Herr- 
schaft der Welt gebühre, weil er der römische Kaiser sei, träumte 
der Bischof von Rom, dass das Abendland sein gehöre, weil er der 
römische Papst sei, warum sollten die Senatoren auf ihrem Capitole 
nicht träumen, dass ihnen der Erdkreis zu eigen, weil sie der römische 

8 



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Senat seien ? Es ist dieselbe phantastische Strahlenbrechung der unter- 
gegangenen Sonne Rom, von drei Scherben reflektiert. Aber freilich, 
von allen dreien hatte nur der Papst die ökumenische Stellung, die der 
Name Rom bedeutet. Konrad hatte es einst als deutscher Gegenkönig 
erfahren, dass der Bann des Papstes auch in Deutschland stärker war 
als sein Königtum, wie sollte er es nach den jüngsten Misserfolgen 
wagen, mit der Kurie zu brechen ! Dazu kannten die deutschen Staats- 
männer das Spiel der Römer, sich stets zwei Herren zu geben, um dann 
keinem zu gehorchen. Welschlands Städte, die sich jeweils für treue 
Vasallen des Reichs erklärten, rebellierten doch stets gegen das Kaiser- 
tum, sobald dieses ihre Freiheit beschränkte; sie fühlten den nationalen 
Gegensatz gegen deutsches Wesen nur dann nicht, wenn die deutschen 
Könige mit ihrer Hülfe zögerten, und in ewige Kriege untereinander 
verwickelt, waren sie unsichere Bundesgenossen, die mehr Verlegen- 
heiten als Hülfe einbrachten. So erschien es den deutschen Königen 
geratener, auf den Dank der Kurie zu rechnen, zumal jede andere Po- 
litik den König mit dem Abfall seiner deutschen Bischöfe bedrohte. 
In dieser Erwägung der realen Verhältnisse hat nach Bischof Otto's 
Zeugnis der deutsche König auch damals es abgelehnt, „ solchen Rede- 
reien und Märchen" sein Ohr zu leihen und als Eugen endlich seinen 
Kardinalkanzler Guido nach Deutschland sendete, bewies die ehrenvolle 
Aufnahme, die Konrad dem Legaten bereitete, den Bischöfen zu ihrer 
lebhaften Befriedigung, dass der Hohenstaufe gar nicht daran denke, 
sich mit der römischon Volkspartei gegen den heiligen Stuhl zu ver- 
binden. Roms Lage verschlimmerte sich aber, seit zu Rogers Unter- 
stützung nun auch noch die des seetüchtigen Pisa, der Vaterstadt 
Eugens, hinzugekommen war. In dieser Bedrängnis sendete der Senat 
eine neue Gesandtschaft mit einem zweiten Schreiben 1 ), das demütig 
um Beantwortung der früheren nachsucht. Erheblichen Widerstand, 
so versichert der Senat auch jetzt wieder, werde Konrad nicht finden, 
es sei nur nötig, dass der König vor Rom erscheine, wo die Macht 
der Päpstlichen entwaffnet und alles vorbereitet sei, ihn aufzunehmen. 
Auch ein ungenannter treuer Anhänger des Senats, und allergetrcuestcr 
Diener des Königs unterstützt in einem eigenen Schreiben die dringende 
Bitte der Römer 8 ). Es ist vielleicht Arnold selbst, der seit dem mit 
dem Senate eingegangenen Vertrage sich wohl so emphatisch den treuen 



1) Wibaldi Epp. 215. 

2) WihaUli Epp. 21«. 



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Diener des Senats nennen mochte und als zweimal gebannter Schis- 
matiker auch Ursache hatte, sich in dieser anonymen Weise dem Kaiser 
zu nahen. Die Gedanken des Briefes sind jedenfalls Arnolds Gedanken. 
Auch er bestätigt, dass dem Hinmärsche eines deutschen Heeres in 
Rom kein Hindernis entgegenstehe. Habe der König mit Hülfe der 
Bürgerschaft die Engelsburg bei St. Peter in seine Hand gebracht, so 
werde er es leicht dahin bringen, dass nie wieder ein Papst gegen den 
Willen des Königs eingesetzt werde. „So war es zur Zeit des seligen 
Gregor, der ohne Zustimmung des Kaisers Mauricius nicht Papst sein 
konnte und so blieb es bis zu den Zeiten Gregor VII. Damm aber 
bestätige ich, dass dieses nützlich war, damit nicht Mord und Krieg 
in der Welt durch Priester geschehe. Denn sio sollen nicht das Schwert 
und den heiligen Kelch zugleich tragen , sondern predigen und der 
Predigt durch ihr gutes Beispiel Kraft verleihen, nicht aber Kampf 
und Streit in der Welt erregen." Dieses anonyme Schreiben enthält 
die Quintessenz der Lehre Arnolds in wenig Worte zusammengedrängt. 
In der alten Zeit waren die Päpste in weltlichen Dingen den Kaisern 
unterthan. Mit weltlichen Dingen hatten die Priester nichts zu schaffen, 
denn die Hand, die den Kelch mit dem Blute der Versöhnung darreicht, 
soll nicht das Schwert tragen und so der Welt neuen Streit bringen, 
anstatt das Evangelium des Friedens. Wenn der Schreibende ausdrück- 
lich als seine Meinung bestätigt, was damals als Lehre Arnolds galt, 
so ist wohl möglich, dass dieser selbst hier seine Meinungen vor dem 
Könige rechtfertigen wollte. Doch wer der Verfasser auch sei, seine 
lütten waren vergeblich. Dem deutschen Könige waren durch seine 
Bischöfe die Hände gebunden, auch wenn er die geistige Freiheit be- 
sessen hätte, das Patrimonium Petri an eine bürgerliche Obrigkeit aus- 
zuliefern, was schwerlich der Fall war. Entschliessungen , vor denen 
Friedrich I. und II. zurückscheuten, durfte man einem Könige nicht zu- 
muten, der sich von Bernhard von Clairvaux gegen seinen Willen nach 
Palästina hatte schicken lassen und der seitdem ein gebrochener und 
kranker Mann war. Eine Antwort erfolgte auch jetzt so wenig wie 
früher und nun blieb dem Senate nichts übrig, als seinen Frieden mit 
dem Papste zu machen. Der Mangel aller Zufuhr zwang dazu. Aber 
soweit hatte der Papst die Stadt noch immer nicht heruntergebracht, 
dass sie sich ihm auf Gnade und Ungnade ergeben hätte. Nicht ein- 
mal Arnolds Ausweisung erlangte er. Die Befestigungen ausserhalb 
Roms wurden ihm ausgeliefert, in seine Einkünfte sollte er wieder ein- 
gesetzt und das konfiszierte Kirchengut wieder beigeschafft werden, aber 



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— 116 — 



der Senat blieb besteben und Hess sich die Verwaltung der Stadt nicht 
entwinden. 1 ) Im November 1149 bezog Eugen III. wieder den Lateran, 8 ) 
während Arnold, wie der Papst bald erfahren sollte, auf dem Kapitol 
nach wie vor seinen Einfluss übte. Ein derartiger Vertrag war natür- 
lich von beiden Seiten mit Hintergedanken geschlossen worden. Der 
Senat gedachte den Papst an allmähligen Verzicht auf die weltliche 
Herrschaft zu gewöhnen, der Papst lauerte auf den Moment, sich des 
Senats zu entledigen und den verhassten Schismatiker ins Exil oder auf 
den Holzstoss zu schicken. Denn dass die päpstliche Kurie im Lateran 
und Arnolds Predigten von der armen Kirche auf dem Kapitol unver- 
trägliche Dinge waren, zeigte der Erfolg. Bereits ein Lustrum führte 
Arnold diesen Kampf und alle seine Gegner hatten ihn nicht übermocht. 
Mit Bischöfen und Adel verfeindet, nannte er in dieser Stadt nichts sein 
eigen als sein Talent und seine Gabe, das Vertrauen der Bevölkerung zu 
gewinnen. Aber beide Hessen ihn auch jetzt nicht im Stiche. Vor die 
Wahl gestellt, auf den Papst zu verzichten oder auf den Propheten von 
Brcscia, entschied sich das römische Volk zum zweiten Mal für Arnold. 
Der Papst ging und Arnold blieb. Im Juni 1150 verliess Eugen Rom 
aufs neue und strengte nun seine Verbindungen in Deutschland an, 
Konrad zum Einschreiten in ItaUen zu bewegen. Dem Könige von 
Sizilien hatte er es zu verdanken gehabt, dass sich die Thore Roms 
ihm überhaupt geöffnet hatten, jetzt schreibt sein Kardinaldiakon Guido 
am 24. Juni 1150 an Abt Wibald, 3 ) den Vertrauensmann der Kurie in 
Deutschland, Roger werde nicht eher gut thun, ehe ein deutsches Heer 
in Tuscien oder der Romagna stehe. Auch die römische Kurie habe 
aber ein Interesse daran, dass sich die beiden Könige nicht ohne ihre 
Mitwirkung verglichen. Erst wenn Konrad in Italien angelangt sei, 
werde der Papst sich ins Mittel legen und Konrad mit Bitten und 
sanfter Gewalt, Hoger mit Drohungen und Schrecken dahin bringen, 
dass ihr Streit in einer für Kirche und Reich heilsamen Weise zum 
Austrage komme. 

Zwei Jahre wurde nun über Konrads Römerzug herüber und hinüber 
verhandelt. Im Jahre 1150 ging Bischof Hermann von Konstanz als 
Bote des Königs nach Italien, Legaten des Papstes benützten ihre 
Sendung nach Deutschland, um die Kirchenschätze aus den Kirchen zu 



1) Wibaldi Ep. 347. 

2) Reg. pontif. I, p. 639. 

3) Wib. Kpistolae 273. Bei Jaffö, Bibl. I, 401. 



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117 



nehmen .wie die Zeidler den Honig aus den Bienenstöcken" '), und be- 
stätigten so Arnolds Schilderungen von der Habsucht der römischen 
Prälaten. Aber erst als der bei Konrad und Eugen in gleichem An- 
seilen stehende Wibald von Korvei und der mächtige Erzbisehof Arnold 
von Köln zu Anfang des Jahres 1152 am Sitze der Kurie zu Segni 
eintrafen, schien die Angelegenheit von der Stelle zu rücken, doch nicht 
zu gunsten Arnolds und der römischen Republik. Wibald war zwar im 
Auftrage des Königs erschienen, aber als seinen eigentlichen Souverän 
betrachtete er den Papst. Getreulich berichtet er in seiner Korrespondenz 
den römischen Prälaten von dem Seelenzustande seines Königs, der sich 
an der Freiheit des griechischen Kaisers von seinem Patriarchen ein 
böses Beispiel genommen habe, 8 ) oder er bearbeitet die Herrn in des 
Königs Nähe, sie sollten sorgen, dass Konrad sich durch Kath der Laien 
nicht zu Massregelu verführen lasse, die dem Interesse der Kirche zu- 
wider seien. 5 ) Von einem solchen Gesandten hatten die Kömer und 
Arnold nichts zu erwarten. Zwar erhielt die römische Gemeiude nun 
endlich eine Autwort auf ihre vielfachen Gesuche, aber eine sehr un- 
genügende. Nicht an den Senat und den Patricius, sondern an die 
Präfekten, Konsuln und Kapitäne und das ganze römische Volk ist 
Konrads Schreiben gerichtet; 1 ) der König ignoriert also die neue Ord- 
nung der Dinge, obwohl es die Briefe des Senate sind, die er beant- 
wortet und die er ablehnend so grosser Angelegenheiten nicht würdig 
nennt. Dennoch belobt er den Eifer der Kömer für das Koich, zu 
welchem er Kom und Italien rechnet. Auch diese entfernteren Teile 
seiner Herrschaft will der König demnächst, unterstützt von dem Eifer 
seiner Vasalleo, aufsuchen, und dann wird er die Treugesinnten belohnen, 
die Rebellen aber nach Gebühr bestrafen. Bis dahin verweist er die 
Kömer in allem an den Erzbischof Arnold und den Abt Wibald, die 
an seiner Stelle zu handeln ermächtigt sind. W 7 eun von da an in Rom 
ernstlich davon die Rede ist, der Senat solle, absehend von den deut- 
schen Königen, einen römischen Nationalkaiser wählen, so ist dieser 
chimärische Plan vermutlich ein Produkt dor Verzweiflung an dem 
doutschen Könige, der die Anträge des Senats nach langem verächt- 
lichem Schweigen nun schliesslich mit solchem Untroste beantwortete. 



1) Hist. pootif. 37. 

2) Ep. 252, S. 377. 

3) Ep. 202, S. 322. 

4) Wibaldi Ep. 345, S. 478 f. 



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- 118 - 



Um so gnädiger nahm Eugen III. zu Segiii 1 ) seinen Freund Wibald von 
Stablo und Korvei auf. Der kluge Abt benützte zu allernächst die 
Gelegenheit, um alle Anliegen, die er als deutscher Kirchenfürst hatte, 
durch den Papst in seinem Sinne entscheiden zu lassen. Es scheint, 
dass Wibald dann auch in Korn war, denn nach Konrads Tod erinnert 
er den Papst daran, 2 ) dass er ihm bei seiner Anwesenheit dringend 
empfohlen habe, unverzüglich seinen Frieden mit den Römern zu machen, 
weil er fürchte, des Königs Komfahrt könne ganz andere Wirkungen 
nach sich ziehen als Eugen meine. Die Eventualität, dass Konrad, ge- 
stützt auf den Senat, Rom für eine kaiserliche Stadt erkläre, war also 
für den klugen Abt keineswegs ausgeschlossen und da ihm die Inter- 
essen des Papstes mehr am Herzen lagen als die seines Königs, verdarb 
er Konrad zum voraus das Spiel, indem er dem Papste rieth, sich mit 
dem Senate zu vertragen. Sass der Papst wieder in Rom, dann kam 
Konrad gar nicht in die Versuchung, die Stellung einzunehmen, die die 
Römer ihm entgegen trugen. Eugen war damals zu verbittert, um 
diesen Rat zu befolgen; das deutsche Schwert sollte seinen Römern so 
gut wie dem Sizilier für alle Zeiten ihre Uebergriffe entleiden und darum 
gab er Wibalds Zuspruch kein Gehör, sondern ermahnte eifrig die 
Fürsten Deutschlands, Konrad Ibei seiner Heerfahrt zu unterstützen. 3 ) 
Aber die Verwüstung und das Elend, das jede deutsche Romfahrt im 
Gefolge hatte, blieb dieses Mal Italien erspart. Konrad III. starb am 
15. Februar 1152, ehe er seinen Römerzug hatte autreten können, und 
noch zwei Jahre lang stand das Ungewitter am Himmel, das der Wetter- 
macher zu Rom herbeigebetet, bis es verheerend niederging. 

Verhältnismässig rasch erhielt Deutschland am 4. März 1152 zu 
Frankfurt einen neuen König, der einstimmig gewählt wurde und der 
in den Augen der Deutschen alle glänzenden Eigenschaften besass, die 
einem Ritter und Könige anstehn. Friedrich von Schwaben war dreissig 
Jahre alt, ruhmvoll bekannt aus der Geschichte des zweiten Kreuzzugs, 
ein stolzor Held und ein treuer Sohn dor Kirche. Am 9. März wurde 
er zu Aachen gekrönt und seine erste Begabung galt dem Abte Wibald. 
Dieser kluge Prälat zeigte dem Papste dio Wahl des Rotbarts an und 
Eugen III. fand für angemessen unter dem 17. Mai, die Wahl, obgleich 
ihn niemand darum gebeten hatte, zu bestätigen. Der römischen Bürger- 
schaft war es eine herbe Enttäuschung, dass der neue König, ohne ihrer zu 

1) Ep. 349, S. 483. 

2) Ep. 375. Jaffe 503. 

3) Wibaldi Ep. 362 (S. 490). 



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- 119 - 



gedenken, mit dem Papste, der noch immer in Segni süss, sich in Be- 
ziehung gesetzt hatte. Kümmerte der Herrscher sich nicht um sie, so 
wollten die Kömer auch um ihn sich nicht kümmern und statt sich 
wieder kränkende Zurückweisungen wie von Konrad III. zu holen, be- 
schlossen die Anhänger Arnolds, sich von dem deutschen Reiche loszu- 
sagen und selbst einen römischen Kaiser einzusetzen. In einem Schreiben 
vom 20. September 1152 verklagte Eugen III. deu Senat bei seinem 
Freunde Wibald, ') 2000 Römer hätten auf Betreiben Arnolds einen 
Bund beschworen, bei den nächsten Wahlen am 1. November 1152 einen 
Hat von 100 zuverlässigen Arnoldisten zu wählen und zwei Konsuln, 
aber auch einen römischen Kaiser einzusetzen. Der Papst wolle nicht 
ermangeln von diesen Anschlägen Meldung zu machen, „weil sie", wie 
er sagt, „sich gegen die Krone des Reichs und unseres geliebtesten 
Sohnes Friedrich richten." Dass man im Senate nach Konrads Tod 
über die Ausübung eines Rechtes beriet, das zu Nervas und Trajans 
Zeit die römischen Väter zweifellos besasseu, ist sicher, doch gab es 
auch solche Anhänger Arnolds, die gern Friedrich I. gewählt hätten, 
wenn dieser nur darein willigte, die Kaiserkrone aus den Händen des 
Senats entgegen zu nehmen. Zwar erschien ihnen der schwäbische Rot- 
bart als ein Mann der Wälder, gleich dem rauhen Esau, aber falls er 
von römischen Rechtsgelehrten, „die etwas vom Kaiserrechte verstehen", 
sich wollte leiten lassen und die Geschäfte verständigen deutschen Edel- 
leuten übertrüge, die entweder Arnold von seinem alemannischen Aufent- 
halte bekannt, oder durch Alemannen, die er nach Rom nachgezogen 
hat, empfohlen sind, würde der römische Senat nicht abgeneigt sein, 
trotz Friedrichs Abmachungen mit dem Papste, es mit dem Hohen- 
staufen zu versuchen. Wir ersehen das aus einem Schreiben, das ein 
Anhänger des Senats, mit Namen Wezel, an Friedrich damals gerichtet 
hat. 2 ) Der Name Wezilo ist unter den Alemannen nicht selten. Ein 
Wc/älo von Konstanz wird einige Jahre später als Exkleriker und Bau- 
meister in Petershausen erwähnt. 3 ) Die drei Edlen, die Wezel als ge- 
eignet zu Verhandlungen mit der römischen Volkspartei bezeichnet, die 
Grafen Kainmisberg und Lenzburg oder Eberhard von Bodmann gehören 
alle drei der Diözese Konstanz an, in der Arnold einst seine Lehre unter 

~1) Ep. 403. 

2) Wib. Ep. 404. Bei Jaffe 539—43. Dass Wezel die Deutscheu als gens 
vestra bezeichnet, erklärt sich dadurch, da9S er im Namen der Römer schreibt, er 
selbst braucht darum nicht Kömer zu sein. Ausser dem Namen spricht für seine 
alemannische Herkunft auch seine Bekanntschaft mit den Konstanzer Baronen. 

3) Casus mon. l'etrish. VI, 4. Monum. Germ. XX, 679. 



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— 120 



dem Schutze der Mächtigen und Neichen ausbreiten durfte. 80 wachen 
in Arnolds Leben nochmals seine Beziehungen zu den Züricher Gönnern 
auf, doch führte jener Wezilo, nicht er, die Verhandlungen. Vielleicht 
hielt der römische Senat, der doch wohl hinter diesem Mittelsmannno 
stehen wird, oder die Partei desselben, deren Anschauungen Wezel ver- 
tritt, einen Alemannen für besonders geeignet seine Sache bei Friedrich 
zu vertreten, während der vielfach gebannte und geächtete Arnold be- 
scheiden zurücktritt. Aber völlig in Arnolds Geist hat sich Wezel 
seines Auftrags entledigt. Wezel beglückwünscht Friedrich zunächst, 
dass er durch sein Volk zum Könige der Deutschen gewählt sei, aber 
er giebt auch seinem Bedauern Ausdruck, dass der König nach dem 
Rate jener Kleriker und Mönche, die Geistliches und Weltliches ver- 
mengen, es versäumt habe, dio Bestätigung der Stadt, der Herrin der 
Welt, der Schöpferin und Mutter aller Kaiser, nachzusuchen. Kom sei, 
gleich der Rebekka des alten Testamentes, im Stande, auch gegen des 
Vaters (des Papstes) Willen, Jakob die Nachfolge zu verschaffen, wenu 
Esau auf der Jagd sich versäume. Blinde, häretische, apostatische 
Kleriker, Nachfolger des Julianus Apostata, und falsche Mönche nehmen 
im Widerspruch mit ihrem Stande und den evangelischen und kanoni- 
schen Satzungen zum Trotz, das Recht der Bestätigung des Kaisers für 
sich in Anspruch, indem sie Weltliches und Kirchliches vermischen und 
menschlichem wie göttlichem Rechte Holm sprechen. Bei der Schilde- 
rung dieser „Julianisten * giesst nun Wezel eine Fülle von Bibelsprüchen 
über den Rotbart aus, ohne Zweifel dieselben, auf die Arnold seine 
Forderungen eines weltentsagenden Klerus zu stützen pflegte. Nament- 
lich an die beiden Briefe Petri schliesst er sich dabei an, um zu zeigen, 
wie wenig doch der Papst Petri Nachfolger genannt werden könne. 
Jener Petrus hatte die Seinen geheissen, .zu entfliehen der in der Welt 
durch Lust herrschenden Verderbnis und zu erweisen im Glauben die 
Tugend, in der Tugend die Erkenntnis, in der Erkenntnis die Mässigung, 
in der Mässigung die Standhaftigkeit, in der Standhaftigkcit die Gott- 
seligkeit, in der Gottseligkeit die Bruderliebe und in der Bruderliebe 
die Menschenliebe." Die neuen Priester glichen statt dessen vielmehr 
jenen Lehrern der Lüge, von deren lockerem Leben der Apostel 2 Petri 
2, 1—13 ein so abschreckendes Bild entwirft. Ein rechter Nachfolger 
Petri ist nur der, der mit Petrus zum Herrn sprechen kann: „Siehe, 
wir haben alles aufgegeben und sind dir nachgefolgt, 41 der mit Petrus 
wiederum sagen kann: „Silber und Gold habe ich nicht." Zu solchen 
spricht Christus: „Ihr seid das Licht der Welt, ihr seid das Salz der 



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121 — 



Erde." Wenn aber das Salz dumm wird, womit soll man salzen? — 
Dann taugt es zu nichts, als dass die Menschen es zertreten oder die 
Säue. Wenn sogar Christus sprach : „Wenn ich die Werke meines 
Vaters nicht gethan habe, so glaubet mir nicht," wie soll man jenen 
glauben, die nicht nur Böses thun, sondern auch das Böse öffentlich 
thun. Und so wenig sie die Werke haben, eben so wenig haben sie 
den Glauben, denn Christus sprach: „Wie könnet ihr glauben, da ihr 
nach Ehre voneinander geizt ?" Sie, die nach den Reichtümern der 
ganzen Welt gieren, sollten doch das Wort hören: , Selig sind, die 
geistig arm sind," da sie doch weder in der Praxis noch im Prinzip 
der Armut huldigen. Einen Kleriker, der sich in Geschäfte menge, 
Reichtum und Ruhm suche, heisse Hieronymus fliehen gleich der Pest. 
So häuft Arnolds Schüler Bibelstellen auf Bibelstellen und auf Aus- 
sprüche der Kirchenväter solche der Kanonisten. Während er aber 
selbst Pseudoisidor aufschlägt, um aus des Apostels Petrus Ordinations- 
rede an Clemens zu erweisen, wie das Apostelhaupt seinem ersten Nach- 
folger ausdrücklich eiusebärfte, sich aller weltlichen Angelegenheiten zu 
entschlagen und sich lediglich auf die Verkündigung des Wortes Gottes 
zu beschränken, hat er doch die Unechtheit der Schenkungsurkunde 
Konstantins, die die gleiche Sammlung enthält, lang vor Laurentius 
Valla erkannt. Jene Lüge und häretische Fabel, durch die berichtet 
wird, dass der Kaiser Konstantin dem Papste Silvester, was zudem 
Simonie sein würde, die Gerechtsame der Kaiserherrschaft in Rom über- 
tragen habe, sei so entlarvt worden, dass selbst alle Taglöhner und 
alten W r eiber sie verspotten und der Papst und die Kardinäle sich aus 
Scham gar nicht mehr in der Stadt zu zeigen wagen. Schon Silvesters 
Vorgänger Meliciades rede in seinen Dekretalien von Konstantin als 
einem Getauften und desgleichen bezeuge die historia tripartita, dass 
Konstantin schon Christ war, als er die Stadt betrat. Das ganze Mär- 
chen von Konstantins Taufe durch Papst Silvester falle damit dahin. 
„Achtet wohl auf meine Worte!" ruft Wezel dann. „Esau, der den 
Rat der Mutter verachtete und den Wald liebte und von dem Blinden 
berufen wurde, entbehrt noch heute der Verheissung, Jakob aber, der 
der Mutter gehorchte, entriss jenem das, was der blinde Vater dem 
Freunde der Wälder versprochen hatte." Die Mutter ist Rom, derblinde 
Vater der Papst — wird der Rotbart Esaus Spuren folgen, nun dann 
wird die Mutter einen klugen Jakob finden und dem Rotbart mag der 
deutsche Wald genügen, da er dem Rufe Roms nicht gehorsam war. 
Dass ein Kaiser nicht blos am Walde sich freuen, sondern auch in den 



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— 122 — 



Gesetzen erfaliren sein solle, bezeuge Justinian, der einschärfe, dass 
ein Kaiser nicht blos mit Waffen geziert, sondern auch mit Gesetzen 
gewaffnet sein müsse, damit er in Krieg und Frieden recht zu herrschen 
verstehe. Derselbe ruhmvolle Herrscher zeige auch, woher der römische 
Princeps die Gewalt habe, zu herrschen und Gesetze zu geben. Denn 
was dem Kaiser gut scheine, das sei, wie Justinian sage, darum Gesetz, 
weil das römische Volk auf ihn alle seine Herrscherrechte, seine Macht 
übertragen habe. Die erste Stelle entlehnt Wezel aus dem Proömium 
der Institutionen, die beiden andern aus Institut. L. I. tit. 2. und 
alle drei sind wörtlich citiert, ein Beweis, wie bei Arnolds Schülern 
die evangelischen Anschauungen von der armen Kirche sich durch- 
drangen mit den neu erwachenden Erinnerungen an die römische Rechts- 
ordnung. Eben diese Synthese aber ist das Charakteristische an Ar- 
nolds Schule. „Da aber," so schliesst Wezel, „das Kaisertum und alle 
staatliche Gewalt den Römern gehört . . . welches Gesetz und welcher 
Grund könnten Volk und Senat hindern, einen neuen Kaiser zu wählen ?* 
Als Freund räth Wezel darum dem jungen Könige, er möge einige zu 
derartigen Verhandlungen geeignete Herren, etwa Rammisberg und Lenz- 
burg oder Bodmann nach Rom schicken 1 ). Diese müssten dann in seinem 

1 ) Den Grafen RudolfvonRammisbcrch kennen wir aus einem Kaufverträge 
mit den München von Petershausen, denen er zur Zeit der Abfassung der Casus 
monasterii Petrishusens. fi, 15). 20 noch den grösseren Teil des Kaufschillings schuldig 
geblieben war. Mon. G. XX, (581. Den auch in andern Geschäften Friedrichs ge- 
nannten Udalrich von Lenzburg erwähnten wir oben S. t»5 als Gegner des 
Abtes von Einsiedeln. Eberhard de Bo deine n würden wir nach dieser Zu- 
sammenstellung mit Rammisberch und Lenzburg am liebsten, wie Giesebrecht (Arnold 
v. Kr. S. 14) thut, für „einen nichtigen Freund Arnolds aus dem Laienstaude" 
halten, wenn nicht um jene Zeit ein archipresbüer et capellamts Eberhardus de 
Pothamo (Bodimin) aus Urkunden bekannt wäre. Zeitschrift für die Geschichte 
des Oberrheins XXX, 80 und 81. Derselbe erscheint auch als Zeuge (Eberhardus 
meerdos de Bodimin) auf einer Urkunde des Codex Salemit. I, 80 und einer andern 
vom 27. Dez. 1167 im Archiv der Stadt Schaffhausen. Es ist sehr wahrscheinlich, 
dass der Eberardus, den Hermann von Konstanz in dem prooemium zu dem Uber 
miraculorum als capdlanus nteus vor den Äbten Balduin und Frowin aufzählt, 
und der der Kreuzpredigt Bernhards am Oberrheine als Begleiter des Heiligen as- 
sistirte und ein Hauptzeuge für die abenteuerlichsten Wunder des Heiligen ist, eben 
dieser Kaplan Eberhard von Bodmann war. Wie kommt dann aber Wezel dazu, 
ihn als einen virum idoneum zur Beilegung der Streitigkeiten der Römer mit dem 
Papste und als Vertreter der kaiserlichen Rechte zu empfehlen? Da Wezel den 
ihm genehmen Eberhard nicht als einen Priester bezeichnet, so kann er einen andern, 
weltlichen Eberhard von Bodmann im Auge haben. Andernfalls müssten wir an- 
nehmen, dass dieser Kapellan Eberhard ein Anhänger asketischer Reform gewesen 
wäre, der zwar in dem Abte von Clairvaux ein wunderbares Rüstzeug der Kirche 
verehrte, denuoch aber den Ideen Arnolds von der apostolischen Armut der Kirche 



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— 123 - 



Namen mit den dortigen rechtskundigen Männern Fürsorge treffen, weil 
sonst Neuerungen zu seinem Nachteile eintreten könnten. Dieser merk- 
würdige Brief ist nach mehreren Seiten hin lehrreich. Zunächst ver- 
setzt er uns mitten hinein iu die aufgeregten Verhandlungen der römi- 
schen Politiker, bei denen die mercenarii und mulierculae ihre Gedanken 
über die donatio Constantini zum besten geben und, gleich ihren Nach- 
folgern von heute, unbeliebten Kardinälen den Aufenthalt in der Stadt 
zu entleiden wissen. Mit dem Selbstgefühl politisierender Pfahlbürger 
erklären sie den deutschen König für einen harmlosen Hinterwäldler, 
dessen Gedanken zwar über den Jagdspiess Esaus noch nicht hinaus- 
gehen, aus dem aber unter Leitung eines weisen Senats und verstän- 
diger deutscher Barone noch immer etwas werden könnte. Anderseits 
aber ist dieses denkwürdige Schreiben zugleich unsere ergiebigste Quelle 
zur Beurteilung der Lehre der Arnoldisten: Mit einer gewissen Fülle 
werden uns hier die biblischen, patriotischen, kanonistischen und römisch 
rechtlichen Sätze vorgeführt, auf die Arnold seine Scheidung des Welt- 
lichen und Geistlichen gründete, die dem hohen Klerus als widerwär- 
tige Ketzerei erschien. Die Gedankenwelt, die uns in diesen Sprüchen 
von der Weltentsagung der wahren Jünger Jesu entgegentritt, die hoch- 
gespannten Forderungen, die sie an einen wahren Bischof stellen, die 
bittern Urteile, die der Verfasser über die gegenwärtigen Hirten fällt, 
lehren uns auch die Ausdrücke erst recht verstehen, in denen die Gegner 
von Arnold sprechen. Für sie sind diese milden Worte des Evange- 
liums, die doch Priesterhäuser stürmen und die Bischöfe verjagen, ein 
vergifteter Honig und der sie so anwendete, ist für Johann von Salis- 
bury ein unpraktischer Schwärmer, für Otto von Freising ein Wolf im 
Schafspelz, für Bernhard von Clairvaux ein bleicher Asket, der mit dem 
Teufel speist, einer von denen, die den Schein der Gottseligkeit haben, 
aber ihre Kraft verläugnen. „Glatt wie Oel sind seine Worte und den- 
noch ist jedes ein vergifteter Pfeil," schrieb Bernhard einst an Guido. 
Angesichts von Wezeis Brief verstehen wir diese Klagen. Jedes ein- 
zelne Wort stammt aus der Schrift oder den Vätern und zusammen- 
genommen bedeuten sie dennoch einen vollkommenen Umsturz alles Be- 
stehenden. Das Tier mit dem Kopfe der Taube und dem Schwanz des 
Skorpions ist nach Bernhard die Signatur dieses Antichrists. Wenn 

seiner Zeit Sympathieen entgegengebracht hatte, die ihm nachträglich dieses Ver- 
trauensvotum der Arnoldisten eintrugen. In dieser Doppelstellung würde die Gestalt 
ganz besonders interessant. Möglich wäre das immerhin, da ja auch Hermann von 
Konstanz erst Patron Arnolds und dann Verehrer Bernhards gewesen ist. 



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— 124 — 



Friedrich Barbarossa sich nachmals in Italien durch italienische Juristen 
zusammenstellen Hess, welche Befugnisse nach den alten Rechtsquellen 
dem römischen Kaiser zukämen, so hat er in diesem einen Punkte den 
Kat der Arnoldisten befolgt, in allem Andern aber ist Wezeis Schreiben 
an ihn vergeblich gewesen. 1 ) Der Hohenstaufe mochte ein rauher Esau 
sein, wie die Kömer ihn nannten, aber er hatte Sinn für Realitäten, er 
wusste, was schneidendes Eisen ist und was kindisches Rauschgold und 
so sehwankte er keinen Augenblick, aus wessen Hand er die Krone 
empfangen wolle. Auch war er ein gläubiger Germane; die Toga im- 
ponierte ihm nicht, aber der Messrock. Dennoch hat er damals die 
Römer noch nicht so schroff wie später von sich gestossen. Unter den 
Gesandten, die Friedrich im Herbst 1152, als eben die neuen Senats- 
wahlen in Rom bevorstanden, nach Italien entsendete, war in der That 
einer der von Wezel empfohlenen Herrn, Graf Udalrich von Lenzburg, 
dazu Arnolds alter Gönner, Bischof Hermann von Konstanz, und in 
einigen Punkten nimmt der Vertrag, den diese Gesandten mit dem 
Papste schlössen, auch auf die Wünsche der Römer Rücksicht. Aber 
nocli ehe sie in Rom eintrafen, war das Regiment der Arnoldisten dort 
zusammengebrochen. Sie trafen den Papst nicht mehr als Verbannten 
in Segni, sondern zu Rom in seinem Lateranpalaste. 2 ) Die Katastrophe 
war im Herbste 1152 eingetreten. Die Wahlen am 1. November waren 
dazu ausersehen worden, die grosse Verfassungsänderung vorzubereiten, 
die Arnolds Idealen einer römischen Republik entsprach. 8 ) Wie in den 
Zeiten des alten Rom sollten 100 lebenslängliche Senatoren, alle er- 
gebene Anhänger Arnolds, den neuen Senat bilden. An ihrer Spitze 
sollten zwei Konsuln stehen, von denen der eine die Angelegenheiten 
innerhalb, der andere die ausserhalb der Stadt aus Auftrag des Senats 
besorgen sollte. Dazu aber sollte der Senat einen Nationalkaiser wählen, 
der unter Aufsicht des Volks, Senats und der beiden Konsuln das 
römische Reich zu regieren hätte. Im ganzen waren 2000 vom gemeinen 
Volk für diesen Plan gewonnen, die Barone aber uud die bessern Bürger 
hatten sich, nach des Papstes Bericht, von dieser Abrede ausgeschlossen. 
Nur eine „rmticam quedam turba" bildet nach ihm des Häretikers An- 
hang. Dass die Reichen von dem Kampfe mit dem Adel an ihren 
Gütern Schaden litten und auch der Mittelstand das Ausbleiben der 
Pilger schmerzlich empfand, ist nur allzu glaublich und beide That- 

1) Vgl. Wib. Ep. 372. 375. 382 und den Vertrag. 407. 

2) Regesta Pontif. 1, 648. 

3) Wibaldi Ep. 103. 



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Sachen mussten der besitzenden Klasse ein weiteres Fortschreiten auf 
den Bahnen Arnolds entleiden. Wenn nun statt der Anhänger des Ar- 
noldistischen Programms aus diesen Wahlen ein Senat hervorgeht, der 
nichts Eiligeres zu thun hat, als einen Ausgleich mit dem Papste an- 
zubahnen, 1 ) auf Grund dessen schon im Dezember Eugen 1H. nach Rom 
zurückkehrt, 8 ) so sind offenbar die Arnoldisten bei den Wahlen ge- 
schlagen worden und diejenige Partei hatte gesiegt, die sich mit dem 
Papste vertragen wollte. Ihr Senat gab ja auch bald genug den Pro- 
pheten charakterlos seinen Gegnern preis. 

Anderseits hatte Abt Wibald mit Erfolg dem Papste ans Herz 
gelegt, dass es der Kurie vorteilhafter sei, sich mit den Römern ohne 
die Dazwischenkunft des deutschen Königs zu vertragen. Das wird der 
Grund gewesen sein, warum Eugen mit dem neuen Senate abschloss 
und noch im Dezember mit seinen Kardinälen in Rom wieder einzog. 
Mit ihm aber kamen die Frangipani, Pierleoni, Tebaldeschi und die 
übrigen Todfeinde der Republik. 3 ) Dass der neue Senat diesen päpst- 
lichen Hof wieder für seine Stadt gewann, mochte der siegreichen 
Mittelpartei als gewaltiger Erfolg ihrer Staatskunst erscheinen, that- 
sächlich war es der Anfang des Endes, denn wie sollte die dürftige 
Herrlichkeit ihrer Konsuln auf die Dauer die Vergleichung mit dem 
Pomp und der Pracht des weltbeherrschenden Papsttums aushalten? 
Nur eines von dreien konnte Rom sein, das Haupt einer Republik, der 
Sitz des Kaisers oder der Mittelpunkt der christlichen Welt. Der neue 
Senat aber wollte eine Republik mit Kaiser und Papst; man wollte 
frei sein und Haupt der Kirche und des Reiches bleiben, ein Wider- 
spruch, an dem die römische Frage noch mehr als einmal gescheitert 
ist. Was sollten dazu Verträge mit einer Macht, die kein Vertrag, 
kein Versprechen, kein Eid innerlich band! Eugen III. schloss den 
Frieden und bezog seinen Palast, aber die Züchtigung der Römer durch 
die Barbaren, die er mit Konrad III. verabredet hatte, fuhr er fort, 
auch von Friedrich zu verlangen, falls dieser zum Kaiser gekrönt sein 
wolle. Als die Gesandten eintrafen, wurde mit ihnen der Entwurf eines 
Vertrags festgestellt, in welchem Eugen die Unterwerfung Roms zum 
Preise der Kaiserkrönung machte. Zwei Kardinäle brachten diesen Ent- 
wurf nach Konstanz, wo Friedrich den März des Jahres 1153 zubrachte. 

1) Romoald. Salem. Mon. G. XIX, 425. Bei Muratori, VII, 193. 

2) Annal. Casin. M. G. XIX, 310. 

3) Siehe die Urkunde vom 29. Mai 1153 bei Gregorovius, Geschichte der Stadt 
Rom 4, 4 SS. 



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— 126 



Der Vertrag, den auf dieser Grundlage Friedrich in Konstanz am 23ten 
März mit Eugen III. abscbloss, enthielt das Gegenteil von dem, was 
Arnold, Wezilo und der Senat verlangt hatten. Nicht aus den Händen 
des Senats, sondern aus denen des Papstes begehrte Friedrich im Kon- 
stanzer Vertrage die römische Krone. Dafür versprach er weder mit 
den Römern ohne Zustimmung des Papstes, noch mit dem Könige von 
Sizilien ohne Zustimmung der Römer und des Papstes Frieden zu machen 
und nach seinen Kräften sich zu bemühen, die Römer dem Papste zu 
unterwerfen, die Ehre der päpstlichen Würde und die Regalien des hei- 
ligen Petrus als ein ergebener und getreuer Rechtsbeistand gegen alle 
Menschen mit seiner Macht zu erhalten und zu verteidigen und die ihm 
entrissenen wiederherzustellen." ') Wenn gleich in dieser Urkunde der 
Friede mit dem Normannen an die Zustimmung der Römer gebunden 
und Friedrichs Mitwirkung zur Unterwerfung Roms durch den Zusatz 
pro viribus diplomatisch eingeschränkt wird, in der Hauptsache hatte 
der neue König doch zu Konstanz zugesagt, was der Papst wünschte 
und was die Römer hatten verhindern wollen. Als Friedrich diesen Pakt 
am 23. März 1153 unterschrieb, unterschrieb er damit auch das Todes- 
urteil Arnolds von Brescia. 

In Rom begann Eugen 111. inzwischen seine Macht zu befestigen 
und wenn uns berichtet wird, dass der Papst durch reiche Gaben und 
Unterstützungen das Volk für sich gewann, so sind die Dankespsalmen 
des römischen Pöbels nur der Antiphon zu der Klage der Nationen 
über die päpstlichen Erpressungen, in die selbst Bernhard, Gerhoh und 
Johann von Salisbury einstimmen. Dennoch wirkte dieses Mittel so 
sehr, dass Eugen „die Stadt fast ganz nach seinem Willen regierte und 
nur sein bald eintretender Tod ihn verhinderte, die Senatoren mit Hilfe 
des Volkes ihrer usurpierten Würden zu berauben.* 8 ) Wörtlich sind 
diese Nachrichten doch schwerlich zu nehmen, obwohl auch der Bischof 
von Ostia sie bestätigt, 3 ) denn wie viel Eugen auch erreicht haben mag, 
Arnolds Entfernung hatte der Papst auch jetzt nicht durchsetzen können 
und es wurde ihm nicht wohl in einer Hauptstadt, in der ihm ein ex- 
kommunizierter Schismatiker die ganze Grundlage seiner Macht, ins An- 
gesicht bestreiten durfte. So wundern wir uns nicht, dass dem Papste 
der römische Boden bald wieder zu heiss wurde und er sich in dem 

1) Die Urkunde Wib. Ep. 407. Watterich 2, 318 f. Mon. Germ. leg. II, 93. 

2) Romoald. Salernit. p. 193 bei Mtiratori, Hemm Ital. scriptores VII. Mon. 
Germ. XIX, 425. 

3) Bern. Ep 488. 



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kühleren Tibur inmitten der Bevölkerung nicderliess, die den römischen 
Senat am bittersten hasste, ohne darum dem päpstlichen Kegimente 
besonders ergeben zu sein. Unerwartet starb Eugen III. alldort am 
8. Juli 1153. 1 ) In der Anzeige von dem Ableben ihres hohen Ordens- 
genossen, die Hugo von Ostia an die Cistercienseräbte von Citeau und 
Clairvaux richtet, behauptet der Bischof, der so unvermutet der Kirche 
Entrissene habe den Senat beinahe schon vernichtet gehabt, nun aber 
sei zu furchten, die Kirche werde wieder untergetaucht werden in die 
Tiefe des Meers, in dem Ungeheuer sind ohne Zahl. „Der Mensch ist 
wie Heu," seufzt der Bischof, „und alle Herrlichkeit gleicht des Grases 
Blume." *) Der Heilige, an den diese Epistel sich richtet, sollte die 
Wahrheit dieses Satzes selbst in Bälde erweisen. Schon am 20. August 
desselben Sommers folgte Bernhard seinem päpstlichen Schüler im Tode 
nach. Es war eine letzte Gunst des Schicksals für Arnold, dass ein 
Sommer ihn von seinen beiden gefährlichsten Gegnern im Klerus er- 
löste, nachdem der mächtigste unter don feindlichen Baronen, Ptolemäus 
von Tuskulum, schon im Februar desselben Jahres zu seinen Vätern 
versammelt worden war. 

Mit Eugen war Arnold einst in Rom eingezogen, aber dieser hatte 
nicht viel mehr Monate in seiner Metropole zugebracht als der Ex- 
kommunizierte .lahre. Und welchen Papat hatte Eugen geführt! Von 
Ort zu Ort gestossen, aus einer Verlegenheit in die andere getrieben, 
von allen Nationen wegen der Erpressungen seiner Legaten verachtet, 
von Deutschen und Franzosen wegen des unseligen Kreuzzugs verflucht, 
starb er in dem verwüsteten Tibur, das ihn nicht liebte, während seine 
Hauptstadt noch immer zu Arnolds Füssen sass. Und wie der römische 
Pontifex, so hatte auch Arnolds anderer Todfeind, Bernhard, der von 
allen Menschen ihm und seinem Lehrer Abälard am meisten Böses 
gethan, den Verfall seines Ansehens erlebt. Der neue Krouzzug, mit 
dem er den furchtbaren Eindruck des ersten auslöschen wollte, war 
nicht zu Stande gekommen, denn des Abts Popularität hatte seit den 
Niederlagen von Ikonium und Damaskus einen starken Stoss erlitten. 
Ihm selbst lag es schwer auf der Seele, dass sie täglich zu ihm 
sprachen: „wo ist nun dein Gott?" 3 ). Die „blasphemischen Stimmen 
und die Lästerungen der Fgypter- umschwirrten ihn, obgleich er sich 



1 ) Hug. Ostiensis epist. S. Bern. Ep. 488. 

2) S. Bernardi. Epp. 488. Mignt" 182, G94. 

3) De ronsideratione II, 1. 



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vorsagt, ein anderer Moses habe er das Volk in die Wüste geführt, 
wo sie starben, während Gott ihnen das gelobte Land versprochen hatte. 
Perienmt propter iniquitutem stürm, ist der selhstgerechte Trost, mit 
dem der Wunderthäter sein Gewissen beschwichtigt. Aber selbst seino 
Brüder in der hohen Hierarchie fanden diesen Trost ungenügend. Otto 
von Freising meint anzüglich, nicht immer sei der prophetische Geist 
bei den Propheten'). Gerhoh von Reichersberg 2 ), der Bernhards Apo- 
logie aus der Schrift über die Betrachtung mitteilt, widerlegt sie in- 
direkt, indem er sehr drastisch den Wunderschwindel geisselt, der zum 
Zweck der Kreuzpredigt seiner Zeit getrieben worden sei. Am bos- 
haftesten aber hat Walther Mapcs, ohnehin ein Gegner der Oistercienser, 
eine Reihe missglückter Wunder Bernhards erzählt, so namentlich eine 
Totenerweckung, bei der Bernhard einem gestorbenen Grafen Walther 
mächtig in sein Grab ruft: „Galtere! komme heraus!" „Da aber 
Walther nicht die Stimme Jesu hörte, hatte er auch nicht die Ohren 
des Lazarus und kam nicht." 3 ) Die Würzburger Annalen vollends be- 
ginnen ihre Schilderung der Kreuzpredigt Bernhards mit den Worten : 
„Es standen falsche Propheten auf, Söhne Belials, Zeugen des Anti- 
chrixts, die mit leeren Worten die Christen verführten." 4 ) So dachten 
die Vernünftigeren aller Orten über Bernhards Wunder schliesslich nicht 
anders als Abälard und Arnold und nur seine Jünger und Mitschuldigen 
störte natürlich nichts in der Vergötterung ihres Abtes. Während des 
Philosophen Schüler Berengar spottet über die Kutte, vor der die Teufel 
brüllen, erzählt Bernhards Biograph Gnilelmus vollkommen ernst die 
Geschichte, wie der Heilige in einer Kirche die lästigen Mücken ex- 
kommuniziert«, dass sie tot zusammengekehrt werden konnten; 6 ) so 
that jede Partei, was ihres Amtes war. 

Auch die neue Papstwahl schien für Arnold günstig. 

Eugen III. war in der Peterskirche bestattet worden und das Kon- 
klave fand ungehindert in Rom statt. Als Anastasius IV. ging der 
Bischof der Sabina aus demselben hervor/) ein Römer, der gesonnen 
war, mit seinen Römern in Frieden zu leben. Am Konstanzer Vertrage 



1) Gesta Frid. 1, 60. 

2) In dem 1161 geschriebenen Tractate De iuvestigatione Antichristi. Archiv 
für Kunde östreich. Geschichtsquellen. 20, 168. 

3) De nugis cur. p. 42 f. 

4) Annal. Herbipol. Mon. G. XVI, 3 zum Jahre 1147. 

5) Vita prima, 11, 52. Bei Migne 185, p. 256. 
6; Vita Hadrian! IV, bei Watterich II, :?24. 



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— 129 — 



hielt er fest, aber die Legaten, die ihn geschlossen, rief er aus Deutsch- 
land ab. Wie lange seine friedliche Stimmung dem bösen Willen der 
Kardinäle das Gleichgewicht gehalten hätte, lässt sich nicht sagen, da 
er schon am 2. Dezember 1154 starb, doch hat Arnold unangefochten 
dieses Jahr in Rom gelebt, und auch von Händeln mit dem Senat wird 
nichts gemeldet. Das Verdienst davon werden wir aber zur Hälfte dem 
neuen Senate selbst zuschreiben müssen, wie der weitere Verlauf der 
kirchlichen Bewegung darthut. Das Einstellen des Kampfes gegen die 
Hierarchie ist allezeit der Anfang des Rückzugs vor ihren Ansprüchen 
gewesen. Aber auch die Massen waren des langen Kampfes müde* und 
nur allzubald musste der Prophet von Brescia erfahren, dass der grosse 
Haufe es nicht lange aushält in der reinen Luft der Idee; der Hunger 
nach Fleisch pflegt sich gar bald wieder einzustellen. So ging es auch 
damals. An Stelle der heilsbegierigen Scharen, die mit Andacht der 
Lehre lauschten, dass die Kirche Christi eine arme Kirche sei, sehen 
wir andere in Aktion treten, die statt des dürftigen Rockes der Lom- 
barden wieder den Purpur der Kardinäle und die funkelnde Krone des 
neuen Papstes sehen möchten, die Führung aber der Unzufriedenen über- 
nehmen jene Bettelbarone, yui nur um et argentum olfecerant Gallki- 
mm, wie Johann von Salisbury sich ironisch ausdrückt. Vielleicht, 
dass ein energisches Regiment auch diese müde Stimmung wieder zu 
heben vermocht hätte, aber auf den curulischen Stühlen sassen jetzt 
jene Männer der Vermittlung, die bei den Wahlen am 1. November 
1152 die Arnoldisten geschlagen und mit Eugen III. den faulen Frieden 
geschlossen hatten. Auch sie hielten schöne Reden über die Rechte 
Roms, der alten Herrin der Welt, aber die Menge geriet immer mehr 
unter die Herrschaft der Priester. 

Während so der römische Pöbel bereits wieder zurückverlangte nach 
den Fleischtöpfen Ägyptenlands ging aus der Wahl der Kardinäle ein 
Papst hervor, der ganz danach angethan war, einen weicheoden Feind 
zu schlagen und den Geschlagenen erbarmungslos zu vernichten. Es 
war das der englische Mönch Nikolaus Breakspearc, der jetzt als Ha- 
drian IV. den päpstlichen Stuhl bestieg. Ein Priestersohn, von dem 
Vater, der sich seiner schämte, Verstössen, hatte der hartköpfige Knabe 
die Heimat verlassen. An die Bettelsuppen der Klöster schon in Eng- 
land gewöhnt, durchwanderte er Frankreich und Burgund. In einem 
Kloster des heiligen Rufus bei Avignon hatte er eine Zuflucht gefunden, 
war dort Klosterknecht, Novize, Mönch, schliesslich Abt geworden. Aber 
seine despotische Herrschaft trugen die Mönche nicht lang. Vom eigenen 

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— 130 — 



Klostor verklagt, war der Engländer mehrmals nach Rom gekommen, 
wo Eugen III. Gefallen an ihm fand, so dass er ihn bei sich behielt 
und zum Bischof von Albano machte. Als Legat für den skandinavi- 
schen Norden gründete er das Erzbistum Drontheim, das Norwegen, 
Island und Grönland bis zu den fernen Inseln des Nordmeers für Rom 
gewann. Gegen Ende des Jahres 1154 kehrte er nach Rom zurück, 
wo man ihm den Ehrennamen eines Apostels des Nordens beilegte und 
es ihm hoch anrechnete, dass er die neu organisierten Gebiete zur Zah- 
lung eines Peterspfennigs bestimmt hatte. Noch war sein Ansehen un- 
verbraucht, als Anastasius IV. starb, und so bestieg Breakespeare den 
päpstlichen Stuhl, der einzige Sohn Albions, der denselben jemals ein- 
genommen und trotz alles Preises seiner Güte, Milde und Langmut, 
mit dem ihn sein Biograph Boso J ) überschüttet, wie seine Thaten be- 
weisen, ein Angelsachse so energisch, so rücksichtslos und gewaltthätig, 
wie nur je einer über den Canal nach dem Continent gekommen ist. 
Im Kampfe mit dem Leben hart geschmiedet von Jugend auf, Hess er 
sich von dem Widerstande des römischen Senats nicht imponieren und 
war von vornherein zu den äussersten Mitteln entschlossen. Ihm zur 
Seite, gleichfalls von den gregorianischen Ideen erfüllt, stand Kanzler 
Roland, dessen verwegenen Mut sein Auftreten auf dem Reichstag zu 
Besancon und die Kämpfe, die er als Alexander III. gegen den Rotbart 
führte, sattsam bezeugen. Die Stimmung des Senats aber war immer 
kleinmütiger geworden, denn bereits im November 1154 hatte der 
deutsche König die Alpen überschritten und seit er seinen Schild an 
hohem Pfahle in den roncalischen Gefilden aufgerichtet hatte, um Heer- 
schau und Gericht zu halten, musste aus seinen Entscheidungen gegen 
Mailand auch den Römern klar werden, dass der Rotbart kein Freund 
der Städtefreiheit sei. Mit ihm trat der Papst alsbald in Verbindung, 
während er sich der Bürgerschaft gegenüber im Trastevere abschloss. 
Die Streitigkeiten mit dem Senate aber begannen sofort. Der Papst 
reklamierte seine weltliche Gewalt, die Römer erklärten, dass sie die 
Wiederherstellung derselben nicht dulden würden. Hadrian verlangte 
die Auslieferung Arnolds, dem Senate war durch feierlichen Eid der 
Bürgerschaft unmöglich gemacht, den Propheten zu opfern. So lag 
Hadrian hinter den Befestigungen an der Peterskirche geborgen in that- 

1) Bei Watterieb II, 323 f. Dagegen sagen die Würzburger Annalen um so 
bündiger: Adrianus qui dum posl aliquot menses aeeepto aposlolatu insolenter 
in Romanos ageret, grave odium ineurrit. Sein Jugendleben in Guilelm. Neubri- 
gensis, de rebus Änglicis II, 6. Gregorovius IV, 41>1. 



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— 131 — 

sächlichem Kriegszustand mit seiner Herde und gedachte die Ankunft 
des deutschen Königs abzuwarten. Darüber kam es zu Unruhen in der 
Stadt. Als der Cardinal Guido Cibi von S. Pudentiana den Papst be- 
suchen wollte, fiel er auf der via sacra den erbitterten Arnoldisten in 
die Hände, wurde misshandelt und, wie die Päpstlichen behaupteten, 
tötlich (ad interitum) verwundet. 1 ) Auf einen solchen Anlass hatte Ha- 
drian nur gewartet, um der verhassten Senatsregierung den Todesstoss 
zu geben. Kurz entschlossen verhängte er im März 1155 über Rom 
das Tnterdict. Noch keiner seiner Vorgänger hatte es gewagt, die heilige 
Stadt selbst, samt allen ihren heiligen Orten mit dem Fluche der Kirche 
zu belegen. Die Massregel mussto aber zu dieser Zeit um so schwerer 
einschlagen, als Korn gegen Ostern immer mit Pilgern angefüllt war, 
die nicht vergeblich von weither nach den heiligen Stätten gezogen sein 
wollten. Ohne Zweifel hatte aber Hadrian gerade auf diese fremden 
Zuzüge bei der Einleitung der Gegenrevolution gerechnet. Wären die 
Arnoldisten noch Herrn des Kapitols gewesen, so würde das Interdict 
schwerlich vollzogen worden sein, da ein Teil des niodern Klerus zu 
Arnold hielt. Aber unter einem elenden Senate ohne Führung, dem 
entschlossenen neuen Herrscher gegenüber unsicher, dazu erschreckt 
durch die Nähe des deutschen Heeres, versagte den geistlichen Genossen 
Arnolds der Mut. Der Gottesdienst wurde in der That eingestellt. Man 
hatte damals schon lange eine förmliche Liturgie des Interdicts aufge- 
stellt, die uns aus zahlreichen Beispielen bekannt ist. Um Mitternacht 
heulten die Glocken die Einwohner aus dem Schlafe und unter Fackel- 
schein zogen Priester und Bischöfe in die Kathedralen. Das Bild des 
Gekreuzigten war umflort und einförmig wimmerten die Chöre: „Herr 
erbarme dich unser." Als ob der Feind vor dou Thoren lauere, wurden 
dann die Reliquien eingesargt und im Laufschritt in die Keller ge- 
flüchtet, die Altäre abgeräumt, die bereits geweihten Hostien an einem 
Feuer im Chor schauerlich verbrannt. Darauf bestieg der beauftragte 
Bischof die Kanzel und untersagte, bis für den verübten Frevel Sühne 
geleistet sei, jede heilige Handlung. Die Krucifixe und Heiligenbilder 
wurden von den Wänden genommen und flach auf die Erde gelegt, die 
Fenster und Altäre verhängt und unter fortwährendem miserere dominc 
die Kirche geräumt. Ehe endlich die Kirche abgeschlossen wurde, ver- 
kündeten zuletzt noch Steine, polternd von der Kanzel geworfen, der 



1) Da er im Juni als Gesandter zu Friedrich I. geht, ist er jedenfalls an den 
Verletzungen nicht gestorben. Vgl. Jaffü, Regesta pontif. I, iiG3. Wib. Ep. AW. 



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- 132 — 



Gemeinde, also habe der Herr sie verworfen. Keine Glocke durfte mehr 
geläutet, keine Messe gelesen, kein Sakrament gereicht werden. Wer 
starb, ging ohne Viaticum hinüber in's Fegfeuer, dieweil die Senatoren 
unnütze Reden hielten und das Volk um ihr Seelenheil betrogen. Ging 
der Gläubige an dem gewohnten Gotteshause vorüber, so begegnete sein 
Auge über der versperrten Thüre nur verhüllten Bildern seines Gottes 
und seiner Heiligen. Man hat den ägyptischen Priestern vorgeworfen, 
dass sie durch sinnliche Schrecken die Gemüter der Massen sich unter- 
thänig erhalten hätten, die mittelalterlichen waren ihnen in solchen 
Künsten vollauf gewachseu. Zumal in Korn, wo das ganze Dasein be- 
herrscht war von kirchlichen Bräuchen, und man dieses Schauspiel zum 
ersten mal erlebte, verfehlte es nicht seiner Wirkung. Vom Palmsonntag 
bis zum Mittwoch ertrug das Volk die furchtbare Stille, das Schweigen 
der gewohnten Glocken. Als aber das Osterfest heranrückte, als man 
dem Volke sagte, für Rom werde Christus nicht auferstohen, das Grab 
der Apostel werde verschlossen bleiben, da erhoben sich diese gut 
katholischen Quinten gegen ihren eigenen Senat. Geführt von ihren 
Priestern stürmten sie am dreiundzwanzigsten März nach dem Kapitol 
und verlangten von dem Senat, er solle die Aufhebung des Interdikts 
erwirken. 1 ) Die versammelten Väter, erschreckt, entseudeten am Tage 
vor Gründonnerstag eine Deputation an den Papst und dieser verlangte, 
dass der Senat ihm einen Eid auf das Evangelium leiste, er werde 
Arnold und seinen Anhang ausweisen, falls er sich dem Papste nicht 
unterwerfe. Unter dieser Bedingung wolle Hadrian das Interdikt auf- 
heben. Es waren nicht mehr Arnolds Freunde, die auf dem Kapitole 
tagten und so leistete die eingeschüchterte Versammlung den vom 
Papste verlangten Eid. Das war das Ende der römischeu Republik. 
Am selben Tage verliessen die Arnoldisten die Stadt, da sie wussten, 
was für sie Unterwerfung unter diesen Papst bedeute. Während der 
Prediger der Reform, verraten und verlassen, in die öde Campagna 
hinauswanderte, läuteten hinter ihm die Osterglocken zusammen und 
unter dem Jubel der von ihrer Seelenangst befreiten Quiriten zog der 
Papst am grünen Donnerstag von St. Peter nach dem Lateran, geleitet 
von den Kardinälen, Bischöfen und einer unabsehbaren Schar des Adels 
und Bürgerstandes. Der meineidige Senat hatte dessenungeachtet noch 
immer nicht auf seine römische Republik verzichtet. Trugen seine 
Münzen auf der einen Seite das Bild des heiligen Petrus, auf der an- 



1) Vgl. die Erzählung des Kardinals Boso bei Watterich JI, 324 f.. 



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dem aber die Aufschrift setmtus populusque ftonmnus, so raeinte er, 
der Nachfolger Petri könne vom Lateran aus die Welt mit seinen 
Blitzen schrecken und in den Kirchen die Körner erbauen, deshalb 
könnten die Senatoren und Volkstribunen dennoch auf dem Kapitol die 
gewaltigsten Verrinen und Catilinarien reden, so wie der Gimpel im 
Käfig singt: „ein freies Leben führen wir.* Hadrian aber wartete nur 
auf die Ankunft des deutschen Königs, um seine Körner ganz andere 
Melodieen zu lehren. Arnold hatte inzwischen seine Flucht gegen Nor- 
den fortgesetzt. 1 ) Sein Anhang hatte sich verlaufen, das Volk hatte 
sich von ihm gewendet, der Senat hatte ihn trotz der aufgerichteten 
Eidgenossenschaft aufgeopfert. Nach der Richtung, die er bei seiner 
Flucht einschlug, ist nicht unwahrscheinlich, dass er sich zu Friedrich 
begeben wollte, um seinen Schutz nachzusuchen. So gelangte er nach 
Bricola, im Thale der Orcia. Der Ort enthielt ein Hospiz der Camal- 
dulenser und in der Nachbarschaft waren die Visconti di Campagnatico 
ansässig. 8 ) Aber noch ehe er eines dieser Asyle erreichte, fiel er einem 
Landsmanne aus Brescia, dem Kardinal Oddo, in die Hände und dieser 
Dienstmann der Kurie wollte ihn nach Rom schaffen. Da traten seine 
Freunde dazwischen. Die benachbarten Visconti di Campagnatico be- 
freiten ihn mit Gewalt und brachten ihn auf eines ihrer Güter. Seine 
Macht über die Gemüter bewies Arnold auch in dieser verzweifelten 
Lage. Hadrians Biograph Boso bezeugt, dass diese Herrn „ihn gleich 
einem Propheten auf ihrem Grund und Boden in Ehren hielten." 
So schien er nochmals ein sicheres Asyl gefunden zu habon, als Fried- 
richs Eisenreiter im Thale der Orcia einritten. Versuche, mit dem 
deutschen Herrscher Fühlung zu gewinnen, scheint der Flüchtling nicht 
gemacht zu haben, wenigstens wird nichts davon berichtet. Er barg 
sich bei seinen ritterlichen Gastfreunden, wie Hus auf der Feste Kozih- 
radek am Tabor oder Luther auf der Wartburg. Da gleichzeitig 
der neue König von Sizilien sengend und brennend im Kirchenstaate 
vorrückte, hatte Hadrian IV. genug zu thun, um die Deutschen zu 
rascherem Vormarsch zu bestimmen, doch verlor er darum den flüch- 
tigen Propheten nicht aus dem Gedächtnis. Uns aber erscheint be- 
merkenswert, dass auch jetzt, nachdem Arnolds Gestirn sich tief geneigt 
hat, die Verehrung seiner nächsten Umgebung die gleiche ist wie früher 
in den Tagen seines Glanzes. „Als Prophet geehrt," lebt er in seinem 
Asyle. Zu den Reformatoren, die man nicht über die Schwelle ihrer 

1) Kardinal Boso in der Vita Hadr. IV. Watterich p. 324 f. 

2) Ueber die Lokaltätcn vgl. Giesebrecht, Arnold von Brescia, 28. 



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Stube begleiten darf, will man den Glauben an sie behalten, gehörte 
Arnold nicht. Verhasst war er nur draussen, wo die Heiligen ihn ver- 
lästerten, da, wo er persönlich wirken konnte, in Brescia, Paris, Zürich 
und Koni, umgab ihn stets begeisterte Verehrung. 1 ) Während Arnold 
noch für einen Augenblick den Händen seiner Feinde entrissen war, 
erdröhnte ringsum der Boden vom Aufmarsch des deutschen Heeres. 
Der König selbst erschien im Tbale der Orcia und schlug zu S. Quirico 
sein Hauptquartier auf. 

Inzwischen herrschten in Rom die wirrsten Zustände. Ein aller- 
dings nicht gerade nahestehender Zeuge berichtet, dass die römische 
Bevölkerung sich für Arnold erhoben habe, indem sie Papst und Kar- 
dinäle schalten: „Arnold sei ein guter und gerechter Mann, sie aber 
seien geizig und boshaft, nicht das Licht, sondern die Hefe der Welt, 
so dass sie die Hand von Gewalttaten kaum zurückhielten. "*) Dazu 
regten sich die Normannen. Seit im Jahre 1139 König Roger von 
Sizilien seinen Frieden mit der Kurie gemacht hatte, war er für die 
Heiligen von Clairvaux und Klugny nicht mehr der Antichrist und 
Sarazene, sondern sie singen jetzt mit vollem Munde sein Lob, das 
über die ganze Erde bereits verbreitet sei und wir finden den Abt von 
Clairvaux in einer fast zärtlichen Korrespondenz mit Roger über die 
Aufnahme seiner Ordensbrüder. 3 ) Roger hat die gesendeten Cisterci- 
enser glänzend untergebracht, so dass sie die Frucht des Ackers, Honig, 
Ol, Butter, Feigen, Wein die Fülle haben und Bernhard ruft, sehr im 
Gegensatze zu Arnolds Lehre von der Knechtsgestalt der wahren Kirche, 
dem freigebigen Könige zu: Sic Hur ad antra! Seitdem war Roger 
für die Mönche ein Mann nach dem Herzen Gottes, aber dem Papste 
blieb er allezeit ein unzuverlässiger Nachbar und mit seinem Sohne 
Wilhelm I. brach unmittelbar nach Rogers Tod im Februar 1154 der 
Streit aufs neue aus. Vertrauend auf die Nähe der deutschen Hilfe 
verweigerte Hadrian IV. dem neuen Herrscher den Königstitel, dieser 
aber Hess sofort seine Sarazenen gegen Rom vorrücken, ohne sich um 
Hadrians Bannflüche weiter zu kümmern. In dieser schwierigen Lage 
bewies der Papst keineswegs die stolze Fassung, die man nach seinem 
schroffen Auftreten von ihm erwarten durfte. Im Mai 1155 zog er 
Friedrich bis Sutri entgegen, 4 ) dann aber wurde das Misstrauen in ihm 

1) Omnibus amabilis et admirabilis nennt ihn Walther Mapes. 

2) Walther Mapes a. a. 0. S. 43. 

3) Ep. 207-9. 

4) Regesta Tontif. I, (W2. 



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wach, der Rotbart könne seino schutzlose Lage missbrauchen, deshalb 
entsendete er drei Kardinäle ins deutsche Lager, die Friedrich auf die 
geschlossenen Verträge verpflichten, und Garantieen für die Sicherheit 
des heiligen Stuhles verlangen sollten, während er sich selbst nach 
Viterbo aufmachte. Da hörte er, dass auch der König Boten an ihn 
entsendet habe, und in Eilmärschen gegen Süden vorrücke. Erschreckt 
durch diese Nachrichten warf er sich in die Burg von Civita Castellana 
und wäre gern nach dem festeren Orvieto entflohen, aber bereits ver- 
legte ihm Friedrichs Vorhut dahin die Wege. So blieb er in seinem 
Kastelle und wartete auf die Rückkehr seiner Kardinäle. Er hatte 
ohne Not gezittert. Friedrich dachte gar nicht daran, von dem Kon- 
stanzer Vertrage zurückzutreten, nur weil er es jetzt gekonnt hätte, so 
seltsam den welschen Kardinälen diese Gewissenhaftigkeit erscheinen 
mochte. Üie Gesandten Hadrians fanden den Rotbart bereit, dem 
Papste denselben Eid für seine und seiner Kardinäle Sicherheit zu 
schwören, den frühere Könige in gleichem Falle geleistet hatten. 1 ) 
Nachdem sie so ihrer eigenen Sicherheit gewiss waren, war ihre erste 
Forderung, die allen anderen voranging, die Auslieferung des Schis- 
matikers Arnold. So schwer wog auch jetzt noch der Kurie das Leben 
des einen Mannes. Der flüchtige Prophet war zwar nicht in Friedrichs 
Gewalt, aber da er sich bei den benachbarten Viscontis barg, war dem 
Verlangen leicht zu entsprechen und Friedrich, der des Papstes Miss- 
trauen durchaus beseitigen wollte, war dazu bereit. Die Bischöfe, die 
Friedrichs hohen Rat bildeten, mochten es selbstverständlich finden, 
dass ein vielfach verurteilter Schismatiker, ein Gegner ihrer eigenen 
weltlichen Macht, unverhört und unüberwiesen an den Papst ausgeliefert 
werde, dessen ünterthan er nicht einmal war. Die Weise der Fest- 
nehmung war dieses unköniglichen Verfahrens völlig würdig; Friedrich 
liess einen der benachbarten Visconti aufgreifen und dieser lieforte, 
um sich zu lösen, den Gastfreund seines Hauses an Friedrich und die 
Kardinäle aus. Mit diesem wichtigen ersten Gastgeschenke kehrten die 
Gesandten zu Hadrian zurück, der inzwischen noch immer voll Argwohn 
in der hochgelegenen Burg von Civita Castellana sass. Auf diesen Er- 
weis von Friedrichs Willfährigkeit konnte der Papst nicht mehr an dessen 
guten Absichten zweifeln. Was Eugen III. vergeblich erstrebt, was 
der heilige Bernhard in leidenschaftlichen Briefen verlangt, was die 
Kurie von dem Senate stets gefordert, war nun endlich zur Thatsache 



1) Vita Hadr. bei Watterich 2, 326. 



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geworden, der Wolf, der Skorpion, der falsche Prophet, der Schildträger 
des Goliat, der Tischgenosse des Satans, Arnold, den Brescia ausge- 
spieen, Rom verabscheut, Frankreich vertrieben, Deutschland verwünscht 
hatte, er war endlich, endlich in den Händen des Papstes! Der Präfekt 
der Stadt, Petrus, befand sich im Gefolge Hadrians und in seinen 
Gewahrsam ging der Gefangene über. „Im Gebiete Tusciens gefangen 
und dem Gerichte des Fürsten vorbehalten 1 )," wie Otto von 
Freising sich ausdrückt, wurde Arnold dennoch dem Präfekten des 
Papstes übergeben, der zugleich der Blutrichter war; ein unklares Ver- 
fahren, das aber unzweifelhaft den Papst von Friedrichs gutem Willen 
überzeugen sollte. Den Mann, der dem Hohenstaufen die Herzen und 
Thore Roms aufthun konnte, hatte Friedrich damit dem Papste auf- 
geopfert und es musste sich jetzt zeigen, wie dieser sich dafür dankbar 
erweisen würde. 

Am 7. Juni begaben sich Papst und Kardinäle, noch immer voll 
Argwohn gegon Friedrichs Absichten, in das königliche Lager bei Nepi, 
wo der Erzbischof von Köln und andere Fürsten ihn empfingen, um 
ihn zum Zelte des Königs zu geleiten. Aber alsbald entbrannte der 
Zorn des herrischen Engländers auf dem Stuhle Petri, denn er hatte 
erwartet , der König werde ihn selbst empfangen , seinen Zelter am 
Zaume leiten und ihm beim Absteigen den Steigbügel halten. Er- 
grimmt stieg der Priester ab und nahm Platz auf dem für ihn auf- 
gerichteten Throne. Der König kniete nieder und küsstc den päpstlichen 
Pantoffel und erwartete nun den Frieden skuss. Statt dessen überschüttete 
ihn der Papst mit Vorwürfen, dass er dem heiligen Petrus nicht wie 
seine Vorgänger den Steigbügel gehalten. Der Priestersohn, der vom 
Bettelkinde zum Papste aufgestiegen, konnte am wenigsten den An- 
sprüchen seiner Würde etwas vergeben, warum aber Friedrich, der dem 
Papste den Fuss geküsst, das Halten de3 Steigbügels so entwürdigend 
fand, ist von unsorem Standpunkte schwer zu begreifen. Der Kotbart 
bestritt mit grosser Hartnäckigkeit, dass die deutschen Könige zu 
solchem Marschallsdienste vorpflichtet seien, während Breakspeare auf 
dem bestand, was er sein Hecht nannte. Diesen und den folgenden 
Tag wurde über diese Frage unter sorglicher Erwägung dor Präccdens- 
fölle hin und her gestritten. Einigen Kardinälen erschien die Renitenz 
des Königs als ein so gefährliches Anzeichen, dass sie heimlich das 
Lager verliessen und nach Rom zurückflohen. Die deutschen Fürsten 



1) Principis examini reservatio est. 



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aber fürchteten, sie müssten am Ende Rom« hohe Mauern mit Sturm 
nehmen wegen einer Sache, die kein Menschenleben wert war. Die 
Bischöfe mochten innerlich ohnehin der weltlichen Gewalt dieses Be- 
kenntnis ihrer Unterordnung gönnen, kurz Friedrich versprach, das 
Versäumte nachzuholen. Am folgenden Tage lagerte man gemeinsam 
am Janulasee beim Monte Rosi. Dort ritt Friedrich dem Papste ent- 
gegen, stieg vom Pferde, leitete vor den Augen aller seiner Ritter des 
Papstes Tier am Zügel und hielt den Steigbügel, als der Priester ab- 
stieg. Dafür erhielt er dessen Friedenskuss und seinen Segen. Hel- 
mold, in seiner Chronik der Slaven, 1 ) hat eine andere Relation dieser 
Vorgänge. Nach ihm hätte Friedrich sofort bei der ersten Begegnung 
des Papstes Steigbügel angefasst, aber Hadrian, damit nicht zufrieden, 
habe zu dem Bischof von Bamberg, der ihm eine Ansprache hielt, 
gesagt: „was Du sprichst sind leere Worte. Dein Fürst hat dem 
heiligen Petrus nicht die gebührende Ehre erwiesen sondern ihn völlig 
verunehrt, denn er hätte dem heiligen Petrus den rechten Steigbügel 
halten sollen und er hielt ihm den linken," worauf ein heftiger Zank 
folgt bis Friodrich auch dem rechten Fusse des heiligen Petrus die 
gebührende Ehre anthut. Die Ironie dieser Darstellung ist unverkenn- 
bar und beweist, dass nicht in aller Augen das Ansehen des Papsttums 
wuchs durch den Hochmut, mit dem seine Vertreter auftraten. Für 
den Augenblick war damit Hadrians Ansprüchen allerdings genüge ge- 
leistet. „Nachdem", erzählt Otto von Freising, 8 ) der die Steigbügel- 
szone lieber übergeht, r die Spitzen der Welt sich mit ihrem Gefolge 
vereinigt hatten und während sie einige Tage hindurch zusammen weiter- 
zogen, werden zwischen ihnen als dem geistlichen Vater und dem Sohne 
süsse Gespräche gewechselt, und nachdem gleichsam aus zwei fürst- 
lichen Höfen ein Staat geworden, werden kirchliche und weltliche An- 
gelegenheiten zugleich verhandelt." Zu den letzteren gehörte denn in 
erster Reihe die Wiederherstellung der päpstlichen Autorität gegenüber 
dem noch immer unbotmässigen Senat und dieser trug dem deutschen 
Könige nun selbst die Gelegenheit entgegen, auf seine Kosten dem 
Papste gefällig zu sein. Wie der Papst die Krönung in der Basilika 
des heiligen Petrus an hohe Forderungen knüpfte, so meinte auch der 
Senat den Einzug Friedrichs in Rom von der Anerkennung seiner Ge- 
walten abhängig machen zu können. Die Quiriten vergassen nur, dass 
der Bann des Papstes Friedrich um die Hälfte seiner Anhänger brachte, 

1) Helmold, Chron. Slavor. I, 79. 

2) Mon. Germ. XX, 404. 



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während ihre Macht der des Königs keinen Tag gewachsen war. Mit 
ächt italiäniseher Freude an dem Pompe grosser Worte trat der Führer 
ihrer Gesandtschaft vor dem Könige auf und gedachte den deutschen 
Hof durch eine wohl vorbereitete Rede einige Stunden zu fesseln, zumal 
er ja im Namen „der sogenspendenden Herrin des Erdkreises" das Wort 
ergriff. Rom biete dem deutschen Könige, sagte er,') die Kaiserkrone, 
damit er die alten Zeiten zurückführe, da Rom über alle Länder und 
Inseln herrschte. Es spreche zu Friedrich: „Du warst ein Gast, ich 
mache dich zum Bürger. Ein Fremdling warst du aus transalpinischen 
Landen, ich setze dich zum Fürsten ein. Was von rechtswegen mein 
ist, dir habe ich es gegeben." So ging es mit rasselnder Geläufigkeit 
und welschem Wortgepränge weiter. Friedrich aber — imlignat'unut 
inflamnuttus — erwies sich alsbald als der rauhe Esau und homo Silvester, 
als welchen ihn Wezcl einst brieflich behandelt hatte — ihm riss die 
Geduld und indem er dem holden Redner ins Wort fiel, bedauerte er, 
von der gepriesenen Weisheit des alten Rom in des Gesandten eigner 
Rede so wenig zu verspüren. Nach Bischof Ottos Bericht hätte der 
deutsche König, der doch weder des Lateinischen noch Italiänischen 
mächtig war, dem römischen Legaten in noch längerer Rede erörtert, 
wie das römische Kaisertum durchaus nicht durch die Gnade der Römer 
an die deutsche Nation gekommen sei, da Otto aber dem Könige ganz 
eben solchen Bombast in den Mund legt wie dem Gesandten des Senats, 
sind wohl beide Reden von ihm selbst komponiert, wenn auch im 
allgemeinen der Standpunkt des Römers und des Deutschen richtig 
wiedergegeben sein wird. Der Sache nach verlangte der Senat doch 
nichts als was bei früheren Kaiserkrönungen üblich gewesen war: die 
Bestätigung der alten Gewohnheiten und Privilegien und zur üblichen 
Feier des Tages fünftausend Pfund Silber, wie die Wälschen meinten, 
als Ersatz der Auslagen. * Vor dem Papste hatte sich der deutsche 
König gebeugt, das aber verbot ihm sein feudaler Stolz, den römischen 
Pfahlbürgern einen ähnlichen Eid zu leisten und die unverschämte 
Geldforderung zu erfüllen, die einem Tribut sehr ähnlich sah. 2 ) Der 
Papst aber beeilte sich, den fremden Herrscher gegen die eigene Stadt 
noch mehr aufzuwiegeln und Öl in die Flamme seines Zornes zu giessen. 
„Des Römischen Pöbels Verschlagenheit, mein Sohn, wirst du noch 
näher kennen lernen", sagte er. „Du wirst nämlich erfahren, dass sie 

1) Bei Otto von Freising. Mon. Germ. 20, 404 f. 

2) Imperium emere noluimus et sacramenta vulgo praestare non debuimus, 
sagt Friedrich in seinem Briefe vor der Geschichte des Otto von Freising. 



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in Listen gekommen und in Listen gegangen sind." Und er erbot sich 
nun seinerseits den Deutschen die Leoninische Stadt zu öffnen. So 
kehrten die Gesandten des Senats beleidigt und erbittert zu den Ihren 
zurück, die alsbald in endlosen Debatten auf dem Kapitol erwogen, 
wie dem Schaden zu steuern sei. Aber während dort geredet und ge- 
redet wurde, waren bereits in der Nacht des 17. Juni 1155 tausend 
Gepanzerte in die Befestigungen bei der Peterskirche eingelassen worden 
und lagerten in der Vorhalle und auf den Stufen der Basilika. Am 
folgenden Tage stieg das Heer den Monte Mario herab, betrat durch 
das goldene Thor die Leoninische Stadt und nicht am Sonntag, wie die 
Römer erwarteten, sondern sofort am Sabbath der Juden wurde die 
Krönung vorgenommen. Auf das Kapitol hatte der Senat eine grosse 
Volksversammlung berufen, da kam die Botschaft, der deutsche Kaiser 
sei ohne Zuthun des Volks und Senats und ohne die übliche Geldspende 
an die Quiriten von dem englischen Papste bereits gekrönt worden. 
Alsbald loderte die Stadt in wildem Aufruhr. Die Petersbrücke wurde 
erstürmt und über die ganze Leostadt ergossen sich die Aufrührer. So 
endete der Krönungstag mit einem schauerlichen Gemetzel, in dem 
gegen tausend Menschen erschlagen wurden, während nur zwei Deutsche 
fielen. Am unbarmherzigsten wütete der päpstlich gesinnte Heinrich 
der Löwe gegen die Aufrührer und der deutsche Bischof von Freisiug 
berichtet mit unchristlicher Freude an diesen Gräueln, wie die Börner 
nun statt arabischen Goldes deutsches Eisen erhalten hätten. Sic emitur 
a Francis imperiutn! 

Nach dieser traurigen Krönung verliessen Kaiser und Papst ge- 
meinsam dio Stadt, deren Trotz sie nicht gebrochen hatten und die 
ihnen ihre Flüche nachsendete. Wir fragen heute vielleicht, ob eine 
Krönung, bei der der Kotbart unter dem Jubel der Quiriten die von 
dem Senate dargereichte Krone sich selbst aufs Haupt gesetzt hätte, 
Friedrichs weniger würdig gewesen wäre, allein die damaligen Deutschen 
erfüllte es im Gegenteil mit Stolz, dass der gauzo ordo Homanus ad bene- 
dicendum imperatorem } fjuando coronmu acripit, an Friedrich vollzogen 
worden ist. 1 ) Sittig sah man den Kotbart hinter dem Papste in der 
Prozession einhertreten, worauf ihn an dem silbernen Thore der Basilika 
ein Bischof mit Gebeten begrüsste und ihn dann einem zweiten in der 
Kirche zuleitete, der ihn nochmals einsegnete und ihn an der Konfession 
einem dritten übergab, der unter neuen Gebeten die Salbung an Stirne 

1) Den Ordo bei Watterich 2, 328 Friedrich rühmt in seinem Briefe an Otto 
von Freising, dass Hadrian benedictionem largiter super caput nostrum effudit. 



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und Brust mit ihm vornahm, worauf dann erst der Papst nach voll- 
brachter Messe ihm ,das vom Leibe des heiligen Petrus genommene 
Schwert" umgürtete, bis er ihm endlich die Krone aufs Haupt that. 
Nachdrücklich schärft dieser Kitus in jedem seiner Akte die Lehre ein, 
dass der Papst es sei, der Petri Schwert dem Kaiser leiht. Der Rot- 
bart hatte dabei kein Arg und verlangte treuherzig von dem Papste die 
Entfernung eines Krönungsbildes aus dem Lateran, das die Unterschrift 
trug: homo fit pnpae quo dante sumit coronaw. 

In dem nahen Tibur aber sollte Friedrich erfahren, dass Arnold 
kein falscher Prophet gewesen war, als er dem deutschen Könige ge- 
schrieben hatte, die Städte des Kirchenstaats würden mit Freuden die 
Herrschaft des Papstes mit der seinen vertauschen. Selbst jetzt noch, 
nachdem die Deutschen durch Ströme Blutes geschritten waren, erschien 
die Bürgerschaft von Tibur vor dem Kaiser und bat ihn, die Hoheit 
über ihre Stadt an sicli zu nehmen, denn auch hier war man der 
päpstlichen Missregierung völlig müde. Friedrich, der die Herrschaft 
über Korn ausgeschlagen, wies natürlich auch die über Tibur zurück 
und ermahnte die Bürger, im Gehorsam gegen den heiligen Petrus zu 
verharren. 

Noch vor seinem Abzüge aus Horn hatte Friedrich, wie wir von 
Kardinal Boso erfahren, 1 ) die in Rom gemachten Gefangenen auf Bitten 
des Papstes, dem Stadtpräfekten Petrus zur Aburteilung überlassen. 
Auch Arnold, obgleich dem Gerichte des Kaisers bei der Auslieferung 
durch die Visconti vorbehalten, wurde nicht reklamiert. Der päpstliche 
Präfekt aber eilte, mit dem gefährlichen Schismatiker, der schon aus 
eben so verzweifelten Lagen entkommen war, ein Ende zu machen. 8 ) 

Nur eine einzige ausführlichere Darstellung von Arnolds Martyrium 
besitzen wir in dem Gedichte jenes Bergamasken über Friedrichs Kämpfe 
mit Mailand. 3 ) Der Dichter, der die Belagerung Mailands 1157 als 
Augenzeuge beschreibt, also zu Arnolds Zeitgenossen, aber nicht zu 
Arnolds Anhängern zählte, schildert den Vorgang so, dass vor der 



1) Vita Hadrian. Watterich 2. 330. A r g1. auch die Erzählung des Vincenz 
von Prag, M. G. XVII, G65, dass der Kaiser 300, (Otto von Freising sagt fast 200) 
Gefangene machte, die er nach Boso dem Papste überliess. 

2) Dass die Hinrichtung erst nach der Krönung und dem Aufstand der Römer 
stattfand, ist die Meinung des Dichters von Bergamo, aber auch zahlreicher anderer 
Quellen Vgl. Breyer a. a. 0. 175. 

3) Gesta Friderici I Cod. Vat. Ottob. 1463. c c. 81- 105, nunmehr ediert von 
Ernesto Monaci, Roma 1887 Instituto Storico Italiano. 



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Hinrichtung Arnold gefragt worden sei, ob er von seiner Irrlehre ab- 
lassen und seine Sünden bekennen wolle, er aber habe geantwortet: 
seine Lehre halte er für heilsam und für seine Predigten, die weder 
unvernünftig noch schädlich seien, sterbe er gern, nur eine kurze Frist 
erbitte er, um Christus seine Sünden zu bekennen. Darauf beugte er 
seine Kniee, erhob Augen und Hände zum Himmel und seufzte aus 
tiefer Brust. Ohne Worte empfahl er Gott seine Seele und nach kurzem 
Verweilen übergab er, zum Tode bereit, den Henkern seinen Leib, um 
die Strafe standhaft zu erdulden. Nicht ohne Thränen vermochten diese 
ihres traurigen Amtes zu walten. Als der Strick seinem Leben ein Ende 
gemacht, wurde seine Leiche vom Galgen genommen und verbrannt 
und die Asche in den Tiber gestreut, damit mit den Resten des Pro- 
pheten kein Reliquiendienst getrieben werde. Neuere haben die Hin- 
richtung vor die Porta del popolo bei Rom selbst verlegt.') In unan- 
ständiger Eile lässt der Präfekt Arnold hängen und dann verbrennen, 
damit seinen Anhängern keine Zeit bleibe, ihn zu befreien. Als diese, 
durch den Rauch des Scheiterhaufens aufmerksam gemacht, in Massen 
herbeieilen, finden sie nur noch die ausgebrannte Stätte. Aber die ersten 
Berichte nennen weder Ort noch Zeit der Hinrichtung und die Porta 
del popolo war damals gar nicht in den Händen des Papstes. Auch 
wird man die Hinrichtung schwerlich in Rom vorgenommen haben, wo 
Arnolds Partei eben jetzt wieder unter den Waffen stand. Zu Civita 
Castellana, wo der Präfekt den Gefangenen übernommen hatte, konnte 
die Hinrichtung ungestörter stattfinden und die Asche dort so gut wie 
in Rom in den Tiber geschüttet werden. Gerhoh, Prior von Reichers- 
berg (f 1169), kennt eine Überlieferung, die die Verantwortung für 
Arnolds Tod vom Papste auf den Präfekten Petrus abwälzen möchte. 
Aus Erbitterung über den Schaden, den ihm die Revolutionspartei an- 
gethan, habe dieser, wie man sage, ohne Wissen und Auftrag des Papstes, 
den gefangenen Volksmann der Wache entrissen und ihn durch seine 
Knechte getötet, die dann überdies in rohem Übermut Arnolds Leiche 
misshandeln. In der That hat sich eine Urkunde erhalten, nach wel- 
cher Hadrian IV. seinen Präfekten Petrus unter Verpfändung der Ein- 
künfte von Civita Castellana entschädigt für den Schaden, den die 
Römer seiner Familie während des Krieges angethan, 8 ) aber Gerhoh 
behandelt selbst jene Erzählung als eine Ausrede der Päpstlichen, 3 ) wie 

1) SiBmondi, Leo, Kaumer und der Dramatiker Niccolini. 

2) Bei Gregorovius, Gesch. der Stadt Rom. IV, 509. 

3) Nam si ut ajunt absque eorum scientia et consemu occissus est etc. 



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sollten wir sie glauben, wo offenbar ist, dass der Prophet einem Bunde 
zwischen Herodcs und Kaiaphas zum Opfer fiel. Die Thatsache freilich, 
dass solche Ausflüchte in Umlauf gesetzt wurden, beweist, dass auch 
in Deutschland Arnolds Schicksal beklagt ward. Sagt doch Gerhoh 
ausdrücklich, man hätte Arnold besser mit Verbannung, Einschliessung 
oder irgend einer anderen Strafe belegen sollen, als mit dem Tode. 
Dringend wünscht er, die Kirche hätte sich nicht mit diesem Blute 
befleckt und am wenigsten will er die Behandlung von Arnolds Leiche 
billigen. Der Papst hätte hier vielmehr handeln sollen, „wie einst 
David für eine ehrenvolle Bestattung Abners sorgte und Tbränen ver- 
goss, um die Schuld des trügerisch vergossenen Blutes von seinem 
Hause und Blute fern zu halten. 1 ) Ausser Gerhoh, der dem „zelo forte 
bono u Arnolds gerecht wird, hat auch Walter Mapes den Märtyrer 
Arnold als ein Opfer der durch seine Strafreden erbitterten Kardinäle 
betrachtet. 8 ) Sonst aber sind, wie so oft, fast nur die Urteile der sieg- 
reichen Partei auf uns gekommen. Die Milderen, wie jener Dichter 
von Bergamo, empfinden ein geringschätziges Mitleid für diesen Welt- 
verbesserer, der es sich so sauer werden Hess, den Galgen zu verdienen. 

Dorfe quid Arnalde proferit litteratura 

Tanta tibi? quid tot jejunia totque laboresY 

Vita quid arta nimis, que Semper segnia sprevit 

Otia, nec ullis voluit carnalibus uti? 

Heu quid in ecclesiam mordacem rertere dentem 

Suasit? ut ad tristem laqiieum, miserande venires!*) 

Der höfische Bischof von Preising, der alles rechtfertigt, was sein Neffe 
Friedrich gethan, hat nur Worte des Spotts, wie für die Freiheitsträume 
der Kömer so für Arnolds asketische Reformpläue. Ihm ist der Prophet 
von Brescia ein Neuerer, Sonderling und Schönredner, der mehr durch 
Fülle der Worte als durch Gewicht des Gedankens den Pöbel beherrscht 
habe. 4 ) Einen wahrhaft fanatischen Ausbruch des Frohlockens über 
Arnolds böses Ende hat ein Schüler des h. Bernhard einer Abschrift von 
Bernhards Brief an Innocenz 11. über Abälard und Arnold in lateinischen 



1) De investigatione Antichristi c. 42, a. a. O. S. 13!>. 

2) De nugis cur. 1, 24. 

3) Gesta Frid. 851 f. 

4) Vir quidem naturae non tiebetis, plus tarnen Worum verborum profluvio 
quam sententiarum pondere copiosu». Singularitatis amator, novitatis cupidus, 
cujwmodi hominum ingenia ad fabricandas haereses scismatutnque perturbationes 
sunt prona. M. G. XX, 403. 



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Distichen hinzugefügt. 1 ) Johann von Salisbury, der zu Paris, Cremona 
und Rom Gelegenheit hatte, sich über Arnolds Tuätigkeit aus nächster 
Nähe zu informieren, ist zwar billiger in seinem persönlichen Urteil, aber 
Arnolds Unternehmungen hat auch er als Utopien betrachtet. 

Hätte die Politik dieser klerikalen Staatsmänner ihre Fürsten einem 
erspriesslichen Ziele zugeführt, so läge es uns fern, den Kaisern des 
elften Jahrhunderte vom Standpunkte des neunzehnten das Konzept zu 
korrigieren. Hier aber redet der Erfolg. Als Preis für die Aufopferung 
der römischen Bürgerschaft und ihres Propheten hatten die Bischöfe 
dem deutschen Könige den ersehnten Frieden mit der Kirche und die 
Unterstützung des Papstes in Italien versprochen; tbatsächlich aber 
war die Wirkung dieser Zugeständnis.se genau entgegengesetzter Art. 
Seiner römischen Verlegenheiten durch Friedrich entledigt, verdoppelte 
der Papst seine Ansprüche an das deutsche Reich. Das Urteil, dass 
das Verfahren Friedrichs verkehrt war, drängt sich unter diesen Um- 
ständen von selbst auf, und eine Stimme wenigstens, die des eben er- 
wähnten Dichters von Bergamo, versichert, dass Friedrich zu spät die 
Aufopferung Arnolds bereut habe.-) Gewiss war die römische Republik 
keine Wunde, an der das Papsttum verblutet wäre, aber sie war ein 
Dorn in seinem Fusse, der es hinderte, allzustark aufzutreten. Kaum 
hatte der Kaiser diesen Dorn ihm ausgezogen, so bot Breakspeare festen 
Fusses ihm selbst den Zweikampf an. Weder die Römer noch den 
König von Sizilien hatte Friedrich so gezüchtigt, wie der Papst es 
verlangt hatte. Als Hadrian sah, dass er ein Weiteres aus dem deut- 
schen Bündnis nicht herausschlagen werde, schliesst er 1156 einen ein- 
seitigen Frieden mit Wilhelm I., den er jüngst erst gebannt hatte, und 
der Normanne vermittelt ihm ein Abkommen mit seinen Römern. Alle 
Feinde Friedrichs zählten von da ab mit Erfolg auf Hadrians Beistand 
und er hatte 1159 den oberitalischen Städten eben in förmlichem Ver- 
trage zugesagt, dass er innerhalb vierzig Tage den Bann über den Kaiser 
aussprechen werde, als der Tod ihn abrief. Nachdem also Friedrich 
den Propheten von Brescia und die Freiheit der Römer dem Papste 
aufgeopfert hatte, musste er dennoch einen zwanzigjährigen Kirchenstreit 



1) In einem Manuskripte der Bibliothek von Valencienne aus dem 12. Jahr- 
hundert. Abgedruckt bei Breyer a. a. 0. 176. 

2) 1. c. V 850. Sed doluis*e datur super hoc rex sero misertus. Da der Ver- 
fasser der Gesta Friderici Friedrich und seinem Kanzler Rainald nahe stand, ist 
diese Nachricht nicht zu unterschätzen. Vgl. über den Dichter Giesebrecht, Sitzungs- 
berichte der Münchener Akad. 1871). Bd. 2, 3, p. 274 f. 



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durchkämpfen. Auf dem Reichstage zu Besancon 1157, wo der päpst- 
liche Kanzler Roland den stolzen Rotbart im Angesicht seiner Grossen 
als Bruder der Kardinäle und als Lehensmann des Papstes behandelte, 
begann der Streit und endigte erst mit dem Frieden von Venedig 1177, 
bei dem der Kaiser demselben Roland, nunmehr Alexander geheissen, 
in der Markuskirche knieend den Pantoffel küsste. So wenig ehrenvoll 
musste der an Ehren und Siegen reiche Barbarossa diesen Abschnitt 
seines Lebens abschliessen. Ob er in diesem zwanzigjährigen Kampfe 
nicht doch zuweilen jenes Mannes von Brescia gedachte, der für die 
Lehre gestorben war, dass die Kirche auf ihre geistlichen Aufgaben zu 
beschränken sei, damit sie den Frieden bringe und nicht das Schwert P 
Jener Dichter von Bergamo lässt es vermuten, l ) und dennoch war Fried- 
richs Handlungsweise schwerlich nur Uebereilung, sondern das notwendige 
Ergebnis seiner ganzen Politik. Auf Bischöfe gestützt, mussten die 
Hohenstaufen den Kampf gegen Rom mit umwickelten Waffen führen 
und ihre besten Freunde von sich stossen. Was Gregorovius dem 
Rotbart rät, „die römische Demokratie mit ernstem Wohlwollen auf ein 
bequemes Mass zu beschränken, sie aber dem EinÜuss des Papstes zu 
entziehen und unter die Reichsauktoritut zu stellen", 8 ) wäre sicher eine 
sehr weise Politik gewesen, wenn nur die deutschen Bischöfe sie dem 
Hohenstaufen gestattet hätten, davon nicht zu reden, dass dieser Herrscher 
nicht Philipp der Schöne von Frankreich war, sondern der schwäbische 
Kreuzfahrer Friedrich Barbarossa. Nur vereinzelte Stimmen ausserhalb 
Roms haben damals des Propheten von Brescia politische Visionen ernst 
genommen und es dauerte noch Jahrhunderte, bis ihre Zeit erfüllet war. 
Dass er die Macht der überkommenen Verhältnisse unterschätzte und 
die Macht der Wahrheit über die Gemüter überschätzte, das war Arnolds 
Fehler, aber diesen Fehler hat er mit allen Märtyrern der Idee gemein. 



1) Obwohl das sero misertus V. 850 wohl zunächst den Augenblick meint, in 
welchem Friedrich die grausame Hinrichtung des Ausgelieferten erfährt. 

2) Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter 4, 511. 



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Heinrich Schliemaim. 

Vortrag, gehalten im historisch-philosophischen Verein zu Heidelberg ') 

am 14. Januar 1891 

von 

F. ron Dahn. 



Hochgeehrte Anwesende! Der Gegenstand meines heutigen 
Vortrags ist mir gegeben; gegeben durch den traurigen unerwarteten 
Tod Heinrich Schliomanns. Schon im März vorigen Jahres sagte er 
mir auf der Burghöhe von Troja: „ich habe das Gefühl, dass ich alt 
werde; ich will Alles daran setzen, wenigstens Trojas Ausgrabung noch 
zu Ende zu führen." Schon damals machten medizinische Genossen 
unserer Gesellschaft ein bedenkliches Gesicht zu den Ohrenschmerzen, 
über welche er klagte. Wie Alles hernach weiter gegangen, erlassen 
Sie mir zu erzählen : Sie haben es ja überall gelesen. In seinen Troja- 
sälen noch einige Umstellungen vorzunehmen, eilte er nach Berlin; seine 
Liebe zu Troja war es, von ihm als Pflicht empfunden, die ihm viel- 
leicht das Leben verkürzt hat : sie hatte ihn durch das Leben geleitet ; 
sie geleitote ihn in den Tod. 

Nun ruht er seit zehn Tagen in seiner geliebten griechischen Knie. 
Erst wenige Monate sind es her, dass eine erlesene Gesellschaft von 
Deutschen und Griechen sich auf dem Kolonos vereinigte, um in weh- 
mutsvoller Erinnerung Otfried Müllers zu gedenken, dessen noch so 
vielversprechendem Leben auf seiner ersten Hellasfahrt vor nunmehr 
fünfzig Jahren die Sonne Griechenlands ein vorschnelles Ziel setzte 

I) Schliemann war im Sommer 1S8S längere Zeit mit seiner Familie in Heidel- 
berg. Bei einem von Mitgliedern des historisch- philosophischen Vereins ihm zu 
Ehren veranstaUeten Festmahle im „Museum" gab Schliemann in längerer Rede die 
im Text, Seite 148, berührte Erzählung seines Lebens. Durch die Erinnerung an 
jenen Abend war es dem historisch-philosophischen Vereine besonders nahe gelegt, 
das Gedächtnis des Verstorbenen zu feiern und dem bei dieser Gelegenheit gehal- 
tenen Vortrage einen Platz in seinen Jahrbüchern einzuräumen. Die Hedaktion. 

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Was die schriftliche Überlieferung des Altertums uns zu sagen vermag 
über die Anfange der griechischen Stammes- und Staatenbildung, hatte 
Otfried Müller mit eindringendem Scharfsiun zu ermitteln versucht und 
mit weitem Blick darzustellen unternommen in seinen berühmten Werken 
über Orchomenos und über die Dorier. Nach Vollendung dieser Werke 
wandte auch Müller sich nach Griechenland, einer der ersten deutschen 
Forscher, welche den Weg dorthin nahmen, um dem klassischen Lande 
selbst seine Geheimnisse abzulauschen, um vom Stein den originalen 
Schriftzug abzuschreiben, um den Boden zu schauen, welcher noch so 
vielos barg, das er nur ahnen, nicht schauen durfte. 

Die fünfzigjährige Spanne Zeit, das gleiche Streben, die verschie- 
denen Wege legten es nahe, die beiden Männer in Vergleich zu setzen: 
neben Otfried Müller Heinrich Schliemann, neben den kritisch ordnenden, 
verstandesgemäss und vorsichtig kombinierenden, historisch denkenden 
Schlesier den Pastorsohn aus Mecklenburg, den Romantiker und Idea- 
listen, Idealisten freilich auf sehr realer Grundlage. 

„In unserem Gartenhause (in Ankershagen), erzählte Schliemann 
selbst, sollte der Geist von meines Vaters Vorgänger umgehen ; und dicht 
hinter unserm Garten befand sich ein Teich, das sogenannte Silber- 
schälchen, dem um Mitternacht eine gespenstische Jungfrau, die eino 
silberne Schale trug, entsteigen sollte. Ausserdem hatte das Dorf einen 
kleinen von einem Graben um/.ogenon Hügel aufzuweisen, wahrscheinlich 
ein Grab aus heidnischer Vorzeit, ein sogenanntes Hünengrab, in dem 
der Sage nach ein alter Kaubritter sein Lieblingskind in einer goldenen 
Wiege begraben hatte. Die Hauptsache aber war ein altes Schloss, in 
dem einst der Bitter Henning von Holstein, vom Volke Henning Braden- 
kirl genannt, gehaust hatte. Bei dem nahe gelegenen Wartensberg 
sollte der böse Kitter einst dem Herzog von Mecklenburg aufgelauert 
haben; nach misslungenem Attentate aber wurde er von diesem in 
seinem Schlosse belagert, und dort zeigte man noch den dicken Turm, 
neben welchem er, als an kein Entrinnen mehr zu denken war, alle 
seine Schätze vergraben hatte u. s. w. fc ') 

Solche Eindrücke wirkten auf die kindliche Phantasie. Überall in 
unserom meerumschlossenen, an wald umgürteten Landseen, weiten me- 
lancholischen Haidenachen reichen Nordwesten erzählt das Volk sich 
besonders gerne von alten Städten und Burgen, die in Wasserfluten oder 
Moorestiefen versunken sein sollen, von den alten Helden, deren mit 
sonderbarem Schmuck ausgestattete Grabmale, die mächtigen Hünen- 
gräber, die Vorstellung nähren, als seien die alten Menschen doch ein 



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ganz anderes reckenhafteres Geschlecht gewesen, als die jetzigen, und 
von Schätzen jener Helden, welche mit ihnen untergegangen, verloren und 
vergessen seien. Die alten Göttersagen und Märchen unserer indoger- 
manischen Völkerfamilie fähren in tausend einzelnen Zügen lokalisiert 
und historisiert in unserem Nordwesten ihr Leben so greifbar und noch 
heute die Sinne fesselnd fort, wie nur der weiss, der selbst dort auf- 
gewachsen ist, in der Landessprache mit den Landeskindern verkehrt 
und die Wirkung dieser eigenartigen Grundströmung an sich selber 
noch lebendig empfunden hat. 

Auf Schliemanns geistige Richtung sind diese Eindrücke der Kinder- 
jahre von bestimmendem Einfluss gewesen; sie waren ihm noch im 
Alter fest im Gedächtnis, sind gerne von ihm selbst erzählt worden: 
ich bin überzeugt, dass er in seinem Innern auch noch als alter Mann 
an die Wirklichkeit der neben dem Turm von Ankershagen vergrabenen 
Schätze des Henning von Holstein ebenso fest geglaubt hat, wie an den 
Schatz des Priamos oder des Agamemnon. Diese Kindereindrücke legten 
den Keim zu seinem Berge versetzenden Glauben an Troja und Mykene, 
an die Wirklichkeit der Vorwelt und ihrer Gestalten. Poesie und Ge- 
schichte waren ihm eins. Er empfand selbst thatsächlich so, wie jene 
alten Dichter und Geschichtsschreiber Griechenlands, wenn sie uns von 
den Ereignissen der eignen Vorzeit im selben Ton erzählen, wie noch 
heute die Mutter dem Kinde von Dornröschen oder Schneewittchen. 

Die reale Gegenwart, welche den Knaben Schliemann umgab, war 
eng und knapp. Wie viel schöner war doch alles früher gewesen! Als 
siebenjähriger Knabe erhielt er eine Weltgeschichte für Kinder zu 
Weihnachten. Der Vater hatte ihm schon öfter erzählt vom Untergänge 
Pompejis und Herculaneums und vom Verlauf des trojanischen Krieges. 
In jener Weltgeschichte nun war „ein Bild des brennenden Troja, mit 
seinen Ungeheuern Mauern und dem skaeischen Thore, mit dem fliehenden 
Aeneas, der den Vater Anchises auf dem Kücken trägt und den kleinen 
Askanios an der Hand führt." 2 ) Mit seiner kleinen Jugendfreundin 
Minna Meincke las er das Buch und betrachtete das Bild — wie man- 
ches Mal wohl — und beide wurden einig, dass sie sich später hei- 
raten und zusammen Troja ausgraben wollten. 

Dass gerade die ersten bewussten Eindrücke im Leben vielfach, be- 
sonders bei phantasicvollen Kindern für das ganze Leben bestimmend 
werden und dem Geiste seine entscheidende Richtung geben, bewahrheitete 
sich auch an Schliemann. An ihm allerdings in ganz besonderer Weise. 
Denn sein Lebensgang wurde bekanntlich ein sehr ungewöhnlicher. Wäre 



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er regulärer Gymnasiast, später regulärer Student geworden — wo wäre 
die Kinderphantasie geblieben mit ihrer einseitigen aber starken Trieb- 
kraft! Vielleicht hätten schon voreilige Gymnasiallehrer ihm die Ideale 
seines Kinderglaubens zerstört; gegen Ende oder kurz nach Schluss 
seiner Studienjahre würden Lachmanns zersetzende „Betrachtungen über 
Homers llias* erschienen sein. Für Schliemann hat jedoch eine home- 
rische Frage nie existiert. Bis zu seinem Tode war ihm Homer was 
er den Griechen war, der grosse, ja der grösste Dichter und Geschicht- 
schreiber in einer Person. „Ja. Homer sagt doch aber so oder so", 
habe ich wohl als einzige und seiner Meinung nach völlig Ausschlag 
gebende Erwiderung aus seinem Munde gehört, wenn jemand sich be- 
mühte, ihm Ergebnisse historischer oder archäologischer Art klar zu 
machen, die das Unglück hatten, mit irgend einer homerischen Stelle 
zu kollidieren; meist erfolgte in solchen und andern Fällen bei Schlie- 
mann das Homercitat sofort aus dem Kopfe. Den Griechen war Homer 
ja die Bibel. An solcher Bibelfestigkeit und solchem Bibelglauben 
hätte jeder antike Theolog strenger Observanz seine helle Freudo haben 
müssen. 3 ) 

Für Schliemann und für die AVissenschaft war es somit ein grosses 
Glück, dass sein Leben einen so eigenartigen Verlauf nahm, wenn es 
auch anfangs wohl nicht so scheinen mochte : ihm selbst am wenigsten. 

Ich würde es, hochgeehrte Anwesende, für vermessen erachten, den 
verschlungenen Pfaden von Schliemanns Leben hier nachzugehen, wo 
in diesem selben Raum vor noch nicht langer Zeit Schliemann selbst 
uns sein Leben erzählt hat, in jener eignen naiven Weise, wie der 
self-made-man das Glück und das Hecht hat, sprechen zu können. Ich 
darf wohl annehmen, dass eine Anzahl der damaligen Zuhörer auch 
heute hier anwesend ist, und ihre Erinnerung an jenen schönen Abend 
gerne wieder sich wach ruft; anderen haben die zahlreichen Nekrologe 
dor Tagesblätter oder der Lebensabriss in Schuchhardts weitverbreitetem 
Buche über Schliemanns Ausgrabungen sicher das Nötige gesagt. 

Für Schliemann war Geldverdienen nicht Selbstzweck, in keinem 
Augenblick seines Lebens, nur Mittel zum Zweck. Seine persönlichen 
Bedürfnisse und Ausgaben blieben stets gering: die knappen Jugend- 
jahre hatten hier einen gesunden Kern gelegt. Nicht ganz ohne Grund 
hat man sogar übergrosse Zurückhaltung im kleinen ihm mitunter vor- 
geworfen. Ich könnte manchen Zug der Art erzählen: der unfreiwillige 
Humor derselben gehört jedoch nicht hierher, am wenigsten heute. Die 
eiserne Energie, mit der Schliemann sich durchkämpfte und bedeutende 



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Goldmittel in seiner Hand zu vereinigen wusste, diente nur dem grossen 
Zweck. Hierdurch wird ein Bestreben geadelt, dem leicht Egoismus 
und Rücksichtslosigkeit zur Seite gehen und ihm einen leisen Makel 
anheften. Mit durchgreifendem Wollen und vielleicht nicht immer auf 
Wegen, welche die Billigung aller Beteiligten gefunden haben, hat 
Schliemann sich die goldenen Schlüssel geschmiedet, mit denen er die 
Pforten der Vergangenheit zu sprengen gedachte. 

Und er hat sie gesprengt! Geöffnet stehen sie jetzt, und wir, die 
wir noch vor Decennien am Löwenthor von Mykene uns bequemer 
Weise am Anfangspunkte griechischer Kunst, griechischen Geistes wäh- 
nen mochten, treten jetzt durch das von Schliemann — in jedem Sinne — 
wieder geöffnete Thor ein in die Akropolis von Mykene mit ihren wohl 
um Jahrhunderte älteren Fürstengräbern, ihrem erst vor wenig Jahren 
entdeckten Fürstenhause. Der Bann der mykotischen Löwen auf ihrer 
Thorwacht, er ist gebrochen ! Es gibt keinen Anfang, vor dem Anfang 
liegt immer wieder ein Anfang. Nicht wie Athena aus dem Haupt des 
Zeus — so wähnten früher gerne unsere Philologen — ist die Kultur 
Griechenlands aus dem Nichts entsprungen: sie ist selbst schon 
wieder das Ergebnis einer Jahrhunderte, Jahrtausende alten Entwicke- 
lung, die fern von den hellenischen Gestaden, in den Fluren Mesopo- 
tamiens und im Nilthal, an der Küste Phoeniciens, in Nordsyrien und 
Kleinasien, auf Cypern und den griechischen Inseln sich vollzogen, die 
Spuren ihrer Schritte hinterlassen hat. 

Die grosse Frage — Griechenland und der Osten welche lange 
hin und her getobt hat, welche von klar sehenden Männern, wie z. B. 
Ludwig Ross, schon lange in einem dem jetzigen ähnlichen Sinne ent- 
schieden war, von andern mit dem ganzen Rüstzeug litterarischen Wissens 
und darauf gebauter Überzeugung entgegengesetzt beantwortet war: sie 
ist jetzt auf den Boden exakten Wissens und Selbstschauens über- 
tragen und dadurch der definitiven Beantwortung erheblich näher geführt. 
Nicht der Thätighoit des grübelnden Verstandes, nicht der vielgerühmten 
Kritik unserer Tage war es gegeben, zu des Rätsels Lösung den Weg 
zu zeigen : es war wieder einmal die That eines vollen grossen Herzens, 
die den Sieg errang, die, wo andere nur dichte Wolken und ewigen Nebel 
sahen, sehen wollten, mit kühnem Wollen hindurchdrang und die Sieges- 
palme gewann! 

Heinrich Schliemann hat Troja entdecken wollen, und als er Troja 
trotz allem Spott gefunden hatte, wollte er auch die andern hohen 
Stätten des epischen Liedes wiederfinden — und er fand sie. Er freute 



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sich des Erfolges, wie ein Kind sich freut, wenn es das nächste ihm 
gesteckte Ziel erreicht hat: es wähnt sich zunächst am Ende seiner 
Wünsche und sagt sich nicht, dass dies Ende nur ein Anfang ist zu 
Weiterem, noch Grösserem. Schliemann sah sich am erstrebten Ziele 
mit dem Nachweis realer Existenz der homerischen Stätten und der 
homerischen Helden. Weiteres wollte er nicht. Nicht um die ver- 
kehrten Ansichten Anderer zu widerlegen, grub er: Dazu war er viel 
zu wenig Gelehrter. Um wissenschaftliche Controversen kümmerte er 
sich wenig. Nur wenn seine persönliche Ehre dadurch verletzt wurde, 
dass man die Wahrhaftigkeit seiner Berichte anzweifelte, kochte es in 
ihm auf und er setzte alsdann Alles daran, um sich zu verteidigen, 
mochte der Angreifer nun Penrose oder Bötticher heissen: Unterschied 
in der Person machte er- da nicht. Auch in diesem Zuge zeigt sich 
mehr der natürlich und gross empfindende Mensch, weniger der Ange- 
hörige der Gelehrtenrepublik. 

Schliemann grub, weil er graben musste, um seiner selbst willen, 
wie der Vogel singen, der Dichter dichten muss. Es galt ihm, die 
Ideale seiner Jugend zu verwirklichen, zu finden und zu sehen, was er 
suchte, sich des Gefundenen zu freuen und möglichst Vielen möglichst 
rasch die Mitfreude am Gefundenen zu ermöglichen. Denn er setzte 
voraus, dass alle Gebildeten so wie er empfinden, die Freude am Wieder- 
gefundenen so mit ihm teilen müssten, wie er das Glück hatte, es an 
seiner Frau zu erfahren. Für ihn war homerische Orthodoxie Gewissens- 
bedürfnis; Störuug derselben hätte seinen inneren Frieden vernichtet. 
Es war ihm peinlich, dass der von ihm in einem der mykenischen 
Fürstengräber gefundene, von reichen Goldsachen und -rüstung um- 
gebene Leichnam nicht Agamemnon sein sollte. Im Mai vorigen Jahres 
war Schuchhardt in Mykene. Als er dort in dem kleinen Museum vor 
jener einzigen Leiche stand, welche ziemlich wohlerhalten in den Königs- 
gräbern der Burg gefunden wurde, fragte ihn der Wächter: „Ist dies 
wirklich Agamemnon?" Schuchhardt erwidert, er glaube das nicht; 
darauf der Wächter: „Aber Dr. Schliemann glaubt es. Er sagt, er 
habe in der Nacht, bevor er dies Grab fand, den Agamemnon im Traume 
gesehen in einer goldenen Küstung mit Schwert und Speer, und am 
andern Morgen sei er auf diese Leiche gestossen, die eine goldene Brust- 
decke trug und ihre Waffen und goldenen Trinkgefösse zur Seite hatte ; 
und desshalb sei es Agamemnon !* 4 ) Ich persönlich zweifle nicht an 
der Richtigkeit von Schliemanns Traum und bin fest überzeugt, dass 
Schliemann an dem Namen Agamemnon für jene Leiche bis an sein 



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Lebensende festgehalten hat, Ebenso mit Priamos. Er hatte bekannt- 
lieh in der Lehmziegelmauer der trojanischen Burg den dort versteckten 
Goldschatz gefunden, welchen er „Schatz des Priamos" nannte. Elende 
Häuser in der Nahe wurden von ihm als Haus des Priamos bezeichnet 
und jeder Raum homerisch benannt. Als er später, durch Virchow und 
Dörpfeld belehrt, weiter in die Tiefe grub, erkannte, dass alles früher 
Entdeckte spätere Anlagen waren, die wirklichen in dem grossen Brande 
zerstörten Räume des alten Fürstenhauses von Troja fand, da nahm 
man ihm seine Unbefangenheit, indem man ihm als wissenschaftlicher 
statt des vollklingenden und bezeichnenden , Priamos" das lendenlahme 
Wort „ Haus des Stadtoberhaupts" für das neugefundene Fürstenhaus 
vorschlug. Er führte es in seine Bücher ein, liess sich äusserlich be- 
reden: aber auf manche ihm gelegentlich entfahrene Äusserung hin 
glaube ich fest, dass er in seinem Herzen bis zu seinem Tode dies 
„ Stadtoberhaupt" einfach „Priamos" genannt hat. Warum auch nicht? 

Ich sagte vorhin, Schliemanns Freude, zu finden, sei wohl ver- 
gleichbar gewesen mit derjenigen von Kindern beim Erreichen des 
nächsten Zieles : was dahinter liegt, sehen sie nicht. So hat auch Schlie- 
mann durch seine Arbeiten die Grenzsteine unserer Wissenschaft so 
gewaltig versetzt, wie noch keiner vor ihm. Aber wie man Moses auf 
den Berg führte, ihm das gelobte Land zeigte, wohin er den Seinen 
den Weg gewiesen hatte, worauf er getrost in die Grube stieg : so auch 
Schliemann. Wohin der Weg führte, den er uns durch seine Grabungen 
geleitet hat, wusste er selbst nicht. Bis Homer heran, das war für 
ihn der Höhepuukt, der Endpunkt seines Wünschens: bis dahin wo- 
möglich überall, auf der ganzen Linie, ohne Zeitaufenthalt. Troja, Ti- 
ryns, Mykene, Orchoraenos waren ausgegraben oder wenigstens soweit 
angegraben, dass andere fortsetzen konnten; das Pylos Nestors wollte 
er einmal ausgraben, fand aber nichts seiner Erwartung Entsprechendes, 
ebensowenig wie auf Ithaka; Knossos auf Kreta, die Minosstadt, und 
das Labyrinth, wollte er noch untersuchen. Aber vergeblich bemühte 
ich mich im vorigen Jahre, sein Interesse für Aufdeckung von Gräbern 
bei Milct zu gewinnen, ein Unternehmen, das für unsere Kenntnisse 
griechischer Handels- und Kunstgeschichte im siebenten und sechsten 
Jahrhundert von grosser Bedeutung werden müsste: „das ist mir zu 
jung", erwiderte er mir ganz trocken, „ich bleibe in meiner homerischen 
Zeit". Das klassische Griechenland interessierte ihn denn auch ver- 
hältnismässig wenig; zwar kannte er die griechische Litteratur, auch 
späterer Zeit vortrefflich und las sie fleissig: selbst in Troja traf ich 



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— 152 — 



ihn voriges Jahr einmal überm Lukian ; seine Kunstsammlungen aber, 
die mit seinen Mitteln und in Athen so leicht zu der ersten Privat- 
sammlung wenigstens für griechische Kleinkunst hätten gemacht werden 
können, enthalten davon nur Weniges und verhältnismässig Unbedeu- 
tendes. Nur zwei Unternehmungen auf griechischem Boden sind mir 
bekannt, die von Schliemann unterstützt wurden und in den Bereich 
der klassischen Kunst fallen: die eine war — bezeichnenderweise — 
die Untersuchung des Grabhügels der bei Marathon gefallenen athe- 
nischen Krieger, eine erst im vorigen Jahr von der griechischen Re- 
gierung erfolgreich zu Ende geführte Arbeit, 6 ) die andere die Nieder- 
legung des fränkischen Turms in den Propyläen : Schliemann interessierte 
sich für diese Arbeit wenig; nur auf Bitten anderer gab er das Geld: 
man hoffte, dabei wichtige Inschriftfunde zu machen, fand wenig, war 
zuerst enttäuscht, bis sich herausstellte, dass wir dieser Arbeit eigent- 
lich erst das Verständnis des Propyläenbaues und verschiedener anderer 
wichtiger Anlagen perikleischer Zeit verdanken. Einmal hat Schliemann 
in Italien graben wollen : Alba longa wollte er aufdecken ; an mangeln- 
dem Entgegenkommen in Horn scheiterte der Plan. Schliesslich kam 
ihm vor zwei Jahren der Gedanke, der Sarg Alexanders müsse doch 
noch in Alexandrion aufzufinden sein, an der Stätte, wo er beigesetzt 
und später eine arabische Moschee errichtet wurde: religiöse Hinder- 
nisse machten ihm die Ausführung seines Vorhabens unmöglich. 

Gerade bei diesem letztgenannten Gedanken erkennen wir wieder 
den eigentümlich romantischen Zug im Manne. Nicht das ruhige Ge- 
winnen einer geschichtlichen Thatsache nach der andern, das Hinzu- 
fügen immer neuer Mosaiksteinchen, nicht die Freude an der auf solche 
Weise allmälig sich vollziehenden Vervollständigung und Klärung des 
geschichtlichen Gesamtbildes des Altertums war es, woran ihm lag; 
etwas vom Sportsman haftete ihm stets an: die Erregung des Findens, 
die Entdeckungsfreude war seiner Natur geradezu Bedürfnis. Aber der 
Fund musste etwas in dieser Weise Neues, von andern nicht Erwar- 
tetes, nur von ihm allein gewissermassen im Geiste Erschautes, wie 
Agamemnons Loiche Erträumtes bringen. Er wünschte sich zu fühlen 
gewissermassen als Wiedererweckcr von Verlorenem, der Vergessenheit 
mit Unrecht Anheimgefallenem oder Verkanntem. Eines Abends sass 
Schliemann mit Schuchhardt und zwei andern deutschen Gelehrten in 
der Dardanellenstadt Tschanak-Kalessi zusammen. Einer der beiden 
hier ungenannten Herren, der „speziell im Römertum zu Hause war, 
führte mit Lebhaftigkeit den Nachweis, dass Tiberius ein viel besserer 



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— 153 — 



Mensch und grösserer Regent gewesen sei, als Taeitus ihn schildere. 
Schliemann animierte weiter und weiter und erklärte am andern Morgen, 
er habe die ganze Nacht nicht geschlafen, sondern immer darüber nach- 
gedacht, wie grosses Unrecht doch dem trefflichen Kaiser geschehen 
sei, und ob man nicht bei genauem Zusehen eine ganze Reihe anderer 
Persönlichkeiten in ähnlicher Weise retten könne, wie den Tiberius aus 
der Verunstaltung des bösen Taeitus." f ) Dies Begebnis charakterisiert 
den Mann vortrefflich : sein Herz, ein gutes Herz, regiert ihn, bestimmt 
seine Stellung den Aufgaben, sowie den Dingen und Persönlichkeiten 
der Vergangenheit gegenüber. 

Die Geschichto vom versteckten Schatz des Henning von Holstein 
blieb vorbedeutend für Schliemanus Leben. Erinnert wird man wieder 
an sie, als die Wirklichkeit von Troja und Mykene ihm doch eigentlich 
erst an seinen überraschenden Goldfunden aufgeht. So wie unsere Sage 
mit den Helden der Vorzeit die Vorstellung von ungemessener Sieges- 
beute, goldenem Geschirr und Geschmeide untrennbar verbindet, so die 
griechische. Die Beute aus Troja, die goldreiche Mykene, sie lebten 
als solche in der Vorstellung der Alten, sie lebten so bei dem so viel- 
fach antik empfindenden Schliemann. Herausfordernd geradezu zur 
Untersuchung erhebt sich in der argi vischen Ebene, dem Meere nahe, 
der kleine länglich gestreckte Burghügel von Tiryns. Sagenumweht, 
noch heute von denselben gewaltigen kyklopischen Mauern und Gallerien 
umgeben, wie zur Zeit der antiken Reisebeschreiber, wie sie ist, musste 
eine Grabung im engumgrenzten Innern der Burg unmittelbar reizen. 
So grub donn auch Schliemann zuerst auf Tiryns, 1876, bevor er Mykene 
begann. Dort mussto ihm eher, leichter, als in dem grossen, daher 
schwerer zu durchsuchenden Stadtraum von Mykene ein Lohn seiner 
Arbeit winken. An einer grossen Zahl von Stellen trieb er Löcher 
durch die dünne Humus- und Schuttschicht, deckte hier und da Fels- 
bearbeitungen auf — Hess es dann aber wieder liegen. Einige Monate 
später kam ich zum ersten Male nach Tiryns, in Begleitung des 
Dr. Loiting. Lebhaft fesselte unsere Aufmerksamkeit ein durch Schlie- 
manns Schürfungen biosgelegtes Stück künstlich geglätteten Fclsbodens, 
auf dem in abgemessenen Zwischenräumen kleine runde Erhöhungen 
ausgespart waren, augenscheinlich Steinsockel für Holzsäulen, eine da- 
mals in der griechischen Architektur noch unbekannte Thatsache. Als 
ich bald darauf Schliemann sah und ihn fragte, warum er denn auf 
Tiryns nicht weiter gograben habe, erhielt ich die Antwort, er sei ja 
überall gleich auf den Felsboden gestossen : da sei also nirgends Gold 



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zu finden. — Nur seiner unbedingten Achtung vor der Auktorität 
Wilhelm Dörpfelds wird es zu verdanken sein, dass er acht Jahre später 
Tiryns nochmals anfasste, um die baugeschichtlichen Probleme dieser 
merkwürdigen Stätte zu losen. Wir gewannen dort bekanntlich ein 
grosses Fürstenhaus der homerischen Zeit wieder, selbst in den Einzel- 
heiten seines Grundrisses auf das Überraschendste mit dem epischen 
Hause, z. B. demjenigen des Odysseus übereinstimmend, durch zahlreiche 
Einzelfundstücke, wertvolle Reste von Wandgemälden, Thongefässe ver- 
schiedener auf einander folgender Stilgattungen u. dgl. für die Geschichte 
ältesten griechischen Lebens, ältester griechischer Architektur und son- 
stiger Kunstübung von unschätzbarer Bedeutung. Aber der Ort war 
viele Jahrhunderte hindurch gleichraässig bewohnt gewesen und nie, wie 
es scheint, durch gewaltsame Katastrophen vernichtet: Kein Wunder, 
dass sich kein Gold dort iand. und dass Schliemann, nachdem er den 
Charakter der Anlage erkannt, den grösseren Teil der Grabung und die 
Lösung all der baulichen Fragen Dorpfeld allein überliess, der dort auf 
Schliemanns Kosten ein wahres Musterstück planvoller Ausgrabung und 
geistvoller Rekonstruktion liefern konnte. 

Im zweiten Jahre der olympischen Ausgrabungen, als das Zusammen- 
finden der Giebelstücke und das vergebliche Ziehen von Suchgräben 
nach bestimmten Bauanlagen etwas langsam ging, noch vor Auffindung 
des Hermes, sprach sich mir gegenüber Schliemaun einmal auf das 
Schärfste aus über die Art der olympischen Grabungsarbeit: „ganz ver- 
kehrt machen es die Herren", sagte er, „sie heben da immer eine Schicht 
nach der andern ab; da werden sie unendliche Zeit und Geld verbrau- 
chen: gleich in die Tiefe rauss man gehen, dann findet man!" So 
hatte er allerdings bis dahin in Trqja gegraben und viel Wichtiges un- 
wiederbringlich zerstört, so in Mykene und Grossartiges gefunden. 

Und derselbe Dorpfeld, der als leitender Architekt so in Olympia 
grub, ihn hat später Schliemann, als er so glücklich war, ihn haben zu 
können, an sich herangezogen, als Gehülfen, als Genossen, als thatsäch- 
lichen wissenschaftlichen Leiter. Dörpfeld ist Schliemanns treuester 
Mitarbeiter geworden, von einem Einfluss auf Schliemann, wie es wohl 
selten ähnlich wieder vorkommen würde bei einem Manne, der zu einem 
mecklenburgisch harten Kopfe die Gewohnheit des steten Selbsthandelns 
und die absoluten Mittel dazu mitbringt, der nach seinen Erfolgen in 
Troja und Mykene wahrlich das Recht hatte, sich als sachverständigen 
Ausgräber, als Auktorität in diesem Fache zu betrachten. Genau so, 
wie es Schliemann damals bei Olympia so tadelte, sind also die späteren 



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unter Dörpfelds Leitung durchgeführten Grabungen in Troja und Tiryns 
vollzogen. In geradezu wunderbarer Weise hat es Dörnfeld verstanden, 
den doch schon alternden Mann von der Wichtigkeit .seiner Methode zu 
überzeugen. Die jugendfrische, sympathische und dabei geduldige und 
oftene Natur Dörpfelds machte auf Schliemann den grössten Eindruck ; 
Eindruck auch deswegen, weil allerdings der Erfolg auf seiner Seite 
stand. Ich habe nie Schliemann, der sich selbst mit bescheidenem Stolz 
als ausserhalb der Kaste stehend betrachtete, über irgend einen Fach- 
mann eine ungünstig kritisierende Meinung äussern hören: aber ein 
feines Gefühl, unterstützt durch seine Weltkenntniss, war ihm doch 
dafür eigen, wer vertrauenswürdig und zuverlässig war, wer nicht, wer 
um der Wissenschaft, wer um des Erfolges willen arbeitete, wer die 
Achtung seiner Fachgenossen wirklich verdiente, wem sie nur honoris 
causa zu Teil wurde. Und Alles musste bei ihm für Dörpfeld, nichts 
gegen ihn sprechen ; er ordnete sich Dörpfeld fast in allen Dingen willig 
unter, oder wurde doch von Dörpfeld, der ihn, im guten Sinne des 
Wortes, meisterhaft zu nehmen, zu leiten, zu nützen verstand, so geführt, 
dass er selbst zu wollen glaubte, wo und wie Dörpfeld wollte. 

Und Schliemann dachte gross genug, aus diesem Verhältnis kein Hehl 
zu machen. Stets hatte er es für seine Pflicht gehalten, von seinen Ent- 
deckungen rasch und eingebend Bericht zu erstatten, und sich auch vor 
seinem Verhältnis zu Dörpfeld nie gescheut, bei Abfassung dieser Berichte 
für diese oder jene Spezialfrage Facbleute zu Rat und Hülfe herbei- 
zuziehen. Franzosen, Engländer, Amerikaner, Deutsche figurieren in 
seiner früheren Zeit als Verfasser von Einleitungen odor einzelnen Ka- 
piteln seiner Werke. Doch später wurde das anders. Dörpfeld trat 
ein, einer für Viele. In „Troja tf 1884 trat die fremde Beteiligung 
schon sehr zurück, „Tiryns" 1886 war von Schliemann und Dörpfeld 
gearbeitet, „Troja" 1801 wird auch von beiden gemeinsam erscheinen. 
Zeichnungen, Pläne u. s. w. wurden durch Dörpfeld redigiert, von ihm 
diejenigen Teile des Textes geschrieben, welche eine wissenschaftliche 
Verarbeitung der topographischen und architektonischen Fnndthatsachen 
anbahnen bezw. geben sollten ; die Berichterstattung über den Gang der 
Ausgrabungen und über die Fundstücke behielt sich Schliemann vor. 
Dass auch hierbei die Verbindung mit Dörpfeld ungemein förderlich 
war, zeigt stillschweigend der Vergleich mit den früheren Werken. 

Gewann somit Dörpfeld, der damals stellungslose junge Architekt, 
durch die Teilnahme an Schliemanns Grabungen die Möglichkeit, in 
freiester, für ihn und die Wissenschaft nützlichster Weise Gebiete aus 



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erster Hand kennen zu lernen, mit deren letztem Ende der erste An- 
fang Olympia» sich noch eben berührte, des ihm bis dahin allein ge- 
nau bekannten annähernd vergleichbaren Arbeitsgebietes in Griechen- 
land, so erhielt Schliemann in Dörpfeld einen erfahrenen, scharf 
blickenden, historisch denkenden, dabei treuen und hingebenden Mit- 
arbeiter, wie er keinen zweiten so hätte finden können. Es war eine 
Interessengemeinschaft, aber eine solche im edelsten Sinne des Wortes, 
welche die beiden Männer vereinigt hat, vereinigt bis an den Tod. Für 
Jeden, der das schöne Verhältnis kannte, war es Selbstverstand, dass 
Wilhelm Dörpfeld, der jetzige erste Sekretär des deutschen archäolo- 
gischen Institutes in Athen, nach Neapel eilen und die Leiche des ihm 
und der Wissenschaft so jäh Entrissenen selbst nach Athen in die 
griechische zweite Heimat geleiten und ihm schmerzbewegt die Trauer- 
rede halten würde. 

Es ist Ihnen bekannt, dass anfänglich Schliemanns Thätigkeit und 
seine Bücher ungläubigem Lächeln, herbem Spott, voreingenommenster 
Kritik begegnet sind. Am wenigsten in England, wo die Art, wie der 
Mann seinen Reichtum anwendete, ebenso imponierte, wie seine Glaubens- 
freudigkeit; der Engländer hat ja Verständnis für alles, was matters of 
fact sind, und dabei hat die englische Art, das klassische Altertum 
anzusehen, sich länger, als bei uns nach der guten wie nach der üblen 
Seite hin jene naive Art bewahrt, die wir in Schliemann verkörpert 
sehen; liest man Gladstones, des für einen grossen Teil der Engländer 
so typischen Gladstone, Vorrede zu Schliemanns „Mykenae", so hat man 
durchaus die Empfindung, einer wähl verwandten Natur gogenüber zu 
stehen. 7 ) In Frankreich hatte Schliemann, trotzdem er juristisch Ame- 
rikaner war, anfänglich keinen leichten Stand. Dass er Besitzer von 
vier Häusern in Paris war, dass er sich oft dort aufhielt, mit einigen 
der führenden französischen Gelehrten in ein persönlich gutes Verhält- 
nis trat, bewirkte freilich auch hier eine allmälige Wandelung, die sogar 
auf dem Anthropologenkongress in Paris 1889 einen für Schliemann 
wie für die französischen Kollegen gleich ehrenvollen öffentlichen Aus- 
druck fand. Der schon vor einem Decennium in französischen Zeit- 
schriften gelegentlich wiederkehrende Huf: „Findet sich denn bei uns 
kein Schliemann ?" enthielt eine Anerkennung seines Wirkens, mit der 
er zufrieden sein konnte. 

Am schwersten wurde es aber uns Deutschen, offene Anerkennung 
Schliemanns uns abzuringen. Homer war uns eine Fülle unpersönlicher 
Dichtergestalten geworden, deren Zusammenhang mit dem Boden, mit 



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der umgebenden Scenerie, durch die Liedertheorie thunlichst entfernt 
war. Das Kontaminieren der Lieder, d. h. das Eintreten einer doch 
mehr oder minder dichterisch befähigten Persönlichkeit, welche das 
Einzel werk vereinigte, wurde gern in möglichst späte Zeit gesetzt. Was 
jüngere und ältere Lieder seien, wurde jahraus jahrein in neuen Büchern 
und Dissertationen meist in anderem Sinne beantwortet; selbst den 
armen Gymnasiasten begann man — ich rede leider aus Erfahrung — 
ihren Homer gar grausam zu zerpflücken. Wer gut Anatomie treiben 
will, muss eben einen Leichnam haben: kein Wunder, dass wer keine 
philologisch geschulte Nase hatte, immer mehr den Leichengeruch zu 
meiden begann, dass Homer selbst von seiner Zauberkraft den jüngeren 
Generationen gegenüber Manches einbüssen musste. Das kritisch ge- 
schärfte Auge erkannte überall Schwächen der Nachdichter, die Nach- 
dichtungen wieder Hessen stoffliche Berührungspunkte mit den Liedern 
des sog. epischen Cyklus erkennen, von diesem schienen manche Teile 
in sehr junge Zeit — sogar siebentes und sechstes Jahrhundert v. Ohr. 
wurden genannt — zu gehören : was Wunder, wenn auch die homerischen 
Gedichte wenigstens in ihrer grossen Menge an die gleiche Zeit heran- 
gerückt wurden. Dazu kam die Archäologie, und wies nach, wie in 
bestimmten italienischen Gräbergruppen Kunstgegenständc und Schmuck- 
sachen phönikischer Fabrikation sich befänden, die mit von „Homer" 
beschriebenen augenscheinlich die grösste Ähnlichkeit hätten. Da nun 
jene italischen Gräber nachweislich höchstens bis in das siebente Jahr- 
hundert hinaufgeführt werden konnten, liege der synchronistische Schluss 
vor für die betreffenden homerischen Dichtungen. Über das neunte bis 
achte Jahrhundert etwa mit „Abfassung* der homerischen Gedichte hinauf- 
gehen zu wollen, erschien somit als strafwürdige Verwegenheit. Inhalt 
und Form noch schärfer als bisher zu trennen, mochte oder wollte man 
sich nicht entschliessen. 

Und nun die Mythologen. Längst stand denen ja fest, dass die 
homerischen Helden mythische Schöpfungen seien, Niederschläge alter 
Göttergestaltcn und Göttersagen, die im Himmel, nicht auf Erden 
spielten; die verführerische vergleichende Mythologie Adalbert Kuhns 
und Max Müllers, jetzt auf ihr sehr bescheidenes Mass zurückgeführt, 
zog in den siebziger Jahren noch weite Kreise, und schlang vieles in 
ihren Wirbel hinein, das besser draussen geblieben wäre. Ich entsinne 
mich, dass ein mir hochverehrter Lehrer damals eine Vorlesung schloss 
mit den nachdrücklichen Worten : Troja zu suchen, bleibe Leuten über- 
lassen, die darnach suchen wollten ; wer Troja rinden wolle, müsse die 



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Erde verlassen, und seine Blicke in die himmlischen Gefilde lenken. — 
Ich wünsche nicht missverstanden zu werden, als wenn ich an keinen 
wahren Mythos glaubte, als wenn icli darüber im Zweifel wäre, dass 
viel echte alte Göttersage nicht Mos unmittelbar, sondern auch durch 
dichterische Willkür lokalisiert und historisiert im epischen Liede der 
Griechen so gut erhalten sei, wie in jenem der Romanen und Germanen 
des Mittelalters: aber so wenig wie man in den Arthursliedern, dem 
Rolands- oder Nibelungenlied heutzutage den geschichtlichen Kern läug- 
nen wird, so wenig ist das auch erlaubt für die Ilias: „une histoire 
poctique fondee sur une poesie nationale ante'rieure." 8 ) 

Aber dieser Überlegung verschloss sich die deutsche Philologie 
während Schliemanns erster Zeit auf das beharrlichste. Hercher suchte 
in einer damals viel bewunderten Abhandlung zu beweisen, dass das 
Ithaka Homers mit der Wirklichkeit schlechterdings nicht überein- 
stimme: Schliemanns Erstlingswerk hatte das Gegenteil darzuthuu ver- 
sucht; Ithaka hatte Hercher allerdings gesehen, nicht aber Troja, wo- 
für den gleichen Beweis anzutreten er sich trotzdem nicht scheute. 
Liest man auf dem Burghügel Trojas selbst die Ilias, so ist alles klar, 
liest man dort Hercher — auch das habe ich gethan ~- so müsste 
man glauben, der Mann sei mit Blindheit geschlagen gewesen, wenn er 
da gewesen wäre. 

Freilich gab sich Schliemann auch manche Blosse. Es war dem 
deutschen Gelehrten ein leichtes, den Autodidakten hei vielfachen Ge- 
legenheiten aus dem Sattel zu heben, und dabei sein ideales Wollen 
für Verranntheit oder Strebertum zu erklären, als wenn Schliemann, der 
im Leben soviel erstrebt und erreicht hatte, bei seinen Grabungsarbeiten 
je etwas anderes, als die Klarstellung der Sache im Auge gehabt und 
gewollt hätte! Ernsthafter waren die Angriffe gegen Schliemanns Aus- 
grabungstechnik, Angriffe, welche von kompetenten Archäologen aus- 
gingen und nicht unberechtigt waren. Es fehlte Schliemann der Sinn 
für das Werden der Dinge, für die Thatsache, dass vor dem forschenden 
Auge des Historikers jede Kulturperiode ihr Recht hat und beanspruchen 
darf, als Nachfolgerin der voraufgehenden, als Vorläuferin der folgenden, 
also als zum Verständnis notwendiges Mittelglied gleichermassen be- 
achtet, untersucht, klargelegt zu werden. 

Schliemann selbst hat all den Bitterkeiten gegenüber, welche 
man ihm zu kosten gab, geschwiegen, höchstens sich von deutschen 
Landsleuten, namentlich den gelehrten, scheu zurückgezogen und ruhig 
seine Ziele weiter verfolgt. 



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Selbst die grossartige, nur Schliemanus felsenfestem Schriftglauben 
an einige Worte des Pausanias zuzuschreibende Entdeckung der Fürsten- 
gräber von Mvkene wurde in ihrer Bedeutung zu Anfang noch nicht 
so recht erkannt. Freilich trug die Jahre hiudurch andauernde Unvoll- 
ständigkeit der öffentlichen Ausstellung der Fundstücke, das verzögerte 
Erscheinen von Schliemanns Buch, ausnahmsweise erst zwei Jahre her- 
nach, einige Auffälligkeiten der Fuudberichte und des Schliemann'schen 
Textes daran mit die Schuld. Erst die Jahre 1878 und 1879 bahnten 
eine Wandelung an : acht Jahre nach dem Beginn der Grabungen auf 
Troja. Ulrich Köhler erkannte die geschichtliche Wichtigkeit der Ent- 
deckungen von Mykeno und suchte das Problem zunächst von der eth- 
nologischen Seite zu fassen — 1878 — ; dann erschien 1879 durch 
Lösehcke und Furtwänglcr eine mit grösster Treue hergestellte schöne 
Veröffentlichung der unscheinbaren Scherben mykenischer Thongefässe. 
Mehr und klarer, als an den zunächst noch so viel des Rätselhaften, 
Fremdartigen bietenden, zum Teil sicher importierten Gegenständen aus 
Edelmetall, Bernstein, Elfenbein. Alabaster konnte aus Form und Ver- 
zierungsart der zahllosen einfachen Gefässe des täglichen Lebens erkannt 
werden, wo die Berührungspunkte mit späterem Griechischen, wo mit 
dem Orient liegen, welcher Art die umgebenden Eindrücke waren, denen 
diese Kunst ihre Eigentümlichkeiten verdankte. Es war ein Zeichen der 
veränderten Anschauungsweise, dass diese Veröffentlichung vom deutschen 
Reichsinstitut in Athen veranstaltet war als Glückwunschgabe des jungen 
athenischen Institutes zum fünfzigjährigen Jubelfeste der römischen 
Mutteranstalt. Die Frontwendung der deutschen klassischen Archäologie 
diesen unklassischen Dingen gegenüber war damit vollzogen. Ein wei- 
terer Schritt war die 1881 veröffentlichte Aufnahme Mykenes und seiner 
Umgebung im Auftrage des Institutes durch den Artilleriehauptmann 
Steffen. — Gleichzeitig „kommandierte Virchow Achtung", nachdem er 
im Frühling 1879 längere Zeit Sehliemanns Arbeitsgenosse in Troja 
gewesen war, und von der ganz "hervorragenden Bedeutung Trojas für 
die Urgeschichte griechischen Bauwesens und für die Erkenntnis archäo- 
logischer Schichtenbildung sich staunend überzeugt hatte. 

1882 war Dörpfeld für Schlicmann verfügbar geworden. Dass von 
nun an in allen deutschen Fachkreisen jeder Widerspruch aufhörte gegen 
die Art, wie in Troja oder Tiryns gegraben wurde, versteht sich von 
selbst. 

Mykene, die Durchforschung seiner Altertümer und Fundstücke, 
stand für die Archäologie zunächst durchaus int Vordergrunde. Da 



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auch in Orchomenos und Tiryns Gleichartiges gefunden war und wurde, 
ebenso an andern Orten gerade des homerischen Griechenlands, musste 
wohl oder übel auch der Historiker und der Homerforscher Stellung 
nehmen. Troja wurde jedoch vorläufig gewissermassen peinlich gemie- 
den; es erschien den Archäologen unheimlich; namentlich seit Virchow 
so lebhaft für Schliemanns dortige Thätigkeit eingetreten war und zwei 
schöne Abhandlungen in den Schriften der Berliner Akademie veröffent- 
licht, auch zu Schliemanns IHos 1881 in wärmsten Tönen die Vor- 
rede geschrieben hatte, haftete in den Augen des klassischen Ar- 
chäologen Troja der Geruch des „Prähistorischen 8 an; die trojanischen 
Dinge schienen doch zu sehr aus den bis dahin inne gehaltenen Kreisen 
der klassischen Archäologie herauszufallen : recht hohes Alter ist aller- 
dings jetzt erwiesen durch die letzten Grabungen, Funde „mykcnischer" 
Scherben in Schichten, die um Jahrhunderte jünger sind, als die ver- 
brannte Stadt, das homerische Troja, wie wir jetzt sagen dürfen, in 
dem Zustand, in dem sie in Flammen aufging. Aber gerade durch 
diese Funde wird uns in überraschender und sehr aufklärender Weise 
deutlich, wie lange Jahrhunderte hindurch die Kultur sich in gleich- 
artigen verwandten Formen gehalten hat, wie langsam sie sich gebildet, 
wie wenig es gestattet ist, zu sagen: „hier wollen wir anfangen; das 
frühere geht uns nichts an." Erst das Erwachen dieser Erkenntnis, das 
unter dem Druck der neuen Entdeckungen von Jahr zu Jahr sich mehr 
vollzieht, hat auch die Altertumsforschung gezwungen, sich mit Troja 
ernsthaft auseinanderzusetzen: die Mitarbeiterschaft Dörnfelds an dem 
1884 über Troja erschienenen Buch Schliemanns kennzeichnet auch hier 
einen Wendepunkt. 

Offener Jubel und rückhaltlose Anerkennung äusserte sich jedoch, 
als 1880 Tiryns erschien, ein ganz ausgezeichnetes Buch, welches uns die 
Heroenzeit so greifbar vorführte, dass man Odysseus und Penelope durch 
jene Hallen und Gänge glauben konnte schreiten zu sehen. Nun war 
auch das letzte Eis gebrochen, und Hauptmann Bötticher, der in den 
siebziger Jahren mit seinen wunderlichen Angriffen gegen Schliemann 
sicher grosses Glück gemacht hätte, war jetzt, in Deutschland wenig- 
stens, tot, ehe er zum Sterben gebracht wurde. 

Gewissermassen als offenkundige Bcsiegelung des nunmehrigen Ver- 
hältnisses zwischen Schliemann und der deutschen Forschung mag man 
auflassen einerseits die Schenkung seiner sämtlichen trojanischen Funde, 
der einzigen, über die ihm Verfügungsrecht zustand, an die Reichs- 
hauptstadt, andererseits die Erbauung eines vor zwei Jahren bezogenen, 



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nach Dörpfelds Angaben entworfenen prächtigen Hauses für das deutsche 
archäologische Institut in Athen aus seinen Mitteln und in so liberaler 
Form, dass das Gebäude 25 Jahre nach seiner Errichtung in freies 
Eigentum des Reiches übergeht. 

Mitten aus glänzender schöner Thätigkeit heraus ist uns Heinrich 
Schliemann entrissen. Er stand, darf man sagen, jetzt auf der Höhe 
eines wahrlich wohl erworbenen Ruhmes. Die Ideale seiner Kindheit 
hatte er alle verwirklichen können, und freute sich dessen in einer Weise, 
die man nicht anders als im besten Sinne des Wortes kindlich bezeich- 
nen kann. Zwei Seelen waren in seiner Brust vereint: die des Geschäfts- 
mannes und die des idealistischen Homerikers. Der türkischen Regie- 
rung schickte er, in einen Prozess wegen unberechtigter Entziehung 
trojanischer Altertümer nach Griechenland zu 10,000 Frcs. Schaden- 
ersatz verurteilt, 50,000: sah man ihn aber in Mykene oder Troja 
morgens Punkt 6 am Platze, um seine Arbeiter anzumustern, sah ihn 
abends, wenn er sie bis nach Sonnenuntergang beisammen hielt, um 
dann laut, für die Griechen griechisch, für die Türken türkisch Appell 
zu halten und jedem erst nach geschehener Feststellung der wirklich 
geschehenen Leistung den Tagelohn stets persönlich auszuzahlen, beob- 
achtete man ihn am Tage, wie er mit scharfem Auge wachte, dass 
auch jede Schiebkarre, jeder Eisenbahnwagen wirklich voll verladen 
war, auf dass keine Zeit verthan und unnötig bezahlt werde, so glaubte 
man, den schärfsten Inspektor einer höchst sparsamen Regierung zu sehen. 

Preussen, das doch für Pergamon wahrlich wenig ausgegeben hat, 
ging so sparsam dort doch nicht vor. Es war aber Schliemanns eignes 
selbsterworbenes Geld, das er ausgab und darin lag auch ein Teil der 
Vorzüglichkeit seiner technischen Leitung begründet. 

Es war eigen, Schliemann zu beobachten, wenn in seiner Gegen- 
wart über seine Grabungen gesprochen wurde. Wurde erörtert, wie 
man am besten weiterarbeiten, wo man einen neuen Schienenstrang 
legen, wo man grössere Arbeitermengen anstellen sollte u. dgl. : da war 
er ganz Ohr, und sprach, häufig freilich, nachdem die Frage: „Herr 
Dr. Dörpfeld, was meinen Sie dazu?" beantwortet war, seine Meinung 
ruhig aus. Wurden homerische Fragen erörtert, so leuchteten seine 
Augen, weit geöffnet, und passten in der Diskussion einige Homerverse, 
so brachte er sie gerne an ; sprach man über weitergehende geschichtliche 
oder kunstgeschichtliche Folgerungen oder Zusammenhänge, so hörte er 
wohl zu, aber nicht wie einer, dessen Herz dabei ist, ging auch oft- 
mals ruhig fort und überliess das uns andern. 

Ii 



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Allerdings konnte Schliemann vielfach nicht wissen, wir andere 
sehen es auch erst zum Teil, welche Erkenntnisse die von ihm so 
grossartig eröffnete Entdeckungsreihe für die Geschichte des Altertums 
im Gefolge hat, und noch haben wird. 

In ihre Grenzen zurückgewiesen ist zunächst durch den Augenschein 
der überall greifbaren Thatsachen die krankhafte Hyperkritik der deut- 
schen Philologie, die Skepsis allem gegenüber, was durch episches 
Dichterwort überliefert ist. Wir haben das Recht des Glaubens wieder- 
gewonnen, des Glaubens an Homer, des Glaubens an die Alten über- 
haupt. Die Ilias ist gedichtet von Männern, denen Troja bekannt war; 
ruhig und klar ist alles beschrieben, was jetzt vor unseren Augen steht, 
bis auf die kleinsten Züge der Landschaft; schon in den Pontos fuhren 
damals die Griechen oder wollten sie fahren ; den Schlüssel dazu mussten 
sie in der Hand haben, genau so, wie Jahrhunderte später die Athener 
Sigeion. Und alt sind die Lieder, sehr alt; vielfach gewiss älter, als die 
sog. dorische Wanderung — welche ich mir nicht wegstreiten lasse — 
oder die sog. ionische Auswanderung. Schon ganz anders klar sehen wir 
jetzt über die Zeit der homerischen Gedichte und über die Phasen der 
ältesten Geschichte Griechenlands, das in dem Zustand von den home- 
rischen Dichtern geschildert ist, wie sie wussten oder glaubten, dass es 
vor der dorischen Wanderung war, als die Achäer noch die alleinigen 
Herrscher im östlichen Peloponnes waren, als Mykene, die goldreiche, und 
Sparta oder Amyklai achäische Fürstensitze waren, Kreta ein mächtiger 
Seestaat und die Trojaner, die Herren der Meerenge, Kaubzüge durcli das 
ägeische Meer machten. Die Odyssee, phantastisch, märchenhaft, führt 
uns schon in den Westen, in einer Zeit, die aller festen Kolonisation weit 
voraufliegt: Zeugen jener Zeit sind die jetzt immer zahlreicher in Sizilien 
und an den Gestaden Grossgriechenlands auftretenden Erzeugnisse der 
sogenannten mykenischen Kulturperiode. 9 ) Die Brücke dahin liefern uns 
die jonischen Inseln, von wo, bis jetzt von Kephallenia und Ithaka, 
zugehöriges Material ebenfalls vorhanden ist. 10 ) Mykene selbst steht 
jetzt im Mittelpunkt einer Kette ähnlicher Erscheinungen, die sich 
einerseits von Thessalien herunter bis Lakonien, andererseits über das 
Inselmeer, namentlich Kreta hinüberziehen, nordöstlich bis nach Troja, 
südöstlich bis ins Fajftm. 11 ) Die Kultur Vorderasiens, insbesondere des 
nördlichen Syriens 1 *) und Kleinasiens gewinnt plötzlich eine Fülle von 
Ausstrahlungen nach Westen. Griechenland ist nunmehr fest an den 
Orient gekettet. Kaum aber haben wir diese Kettung wahrgenommen, 
so entdecken wir auch bereits das echt griechische Bestreben, vom 



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Bann der höheren Kultur sich frei zu machen — um ein naheliegendes 
Bild zu brauchen — mit fremden Buchstaben die eigene Sprache zu 
schreiben, und selbständig zu werden. 

Es würde viel zu weit führen, hochverehrte Anwesende, wenn ich 
mich bemühen wollte, statt dieser Andeutungen Ihnen heute ein de- 
taillierteres Bild von dem zu geben, was der Geschichte des Altertums 
und damit doch auch unserer eigenen Kultur durch die Epoche Schlie- 
manns neues erwachsen ist, wenn ich ausführen wollte, was nunmehr 
auch im Gefolge von Schliemanns eigenen Arbeiten überall, fast all- 
monatlich kann man sagen, an neuen wichtigen Zügen hinzugefunden 
wird und ein grossartiges Bild vervollständigt, dessen Reichtum und 
Tiefe Schliemann selbst nur erst ahnen konnte. 

Wiedergewonnener Glaube an die Überlieferung und neues anders- 
artiges Verständnis derselben, und Bescheidenheit den Ergebnissen der 
Studierstubenarbeit gegenüber: das sind wohl die für unsere eigene 
wissenschaftliche Erziehung am meisten augenfälligen Ergebnisse von 
Schliemanns Eingreifen in den Gang der Forschung. So lange es eine 
Wissenschaft giebt, die sich bemüht, die Entstehung der Kultur- und 
Kunstformen der Mittelmeervölker zu erfassen, und das Bedürfnis em- 
pfiudet, auch das Werden des Gewordenen zu verstehen, wird Heinrich 
Schliemanns Name unvergessen sein, des Mannes, der noch im letzten 
Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts an die ewige Jugondkraft 
seines Homer und des klassischen Altertums geglaubt hat, obwohl kein 
Philologe, obwohl nur Kaufmann in Thee und Indigo; und der Opfer 
für seinen Glauben brachte, wie noch keiner vor ihm. 

Rufen wir ihm dankbar nach den schönen griechischen Abschieds- 
und Grabesgruss, mit welchem er selbst die scheidenden Freunde gerne 
entliess: Freue Dich! Xaipel 



Anmerkungen. 

1) Schliemann, llios 1 ff. Schachhardt, Schliemanns Ausgrabungen 2. 

2) Schuchhardt a. a. 0. 8. 

3) Georges Perrot, im Anfang Mai v. J. mit Schliemann in Troja, erzählt im 
Journ. deB Debats v. 31. Dez. 1890 u. a. : „Rien n'etait amüsant comme de l'en- 
tendre nous raconter au dessert, avec une Indignation qui ne sembtait pas jouee, 
l'histoire de Laomedon et de la mauvaise foi dont ce personnage a us6 envers He- 
Tacles et Poseidon, qui lui avaient bati les murs de sa ville; on croyait l'entendre 
parier d'un commercant qui lui aurait fait perdre de l'argent dans sa faillitc." 

4) Schuchhardt, Hannov. Courier, 1891. 1. Jan. S. 5. 
ö) 8. Jehiov äpyaioL 1890, 123-132 (Stais). 



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6) Hannov. Cour. a. a. 0. 

7) Über G lädst ones neues Buch „Landmarks of Uomcric study" äussert sich, 
nach eingehender Kritik, Isaac Taylor: „Hence his L. o. h. st. are not landmarks 
of our present knowledge, but merely high water raarks of the school of criticism, 
which was in vogue some fifty years ago. u (Academy 1890, 412.) 

8) ti. Paris, La litt, francaise au moyen äge 2, 33. Vgl. Reinach, L'Anthropo- 
logie 1890, 565. 

9) Löschcke und Furtwängler, Myken. Vasen (1886) S. 47— 48; Orsi, Bull, di 
paletnologia italiana 1889, t. VII a: 1890, 79; 1891; Monum. antichi pubbl. dalP 
Accad. dei Lincei I, 216-217. 

10) Im Museum von Neufchätel, dorthin geschenkt im Jahre 183G durch den 
Colonel Cb. Ph. de Bosset, Gouverneur von Kephallonia. Es sind eine ziemlich grosse 
Anzahl „mykenischer" Thongefässe verschiedener Formen, einige Goldblattverzie- 
rungen und Glassachen. Bei vielen ist noch die Herkunft aus bestimmten Felsgräbern 
notiert ; bei einigen andern fehlt, wohl nur zufällig, die Provenienzangabe von einer 
der beiden Inseln. Ich bemerkte mir dort u. a. folgende Vasenformen: Löschcke- 
Furtwängler, Myken. Vasen Taf. XLIV, 4, 27, 48 (Hals enger, Henkel nicht oben, 
sondern am Bauch flach anliegend), 50, 100 (mit Ansguss), 113 (aber unten flach 
(wie 34) und ohne Henkel) ; auch Gefässe geometrischer und protokorinthischer Art 
sind dort; ebenso einige Dolche und Lanzenspitzen späterer Zeit; eine Dolchspitze 
ähnelt Schliemann, Myk. S. 324. Unter den Glassachen ist ausser Rosetten und kleinen 
flachen Glasstäben auch ein Stück der bekannten Form Bull, de corr. Hell. II, 
pl. XIV, 5 (ohne Provenienzangabe). 

11) Flinders-Petrie, Kahun, Gurob and Hawara (London 1890) pl. XXVIII. 
S. 40—45 vgl. 53. Auch diese neue Veröffentlichung des rastlosen und energischen 
englischen Forschers ist durch ihren überraschenden Inhalt und durch die sichere 
Umgrenzung des Fundortes Gurob in die Zeit zwischen 1460—1200 für die klas- 
sische Archäologie besonders wichtig: auf das einzelne, namentlich die dort zu Tage 
tretenden Anfänge eines protophönikischen bezw. protogriechischen Alphabets hier 
einzugehen, ist nicht der Ort. Hervorgehoben werden mag nur, dass Gurob (auch 
Eahun) Fremdenkolonien sind, dass von den sonstigen sicher ägyptischen Ge- 
genständen jener Zeit keine in Mykene gefunden sind, und umgekehrt viel charak- 
teristisch Mykenisches in Ägypten fehlt. Direkte Wechselbeziehung ist dadurch aus- 
geschlossen. Nach Syrien und Cypern wendet sich natürlich der fragende Blick 
zuerst, vielleicht auch nach Rhodos und Kreta. Der verwandte Charakter gewisser 
Metallarbeiten erklärt sich gewiss ebenso. So sicher wie auf den mykenischen Dol- 
chen, dem Silbergefäss, der kyprischen Bronzekanne mit dem Bilde der sog. Iris in 
Newyork u. a. ägyptische Lokaltöne und Reminiscenzen hineinspielen, so gewiss wird 
man doch ägyptische Fabrikation für sie läugnen müssen, ebenso wie für die gleich- 
zeitigen Arbeiten im Schatz der Königin Aah-hotep. Vgl. auch Winter, Arch. Anz. 
1890, 108. 

12) O Puchstein, Pseudohethitische Kunst. Berlin 1890; Winter, Arch. Anz. 
1890, 108-109. 



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Die Rangklassen des Ordo salutationis 

sportularumqoe provinciae Numidiae, 
insbesondere die coronati. 

Von 

Otto Kariowa. 



Die neuerlich unter den Trümmern des alten Thamugadi in Nu- 
midien aufgefundene Inschrift aus der Zeit des Kaisers Julian (a. 361/3) 
enthält in ihrem ersten Teil einen ordo salutationis. 1 ) Wie die 
Reihenfolge, nach welcher die Würdenträger zur Audienz beim Kaiser, 
zur adoratio, zugelassen wurden, durch die Rangordnung der diocle- 
tianisch-konstantinischen Monarchie genau vorgeschrieben war, so war 
ebenso die Reihenfolge festgesetzt, in welcher die zur Begrüssung (salu- 
tatio) des Provinzialstatthalters Berechtigten in das secretarium des- 
selben eingelassen wurden. Adoratio und salutatio sind zwar verwandt, 2 ) 
aber nicht das nämliche. 3 ) Wenn die salutatio osculum und consessus, 
und gewiss auch nicht für alle zur salutatio des Statthalters Zugelas- 
senen, umfasst, so ist beides nicht in der adoratio enthalten. Vom 
Kaiser mit Kuss empfangen zu werden, wurde zu den höchsten Ehren 
gerechnet.*) Das adorare prineipem besteht in der Kniebeugung sowie 
in der Berührung und dem Küssen des kaiserlichen Purpurgewandes. 
Und wenn auch der ordo adorationis mit dem ordo salutationis bezüg- 
lich der Personen, welche sowohl zur adoratio wie zur salutatio berech- 



1) Ephem. ep. V, p. 629 sqq. 

2) L. 1 C. Th. de dec. et silent. 6, 23: — 'inter eos — — esse praeeipimus 
in adoranda nostra serenitate et in salutandis administratoribus'. 

3) Den Gegensatz hebt Ammianus Marcell. lib. 15 c. 5 hervor: — 'omnium 
primns extero ritu et regio more instituit adorari, cum Semper antea ad similitu- 
dinem Iudicum salutatos Principes legerimus'. 

4) CL Mamertinus grat, act. c. 28, Pacatus c. 20 u. a. St. 

11 



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— 166 — 

a 

tigt waren, übereingestimmt haben wird, so wurden doch nicht Alle, 
welche zur salutatio des Statthalters berechtigt waren, auch zur ado- 
ratio der Kaiser zugelassen. Wie der Kreis derer, welche des l honor 
mensae regalis', der Teilnahme an den 'sacrae epulae' für fähig (tafel- 
fähig) galten, enger gezogen war, 1 ) als der Kreis derer, welche zur 
adoratio zugelassen wurden, so war der Kreis der letzteren natürlich 
wieder ein engerer, als der der zur salutatio des Statthalters Berech- 
tigten. 

Die einzelnen Klassen des ordo adorationis sind uns nicht über- 
liefert, doch werden gelegentlich einzelne im Codex Theodos. und sonst 
erwähnt. So sollen nach L. 1 C. Th. de decur. et silent. 6, 23 die de- 
euriones nostri jxilaUi nach absolvierter Dienstzeit zur Klasse derer, 
qui ex ducibus sunt, gehören sowohl inbezug auf die adoratio als die 
salutatio. Nach Cassiodor. Var. XI, 18 u. 200 sollen ausgediente cor- 
nicularii und primiscrinii in der Klasse der tribuni et notarii an der 
adoratio teilnehmen. Besonders häufig wird erwähnt, dass die höchsten 
Subalternbeamten und solche, die ihnen gleichstehen, in der Klasse der 
protectores et domestiä zur adoratio berechtigt sein sollen. So heisst 
es in der Notitia dignitatum nicht selten, dass die principes officii der 
bedeutenderen Würdenträger beim Austritt aus dem officium das Recht 
der adoratio, und zwar als protector oder 'inter protectores' erhalten. 
In L. 3 C. Th. de fabricensibus X, 22 verfügen die Kaiser bezüglich 
des primicerius fabricae: — 'post biennium non solum vacatione, sed 
etiam honore donari — ita ut inter protectores adoraturus aeternitatem 
nostram suo quisque tempore dirigatur.' Die Stelle eines protector 
domesticus erlangen wird in L. 3 C. Tb. de dorn, et prot. 6, 24 selbst 
als 'sacram purpuram adorare pervenire' bezeichnet, und in L. 4 eod. 
tit. werden die domestici ac protectores als solche charakterisiert, 'qui 
contingere nostram purpuram digni sunt aestimati.' Nach Constantinus 
Porphyrogenitus De cerimoniis I, 86, auf welchen Brunner (Zeitschrift 
d. Savignystiftung f. Rechtsgesch. 9. Bd. Germanist. Abt. S. 217 f.) auf- 
merksam macht, soll man einst durch den blossen Akt der adoratio die 
Würde eines Protektor und die eines Domestikus erlangt haben. Jetzt 
kreiro der Kaiser im Konsistorium oder im Zirkus den Protektor, in- 
dem er ihn anrede: äöo/mroft ^otzxzo^, den protector domesticus aber 



1) Ammian 151, 5. Andere Stellen bei Goth. ad C. Th. VI, 13. L. 1 C. Th. 
de com. tribunis schol. C, 13: 'Praepositos ac tribunos scholarum, qui et divinis 
epulis adhibontur, et adorandi principis fiicultatcm antiqnitus mcruerunt' u. s. w. 



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- 167 — 



durch die Ansprache: ddopdrop Trpnzsxrttp dofuaztxouQ. Dem entspre- 
chend findet sich in den Ravennatischen Papyrusurkunden die Zeugen- 
unterschrift: Th. adorator numeri Theodosiaci (Marini, Pap. dipl. nr. 91), 
nach einer anderen (Marini nr. 122) wird ein Grundstück verkauft 
'Johanni viro clarissimo adoratori felicum Ravennatium.' Warum wird 
gerade bei den protectores ac domestici das 'adorare purpuram' so be- 
sonders hervorgehoben, so dass der einzelne sogar als 'adorator' bezeichnet 
wird? Keine Erklärung gibt die Bemerkung Brunners, das 'adorarc purpu- 
ram' sei ein Vorrecht der Protektoren, denn dass sie dieses nicht etwa in 
höherem Masse besassen, wie die an Rang höher stehenden Würden- 
träger, ist unzweifelhaft. Wir müssen davon ausgehen, dass der Regel 
nach nur Inhaber von dignitates, nicht aber die officiales, die Mitglieder 
der officia, die Subalternbeamten das Recht der adoratio hatten. 1 ) Das 
zeigen deutlich folgende Stellen des Theodosianischen Kodex. 

L. 13 C. Th. de numerariis 8, 1 : — 'Numerarii nonnisi exaeto 
triennii tempore divinam nostri numinis purpuram venerentur' u. s. w. 

L. 4 C. Th. de diversis offieiis 8, 7 : — 'De cohortalibus atque 
magistrorum equitum et peditum officialibus jubemus, ut minime ad 
adorandam purpuram nostram veniant, nisi si sub armis militiam tole- 
raverint et omnibus expeditiooibus adfuerint.' 

L. 8 eod. tit.: — 'Praefecturae cornicularios, qui annis singulis ex 
nuraero deputatorum exeunt, post transactos corniculos nostram adorare 
purpuram volumus : quo honore perfunetis, cum jam missionem tenuerint, 
liberum otium damus, ut ad suseeptionom vel cujuslibet necessitatis 
officium, qui ex-cornictilario adoraverint, minime devocentur.' — — 
Vgl. auch L. 9 eod. tit. 

L. 16 eod. tit. : — 'Praeter eos, qui de officio eminentium potos- 
tatum numero stipendiorum et curriculis evolutis, urbique praefecti, 
vicariae etiam potestatis sereuitatis nostrae annis singulis attingere 
purpuram venerarique praeeepti sunt, niilli prorsus vel ex eo numero 
vel illorum certe, qui provincialia officia peregertint, tranquillitatis nos- 
trae ranricem adorare sit liberum, omnium suffragiorum obreptione 
cessante.' 

Also nur die Subalternbeamten, welche in den officia der eminentos 
potestates ihre Laufbahn vollendet haben und aus denselben austreten, 



1) Auch die milites hatten 'ante impleta stipendi.V das Recht der adoratio 
nicht. L. 7 C. Th. de re militari 7, 1. Krst Veteranen erhielten es mit der pro- 
tectoria dignitas. L. 5 C. Th. de veteranis 7, 20. Symmach. ep. 3, r»7. 



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— 168 — 



sollen das Recht der adoratio erlangen. Auch in der Notitia dignitatum 
Or. ist nur den principe» von officia solcher Würdenträger, welche zu den 
spectabiles gehörten, bei ihrem Austritt das Recht der adoratio zugestan- 
den. Dabei findet sich nun folgende bemerkenswerte Verschiedenheit. Bei 
einigen dieser principes findet sich der Zusatz: 'qui adorata dementia 
principali cum insignibus exit transacto biennio', d. h. sie erlangten die 
consularis dignitas und damit Sitz im Senat. So verhielt es sich beim 
princeps officii des proconsul Achaiae, des Comes Orientis, des Prae- 
fectus augustalis, des Vicarius dioceseos Asianae, des Vicarius dioceseos 
Ponticae, des Comes limitis Aegypti. Es sind Alle Civilbeamte vom 
Rang der spectabiles, der comes limitis Aegypti wird mit der militä- 
rischen Stellung das Amt eines Civilstatthalters cumuliert haben. Die 
principes der Officien werden alle als solche bezeichnet, welche de scola 
agentum in rebus deputiert sind und schon den Rang eines ducenarius 
haben. In einigen anderen Fällen dagegen findet sich der Zusatz: 'qui 
completa militia adorat protector' ; nämlich beim princeps officii des 
Dux Scythiae, Moesiae secundae, Moesiae primae, Daciae ripensis. Es 
sind Alle militärische Beamte und der princeps ist de eodem officio. 
Die Spitzen also nicht von civilia officia, sondern von armatae appa- 
ritiones erlangten das Recht der adoratio unter den protectores. Die 
domestici und protectores, scheint es, bildeten die unterste Stufe der 
zur adoratio berechtigten militärischen Beamten. Nicht etwa, weil sie 
ein besonderes Vorrecht gehabt hätten, sondern weil die Scala der zur 
adoratio berechtigten Militärbeamten mit ihnen beginnt, weil sie die 
erste, unterste Stufe des ordo, soweit er sich auf Militärpersonen bezog, 
bildeten, deshalb wird bei ihnen das Recht des adorare purpuram be- 
sonders hervorgehoben, und daher erklärt sich ihre Ernennung unter der 
Anrede: adorator. Begreiflich ist darnach, dass der primicerius der 
fabriceuses, d. h. der Schmiede, welche in öffentlichen Werkstätten die 
Waffen und das Kriegsgerdt für das Heer verfertigten und in das öffent- 
liche Zeughaus liefern mussten, post biennium das Recht der adoratio 
inter protectores erlangen sollten. (L. 3 C. Th. de fabric. 10, 22.) Die 
fabricenses werden wie Soldaten behandelt, ihr Dienst zur militia ge- 
rechnet. 1 ) 



1) Von Brunner ist a. a. 0. die Frage wieder angeregt worden, ob und wie 
die protectores und die protectores domestici oder domestici schlechtweg Ton ein- 
ander zu unterscheiden seien. Dass ein Unterschied zu machen sei, haben ja schon 
Panciroii, Gothofredus, Böcking angenommen, und dass sie ausser lieh geschieden 
waren, lässt sich nach den Konstitutionen des Theodosianischen Codex nicht wohl 



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— 169 - 



Wenden wir uns nun zum ordo salutationis, so wird derselbe für 
die Provinzen im Allgemeinen der gleiche gewesen sein; doch ist da- 
durch nicht ausgeschlossen, dass eigentümliche Verhältnisse für einzelne 
Provinzen auch besondere Satzungen hervorgerufen haben. 



bezweifeln : sie haben nach L. 8 und 9 C. Th. de dorn, et prot. 6, 24 je ihren be- 
sonderen primicerius und besondere decemprimi, waren also in verschiedenen matri- 
culae verzeichnet und bildeten somit besondere Abteilungen. Aber bestand ein 
sachlicher Unterschied unter ihnen? Mommsen (Ephem. ep. V p. 131) sieht den 
Unterschied darin, dass protectores die Veteranen genannt seien, welche durch die 
absolvierte Dienstzeit, domestici die, welche durch adliche Geburt und Gunst zu solcher 
Stelle gelangt seien. Indessen nach L. 3 C. Th. de dorn, et prot. 6, 24 muss man 
annehmen, dass die variis itineribus zu solcher Stellung gelangten in derselben 
schola comprehensi, nicht nach Abteilungen geschieden waren. Brunner, davon aus- 
gehend, dass domesticus den Hausgenossen bedeute, vermutet, dass 'protectores domes- 
tici' die protectores bedeute, welche im kaiserlichen Palast wohnten, während jene, 
bei welchen das Merkmal der Hausgenossenschaft fehle, protectores schlechtweg 
Wessen . In dieser Unterscheidung findet er eine Stütze für die weitere Vermutung, 
dass das germanische Gefolgswesen auf die Entstehung und Ausgestaltung des 
Instituts der protectores domestici eingewirkt habe: die protectores domestici ent- 
sprächen den Gefolgsleuten im Hause des Herrn, die protectores schlechtweg den 
ausquartierten oder abgesebichteten Gefolgsleuten. Man scheint diese Vermutung 
nicht zu billigen. Gerade bei den domestici wird unterschieden zwischen den prae- 
sentales und denen, welche nicht in praesenti sunt (E. 1 C. Th. de dorn. 6, 24), d. h. 
zwischen den am kaiserlichen Hof lager verweilenden und den an andern Orten sta- 
tionierten domestici, eine Unterscheidung, welche auch bei hohen Rcichsbeamten, 
wie den praefecti praetorio und den magistri militum, vorkommt. Die Zahl der prae- 
sentales ist auf 50 für jede schola festgesetzt, dies sind die statuti, wie sie in 
L. 25 § 3 C. J. de advoc. div. jud. 2, 7 genannt werden. Mit den an andern Orten 
stationierten (E. 1 cit. und Procop bist. arc. 24 p. 136, 4 sqq. ed. B.) sind nicht zu 
verwechseln diejenigen der praesentales, welche zur Ausführung der ihnen gewor- 
denen besonderen Aufträge deputiert sind (E. 5 0. Th. eod. tit.: 'certis qnibusque offi- 
cüs deputati publicas executi sunt jussiones'), die letzteren werden in der Notitia 
dignitatum besonders genannt. Diese deputati wurden de praesente geschickt. Das 
Wort domeBticus deutet m. E. nicht notwendig auf ein Wohnen im kaiserlichen 
Palast, auf eine örtliche Hausgenossenschaft, sondern nur eine noch nähere Be- 
ziehung zur kaiserlichen Person hin: in dem grösseren Kreise derer, welche intra 
palatium militant, gab es solche, welche in noch engerer Beziehung zum Kaiser 
standen, die ihm familiarius militant. Das sind die domestici. Als diejenigen, 
welche den regelmässigen unmittelbaren Dienst um die Person des Kaisers hatten, 
galten die domestici als die vornehmeren. Die gewöhnliche Annahme ist, dass unter 
den comites domesticorum als Befehlshabern nicht bloss die domestici, sondern auch 
die protectores gestanden hätten. Mir scheint das nicht erwiesen. Im offiziellen 
Sprachgebrauch werden die domestici von den protectores unterschieden: so wird, 
was in L. 5 und E. 8 C. Th. h. t. für die domestici angeordnet ist, durch L. 6 und 
L. 9 eod. tit. auf die protectores übertragen. Der Titel comes domesticorum lautet 
nur auf die domestici; es ist nicht anzunehmen, dass, wenn die Befehlshaberschaft 
dieser comites sich auch auf die protectores erstreckt hätte, diese im Titel über- 



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— 170 - 

An erster Stelle stehen nach dem uns vorliegenden ordo diesen a- 
tores et comites et ex comitibus et admin[ist]ratoros. Be- 
züglich der Erklärung dieser Rangklasse erhebt sich die Schwierigkeit, 
dass neben den senatores noch die comites und ex comitibus aufgeführt 
werden. Nach Mommsen ') sind unter den senatores nur die comites primi 
ordinis begriffen und unter den comites und ex comitibus dio comites se- 
cundi und tertii ordinis zu versteheu. Sicher ist aber, dass später wenig- 
stens die comites secnudi ordinis Senatoren waren. So heisst es in L. 16 
C. Th. de medicis et profess. 13, 3, einer Verordnung von Honorius 

und Thcodosius aus dem Jahre 414: k frui hac praerogativa prae- 

cipimus, ut universi, qui in sacro palatio inter archiatros militarunt 

cum comitiva primi ordinis vel secundi — nulla senatoria vel 

glebali descriptione vexentur.' Da die archiatri, welche die comitiva 
primi ordinis vel secundi erlaugt hatten, von senatorischen Lasten be- 
freit sein sollen, so müssen sie wohl Senatoren gewesen sein.') Soll 
man dies nun mit der Aufzählung in der ersten Klasse unseres ordo 
salutationum in Einklang bringen, so ist es wohl das richtige, anzu- 
nehmen, dass nicht schon unter Konstantin und Julian, sondern erst 
später die Senatorenwürde den comites minores zugestanden wurde. 3 ) 
in dieser ersten Klasse werden endlich noch die administratores 
aufgeführt. Mommsen meint, unter denselben könnten nicht solche ver- 
standen sein, welche ein Staatsamt (publicum officium) bekleideten, 
denn die administratores dieser Art seien alle unter den senatores und 
comites begriffen. Das scheint indessen des Beweises zu ermangeln. 
Wenn L. 9 C. Th. de priv. eorum qui in sacro palat. militarunt 6, 35 
den erwähnt, 'qui post administratam provinciam honorati auetoritate 



gangen waren. Auch führt die Notitia als unter der dispositio dieser comites 
stehend nur die domestici an, welches Wort in dem offiziellen Sprachgebrauch die 
protectores schlechthin nicht mitumfasst. Es lässt sich aher noch ein anderes An- 
zeichen dafür anführen, dass die protectores nicht unter dem Oherbefehl der comites 
domesticorum standen. In L. 5 C. Th. cit. wird die Verordnung, wonach domestici, 
welche ihren Amtspflichten nicht nachkommen, in der Matrikel gestrichen werden 
sollen, an den comes domesticorum gerichtet. In der folgenden L. 6 wird diese 
Bestimmung auch auf die protectores ausgedehnt, es ist aber diese Verordnung 
zwar an dieselbe Person, aber nicht mehr als comes domesticorum, sondern als 
magister utriusque militiac gerichtet. Die protectores scheinen also nicht unter dem 
unmittelbar unter dem Kaiser stehenden comes domesticorum, sondern unter dem 
magister militiae gestanden zu haben. 

1) Ephem. ep. V, p. 634 sqq. 

2) Vgl. Kuhn, Dio städt. und bürgerl. Verfassung d. röm. lieichs I, S. 196. 

3) Vgl. meine rümischo Rcchtsgesch. I, S. 87«> A. 2. 



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— 171 - 



fulcitur', so geht daraus hervor, <iass die geringste Klasse der Provinzial- 
statthalter erst nach Verwaltung des Amtes in die Reihe der honorati 
eintritt, und zu den honorati muss man doch wohl auch die comites 
geringsten Grades rechnen. Mommsen will in den administratores die 
magistratus municipales erkennen, welche sonst nirgends in dem ordo 
salutationis erwähnt würden und doch nicht fehlen könnten. Ob wirk- 
lich sonst keine Spur auf Erwähnung der Municipalmagistrate in einer 
anderen Klasse des ordo salutationum führe, werden wir später zu fragen 
haben. Hier möge auf zwei Momente hingewiesen werden, welche gegen 
Mommsen sprechen. Mit dem Ausdruck administrationes werden im 
Codex Theodosianus gerade Provinzialverwaltungen und andere staat- 
liche Dienstämter bezeichnet. Vgl. L. 2 C. Th. de primicerio 6, 10. 
L. 3 und 5 C. Th. de privil. eorum qui 6, 35. L. 36, 52, 155, 159, 
160 0. Th. de decur. 12, 1. L. 21 C. Th. de paganis 16, 10: 'Qui 
profano pagani ritus errore seu crimine polluuntur, hoc est gentiles, nec 
ad militiam admittantur, nec administratoris vel judicis honore deco- 
rentur.' In L. 77 C. Th. de decur. 12, 1 werden die administrationes 
geradezu den bereits bekleideten Municipalämtern entgegengesetzt: — 
'Post munera vero et magistratus gradatim patriae persolutos aditus 
singulis ad administrationes publicas, nobis quoque assistentibus, reclu- 
datur.' Sodann : wie höchst unwahrscheinlich ist es, dass die Municipal- 
magistrate mit den senatores, zu welchen die höchsten Würdenträger 
der konstantinischen Beamtenhierarchie gehörten, in derselben Klasse 
zu den salutationes zugelassen wurden! Verstellen wir die administra- 
tores so, wie vorher angegeben, so umfasst die erste Klasse unseres 
ordo dieselben Kategorien, welche in einer Verordnung des Codex Theo- 
dosianus vom Jahre 364 (also gleichzeitig mit unserem ordo), nämlich 
L. 1 C. Th. quibus equorum usus 9, 30 mit den Worten bezeichnet 
sind: 'Exceptis senatoribus atque honoratis, sed et bis qui provincias 
administrant' u. s. w. 

Die zweite Stufe des ordo nehmen ein: prineeps, cornic[ulJa- 
r|ius, Pa]latini. Die beiden ersten sind der Vorsteher des officium 
des Statthalters und der nach ihm höchste, auch sonst unmittelbar 
neben ihm genannte Beamte des officium. Diesen den eigentlichen Vor- 
stand des officium bildenden Subalternbeamten ist eine bevorzugte 
Stellung bei der salutatio eingeräumt. Mit ihnen auf dieselbe Linie ge- 
stellt sind die Palatini, d. h. die zu den officia der dignitates palatinae 
gehörenden Subaltcrnbeamten, insbesondere solche, welche zum officium 
des Comes sacrarum largitionum und des Comes rerum privatarum ge- 



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— 172 — 



hörten. Die letzteren namentlich kamen nicht selten der Beaufsichti- 
gung der Steuererhebung halber in die Provinzen. Dass sie in der ge- 
hörigen Weise mit zur salutatio des Provinzialvorstehers zugelassen 
werden sollen, wird in L. 2 C. J. de proximis 12, 19 streng einge- 
schärft. 

Wir übergehen hier noch die Ter[t]io aufgeführten 'coronati'. Nach 
ihnen sind zunächst genannt promoti officiales. Unter diesen 
promoti officiales kann man nicht wohl solche Oflicialen verstehen wol- 
len, welche bereits von der untersten Dienststelle in dem officium zu 
einer höheren befördert sind. Und wollte man an die höheren Stellen 
des officium denken, so würde vollständig ungewiss bleiben, an welcher 
Grenze dann die promoti aufhören. Meines Erachtens sind unter pro- 
moti officiales die ausgedienten Officialen zu verstehen, welche die gra- 
dus im officium bereits durchgemacht haben. Ihnen war es verboten, 
sich nochmals um die bereits bekleideten Stellen im officium zu be- 
werben, wie L. 2 C. Th. ad leg. Jul. 9, 26 zeigt: l Nullus omnino prin- 

cipatum ceteraque officia repetere audeat . At si quispiam pro- 

motorum denuo ad id munus irrepserit, quod docebitur ante gessisse, 
affectus gravissimis suppliciis poenam deportationis- excipiat.' Wie nun 
bei den Dignitäten jemand nach Niederlegung des Amts den Rang des 
bekleideten Amts beibehält, aber dem noch in diesem Amt befindlichen 
nachsteht, so verhält es sich entsprechend auch bei den Subalternstellen. 
Der ausgediente princeps, cornicularius u. s. w. stehen, sofern sie nicht 
bei ihrer Entlassung zu einem höheren Rang befördert sind, dem noch 
im Amt befindlichen im Range nach; daher folgen im ordo salutatio- 
num die promoti officiales erst auf den princeps, cornicularius, palatini. 

Nach den promoti officiales folgen in der Inschrift ///////////// DTVS 
CVM ORBIN Ii NI. Was kann darin stecken? Meines Erachtens [mag- 
istrajtm cum ordinfe om/ni. Die viorte Stufe des ordo nehmen ausser 
den promoti officiales die Municipalmagistrate mit dem ganzen ordo, 
den Dekurionen, ein. Dass diese Stelle für die in der konstantinischen 
Zeit wahrlich nicht angesehenen Municipalmagistrate und die curiales 
besser passt, als die erste, leuchtet wohl an sich ein. Verschiedene 
Stellen des Theodosianischon Kodex zeigen dieselbe den Dekurionen in 
der Rangordnung der konstantinischen Periode angewiesene Stelle. In 
L. 7 § 2 C. Th. de tironibus 7, 13 werden der Rangordnung nach auf- 
geführt : Senator, honoratus, principalis, decurio vel plebeius, in L. 52 
C. Th. de haereticis 16, 5 : iUwtres — spectabiles — senatores — da- 
rissimi — sacerdotales — principales — decuriones — negotiatores — 



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- 173 — 



plcbeii, in L. 54 § 4 eod. tit. : senator — mverdutaks — deeemprimi 
atriales (= principalcs) — reliqui deawiones. Haben wir so die Rang- 
stufe der Municipalmagistrate samt DekuriQnen gefunden, so fällt jeder 
Zwang, die administratores der ersten Stufe auf jene zu beziehen, fort. 
Eine besondere letzte Stufe bilden dann die officiales ex ordine, d. h. 
die übrigen Mitglieder des Officiums des Statthalters nach ihrem Rang. 

Wir kehren jetzt zu den die dritte Stufe des ordo einnehmenden 
coronati zurück. Rossi und, unter Zweifeln, auch Mommsen 1 ) halten 
dieselben für die sacerdotes provinciarum, denen der Kult des Kaiser- 
gottes oblag. Gegen diese Erklärung hat Hirschfeld 2 ) eingewandt, dass 
in der zweiten, vierten und fünften Kategorie des ordo salutationis nur 
die Officialen des Statthalters aufgeführt würden ; es liege demnach die 
Annahme nahe, dass auch unter den in der dritten Kategorie Genannten 
Officialen, und zwar die im Range dem cornicularius folgenden, also 
der commentariensis, adjutor und etwa noch der numerarius zu ver- 
stehen seien. Dieser Einwand verliert seine Kraft, wenn in der vierten 
Klasse, wie wir nach den vorhandenen Resten annehmen zu müssen 
glauben, neben den promoti officiales die magistratus cum ordine omni 
genannt waren ; dann erscheinen die auf die erste Klasse noch folgenden 
Kategorien nicht blos als solche von Officialen des Statthalters. Warum 
ferner die höheren Officialen als coronati bezeichnet sein sollen, bleibt 
unerklärt. Denn dass es, wie Hirschfeld äussert, vielleicht eines ihnen 
verliehenen Abzeichens wegen geschehen, ist eine Vermutung, welche 
mir keinen Anhalt zu haben scheint. Den coronati lag vor der Ver- 
ordnung vom Jahre 407 die defensio der Kirchen in Sachen, welcho 
mit der cura rerum sacrarum zusammenhingen, vor dem Statthalter ob. 
Hirschfeld muss nun annehmen, dass die christlichen Kirchen vor jener 
Verordnung gezwungen gewesen seien, ihre Angelegenheiten durch das 
Officium des Statthalters vor Gericht zu bringen. Das wäre im höchsten 
Grade auffallend, denn Alles, was wir sonst über die Weise wissen, in 
welcher das Officium bei Prozessen tbätig war, lässt es als Gehülfen 
des Magistrats „besonders im Formellen des Geschäftsgangs" erscheinen. 
Nirgends, soviel ich sehe, hat es die Aufgabe eines Vertreters der Par- 
teien. Meines Erachtens kann daher auch nicht die passio sanetorum 
IV coronatorum mit den im zweiten Teile derselben genannten vier 

1) Ephem. ep. V, p. 637. 

2) Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn. Jahrg. IX 
(1885) S. 24. Hirschfeld ist gefolgt Pernice in der Zeitschr. der Savignystiftung 
VII. 3, S. 113 ff. 



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— 174 — 



eornicularii zur Erklärung der coronati unseres ordo salutationis heran- 
gezogen werden. Weshalb diese vier Märtyrer als coronati bezeichnet 
sind, können wir hier dahingestellt sein lassen. 

Wir wollon min sehen, was sonst über die coronati zu ermitteln 
ist. Auf dieselben bezieht sich eine Konstitution der Kaiser Arcadius, 
Honorius und Theodosius vom Jahre 407, L. 38, C. Th. de episcopis 
16, 2, welcho auf eine Bittschrift der in demselben Jahre zu Karthago 
versammelten Bischöfe erging. In dieser Bittschrift (Coli. conc. ed. 
Mansi tom. III p. 802) heisst es: 'Placuit etiam, ut petant ex nomine 

provinciarum omnium legati perrecturi a gloriosissimis impera- 

toribus, ut dent facultatem defensores constituendi scholasticos, qui in 
actu sunt vel in raunere defensionis causarum, ut more sacerdotum pro- 
vinciae iidem ipsi, qui defensionem ecclesiarum susceperint, habeant facul- 
tatem pro negotiis ecclesiarum, quoties necessitas llagitaverit, vel ad 
obsistendum obrepentibus, vel ad necessaria suggercnda, ingredi judicum 
secretaria.' Die Bischöfe wünschen also von den Kaisern das Recht 
(facultas) zugestanden zu erhalten, rechtsgelehrte Advokaten zu bestellen 
in der Weise, dass die Advokaten, welche die Vertretung der Kirchen 
übernommen, befugt seien, in den Angelegenheiten der Kirchen die 
secretaria judicum zu betreten, bezw. Anträge an dieselben zu stellen, 
nach der Sitte der sacerdotes provinciae. Die Bischöfe hatten, wie wir 
annehmen müssen, bis dahin dieses Recht nicht besessen, sondern die 
Vertretung jener Kirchensachen war bis dahin durch die sacerdotes 
provinciae (dieses Wort vielleicht in einem etwas weiteren Sinne 1 ) ge- 
nommen) geschehen. Dass den sacerdotes provinciae vor dem Jahre 
407 in Afrika advocatio, Vertretung von Rechtssachen vor Gericht ob- 
lag, zeigt auch L. 46 C. Th. de decur. 12, 1 vom Jahre 358 ad Mar- 
tinianum Vicarium Africae, in welcher mit Rücksicht darauf verordnet 
wird, dass 'a solis advocatis eorumque consortio der sacerdos provinciae' 
bestellt werden solle. Auf jene Bitte der Bischöfe erfolgte in demselben 
Jahre 407 ein gewährendes Reskript dor Kaiser, die oben citierte L. 38, 
welche so lautet: 

Imppp. Arcadius, Honorius et Theodosius AAA. Porphyrio Pro- 
consuli Africae. Post alia: Privilegia, quae ecclesiis et clericis legum 
dccernit auetoritas, hac quoque praeceptione sancta et inviolata per- 
manere decernimus. Atque hoc ipsis praecipuum ac singulare deferi- 

1) Vgl. Hirscbfeld, z. Gesch. d. röra. Kaiscrcultus S. 25 A. 112: „Da der Titel 
sacerdos in den gallischen Inschriften ebenso für den activen wie den gewesenen 
Provinzialpriester gebraucht wird. H 



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— 175 - 

raus, ut, quaecunque de nobis, ad ecclesiam tantum portinentia, specia- 
liter fuerint impetrata, non per coronatos, sed per advocatos, eorum 
arbitratu, et iudicibus innotescant et sortiantur eft'ectum. Sacerdotes 
vero provinciae erunt solliciti, ne, sub hac scilicet privilegii excusatione, 
etiam contra eorum utilitatem aliquid his inferatur incommodum.' Die 
Kaiser gewähren darnach den ecclesiae und clerici als ein besonderes 
Privilegium (welches sie bi&ker nicht gehabt), dass nicht durch die 
coronati, wie bisher, sondern durch advocati nach ihrem, der ecclesiae 
und clerici Ermessen, kirchliche Sachen, welche sich auf besondere, nur 
die Kirche betreffende kaiserliche Gewährungen stützen, an die iudices 
gebracht und vor ihnen durchgeführt würden. Unter den coronati kön- 
nen hier nur die Personen verstanden sein, welche in der Bittschrift 
der Bischöfe in den Worten 'more sacerdotum provinciae' in Bezug ge- 
nommen waren. Weiter sollen aber die sacerdotes provinciarum es 
Gegenstand ihrer Sorge sein lassen, dass nicht, unter dem Vorwande 
dieses den clerici zugestandcDen Privilegs, gegen der coronati Interesse 
etwas Nachteiliges von den advocati der Kirche geschehe. Zur Erläu- 
terung dieses Reskripts muss darauf hingewiesen werden, dass das dem 
Kaiserkulte dienende Provinzialpriestertum in das christlich-römische 
Reich übergegangen und von den christlichen Herrschern geduldet, ja 
in gewisser Weise geschützt worden ist. 1 ) Haben doch Konstantin und 
seine Söhne die Rechte der heidnischen Priestertümer überhaupt, soweit 
sie nicht religiösen, sondern „civilen odor sakral-juristischon Inhalts 
waren", geschont. 8 ) Noch mehr geschah das in Bezug auf das reli- 
giösen Inhalts ganz entkleidete Amt der sacerdotes regionum et pro- 
vinciarum, welche immer noch den Vorsitz in den Provinzialkonzilien 
und die Ausrichtung von, sowie den Vorsitz bei Spielen hatten. 
Diese Provinzialpriester waren später Christen, und die Leidenschaft 
für die Spiele teilten auch noch viele Christen mit den Heiden. 
Von cbristlieh-priesterlicher Seite sah man aber diese Überbleibsel des 
Heidentums nicht gern. Ein Christ sollte nicht gezwungen werden, das 
sacerdotium provinciae zu übernehmen, falls er sich in seinem Gewissen 
dadurch bedrängt fühle. Darüber sagt L. 112 C. Th. de decur. 12, 1: 
4 In consequenda archierosyne ille sit potior, qui patriae plura praesti- 
terit, nec tarnen a templorum cultu observatione Christianitatis absces- 



1) Vgl. darüber Hirschfeld, z. Gesch. d. röm. Kaisercultus S. 28 f. 

2) V. Schultze, Geschichte des Untergangs des griech -römischen Heidenthiims 
S. 62, 91, 331. 



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- 176 - 



serit. Quippe indecoruin est, inimo ut verius dicamus, illicitum, ad 
eorum curam templa et templonim solennia pertinere, quorum consci- 
entiam verae ratio divinae religionis imbuerit, et quos ipsos decebat 
tale munus, etiamsi non prohiberentur, effugere. Einen solchen soll 
man also zu diesem munus sacerdotii nicht wählen. Den sacerdotes 
provinciae bezw. den sacerdotales hatte in heidnischor Zeit auch die 
Verwaltung der für die Erhaltung der Tempel erforderlichen Gelder, 
sowie der für die Feste bestimmten Kapitalien obgelegen. 1 ) Wenigstens 
in Afrika scheint man ihnen bezw. mit ihnen in Verbindung stehenden 
Personen auch in christlicher Zeit die Vertretung der Kirchen in ihren 
Vermögensangelegenbeiten vor Gericht überlassen zu haben. Das aber 
sahen die Kleriker ungern, und so erklärt sich die Bittschrift der zu 
Karthago versammelten Bischöfe an die Kaiser, ihnen die Bestellung 
von rechtsgelehrten Advokaten, welche die Vertretung der Interessen 
der Kirchen wohl besser besorgten und auch von den Weisungen der 
sie bestellenden Bischöfe abhängiger gewesen sein werden, zu gestatten. 
Die Kaiser gestatten das in dem früher bezeichneten Umfang. Doch 
soll die Gewährung dieses Privilegs auch nicht umgekehrt dazu benutzt 
werden, die sacerdotes provinciarum in ihrem eigensten Gebiet zu be- 
einträchtigen. Nicht blos aber aus der allgemeinen Abneigung der 
Kirche gegen die Überbleibsel des Heidentums erklärt sich die kirch- 
liche Satzung, durch welche jemand, welcher nach empfangener Taufe 
coronatus gewesen ist oder das sacerdotium provinciae bekleidet hat, 
für unfähig zum christlichen Priestertum erklärt wird. Diese Satzung 
hat vielmehr darin ihren Grund, dass die sacerdotes regionum et pro- 
vinciarum gesetzlich verpflichtet waren, jene blutigen Gladiatorenspiele 
und Tierkämpfe zu geben, 8 ) welche selbstverständlich vom christlichen 
Standpunkt auf das tiefste verabscheut werden mussten. Einem Manne, 
der solchen blutigen Schauspielen präsidiert hatte, klebte der defectus 
perfectae lenitatis an, welcher auch nach der späteren Auffassung der 
Kirche unfähig zur Ordination macht. So wird in einem Schreiben des 
Papstes Tnnocenz vom Jahre 400 an die episcopi in Toletana synodo 
constituti 3 ) gesagt : 'Quantos (ex curialibus) qui voluptates et editiones 
populo celebrarunt, ad honorem summi sacerdotii pervenisse (compe- 



1) Marquardt, römische Staatsverwaltung I, S. 367 A. 8 u. 9. 

2) Vgl. jetzt das Senatusconsultum de sumptibus ludorum gladiatoriorum minu- 
endis factum a. p. C. 176/7 Z. 59 ff. in d. Ephem. ep. VII, p. 388 ff. und dazu 
Mommsen p. 403 ff. 

3) Coli conc. ed. Mansi tom. III, p. 1004. 



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- 177 - 

rimus)! Quorum oraniura neminem ne ad societatem quidem ordiuis 
clericorum oportuerat pervenisse?' Und weiter: 1 ) 'neque de curialibus 
aliquem ad ecclesiasticnm ordinem venire posse, qui post baptismum 
vel coronati fuerint vel sacerdotium (quod dicitur) sustinuerint, et edi- 
tiones publicas celebraverint.' Hier werden die coronati neben denen, 
qui sacerdotium sustinuerint genannt, und so ist denn auch wohl mit 
Mommsen anzunehmen, dass auch in dem Erlass der Kaiser vom Jahre 
407 unter den coronati und den sacerdotes provinciarum nicht ganz 
dieselben Personen verstanden sind. An beiden Stellen, wie auch in dem 
ordo salutationum werden die coronati in der Mehrzahl genannt: es 
scheint mit dem Wort eine ganze Klasse von Personen bezeichnet zu 
sein. Nach den neueren Forschungen über das Provinzialpriestertum 2 ) 
ist dasselbe für je eine Provinz immer nur von Einem für ein Jahr 
gewählten bekleidet worden. Gewählt wurde aus den curiales, 3 ) gewählt 
werden sollten nur solche Personen, welche bereits alle übrigen honores 
ihrer Vaterstadt verwaltet hatten; es ist demgemäss in den Inschriften 
eines solchen Priesters derselbe regelmässig mit dem Zusatz 'omnibus 
honoribus apud suos functus' oder einem ähnlichen bezeichnet. Sind 
die coronati nun auch mit den Provinzialpriestern nicht identisch, so 
müssen sie doch, da sie in den angeführten Stellen im Zusammenhange 
mit ihnen und unmittelbar neben ihnen erwähnt werden, in einer näheren 
Beziehung zu ihnen gestanden haben, in einer so nahen, dass ihnen 
dasselbe Insigne, welches gerade für Afrika als den Provinzialpriestern 
zukommend nachweisbar ist, 4 ) der goldene Kranz, zukommen konnte. 
Auch von Firmicus, Matbes. lib. III, c. 14 werden um die Mitte des 
vierten Jahrhunderts (sein Werk wurde um 354 vollendet) die coronati 
unmittelbar neben Priestern erwähnt: 'Si vero per noctem in horosc. 
pariter fuerint inventi, facient acutos, ingeniosos, et qui omnia quae 
agere voluerint facile consequantur. Erunt autem aut coronati aut sacer- 
dotibus praepositi aut sacrorum baiuli simulacrorum' u. s. w. Zunächst 
wird man nun die gewesenen Provinzialpriester, die sacerdotales, als zu 
den coronati gehörig, betrachten können. Aber auf sie beschränken kann 
man die Klasse der coronati nicht, wie aus jenem Schreiben des Papstes 
Innocenz an die episcopi in Toletana synodo constituti hervorgeht. 



1) Ebendaselbst p. 1065. 

2) Vgl die Angaben bei Hirschfeld a. a. 0. S. 15 A. 66 a. 

3) Kuhn a. a. O. S. 116. Hirschfeld a. a. S. 19 ff. 

4) Tertull. de idolol. c. 18. spect. c. 11. Vgl. ferner für Dacien C. J. Ii. III, 
1433; für Tuscien und Umbrien OreU. 3866. 



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- 178 — 

Wenn hier genannt sind : l qui post baptismum coronati fuerint vel sacer- 
dotium (quod dicitur) sustinuerint', so können unter den ersteren un- 
möglich die, welche das sacerdotium bereits bekleidet haben, verstanden 
werden. Diese coronati werden ebenso, wie die, welche sacerdotium 
siistinuerint, der Ordination für unfähig erklärt, und zwar ans dem 
gleichen Grunde, welcher in den auf beide Kategorien sich beziehenden 
Schlussworten 4 et editiones publicas celebraverint' hervorgehoben ist. 
Unter den coronati werden wir also auch Spielgeber zu verstehen haben, 
und zwar editores von Gladiatorenspielen und Tierkämpfen, natürlich 
nur solche, welche unter öffentlicher Auctorität, also als Private nur 
nach durch die Dekurionen oder den Kaiser erhaltener Erlaubnis der- 
artige Spiele ausgerichtet hatten. In welchem Umfange diese Spiel- 
geber hierher zu rechnen sind, muss man billig dahingestellt sein lassen. 
Vielleicht wurde nur die Ausrichtung von Spielen ex liberalitate *) mit 
Versetzung des Spielgebers in die den sacerdotales gleichstehende höhere 
Rangklasse der coronati belohnt. Dass auch Privatleute als Spielgeber 
unter öffentlicher Autorität schon in älterer Zeit magistratische Insig- 
nien führen durften, ist bekannt. Da in der späteren Kaiserzeit die 
sacerdotes provinciarum wohl die hervorragendsten editores von Gladia- 
torenspielen und Tierkämpfen waren, so ist es begreiflich, dass die 
Führung desselben Insigne, womit sie als Vorsitzende solcher Spiele 
ausgezeichnet waren, der Corona, auch den Privatleuten, welche ex liber- 
alste solche Spiele unter öffentlicher Autorität ausrichteten, als den 
Vorsitzenden solcher Spiele zugestanden wurde. 

Die Klasse der coronati war in einem gewissen Masse mit der 
bekannten Klasse der sacerdotales identisch. Dass zu denselben nicht 
blos die gewesenen Provinzialpriester gehörten, sondern dass sie eine 
Rangklasse bildeten, in welche jemand auch durch Cooptation oder Wahl 
aufgenommen werden konnte, daraufweist wohl folgende Inschrift hin : C. I. 
L. X n. 7518 : 'cooptato et adlecto in quinque decurias et inter sa[c]er- 
dotales prov(inciac) Sardiniae.' Gerade in Afrika werden auch die 
sacerdotales häutig erwähnt. 8 ) Aus verschiedenen Konstitutionen des 

1) Vgl. über die causae munenim, insbesondere über die munera ex Uberali- 
täte Mommsen in d. Ephera. ep. VII, p. 39t) sqq. 

2) P. Guiraud, Les assenibUes provinciales dam l'empire Romain, S. 95 f. 
In dem neu gefundenen Bruchstück des Stadtrechts von Narbo (C. J. L. XII, 6038 
Z. 14) wird unter den dem abgetretenen Flamen der Provinz eingeräumten Ehren- 
rechten erwähnt: jeidem ijn curia sua et concilio provinciae Narbonesis inter 

sui ordinis secundum lefgem ] sententiae dicendae signandi jus esto. Mommsen 

(Staatsrecht III, 2. S. IX, A. 1) versteht unter signare die schriftliche Abstimmung, 



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— 179 — 



Theodosianischen Kodex ergibt sich, dass dieselben den höchsten Rang 
in der Kurio einnahmen, dass sie über dem übrigen ordo standen, den 
principales noch vorangingen. Vgl. L. 75 C. Th. de decur. 12, 1 : 'Qui 
ad sacerdotium provinciae et principalis honorem gradatim et per or- 

dinem pervencrint 1 u. s. w. L. 77 eod. tit. : — 4 nec vero princi- 

palium vel sacerdotalium — — in honores primos irrepent'. In L. 52 
§ 1 C. Th. de haeret. 16, 5 werden nach den clarissimi zunächst die 
sacerdotales, dann die principales, dann die decuriones aufgeführt, in 
L. 54 $ 4 eod. tit. nach dem Senator die sacerdotales, dann die decem- 
primi curiales, endlich reliqui decuriones. Sehen wir nun, dass im ordo 
salutationum die coronati nach den höheren Klassen vor derjenigen, in 
welcher die magistratus cum ordine omni figurieren, genannt werden, 
so sprechen, meine ich, jene Stellen des Theodosianischen Kodex dafür, 
dass die coronati mit den sacerdotales sich bis zu einem gewissen Grade 
decken, jedenfalls auf einer Rangstufe mit ihnen stehen. Direkter noch, 
als jene Steilen, spricht für diese Annahme, dass in dem gleichfalls der 
Zeit Julians angehörenden album Thamugadense die sacerdotales nach 
den viri perfectissimi vor dem curator, dem erst die duoviri folgen, 

und Hirschfeld, z. Gesch. d. röm. Kaisercultus S. 27 A. 121 scheint ihm darin bei- 
zustimmen. Es scheint aber doch unter dem jus signandi ein besonderes Recht neben 
dem Recht der sententia gemeint su sein. M. E. ist das jus signandi das Recht des 
decurio bezw. des Senators, bei der Niederschrift des Beschlusses des Senats als 
Urkundszeuge zu fungieren (scribendo adesse) und bei der Beglaubigung dem Namen 
ein Siegel beizusetzen. Die Angabe in dem Senatuskonsult : Scribendo adfuerunt 

rührt von dem Urheber des Senatuskonsults her, die Beglaubigung dieser 

Angabe und des Inhalts des niedergeschriebenen Senatuskonsults wird durch das 
signarc der angegebenen Urkundszeugen erfolgt sein. Man könnte sagen, sie hätten 
mündlich über ihre Assistenz und den Inhalt des beschlossenen Senatuskonsults 
vernommen werden können. Gewiss konnten sie das, aber die Möglichkeit münd- 
licher Vernehmung kann die Beglaubigung durch das signare nicht ersetzen, da zu 
der Zeit, wo es sich um die Konstatierung des Senatuskonsults handelt, sämtliche 
Urkundszeugen gestorben sein können. Dass bei dem signare eine Rangordnung 
beobachtet wurde und die einer höheren Rangklasse der Senatoren angehörende 
Urknndsperson ihren Namen nebst Siegel vor der geringeren Ranges auf die Ur- 
kunde setzte, ist nicht zu bezweifeln. Vielleicht konnten sogar bei der Niederschrift 
gewisser Senatuskonsulte nur Senatoren aus höheren Rangklassen als Urkunds- 
personen fungieren, worauf Cic. ad Att. IV, 17 (18), 2 zu gehen scheint : — 4 nisi 
— duo consulares, nui se dicerent in ornandis provineiis consularibus scribendo ad- 
fuisse, cum omnino ne senatus quidem fuisset.' Das jus signandi wird sich aber 
auch bei Beglaubigung der Beschlüsse von Senatskommissionen und von Dekreten 
von Magistraten, zu deren consilium Senatoren gehörten, geltend gemacht haben (vgl. 
d. Set. de Oropiis a. «81 und das decrelum proconsulis Sardiniae a. 68 p. Chr.). Die 
senatores pedarii und die decuriones pedarii sind vielleicht ursprünglich wie von 
dem jus sententiae dicendae, so auch von dem jus signandi ausgeschlossen gewesen. 



4* 

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— 180 — 



aufgeführt werden (C. J. L. VIII, 2403 p. 267). Auch dass sie hier 
nach den perfectissimi aufgeführt werden, spricht nicht gegen die der 
der coronati gleiche Rangstellung: auch im ordo salutationum folgen 
die coronati erst auf princeps cornicularius, palatini, hohe Subaltern- 
beamte, denen sehr wohl das Prädikat 'perfectissimus' verliehen werden 
konnte. 

Der im Amt befindliche sacerdos provinciae bedurfte für seine 
Amtsgeschäfte der Gehülfen. Wem hätte er diese, namentlich die Füh- 
rung der mit der cura rerum sacrarum zusammenhängenden Rechts- 
streitigkeiten, eher anvertrauen können, als Männern,, in deren Klasse 
er selbst nach niedergelegtem Amte eintrat, welche bereits die für der- 
artige Geschäfto nötigen Erfahrungen gesammelt hatten? Die sacer- 
dotales bezw. coronati werden also häufig im secretarium des Statt- 
halters haben erscheinen müssen. So lag es nahe, ihnen im ordo salu- 
tationum die ihrem auch sonst im Staatsleben anerkannten Range 
entsprechende Stellung einzuräumen. 



I 

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Beiträge zur Geschichte der Perserkriege. 

Von 

Alfred von Domoszewski. 



I. Der panhellenische Bund auf der delphischen 

Schlangensäule. 

Das Verzeichnis der griechischen Staaten, 1 ) welche sich zu gemein- 
samer Abwehr der Perser verbanden und in den Schlachton von Salamis 
und Plataeae 2 ) ihrem Volke die Freiheit erstritten, ist uns auf dem 
delphischen Weihgeschenk, das unter Konstantin nach Byzanz über- 
tragen, heute die Mitte des ehemaligen Hippodroms ziert, in offizieller 
Form überliefert. Denn da die Lakedämonier , als Oberhaupt des 
Bundes, die Aufzeichnung der Sieger an der Siegesgabo verfügten, 3 ) so 
kann die delphische Liste keine andere sein als die offizielle 4 ) des 
Bundes, und es wird demnach die gleichlautende Liste nicht nur auf 
dem delphischen und olympischen Weihgeschenk, sondern auch auf dem 
isthmischen zu lesen gewesen sein. Die Abweichungen der Liste des 
olympischen Weihgeschenkes bei Pausanias 5 ) sind allerdings geeignet 
diesen Sachverhalt zu verdunkeln. Bevor jedoch der Versuch gemacht 

1) Die Absicht des Schreihers der delphischen Liste alle Staaten zu nennen, 
die am Kriege teilgenomen, kann füglich nicht bezweifelt werden, nachdem Kabri- 
eius (Arch. Jahrbuch I, 176) die Anfangsworte zotde to\> ~oģftou izoXifxeo'v 
richtig gelesen. 

2) Die Weihgeschenke in Delphi, Olympia und auf dein Isthmus sind aller- 
dings aus der Siegesbeute von Plataeae errichtet (Herod. !), 81); aber schon die 
Worte der delphischen Inschrift beweisen, dass sie dem ganzen Kriege galten. Dies 
ist auch die Auffassung des Verfassers der Rede gegen Neaera § 97. 

3) Thukyd. I, 132. 

4) Eine offizielle Feststellung der Namen beweist auch die nachträgliche Auf- 
nahme der Tenier (Herodot 8, 82), sowie die Erzählung in der Hede gegen Xeaera. 

5) V, 23. Vgl. den Text der beiden Listen am Schlosse. 

12 



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— 182 — 



werden kann, diese Abweichungen durch eine, wie ich glaube, einfache 
Annahme befriedigend zu erklären, ist es notwendig die Anordnung der 
authentisch überlieferten delphischen Liste schärfer zu prüfen. 

Dass die drei führenden Staaten Lakedaeraon, Athen und Korinth >) 
an die Spitze gestellt sind, springt in die Augen uud ihre Dreizahl hat 
zunächst die Disposition der übrigen Namen, welche gleichfalls in 
Gruppen von je drei Namen geschieden sind, bestimmt. Denn die 
Tenier und Siphnier, welche auf dem siebten und zohnten Ringe an 
vierter Stelle erscheinen, wurden, wie zuletzt Pabricius nachgewiesen, 
erst später hinzugefügt. Das gleiche gilt von den Kythniern. 2 ) Die 
Vergleichung der olympischen Liste, 3 ) wo sie hinter den Naxiern stehen, 
zeigt, dass sie in der delphischen ursprünglich fehlten. Denn auch die 
Tenier sind in der olympischen Liste an einer anderen Stelle, nämlich 
nach den Ambrakioten eingefügt worden. Vor allem aber ist es aus 
Gründen, die später darzulegen sein werden, unmöglich, dass die Kyth- 
nier von Anfang an die sonst geschlossene Reihe der korinthischen 
Kolonien unterbrachen. Demnach hat der Schreiber der delphischen 
Liste die vier letzten Namen in der Weise disponiert, dass je zwei auf 
den beiden letzten Ringen zu stehen kamen. 

Wenn nun an sich angenommen werden darf, dass in einer offi- 
ziellen Liste die Abfolge der Namen nicht durch das Belieben des 
Schreibers bestimmt wurde, sondern vielmehr ein durch die Ordnung 
des Bundes gegebenes Prinzip zu Grunde liegen muss, so bietet die 
Abfolge der Namen selbst hinreichende Anhaltspunkte dieses Prinzip 
und damit die Ordnung des Bundes zu erkennen. 

Sobald man sieht, dass die Tenier, Kythnier und Siphnier einge- 
schoben sind, scheiden sich die Namen deutlich in drei Gruppen. Die 
erste, von Tegea bis Tiryns, umfasst die Staaten des peloponnesischen 
Bundes, die dritte, von Potidaea bis Ambrakia, die korinthischen Ko- 
lonien. Erwägt man ferner, dass unter den führenden Staaten Lake- 
daemon an erster Stelle, Korinth an dritter steht, so liegt die Ver- 
mutung nahe, dass die zweite Gruppe aus jenen Staaten gebildet ist, 



1) Dass die Stimme Korinths neben jener von Sparta und Athen entscheidend 
gewesen, zeigen die Beratungen vor der Schlacht bei Salamis (Hcrodot 8, 61 u, 79). 

2) Wie Fabrieius mir schreibt, hat auch er vor dem Monumente selbst die 
Möglichkeit erwogen, dass der Name der Kythnier später eingeschrieben wurde, 
ohne jedoch in der Stellung und Schreibung der Namen eine Bestätigung seiner 
Annahme linden zu können. 

:i) Die übrigen Abweichungen der olympischen Liste sind anderer Art. 



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- 183 - 

welche sich der Leitung Athens unterordneten. Diese Auffassung der 
zweiten Gruppe ist geeignet, sachliche Bedenken zu erwecken, Bedenken, 
die sich jedoch heben lassen, wenn man den Zeitpunkt in Betracht zieht, 
in welchem die Aufzeichnung der Liste erfolgt sein wird. Die über- 
wiegende Masse dieser Staaten bilden die Inseln des ägäischen Meeres; 
sie unter der Hegemonie Athens zu sehen, kann nicht befremden, wenn 
Athen inuerhalb des panhellenischeu Bundes als führender Staat zur 
See anerkannt war, d. h. also nach dem Sturze des Pausanias. 1 ) Nun 
geschah die Aufzeichnung der Namen im bewussten Gegensatz gegen 
die anmassende Haltung des Pausanias und einige Zeit nach Aufstellung 
des Weihgeschenkes, dessen Anfertigung geraume Zeit in Anspruch 
genommen haben muss. Wir wissen aber jetzt aus Aristoteles' athe- 
nischer Politie § 28, dass der Sturz des Pausanias in das Jahr nach 
der Schlacht von Plataeae fällt, demnach wahrscheinlich erfolgte, ehe 
das Weihgeschenk vollendet war. Die Annahme also, dass die Liste 
nach dem Sturze des Pausanias geschrieben worden, ist mit den be- 
kannten Thatsachen durchaus vereinbar. 

Dass in der zweiten Gruppe die Plataeer an der Spitze stehen, 
dient der Auffassung, diese Gruppe bestehe aus den Bundesgenossen 
Athens, gewiss zur Stütze und, wenn man die tiefe Demütigung Thebens 
nach der Schlacht bei Plataeae richtig würdigt, so kann auch der An- 
schluss der Thespier, der Schicksalsgenossen der Plataeer in dem gros- 
sen Kriege, an Athen nicht befremden. Für die Stellung Mykencs 
unter den attischen Symmachen bietet die Überlieferung keinen posi- 
tiven Anhalt. Aber die völlig verschiedene Behandlung, welche die 
Tirynthier, nach der delphischen Liste Bundesgenossen der Spartaner, 
und die Mykenaeer erfahren, nachdem beide Städte in den Wirren, welche 
den Peloponnes nicht lange nach den Perserkriegen erschütterten, ihren 
Untergang gefunden, erhält dann erst ihre volle Bedeutung. Denn wäh- 
rend Mykene für immer aus der Zahl der griechischen Geraeinwesen 
verschwindet, werden die Tirynthier in Epidaurus und auf dem Gebiete 
von Hcrmione angesiedelt und bilden in Halieis einen neuen Staat. 2 ) 
Gewiss ist es auch nicht bedeutungslos, dass wohl in Tiryns ein König 
aus dem Geschlechte der Herakliden erwähnt wird, 3 ) nicht aber in My- 
kene, also nur Tiryns für dorisiert galt. Warum die Eleer, welche an 
den Kämpfen gegen die Perser keinen Anteil genommen, auf den Weih- 

1) Thukydides I, <)*>. DG. 102. 

2) Vgl. Busolt, (!r. iivsvh. II. S. ;177. 

3) Vgl Busolt a. O. I, S. G7. 

0 



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- 184 — 



geschenken aufgezeichnet wurden, war bisher unerklärlich ; geschah dies, 
weil die Athener für ihre Bundesgenossen diese Ehre in Anspruch nah- 
men, so wird es verständlich. Auch die einzige Thatsache, welche aus 
der eleischen Geschichte für diese Jahre bezeugt ist, die Umgestaltung 
der Verfassung im demokratischen Sinne, 1 ) spricht für einen politischen 
Anschluss dieser Landschaft an Athen. Innerhalb der attischen Gruppe 
ist weder eine Scheidung nach See- und Landstaaten durchgeführt, noch 
herrscht die alphabetische Ordnung und ebensowenig entspricht die 
Folge der Stärke der Kontingente, welche diese Staaten zum Kriege 
gestellt. Den einzigen Anhalt bietet die Stellung der Plataeer an der 
Spitze der Gnippe. Diese sind zweifellos die ältesten Bundesgenossen 
Athens und demnach werden die Staaten aufgezählt sein nach derZeit 
ihres Eintrittes unter die attische Hegemonie, 8 ) so dass also die 
Thespier und Mykenaeer nach der Schlacht von Plataeae, die Inselstaaten 
nach dem Sturze des Pausanias, Elis von allen zuletzt Bundesgenossen 
der Athener geworden sind. Bekanntlich gehören jene Inselstaaten mit 
Ausnahme von Melos zugleich dem delischen Seebunde an, eine Zwitter- 
stellung, die jedoch nicht befremden darf, weil alle Inseln des ägäischen 
Meeres, welche nach der Schlacht von Mvkale von den Spartanern in 
den panhellenischen Bund aufgenommen wurden, sich notwendig in dem- 
selben Verhältnis befunden haben müssen. 8 ) 

Derselbe Grundsatz scheint auch für die Abfolge der Glieder der 
peloponnesischen Symmachie massgebend zu sein. Auch hier stehen die 
Tegeaten, die älteston Bundesgenossen der Spartaner, an der Spitze und 
die Tirynthier, wie es scheint die jüngsten, 4 ) am Schlüsse, so dass also 
die delphische Liste uns ein Bild der allmählichen Er- 
weiterung des peloponnesischen Bundes erhalten hätte. 



1) Vgl. Busolt a. 0. II, S. 373. 

2) Wie dies auch in der bekannten l'rkunde des zweiten Seebundes geschieht 
und bei einein allmählichen Anwachsen eines Hundes kaum anders sein kann. 

3) Es ist wohl möglich, dass die Inseln des Inselkreises der Tributlisten nichts 
anderes sind als jener panhellenische Bestandteil des delischen Seehundes; es 
würde dies in einfacher Weise erklären, weshalb einzelne Inseln trotz ihrer geo- 
graphischen Lage, weit ah von der Küste, zu den Küstenkreisen geschlagen wurden. 

4) Auch Tiryns wird sich erst nach den I'erserkriegen, gleich Mykene, an 
den mächtigen Bundesgenossen angeschlossen haben, um sich vor dem Ilasse, mit 
welchem Argos die argivischen Mitkämpfer in den Perserkriegen verfolgte, zu 
schützen. Denn während Mykenaeer bereits in den Therniopyleu kämpfen (Hcrodot 
7, 202), obwohl sie zu Sparta in keinem Bundesverhältnis stehen, treten die Tiryn- 
thier erst in der Schlacht bei Plataeae auf. 



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— 185 - 



Historisch bedeutsam ist die Stellung Korinths, als führender Staat 
nach Lakedaemon und Athen und als Haupt einer besonderen, aus seinen 
Kolonien gebildeten Symmachie ; der ausschlaggebende Einfluss, welchen 
Korinth auf die Politik des peloponnesischen Bundes stets genommen, 
steht damit in vollem Einklang. Der Platz der Lepreaten am Schlüsse 
der Liste ist an sich dafür beweisend, dass sie keinem jener drei Staaten- 
vereine angehörten, ein Verhältnis, das nach Thukydides Zeugnis noch 
nach dem Nikiasfrieden bestand. 1 ) 

Die wichtigste Abweichung der olympischen Liste des Pausanias 
liegt in der Stellung der Ambrakioten und Lepreaten, die auf einen 
handschriftlichen Fehler kaum zurückgeführt werden kann, da die Namen 
unter sich in der richtigen Ordnung erscheinen. Noch weniger kann 
man annehmen, dass der Schreiber der Inschrift willkürlich die offizielle 
Ordnung des Bundes abgeändert hat. Denn alle anderen Namen, mit 
Ausnahme der Chalkidier, 2 ) stehen, soweit sie erhalten sind, genau in 
der Folge der delphischen Liste. Da nun die Störung nach dem acht- 
zehnten Namen der delphischen Liste eintritt, so wird man annehmen 
dürfen, dass der Schreiber der olympischen Liste die Namen in drei 
Kolumnen disponierte, :| ) so dass die ersten zwei Kolumnen je neun 
Namen, die dritte zehn Namen enthalten sollte. Aus irgend einem nicht 
mehr erkennbaren Grunde hat nun der Schreiber mit dem Räume, der 
für die dritte Kolumne verfügbar war, sein Auslangen nicht gefunden 
und die zwei letzten Namen der Liste zwischen die zweite und dritte 
Kolumne gesetzt. Der Kopist der Inschrift aber, auf welchen die Vor- 
lage des Pausanias zurückgeht, hat die Namen abgeschrieben, wie sie 
standen, ohne sich über ihre Abfolge den Kopf zu zerbrechen. Dass die 
Namen, welche Pausanias weglässt, bereits in seiner Vorlage nicht zu 
finden waren, sagt er ausdrücklich, 4 ) und sie werden demnach schon in 



lj Thukydides. V, 31. Dies beweist der ganze Verlauf des Zwistes zwischen 
Lepreon und Eli* und die .\rt, wie sieh die Spartaner zu Beschützern der Le- 
preaten aufwerten. 

2) Denn dass die Tegcaten schon in der Vorlage des Pausanias ihren Platz 
vor den Orchomeniern hatten, ist nicht die Schuld des Schreihers der Inschrift 
noch desjenigen der sie kopierte, sondern ist späterhin in der deutlichen Absicht 
geschehen, die Arkadier zu den Arkadiem zu stellen, während die Liste sonst auf 
die geographische Lage gar keine Rücksicht nimmt. 

3) Die Teilung in drei Kolumnen war schon durch die Stellung der ob- 
longen, auf ihrer Langseite stehenden Schriftrläche gegeben (Paus. V, 23, lj. 

•4) Durch seiue recht gedankenlosen Bemerkungen, die z. B. an dem Fehlen 
»ler Thespier und Kretrier gar keinen Aiistoss nehmen. 



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der ersten Kopie der Inschrift gefehlt haben. Die einfachste Annahme, 
dieses Ausfallen einzelner Namen — fast durchweg in der letzten Ko- 
lumne — zu erklären, dürfte die bei Inschriften so häufige Erscheinung 
sein, dass das Original beschädigt war. Dann schrieb der Kopist ab, 
was er noch zu entziffern vermochte, und mag den Namen der Chal- 
kidier erst bei einer Revision seiner Abschrift, welche man gewöhnlich 
vorzunehmen pflegt, lesbar gefunden und so am Schlüsse nachgetragen 
haben, wie dies minder kundige Kopisten auch heute noch thun würden. 

Das Fehlen der Paleor in beiden Listen (vgl. Herodot 9, 28) erklärt 
sich vollkommen, wenn diese Listen ein Verzeichnis jener Staaten sind, 
die nach dem Übergange der Hegemonie zur See an Athen zum pan- 
hellenischen Bunde gehören und am Kriege teilgenommen haben: zu 
diesen wird Pales eben nicht gehört haben. Warum man die Siphnier 
nachgetragen und nicht die Seriphier (vgl. Herodot 8, 46) ist natürlich 
nicht zu erraten ; vielleicht waren letztere nicht autonom, sondern einer 
Nachbarinsel unterworfen. 



Text der Listen. 



Delphische List e. 



Olympische Liste. 

Aaxtdaiju'mm 

AÜr^dun 

Ko[»ivHun 



Aaxefiat/toviot 



llftauaiot 

Kofn>Htm 

Teyeärut 



5 l'ix'jt'mm 



l'lX'UÜWOC 

Msyu t ostg 



Acytuäzut 

'KnlÜWJfUOi 



'Extda'jfnm 



10 &kidmm 




y F.[>yojdwn 




15 &e<j-isg 



fehlen 



Ahnt 



M'jxr^ahu 
hitot 



)ldhot 



'Afi-rtaxtojzut 
Ae-fjeäzat 



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— 187 — 



20 Xd£tm 
XuÄxtoi^ 

25 J/oTtSstÜTUt 

k'jxdfhn 
A>jt%tm 

30 WfXXfMXtOTUt 
.IsTTfteäTUl 



Xdztm 
fehlen 

Wehn 
llu-ioatdrut 

fehlen 
! buxzofnot 

fehlen 



XaÄxtdstc. 



II. Der Rückzug der Perserflotte nach der Schlacht 

bei Salamis. 

■ 

Es liegt im Wesen der herodoteischen Überlieferung, dass die 
strategischen Gedanken, nach welchen die persischen Führer das Er- 
oberungsheer des König Xerxes geleitet, völlig verdunkelt sind durch 
die Schilderung der einzelnen Kämpfe, die vor allem im Gedächtnis 
der Späteren fortlebten und so den Kern der mündlichen Tradition bil- 
deten. Die hellenische Volksvorstellung von der mit der Gewalt der 
Elemente hereinbrechenden Barbarenflut beherrscht in einem gewissen 
Grade auch die Auffassung der Modernen. Und doch kann es keiuem 
Zweifel unterliegen, dass die Perser, die Erben der vorderasiatischen 
Grossmächte, gebildet in der Schule der grossen Kriege, welche jene 
Mächte seit mehr als einem Jahrtausend zu führen gewohnt waren, 
sowohl in der Anlage als im Verlaufe des Feldzuges ihre Massregeln 
nach wohlerwogenen militärischen Gesichtspunkten getroffen haben. 

Demnach ist es eine Frage, die der Antwort wohl bedarf, was die 
persische Heeresleitung bestimmte, nach den verlustreichen Kämpfen 
bei Salamis auf ein weiteres Zusammenwirken ihrer Streitkräfte zu See 
und zu Land ganz zu verzichten. Denn so eifrig Mardonius und Andere 
auch bemüht sind den Grosskönig aus dem Heere zu entfernen, ihr 
Sinn ist doch darauf gerichtet im kommenden Sommer die Entschei- 
dung noch einmal herauszufordern. Aber es wäre schwer zu sagen, in 



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- 188 - 



welcher Weise der Rückzug der Flotte bis an die Küste Kleinasiens 
der Fortführung des Krieges in Griechenland hätte dienen sollen. Hier 
liegt zweifellos eine Lücke in unserer Überlieferung vor, die vielleicht 
durch eine zweite nicht minder auffallende ihre Erklärung findet. Denn 
es ist gewiss nicht minder befremdend, dast; in der persischen Flotte, 
die im nächsten Sommer bei Samos zum Schutze Joniens vor Anker 
liegt, gerade die zuverlässigsten Kontigente, die Phönikier, fehlen. Die 
Ansicht, dass sie in dem kritischen Augenblicke, wo die griechische 
Flotte in den jonischen Gewässern erscheint, nach Hause entlassen 
worden, liegt meines Erachtens nicht in den Worten Herodots 9, 96: 
rag Sk (fimvcxojv ärfjxav ämtzkietu und imputiert der persischen Heeres- 
leitung eine Kopflosigkeit, die einer besseren Begründung bedürfte. Auch 
die Hypothese des Ephoros — denn mehr scheint es nicht zu sein — , 
die Phönikier seien schon nach der Schlacht bei Salamis eigenmächtig 
nach Hause gefahren (Diodor XI 19 und 27), hätten also offen rebel- 
liert, ist unhaltbar, wenn sie auch der richtigen Empfindung, dass die 
herodoteische Überlieferung unzulänglich ist, entsprungen sein mag. 

Die richtige Erwägung der strategischen Lage des persischen Heeres 
in den Jahren 480/79 führt. zu einer anderen Auffassung. Nicht in 
hochmütiger Geringschätzung der griechischen Stämme, sondern in voller 
Würdigung des Widerstandes, den man finden würde, hatten die Perser 
die Vorbereitungen zum Feldzug getroffen. Die Unterwerfung von Thra- 
kien und Makedonien sollte dem Eroberungsheere eine breite Operations- 
basis schaffen und die Anlage von Depotplätzen und Strassen, sowie die 
Bereitstellung einer gewaltigen Tran sportflotte den Nachschub und die 
Verpflegung sicher stellen. 

Diese Massregeln erreichten ihren nächsten Zweck vollkommen, 
worüber das gänzliche Misslingen des Feldzugs selbst nicht täuschen 
darf. Diese Grundlage des persischen Kriegsplanes bleibt nach der 
Schlacht bei Salamis unverändert dieselbe und die Kämpfe, die Arta- 
bazus gegen Olynth und Potidaea (Horodot VIII 122 u. 127) fuhrt, be- 
weisen, welchen Wert die Perser auf den ungestörten Besitz der raake- 
donisch-thrakischen Küste legen. Es kann demnach nicht bezweifelt 
worden, dass die gewaltigen Massen, welche bis zur Schlacht bei Pla- 
taeae in Griechenland stehen blieben, nach wie vor auf dem Seeweg 
und aus den thrakisch-makedonischen Depotplätzen verpflegt wurden. ') 
Wie dies hat geschehen könuen, ohne eine starke Kriegsflotte an der 

1) Vgl. auch K. Reinhardt r Kriegsgcsi'hichtliches zu den Perserkriegen' 4 in 
dem Berichte des Freien Deutschen Hochstiftes 1889 S. 41 — 47. 



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- 189 - 



Nordküste des ägäischen Meeres zu stationieren, ist mir wenigstens 
schwer verständlich, und hierin liegt die Antwort auf die Frage, wo 
die Phönikier und wahrscheinlich auch die Ägypter während der Schlacht 
bei Mykalc weilten. Danach hätte die persische Flotte den Rückzug 
nach der Nordküste des ägäischen Meeres angetreten, um zunächst den 
König und das ihn hegleitende Heer nach Asien überzusetzen (Herodot 
8, 130), dann aber, bei der unsicheren Haltung der griechischen Kon- 
tingente zur Führung eines Offensivkrieges zu schwach, sich auf die 
Deckung der Küsten beschränkt. Die Mardonius Heere zugeteilten 
Phönikier und Ägypter wirkten bei der Fortführung des Feldzuges in- 
sofern mit, als sie die Küstenplätze und die Transportflotte sicherten. 

Irgendwelche Gefechte hat diese Flotte nicht geliefert, und so ist 
jede Spur ihrer Thätigkeit aus der Tradition verschwunden. Jedoch 
werden noch nach der Schlacht am Eurymedon persische Kriegsschiffe in 
diesen Gewässern erwähnt, 1 ) und die zähe Verteidigimg dieser Küste 
durch die Perser, besonders die Thatsache, dass Maskames, der Kom- 
mandant von Doriskus, jahrelang seine Verbindung mit dem persischen 
Hofe in Susa offen hielt, weist darauf hin, dass nach der Schlacht 
bei Plataeae nicht nur ein Teil des persischen Landheeres, sondern auch 
der Flotte in Thrakien zurückblieb. 

Es scheint wohl gestattet, dieser Hypothese eine andere anzureihen, 
weil sie eine eng damit zusammenhängende, nicht minder rätselhafte 
Angabe unserer Überlieferung erklären könnte. Plutarch berichtet be- 
kanntlich, dass nach der Schlacht bei Plataeae eine griechische Flotte 
im Golfe von Pagasae überwinterte (Them. 20). Dass dies die Flotte 
des Leotychides, welche bei Mykale focht, nicht sein kann, ist nach 
Thukydides Zeugnis (I 89) sicher. Von einer anderen griechischen 
Flotte weiss die herodoteische Überlieferung nichts. Wohl aber musste 
die Anwesenheit einer starken Flotte im persischen Heere die Griechen 
bestimmen, im Euripos wenigstens ein Beobachtungsgeschwader auf- 
zustellen, und dieses kann nach der Schlacht bei Plataeae bis in den 
Golf von Pagasae vorgegangen sein.*) 

1) Vgl. Busolt, Kriech. Gesch. II. S. 365 und Köhler. Hermes XXIV. S. 86. 

2) Die feste Verbindung, in welcher diese Nachricht auftritt mit dem sicher 
in den "Winter nach der Schlacht von Plataeae füllenden Aufbau Athens, macht 
es nach meiner Meinung unmöglich, diese Flottenexpedition mit dem Feldzug des 
Leotychides gegen Thessalien in Verbindung zu bringen, wie dies zuletzt Husolt 
thut II S. 358. 



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Die Entwicklung der Provinz Moesia 



Von 

Alfred von Doma&zewski. 



In den Gedichten Ovids aus der Zeit seiner Verbannung sind 
Züge, welche die Zustände der Landschaften an der unteren Donau 
wiederspiegelu, äusserst selten. Der gedrückte Geist des Dichters, der 
sich in Sehnsucht verzehrt nach seinem geliebten Rom, war ausser 
Stande, die ihn umgebende Wirklichkeit anschauend in sich aufzu- 
nehmen; nur von Lauten des Missmutes über sein beklagenswertes 
Schicksal ertönt seine Leyer und nur die Hofihung hält ihn noch auf- 
recht, dass seine Freunde und Gönner von Mitleid bewegt, die Milderung 
seines harten Looses bei den Herrschern erwirken würden. In diesen 
Grau in Grau gemalten Bildern tritt die Getennot, welche dauernd über 
Tomis schwebte, allein in lebhafteren Farben hervor. In der Schilderung 
dieser Gefahren sind noch Momente erhalten, welche eine historische 
Deutung rechtfertigen. 

Die Jahr für Jahr wiederkehrenden Raubeinfälle der Barbaren, 
welche in den Ebenen nördlich der Donau sassen, hatten sich im vierton 
Jahre von Ovids Verbannung zu einem wirklichen Kriegszustand ge- 
steigert. In einem Gedichte aus diesem Jahre 1 ) schildert Ovid die 
Einnahme von Aegisos (heute Tultscha) durch die Geten als ein Er- 
eignis der jüngsten Vergangenheit. 8 ) ex Ponto 1, 8. Z. 11—24: 

1) Die Datierung gibt der Dichter selbst Z. 28: quattuor autumnos Pleias 
orta facit. 

2) Die Hinnahme von Aegisos in die Zeit de3 pannonischen Aufstandes (6 — 'J 
n. Chr.) zu setzen, wie dies O. Schulz Quaestiones Ovidianae p. 34 thut. ist deshalb 
unmöglich, weil der Dichter von dem Kriegszustande, als einem selbst erlebten, 
spricht Z. 10: haec in procinctu carmina facta leges und ausserdem für die Er- 
wähnung eines Ereignisses, das sich vor dem Zeitpunkt zugetragen, in welchem 



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- 191 - 



stat vetus urbs, ripae vicina binominis Histri, 

moenibus et positu vix adeunda loci. 
Caspios Aegisos, de se si credimus ipsis, 

condidit et proprio nomine dixit opus. 
15 hanc ferus, Odrysiis inopino Marte peremptis. 

cepit et in regem sustulit arma Getes. 
ille memor magni generis, virtute quod äuget, 

protinus innumero railite cinctus adest. 
nec prius abcessit, merita quam caede nocentum 
20 audaces animos contuderat populi. 
at tibi, rex aevo, dotur, fortissime nostro, 

Semper honorata sceptra teuere manu, 
teque, quod et praestat — quid enim tibi plenius optem? — 

Martia cum magno Oaesare Roma probet. 

Wenn in diesem Gedichte dem Odrysenkönig das ganze Verdienst 
der Rückeroberung von Aegisos zugemessen wird so erhellt doch aus 
einem zweiten Gedichte, dass ein grosser Teil des moesischen Heeres 
an diesen Kämpfen 2 ) teilnahm, ex Ponto 4, 7. Z. 19—28: 

non negat hoc Hister, euius tua dextera quondam 
20 Puniceam Getico sanguine fecit aquam: 
non negat Aegisos, quae te subeunte recepta 
sensit in ingenio nil opis esse loci. 



Ovid an den» Ort« seiner Verbannung eingetroffen, in dem Gedichte keinerlei Be- 
gründung gegeben wird. 

1) Die immerhin auffallende Verherrlichung des Odrysenkönigs in dem Briefe 
an Severus, mag durch freundschaftliche Beziehungen des Adressaten zum thraki- 
sehen Königshause veranlasst sein, wie solches Tacitus von Pomponius Flaccus be- 
richtet Ann. 2, 66 arta cum rege amicitia. 

2) Dass in dem einen Gedichte nur der Kömer, in dem anderen nur des 
Odrysenfürsten gedacht wird, ist durch den Zweck jedes einzelnen Schreibens hin- 
reichend motiviert und zwingt keineswegs, zwei verschiedene Eroberungen von 
Aegisos anzunehmen. Wenn das musische Heer an der Grenze der Provinz zu 
Felde zieht, so musste der thrakische Klientelfürst notwendig Heerfolge leisten. 
Das Gedicht an Vcstalis ist nach seiner Stellung in der Sammlung etwa im J. 15 
geschrieben, wozu vollkommen stimmt, dass die Einnahme von Aegisos als kurz 
vorher geschehen bezeichnet wird. Z. 13 f. atque utinam pars haec tantum spec- 
tatafuisset, non etiam proprio cognita Marte tibi! Tendisti ad primum per densa 
pericula pilum, contigit ex merito qiti tibi nuper honor. — Primus pilus ist aber 
Vestaiis schon zur Zeit der Eroberung: Z. 49 pugnat ad exemplum primi minor 
ordine pili. 



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- 192 - 



nani, dubium, positu melius defensa manune, 
urbs erat in summo nubibus aequa iugo. ') 
25 Sithonio regi ferus interceperat illam 

hostis et ereptas victor habebat opes : 

donec fluminea devecta Vitellius 2 ) unda 8 ) 
intnlit, exposito milite, signa Getis. 

Dass die Geten nach der Einnahme von Aegisos Tomis selbst be- 
drohten deutet Ovid in dem Gedichte ex Ponto I, 8 ebenfalls an. Z. 61 : 

unde sed hoc nobis, minimum quos inter et hostem 
discrimen murus clausaque porta facit? 

Und darauf bezieht sich die ausführliche Schilderung in einem Ge- 
dichte, das gleichfalls im Jahre 12 *) verfasst wurde, ex Ponto I, 2. 
Z. 13-22: 

hostibus in mediis interque pericula versor, 

tamquam cum patria pax sit adempta mihi: 
15 qui, mortis saevo geminent ut vulnere causas, 

omnia vipereo spicula feile linunt. 
Iiis eques instructus perterrita moenia lustrat 

more lupi clausas circumeuntis oves. 
ut semel intentus nervo levis arcus equino 
20 vincula Semper habens inresoluta manet. 
tecta rigent lixis veluti velata sagittis, 

portaque vix tirma summovet arma sera. 

Die einzige Erwähnung eines Dacerkrieges während der letzten 
Kegierungsjahre des Augustus findet sich bei Orosius VI, 22, 2: quas 
(Iani portas) ex eo (dem Jahre 752 der Stadt) per duodecim annos 
quietissimo semper obseratas otio ipsa etiam robigo signavit, nec prius 



1) Nach dieseu Worten hat Ovid den Ort gewiss nie betreten; denn das 
Hache Gelände der Donau kann sieh nicht bis in die Wolken erheben. Allerdings 
bildet der steile Uferrand, wie ich mich bei vielen mösischen Kastellen selbst über- 
zeugt habe, eine sturmfreie Wasserfront. 

2) Welcher der vier Brüder Vitellii (Sueton Vitellius V. 2) hier gemeint ist, 
vermag ich nicht zu erkennen. Wahrscheinlich ist er Kommandant einer mösischen 
Legion, da der primus pilus, also wohl auch der Legionsadler (vergl. Marquardt 
Staatsverw. II* S. 350 Anm. 1) mit ausgezogen. 

3) Die Eroberung fand also im Frühjahr oder Sommer statt, wozu der Herbst, 
in welchem das Gedicht ex Ponto I, 8 geschrieben worden, genau stimmt. 

4) Die Zeit gibt der Dichter selbst : Z. 26: cumque weo fato quarta fatigat 
hiems. 



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- 193 — 



umquam nisi sub extrema senectute Augusti pulsatae Atheniensium sedi- 
tione et Dacorum commotione patuerunt. ') Der Oetenkrieg des Ovid 
wird demnach mit dem Dacorum commotio des Orosius identisch sein. 

Aus den Angaben Ovids ist deutlich zu erkennen, dass römische 
Truppen im Jahre 12 noch nicht an der unteren Donau stationiert 
waren ; vielmehr liegt der Schutz von Aegisos zunächst den Odrysen ob 8 ), 
sodass also das ganze Gebiet nördlich des Haemus bis an die untere 
Donau einen Teil des thrakischen Klientelreiches gebildet haben wird. ») 
Deshalb erbittet Ovid in dem Gedichte an Cotys den militärischen 
Schutz des Königs. 4 ) ex Ponto 2, 9: 

35 tu quoque fac profugo prosint tua castra iacenti 

und 

79 hac quoniam careo, tua nunc vicinia praestet, 
in iusso possim tutus ut esse loco. 

Wenn also das Hauptquartier des mösischen Heeres weit ab von 
dem Ufer des schwarzen Meeres lag und Tomis noch nicht eine Stadt 
Mösiens war, sondern vielmehr von dem Gebiete des thrakischen Klientel- 
reiches eingeschlossen wurde, so ist es verständlich, dass Ovid auf seiner 
Landreise von Tempyra nach Tomis bei dem Statthalter der zunächst 
gelegenen Provinz Macedonien Sextus Porapeius 5 ) Hilfe erbat und dieser 
ihm sicheres Geleite gewährte, ex Ponto 4, 1 , 1 f. : 

Accipe, Pompei, deductum Carmen ab illo, 
debitor est vitae qui tibi, Sexte, suae. 



1) Die armenische Übersetzung des Eusebius setzt den Aufruhr der Athener 
ins Jahr 13 n. Chr. (Hieronymus ins Jahr 8), so dass kein Grund vorliegt, die 
Zeitangabe des Orosius zu bezweifeln, da die 12 Jahre nach dem Jahre 752 mit 
seiner Fiktion über die Schliessung des Janustempels in keinem inneren Zusammen- 
hang stehen. Wahrscheinlich sind diese Angaben und ihre Datierung einfach aus 
der von ihm benützten Chronik übernommen. 

2) ex Ponto I, 8, 15 f. hanc ferus, Odrysiis inopino Marte peremptis, cepit 
et in regem sustulü arma Getes. IV, 7, 25 f. Sithonio regi ferus intereeperat tilam 
ho8tis et ereptas victor habebat opes. 

3) TacituB Ann. 2, 64: Nach Rhocmethalkcs Tode erhielt Cotys die östliche 
Hälfte des Reiches. In ea divisione arva et urbes et vicina Graecis Cotyi — cessit. 
Vgl. auch Mommsen R. G. V S. 13 Anm. 1. 

4) Auch dieses Gedicht ist unter dem Kindruck des letzten Krieges ge- 
schrieben, und hierin hat man die Veranlassung zu suchen, dass Ovid seinen könig- 
lichen Schutzherrn in einem besonderen Briefe feiert. 

5) Mit Recht hat Graeber Quaestiones Ovidianae y. XXVII auf ihn bezogen 
C. J. A. III n. 5i)2: II ßoufy y e$ ]-l t osto>j zdyw) xat n dy/w* -i£?ou llotx- 



t 

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194 - 



und besonders 4, 5, 35 f.: 

sanguine Bistonium quod non tepefecerit ensem, 
effectiim cura pectoris esse tui. 

Aber die Abwehr der Geten im Jahre 12 hatte doch den Land- 
schaften an der unteren Donau nur für kurze Zeit Ruhe vor den Über- 
lallen ihrer räuberischen Nachbarn gebracht. Schon wenige Jahre später 
wird Troesmis (Iglitza) von den Geten zerstört. *) Für einen ausreichen- 
den Schutz dieser Grenzgebiete hat erst Kaiser Tiberius gesorgt, indem 
er gleich bei seinem Regierungsantritt alle Balkanländer einem Statt- 
halter unterordnete, der über Mösien, Macedonien und Thrakien gleich- 
massig gebot. 2 ) Damals wurde auch das ganze Land nördlich des 
Hacmus von dem thrakischen Klientelstaate abgetrennt und einem prae- 
fectus civitatium unterstellt. 3 ) Kenntnis von diesem Amte haben wir 
nur durch eine Inschrift aus claudischer Zeit. C. I. L. V, 1838 = Wilm. 
1018: 

C(aio) Baebio P(ublii) f(ilio) Cla(udia) Attico II vir(o) i(ure) 
[d(icundo)]. primo pil(o) leg(ionis) V Macedonic(ae), praef(ecto) 
(Lijvitat(iuin) Moesiae et Treballia[e, pra|ef(ecto) [ci]vit(atium) in 
Alpib(us) maritumis, t[r(ibuno)J mil(ituni) coh(ortis) VIII pr(aeto- 
riae), primo pil(o) iter(um), procurator(i) Ti(berii) Claudi Caesaris 
Aug(usti) Germanici in Norico civitas Saevatum et Laiancorum. 

Doch wurde diese Einrichtung bereits am Anfang der Regierung des 
Kaisers Tiberius geschaffen, wie aus einem Gedichte Ovids erhellt, das 
an den ersten praefcctus civitatium Moesiae et Treballiae gerichtet ist. 
ex Ponto 4, 7: 

Missus es Buxinas quoniam, Vestaiis 4 ), ad undas, 
ut positis reddas iura sub axe locis, 



1) In dem Gedichte an Graecinus ex Ponto IV, 9, 79 f. hic (Pomponius 
Flaccns) raptam Troesmin celeri virtute recepit infecitque fero sanguine Vanuvium. 
Wahi-scheinlich im Jahr 15. Vgl. Rhein. Museum 1890 S. 5. 

2) Vgl. Rhein. Museum 1890 S. 1 ff. 

3) Diese Einschränkung der thrakischen Königsmacht — es ist die Hälfte 
ihres früheren Herrschaftsgebietes — wird den Ausbruch des Aufstandes im J. 18 
mitveranlasst haben. 

4) Wenn Schulz Quaestiones Ovidianae S. 3G den Vestaiis für identisch hält 
mit jenem ungenannten Centurio, den Tiberius in einer diplomatischen Mission an 
den thrakischen Königshof entsendet (Tacitus Ann. II, 65 Deligit centurionem, qui 
nuntiant regibus ne arma di&ceptarcnt), so findet sich in den Worten des Dich- 
ters sicherlich keine Anspielung auf diese Mission. Dennoch ist es möglich, dass 
derselbe Mann oder doch ein Mann in gleicher Aufstellung bei Tacitus gemeint ist. 



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— 195 — 



aspicis cn praeseus, quali iaceamus in arvo, 
nec me testis eris falsa solere queri. 
5 accedet voci per te non inrita nostrae, 
Alpinis iuvenis regibus orte, fides. 
ipse vides certe glacie concrescere Pontum, 

ipse vides rigido stantia vina gehl: 
ipse vides, onerata ferox ut ducat Iazyx 
10 per medias Histri plaustra bubulcus aquas. 
aspicis et mitti sub adunco toxica ferro, 
et telum causas mortis habere duas. 
atque utinam pars haec tantum spectata fuisset, 
non etiam proprio cognita Marte tibi. 

Schon die Eingangsworte beweisen, dass es sich um eine dauernde 
amtliche Stellung handelt, welche Vestaiis in diesen Landschaften be- 
kleidete. Die Carriere der beiden Beamten ist genau dieselbe, sie 
werden von dem Primipilat einer mösischen Legion zu der praefectura 
civitatium befördert, und es kommt hinzu, dass dieser Vestaiis, der Sohn 
des Donnus, ein Bruder des Cottius ist 1 ), der auf einer Inschrift aus 
der Zeit des Angustus*) als praefectus civitatium in den Alpes Cottiae 
genannt wird, sodass also beide Brüder, der eine im römischen Heer- 
dienst, der andere, wohl als Herrscher über sein angestammtes Reich, 
zu derselben Stellung gelangten. Dass dieser praefectus civitatium 
Moesiae et Trcballiae nicht selbständig, sondern dem Statthalter von 
Mösien untergeordnet war, wird man aus den Worten Ovids in dem 
Gedichte an Graecinus, welche auf die Verwaltung seines Bruders Flac- 
cus 3 ) anspielen, schliessen dürfen, ex Ponto 4, 9, 119 f.: 

is quoque, quo laevus fuerat sub praeside Pontus, 
audiciit frater forsitau ista tuus. 



und es wird erst verständlich, wie Tibcrius dazu kam, einem Ccnturio einen solchen 
Auftrag zu geben, wenn dieser praefectus civitatium Moesiae et Trcballiae war. 
Obwohl Tacitus unter dem Jahre 19 die ganze Entstehungsgeschichte des thraki- 
schen Krieges zusammenfaßt, so dürfte doch die Mission jenes Centurio später 
als das Jahr 16 fallen, in welches Jahr das letzte datierbare Stück der Sammlung 
(IV, 9) zu setzen ist. 

1) Dies bemerkt Kiessling bei Schulz S. 37 Anm. I. 

2) C. J. L. V 7-231 M. Iulius Regis Donni f[ilius) Cottius praefectus civita- 
tium, quae subscriptae sunt. 

3) Dass diese Statthalterschaft ins Jahr 15 n. Chr. füllt. h:ibe ich nach- 
gewiesen in Rhein. Museum 1*90 S. 



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- 196 — 



Für die Abhängigkeit des praefectus civitatium Moesiae und Tre- 
balliae von dem Legatus pro praetore Moesiae spricht auch die Ana- 
logie ähnlicher Einrichtungen in den illyrischen Provinzen. Auch hier 
sind die barbarischen Landesteile, welche ausserhalb des von den regu- 
lären Truppen besetzten Gebietes lagen, durch praefecti civitatium ver- 
waltet worden und auch hier sind in den bekannten Fällen diese Be- 
amten aus den Offizieren der betreifenden Provinzialheere gewählt worden. 
So in Pannonien: 

C. J. L. IX, 5363. L(ucio) Volcacio Q(uinti) f(ilio) Vel(ina) 
Primo praef(ecto) coh(ortis) I Noricor(um) in Pann(onia), prae- 
f(ecto) ripae Danuvii et civitatium duar(um) Boior(um) et Aza- 
lior(um) — 

und in Dalmatien: 

C. IX, 2564. . . . Marcelli (centurionis) leg(ionis) XI Cl[au- 

d(iae) pr]aef(ecti) civitatis Maez[eiorum latium, 

praef(ecti) coh(ortis) III Alp[inorum l ) — 

Dass die in diesen Inschriften genannten Offiziere den Statthaltern 
der Provinzen untergeordnet waren, kann nicht bezweifelt werden, eben- 
sowenig, dass sie das Kommando über die für den Grenzschutz organi- 
sierten Milizen geführt haben. 2 ) 

Das Gebiet der civitates Moesiae et Treballiac geographisch genau 
zu fixieren ist schwierig, da die Angaben der Schriftsteller über die 
Wohnsitze dieser Völker nicht ganz klar sind. 

Nach Plinius muss man annehmen, dass die Hauptmasse der Moesi 
östlich von den Triballern wohnten. 

n. h. 3, 149: Dardani, Celegeri, Triballi, Timachi 8 ), Moesi, Thraces 
Pontoque contermini Scythae und 4, 3: Dardanis laevo Triballi practen- 
dnntur et Moesicae gentes. Ebenso Strabon. 

7, 5, 12: m «Je /juxptn (l'xopdcaxoi) to6to>j izipav (d. h. des Mar- 
gus), wjudmouTsg T(nßakÄ<ng xue MwmIq. Und das gleiche geht hervor 
aus Dios Bericht über den mösischen Feldzug des Crassus. 



1) Stand gleichfalls in Dalmatien. 

2) Vgl. Mommsen im Hermes XXII S. 551 A. 2, der aber die beiden ange- 
führten Inschriften nicht berücksichtigt. 

3) Die Timachi müssen am Timacus (Timok) gewohnt haben, da der Gleich- 
klang des Namens gewiss kein Zufall ist. Schreitet die Aufzählung genau von 
Westen mich Osten fort so müssten die Triballi im Moravathal gewohnt haben, 
was allen sonstigen Zeugnissen widerspricht. Man wird diese Stellung der Namen 
also nicht zu sehr urgieren dürfen. 



I 

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- 197 - 



51, 23, 3: ßuozdpvtu ük Ix'jftat zs dxpißtog veuopidazai, xai zozs 
tou "/ozpou diaßdvzsg zip zz M'jata» zip xaz duztTzipag o<pu>v xai pszd 
tovth xai TpißaXXovg opopo>jg abzf, ouzag zo6g ze Japouvoog — i/stpw- 
aavzo. 

51, 27, 2: M'jaai zz xai Vizai zäaau zrp uszavt zoti ze Auwj xai 
zo>j 7<rrpo'j ovoav Iviftovro, -poiovzog ok r»0 %/wuou xai ig d)la zv^lg a'jztuv 
ovnpaza pezißaXov. 

Am schärfsten bestimmt dann Ptolemaeus die Sitze der Triballer. 

3, 10, 4: Kaziyoum dl zfjg xdzto Shmuq zd pkv ouapixä IptßaXhn. 

Das Gebiet der civitates Moesiae et Treballiae wäre also, da nach 
Ovid auch Tomis noch in diesen Bereich fällt, gleichen Umfangs mit 
der späteren Provinz Moesia inferior, wodurch auf die spätere Teilung 
der Provinz Moesia in eine obere und untere Hälfte Licht fällt 

Wenn Ptolemaeus (a. a. 0.) östlich von den Triballi keine Moesi 
nennt, ^sondern eine Reihe anderer Völker, so wird man dies mit Berück- 
sichtigung der oben angeführten Stelle Dios (51, 27) so zu erklären 
haben, dass auch diese Völker mösischen Stammes waren und von 
Ptolemaeus nur mit ihren besonderen Gaunamen aufgeführt werden. 
Denn die östlich von den Triballi wohnenden Stämme werden aus- 
drücklich als Moesi zusammengefasst in den unter Hadrian gesetzten 
Grenzsteinon der Provinz Moesia inferior: 

C. J. L. III n. 759 add: — inter Moesos et Thraces fines posuit. 

Schwierigkeit bietet nur die Angabe des Ptolemaeus über Moesia 
superior. 3, 9, 2: Kazi/ottm dt zyg izapyjag zd dk -pog zw Kidßpio 
Tzozapo) (die Grenze zwischen Moesia superior und inferior) \fooin und 
dementsprechend 3, 9, 3: 'huztapia M»<rCou, xohovia, wonach man das 
Gebiet der civitates Moesiae et Treballiae über die ganze Ebene nörd- 
lich des Haemus ausdehnen könnte. 1 ) Aber nach der jetzt erkennbar 
gewordenen Geschichte der mösischen Legionslagor ist es durchaus wahr- 
scheinlich, dass die Grenze thatsächlich am (Jiabrus gezogen werden 
muss. 

Vor Kurzem sind in der Gegend von Oescus (Gigen) zwei Grab- 
steine mösischer Legionare entdeckt worden, welche zeigen, dass Oescus 
im ersten Jahrhundert ein Legionslager gewesen. 2 ) 

1) Notwendig ist dies keineswegs, da doch nicht alle mösischen Stamme dein 
praefeetns civitatinm Moesiae et Treballiae unterstellt werden mnssten. und auch 
die östlich von Ratiaria in den serbischen (iehirgen wohnenden Stamme den Römern 
für Moesi gegolten haben müssen, weil gerade von diesen Landschaften die Pro- 
vinz Moesia ihren Ausgang genommen. 

2) Arch. epigr. Mitth. XIV S. 14. r > und lifi. Die italische Herkunft der Le- 

13 



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- 198 — 



C(aius) Vibius C(ai) f(ilius) Fab(ia) Fronto domo Brixia 
vet(e)r(anus) leg(ionis) V M[ac(edoniae) .... und 

LQ(uintus)] [T]al[o|n(ius) |Q(uinti)] f(ilins) An(i(ensi)] Cos^a 
Ar[i]mini vet(eranus) leg(ionis) I Ital(icae) vix(it) an(nos) L h(eres) 
f(aciendum) c(uravit). 

Da einer dieser Veteranen in den von Nero errichteten legio I Italica 
diente, so kann das Lager von Oescus auch erst unter Vespasian erbaut 
worden sein. Diese Ansicht ist um so wahrscheinlicher, weil Oescus im Ge- 
biete der Triballer liegt, also notwendig später gegründet sein muss, als 
die Regierungszeit des Claudius, unter welchem diese Landschaft noch dem 
praefectus civitatium unterstellt war. Unter Traian ist dieses Lager sicher 
aufgelassen worden, da es seine strategische Bedeutung, die Mündung der 
Aluta zu sperren, durch die Eroberung Daciens und die Provinzialisierung 
der kleinen Wallachei verloren hatte. 1 ) Die Canabae dieses Lagers erhiel- 
ten dann von Traian römisches Stadtrecht als colonia Ulpia Oescus. Nun 
hat Traian nur noch eine Stadt Mösiens ausser Oescus zur Kolonie er- 
hoben und zwar Ratiaria. Obwohl direkte Zeugnisse noch nicht auf- 
gefunden wurden, so liegt es doch nahe anzunehmen, dass auch Ratiaria 
im ersten Jahrhundert ein Legionslager gewesen. Denn Ratiaria ist 
mit dem Lande in Süden des Haemus durch eine Militärstrasse 2 ) ver- 
bunden, welche durch das Thal des Timok nach Naissus (Nisch) führt, 
ein Beweis, dass Ratiaria einmal ein strategisch wichtiger Punkt am 
Unterlauf der Donau gewesen sein muss. Es scheint, dass neben Ra- 
tiaria für die ältere Periode noch ein zweites Lager in Viminacium an- 
genommen werden muss, da bereits imter Tiberius die mösischen Legionen 
eine Strasse durch den Kasanpass bauen, s ) die nur der Verbindung 
dieser beiden Lager gedient haben kann. 4 ) 

gionare und auch der Fundort beweisen, dass die Steine im 1. Jahrhundert ge- 
schrieben sein müssen. In der Publikation des Steines p. 145 n. 9 steht irrig 
Besli, 13km von Vi diu (statt Gigeu). 

1) Vgl. Arch.-epigr. Mitth. XIII S. 137. 

2) Dass die Strasse durch das Timokthal eine Militärstrasse gewesen, zeigen 
die Stationierung einer Kohorte in llavna am Timokubergang bereits im 1. Jahr- 
hundert. Denn in diese Zeit gehört der Stein V. J. L. III. Suppl. n. 8261 L(ueim) 
Vecilius C(ai) f(ilius) Lemon(ia) Modestus equo pub(lico) de quinqfue) dec(uriis), 
VI vir, aed(ilis), II vir iure dic(undo) colon(iae) Hispellatium, quaestor II, augur, 
praef(ectm) fabr(um), tribfunus) mil(itum) leg(ionia) VI ferr(atae) in Syr(ia), 
praef(ectus) coh(ortis) I Thracum Syr(iacae) in Moesia eqfuitataej. Coh(ors) I 
Thrac(um) Syrfiaea praef(ecto) suo. Also geschrieben vor der Teilung der Provinz. 

3) O. J. L. III 1608 Ti(berio) Caesare Aug[u$ti) ftilio) Augusto imperator(e) 
pont(ifice) max{imo) tr(ibunicia) pot(estate) XXXV. I*g(io) IUI Scyt(hicaJ et 
leg(io) V Maced(onica). 

4) Singiduuuni ist nach dem im Texte Dargelegten wahrscheinlich erst von 



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— 199 — 



Doch bleibt in der Geschichte des mösischen Militärcommandos 
noch eine Frage zu lösen, die bei dem Mangel monumentaler Zeugnisse 
nur durch eine Vermutung beantwortet werden kann, aber von hoher 
historischer Bedeutung ist. Haben die römischen Lager seit der Er- 
richtung dieser Provinz an den Ufern des Grenzstromes gelegen oder 
lagen sie ursprünglich weiter zurück im Innern des Landes? Ich glaube, 
dass Letzteres wahrscheinlicher ist, weil der nächste Zweck dieses Mili- 
tärkommandos nicht die Verteidigung der Donau ist, sonst hätten die 
Lager von Anfang an jene Stellung erhalten müssen, die sie erst in 
traianischer Zeit einnehmen, sondern den Schutz der Kulturländer im 
Süden der Balkanhalbinsel. Schon an einem andern Orte habe ich ge- 
zeigt, 1 ) dass eine alte Militärstrasse von Lissus durch völlig barbarische 
Landschaften in der ersten Kaiserzeit nach Naissus gebaut wurde. Nais- 
sus , dessen militärische Bedeutung als Knotenpunkt des mösischen 
Strassennetzes ein Blick auf die Karte erkennen lässt, war der Haupt- 
ort der Dardania, der südlichsten Landschaft von Mösien, solange Scupi 
und Ulpiana noch nicht gegründet waren. Hier wird demnach das 
filteste Standlager der mösischen Legionen zu suchen sein, das sie inne 
hatten bis zu dem grossen Aufstand im Jahre 6 n. Chr. Diese Ansicht 
erhebt sich über eine blosse Vermutung durch die Beobachtung, dass 
die Dardania die einzige Landschaft Mösiens ist, in welcher die 
auxilia nach civitates ausgehoben wurden, *) eine Iiekrutierungsform, 
die für die augusteischen Militärdistrikte bis auf die Zeit des pannoni- 
schen Aufstandes allein üblich war. Ebenso sind auch in Illyricum in 
dem Gebiete zwischen Drau und Save, wo die Legionen bis zu dem 



Traian gegründet worden. Ks spricht dafür besonders der Umstand, dass Singidu- 
lium erst nach Hadrian Stadt recht erhielt. Vergl. die Inschrift Arch.-epigr. Mitth. 
XIV S. 72 n. 56: C. Tit^ius) C. fil(ius) Serg(ia) Antonius / Pejculiaris, dec(urio) 
col(oniae) Slejpt(imiae) Aq{uincensis), item dec(urio) m(uuicipii) S(i]ng(idunensis). 
Denn allen anderen Donaulagern älterer Entstehung, Vindohoim, ( arnuiitum, Aqnin- 
ciini, Viminacium verlieh Hadrian Stadtrecht, wie ihr Beiname munieipium Achum 
und die Tribus Sergia beweist. 

1) Arch.-epigr. Mitth. XIII S. 151. 

2) Alen und Kohorten der Dardani sind nachweisbar. Kph. epigr. V S. 185 
ala I Vespasiana Dardanorum und 0. .1. L. III Supp. n. 8251 cohors I Aur(eUu) 
JDardanorum. Dass die ala den Beinamen Vespasiana, die cohors Anrelia führt, 
darf nicht irre leiten. Denn diese kaiserlichen Heinamen werden auch als Ehren- 
namen verliehen. Vergl. Arch.-epigr. Mitth. VIII S. 2H!> Anm. Auch die Cohors II 
Flavia Bessorum Kph. epigr. V S. 188 wird in der Dardania ausgehoben »ein, wo 
ebenfalls Besser wohnten t'. J. L. VI 3205 T. Aur. Gaio Fl. Scupis nat{ione) Bcx- 
sus. Denn in Thrakien fand nie eine Aushebung nach civitates statt 



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— 200 - 



pannonischen Aufstand ihre Standquartiere hatten, die Auxilia nach civi- 
tates rekrutiert worden. 1 ) 



1) Die Kohorten die Hreucer sind zahlreich. Vgl. Kphemeris epigr. V S. 182. 
und auch die cohors II Varcianoruni C. J. L. V 875 ist jetzt dnreh die Inschrift 
Bramb. 664: coh. II? Varcianfor/um (von Zangemeister verglichen) gesichert. 
Allerdings haben sich die meisten dieser illyrischen Auxilia den AufstFuidischcn im 
Jahre 6 n. Chr. angeschlossen, und deshalb sind ihre Spuren in späterer Zeit nur 
spärlich. Dasselbe wird von den musischen Auxilia gelten, so dass also der Um- 
fang des iiitesten musischen Militärdistriktes durch die zufällig bekannten Auxilia 
der Dardani und Bessi nicht ganz umschrieben wird. 



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Keltische Bauwerke. 



Jnl. v. Pflngk-Harttnng. 



Kein Land ist reicher an prähistorischen Funden und weniger be- 
kannt als Irland. Alle Abschnitte der Kulturentwicklung Europas finden 
sich hier als letzte Ausläufer jener gewaltigen Geistes- und Geschmacks- 
veränderungen , wie sie sich von den rohesten Steingeräten bis zum 
Kokokko- und Empirestile nachweisen lassen. In seltener Deutlichkeit 
zeigen sie einerseits das Gemeinsame, anderseits das Besondere des 
Westkeltischen, des Iro-Schottischen, des Irischen. Manches, was ander- 
wärts ganz oder doch nahezu untergegangen ist, blieb fern auf der 
meerumbrausten Insel erhalten, Vergleichungspunkte und Rückschlüsse 
gewährend. Hierhin gehören unter anderem die Bauwerke, welche uns 
in dieser Abhandlung beschäftigen werden. 

Die ältesten Wohnstätten der Menschen in Irland waren Höhlen 
und Naturverstecke, in denen sie Schutz vor Unwetter und überlegenen 
Tieren suchten. Gemäss der Sage floh das Frühvolk der Thuata De 
Danann nach seiner Niederlage in Höhlen und Gebirgsschluchten. 

Allmählich gingen derartig natürliche Urbehausungen in künstlich 
hergestellte Bauwerke über 1 ) aus Holz, Stein oder Lehm. In den ver- 
schiedensten Orten, zumal in Südirland, bisweilon tief unter dem Torf- 

1) Zu vergleichen sind: E. Dunraven. Irish Arcliitectnre; M. Stokes, Karly 
Christian art in Ireland; O'Curry, Manners and eustoms of the ancient Irish; 
J. Anderson. Scotland in pagan Times; W. G. Wood-Martin, The lake dwellings of 
Ireland; R. Munro, The lake dwellings of Europc; W. II Wilde, Catalogue of the 
autiquities in the Museum of the lt. J Acadomy: J. Fergusson, Hude Stone monu- 
ments in all countries; W. G. Wood-Martin, The Rüde Stone monuments of Ire- 
land: G. Petrie, On the history of Tara Hill; W. F. Wakoman, Archaeologia 
hihernica, or Iland-Hook of Irish Autiquities (1848). Eine Anzahl von Aufsätzen 
im Journal of the R. Hist. and Anh. Association of Ireland; Transaktion« of the 
R. Irish Academy u. a. 



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— 202 — 



moore hat man frühe Kochplätze entdeckt, die nach der Menge von 
vorhandener Asche und Kohlen und dem verbrannten Zustande der Steine 
lange in Gehrauch gewesen sein müssen. Namentlich Nordirland ergab 
ausgedehnte Werkstätten von Feuersteingeräten, ebenfalls lange benutzt. 
Durchweg blieb an diesen sicher bewohnten Orten nichts von Wohnungen 
erhalten, was nahe legt, dass sie aus vergänglichem Materiale hergestellt 
gewesen sind: also von Holz, Flechtwerk oder Lehm. Nur einige Stellen, 
z. B. im Stadtlunde von Knockaunbaum, Grafschaft Sligo, bieten ein- 
gerammte Pfahle als äussere Beweise der primitiven Wohnlager, andere 
Reste von Steinbauten, auf die wir gleich näher eingehen. 

Das Material bestimmte guten Teils die Form der Hütten, neben 
lokalen und Völkergewohnheiten. Holz drängte zu Flächen und Ecken, 
Stein Hess Rundlingen zu. Alle Frühbauten sind klein, mehr blosse 
Schlaf- und Zufluehts- als Wohnräume in unserem Sinne. In Kilnamaddo, 
Couuty Antrin, fand man Blockhütten unter 17 Fuss tiefem Torf. Sie 
bestehen aus Eichenholz, sind viereckig und nur 4 Fuss hoch, das grös- 
sere Exemplar aussen 11 Fuss 6 Zoll zu 10 Fuss messend. Vier mas- 
sige Eichenpfosten von 7 Fuss Länge waren als Eckpfeiler in den Boden 
getrieben und an sie das übrige gefügt. In unmittelbarer Nachbarschaft 
befinden sich drei kleine niedrige Steinkaramern durch gleich niedrige 
Gänge verbunden. Es ist schwer das Alter der Hütten zu bestimmen: 
die Holzbearbeitung ist so sauber, dass man auf Metall schliessen 
möchte, dennoch sind dabei nur Steinwerkzeuge gefunden, freilich kein 
sicherer Beweis, weil solche noch lange neben Metall im Gebrauche 
blieben. Nach den Torfschichten hat man auf mindestens 2000 Jahre 
gerechnet. Noch besser erhalten blieb eino Hütte, welche 1833 im 
Moor von Drumkelin (County Donegal) entdockt wurde, mit einer Pfahl- 
mauer umgeben. Jene ist ziemlich quadratisch mit flachem Dache, 
12 Fuss im Durchmesser und 9 Fuss hoch, erbaut von Eichenbrettern 
und Balken, schlecht behauen, wozu ein Steinzelt passt, der am Boden 
lag. Das Innere bestand aus zwei Stockwerken, statt der Fenster war 
eine Soite des Hauses otfen gelassen; es ist gewiss nur eines aus grös- 
serer Anzahl: eine Hütte der Frühzeit. 

In felsigen Gegenden benutzte man gewöhnlich statt des vergäng- 
lichen, der Feuchtigkeit leicht unterliegenden Holzes den festen Stein. 
Solche Steinbauten, „Cloghauus", gibt es ganz oder teilweise noch ziem- 
lich zahlreich an der irischen Westseite (zumal an der Küste), dann 
aber auch an der Nordseite, auf den schottischen Inseln, in Cornwallis 
und anderswo. Die Mehrzahl gehört der frühchristlichen Zeit an, doch 



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- 203 - 



reichen einige bis in graues Altertum hinab, wie zahlreiche herum- 
liegende Feuersteinstücke und -Geräte beweisen. Die älteste Gestalt 
war offenbar die runde, bienenkorbförmige, oder mehr gedrückte, einem 
Landbackofen vergleichbar, wie solche überhaupt uralt und woitver- 




MOnchszelle von Skellifr Mlclinrl (M. Stokes). 



breitet ist, von den Gräbern in Mykene bis auf moderne Hütten Afrikas. 
Allmählich ersetzte man den runden Innenraum durch einen viereckigen, 
seltener oblongen, wobei die äussere Gestalt nebst kuppeiförmigem 
Dache beibehalten wurde; dieses gern gebildet, indem der obere Stein 
immer über den unteren vorsprang. Daneben kam der Viereckbau auf 
mit schrägem Dache, einem umgekehrten Boote vergleichbar. Das 
Innere besteht aus einem einzigen Räume, die Wando sind aus rohen 
Bruchsteinen ohne Mörtel, völlig schmucklos, mit grösserer oder ge- 
ringerer Kunst gefügt. Aussen messen diese Hütten ungefähr von 15 
bis 25 Fuss, innen von 7 bis 15, doch kommen auch kleinere und grös- 
sere vor, z. B. in Inismurray eine von 3V 2 zu 5 Fuss Innenraum, bei 
Ballintoy in Nordirland von 27 Fuss; auch solche von 30 und mehr 
Fuss soll es gegeben haben, sind aber nicht erhalten. Ebenso pflegt 
die Gesamthöhe und die der Thüröffnung unbedeutend zu sein, letztere 
4 Fuss nicht zu übertreffen. Eine Fensteröffnung, um Licht ein und 
Rauch hinaus zu lassen, fehlte oder blieb doch ungenügend. Dagegen 
konnten Vertiefungen in der Mauer als Vorrats-, Sitz- oder Schlafräume 



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* 




dienen. Im ganzen nehmen sich die nordirischen Cloghauns grösser 
und leichter aus, als die westirischen. Während diese selten einen Innen- 
raum über 12 Fuss bieten mit bisweilen ungewöhnlich dicken und festen 




Gruudplan und DurctiKchnitt einer Zelle zu Ellean na Naovimh (Anderson). 



Mauern, misst die der uralten Steinhäuser von Ballintoy nur 2 Fuss 
im Durchmesser, wobei die Steine noch so klein sind, dass deren nicht 
selten zwei zusammengelegt werden mussten, um die Dicke zu bewirken. 

Wo Stein- und Holzbau zu umständlich erschien oder aus anderen 
Gründen nicht angewendet wurde, errichtete man Hütten aus Flecht- 
werk und Lehm, die in ihrer Form den Cloghauns zu entsprechen 
pflegten. Hier wurden Pfähle, zumal eichene, im Kreise eingerammt, 
die Zwischenräume mit Flechtwerk und Lehm gefüllt, in der Mitte 
etwa ein kräftiger Pfeilor von der beabsichtigten Höhe des Daches er- 
richtet, dieses oben durch Sparren und Flechtwerk mit den Kreispfahlen 
verbunden. Von auswärts schützte man das Ganze durch Lehm, Stroh 



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— 205 — 



und dergl. Nach unten sind sie bisweilen vertieft angelegt, hier selbst 
mit Steinkammern versehen, wie die von Kilnamaddo, etwa vier Fuss 
messend. Man benutzte auch wohl einfach junge Stamme, die oben 
zusammengebogen wurden. Der Eingang war niedrig; wenn Fenster 
vorhanden, bestanden sie wohl aus Weidengefleeht und wurden je nach 
der Windrichtung geöffnet oder geschlossen. 

Die Rundform bewirkte, dass das Haus nur aus einem Räume 
bestand, der den Familienangehörigen zugleich als Küche, Wohn- und 
Schlafzimmer diente. Da dieser für den Haushalt Vornehmer, zumal 
der Könige nicht ausreichte, pflegte ein solcher über mehrere Häuser 
verteilt zu werden. Es heisst: die Wohnung eines „Brughfer* bestand 
aus 7 Häusern. Eine Königsburg enthielt deren noch mehr: Gast- 
und Wirtschaftshäuser, Pferde- und Wagenställe. Der Pferdestall König 
Conchobars z. B. befand sich auf der Ostsoite des Hofes. Mitunter etwas 
abseits und durch Zaun oder Mauer umgrenzt lag das Frauenhaus. 

Weit ausgiebiger als die Funde sind Sagen und Lieder seit dem 
11. Jahrhundorte für das irische Wohnwosen, doch erscheint es in ihnen 
mehr poetisch als wahr. Überall Glanz, Pracht und Übertreibung. Die 
Bauten der heidnischen Zeit waren primitiv und schmucklos, doch ent- 
wickelte sich allgemach, zumal in den Königshäusern ein barbarischer 
Prunk, wofür die Technik der Bronze- und Urnenfunde den Beweis 
liefert. Auch dürfen wir uns die Bauten der Grossen nicht immer 
klein vorstellen: Adamnan erwähnt das „ grosse Haus - von Durrow; 
das der 1000 Krieger in der Königsburg von Tara scheint an 90 Fuss 
breit und 800 lang gewesen zu sein. Doch dies waren Ausnahmen und 
Dinge, die sich erst im Laufe der Zeit ergaben. 

Die gewöhnlichen Häuser hatten den Herd in der Mitte und die 
Lagerstätten an den Wänden; man schlief auf Stroh, Heu, Blättern 
oder dergleichen, auch in Decken und Felle gehüllt, gewöhnlich auf 
der Erde, bisweilen auf Bänkon oder in den Nischen Vertiefungen. That- 
säehlich wissen wir von alledem wenig, weil das Hauptmaterial, die 
Sagen und Gesetze, für die heidnische Zeit nur ungenügend und teil- 
weise massgebend sind. 

Bei der herrschenden Unsicherheit, den wilden Tieren und feind- 
lichen Menschen, boten Häuser wie die beschriebenen keinen oder 
nur ungenügenden Schutz. Man sann deshalb früh darauf, Leben 
und Gut sicher zu stellen. Es geschah wesentlich derart, dass man 
die Hütten unzugänglich machte, indem man sie mit Befestigungen 



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umgab, oder vom Lande weg künstlich ins Wasser stellte, oder drittens, 
indem man sich unter die Erde zurückzog, sich in derselben verbarg, 
gleich Füchsen und Dachsen. Diese drei Wohuweisen verlieheu dem 
alten Irland sein Gepräge, womit jedoch nicht gesagt sein soll, dass es 
nicht auch Einzelhütten und kleinere, leicht verlegbaro Dorfansiedlungen 
gegeben habe. In einem Wald- und Woidelande verstehen sich solche 
von selbst. Hirten und Jäger konnten für wechselnde Gründe nicht 
immer zeitraubende Befestigungen anlegen, sondern begnügten sich mit 
Lehm- oder Blockhütten, zumal als Sommerobdach auf den Triften der 
Berge, ähnlich wie noch jetzt. 

Wie sonst in Mitteleuropa, Norddeutschland, Dänemark, Klein- 
asien, Armenien u. s. w. finden sich auch in Irland Pfahlbauten. Doch 
liegen die Verhältnisse hier nicht so einfach, als vielfach anderwärts. 
Die neueste Forschung nämlich hat erwiesen, dass die irischen und die 
mit ihnen übereinstimmenden schottischen Seesiedlungen jünger sind 
als die mitteleuropäischen, weil ihre Hauptentwicklung erst der Eisen- 
zeit angehört und nur einzelne Ausläufer, wie die vom Loughravel, 
von Coal-bog (Kilnamaddo), von Drumkelin-bog, Holderness u. a. in 
frühe Jahrhunderte hinabreichen. Immerhin genügt dies, um Pfahl- 
bauten bereits zur Stein- und Bronzezeit anzunehmen. 

Die ganze Natur Irlands drängte gewissermassen auf Seesiedlungen. 
Noch erschwerte der dichte Waldwuchs das Bauen auf dem Lande, 
wogegen das Wasser leichteren Verkehr, Schutz und mühelosere Nah- 
rung zugleich gewährte, denn die damaligen Menschen lebten haupt- 
sächlich von Jagd und Fischfang. Auch die Altbewohner Irlands, die 
Fomore sollen sich der Sage nach von Fischen und Wild ernährt haben. 

Die irischen Wasserwohnungen werden „crannogs" genannt, ab- 
geleitet von „crann": Baum; oine Bezeichnung, die die gesamte Nieder- 
lassung umfasst mit Ober- und Tiefbau. Nur selten, in kleinen flachen 
Seen mit festem Untergrunde standen die Niederlassungen frei auf 
Pfiihlen, gewöhnlich bilden sie kleine Kunstinseln unfern des Ufers und 
gern in der Nähe einer Flussmündung. Es pflegten Baumstämme und 
Buschwerk kreuzweis oder durcheinander gelegt und mit Steinen und 
Erde vermischt zu worden. Die Masse wurde durch einen umgebenden 
Kundzaun zusammengehalten: eingerammte Pfahle durchflochten mit 
Gezweigo, oder gar Horizontalbalken mit Zapfenlöchern für das auf- 
gerichtete Holzwerk. Die Horizontalbalken erwiesen sich in zweifacher Art 
geordnet: eine Lage ging um das Ganze und hielt die Aufrechten im 
Kreise zusammen, oder mehrere Lagen nahmen eine Radialrichtung und 



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verbanden die Kreise. Die Ausseienden 
dieser Radialbalken verliefen sich gelegent- 
lich in Holzstützen und grossen Steinen, 
welche als Flutbrecher dienen konnten. Um 
einen Pfahlzaun konnto sich ein zweiter 
oder dritter legen. Bisweilen scheint der 
obere Teil der Kunstinsel rein aus Steinen 
hergestellt zu sein, die sich auf hölzerner 
Unterlage erheben, oder später Holz er- 
setzten. Die in den Seeboden gerammten 
Pfahle sind meistens Eichen und je nach 
Bedürfnis und Umständen verschieden; in 
einem Crannog des County Antrim z. B. 
17-20 Fuss lang und 6-8 Zoll dick. Sie 
bildeten gewöhnlich einen Kundbau, seltener 
einen ovalen; der Durchmesser pflegt 60 
bis 80 Fuss zu betragen, überstieg jedoch 
auch das doppelte. Als Hauptaufgabe der 
Umfassung galt: ein Ausweichen der Innenmassen zu verhindern. Bei 
den geringen Hülfsmitteln der Frühzeit muss die Errichtung von Cran- 
nogs ein äusserst schweres und langwieriges Unternehmen gewesen scio. 
Gewöhnlich bot die Anlage zum Schutze einen Pallisadenzaun, 




Alter Fussboden von einem Crannos 
im Torfmoore des Townlanil von ('»r- 
Kaghogc Korvey, Ober 1K Kurs lang 
und 171/| breit, mit Übcrrcstcu der 
Pfosten Im Moore (Journal V). 




Rekonstruktion eines irischen Crannojr» (Wood-Martin). 



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bezw. die Pfähle ragten so weit über dem Wasser empor, dass sie einen 
solchen bildeten. Innerhalb stand die Hütte oder meistens eine Anzahl 
derselben mit dem oder den Herden. Neben den gewöhnlichen Inselauf- 
schichtungen kommen andere vor, wo man unten Räume frei licss, 
die dann mit Brettern oder Balken überlegt, als Kcllerräume dienten; 
im Crannog von Lagorc sind solche unterseeische Abteilungen durch 
wohlgefügte Holzbalken gebildet. Anfangs leer oder mit Wasser ge- 
füllt, benutzte man sie, um die Abfälle dort hinein zu werfen, wodurch 
sie den Forschern zu reichen Fundgruben geworden sind. 

Eine zweite Art von Seesiedlungcn besteht ganz aus Stein. Aus 
Steinen wurde, etwa mit Zuhilfenahme einer natürlichen Insel der Unter- 
bau aufgeführt. Es konnte mit grosser Sorgfalt geschehen, indem so 
viel wie möglich, selbst unter dem Wasser, regelmässig gebaut wurde. 
Ihre Gestalt pflegt mehr oder weniger ringförmig zu sein. Sie sind bis 
M) Fuss hoch oder höher und 90 Fuss im Durchmesser; die Mauern 
bieten gewöhnlich eine bedeutende Dicke. Angewendet scheinen sie 
namentlich dort zu sein, wo Stein leichter als gutes Holz zu er- 
langen war, z. B. in einigen Gegenden von Galway und Mayo: hier 
erheben sich Steinbauten im Lough Hilbert, Corrib, Bola, Mask u. a. 
Das grösste ist Hag's Schloss im Lough Mask. Man hat geäussert, dass 
diese Steinsiedlungen wohl einer jüngeren Zeit angehören, doch scheint, 
bis zu näherer Erforschung, nichts im Wege zu stehen, sie mit manchen 
festländischen Duns zusammen zu stellen. Die Crannogs konnten als 
Inseln oder Halbinseln gehalten werden. Im letzteren Falle waren sie 
mit dem Lande durch einen Stein- oder Holzdamm verbunden, im ersteren 
geschah der Verkehr mittels Booten, welche zahlreich ganz oder stück- 
weise erhalten sind. 

Erst im Jahr 1839 wurde die Aufmerksamkeit auf irische Seesied- 
lungcn gerichtet, als sich Dr. Petrie und W. R. Wilde nach West Meath 
begaben und dort im trockenen Torfmoor von Lagore eine niedrige 
Rundhöhe von 520 Fuss Umfang fanden. Es war und blieb einer der 
bedeutendsten Crannogs. Wenige Monate später entdeckte man die 
Kuustinsel im Roughan Lake, und bald eine nach der anderen. 

Die Erhaltung der Crannogs ist bisweilen sehr ungenügend, nur 
auf dem Boden des Sees noch festzustellen, mitunter jedoch auch bosser. 
Die Fundgegenstände bei diesen Siedlungen ergaben massenhafte Speise- 
überbleibsel von Tieren, Getreide und Früchten, ferner verbrannte 
Kohlen, Stücke von menschlichen Körpern und allerlei Gebilde der Ge- 
werbthätigkeit, unter denen Thonscherben und Eisenwaren vorherrschen. 



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Durchaua verschieden erweist sich die Verteilung der Crannogs. 
Von den 221 in Irland entdeckten 1 ) befinden sich 124 in Ulster, 69 in 
Connaught, 19 in Leinster und nur 9 in Munster: die Hauptmasse also 
bietet der Norden der Insel. Umgekehrt Schottland ; von seinen 50 bis 
60 enthält der altanglische Teil keinen, der pictisch - schottische 17, 
den ganzen liest uratasst das schottische Strathclyde-Reich, d. h. also 
der Südwesten des Landes, vom irischen Ulster nur durch eine schmale 
Meerenge getrennt. Es sind dies Umstände, welche sich auf die näm- 
lichen Bewohner, auf denselben Volksstamm deuten lassen. Munro 
meint deragemäss, die Kelten seien die eigentlichen Träger des Pfahl- 
bausystemes gewesen, welches sie von den mitteleuropäischen Seen bis 
an die äussersten Enden der britischen Inseln gebracht hätten. Doch 
darf mau in solchen Annahmen nicht zu weit gehen ; im Gegenteile, es 
ist offenbar, dass ganz verschiedene Völker Seesiedlungen anlegten, wie 
denn Munro selber bereits auf die Angelsachsen und andere verwies. 
Pigorini will auf einem so kleinen Räume wie die Poebene zweierlei 
Stämme von Pfahlbauern gefunden haben, indem die westlichen oder 
lombardischen Pfahlbauten mit denen der Schweiz zusammenhängen, 
wogegen die östlichen und die Terramaren den Italikern angehören. Den 
Namen des westlichen Pfahlbauvolkes lässt der Forscher ungewiss; beide 
glaubt er durch besondere Erzeugnisse aus der Bronze- und Eisenzeit 
unterschieden. Vielleicht stellen demnach die Pfahlbauten nur eine 
Periode im Wohnwesen dar, wobei sie von selber einzelnen Völkern her- 
vorragend eigen wurden und damit ein gewisses Volksgepräge erhielten. 

Wie schon gesagt, kam das Pfahlbauwesen verhältnissmässig spät 
nach Irland, was aber ein Hinaufreichen bis in die Steinzeit nicht 
ausschliesst. Seine Höhe mag es vom 5. bis 8. Jahrhundert gehabt 
haben, doch so, dass es Festlandwohnungcn daneben gab. Die ältesten 
Klostersiedlungen des 6. Jahrhunderts sind Festlandbauten, und zur Zeit 
der jetzigen Texte von Cuchulinnsage und Brehongesotzen , etwa im 
10. Jahrhundert, überwogen diese vollkommen. Dennoch blieben Cran- 
nogs in dem seenreichen Irland spät, ja bis zu Anfang des 17. Jahr- 
hunderts bewohnt. Die Annalen nennen sie häufig von der Mitte des 
9. bis zum 17. Jahrhundert. Noch 1566 wurde ein Crannog bei Omagh 
vergeblich bestürmt. Und zu den historischen Nachrichten gesellen 
sich Fundgegenstände: Eisentöpfe, Kanonen, Bleikugeln, Münzen und 
dergleichen. 

1) Nach dem irischen Spezialisten Wood-Martin; die Liste bei Munro p. 389 sq. 
zählt bei weitem weniger. 



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Den Crannogs im Wasser entsprechen befestigte Bollwerke auf dem 
Lande, deren tausende durch ganz Irland, an einigen Stellen auffallend 
dicht bei einander, erhalten sind, je nach Gegend und Umständen an- 
gelegt: in Weiden und Ackerland zur Bergung von Vieh und Korn, 
mehr zu reiner Verteidigung auf Höhen und wasserumwogten Land- 
zungen. Häuptlinge und Könige wählten ebenfalls gern überragende 
Plätze, wie die Burgen (Raths) von Tara, Emania, Crogham, Uisneach, 
Tailtiu, Grianan Aileach, Tlachtgha, die Burg von Cashel u. a. Bis- 
weilen haben solche Festungen dem Stadtlande ihren Namen verliehen. 

Wio in altirischen Bauwerken überhaupt, herrschte auch hier die 
Rundform, von der aber zu gunsten der Boden beschaffen heit abgewichen 
wurde. Die Befestigung geschah mittels Steinmauern oder Erdwällen, 
etwa noch durch eingerammte Pfähle, Zäune oder Pallisaden verstärkt, 
doch hielt man beide Arten nicht immer auseinander. Dadurch ist 
auch eine genauere Einteilung erschwert. Erdfesten wurden Rath, Lies, 
Lcs genannt; von Erde, Stein oder von beidem, waren die Duns, welche 
sich gewöhnlich auf Höhen und Felsen erhoben und grösser und bedeu- 
tender als die Raths zu sein pflegten, überhaupt mehr ein eigentliches 
Festungswesen boten. Vorwiegend in Munster und Connaught be- 
zeichnete man eine reine Steinburg als Cathair, Cahir; ein Wort, wel- 
ches bisweilen gleichwertig mit Caisel oder Cashel gebraucht wird, ob- 
wohl die Cashels durchweg erst christliche Festungen sind, freilich im 
Mauerwerke noch den heidnischen entsprechend. Sullivan in O'Currys 
Manners zerlegt die betreffenden Bauwerke in drei Gruppen: 1) der 
Cashel, eine Steinummauerung ohne Wassergraben, 2) das Fort, her- 
gestellt, indem eine Landzunge durch Mauer, Wall und Graben quer 
abgesperrt wurde, 3) der Cathair und Dun, ein Werk von mehr oder 
weniger Rundform, mit Mauer, Wall und Graben. Wir werden gut 
thun, uns nicht zu sehr an diese Gruppen zu binden. 

Auf dem flachen Lande, in erdigen Gegenden erheben sich meist 
Erd-, in steinigen Steinburgen. Letztere finden sich namentlich an 
der felszerklüfteten West- und Südwestküste der Insel auf isolierten 
und beherrschenden Punkten, der Landschaft ein eigentümlich alters- 
graues Gepräge verleihend. Beide Arten kommen auch gruppenweise 
vor, die Raths gern zu dreien. 

Betrachten wir zunächst die Raths. Sie sind gewöhnlich rund, sel- 
tener oval, ganz selten viereckig, dabei äusserst verschieden gross, von 
wenigen Ruthen bis zu einem Acre oder mehr bedeckend, je nach der 
Menge von Menschen und Vieh, die sie beherbergen sollten. Ein Erd- 



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wall von 4 bis 7 und 8 Fuss Höhe, ja bis 14 Fuss und mehr (z. B. 
im Touwnland von Greenville) umzieht den Innenraum : nicht selten eine 
Hügelerhöhung. Um diesen Erdwall legt sich bisweilen ein zweiter, 
getrennt durch einen Graben; ein dritter und, wie es scheint, ein 
vierter konnten folgen, doch pflegen alsdann die zwei inneren Walle 
die eigentlich hohen zu sein. Ursprünglich waren sie meistens oben 
durch einen Zaun oder Pallisaden verstärkt. Im Innern der Raths 
befanden sich Wohnstätten, nach den Annalen gewöhnlich hölzerne; 
sehr oft gab es dort auch verdeckte unterirdische Räume. Eine 
der berühmtesten Festungen dieser Art ist Navan Fort, das alte 
Emania, Jahrhunderte hindurch der Wohnsitz der Könige von Ulster, 
bis er 332 infolge der Schlacht von Aghaderg erobert wurde und 
seitdem zunehmend mehr in Verfall geriet, obgleich O'Neil dort noch 
einmal einen Palast erbaute. Dieser Rath ist jetzt auf der einen Seite 
fast ganz zerstört, auf der westlichen besser erhalten : hier zeigt er ge- 
waltige Umwallung, im Innern einen kleineren Rundwall. Noch zu An- 
fang dieses Jahrhunderts konnte von zwei Bollwerken gesprochen wer- 
den, eines oben auf dem Hügel, das zweite an dessen Seite. Grösser 
war das nahe Danes Castle, welches bei Lisnagade Fort (Ct. Down) be- 
ginnt und sich durch Mullaglass bis in die Nähe von Meigh erstreckt. 
Ein Teil seines Walles und Grabens blieb unberührt. Von anderen Raths 
zu geschweigen. 

Äusserlich bedeutender als die Raths nehmen sich die Duns oder 
Cathairs aus, wie sie sich finden in den Counties Kerry, Cläre, Gal- 
way und Sligo, vereinzelt in Mayo, Donegal, Armagh, Antrim u. a. 
Der Altertumsforscher Lord Dunraven hat 24 solcher Bauwerke unter- 
sucht, davon sieben auf den Araninseln. Sie pflegen oval oder rund zu 
sein, ohne Mörtel errichtet, bedecken sie eine Fläche von circa 150 bis 
ca. 225 Fuss mit einer oder mehreren Reihen von Aussenwerken. Der 
Mangel an Mörtel wurde ersetzt durch die Grösse der Steine und deren 
sorgfältige Zusammenpassung oder Ausfüllung in den Lücken. Die Steine 
richten sich meist nach der Gegend und sind bis zu 9 Fuss lang und 
3 Fuss dick. Von hastigen Bauten abgesehen, besteht die Mauer aus 
einem Steinkerne, der auf beiden Seiten mit einer Steinfacade eingefasst 
ist, deren Einzelstücke sorgfältig ausgewählt und zu ebener Oberfläche 
zusammengelegt wurden. Drei solcher Strukturen bilden eine dreifach 
kompakte Masse, gewöhnlich 18 Fuss dick und 20 Fuss hoch, um das 
Herausziehen einzelner Steine unschädlich zu machen. Es scheint, dass 
man die Mauern in kurzen Abteilungen, jede unabhängig von der näch- 



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sten, herstellte, mit kunstvoll gesenkter Lage der oberen Schlusssteine. 
Daneben gibt es dünnere Mauern, bis zu 6 Fuss hinab. Zur Un- 
kenntnis des Mörtels gesellte sieh die des Bogens. Diese veranlasste 
oben sich verengende Thoreingange, um den zu überspannenden Raum 
zu verringern: die eisten Anfange wirklicher Architektur. Die Thore 
messen von 16 zu 27 Fuss in der Tiefe und sind überdeckt mit einem 
horizontalen Steinblocke von 6 bis 8 Fuss Lange. Bisweilen waren sie 
mit einer Doppelthür und Kiegeln versehen, und nur auf einem von 
Langsteinen eingefassten Wege zugänglich. Ja auch die Annäherung 
an die Mauern wusste man durch eine Art Steinlabyrinth zu erschweren, 
während umgekehrt auf der Innenseite der Mauern: Plattformen und 
Brustwehren angebracht sein können, zu denen 4, bisweilen selbst 10 




Nonlwestliche Innenseite der UmuiUKungsmauer von Inlsmurrny mit <len Stufen (Journnl VII). 

Treppenstiegen hinaufführen. Innen in der Steinmasse fand mau Gänge 
und Kuppelzimmcr, innen im Burgraume Kund- und Langhütten. Keine 
Zeichen von Maurergerät ergaben bisher die Duns, wie es z. B. schon 
bei den Trilithen von Stonehenge der Fall war. 

Die einfachste Form einer Burg bietet der runde Trockensteinbau 
Slicvemor (Jäher auf der Insel Achill (Ct. Mayo), wenn er nicht etwa 
als Grabmal betrachtet werden muss. Sein innerer Durchmesser beträgt 
ca. 43 Fuss, seino Mauer 17 Fuss Dicke, so sehr zerstört, dass sie an 
den höchsten Stellen nur noch 4 bis 5 Fuss misst. Auf der einen Seite 
befindet sich eine Öffnung. 

Gehen wir von hier zu grossen Bauten über, so tritt uns als eine 
der ältesten Steinfestungen Dun Aengus entgegen. Sie erhebt sich auf 
der höchsten südlichen Spitze der grösseren Araninsel, in düsterer Ode 
unmittelbar über dem Meere. Zwei Seiten werden durch eine steile 
Felsecko gebildet, von der drei Umwallungen in un regelmässigem Halb- 
kreise vorspringen, eine innerhalb der anderen, amphitheatralisch auf- 
steigend, so dass der Innenwall sich am höchsten erhebt. Dieser bildet 
eine Halbellipse und umfasst einen Flächenraum von 142 zu 150 Fuss. 
Die Mauer ist 18 Fuss hoch und 8 bis 12 Fuss dick, sie besteht aus 



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Steinen von Mittelgrösse ohne Mörtel, je mit der Kurzseite nach 
aussen. Das Thor ist 3 Fuss 4 Zoll weit, von einem flachen, 6 Fuss 
langen Steine eingefasst. Das Innere bietet im jetzigen Zustande keine 
Reste von einer Plattform, wie es sonst bei diesen Bauten üblich ist, 
dafür war ein Zimmerraum an der Nordwestseite angebracht. Wenn 
Gebäude existierten, so lehnten sie sich offenbar innen an die Mauer, 
welche ursprünglich vielleicht noch längs des Felsabhanges lief. Der 
zweite Wall, unregelmässig den ersten und doppelt so viel Raum um- 
schliessend, misst 6 bis 8 Fuss Dicke und an einer Stelle 12 Fuss 
Höhe, der Thorweg dem inneren schräge gegenüber nach Nordosten ist 
4 Fuss 7 Zoll weit. Von untergeordneter Wichtigkeit in Bauart und 
Stärke erweist sich der Aussenwall, 4 zu 8 Fuss dick und ca. 8 Fuss 
hoch, er bildet eine Art rechten Winkel, vom zweiten Walle ca. 129 
bis 434 Fuss entfernt, seine Westseite misst 590 Fuss, die Nordseite 
1320. Um die Angriffskraft des Feindes zu erschweren, befindet sich 
einige Ellen vor dem Aussenwalle ein 60 bis 80 Fuss breiter Gürtel 
von langen schmalen Steinen, ungefähr in Mannesweito in die Erde 
gesteckt. 

Als schönstes aller Dnns der Arans gilt Dun Conor; auf der Mittel- 
insel, von bedeutenderer Ausdehnung und besserem Mauerwerke als Dun 
Aengus, ungefähr im Centrum der Insel auf der höchsten Fläche circa 
250 Fuss über dem Meere gelegen. Das Innenfort ist oval, 115 zu 
225 Fuss gross, mit einem Thorwege von 6 Fuss 3 Zoll Breite. Der 
Wall wurde dreifach zusammengesetzt, 18 Fuss dick und fast 20 Fuss 
hoch, im Innern teilweis mit Stufen versehen, um auf die Plattform 
steigen zu können. Dem Abhänge zugekehrt besitzt die Festung kein 
weiteres Vorwerk, dafür zweigt aber auf dor anderon Seite von Kopf 
und Fussende des Ovals ein unregelmässig erweiterter Maucrhalbkreis 
ab, 5 bis 9 Fuss dick und 15 bis 16 Fuss hoch, mit einem dritten 
kleineren Halbkreise zur Befestigung des Thorwegs. Vielleicht sind 
beide Vorwerke jünger als der Hauptbau. Das Innere ergab kleine 
Zellen (cloghauns), teilweis an den Wall gelehnt. 

Auf dem Gipfel einer anderen Araninsel liegt Dun Oonacht, fast 
rund, 93 bis 95 Fuss im Durchmesser, die Mauer aus Steinen teilweis 
3 bis 4 Fuss lang, bietet jetzt bis zu 16 Fuss Höhe und 14 bis 15 
Fuss Dicke. Ferner sind zu nennen : Dun Oghil, ein starkes halbrundes 
Innenfort, umgeben von einem eirunden Walle; Cahair Gel, Mothar 
Dun u. a. 

Im County Sligo erhebt sicli eine Kette von Forts, darunter Cashel 

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Bawn; im County Cläre: Cahir Duo Fergus und vier andere; im County 
Donegale der Grianan von Aileach; County Mayo: Culcashel, unfern 
Belfast der Riesenring; bei Carn unfern Ederny, County Fermanagh, ein 
Cashel, dessen Mauern unten gewöhnlich 18 Fuss dick sind, der Plan 
bildet einen unregelmässigen Kreis; dicht dabei finden sich zwei Grab- 
hügel. 

Besonders beachtenswert sind einige Bauwerke des County Kerry, 
so Dunbec (kleines Fort), Staigue Fort, das Wolfsfort u. a. Staigue Fort 
ist ein Rundbau 89 (oder 114 Fuss) im Durchmesser, seine Mauern, 
auf der Nordseite noch in trefflichem Zustande, messen unten 13 Fuss, 
oben ca. 5 bis 7 Fuse Dicke und an best erhaltener Stelle ca. 18 Fuss 
Höhe. Die Innen- und Aussenseite neigen sich etwas geschweift nach 
oben gegen einander. Die Steine bieten teilweis 3 Fuss Länge, sind ab- 
geplattet mit der Schmalseite nach aussen, die Zwischenräume sorglich 
ausgefüllt. Ein schöner viereckiger Thorweg befindet sich auf der Süd- 
seite, 6 Fuss 2 Zoll hoch, unten 5 Fuss 2 Zoll und oben 4 Fuss 3 Zoll 
broit und 12 Fuss 9 Zoll tief. Der Eingang eröffnet das Innere, wel- 
ches 10 Treppenabteilungen enthält, die kreuzweis in 2 Gruppen zu 
schmalen Plattformen führen von 8 bis 43 Fuss Länge für die Ver- 
teidigung. In die Mauerdicke eingelassen sind zwei Zimmer mit abgerun- 
deten, bezw. ovalen Ecken. Davon misst das westliche 12 Fuss in der 
Länge, 4 1 /* in der Breite und 6*/ 8 in der Höhe, das nördliche 7 Fuss 
4 Zoll, zu 4 8 / 4 und 7. 

Das Wolfsfort gehört zu der Gruppe von Bauwerken, welche man 
als „alte Stadt Fahan" bezeichnet hat. Seine massive steinerne Rund- 
mauer von 11 bis 18 Fuss Dicke umfasst einen Raum von 95 bis 105 
Fuss Durchmesser. Der Eingang kommt von Osten, er ist 5 Fuss 
breit, in der Mitte des Durchgangs, ihn auf weniger als 4 Fuss ver- 
engend, springen mehrere Steine aus der Mauer vor als Rückhalt einer 
Thür. Der Eingang führt in einen kleinen Hof circa 19 zu 20 Fuss 
gross, welcher am entgegengesetzten Ende wieder einen Thoreingang 
bietet, links und rechts mit zwoi Räumen, vielleicht Wachthäusern, 
versehen. Beide sind noch erhalten, sie messen 6 l / 8 Fuss im Quadrat 
und sind oben ziemlich hoch kuppeiförmig gewölbt, dicht bei der 
linken Kammer befindet sich ein Cloghaun, innen 12 Fuss im Quadrat ; 
etwas weiter erhebt sich ein zweiter: das Haupthaus, sehr sorgfältig 
gebaut, der Eingang nach innen: grosse aufgerichtete Flachsteine mit 
flachem Deckblocke. Im Cloghaun, rechts von der Thür, zeigt sich 
ein kleiner viereckiger Raum, ungefähr 4 Fuss über dem Fussboden. 



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Ein weiterer Cloghaun wurde wesentlich roher gehalten, mit eigentüm- 
lichem Eingänge. Allen drei ist eigen, dass sie an die Umfassungs- 
mauer gelehnt sind, oder bis in dieselbe hineingehen. Noch andere 
bienenkorbartige Hütten waren vorhanden, sind aber bis auf Steinhaufen 
zerstört. 

Dort wo die Umfassungsmauer 18 Fuss misst, sind innerhalb der- 
selben drei schmale Gänge frei gelassen, oben mit Flachsteinen über- 
deckt, den Eingang nach innen. Einer derselben, der dicht beim dritten 
Cloghaun ausmündet, misst 40 Fuss Länge, der ihm benachbarte, in 
entgegengesetzter Richtung laufend, ist nach 30 Fuss durch Einfallen 
des Daches versperrt. 

Eigentümlich erweist sich ein kleiner Rundraum (auch als Wach- 
haus bezeichnet) in der Mauer mit dem Eingange von aussen, eine 
niedrige Pforte, von wo sich weite Fernsicht bietet. 

Eine Abart der geschlossenen Duns, in der Bauweise übereinstim- 
mend, ist die, wo eine Halbinsel durch eine Mauer vom übrigen Fest- 
lande abgesperrt wurde. Ein Beispiel bietet Dubh Cathair (das schwarze 
Fort) auf einem Felsvorsprunge. Die ihn einfassende Mauer misst 220 
Fuss in der Länge, 16 bis 18 in der Dicke und ca. 20 in der Höhe. 
Erst neuerdings wurde das Dunnamoe Fort in Mayo aufgefunden, dessen 
Sperrmauer 210 Fuss lang ist; das Innenfort bietet einen Kundwall, 
der eiuen Raum von 109 Fuss Durchmesser umschliesst. Ein anderes 
Fort, das von Dunbeg, hat eine Mauer von 200 Fuss Länge und 12 
bis 25 Fuss Dicke, welche mit der weiterlaufenden Klippe ein Dreieck 
bildet. Ungefähr in der Mitte befindet sich ein gedeckter Eingang, 
S'/a Fuss hoch, unten 3 und oben 2 Fuss breit, im Innern der Mauer er- 
weitert er sich bis zu 8 Fuss und ist jetzt oben gewölbt. Rechts im Durch- 
gange zeigt sich eine niedrige viereckige Öffnung, die nach einem vier- 
eckigen Räume fuhrt innerhalb der Mauer, vielleicht einem Wachtraunie, 
10 zu 6 Fuss messend; gegenüber erhebt sich ein bankartiger Sitz. Ein 
zweiter kleiner Raum wurde unfern des Ausganges, links in der Mauer 
angebracht, mit der Thür nach dem Innenhofe des Forts. Die Mauer 
ist offenbar nachträglich auswärts links und rechts vom Eingange 30 
Fuss weit um 4 Fuss verdickt. Links und rechts vom Eingange be- 
finden sich lange schmale Gänge, aber nicht mit demselben verbunden, 
welche früher bedeckt waren. Die Innenseite der Mauer bietet der 
Länge nach Steinstufen. Ursprünglich wird die Mauer auch am 90 Fuss 
tiefen Felsabhange hingezogen sein, doch blieben Teile davon nur auf der 
Wostseite erhalten. Der Innenhof zeigt Reste von Colghauns, dio sich 



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aber Dicht mehr deutlich unterscheiden lassen. Beachtenswert sind noch 
die Anlagen ausserhalb des Forts. Vor demselben wurden nämlich drei 
Paar Erdwälle je mit einem Graben parallel der Sperrmauer aufgeworfen 
mit einem ebenen Durchgang in der Mitte, der gerade auf das Thor 
des Forts zuführt. Der Durchgang scheint wieder zwischen jedem 
Schanzenpaare mit einer Steinthür versehen gewesen zu sein, wo von 
zweien noch Reste übrig blieben. Dazu kommt ein unterirdisches Zimmfcr 
auf dem Wege zwischen dem zweiten Grabenpaare: in Friedenszeiten 
wohl als Wohn- und Vorratsraum, im Kriege als Fallloch benutzt. 
Augenscheinlich gehört dieses Bauwerk nicht zu den ältesten oder ist 
doch längere Zeit benutzt worden, wodurch spätere Zusätze und Um- 
wandlungen erfolgt sein werden. 

Die Grossartigkeit und Mannigfaltigkeit dieser „cyklopischen* Burgen 
kann kaum genügend bewundert werden. Mit äusserst mangelhaftem 
Geräte und mangelhafter Technik, ohne Mörtel, brachte man Riesen- 
bauten zu Stande, von so geschlossenen und wetterfesten Massen, dass 
sie Sturm und Nässe von nahezu Vj 9 Jahrtausenden überdauert haben. 
Geschickt verstand man sich dabei nach Ort- und Bodenbeschaffenheit 
zu richten. Bei weitem gegen sie standen die primitiven Wälle Galliens 
zurück, die nur aus grobem Kies aufgeführt waren, vermischt mit Erde, 
durch Baumstämme gestützt, etwa 5 Fuss hoch, einen Kreis von 200 
Fuss Durchmesser umschliessend ; die Eingänge als blosse Öffnungen. 
Anderseits ist bekannt, dass jene gewaltigen mörtellosen Mauern nichts 
eigentlich Irisches sind, sondern, dass sie anderwärts Gegenbilder nament- 
lich in westlichen Mittelmeerländern finden, von den Pyramiden Ägyptens 
bis zu den Bauten von Alatri, Veroli, Segni u. a. 0. 

Früh wurden die irischen Steinburgen mit den Helden der Vor- 
zeit, von Gelehrten auch mit den Beigen zusammengebracht. Man- 
cherlei Sagen haben sie umwoben, doch scheinen sie, wie z. B. die von 
Aengus Hua More Erklärungen von rückwärts, von den bestehenden 
Forts aus, zu sein. Während in der Aengussage die Feinde vom Lande 
her drohen, sind die meisten Forts deutlich gegen den Ocean hin an- 
gelegt, wie sie sich wesentlich ja als dünner Streif längs der Küste 
hinziehen. Nach Lage und Bauart erscheint möglich, dass sie einer 
bestimmten Bevölkerung angehörten, die auf jene fernen Westufer 
zurückgedrängt wäre. Der Zweck der Raths und Dnns war offenbar 
der befestigter Lager; es galt, grössere Menschenmengen mit Viehstand 
und Zubehör bei einbrechenden Gefahren aufzunehmen. Die auf dem 
Ackerlande gelegenen Raths waren vielfach dauernd bewohnt. Anders die 



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Duns auf beherrschenden Höhen und schwer zugänglichen Felsklippen; 
bei ihnen tritt das Festungsartige, der Zweck der bewaffneten Verteidi- 
gung unverkennbar in den Vordergrund. 

Bereits in der Beschreibung von Dunbog Fort fand sich eine Her- 
anziehung von Erd- zu Steinwerken. Dies geht nun in verschiedenster 
Art weiter. Der Cathair von Ballyneabought, County Kerry, hat einen 
inneren Erd- Kundwall 12 bis 14 Fuss dick, einen Raum von 100 
Fuss Durchmesser umschliesseud , an der Innenseite mit sorgfältiger 
Steinfacade versehen, die eine schmale Plattform bildet, 3 Fuss über 
dem Innenhofe erhoben. Der Wall ist von einem Graben eingefasst, 
oben 25 Fuss breit und an der Südseite 20 Fuss tief. Um diesen 
Graben zieht sich ein zweiter Rundwall, 10 Fuss dick, ebenfalls von 
Erde, nach aussen zu mit grossen Flachsteinen belegt, wieder ein- 
gefasst von einem kleineren Aussengraben. 

Der Eingang schneidet von Westen gerade durch die Gesamt- 
befestigung bis zum Innenhofe. Grosse Bruchsteine liegen umher, offen- 
bar die Reste eines massigen Thorwegs. Der Hofraum bietet die Reste 
einiger Cloghauns, deren hauptsächlichster gut erhalten blieb. Er misst 
18 Fuss im Durchmesser: der Eingang nach Nordost, also dem Thor- 
wege ziemlich entgegengesetzt. Ein Teil des südlichen Innenraums 
ist durch eine Mauer abgetrennt und führt mit einem engen Durch- 
gang zu einem weiteren niedrigen Zimmer, welches südlich an den 
Hauptcloghaun angebaut ist, offenbar ein Schlafraum. Von jenem zweigt 
eine Steinmauer gerade nach Süden ab bis zum grossen Innenwall, da- 
durch den Hofraum hier in zwei Hälften zerlegend; dieser Teil sollte 
wohl eine letzte befestigte Zuflucht oder die Frauenabteilung darstellen, 
weshalb auch der nördliche Eingang noch weiter beengt gewesen zu 
sein scheint. Zwischen dem Hauptcloghaun und dem Burgeingango 
liegt nämlich noch ein weiterer, viereckig-oblonger Seitenbau, von dem 
aus, der Kreiswölbung des Cloghauns folgend, eine Reihe aufgerichteter 
Bruchsteine bis zum Eingange des Cloghauns einen Gang bildet. Viel- 
leicht erstreckte sich diese Reihe ursprünglich bis zur inneren Rund- 
mauer, wodurch der Cloghaunzugang dann durch eine blos 5 Fuss breite 
Öffnung hätte erfolgen müssen. An die Rundraauer lehnten sich jeden- 
falls noch weitere Cloghauns; von einem blieben deutliche Überreste. 

Gewissermassen die christliche Fortsetzung der massigen Steinduns 
bieten die Cashels, die befestigten Klöster- und Kirchenanlagen, von denen 
hier nur weniges angedeutet werden mag: Ihre Mauer pflegt im wesent- 
lichen der eines Dun zu entsprechen, aber unregelmässiger in Form und 



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Bauart, vielfach auch weniger gewaltig in den Steinblöcken, überhaupt 
das Ganze etwas schwächlicher zu sein, hie und da, z. B. in den Thoren, 
auch schon jüngere Einwirkungen zeigend. Ausserdem fehlen die Vor- 
werke: Gräben, Steine, Schanzen. Der gewöhnliche Durchmesser eines 
Cashels beträgt ca. 140 Fuss; eine Ausdehnung, die wie so vieles auf 
S. Patrick zurückgeführt wurde. Im Innern erhoben sich Cloghauus, 
wie in dem der Duns, daneben Oratorien und andere Bauwerke für re- 
ligiöse Zwecke. 

Ziemlich dieselben Bollwerke wie in Irland finden sich in dem nah- 
verwandten Schottland, freilich durchweg mehr zerstört. Sie zerfallen 
auch hier in 2 Hauptgruppen: Erd- und Steinbauten, jeno wesentlich 
Ackerbaugegenden eigen, diese lieber Hügelspitzen krönend. Die Erd- 
werke pflegen sich in nicht immer regelmässiger Rund- oder Ovalform 
um eine natürliche Bodenerhebung zu legen; sie bestehen aus einem 
Erdwalle oder gewöhnlich aus deren mehreren, bis zu vier, ungefähr 
4 bis 5 Fuss hoch, auch wohl höher ; ursprünglich jedenfalls oben mit 
Pallisaden versehen und von einem oder mehreren Eingängen durch- 
schnitten. Es sind die irischen Raths. Die irischen Duns bilden hier 
Hügelforts von gewöhnlich einer oder mehreren trockenen Steinmauern. 
Bei Garrywhoine z. B. ist es eine ovale Mauer, ca. 14 Fuss dick um einen 
Raum von 200 Schritt Länge und 65 Breite. Wesentlich komplicierter 
erweist sich White Caterthun bei Menmuir. Dio eingefasste Hügel- 
fläche bildet ein langes Oval von ca. 200 zu ca. 450 Fuss. Die Mauer 
muss ganz gewaltig gewesen sein, weil ihre Ruinen sich teil weis auf 
100 Fuss ausdehnen und doch noch 4 bis 6 Fuss hoch sind. Ungefähr 
150 Fuss tiefer zieht sich um den Hügelhang eine andere Mauer, ebenso 
zerfallen, darunter die Reste einer dritten, und noch mehr unten bietet 
sich eine oblonge Einfassung von weniger massiger Bauweise, mit 
einer Seite an die Aussenmauer gelehnt. 

Nicht selten hat man namentlich in Schottland ein Überglasen und 
Zusaramenschweissen durch Feuer bei solchen Steinforts beobachtet. Es 
ist viel darüber gestritten, in wiefern es ursprünglich schon bei der 
Anlage, in wiefern erst durch spätere Feuerzerstörungen bewirkt sei. 
Fast scheint letzteres das häufigere gewesen zu sein ; so bietet ein Fort 
zu Burghead (Morayshire) noch das Beispiel wechselnder Lagen von 
Eichenbalken und Trockensteinen. In Gegenden, wo Steine seltener oder 
schwerer zu erlangen waren als Holz, wird man solches Gemisch her- 
gestellt haben, wie anderseits auch Zusammensetzung von Erde und Stein 
vorkommt. 



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- 219 - 

Man sieht, den Pfahlbauten entsprechend, waren die Festungen hüben 
und drüben ziemlich gleich, aber doch nicht ganz; namentlich bietet 
Schottland eine Art mehr in seinen , Brochs", die man früher oft als 
„Pictische Burgen" bezeichnete. Es sind hohle Kundthürme von trocke- 
nem Mauerwerk, selten mehr als 70 und weniger als 40 Fuss im Ge- 
samtdurchmesser, an 50 Fuss hoch. Ihre Rundmauer von 9—20 Fuss 
Dicke ist 10 Fuss aufwärts solide gebaut, ausser wo sie vom Eingange 
oder von oblongen Kammern mit Rundwölbungen durchbrochen wird. 




Thurm von Mou«a, Slietlanda Insel (Anderson). 



Oberhalb der 10 Fuss ist die Mauer weitergoführt mit einem inneren 
Räume oder Gange von ungefähr 3 Fuss Breite zwischen ihren äusseren 
und inneren Teilen. Alle 5 oder 6 Fuss hoch wird dieser Raum von 
einer Lage horizontaler Flachsteine unterbrochen, welche den äusseren 
mit dem inneren Teile der Mauer 
verbinden, so dass sie nach unten 
einen Fussboden, nach oben eine Decke 
bilden. Zugang zu den Stockwerken 
gewährt eine Treppe, Licht erhalten 
sie durch Fensteröffnungen direkt über 
einander nach dem Innenhofe zu an- 
gebracht. Dieser Innenhof misst von 
20 bis 45 Fuss und ist bisweilen mit 
einem Brunnen versehen, dessen Was- 
ser durch Röhren Abfluss findet. An 

Cirninlplan d<-s Broch von Coldoch. 

verschiedenen Stellen der ümfassungs- I'crtshlre (Anderson). 




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- 220 — 




Durchschnitt der Reste des Broch von Glenbeg, bei Glenelg. Höhe: 25 Fuss, Innendurchmesser: 

30 Fuss, Mauerdickc: 13 Fuss (Anderson). 

mauern zeigen sich die Zugänge zu den Mauerzimmern und zu der 
Stockwerktreppe. Die einzige Öffnung bis aussen hin bietet der gerade- 
aus laufende tunnelartige Thorweg. Er befindet sich zu ebener Erde, 
ist viereckig, gewöhnlich mit leicht nach innen geneigten Seiten, 5—6 
Fuss hoch und selten mehr als 3 breit. Ungefähr 4 Fuss von aussen 
springen moistens starke Steine vor für die Thür; dahinter liegt die 
Öffnung eines Wachtzimmers in der Mauerdicke. 

In äusserst konzentrierter und scharfsinniger Weise ist in diesen 
Bauwerken Obdach und Verteidigung mit den denkbar geringsten Mit- 
teln vereinigt. Das Gesamtgewicht des Bauwerks presste das untere 
Gemäuer fest zusammen, vor dessen Zerstörung und Untergrabung man 
sich durch Wurfgeschosse von oben her sicherte. Der Thoreingang war 
so schmal, dass er nur einem Manne Zutritt gestattete, der sich nun 
in dem engen Räume nicht recht bewegen, vielleicht auch von inneu 
her durch eine Lochöffnung in der Thür niedergestochen werden konnte. 
Und selbst wenn es dem Angreifer gelang, die Thür zu erzwingen und 
in den Innenhof vorzudringen, so hatte er auf kleiner Fläche rund herum 
Mauern 50 Fuss hoch mit vielen Fensteröffnungen, von denen aus jeder 
Zoll breit unten beherrscht wurde. 

Die beschriebenen Rundthürrae kommen hauptsächlich in Nord- 
und Nordwest-Schottland vor, in Caithness erheben sie sich bisweilen 
an Orten von natürlicher Stärke, gewöhnlich aber auf gutem Acker- 
lande, dies namentlich in Sutherland, wo sie den Flussmündungen bis 
25 und 30 Meilen weit ins Land folgen. Sie bildeten demnach hier Ver- 
teidigungsfestungen und Zufluchtsstätten für Ackerbauer. 

Der massige Rundbau mit eingelassenen Zimmern und bisweilen 
schmalen Gallerien ist speeifisch keltisch. Auch in Wales und Corn- 
wallis finden sich solche Festungsbauten, wenngleich meistens weniger 
gross und zahlreich. Wohl als bedeutendste sind zu nennen Castle an 



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— 221 — 



Dinas und Caer Bran in Cornwall und Castle Dinas Bran (auf Tr'r 
Ceiri?) in Nord-Wales. 

Schwer ist es, ein Urteil über die Zeit der keltischen Bollwerke 
zu fallen. Das mörtellose Mauerwerk und die Abwesenheit des Bogens 
deuten auf graues Altertum, anderseits beweist die Übereinstimmung 
des Hauptplans, namentlich in den Brochs, dass man die einmal ange- 
nommene Form lange beibehielt. Noch jetzt errichten sich die Bewohner 
von Bari und Lecce massive konische Thürme von uncementierten Steinen 
mit einem roh gewölbten Centraizimmer. Alle diese Dinge müssen in 
Betracht gezogen werden, wogegen die später angeknüpften Sagen so 
gut wie keine Gewähr bieten. Demnach scheint es, als ob die grossen 
Bollwerke während der letzten vorchristlichen Jahrhunderte aufkamen, 
aber in die christliche Zeit hineinragten, ja wahrscheinlich noch während 
der Vickingereinfälle in Gebrauch blieben. Bezüglich der Brochs hat 
Anderson an der Hand der Fundgegenstände nachgewiesen, dass sie in 
heidnisch-nachrömischer Zeit, einem eigenen Typus der frühen Eisen- 
periode angehören, als noch Bronze, Stein und Knochen viel benutzt 
wurden. In Erfindung und Ausführung sind sie kunstvoller als die mas- 
sigen Duns und könnten deshalb später sein. Auch die irischen Raths 
haben in ihren Küchenabfallen Gegenstände von Stein, Bronze und Eisen 
ergeben, letztere zahlreich. Aus ihnen und der Bronzeverzierung darf 
geschlossen werden, dass sie bis tief ins Mittelalter bewohnt gewesen; 
z. B. zeigt ein Bronzestück aus einem Rath bei Whitechurch deutlich 
Stil und Arbeit des 10.-12. Jahrhunderts. Auch in Cuchulinn-Texten, 
deren jetzige Gestalt dem 9. oder 10. Jahrhundert angehört, findet man 
bewohnte Raths. 

Neben sonnbeschienenen Crannogs im Wasser, den Stein- und Erd- 
bollwcrken auf dem Lande, erstrecken sich unterirdische Behausungen 
(luscas) über einen grossen Teil von Irland und Schottland, seltener 
in Wales. Wieder etwas Keltisches jener abgelegenen Gegenden. 

Als eigentümlichste Form dieses frühen Wohnwesens darf man wohl 
die „eirde houses", die Erdhäuser von Schottland bezeichnen, welche 
sich im ganzen Osten desselben bis nach den Shetlandinseln finden. Oft 
in der Nähe von Obergrundhäusern führt eine schmale Öffnung in die 
Erde, an die sich ein nach hinten breiter werdender Gang schliesst. 
Die schottischen Erdhäuser pflegen einen Eingang von l l l s bis 2 Fuss 
Breite zu^besitzen, der mehr oder weniger schräge in die Tiefe führt, 
um alsdann^ in eine ein oder zweimal gewundene horizontale, hinten 
geschlossene Gallerie überzugehen, von 30, 40 bis zu 70 Fuss Länge, 



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Gruudphin und Durchschnitte de* Krdlwusr* von Broouihotise, Berw ieksliire (Anderson). 
A Eiojranj,', B C I) Deckplatten, D ThQrausXtzc, E grösserer Innenraum. 



gewöhnlich am Ende am breitesten: 5, 6 bis 8 Fuss. Auch die Höhe 
ist verschieden, beim Eingange bisweilen weniger als 2 Fuss, nachher 
5 und 6 Fuss. Die Seitenwände bestehen gewöhnlich aus rohen Bruch- 
steinen ohne Mörtel, seltener aus übereck gestellten Flachquadern, bis- 
weilen sind die Wände gerade, bisweilen oben etwas nach innen geneigt, 
um den Kaum für die bedeckenden Flachsteine zu vermindern. Den 
Eingang können ebenfalls grosse Pfeiler- oder Flachsteine bilden und 
eben solche sind für eine zweite Thür bei der ersten oder zweiten Krüm- 
mung aufgerichtet. Es kommen auch Abweichungen von der üblichen 
Anlage vor, z. B. dass der Gang in zwei Armen ausläuft, oder dass 
dem Gange noch ein Rundzimmer beigefügt ist und dergl. Die Erd- 
häuser finden sich bald einzeln, bald gruppenweise, z. B. 5 zu Airlie 
in Forfarshire, 40 bis 50 im Moore von Auchindoir. 

Den schottischen Erdhütten erweisen sich die cornischen nahe ver- 
wandt. Auch sie wurden gern in der Nähe von Obergrundhütten an- 
gebracht, bestehen aus einem langen schmalen Gange von Trocken- 
mauerung, sind aber nicht so bestimmt ein- oder zweimal gekrümmt. 
Eine bei Chapel Euny (unfern Penzance) liegt bei vier Rundhütten, ihr 
Gang an 60 Fuss lang ist leicht gebogen, 6 Fuss breit und 6 bis 7 
hoch. Ein Rundzimmer von grossen Granitblöcken mit gewölbtem Dach, 
16 Fuss im Durchmesser und ursprünglich 10 — 12 Fuss hoch, ist mit 
dem breiteren Ende des Ganges durch einen Nebengang von 10 Fuss 
Länge verbunden. 



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— 223 — 



Ähnliche Uiitergrundräume kommen in einigen Gegenden Irlands, 
zumal im Norden vor, im County Donegal etc. Nach nahebei gefundenen 
Stein- und Bronzesachen scheinen sie sehr alt zu sein. Sie erweisen 
sich lang und schmal, mit geneigten Seitenwänden, gewöhnlich nur als 
eine Höhle, doch deren auch 2 oder 3 verbunden. Als gewöhnliche 
Länge gilt 16 bis 19 Fuss, 2 l / 2 bis 3 breit und 2 bis 5 hoch. Wie in 
Schottland pflegen sie dem offenen Acker anzugehören. Doch die eigent- 
lich irische Hauptart unterirdischer Bauwerke bilden sie nicht. Lässt 
sich für Schottland nur ein Fall nachweisen, wo sich Höhlen im Innern 
eines Raths befinden (im Rath von Dunsinnane), so ist dies für Irland 
gewöhnlich; selten dagegen wurden sie in Steinforts in den Fels ge- 
hauen. Das Bezeichnende hier sind Einzelkaramern: deren eine, zwei 
und drei, selbst bis zu acht und neun. Die Form derselben ist vier- 
eckig, rund oder oval; sie sind durch schmale Gänge, seltener durch 
blosse Öffnungen verbunden. Die Eingänge pflegen eng und oft von 
den ursprünglichen Bewohnern sorgfältig verborgen, bisweilen mit einer 
sinnreichen Fallthür verschlossen zu sein, doch gibt es auch solche, 
die von einem Gebäude überragt waren, bezw. sie befanden sich in dem 
Gebäude. Hinunter stieg man in einem schrägen Gange, auf Stufen 
oder dergleichen. Bisweilen trifft man alsbald auf die Kammer, bis- 
weilen aber reichen sie tief und weit in die Erde und bestehen aus 
einem ganzen Systeme von Gallerien und Räumen, ja sogar aus Zim- 
mern unter einander. Wie die Anlage, so ist die Ausführung ver- 
schieden: einige sind einfach in die harte Erde gegraben, andere noch 
hie und da, zumal in den Thorwegen mit Steinen belegt, auch mit 
kleinen, wobei dann die natürliche Erde oder der Fels streckenweis 
hervortreten; das gewöhnliche ist: Mauerwerk aus Bruchsteinen ohne 
Mörtel, oder Pfeiler, deren Zwischenräume mit kleineren Steinen aus- 
gefüllt wurden. Der Fussboden besteht aus festgetretenem Untergrund, 
aus Stein- und Kieslage, oder aus Tropfstein, mit allerlei Gestaltungen 
und Löchern voll Wasser. Die Decke wird gebildet durcli flache Stein- 
platten, gewöhnlich vortrefflich zusammengefügt, oder durch über ein- 
ander vorspringende Steine, die eine Wölbung bewirken, selten durch 
Lehm, Holz oder Stroh; es kommen vereinzelt auch Dächer mit Luft- 
löchern und Ritzen vor. Ausser dem Haupteingange kann es noch 
einen oder einige entlegene Nebeneingänge geben. Das Ganze wurde 
bald in rein horizontaler Richtung gehalten, bald sich nach einer Seite 
senkend; selbst innerhalb eines Zimmers kann dies der Fall sein. 

Die Grössenverhältnisse sind äusserst verschieden. Ein einfaches 



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— 224 — 

Zimmer bei Drumcliffe (Ct. Sligo) misst 12 Fuss in der Länge, 5 in 
der Höhe und 6 in der Breite. Im grossen Rath von Greenville be- 
finden sich 3 Kammern, jede rechtwinklig zur nächsten, 6 Fuss breit, 
67* Fuss hoch und an 25 Ellen lang. Am Ende der ersten beiden er- 
hebt sich eine Mauer von 3 Fuss Höhe, die den einen Baum vom näch- 
sten absperrt. Die Lusca von Billy more (Ct. Galway) enthält 4 Zimmer; 
eines davon bildet ein unregelmässiges Oval mit sich senkendem Boden, 
20 Fuss lang, 5 breit und 4 bis 7 hoch ; am hohen Ende eine Stein- 
mauer mit Durchgang, am anderen eine Steinmauer mit einer Ver- 
tiefung, wie ein Feuerherd, 2 zu 2 l / 2 Fuss messend, über demselben 
erhebt sich eine Art Kamin, 5 Fuss hoch zu 3 und 3 1 /, Fuss. Der 
Kamin läuft auf eine Plattform aus, von woher rohe Stufen abwärts 
zu einem zweiten Zimmer führen, rechtwinklig zum vorigen stehend, 
36 Fuss lang, 8 breit und 8 hoch. Von ihm aus ging ein Weg offen- 
bar zu einem weiteren, jetzt verschütteten Räume. Das zweite Zimmer 
barg ebenfalls eine Mauer mit einem Durchgang und darüber eine Öff- 
nung längs der ganzen Zimmerweite, eine Art Bodenkammer bildend, 
unterhalb welcher sich ein vierter Raum befand 4 Fuss hoch, in einer 
Gailerie mündend, die zu einem Ausgange führte in einiger Ent- 
fernung von dem Walle des Rath. Hervorragend interessante Höhlen 
bietet die Nord- West-Grafschaft Fermanagh. Da sind die von Knock- 
more bei Derrygonnelly : namentlich die Schrifthöhle, sogenannt nach 
den Zeichen an den Wänden. Bei Lough-nacloyduff, unter Boho, er- 
streckt sich eine andere mit alten Sculpturen reich verziert. Eisenfunde 
und einige Zeichen in Stein deuten auf Aufenthalt bis in christliche 
Zeit. Als Wohnort und Mausoleum ergab sich die unfern gelegene 
Höhle von Knockninny; sie enthielt Steingeräte, eine prächtige Grab- 
urne u. a. 

Neben den steinernen Untergrundbauten scheinen hölzerne in Ge- 
brauch gewesen zu sein. Ein solcher, höchst beachtenswerter wurde 1838 
bei Labadye Bridge unfern Kiilaloe (Journal II. 521), während der Feld- 
arbeit ausgegraben. Er bestand aus einer Art aufrechtem Thürrahmen, au 
den sich ein 8 Fuss langer Gang schloss, ca. 30 Zoll im Quadrat, der in 
ein Zimmer führte, das sich nach ungenauer Messung vielleicht 20 Ellen 
lang, 12 Fuss breit und 8 Fuss hoch erwies. Hergestellt war das Ganze 
aus schönem Eichenholz, aus Balken 12 Fuss lang und 14 Zoll breit 
und der gl., dabei ohne Nägel, alles mit Vertiefungen und Klammern 
gemacht, überkleidet mit Moos und Moorerde. Eichene Balken trugen 
das Dach. 



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— 225 — 



Die Untergrundräume dienten offenbar mancherlei Zwecken: als 
Wohnungen, vorübergehende Zufluchtstätten, als Grabkammern und Vor- 
ratsräume. Tacitus sagt in der Germania von einem östlichen Volke: 
„ausser ihren gewöhnlichen Häusern besitzen- sie unterirdische Höhlen, 
durch ihrer Hände Arbeit gefertigt und sorgfaltig mit Erde bedeckt: 
sie bilden im Winter ihre Zuflucht gegen Kälte, verbergen sie vor den 
Feinden und dienen als Aufbewahrungsort für ihr Korn.* Die irischen 
Luscas sind bisweilen leer, bisweilen leicht am Boden mit Erde, Asche, 
Töpfereistücken, Kohlen, Knochen und dergl. bedeckt, bisweilen mit äus- 
serst massenhaften Küchenabfallen gefüllt, ganz ähnlich wie die unter- 
seeischen Abteilungen mancher Crannogs. Dass sie als menschliche 
Aufenthaltsorte dienten, zeigen gefundene Geräte, Herde, Steintische 
und dergl., bisweilen bergen sie ein oder eine Anzahl Gräber. Die Funde, 
darunter ziemlich zahlreich Eisen, scheinen zu beweisen, dass die Haupt- 
zeit der Benutzung ins 5. bis 7. Jahrhundert fiel, sowohl vor- als zu- 
rückgreifend. Noch die isländische Sage von Gisli, welche Ereignisse 
aus dem 10. Jahrhundert behandelt und zu Beginn des 12ten nieder- 
geschrieben wurde, weiss von einem unterirdischen Zimmer mit zwei 
Ausgängen, in welchem sich Menschen vorborgen hielten. 

Überblickt man das Ganze, so finden sich mit gewissen Gegen- 
den bestimmte eigenartige Bauwerke verbunden: Pfahlbauten haupt- 
sächlich in Nord-Irland und Süd- Westschottland, grosse Steinduns an 
der Westküste Irlands, Raths mehr im Innern und nach Osten, Brochs 
in Nord- und Nordwestschottland, Erdhäuser in Ostschottland. Wir 
irren schwerlich, wenn wir diese Eigentümlichkeiten mit verschiedenen 
Völkergmppen in Beziehung bringen, ohne nähere Bestimmungen zu 
wagen. 

Ein Platz uralten Volkslebens, namentlich des dritten Jahrhunderts, 
ist der Hügel von Tara, die Residenz der Oberkönige von Irland, nach 
welcher 5 Hauptwege führten. Viele Reste blieben erhalten und andere 
lassen sich ergänzen. Da begegnen wir dem Rath na Riogh, dem Hügel 
der Feste der Könige, einem ziemlich eirunden Erdwalle mit Graben 
von 853 Fuss äusserem und 775 innerem Durchmesser. Ursprüng- 
lich bestand er wohl aus einer Doppelmauer mit dazwischenliegender 
Vertiefung, verstärkt und erhöht durch Steinwerke. In der Mitte dieses 
Befestigungringes liegen zwei andere ziemlich runde und miteinander 
verbundene Erd-Doppelringe, davon der mittlere der Forradh, wohl der 
Versammlungsort, nebenan das Haus von Cormac (kam 218 auf den 
Thron). Ausser diesen hat es noch 13 Ringe oder Erdhügel in nächster 



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- 226 - 



Nähe gegeben, wechselnd vom ein- bis zum dreifachen, ferner eine An- 
zahl steinerner und sonstiger Grabmonumente, Steinhaufen und dergl. 
Auch der berühmte Krönungsstein Lia Fail befanden sich hier und 
wurde erst 1798 entfernt. Jetzt ragt er 6 Fuss über dem Boden, ur- 
sprünglich meint man 12 Fuss; er ist rund, nach oben verjüngt und 
am Ende abgerundet. Erst diente er vielleicht Ritualzwecken, dann 
bei der Feier der Krönung, für welche wohl noch zwei andere Steine 
in Betracht kamen, ähnlich dem Hauptsteine, nur kleiner. Vier Quellen 
entsprangen; an einer stand eine Mühle, welche die erste Wassermühle 
Irlands gewesen sein soll. Viel verherrlicht war der Teach-Miodhchuarta, 
die lange Festhalle mit 14 Thüren, das grosse Haus der 1000 Krieger; 
es misst jetzt 759 in der Länge und 46 in der Breite, war aber wohl 
ca. 90 breit und auch noch länger. In einem Gedichte, welches dem 
Sänger Kineth O'Hartigan angehören soll, findet sich eine Beschreibung 
von der Pracht und dem Glänze der Halle. Umgeben war der Raum 
wohl von kleineren Gebäuden zu Gast- und Schlafzwecken und dergl. 
Da alle Hochbauten auf Tara Hill von Holz und Lehm gewesen zu 
sein scheinen, so erkennt man jetzt leider nichts mehr von dem früheren 
Aussehen; neben Unbedeutenderem wurden zwei schraubenartig gewun- 
dene Goldhalsringe gefunden. 

Hiemit schliessen wir unsere Skizze. Sie dürfte ein ungewöhnlich 
bestimmtes Bild über vielfach unbekannto Dinge, eine grosse, reich 
bewegte Vergangenheit ergeben haben, der die Zustände des heu- 
tigen Irland gar wenig entsprechen. Wie die feuchten Nebelwolken der 
Insel haften sich Sagen und Mähren an den altersgrauen Duns, den 
finsteren Höhlen, den gewaltigen Cromleehs und noch gewaltigeren Grab- 
hügeln ; sie verklären die trübe, in Armut und Unrat versunkene Gegen- 
wart und verliehen dem Lande die Harfe als Wappen, das meist poe- 
tische und so tief bedeutungsvolle Wappen: gleichsam eine stumm- 
beredte Klage. 



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Die Heidelberger Handschrift der Paradoxographeii 

(Pal. Gr. 398) 

vnn 

Alfred von Gutschmid. 1 ) 



Die Handschrift war im 14. oder 15. Jahrhundert auf dem Athos, 
zu welcher Zeit dort der codex mus. Brit. add. 19, 391 aus ihr abge- 
schrieben worden ist (vgl. den Nachweis bei C. Müller, Fragmenta bist. 
Graec. V, 1 p. XVI sqq.). Von da kam sie nach Heidelberg, wurde mit 
der übrigen Bibliothek 1623 nach Rom entführt, von da 1796 nach 
Paris, und befindet sich seit 1815 wieder in der Heidelberger Univer- 
sitätsbibliothek. Die griechischen Paradoxographen sind daraus zuerst 
von Xylander, Basel 1558, 8. herausgegeben worden. Eine neue Ver- 
gleichung der Handschrift gab F. J. Bast, Epistola critica ad J. F. Bois- 
sonade super Antonino Liberali, Parthenio et Aristaeneto. Cum auctoris 

*) Diese Arbeit des am 2. März 1887 allzufrüh der Wissenschaft 
entrissenen Gelehrten ist mir im Oktober 1881 von demselben zur Ver- 
fügung gestellt worden. Bei einem Besuche, den ich Gutschmid im 
genannten Jahro in Tübingen abstattete, hatte ich Gelegenheit, mich 
mit ihm u. A. auch über den Paradoxographen-Codex zu unterhalten, 
welcher zu den wertvollsten unserer Keimelia gehört. Es stellte sich 
hierbei heraus, dass Gutschmid bereits eine Arbeit über diese Hand- 
schrift vorbereitet hatte, und nach wenigen Monaten setzte er mich in 
den Besitz derselben. Eine Veröffentlichung an anderer Stelle unter- 
blieb aus hier nicht näher zu erörternden Gründen. So erscheint denn 
dieser interessante Aufsatz jetzt in unserer neubegründeten Zeitschrift, 
wobei das horazischc 'nonum prematur in annum' dem Werte desselben 
nicht geschadet haben dürfte. 

K. Zangemeister. 



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— 228 — 



emendationibus et additamentis manuscriptis e lingua Gallica in Lati- 
nam versa a C. A. Wiedeburg. Lipsiae 1809, 8. (Die Paradoxograpben 
betreffen pp. 59—95.) Appendix ad F. J. Bastii epistolam criticam. 
edid. G. H. Schaefer. Lipsiae 1809, 8. (pp. 26—37.) Basts Angaben 
sind aber auffallig inkorrekt: die positivsten Aussagen über das, was 
in der Handschrift stehen soll, werden nicht selten durch den Augen- 
schein in einer Weise widerlegt, dass es schwer ist, sich den Ursprung 

des Irrtums zu erklären ; so gibt er z. B. p. 85 App. p. 32 als Lesart 

dt 

des Antigonos (p. 69, 12 ed. Westermann.) an: „IxSaXarzunz. Syllaba 
fh superscripta est", während die Handschrift einfach imda/arrtoig, und 
von der übergeschriebenen Sylbe keine Spur noch auch irgendwelche 
Correktur oder Rasur aufweist. Ks ist eine Pergamenhandschrift, in 
Kleinquart, die Folien 25 Centimeter hoch, 17 Centimeter breit. Keine 
Abteilung der Folien in Columnen findet statt. Die Zahl der Folien 
beträgt jetzt 321 , während zu Xylanders Zeit noch 324 vorhanden 
waren; die Hand, welche sie durchgehend mit Bleistift numeriert hat, 
zählt 331, indem unzweckmässiger Weise 10 vorgeheftete, teils Inhalts- 
angaben enthaltende, teils leergelassene Blätter mitgezählt sind: eine 
ältere, richtigere Bezifferung mit Tinte ist nicht über Fol. 26 fortge- 
führt. Auf jeder Seite sind 33 Zeilen. Die Zeilen sind mit einem Lineal 
vorher eingedrückt oder eingekratzt worden ; die Buchstaben stehen nicht 
auf der Zeile, sondern hängen unter der Zeile. Die Handschrift ist nach 
Bast (p. 2) saec. X. ineuntis. Die Tinte ist braun, von verschiedener 
Färbung in den verschiedenen Teilen der Handschrift. Diese ist von 
Anfang bis zu Ende von Einer Hand geschrieben, wenn auch allem 
Anscheine nach in Absätzen und zu verschiedenen Zeiten; es ist eine 
schöne, gleichmässige Schrift. Rasuren sind nicht selten, sind aber ge- 
schickt ausgeführt, so dass sie den sauberen Eindruck des Ganzen nicht 
beeinträchtigen: durch Rasur entstandene leere Stellen im Texte sind 
durch das Zeichen : ausgefüllt. Die Schrift ist grosse Minuskel ; Proben 
gibt das bei Bast eingelegte Blatt, Die Wortteilung ist nur unvollkommen 
durchgeführt ; die Abteilung innerhalb des Wortes am Zeilenschluss ist 
aber consequent und streng nach den euphonischen Regeln vorgenommen 
worden, wie auch die gerade hier sehr häufigen Rasuren des Schreibers 
lehren. Bestimmte Buchstaben sind mit den vorhergehenden oder fol- 
genden verbunden, andere nie: hier findet kein Schwanken statt, es 
bilden sich so Buchstabengruppen, bei denen auf die Worttrennung 
keine Rücksicht genommen wird. Gewisse Buchstaben gehen mit dem 



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— 229 - 

folgenden eine Ligatur ein, z. B. st, e;\ su ; bemerkenswerth ist auch die 
Form 'jy für rr. Die .Vocale t und u sind am Anfang der Worte 
und dann, wenn sie nach anderen Vocalen stehen, ohne einen Diphthong 
zu bilden, mit zwei Punkten versehen. Eigentliche Abkürzungen finden 
sich nicht, nur ein Strich oberhalb für u am Zeilenschluss, und mit- 
unter auch in der Zeile « für wu Die Orthographie ist äusserst cor- 
rect. Die Handschrift hat das Iota adscriptum, nicht subscriptum; es 
steht isoliert, während jedes andere « mit den vorhergehenden Buch- 
staben verbunden wird. Sehr oft ist es nachgetragen, in kleinorem 
Format oder etwas über der Zeile, auch sind hierbei besonders oft 
Spuren von Correctur und Rasur wahrnehmbar; es fehlt aber nie. Das 
v e<fehc!)<ntxo)/ stellt beliebig auch vor Consonantep. Bei zusammen- 
gesetzten Wörtern, deren ersten Bestandteil ein Substautiv oder Ad- 
jectiv bildet, nicht aber bei solchen, wo es eine Präposition ist, wird 
die Composition durch ein w unter der Zeile angedeutet. Ebenso sorg- 
fältig wie die Orthographie ist die Accentuation behandelt. Beim Zu- 
sammentreffen zweier Vocale stehen Spiritus und Acccnt über dem ersteren. 
Die Enklisis ist nach einem andern Principe als dem jetzt üblichen be- 
handelt; das Princip ist aber consequent durchgeführt. Nicht minder 
sorgfältig ist die Interpunktion gehandhabt; verwendet werden Komma, 
Kolon und Punkt: der letztere wird durch das Zeichen • und ausserdem 
durch einen Strich vor dem Anfang der betreffenden Zeile ausgedrückt. 
Am Schlusso grössorer Abschnitte steht das Zeichen : und vor dem An- 
fang der Zeile "5" . Bei Reden und Versen steht am Anfang jeder Zeile x 
oder ein ähnliches Anführungszeichen. Verse sind nicht abgetheilt; ver- 
einzelt wird daboi die Quantität einzelner Worte angegeben. Von Fehlern 
der Aussprache und grammatischen Fehlern ist die Handschrift gänzlich 
frei ; namentlich findet sich keine Spur von Itacismus : wohl aber ist in 
Fällen, wo es sich um sc und t handelt, sehr häufig Änderung des nach- 
bessernden Schreibers oder Rasur zu bemerken, desgleichen bei a und r, 
o und unbetontem betontem <> und to ; ferner ist nach nzav zwar stets 
der Conjunctiv gosetzt, sehr oft aber das conjunetivische w erst durch 
Rasur aus indicativischem w> gemacht. Der Text ist, wie schon er- 
wähnt, in grosser Minuskel geschrieben, bei den Interlinear- und Marginal- 
bemerkungen sind aber subsidiarisch noch andere Schriftarten verwendet 
worden. Varianten sind mitunter über die Zeile geschrieben ; sind es 
ausgelassene Textestheile, so steht an der Stelle, wo sie ausgelassen 
worden sind, im Texte ein Punkt und vor den einzufügenden Buchstaben 
ein anderer Punkt. Grössere ausgefallene Stellen sind durch \_ über 

15 



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— 230 — 



der Zeile bezeichnet und unter demselben Zeichen am Rande in dei 
grossen Minuskelschrift des Textes nachgetragen. Ab und zu sind ab- 
weichende Lesarten unter Vorausschickung eines # in der grossen Mi- 
nuskelschrift des Textes am Rande beigeschrieben, offenbar solche, die 
schon in der Urbandschrift standen. Kleine Majuskelschrift findet sich 
sporadisch im Texte selbst in einzelnen Buchstaben formen, namentlich 
wo Correcturen vorliegen, und in den übergeschriebenen Varianten; 
ferner immer in den Zahlbuchstaben (welche übrigens fast nur in Buch- 
citaten angewendet sind). Regelmässig sind in kleiner Majuskelschrift 
geschrieben die Überschriften und Unterschriften ; jene stehen am oberen 
Rande vor dem Anfang der zur Aufnahme des Textes bestimmten Zeilen. 
Am Rande stehen Inhaltsangaben in kleiner Majuskel, ab und zu durch 



ein vorausgeschicktes ^ eingeleitet; dasselbe Zeichen steht auch sehr 

oft allein, um auf das im Texte Erzählte aufmerksam zu machen. 
Längere Scholien stehen am unteren Rande, kürzere auch wohl am 
Soitenrande, in kleiner Majuskelschrift mit zahlreichen Abkürzungen 
(die durchaus auf diese Scholien beschränkt sind) ; vorausgeschickt sind 
die Zeichen o- oder , und dieselben kehren an der entsprechenden 
Stelle des Textes wieder. Eine gewisse Kategorie von Varianten steht 
am Rande in Cursivschrift; es sind Lesarten, die der Schreiber vor- 
gefunden und im Texte berichtigt hat. Wenn im Texte über einen 
Buchstaben ein Punkt gesetzt ist, so bedeutet dies, dass der Buchstabe 
getilgt werden soll; mitunter scheint aber ein solcher Punkt auch die 
Athetese des ganzen Wortes zu bedeuten. Worte ohne Spiritus und 
Accente sind ein Hinweis, dass der Schreiber sie für verdorben gehalten 
und genau so wiedergegeben hat, wie er sie in seiner Vorlage vorfand. 
Auf vorhandene Textesverderbnisse hat der Schreiber überdies durch 
einen Obelos / am Rande aufmerksam gemacht. Mit verschwindenden 
Ausnahmen rühren sämmtliche Correcturen und Rasuren von der Hand 
des ersten Schreibers her, dem auch die Mehrzahl der Marginal bemer- 
kungen angehört; diese Correcturen und Rasuren sind wohl meisten- 
theils Berichtigungen von Schreibfehlern, die der Schreiber selbst be- 
gangen hatte, oder höchstens von orthographischen Incorrectheiten, ver- 
dienen also im Allgemeinen mehr Glauben als die manchmal noch 
durchschimmernde erste Schrift. Die Rasuren, wo die Aussprache von 
sc und {, r { und e, » und w in's Spiel kommt, beim Conjunctiv statt 
des indicativs noch '7r«v, die häufigen Correcturen und Rasuren beim 
Jota adscriptnm, die unvollkommene Worttheilung, das Fehlen aller 
Spiritus und Accente bei verdorben vorgefundenen Stellen, die Anwendung 



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— 231 — 

von Majuskelschrift in den Über- und Unterschriften, in den Zahlbuch- 
staben, namentlich aber ihre vereinzelte bei Correcturen, alle diese 
Wahrnehmungen führen darauf, dass die Vorlage des Schreibers (wenig- 
stens in den genauer untersuchten Paradoxographen) eine ohne Wort- 
theilung und ohne Spiritus und Accente geschriebene Majuskelhandschrift 
war, die in Bezug auf Orthographie alle die Fehler hatte, mit denen 
unsere alten griechischen Bibelhandschriften behaftet sind. Ferner er- 
gibt sich aus allem bisher Bemerkten, dass der Schreiber die Abschrift 
mit ebenso grosser Gewissenhaftigkeit als Sachkenntnis ausgeführt hat 
und nothwendig ein Gelehrter von Fach gewesen sein muss. Ausser der 
Hand des ersten Schreibers sind noch verschiedene spätere Hände thätig 
gewesen, zum Glück jedoch so gut wie ausschliesslich am Rande, nicht 
im Texte der Handschrift. In den Paradoxographen sind deren (von 
modernen Gelehrtenhänden abgesehen) drei nachweisbar: man. 2, Mi- 
nuskel, mit einigen Abbreviaturen, mit schwarzer Tinte geschrieben, 
fol. 217 v. erscheinend; man. 3, Minuskel, etwa derselben Zeit angehörig, 
von Abkürzungen und Ligaturen wimmelnd, schmierig mit gelblich 
brauner, blasser Tinte geschrieben, schwer zu lesen, fol. 241 v. auf- 
tretend; man. 4, Cursiv, die Schrift mit ihren Abkürzungen und Liga- 
turen völlig der der ältesten Drucke entsprechend, deutlich mit grün- 
lich branner Tinte geschrieben, fol. 249 v. Die beiden letzten Hände 
sind auch in anderen Partien der Handschrift vielfach thätig gewesen. 
Von den Paradoxographen sind Antigonos und Apollonios in Kapitel 
geteilt, Phlegon nicht; dafür sind grössero Abschnitte bei diesem da- 
durch ausgezeichnet, dass die nächste Zeile mit einem grossen Anfangs- 
buchstaben boginnt, der vor den Anfang der Zeile gerückt ist: eine 
Abtheilung, die, wie die regelmässig wiederkehrenden Itasuren zeigen, 
vom Schreiber erst nachträglich vorgenommen worden ist, möglicher 
Weise zu einer Zeit, als der Anfang der Schrift bereits verloren ge- 
gangen war. Die Quaternionen der Handschrift sind durch Zahlen in 
Majuskel, die oben rechts in dor Ecke stehen, bezeichnet; es waren 
ursprünglich 48 Quaternionen, jetzt ist vorn und in der Mitte Mehreres 
verloren gegangen. Den jetzigen Stand gibt eine neue Numerierung mit 
arabischen Ziffern am unteren Rande wieder, die jedoch nur bis Bogen 8 
(= //') fortgeführt ist. Die Blätterzahl der Quaternionen ist ungleich- 
massig, wie folgende Übersicht darthnt. 

Quat. A—R, welche die im codex Mus. Brit. add. 19,391 bei 
Müller, Fragm. bist. Gr. V, 1 p. XVII verzeichneten vier 



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Schriften und den Anfang des Pseudo-A manischen Ikpi- 
TtAorjg ftö$etuttu rrourotj enthielten, sind verloren gegangen. 
Quat. S — IA von je 8 Folien. 

Quat. /// von 1 -f- x Folien. 

Lücke (es fehlt der Schluss des Philon von Bvzanz). 

Quat. ff'— KT von je 8 Folien. 
Quat. A J von 9 Folien. 

Quat. KU — KU von je 8 Folien. 

Quat. KV von 10 Folien (von denen das 5to und Otc jetzt fehlen). 

Quat. Ä von 8 Folien. 

Quat. AA von 5 Folien (von denen das dritte jetzt fehlt). 

Quat. Ali von 7 Folien. 

Quat. Al\ welcher den Anfang des Phlegon enthielt, ist verloren 
gegangen. 

Quat. ÄJ — AII von je 8 Folien. 

Quat. ÄB von 6 -f x Folien. 

Lücke (es fehlt der Schluss des Antigonos). 

Quat. Jl— MÄ von je 8 Folien (jetzt von 9 -|- 7, weil fol. M~4, 8. 
verheftet ist). 

Quat. Mit von 6 Folien (von denen das dritte jetzt fehlt). 

Quat. Äff- W von je 8 Folien. 
Quat. MZ von 9 Folien. 
Quat. ,1/77 von 8 Folien. 

Inhalt der Handschrift: 

K. 1. fol. 11 r. beginnt abrupt lin. 1. — 0/100 re iräftoq. Endigt 

fol. 16 v. lin. 26. kfi^Q ITA 0 MI A2\ 
X, 7. fol. 17 r. roh [ä/tptauttu in Rasur) x'jvrrfSTix oh xs<f dkuiuA) 
heg. col. 1. lin. 1. A. tt{>o ot/uov. iu cot. end. fol. 17 v. col. 2. 
lin. 16. 79} t Ttovos fie-ayeiftiosi. — S. 8. fol. 18 r. [ä/»/*t- 

[1) Das hier und im Folgenden gesperrt Gedruckte steht in der Handschrift 
in Majuskeln. D. R.J 



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aifou] (in Rasur, über welche die vierte Hand mit roter Tinte 
geschrieben hat: zsvoytovzttg dtir^ucirj tov ds'jTipoo) xw^yszc- 

xoq. beg. lin. 1. A. $ev»<fwxzc ztp yp6Xo>j. end. fol. 30 r. liu. 16. 
vixtf mtAi/M'j dxpo&ivta, zX^pyg n [dppcavov] (in Rasur, darü- 
ber von der vierten Hand $suo<fw>Tog uHrpuv») r»0 3e»zzpoo) 

H* 4. fol. 30 v. dppcavnh izcazoXrj zpog zpacauov iu r t i xac tts- 
pczXo'jg s'j£eivn>j ttovzov. beg. lin. 1. a'jzoxpuzopc • xacaapc 
zpaiautp. end. fol. 40 r. lin. 5. xac ttoXvj ßy^dunov : dpptavo D 
i~ttTTokij zpbg To aiav o w i\> r,cxa\ zepczXn'jg £>j£scvo>j 

TTt'tVTO'Jl — ■ 3 tlO p ff (Ü TU t n 'J TT p O C ff TT <t 'J 3 UC O V UV T ly p U if fi V. 

6. fol. 40v. dp pcuv o 7 ) ~ep c tt Xo >jq ttjq ip'jiipäg HaXuaa^g: 
beg. lin. !. zwv dz(>3s3ztyp£v(ov nppcov. end. fol. 54 v. lin. 15. 
ftsätv, dvepe'jvyzd iffzcv. dp pcavoh ze p'czXoog zyg i puH pug 
HuXdaa^g — duopfttoTUi 06 TTpbg ffZo>j3acov dvzc- 
ypacpnv. 

IA. 5. fol. 55 r. dvvtovuc xupyr^nv'ctov ßuncXzcoq zepczXotjg, 
zwv >j-ep zag i/puxXso'jg azqXug Xtß'jxwv zrjg yyg pe- 
pwv ov xac dvzH^xzv iu zun zoZ xpovo'j zspsvsc, 3r t ~ 
Xovvza zdds: beg. lin. 1. 13»ssv xapyrfiov'ung . dvvwva. end. 
fol. 56 r. lin. 31. m'rwi/ r^pdg izcXczuvzcov. 

JA, 6. fol. 56 v. <pcX<ovug ß'j^avziwj zepc zcov k ttzu fteapdztuv. 

beg. lin. 1. zibv kzzd Heupdzwv. endigt abrupt Üt. 1. fol. 59 v. lin. 33. 
pezewpofausc xac ttsoc- (darunter von vierter Hand: Xeczec <p6XXa 
zcvd). 

Mit abweichender Schrift und Tinte geschrieben folgt: 
//'. 1. fol. 60 r. ffhv Hsiüc */prjffTf>pdt}£cau ex zibv ffzpdßwvog 
yzcoypatpcxCov ßcßXcwv. beg. lin. 1. ./. ozc oprjpog zptbzog. 
end. KJ. 9. fol. 156 r. lin. 33: xazd pyxog zapd)Ar,Xoc; ffzpd- 
ßto vog yeioyputp txyq yp r f ffz op a Hzca g ß cß X o c IZ. 
Fol. 156 v. ist leer gelassen. 

Mit ganz abweichender Schrift und Tinte geschrieben folgt: 
KE, 1. fol. 157 r. zXo'jzdpyo'j zepc -nzupibv xat bpwv izwvv- 
p c a gr xac zibv e v a tzotq e 'j p tax o p £ v to v. beg. lin. 1 . A. b3d- 
ffTnqg :< ypwczzr}- ocä. Auf fol. 166 r. schlieft der Text lin. 1. mit 
den Worten 3c akcav zmw>zry (p. 68, lin. 8. ed. Hercher.), der 



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ganze Rest der Seite ist leer geblieben, und der Text beginnt 
fol. 166 v. lin. 1 von Neuem mit den Worten : IS. veiÄoc. zoza/iog 

inrc (p. 68. lin. 19. ed. Hcrcher.). endigt fol. 173 r. lin. 29: i> J 

rzsfii Zii7att<ifv: ~ Ao>j zdpyo y xepi zozafxcuv xat optov i~to- 
vj/iiag" xa\ z u> v e u atizoic s'jftiffxo/iiutou; 

KZ, 1. fol. 173v. Traftiteitio'j 7Z£p\ iptozixatu -uttrj [idziov. beg. 
lin. 1. rubra iu Ttbiiie zwi anyypdftfiazi p cs%srat. 

col. 1. lin. 4. ./. Tts/tc X'jftxoo. end. col. 3 lin. 14. AS. xe/'i 

dfiyatitü^YjC. — Beg. lin. 18. -apÜiutog xo pv^Aion yuA- 
iwt, yatpttu. jidktazd am dox(o>. end. fol. 188 V. lin. 22. 
dvMpat~io'> uTrrpMiyr^ : -u/jMsviov vtxaitug Z£p\ iptoztxw^ 
za ftrjiidzwv. 

KS, 1. fol. 189 r. « utojv t v o >j a ißt p uAtc fts za p o pfwo£ (o v. a v > a- 

fioyi,. beg. col. 1. lin. 1. A. ztģidz. end. col. 2. lin. 30. A'J. 

daxaAußn — beg. KS, 1. fol. 189 v. col. 1. lin. 1. A. xzr r 
a ') / / a , sIq TtsXidda. end. fol. 190 r. col. 2. lin. 21 : xuojv, 

eh M»»>js. — beg. KS, 2. fol. 190 v. lin. 1. A. xzi^Ahi, 
iyhtzo xsia. fol. 192 v. schliefst abrupt mit ztpdudpr^j o al- 
(Mythographi ed. Westermann, p. 206, 5.) und fol. 193 r. beginut 
ebenso abrupt mit -taXia a'jßapiv ixztoav (p. 209, 15. ed. Wester- 
mann) : es fehlen 2 Folien. Dann schlieft fol. 206 v. abrupt mit 
e-ec äs zupayeuops- (p. 233, 25. ed. Wcsterni.) und fol. 207 r. be- 
giunt ebenso abrupt mit aza diopa -£p</>ug (p. 235, 12. ed. 
Westerm.) : os fehlt ein Folium (nicht zwei, wie Bast, Epist. crit. 
p. 197 angibt), endigt fol. 208 v. lin. 18: izmr^sv dpifoz£po>jg Xu%>jg: 
uuTtouiuu ') X ißt paXt c p£zap<>py<ö(7£(o» a'jv </. ywyi,: 

Mit ganz abweichender Schrift und Tinte geschnoben folgt: 

.///, 1. fol. 209 r. zdzpiu xwuazauzi^o »tzüazoq xazu q/ruyio» 

1 X An >) <rzp i ii v. beg. lin. 1. <Y>n xat kzyxovza, end. AH, 7. fol. 215 r. 
lin. 30: xuft' ijpäg ypöviov. 
Fol. 215 v. ist leer gelassen. 

Mit abweichender Schrift und Tinte geschrieben folgt: 
AJ, 1. fol. 216 r. beg. abrupt lin. 1. sig rov ££vu>vu. end. fol. 234 v. 
lin. 24 : 'jzavyibuw "vyov i$£i : <p Xzyttuzog zpaXXiavott dzs- 
Xt ') H i p o 'j xutaapt/g TZSfti h wj pan'uo» xa\ puxpoßiw. 



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AS* 3. fol. 234 v. lin. 30. fXiyovzog dzsXs'jftipo'j dopt avov 
xaiffapoq zspt ztov oXopziwv. beg. lin. 32: doxst pot ypr^at. 
end. fol. 230 r. lin. 33: dX'jpztdüt ffzddu» ivixa: 

AS* 5. fol. 236 v. a z o X X w u t o rj t ff z o p t a t H a 'j p d ff tat. beg. lin. 1 . 

.7. ßdt/.o'j iTTc/tsvtor^. ö. end. fol. 243 r. lin. 16. zo-j ytyyopiwj 
dzodtdouat : d z o X X to v i o >) t<jz op tu t # a v p d ff tat. 
AZ. 4. fol. 243 v. duztyo>o>j tffzopttou ffouaytoy^. 
beg. lin. 1. .■/. zipatog !> zag. endigt abrupt A8, 6. fol. 261 v. lin. 33. 

O'JV ZO zXij- 

Mit ganz abweichender Schrift und Tinte geschrieben folgt: 

M, 1. fol. 262 r. tZZO XpUZo •)£ t^Zpoh XtOtO'J dffxXtjZlddstO, 

sztffzoX ut o tdtp o p a t. beg. lin. 1. ./. ßutjtXs'jg ßatriXitoi* 
p £ ya q d p r« £ i p zr t q, ztz to t ya tp s i >. vouang zpotrezs/Mtrsu 
Fol. 270 ist verheftet, die richtige Folge ist: fol. 269. 271—277. 
270. 278. Fol. 279 v. schliesst abrupt mit dXXd ayttö» d-mWfig 
(Magni Hippocratis opera omnia ed. Kühn. vol. III p. 819, lin. 1), 
und fol. 280 r. beginnt ebenso abrupt mit -Xtzt zzzptppvjtp- ^jp- 
ptffyt7(u (III p. 821, lin. 16. ed. Kühn.): es fehlt 1 Folium. end. 

6. fol. 282 r. lin. 32: dtazsXstg fhwwnq id>u: ^tt^tsov to 
Xetzou zqg iztffZoXrjg. xat :p zpog zzo Xspahtv. öXo- 
XAYjp o v. 

Fol. 282 v. ist von der ersten Hand leer gelassen (eine spätere 
hat auf den ersten 7 Zeilen eine Genealogie der Patriarchen von 
Adam bis Jakob verzeichnet). 

Mit nicht viel abweichender Schrift und Tinte geschrieben folgt : 
Ml\ 1. fol. 283 r. fteptffzoxXJoog iztffzoXar I. Üeptffzox Xij g 
alffy>)Xwt. beg. lin. 1. uzspyopsuot uh zig. end. fol. 302 r. lin. 34. 
kzißi t ffag ffxdtfzr ipptotro: ftep tffzoxX so >) g zzttrzo Xai. 

ME, 4. fol. 302 v. dtoyiuovg iztffzoXai- I. öioyivrjg pzX^fftz- 
-tot yacp£t>. beg. lin. 1. yxawiv <rz A'tzrftfyat. end. fol. 321 v. 
lin. 8. dvftptuzo'j xazdyops» ypetg. dtoyiuo'jg zziffzoXai. 

TZ, 8. fol. 322 r. (Schrift und Tinte sind auf fol. 322, welches die Vor- 
rede enthält, von der der vorhergehenden und auch der folgenden 
Folien verschieden.) p 1 1) p t » d zo >j r<b ß p ««:«!; £ ~ t ff z o X ib v 
ffvvaytoyij' ptft p td dzy g' ßafftXzt ptftptddzr^t ztb dve- 
i/ftdj yaipziv. beg. lin. 1. zag ßpo>'tzo>j iHa'macsu. end. fol. 322 v. 



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- 236 - 



lin. 22. /tadta ehat Traaafteo^oeiaftac. — \t% 9. fol. 323 r. ftfto'j- 

TO') {KOfiUtlOV »zd-o'J i-t0TO/.uL I. ß<>»~J7»Q TT S fi f «- 

ttr/st/tg. beg. lin. 1. äxo'jto 0/mc, doAafiüj.a. eud. J///, 8. fol. 331 r. 
lin. 22. ixetxt» fiafhou Tsx/tatpstrtiat. 
Fol. 331 v. ist leer gelassen. 

Mehrere äussere Kennzeichen führen auf eine Scheidung der sieben 
durch Striche getrennten Gruppen: 1) Die verschiedene Färbung der 
Tinte und der bald grössere und gröbere, bald kleinere und feinere 
Stil der Buchstaben : auf den ersten Blick erkennt z. B. Jeder, dass 
die Chrestomathie aus Strabon und der Hesychius Illustris sammt dem 
Blatte, auf welchem die Vorrede zu den Briefen des Brutus steht, in 
Einem Zuge geschrieben worden sein müssen, und ebenso wenig kann 
dem aufmerksamen Beobachter die Gleichheit von Tinte und Schrift in 
den Mythographen und in den kleineren Geographen (namentlich auf 
den ersten Quaternionen entgehen; der Schriftstil der Paradoxographen 
hebt diese nicht minder von ihren heutigen Umgebungen ab. 2) Die 
Einleitungsformel ±vv &s«> vor der Strabonischcn Chrestomathie steht 
ganz vereinzelt da, ist in dem Zusammenhange unserer Sammlung, wo 
eine ganze Reiho anderer Schriften ohne diese Formel vorausgegangen 
sind, so unpassend wie möglich und weist darauf hin, dass dieses Werk 
ursprünglich am Anfange einer Handschrift stand oder eine Handschrift 
für sich bildete. 3) Dass ein neues Stück mit dem ersten Blatte eines 
neuen (Juaternio anhebt, kann ein einzelnes Mal Zufall sein (so mag es 
sich im Falle des Antoninus Liberalis verhalten, dessen Schrift und Tinte 
völlig gleich sind mit der Schrift und Tinte des Parthonios), die vielen 
Fälle aber, wo dieser Umstand mit anderen Merkmalen zusammentrifft, 
nöthigen zu der Aunahme, dass diese Stücke ursprünglich den Anfang 
kleinerer Sammlungen bildeten oder ganz für sich standen. 4) Viermal 
ist die Rückseite des Blattes, auf dessen Vorderseite eine Schrift endigt, 
leergelassen : da dies sonst keineswegs in unserer Handschrift der Fall 
ist, so beweist es, dass diese Schriften ursprünglich den Schluss von 
kleineren Handschriften gebildet haben müssen. Einmal endigt die 
Schrift erst auf der Rückseite, so dass eine Folgerung nicht gemacht 
werden kann. Zweimal sind beides, Anfang und Schluss einer Schrirten- 
gruppe (nämlich der kleinen Geographen und der Paradoxographen), 
verstümmelt, was nicht wohl Zufall sein kann, sondern beweist, dass 
dieselben längere Zoit, che sie mit anderen in unserer Sammlung ver- 
einigt worden, für sich bestanden und dass der Verlust der Anfangs- 



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- 237 - 



und Schlussblätter schon währond ihrer Sonderexistenz eingetreten ist. 
5) Nun erklärt sich auch die auffällige Ungleichheit der Folienzahl der 
Quaternionen von selbst: vier Mal sind die Quaternionen von mehr oder 
(gewöhnlich) weniger als 8 Folien die Schlussquaternionen von solchen 
Schriften, die aus anderen Gründen ursprünglich am Ende kleinerer 
handschriftlicher Sammlungen gestanden oder Handschriften für sich 
gebildet haben müssen. Nur zwei Fälle bleiben noch zu erklären übrig. 
Der 47. Quaternio hat 9 Folien ; auf ihm steht u. A. die Vorrede zu 
den Briefen des Brutus: das Blatt, welches dieselbe enthält, ist aber 
mit anderer Schrift und Tinte geschrieben als die Briefe selbst und 
zwar in derselben Weise, wie die Strabonische Chrestomathie und He- 
sychius, ist also offenbar erst nachträglich eingefügt worden. Es bleiben 
nur noch die 10 Folien des 29. Quaternio zu erklären übrig, mit denen 
der Antoninus Liberalis anfängt: wahrscheinlich waren diesem von Anfang 
an zwei Folien über die Normalzahl gegeben worden, auf welchen dio 
beiden Inhaltsverzeichnisse Platz finden sollten. Aus den vorstehenden 
Erörterungen ergibt sich, dass man zwar mit Sicherheit behaupten kann, 
dass die ersten 40 Blätter der kleinen Geographen und die ersten acht 
Blätter des Phlegon verloren gegangen sind, dass es dagegen weit we- 
niger sicher ist, ob am Schlüsse des Philon von Byzanz gerade sieben 
und am Schlüsse des Antigonos gerade zwei Blätter fehlen. Nach der 
Färbung der Tinte und dem Charakter der Schrift ist es nicht unwahr- 
scheinlich, dass die einzelnen Teile der Handschrift zu verschiedenen 
Zeiten in folgender Ordnung geschrieben worden sind: 1) die Mytho- 
graphen, 2) die kleinen Geographen, 3) die kleinen Epistolographen, 
4) die Briefe des Hippokrates, 5) die Paradoxographen, 6) die Strabo- 
nische Chrestomathie, 7) Hesychius Illustris. Die Reihenfolge, welche 
unsere Sammelhandschrift den einzelnen Tractaten gibt, ist eine sach- 
liche und höchst intelligent angeordnet. Sind diese unsere Auseinander- 
setzungen begründet, so ist, da trotz der verschiedenen Nüancierungen 
der Schrift ihr Herrühren von einer einzigen Hand nicht füglich in 
Zweifel gezogen werden kann, ohne Weiteres auch erwiesen, dass der 
gelehrte Schreiber und der intelligente Zusammensteller der Handschrift 
Eine Person sind. Die Zeit, in welcher der cod. Palat. 398 geschrieben 
ist, macht es mir wahrscheinlich, dass er unter den Gelehrten zu suchen 
ist, die der Kaiser Constantinus Porphyrogennetus zur Anlegung einer 
Reihe von ähnlichen Sammelwerken vorwendet hat. 



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Die Handschriften des Graevius. 



Vou 

A. C. Clark, 

(^ueen's College, Oxford. 



Nach dem Tode des Johann Georg Graevius im Jahre 1703 wurde 
von seinen Erben sofort ein Katalog seiner berühmten Bibliothek im 
Druck veröffentlicht behufs einer zu veranstaltenden Versteigerung, deren 
Termin aber noch bestimmt werden sollte : — 'tempus . . . quo publice 
distrahentur libri, cum nondum convenerit, ab Haeredibus per Epheme- 
rides publicas significabitur'. Es fand jedoch kein öffentlicher Verkauf 
statt, da die ganze Sammlung durch einen Privatvertrag an den Kur- 
fürst Johann Wilhelm abgetreten wurde zu dem Preise von 6000 Reich s- 
thalern. 1 ) Dieser schenkte die gedruckten Werke der Heidelberger Uni- 
versität, welche nach dem Raube der Bibliotheca Palatina durch Till y 
einer solchen Zuwendung sehr bedurfte. Dagegen behielt Johann Wil- 
helm die 119 Handschriften zurück und ebenso die Widmungs-Exemplare 
der Ausgaben 'in usum Delphini', welche Graevius von dem König von 
Frankreich erhalten hatte. Diese Hss. und Ausgaben wurden in seiner 
eigenen Bibliothek zu Düsseldorf aufgestellt in demselben Gebäude, 
welches seine Gemäldegallcrie und sein Münzkabinet enthielt. Uftenbach 
hat die Beschreibung seines Besuches der Düsseldorfer Sammlungen 
vom Jahr 1711 hinterlassen, welche grosses Interesse besitzt. 8 ) Er 
sagt : 'Die Bibliotheck von Grävio macht das beste aus, welche ganz all- 
hier geblieben, bis auf die Littenttores, so der Churfürst der Universität 
Heidelberg gegeben. Unter den wenigen Manuscripten, so mir gezeiget 



1) F. P. Wundt, Geschichte der Stadt Heidelberg I (180'>) 390. Ich verdanke 
diesen und verschiedene andere Nachweise Prof. Zangemeister. 

2) TJffcnbach, Merkwürdige Ileiseu III (1751) 740. 



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239 — 



worden, war das vornehmste ein schöner alter Codex membr. in 4° von 
Horath, welchen Grävius Herrn Bentley gelehnt, der ihn auch lange nicht 
restituiren wollen, bis man ihm gedrohet, der Churfürst würde disfalls 
an die Königin schreiben. Verschiedene Bände von Lpistolis autograplm 
erudümimorum virorum, so Grävius gesammelt . . . Etliche sehr zierlicho 
Breciaria, darunter war eines in duodez, mit Silber beschlagen, in wel- 
chem so viele und schöne Mignatur-Figuren, als ich jemalen in der- 
gleichen gesehen. Herr 1c Roy zeigte mir auch die Offida Ciceronis, 
durch Scheffer 1466 gedruckt, es waren die Bücher 'de amiritiu et 
senectute manu recentimma dazu geschrieben. Als ich mich in der 
Bibliotheck umgesehen, führte mich Herr le Koy nochmalen zu dem 
Münz-Cabinet, und zeigte mir noch ein und anders,' u. s. w. 

Man wusste schon seit geraumer Zeit, dass mehrere Handschriften 
des Graevius, darunter der von Ulfenbach crwähute Horaz, in der 
Bibliothek von Harley sich befanden und dass dieser sie erworben hatte 
von Joh. Jac. Zamboni, Vertreter des Landgrafen von Hessen-Darmstadt 
am englischen Hofe. Indessen war nichts bekannt hinsichtlich der 
Quelle, aus welcher diese Handschriften an Zamboni gelangt waren, bis 
Mr. Peterson neuerdings auf die in der Bodlejanischen Bibliothek aufbe- 
wahrte Korrespondenz desselben aufmerksam machte, nach welcher meh- 
rere der Hss. und namentlich der Quintilian (Harl. 2664) durch Zam- 
boni von Büchels gekauft wurden, dem Bibliothekar des Kurfürsten 
in Düsseldorf. Mr. Peterson sucht aber nicht nachzuweisen, woher 
Büchels die Hss. erhielt, und augenscheinlich benutzt er auch nicht den 
Band mit den Briefen von Büchels 1 ), welche mehr Aufschluss bieten 
als die an diesen von Zamboni geschriebenen. Die Untersuchung dieses 
Briefwechsels, welche von grossem Interesse für mich war, ergab bald, 
dass Büchels Absicht war, an Zamboni die ganze Reihe der Codices 
Graeviani zu verkaufen. Den grösseren Teil derselben ist es mir ge- 
lungen als im britischen Museum befindlich nachzuweisen, und ange- 
sichts der grossen Wichtigkeit vieler dieser Hss., zu welchen oinige der 
wertvollsten in der Harlejanischen Sammlung gehören, gebe icli den 
nachfolgenden weiteron Beitrag zu ihrer Geschichte. 

Büchels wurde mit Zamboni bekannt gemacht durch eine Persön- 
lichkeit namens Bereu stadt, welcher eine Anzahl Bücher von ihm 
(Büchels) gekauft hatte — 'ledit sieur B. a eu ses plus beaux livres 
de ma Bibliotheque' — und auch Düsseldorf öfters besuchte, denn er 

1) Rawl. Lett. 126. 



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gab Zamboni eine genaue Beschreibung gewisser, später von ihm dem 
Büchels abgekaufter Bücher, 7.. B. der Akten des Basier Concils 
(Harl. 3972). 

Der erste Brief Büchels' ist datiert vom 31. August 1717. In ihm 
spricht er von seiner k Bibliotheque naissante', welche zu berauben er 
nicht die Absicht habe. Im Gegentheil: er wünscht sie zu vermehren. 
Einige Zeit lang versorgt er Zamboni mit seltenen Drucken, welche er 
seiner Erklärung nach aus verschiedenen Klöstern erhalten hatte, und 
schildert die Schwierigkeiten, welche er zu überwinden hatte infolge der 
Abgcneigtheit der Mönche, sich von ihren Schätzen zu trennen — 'il 
y a de moines si cntetes qui ne les laisseront pas suivre, quoy qu'on 
leur en donnerat deux fois autant qu'ils ne vaillent'. Auch ist von 
herumreisenden englischen Händlern die Rede, welche die Preise von allen 
Dingen in die Höhe trieben. Die Briefe von Zamboni an Büchels sind 
erst vom 11. November 1721 an erhalten. Handschriften werden jetzt 
schon erwähnt, obgleich erst zwei Jahre später oine ansehnliche Liste von 
solchen gegeben wird. Die erste Erwähnung betrifft einen Horaz, von 
welchem er sagt: k l'Horace Ms. est selon Mabillon du IX e siecle': dies 
muss der später verkaufte Codex Graerii primm sein, welcher, wie wir 
wissen, zu den Schaustücken der kurfürstlichen Bibliothek gehörte. Bald 
darauf sagt er: 'il y a un de mes amis qui m'ecrit d'avoir un beau 
Salluste in 8° du siecle XII et un Terence admirable in 4° du siecle IX'. 
Der letztere ist wahrscheinlich der Codex des Graevius (G. 4). Er er- 
wähnt dann den Quintilian (Harl. 2664) und speziell die Ausgabe von De 
Offiais, welche Uffenbach als in der kurfürstlichen Bibliothek befindlich 
beschreibt, — 'il y a au voisinage un autre Ciceron imprime avec cette 
inscription . . . ann. 1466, il y a un Ms. du mesme Ciceron y joint 
de rem ttmicitia xice Luelim et de Senectute\ Diese Ausgabe wurde 
mit einer des vorhergehenden Jahres durch Zamboni gekauft, aber es 
ist mir nicht gelungen, ihre Spur aufzufinden. 

Im Dezember 1723 wird eine ansehnliche Liste von Handschriften 
mitgeteilt. Büchels' Ausdrücke sind vorsichtig, lassen aber erkennen, 
dass die Hss. damals nicht in Düsseldorf waren und dass er ihren Inhalt 
noch nicht durchweg kannte, sondern sich weitere Untersuchung vorbe- 
hielt. Er sagt : 'vous trouverez icy une liste de Mss. ä vendre . . . celui 
qui possede ces Mss. . . . j'ay veu chez le mesme amy un autre Ms. . . . 
il y a encore plusieurs Mss. et n'ayant pas eu du loisir assez pour les 
examiner vous en serez informe par ma premiere.' Auf diesen Katalog 
folgten rasch andero, und manche Bücher stehen in mehreren derselben, 



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- 241 - 



weil Zamboni die früheren Listen verloren zu haben behauptete. Büchels 
wünschte sie alle zusammen zu verkaufen — , l les ayant achetes en corps 
je ne les puis separer' — , während Zamboni auszuwählen vorzog. Der 
Horaz war an ihn ursprünglich zur Ansicht gesandt, und er stellte sich, 
als hielte er ihn für sehr geringwertig; dann ein Fragment des Horaz 
(Harl. 2688). Schliesslich erwarb er aber Alles in einer Anzahl von 
Einzelkäufen. Die erste Reihe bestand aus 11 Hss. (20. März 1723) und 
enthielt u. a. den berühmten Vitruv; die zweite Reihe bestand aus 13 
anderen Hss., unter welchen der Codex 'Graevii primus' von Cicero, De 
Officiis (Harl. 2716) sich findet; die dritte war die umfangreichste und 
schloss den ganzen Rest ein. Zamboni sagt: k j'ai pris la resolution de 
vous acheter le tont pour 1600 florins courans d'Hollande'. Diese sollte 
enthalten die Sammlung von autographischen Briefen, welche Uflen- 
bach als dem Kurfürsten gehörend erwähnt und welche sich jetzt im Be- 
sitze des „Freundes" von Büchels befinden; — Hl a aussi un beau recueil 
des lettres autographes . . . il les veut abandonner ä vostre Service ä 
condition que vous luy en donnez 60 louis d'or'. Mehrere andere kleine 
Käufe fanden statt: einer derselben enthielt drei Hss., von welchen 
Zamboni durch Berenstadt Kunde erhalten hatte, nämlich die Verhand- 
lungen des Basler Concils (Harl. 3972) und zwei sehr schöno Evan- 
gelien (Harl. 2795. 2820). Von diesen Büchern spricht Büchels mit 
Begeisterung: 'Ce sont trois pieces dont je ne me voulois defaire 
Fun est ecrit avec de lettres d'or et de vermillon partout, lequel est 
plus ancien, l'autre temoigne son antiquite par la relieure et couver- 
ture sur laquelle il y a une piece d'yvoire enchassee avec les quatre 

animaux ou figures representantes les quatre evangelistes Cos 

livres sont l'ornament de ma Bibliotheque'. Dies letztere ist möglicher- 
weise das Buch, welches die Bewunderung Uffenbachs erregte, obgleich 
bemerkt werden muss, dass er sagt, es sei in Duodez, während es 
Quart-Format hat. Hier spricht Büchels von ihnen als Bestandteilen 
seiner Bibliothek. Anderswo gehören sie seinem Freunde: 'ayant per- 
suade mon amy de vous laisser les trois MSS. speeifiez pour la deu- 
xieme negotiation'. Andere Bücher von besonderem Werte waren ein 
'Speculum Saxonicum' und k The Players of King Suleiman', ein türki- 
sches Buch, welchos nach der Aufhebung der Belagerung von Wien in 
den Besitz des damaligen Kurfürsten gelangte und dann Gustav Adolf 
gehörte. Er sagt hiervon : 'ceiui qui l'a le veut envoyer ä sa majeste 
Imperiale oii au prince Eugene s'il ne trouve personne qui lo paye ä 
poid d'or', Worte, welche vermuten lassen, dass der Kurfürst der Ver- 
käufer war. 



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Mittlerweile verlor Zamboni keine Zeit, die Bücher zu verkaufen, 
und sie kamen fast alle in den Besitz des Lord Oxford (Harley). Aus 
Wanleys Tagebuch erfahren wir, dass drei Käufe stattfanden, einer am 
6. August 1724, der zweite — nur drei Manuskripte betreifend, näm- 
lich die Verhandlungen des Basler Ooncils und die zwei Evangelien — 
am 28. August desselben Jahres ; der dritte, der umfangreichste, am 
20. Oktober 1725. In einem Briefe Zambonis vom 10. April 1725 an 
einen Freund in Wien, Baron Palm, spricht er von der Schönheit und 
dem Werte der 32 Hss., die er erhalten, und bietet sie für 500 Gui- 
neen zum Kauf an. Bis jetzt wären sie nur von Maittaire gesehen wor- 
den; wenn Palm sie aber nicht kaufen wollte, würde er sie dem Lord 
Oxford oder dem Herzog von Devonshire zeigen. Palm versprach, dass 
der Kaiser die Liste sehen sollte; es scheint aber kein Kauf erfolgt zu 
sein. Da von Büchels noch mehr Kisten ankamen, so vergrößerte sich 
die Zahl der Hss., die Harley kaufte, bedeutend. 

Jetzt wurde der Handel abgebrochen infolge der Schurkereien von 
Zamboni. Er hatte sich verpflichtet, 1600 Gulden in vier Raten zu 
zahlen ; aber die von ihm ausgestellten Wechsel wurden nicht honoriert. 
Einer derselben wurde von Büchels annulliert gegen Empfang einer Geld- 
summe, welche Zamboni für einen seiner Bekannten, der in London in 
einen Kcchtshandel verwickelt war, ausgezahlt hatte. Zamboni, der ein 
Spekulant und Lebemann war, befand sich in fortwährender Geldverlegen- 
heit, und weder die Bitten noch Drohungen Büchels' brachten bis zum 
Endo seines Lebens je etwas Anderes aus ihm heraus als Versprechun- 
gen zu zahlen. 

Diese Perfidie verhinderte einen neuen Verkauf durch eine Person, 
die jetzt zum ersten Male erwähnt wird, nämlich: 'la fille do fen 
M. Graevius', die gewillt ist Briefe ihres Vaters für eine schöne Uhr 
zu verkaufen — 'une belle montre anglaise' — . Später wünscht sie alles 
von dem Gelehrten Hinterlassene für 700 Gulden zu veräussern, näm- 
lich eine grosse Sammlung von Briefen, einige noch übrige Mss. und 
eine Anzahl von handschriftlichen Bemerkungen von ihm und anderen 
berühmten Personen. Alle diese Sachen wurden Büchels übersandt, und 
er behauptet, er habe den ganzen Winter 1724/25 damit zugebracht, 
sie zu ordnon. Am 25. Mai 1725 erschien ein Katalog, welcher die 
Briefe in der Zahl von 4696 nach der Nationalität ihrer Verfasser ge- 
ordnet aufführte. Der unglückliche Büchels, der beinahe den Verstand 
verlor, weil es ihm nicht gelang, das Geld von Zamboni für die Mss. 
zu erhalten, konnte die Verhandlungen nicht weiterführen. Schliesslich 



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- 243 - 



aber erklärte sich im Dezember 1726 Zamboni bereit, den Erben der 
'Mademoiselle Graevins' für die ganze Sammlung 60 Pfund Sterling zu 
zahlen. Sie war nämlich mittlerweile gestorben. Die Sammlung wurde 
an die Agenten Büchels' nach London abgeschickt, wo sie blieb, da das 
Geld nicht ausgezahlt wurde. Dann wurde die Korrespondenz abge- 
brochen bis zum Mai 1732, wo Büchels zu seinem Erstaunen einen 
Brief von Zamboni erhielt, der ihm vorschlug, den Handel weiter zu 
führen. Ich citiere einen Teil seiner Antwort. 'II est bien ridicule 
(Vavancer que nos comptes seraient finies il y a long temps, si j'eusse 
continue d'etrc en commerce avec vous. Comment continuer un com- 
merce, quand on ne paye pas? Vostre commerce m'a ruine, j'employe 
mon peu de bien sur vostre parole pour vostre avantage, vous en donnez 
vos obligations et ne les retirez pas apres mille promesses, et cela de- 
pnis neuf ans, il faudroit etre insense pour continuer un tcl commerce . . . 
Vous vous souvenez bien que c'est a vos ordres que j'ai envoye' la caisse 
avec les lettres et MSS. ä Londres . . . j'en ay contentee la demoiselle 
Graevius, croyez vous, Monsieur, que cela me fait du plaisir? . . . quo 
dit on d'nn homme qui demeure toujours dans nos dettes et qui nous 
ne fait pas justice quoy qu'il en ait fait cent fois l'assurancc et la pro- 
messo? Je me serviray de l'expression qui vous me suggererez ... je 
vous jure qu'en cas que vous me contenterez je vous donneray une 
attestation ecrite en lettre d'or, laquelle vous pourrez mettre ad rahmt 
Iiastilicae S. Pauli que vous etes le plus honnete homme du monde'. 

Indessen gab er Zamboni die Erlaubnis, die Kiste mit den Briefen 
bei seinen Agenten abzuholen. Was aus ihnen wurde, kann ich nicht 
angeben. Dr. Meade soll 2300 Briefe von Graevius besessen haben, 
welche aus dieser Quelle gestammt haben mögen. 

Büchels war von dem Kurfürsten mit der Überführung seiner 
Bibliothek nach Heidelberg betraut. Sein letzter Brief von Düsseldorf 
ist datiort vom 13. Juni 1732; vom 22. Juli 1732 bis zum 10. März 
1733 schreibt er von Mannheim; vom 29. Mai 1733 bis zum 6. April 
1735 ist er in Heidelberg. Von Mannheim schreibt er: 'je partiray 
peutetre lnndi prochain pour Heidelberg oii je mettray la Bibliotheque 
Elcctorale a l'air dont eile a besoin ayant este empaquettee depuis un 
an, et ayant öte mouillee dans le batteau, selon le rapport de quelques 
uns, lors qu'elle fut emmenee icy de Düsseldorf. Den Rest seines 
Lebens brachte er in Heidelberg zu, wo er damit beschäftigt war, die 
Bibliothek des Kurfürsten zu ordnen. Er wurde gebeugt durch Krank- 
heit und Familienunglück, und sein letzter Brief ist der eines Mannes, 



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— 244 — 



welcher dem Tode nahe ist. Der letzte Schlag, welcher ihn traf, war 
der, dass er gerade genötigt gewesen war, einer anderen Tochter von 
Graevius 12 louis zu bezahlen, — 'pour la contenter de ce que je lui 
devais encor ä l'egard des MSS. de son pere', so dass jetzt nichts 
mehr übrig blieb, um sein Leichenbegängnis zu bezahlen. 

Büchels war ein Mann von Bildung. Er schrieb verhältnismassig 
gute lateinische Verse und besass grosse bibliographische Kenntnisse. 
Seine Briefe sind ausserordentlich gut geschrieben und machen den Ein- 
druck wie die oines rechtschaffenen Mannes. Man könnte in ihnen aller- 
dings Anzeichen dafür finden, dass er nicht überall zwischen seinem Eigen- 
tum und dem seines Herrn unterschied. So sagt er in einem seiner 
späteren Briefe ganz einfach: 'j'ai trouve im livre dans la ßibliotheque 
Electorale', welches er augenscheinlich zum Kauf anbiotet. Es findet 
sich ferner ein scheinbarer Widerspruch in Bezug auf die Quelle, aus 
welcher Txi Clavicule de Salmnon (Harl. 3536) stammt. Ursprüng- 
lich gibt er an, sio von Würzburg erhalten zu haben, aber in einem 
anderen Briefe sagt er offenbar von derselben Handschrift: 'feu S.A. 
Electorale mon maistre en a donne mille florins ä un Anglois qui se 
nomma icy le Seigneur de Saint Pol'. Es ist jodoch kaum glaublich, 
dass er einen so kühnen Diebstahl gewagt hätte, wie den der wichtig- 
sten litterarischen Schätze der Düsseldorfer Sammlung einschliesslich der 
Bücher, welche als Schaustücke für die Besucher ausgestellt wurden. 
Ausserdem bot er im Jahre 1725 für 400 Gulden eine Sammlung von 
319 Münzen an, von welchen er sagt: 'il y a icy un recueil des grands 
Medaillons'. Dies ist unzweifelhaft dio kurfürstliche Sammlung, welche 
Uffenbach gesehen hatte. Ich möchte daher vermuten, dass die Haupt- 
masse der Bücher von Düsseldorf nach einigen anderen Wohnsitzen des 
Kurfurston gebracht worden war und terminweise zurückgesandt wurde, 
um heimlich durch Büchels verkauft zu werden. Dieser sagt von einer 
speziellen Handschrift (Harl. 3298): 'j'ai veu il n'y a pas longtemps 
un Ms. . . si vous souhaitez, je tascheray de l'ar racher de la 
prison oü il est'. Von dem mysteriösen Freunde wird manchmal 
gesagt, or sei auf Keisen — 'tout y est hormis los lettres originelles 
que mon amy a encor chez luy et qui est en voyage' — oder halte 
sich auf dem Lande auf — 'je l'iray trouver dans deux ou trois jours 
puis qu'il demeure a la campagne et je tascheray de l'avoir'. 
Andrerseits macht Schwierigkeit, dass Zamboni gewagt haben sollte, sich 
gegen einen mächtigen Klienten Freiheiten herauszunehmen, und ausser- 
dem, dass Büchels niemals den Schleier lüftet oder erklärt, dass er nur 



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— 245 — 



die Rolle eines Agenten spielt. Die einzige Gelegenheit, bei welcher 
er mit der Anrufung einer Intervention droht, ist in seinem vorletzten 
Briefe, wo er sagt, er wolle sich beschweren bei dem Sekretär des 
Landgrafen, welchen er kenne. 

Dass Zamboni die frühere Geschichte der Handschriften, welche er 
kaufte, kannte, ist einleuchtend. Er stand auch in Briefwechsel mit 
Karsch, dem Vorstande der Düsseldorfer Gemälde-Gallerie, mit welchem 
er um Kunstwerke handelte, und welcher ihn als einen ebenso unge- 
nügenden Bezahler kennen lernte. Ferner hatte sein Freund Berenstadt 
Düsseldorf besucht und sandte ihm eine Beschreibung von Büchern, 
welche im Besitze Büchels waren. Und wenn auch Büchels nirgends 
sagt, dass die Hss. Graevius gehört hatten, so ersehen wir doch aus 
Wanleys Tagebuch, dass Zamboni ihm mitteilte, Graevius sei der Be- 
sitzer von ihnen gewesen. Dazu kommt, dass Zamboni einen Katalog 
der Graevius-Handschriften besass, welchen er Wanley nach dem An- 
kaufe lieh, um ihm ihre Anordnung zu erleichtern. Wenn aber Zamboni 
wusste, dass die Hss. dem Graevius gehört hatten, so konnte ihm nicht 
entgangen sein, dass sie nach dessen Tode in die Bibliothek dos Kur- 
fürsten übergegangen waren. 

Der erste von Lord Harlcy gemachte Ankauf erfolgte am 6. August 
1724. Wanley gibt in seinem Tagebuche eine Liste der Bände, und in 
diesen selbst ist je auf dem ersten Blatte das Datum der Erwerbung 
eingetragen. Ich lasse hier eine Liste von ihnen folgen, wie sie der 
Harlejanische Katalog aufführt. Einige von ihnen scheinen nicht von 
Büchels zu kommen und sind wahrscheinlich, wie Zamboni sagte, italie- 
nische Handschriften. Diese habe ich mit einem Sternchen * versohen. 
Zu jeder aus Graevius' Besitz stammenden Handschrift habe ich die 
Nummer beigefügt, welche sie in seinem postumen Katalog trägt. Die 
Altersangabcn beruhen auf der Revision von Mr. Maunde Thompson. 

(1) Harl. 1275. Jac. de Cessulis de moribus hominum et offieiis 
nobilium super Ludum Scaccorum. 

(2) Harl. 2470. Tullii Epistolac familiäres. xv*/ s Jahrh. [G. xi|. 
Es ist der secuwlm Graemi, von diesem in Amsterdam gekauft. 

(3) Harl. 2559. Boetius do Oonsolatione Philosophiae, enthält merk- 
würdige Verse zum Lobe von Otto III. (Kaiser von Byzanz 984—1002). 

(4) Harl. 2664. Quintilian [G. 71 x/xi Jahrh., von Graevius aus 
dem Kölner Dom entliehen ; s. unten S. 252. 

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(5) Harl. 2688. Fragmentuiii Prisciani [G. 27 j — fragmentum Ho- 
ratii [G. 30] x Jahrh. — Ventorum Schema — Hymni in Dedicatione 
Ecclesiae S. Michaelis — fragmentum Onomastici Graeco-Lat. Diese 
Hss. liess Wanley zusammenbinden. 

(6) Harl. 2767. Vitruvius [G. 9] ix/x Jahrh., von Graevius an Bi- 
gotius geliehen (Burmann Syll. Ep. iv. p. 477, 478) ; vollständig ver- 
glichen von Müller-Strübing für Val. Rose. 

(7) Harl. 2770. Virgilii Aeneis cum scholiis [G. 181 xn Jahrh. 

(8) Harl. 3303. Dialogus Aeneae Sylvii. 

(9) Harl. 3318. Haß>jhovaaje sc3(o?.o/iavtag l/ynypa<fia, ein Gedicht 
von Melanchthon, von Wanley zusammengebunden mit einer Anzahl 
anderer Werke, die er ebenfalls von Zamboni gekauft hatte. 

(10) Harl. 3534. Horatius, xn Jahrh. 

(11) Harl. 3722. Francisci Petrarchae Africa. 

*(12) Harl. 3871. Tullii Rhetorica vet. et nova — De Inventione — 
Synonyma — Gasparini Pergamensis exordia circa Rhetoricam novam 
Ciceronis — Praecepta Gasparini de Parma. 

*(13) Harl. 3872. Valerius Maximus — Sallustius — Arator Sub- 
diaconus — Prudentius — Iuvenalis — Tullii Paradoxa — De Arai- 
citia ann. 1377 — Incerti poema de Ulfo et Alda — Tullius de Senectutc 
— Sedulii Carmen Paschale. 

*(14) Harl. 3975. Obsidio et Interceptio urbis Sylvae Ducensis sub 
Grobendeckio, ann. 1629. 

*(15) Harl. 4481. Histoire de l'Empereur Oharies V. — Traicte des 
Comptes de Flandres et d'Arthois. 

(16) Harl. 5637. Variae lectiones in Polyaenum. [G. 110.J 

(17) Harl. 7011. Melanchthonis Notae in Jeremiam [G. 68, 'ipsius 
manu'], von Wanley mit einer Anzahl von Briefen zusammengebunden. 

Eines der bei dieser Gelegenheit gekauften Werke: *Eusebii Hi- 
storia Ecclesiastica, latine per Rufinimi, steht nicht im Harlejanischen 
Katalog. 

Der zweite Ankauf fand statt am 28. August 1724 und bestand in: 

(1) Harl. 2795. Evangelia IV. etc. 

(2) Harl. 2820. Evangelia IV. etc. 

(3) Harl. 3972. Concilii Basiliensis Decreta et Gesta | 'authentique 
par Michael Gualteri secret. du dit Concile', Büchels]. 

Der letzte Ankauf, vom 20. Oktober 1725, enthielt die Hauptmasse 
von Zambonis Erwerbungen. Wanley stellte von ihnen eine Liste her 
•on a loose papor', welches verloren gegangen ist, bemerkt aber zugleich, 



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däss er das Datum: 20. Oktober 1725 in sämtliche eintrug. Durch eino 
Vergleichung der von Büchels gegebenen Listen mit dem Harlejanischen 
Katalog bin ich im Stande gewesen, die folgenden Hss. als bei dieser 
Gelegenheit angekaufte nachzuweisen, indem die Identificierung in allen 
Fällen durch das von Wanleys Hand auf der ersten Soito eingetragene 
Datum gesichert wurde. Bei dem Fehlen des „losen Zettels" kann die 
Liste aber keinen Anspruch auf Vollständigkeit machen. 

(1) Harl. 2511. Cic. de Natura Deorum — de Divinationo — 
Timaeus. [G. 38] xv*/ 8 Jahrh. Auf der ersten Seite steht der Name 
eines früheren Besitzers: H. Slingesby. 

(2) Harl. 2512. Cic. Epp. ad Famiiiares [G. 12]. Dies ist, wio ich 
gefunden habe, der 'Mentelianus' von Graevius, ihm zugesandt durch 
D. Elzevir aus der Bibliothek des Pariser Arztes J. Mentel im J. 1671. 
Der Band enthält die Etiquette von einem anderen Besitzer: Johannis 
Baptistae Mazairt. 

(3) Harl. 2528. Valerius Probus — Fahrns Victor. Ein schönes 
Ms., geschrieben in Gold, Ultramarin und Carmin. 

(4) Harl. 2568. Asconius Pedianus in Cic. orationes, und verschie- 
dene andere Werke [G. 55]. 

(5) Harl. 2584. Solinus — Aristotelis Problemata, latino ex ver- 
sione Theod. Gazae — id. de secretis secretorum [G. 49] 'Ex domo 
St. Albani ordhm Carthvsianorum prope Trevirm , Büchels. 

(6) Harl. 2610. Ovidii metamorphoses I— III [G. 28], x/xi Jahrh. 

— Papiae vocabularii fragmentum | G. 34J ursprünglich anonym ; Hmo 
est jxtrs Papiae' steht auf der ersten Seite von der Hand des Graevius. 

— Chalcidii Timaeus [G. 25]. 

(7) Harl. 2682. Cic. Epp. ad Farn. I— XVI etc. |G. 2] xi Jahrh. 
Dieses ist der Coloniensis Basilicanus oder Hittorpianus, welcher ursprüng- 
lich dem Kölner Domo gehörte und dort von Modius und Gulielmius 
benutzt wurde. Graevius hatte ihn entliehen. Eine Collation der wert- 
vollen Teile dieser Hs., zusammen mit einer Besprechung der Haupt- 
Lesarton wird von mir nächstens in den 'Anecdota 1 der Clarendon-Press 
erscheinen. 

(8) Harl. 2685. Boetius de Consolatione philosophiae — Fulgentii 
Mythologiae — id. de continentia Virgiliana — Marc. Capella de nup- 
tiis Philologiae [G. 5]. Auf der ersten Seite ist geschrieben: Uber 
Mai. KK., wahrscheinlich auf den Kölner Dom bezüglich ; s. u. S. 253. 

(9) Harl. 2688. Luitprandi Crem. epi. Kerum per Europam gesta- 
rura [G. 24], von Wanlcy zusammengebunden mit einer Anzahl von 



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Stücken, welche er von Zamboni am 6. August kaufte (mit Ausnahme 
des aus anderer Quelle stammenden Boetius, de musica). 

(10) Harl. 2709. Ovidii Heroides [G. 43], xn Jahrh. 

(11) Harl. 2713. lsidori Hispalensis Etym. lib. I, ix/x Jahrb. — 
Commentarius in incerti cuiusdam Grammaticam — Boetii in Porphyrii 
Isagogen. xn Jahrh. [G. 42?]. 

(12) Harl. 2716. Cic. in Catilinam |G. 26], x/xi Jahrb., der pri- 
■mua Graerii. — De Officiis [G. 21J, xi Jahrh., der prinws Graerii. 
(Von dessen Hand steht auf der ersten Seite: est codex optimm et prae- 
stantimmm. Die Hs. ist neuerdings von A. Luchs collationiert worden). 

— Verschiedene Fragmente von: Pro Marcello, pro Ligario und De 
senectute, xi Jahrh. 

(13) Harl. 2725. Horatius, x Jahrh., der primus Graerii, durch 
ihn in einem Laden zu Köln gekauft (s. Bentleii Epistolae ed. Friede- 
mann p. 115). In seinem Kataloge ist er ausgelassen, weil er zur Zeit 
seines Todes sich in den Händen ßentley's befand. 

(14) Harl. 2772. Virgilii Aeneidos fragmenta [G. 18 1 -— Iuvenalis 
fragm. [G. 19 j — Sedulii Operis Paschalis I— III [G. 401 — Macrobii 
de somnio Scipionis fragm. fG. 23) — Fragm. Interpretis in luv. [G. 31] 

— Fragm. Paraphraseos in luv. [G. 32], alle aus dem xu Jahrh. mit 
Ausnahme des Virgil-Fragmentes, welches dem xi Jahrh. angehört. 

(15) Harl. 2773. Servii Grammat. Vocab. Lat.-Graecum — Dio- 
medis Grammatica | G. 17] — Cic. Epp. ad Farn. I — VIII [G. 17], der 
primus Graevii, von Mr. Purser collationiert — Satira in Johannem 
Papam, xm Jahrh. Der Servius hat auf der ersten Seite die teilweise 
getilgte Aufschrift: hte Uber est Ifospitaiis S. Nicolai prope Cusnm. 
Er wurde wahrscheinlich von Wanley mit den anderen Werken zu- 
sammengebunden. Den Cicero kaufte Graevius in Köln. 

(16) Harl. 3034. Etymologia ex Isidoro de Ecclesia — S. Augu- 
stini Enchiridion — Praedicatio de Natali Domini [G. 3]. 

(17) Harl. 3060. S. Patrum Sententiae — Iuliani Toletani Episcopi 
de origine mortis etc. — S. Ephraem orationes [G. 15]. 

(18) Harl. 3082. Boetii de Trinitate — an Pater Filius et spiritus 
Sanctus substantialiter praedicentur — Quod Substantiae eo quod sunt 
bonae sunt — Adversus Eutichen et Nestorium [G. 13]. 

(19) Harl. 3121. Aratoris Subdiaconi Historia Apostolica, cartn. 
heroico. 

(20) Harl. 3298. Chrysostomi homiliae in Ev. S. Iohannis in Lat. 
linguam versae a Burgundione sive Burgundio iudice ann. 1178 [G. 6]. 



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Graevius hat auf der ersten Seite eine gelehrte Bemerkung über den 
Verfasser Burgundius aufgeschrieben. 

(21) Harl. 3318. Verschiedene Werke, darunter J. Scaligori Casti- 
gationcs variae |G. 112] und J. Meursii de Porphyrio Syntagma, nach 
Graevius' Katalog manu Meurm geschrieben [G. 96], Alles, mit Aus- 
nahme von Art. 1, gekauft am 20. Oktober. 

(22) Harl. 3336. Meditata et dictata ad Synopsin Besoldi (G. 107]. 

(23) Harl. 3339. Notulae in Horatium, Arnobium, Petronium, — 
von Wauley dem J. M. Dilher in Jena zugeschrieben. Aber nur die 
Bemerkungen zu Horaz sind von seiner Hand. 

(24) Harl. 3342. Petri Scriverii excerpta et carmina [G. 99], von 
seiner eigenen Hand nach Graevius' Katalog. 

(25) Harl. 3381. De imperio ac subiectione civili [G. 881. 

(26) Harl. 3382. AHO NW 2 w 9 ßamUioq 01>SFA2lO<1>IOS ijzm (sie) 
7zep\ ttpdxwv [G. 87]. 

(27) Harl. 3417. Petri Scrinerii et aliorum notae in luvenalem, 
Senecam, Ovidium, Martialem, A. Gelliura, Lucanum etc. 

(28) Harl. 3419. Index in Petronium — Emendationum in Petro- 
nium Sylva alia manu. Auf f. 28 b ist der Name Philipp Leydensis 
geschrieben. 

(29) Harl. 3420. Groschedelii Dispositio numerorum Magica — 
nach Büchels' Angabe aus Würzburg stammend. 

(30) Harl. 3470. De re militari populi Romani, möglicherweise von 
der Hand des Graevius [G. 71]. 

(31) Harl. 3520— 2. Ovidii Amorum libri ex ed. Plant. 1567 cum 
MS. D. Moreti per J. Bubens collati [G. 66], von Wanley mit anderen 
Schriftstücken zusammengebunden. 

(32) Harl. 3521. Adversaria et excerpta Scaligeri et aliorum. 
Art. 5 und 7 scheinen von Dilher's Hand. Der Band verdient unter- 
sucht zu werden. 

(33) Harl. 3536, 1. La Clavicule de Salomon, — sonderbarer Weise 
zusammengebunden mit zwei italienischen Schriftstücken. Vergl. be- 
züglich der Provenienz dieser Hs. oben S. 244. 

(34) Harl. 3556. Columella de re rustica [G. 41]. 

(35) Harl. 3569, 4. 5. Danielis Eremitae Epitaphium — ciusdem 
Iter Gerraanicum. — Diese Hs. wurde an Graevius durch Magliabecchi 
gesandt (Fabricius, Graevii Praefationes etc. p. 223) und von Jenem 
in Utrecht 1701 ediert. Sie fehlt in seiuem Kataloge. 



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- 250 — 



(36) Harl. 3574. Kaccolta di tutte le Scritture politicho uscite tra 
Papalini e Francesi per le brighe occorse in Roma, ann. 1662, 1663. 

(37) Harl. 3592. J. ä Vitriaco Historia Hiorosolyniitana [G. 14?]. 

(38) Harl. 3595. Boethii Artis Arithineticae übr. n — de Musica 
[G. 8] — Geometriae Euelidis libr. n [G. 54]. 

(39) Harl. 3837. Miscellanea und Excerpte verschiedener Gelehrter: 
im Katalog dem Dilher zugeschrieben, aber es finden sich in dem Manu- 
seript verschiedene Hände zusammen mit Bemerkungen von Graevius, 
z. B. f. 81. 

(40) Harl. 3982. Onosandri Strategica — Aeliani Tactica [G. 50]. 

(41) Harl. 3993. Collectanea de re militari. 

(42) Harl. 4026. In Tullii orationes od. 1539 Kob. Stephani variae 
lectiones. Büchels erwähnt einen ähnlichen Band mit Variae lectiones 
zu den Epistolae ad Famiiiares, in welchen Graevius geschrieben hatte: 
4 hae sunt notae M. A. Mureti quas marg. ed. Korn. Stephani adscripserat 
quac nunc Komac sorvantur in collegio Societatis Jesu; has notas vero 
dcscribi iussit ex illo codice et Roma misit mihi J. G. Graevio Paulus 
Falconerius'. (Cf. Burmann Syll. Ep. IV 494.) 

(43) Harl. 4086. Notae in Amphitryonem et Asinariam. 

(44) Harl. 4346. Macer de uiribus herbarum — tractatus de pon- 
deribus. Aul' der eisten Seite steht geschrieben : sum Francisco Wolfs 
medici. 

(45) Harl. 4739. J. F. Gronovii dictata ad Petronium. 

(46) Harl. 4803. Historia Provinciae Paraquariae. 

(47) Harl. 5232. Annotationes in priscorum Apophthegmata [G. 90]. 

(48) Harl. 5364. Variae lectiones in MartialisEpigrammata[G. 104?), 
mit der Bemerkung: fuit mihi donatm a Weidnero. 

(19) Harl. 5377. Miscellanea Conringii, Graevii et aliorum quorun- 
dam. Art. 15 ist von Dilher's Hand geschrieben. 

(50) Harl. 5379. J. Graevii ad Pomponium Melara dictata. 

(51) Harl. 5379. Notae ad Cic. Epp. ad Fam. — ad Petronium 

- ad Pollucem, mit Randbemerkungen von Graevius. 

(52) Harl. 5380. Notae in Dialogum Simocati — ad Alciphronem 

— in imagines Philostrati [G. 63]. 

(53) Harl. 5384. J. Meursii Theophrastus — Lectiones Thcophra- 
steao [G.82]. 

(54) Harl. 5385. Notae in Taciti Annales. 

(55) Harl. 5590. lv)(Ti t itn^ zu i-tfttay;a$ riou i/'aAtiwv [G. 100]. 

(56) Harl. 5610. Jtovjattrj l'tipiaztrj i-to-ohx't etc. [G. 59], 



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— 251 — 



(57) Harl. 5645. 9e/uauuu <fdoo6<fo>j h'ijm [G. 58]. 

(58) Harl. 5659. Mwuttuw r« xa»' Hpto xai Aeaudfwu [G. 57]. 

(59) Harl. 5739. l'weaufj stxoxojto'j Kvprptiw» xazdazamq [Q. 67]. 
Der Katalog von Graevius und der von Büchels fügen hinzu: Jtox/Jo>jg 
smaroföj zfKnp')?Mxzix7j ~pbc '.briptoM ftamhiu. aber dieses Stück fehlt 
jetzt. 

(60) Harl. 5795. 'lob adrob UapßÄi/o>) sk rr^ i-iorofy» IIop<p>jpb>>j 
— llßaptouoq möaaxdÄo!) zpbg zijv llopfjpio'j -poq \heßto iztara/ijv 
xai rtov ii> Wh?, äzopyxdrtov h'jmc [G. 36]. Eine lateinische Übersetzung 
des letzteren Titels ist von Graevius' Hand hinzugefügt. 

(61) Harl. 6059. Lectiones in Florum [G. 117]. 

(62) Harl. 6296. Ilopyjpio'j ipih>aoifo<t zspi ä-orfg ip^o/cbv 
[G. 95]. 

(63) Harl. 6309. ÜTmModmpo'j 7*th»pxr t 7txd — .7. Meursii Apol- 
lodorus [G. 60]. 

(64) Harl. 6316. 'Ax zibu ixx^matrztxihu iazopuov (l>iXorrzopyio>j 
irriTop^ äxb <po»yc Qioz'i»>> rjizpidpyo<) — T.xkoyai Oeowopov [G. 35], 

Die vorstehende Liste umfasst beinahe alle wichtigen Handschriften, 
welche in Graevius' Katalog stehen. Die einzige wertvolle griechische 
Handschrift, welche fehlt, ist die des Hesiod [Gr. 56], über welche 
Wanley bemerkt, dass sie sich nicht unter den gekauften befand, dass 
er sie aber bei Maittaire gesehen hatte. Letzterer war ein grosser 
Sammler von griechischen Handschriften und mag den Hesiod behalten 
haben. Ein ähnlicher Fall liegt vor bei dem Codex des Apollonius und 
Galenus [G. 52], welcher sicherlich durch Zamboni gekauft wurde, und 
dazu mag gefügt werden: /Itffttovog Btoaakiaq yoipoypafta [G. 101]. Der 
beste lateinische Codex, welcher fehlt, ist der Terenz [G. 4], welchen 
Büchels zusammen mit dem Quintilian erwähnt. Ein oder zwei Bände 
haben das Ansehen, als müsstcn sie die von Büchels beschriebenen Hss. 
sein, aber sie entbehren des Datums auf der ersten Soite, z. B. Harl. 3421 : 
Vigiii Zuichemi litterae ad araicos scriptae ab mense Jan. 1576 usque 
ad XXI Aprilis 1577', mit der Bemerkung: 'obiit magnificus düs praeses 
vm Maii 1577', in genauer Übereinstimmung mit der von Büchels 
gegebenen Beschreibung. — Drei von Zamboni's Bänden lehnte Harley 
zu kaufen ab, weil sie zu teuer wären. Dies waren die oben erwähnten 
Gebete Suleimans, das Speculum Saxonicum und die zwei Bände mit 
Briefen aus der Düsseldorfer Bibliothek. Wanley spricht von dem most 
horribh price, welcher für diese letzteren durch diesen habgierigen 



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Herrn (greedtj Signor) verlangt werde, und am 27. September 1725 be- 
ginnt er zu hoffen, dass er diese Hss. später samtlich billiger erlangen 
würde, wenn ihr Ankauf jetzt abgelehnt würde. Es ist von Interesse 
zu sehen, dass seine Berechnung eintraf, soweit jene Briefe in Betracht 
kommen. Sio bilden jetzt, in vier Bände gebunden, die Harleiani 
4933. 4934. 4935. 4936. Büchels gibt eine vollständige Liste und 
Beschreibung der Briefe, und sie folgen da in derselben Ordnung auf- 
einander, in welcher sie jetzt stehen, mit der einzigen Ausnahme, dass 
das zweite Paar von Bänden, 4935. 4936, eigentlich das erste sein sollte. 
Auch hat Wanley mit ihnen einige wenige Briefe zusammenbinden las- 
sen, welche nicht von Büchels herstammten, sondern, wie er in seinem 
Tagebuch andeutet, sich bereits früher in der Harlej aniseben Sammlung 
befanden. Wann diese Bände aber gekauft wurden, kann ich nicht an- 
geben, da sie kein Datum enthalten. 

Bis hierher aufgespart habe ich eine besondere Bemerkung über 
die Identificierung des Quintilian (Hart. 2664), welche Mr. Peterson 
(Clasxical Beriete, Februar 1891 p. 33) aufgestellt hat. Er nennt diesen 
den verschollenen codex Dimeldorpianw und bezieht mit Mr. Purser 
die Worte 'iste liber est maioris ecclesiae' auf Strassburg, wo also die 
Hs. ursprünglich gewesen wäre. Unzweifelhaft ist dies der von Liebius 
in Düsseldorf gesehene Codex, von welchem später Gesner, der ihn ver- 
geblich suchte, sagt: 'mala fraude nescio quorum hominum et hunc et 
alios rarissimos Codices esse subduetos'. In den Briefen des Graevius 
wird er erwähnt in engem Zusammenhange mit dem Coloniensis Basi- 
licanus (Harl. 2682); z. B. sagt Graevius 1 ): 'cathedralis, ut vocant, 
Ecclesiae bibliothecae inspiciendae potestas nondum mihi facta est, in 
qua Quintiliani et Ciceronis orationum pervetustum codicem asservari 
audio'. Den Cicero-Codex entlieh er augenscheinlich im Jahre 1688 s ), 
und wahrscheinlich erhielt er den Quintilian zu derselben Zeit. Guliel- 
mius, welcher viele Cicero-Hss. collationierte, benutzte auch den Quin- 
tilian und sagt von ihm: 'usus sum pervetusto M. Fabii libro beneficio 
. . . Melchioris Hittorpii' (Versimil. III, xiv). Er führt dort ver- 
schiedene Lesarten und 'proprii errores' dieser Handschrift aus der Vor- 
rede zum sechsten Buche an, und diese finden sich sämtlich in dem 
Harleianus. Seine Identität mit dem von Hittorp dem Gulielmius ge- 
zeigten Codex steht ausser Zweifel. Ausserdem ist der Kölner Dom 



1) Burmami, Sylloge Epistolaruni IV p. 151, cf. pp 171, 174. 

2) Fabriciu8, Graevii l'raef. et Ep. p. 495. 



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- 253 - 



eben die 'maior ecclesia', oinc Bezeichnung, welche sich in alten Quellen 
öfters findet, z. 13. in den Notae S. Petri Cotoniensis (Portz, Monum. 
Germ. Hist. XVI p. 784 etc.), wo es heisst: 'cum de communi consilio 
diffinitum esset, ut maior ecclesia de novo constitucretur . . . alii do- 
mini plures canonici muiork ecdesiae 1 etc. Die Kölner Kathedrale wurde 
ganz naturgemäss so bezeichnet als 'omuiura ecclesiarum quae sunt in 
Alemannia quasi mater et matrona', wie Matthäus von Paris sagt. — 
Dass der Boetius (Harl. 2685) dieselbe Provenienz hat, darf als wahr- 
scheinlich betrachtet werden. 

Ich schliesse, indem ich meinen Dank ausspreche Herrn Professor 
Zangemeister in Heidelberg für seine wertvolle Hilfe und Beratung und 
Mr. Bickley am Britischen Museum, dessen Gefälligkeit mir die Arbeit, 
die betreffenden Nummern der Handschriften nachzuweisen, sehr er- 
leichtert hat. 



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Philipp llaiiihofers Bericht über die Stuttgarter 
Kindtaufe im Jahre 1016. 

Von 

Adolf von Oechelhfinser. 

(Mit einer Lichtdruck-Tafel.) 

Philipp Hainhot'er, einem alten Augsburger Geschlecht entsprossen, 
ist am 21. Juli 1578 in Augsburg geboren. Nach dem Tode seines 
Vaters im Jahre 1583 nahm die Mutter die Erziehung der Kinder in 
ihre feste Hand und berief zum Hofmeister für die heranwachsenden 
Knaben den Dr. Hieronymus Bechlor, einen Gelehrten, dem wir als 
Württembergischem Kaminerrat und als Gastgeber Hainhofcrs bei der 
uns beschäftigenden Kindtaufe des Jahres 1616 wieder begegnen werden. 
In Begleitung desselben bezog Philipp mit seinem jüngeren Bruder 
Hieronymus die Hochschulen von Padua und Sicna, woran sich weitere 
Reisen in Italien und den Niederlanden sowie der Besuch der Haupt- 
handelsplätze Deutschlands anschlössen. Im Jahre 1598 finden wir die 
Brüder wieder daheim. 

Aus der Lebensbeschreibung, welche Paul von Stetten d. J. seinem 
Landsmanne gewidmet hat sowie aus der in der Wolfenbütteler Bib- 
liothek aufbewahrten Skizze von „Philipp Hainhofers Lebenslauf *) er- 
fahren wir ferner, dass Hainhofer nach vollendetem 23. Jahre „sich mit 
ehelichen Pflichten gegen Jungfrau Kegina Waiblingcrin einliess" und 
bald darauf (1605) mit seinem Bruder in den grossen Rat der Stadt 
berufen worden ist. In diese erste Zeit seiner öffentlichen Thätigkeit 
fällt auch seine erste Verwendung als politischer Berichterstatter und 



1) In: Lebensbeschreibungen zur Erweckung und Erhaltung bürgerlicher 
Tugend I, Augsburg 1778 S. 2(>'.)— 288. 

2) Veröffentlicht durch B. von Mcdem in: Baltische Studien II, 2. Stettin 1834 
S. XXI ff. 



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e 



- 255 - 



Agent, indem Heinrich IV von Frankreich ihn an Stelle seines ver- 
storbenen Oheims „in Bestallung nahm." 

Derartiger mehr oder minder geheim auftretender Agonten hat die 
Diplomatie zu keiner Zeit entraten können ; im XVI. Jahrhundert zumal 
hatte sich inmitten der hochgehenden Wogen des kirchenpolitischen 
Kampfes dies Nachrichtenwesen in einer Weise entwickelt, dass an jedem 
einigermassen bedeutenderen Centrum des öffentlichen Lebens und Ver- 
kehrs eine Anzahl besoldeter Berichterstatter vorhanden war, die ihre 
Fürsten und Kabinette regelmässig mit entsprechenden Nachrichten über 
den Lauf der politischen Dinge zu versehen oder auch nur vorüber- 
gehend über ein besonderes Ereignis zu unterrichten hatten. In dieser 
Eigenschaft sehen wir Hainhofer während des grössten Teiles seines 
Lebens thätig: zuerst, wie bereits erwähnt, in Diensten des französischen 
Königs, dann im Jahre 1608 als Agent des Markgrafen Friedrich von 
Baden und soit 1610 in engstem Verkehr mit dem Herzog Philipp II 
von Pommern-Stettin, für den aucli der nachstehende Bericht verfasst 
worden ist. 

Es liegt auf der Hand, dass dem evangelischen Stettiner Hofe in 
den Zeiten, die dem Ausbruche des grossen Krieges vorangingen, doppelt 
daran gelegen sein musste, in schneller und zuverlässiger Weise über 
die Vorgänge in Süddeutschland, besonders an den Höfen von München, 
Stuttgart und Heidelberg orientiert zu werden. Der gelehrte Augsburger 
Patrizier, der mitten im öffentlichen Leben stand und an einem Orte lebte, 
wo die Gegensätze zwischen den Anhängern der alten und der neuen 
Kirche noch völlig unausgeglichen waren, in einer Stadt, welche auch 
damals noch mit Recht als das Hauptcentrum des süddeutschen Handels- 
verkehrs betrachtet wurde, Hainhofer erschien in der That als geeig- 
netste Persönlichkeit zur Übernahme eines derartigen Vertraucnsamtcs, 
und in wie gewissenhafter Weise er sich seiner Pflichten erledigte, 
davon zeugen die noch erhaltonen Teile seiner Korrespondenz mit Her- 
zog Philipp. 

Aber nicht auf das Politische und die Tagesneuigkeiten beschränkte 
sich dieser briefliche Verkehr, eine ebenso bedeutsame Stelle nahmen in 
demselben die Nachrichten ein über Ankauf von Kunstgegenständen 
oder Kuriositäten aller Art, über die Bemühungen Hainhofers zu Gunsten 
des herzoglichen Stammbuches, über den Fortschritt der unter seiner 
Leitung in Augsburg für den Herzog gefertigten Kunstgegenstände, über 
Besorgung von Büchern, Arzneimitteln, Edelsteinen, Hirschgeweihen 
u. dgl. m. Neben der Stellung eines politischen Agenten versah Hain- 



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— 256 — 



boter somit zugleich das Amt eines Unterhändlers in Kunst- und kunst- 
gewerblichen Sachen im weitesten Umfange des Wortes. Dieser Doppel- 
charakter seiner Thätigkeit macht die Hainhofer'sche Korrespondenz zu 
einer der wertvollsten Quellen für die Geschichte seines Zeitalters so- 
wohl in politischer als kunst- und kulturgeschichtlicher Hinsicht. 

Betrachten wir zunächst die weiteren Schicksale dieses eigenartigen 
Mannes. Das Hainhofer'sche Geschlecht gehörte von Anfang an zur 
evangelischen Partei, und mit dieser hat Philipp an der Spitze des 
öffentlichen Lebens alle Wandlungen innerhalb der Mauern soiner Vater- 
stadt durchgemacht. Nachdem er im Jahre 1614 „an den Strafsitz*. 
1628 zum Zechpfleger bei St. Anna und 1629 zum Assessor beim Stadt- 
gericht erwählt worden war, wurde ihm infolge des Fortschreitens der 
jesuitischen Reaktion und gemäss dem sich mehrenden Übergewicht der 
katholischen Ratspartei eines dieser Ehrenämter nach dem anderen 
wieder entzogen, bis im Jahre 1631 sogar seine Entfernung aus dem 
Rate erfolgte. Der durch Gustav Adolfs Eingreifen veranlasste Auf- 
schwung der evangelischen Sache und die vorübergehende Anwesenheit 
des Königs in Augsburg führten für kurzo Zeit einen Umschwung zu 
Gunsten der Evangelischen und mancherlei Ehrenbezeugungen für Hain- 
hofer herbei, doch bald folgte eine um so stärkerer Rückschlag und das 
völlige Ausscheiden des alternden Patriziers aus dem öffentlichen Leben 
seiner Vaterstadt. 

Um so energischer widmete er jetzt Zeit und Kraft der Vermehrung 
seiner Kunstsammlungen, zu denen der Grund bereits auf seiner oben 
erwähnten ersten grossen Studienreise gelegt zu sein scheint. Bereits ira 
Jahre 1606 finden wir nämlich im „Lebenslauf den Besuch des Herzogs 
Wilhelm von Bayern in Hainhofers „Kunstkammer 44 verzeichnet, und 
in weiterer Folge dann fast alle bedeutenden und hohen Persönlichkeiten, 
welche die Reichsstadt berühren, als Besucher im Hainhofer' sehen Hause. 
Sammeln und Handeln gingen dabei, wie auch heute meist noch, Hand 
in Hand, und die letzte Freude des Sterbenden war die Nachricht vom 
glücklichen Verkaufe eines der Hauptstücke seines Kabinets, eines kost- 
baren Schreibtisches. Am 23. Juli 1647 schloss der unermüdliche Mann 
die Augen, nachdem ihm die letzten Lebensjahre durch Wasser- und 
Schwindsucht zu einer fortgesetzten Leidenszeit geworden waren. 

Ausser den dauernden Verbindlichkeiten, die Hainhofer den genann- 
ten Fürsten gegenüber eingegangen war, und den Reisen, die er in deren 
Auftrag unternahm, erfahren wir auch wiederholt, besonders nach dem 
Ableben Philipps II (1618), von gelegentlichen Missionen und Reisen im 



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— 257 - 



Auftrage anderer Fürstlichkeiten oder im Dienste seiner Vaterstadt. 80 
sehen wir ihn 1611 als Gesandten des Herzogs von Bayern beim Bischof 
zu Eichstätt und nachher zur Berichterstattung darüber in München, 
1612 auf Erfordern des damals am bayrischen Hofe weilenden Kurfürsten 
Ferdinand von Köln abermals in der Isarstadt, 1628 auf Befehl des 
Erzherzogs Leopold in Innsbruck, 1629 als Unterhändler der Herzöge 
von Mecklenburg in München, 1630 als Gesandten des Herzogs von 
Braunschweig auf dem Fürsten tag in Regensburg, 1631 vom französi- 
schen Gesandten nach München berufen und 1636 als Abgesandten des 
' Braunschweigers ebendaselbst. Im Dienste seiner Vaterstadt war er 
ferner 1629 am Dresdener Hofe thätig, und als es sich im Jahre 1635 
darum handelte, mit den Kaiserlichen wegen Nachlassos der Forde- 
rungen an die Stadt zu unterhandeln, wurde gleichfalls Hainhofer zu 
dieser Mission ersehen, die er aber krankheitshalber nicht ausführen konnte. 

Die meisten Reisen jedoch hat Hainhofer für seinen Stettincr 
Herrn unternommen. Den ersten, ihm jedenfalls höchst willkommenen 
Auftrag, im Juni 1612 den neu erwählten König Matthias iu des Her- 
zogs Namen in Frankfurt zu beglückwünschen, musste er zunächst 
aus Gesundheitsrücksichten unausgeführt lassen, doch traf er den König 
noch rechtzeitig genug in Nürnberg an, um seinen Glückwunsch wenig- 
stens nachträglich anzubringen. Im Anfange des folgenden Jahres sehen wir 
ihn bei dem Pfalzgrafen Philipp Ludwig und dessen Söhnen in Neuburg, 
um „die Complimenti di Salutatione et Offerte zu machen und gute 
Korrespondenz zwischen diesen fürstliehen Häusern zu stiften" (Lebens- 
lauf), wenige Monate darauf mit Kredenzschreiben an den Kaiser auf 
dem Regensburger Reichstage und am Schlüsse des Jahres bei dem Bei- 
lager des Pfalzgrafen Wolfgang Wilhelm in München, sodann 1614 aber- 
mals in Neuburg zur Beileidbezeugung wegon des Ablebens des Pfalz- 
grafen Philipp Ludwig und 1616 in Stuttgart bei den unten näher zu 
behandelnden Tauf-Festlichkeiten. Das folgende Jahr brachte für Hain- 
hofer die Einladung des Herzogs nach Stettin gelegentlich der Überfüh- 
rung des Schreibtisches und des Meierhofes (s. unten), wobei ihm die ehren- 
vollste Aufnahme daselbst , sowie die Ernennung zum Pommerschen 
Rat zu Teil wurde. Ausserdem erfahren wir von einer „des Schwin- 
dels halber" im Horbst 1615 unternommenen Reise nach Wildbad, bei 
welcher Gelegenheit er den Höfen von Ginsbnrg, Heidelberg, Speyer, 
Durlach und Stuttgart seinen Besuch abstattete. 

Von der Mehrzahl dieser Reisen sind uns die Berichte, die er an 
seine Auftraggeber erstattet hat, erhalten, zum kleinsten Teil im Ori- 



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ginal, die Mehrzahl in gleichzeitigen Abschriften. Dem Verfasser sind 
folgende Relationen bekannt: 

1) Reise nach Eichstätt und München (16—27 Mai) 1611. 
Original (?)'): Universitäts-Bibliothek zu Innsbruck 8 ); Abschriften: 

1 Exemplar im Münchener Reichs-Archiv und 2 Exemplare in der Her- 
zoglichen Bibliothek zu Wolfenbüttel (in 77 Extr. u. 23. 3. Aug. fol.). 
Veröffentlicht von Haeutle in der Zeitschrift des Historischen Vereins 
für Schwaben und Neuburg VIII 1881 S. 15 ff. 

2) nach München (21 September bis 4 Oktober) 1612. 

Original (?): Reichs-Archiv in München. Veröffentlicht von Haeutle 
a. a. 0. S. 149 ff. 

3) nach Regensburg (11 August bis 30 Oktober) 1613. 
Original(?): Universitäts-Bibliothek zu Innsbruck; Abschrift: Her- 
zogliche Bibliothek zu Wolfenbüttel (6. 6. Aug. fol.), veröffentlicht von 
Haeutle a. a. 0. S. 172 ff. 

4) nach München (8—? Novembor) 1613. 

Original (?) : Universitäts-Bibliothek zu Innsbruck; Abschrift: Her- 
zogliche Bibliothek zu Wolfenbüttcl (6. 6. Aug. fol.) veröffentlicht von 
Haeutle a. a. 0. S. 209 ff. 

5) nach Neuburg (4—7 November) 1614. 

Original (?): Universitäts-Bibliothek zu Innsbruck; Abschrift: Hcr- 
zoglicbe Bibliothek zu Wolfenbüttel (6. 6. Aug. fol.) veröffentlicht von 
Haeutle a. a. 0. S. 250 ff. 

6) nach Stuttgart (4—27 März) 1616. 

Original : — ; Abschriften : in der Herzoglichen Bibliothek zu 
Wolfenbüttel (6. 6. Aug. fol.) und in der Universitäts-Bibliothek zu 
Heidelberg (Cod. Pal. Germ. 842) ; veröffentlicht in Nachstehendem. 

7) nach Stettin (3 August bis 2 November) 1617. 

Original (?) : Königliches Staatsarchiv in Stettin; Abschrift in der 
Herzoglichen Bibliothek zu Wolfenbüttel; veröffentlicht von B. v. Medem 
in : Baltische Studien II 2, Stettin 1834. 

[Die Angabe von dem Vorhandensein einer Relation über eino Reise 
nach Stuttgart im Jahre 1621 in der Wolfenbüttler Bibliothek (Bal- 
tische Studien II 2 S. XVIII) beruht gütiger Auskunft des dortigen 
Oberbibliothekars von Heinomann zufolge auf einem Irrtum.] 



1) üaeutle (a. a. 0.) spricht sich nicht darüber aus. ob wir es bei 1) 2) 4) und 
5) mit den Originalherichten zu thun haben. 

•2) Die Berichte 1) 3) 4) 5) finden sich in den Mss. 581 und 58?. 



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— 259 — 

8) nach Innsbruck (April) 1628. 

Original:—; Abschrift: in der Herzoglichen Bibliothek zu Wolfen- 
büttel (6. 6. Aug. fol.). 

9) nach Dresden 1629. 

Original : — ; Abschriften : 2 Exemplare in der Herzoglichen Biblio- 
thek zu Wolfenbüttel (37. 32. Aug. fol. und 38. 2. Aug. fol.). 

10) nach München (August) 1631. 

Original: — ; Abschrift: in der Herzoglichen Bibliothek zu Wolfen- 
büttel (cf. Haeutle a. a. 0. S. 205). 

11) nach München (17-20 Juni) 1636. 

Original : — ; Abschrift in der Herzoglichen Bibliothek zu Wolfen- 
büttel (106 Extr.) ; veröffentlicht von Haeutle a. a. 0. S. 268 ff. 

Es fehlen somit bisher nur die Berichte über die Heise nacli Neu- 
burg 1612 und über die Rundreise an den Fürstenhöfen im Anschluss 
an die Badekur des Jahres 1615. Dagegen sind wir in der glück- 
lichen Lage, noch eine grosse Anzahl Hainhofer'scher Briefe zu besitzen, 
welche in die Lücke zwischen jene Relationen eintreten und das Bild 
von der erstaunlichen Thätigkeit und Vielseitigkeit dieses Mannes in 
mancher Beziehung ergänzen : zunächst in der Herzoglichen Bibliothek zu 
Wolfenbüttel 8 Bände in 4°, welche die Korrespondenz Hainhofers vom 
Jahre 1596 — 1645 moist in eigenhändigen Kopieen enthalten (17. 22. 
bis 17. 29. Aug. fol.), ferner im Königlichen Staatsarchiv in Schwerin 
ein Band mit 38 eigenhändigen Briefen Hainhofers an den Herzog 
Philipp II, welche die Zeit vom Mai 1610 bis Pfingsten 1611 umfassen 
und von denen Th. Schlegel die ersten sieben in dem Osterprogramm der 
Stadt. Keallehranstalt zu Stettin v. J. 1877, sowie einen achten im 
XXX. Band der Baltischen Studien (Stettin 1880) S. 169 ff. veröffentlicht 
hat. Sodann findet sich in Kopenhagen ein Brief Hainhofers an den König 
Christian IV von Dänemark (d. d. Augsburg 11/21. Januar 1616) 1 ), 
abgedruckt in Andr. Schuhmachers : Briefe gelehrter Männer an die Kö- 
nige von Dänemark von 1522—1663, III, 368 ff. Von besonderem 
Interesse ist schliesslich die im Augsburger Stadtarchive befindliche Ab- 
schrift eines Diarium, welches die Zeit der schwedischen Okkupation 
behandelt und vom 7 April 1632 bis 5 Oktober 1635 reicht.*) 



1) Abschriftlich vorhanden in der oben genannten Wolfenbüttler Korrespondenz 
Hand VII (17. 28 Aug. 4") p. 171b— 175 b. 

2) Wie mir Herr Dr. A. Buff freundlichst mitgeteilt hat, befindet sich auf der 
Augsbnrger Stadtbibliothek ein Ilainliofer'schcs Stammbuch. 



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- 260 — 



Ein umfangreiches, bisher nur zum Teil benutztes Material steht 
uns somit für die Geschichte der Hainhofer'schen Thätigkeit in ihren 
mannigfaltigen Richtungen, sowie für die Erkenntnis des Wesens und 
der Bedeutung des Mannes zu Gobote. 

Hainhofer war ein viel gereister und viel gewandter Mann, kein 
eigentlicher Gelehrter, aber mit jenem gelehrten Firniss versehen, der 
damals so hoch geschätzt wurde, und vor allem in den Sprachen be- 
wandert. Unter diesen liebte er, wie auch unser Bericht beweist, das 
Italienische am meisten, und am häufigsten finden sich infolge dessen 
italienische Worte in das Gespräch und den Text eingemischt. .Über 
seine Kunstkennerscliaft kann kein Zweifel bestehen ; er weiss die Dinge 
nach ihrem Wert zu schätzen und in das rechte Licht zu stellen; der 
ununterbrochene Verkehr mit Künstlern und Handwerkern schärfte zu- 
gleich seinen Blick für das Technische und Praktische, so dass er als 
Leiter grösserer künstlerischer Unternehmungen besonders geeignet er- 
schien. Eine erstaunliche Rührigkeit entfaltete dieser vielgesuchte Mann 
auf allen Gebieten, die er betrat. Am liebsten scheint ihm jedoch von 
jeher diese Beschäftigung mit künstlerischen Dingen gewesen zu seiü, 
wobei ihm der Verkehr mit den Grossen besonders am Herzen lag 
und gefällige Umgangsformen und höfisches Wesen vortrefflich zu statten 
kamen. Dass nebenbei, oft unfreiwillig, eine starke Dosis Eitelkeit in 
seinem Wesen hervortritt, kann weder Wundor nehmen, noch gegen seine 
sonst so liebenswerte Natur einnehmen. 

In politischen Dingen offenbart sich Hainhofer als gewandter Di- 
plomat, der im Allgemeinen gewissenhaft beobachtet und fleissig be- 
richtet, dabei aber auch als überzeugter Anhänger der evangelischen 
Sache zuweilen nicht ohne Parteilichkeit und gelegentliche Schönfärberei 
urteilt. Der Schwerpunkt in Hainhofers Berichten und Briefen liegt 
aber für uns auch weniger in seinen das politische Leben der Zeit be- 
rührenden Angaben als in seiner lebendigen und eingehenden Schilde- 
rung der damaligen Zustände überhaupt. Politische Erwägungen mischen 
sich mit allerlei Nachrichten über Künstler, Kunstwerke und Kunst- 
sammlungen, offizielle Berichte mit Vorschlägen über den Ankauf von 
Kunstgegenständen, Raritäten aller Art oder Heilmitteln, Betrachtungen 
über Krieg und Frieden mit Skizzen von Land und Leuten, die er auf 
seinen Kreuz- und Querzügen berührt. 

Dass diese Schriftstücke als eine wertvolle Quelle für die poli- 
tische und Kulturgeschichte des Zeitalters des dreissigj ährigen Krieges 
zu betrachten siud, liegt auf der Hand und ist längst erkannt wor- 



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261 



den, 1 ) aber auch die Kunstforschung hat alle Ursache, sich mit den 
trotz mancher Ungenauigkeit und Flüchtigkeit höchst wertvollen An- 
gaben des Augsburger Kunstfreundes näher zu beschäftigen. 

Bisher sind nur das Reisetagebuch vom Jahre 1617 8 ) sowie die 
auf den sogen. Pommer'schen Kunstschrank und einige andero von Hain- 
hofer besorgte Kunstgegenstände (Meierhof, Nähkorb) bezüglichen Schrift- 
stücke 3 ) Gegenstand der Bearbeitung geworden; die dabei gewonnenen 
Resultate lassen die Bedeutung der Hainhofer'schen Aufzeichnungen 
deutlich erkennen. 

In Folgendem gebe ich den Abdruck des bisher nicht veröffent- 
lichten Berichtes Hainhofers an Herzog Philipp II über die in dessen 
Auftrage unternommene Reise zu den Stuttgarter Kindtauf - Festlich- 
keiten im Jahre 1616 (s. o. S. 258 No. 6). Das Original dieses Briefes 
scheint nicht erhalten, dagegen besitzen die Wolfenbüttler Bibliothek 
und die Heidelberger Universitäts-Bibliothek gleichzeitige Abschriften, 
von denen die Wolfenbüttler als die wertvollere erscheint. Dieselbe be- 
findet sich in einem Sammelbande (6. 6. Aug. fol.), der dem von Hcine- 
mann'schen Verzeichnis (Wolfenbüttel 1890) zufolge ausser einigen 
Drucksachen noch eine Reihe anderer derartiger Abschriften von Rela- 
tionen und Berichten enthält und ohne Zweifel früher im Besitz von 
Ph. Hainhofer gewesen ist. 4 ) Das Heidelberger Exemplar, u ) im Cod. 
Pal. Germ. 842 (fol. 428—457) innerhalb einer Reihe aus der zweiten 
Hälfte des XVI Jahrhunderts und dem Anfange des XVII Jahrhunderts 
stammender Aktenstücke und Drucksachen eingebunden, scheint eine 
Abschrift zu sein, welche Hainhofer dem Kurfürsten Friedrich V, der 
mit seiner Gemahlin bei der Stuttgarter Kindtaufe zugegen war, viel- 



1) Vgl. die treffliche Würdigung B. von Medem's in: Baltische Studien 112 
Stettin 1834 p. XV f. 

2) Baltische Studien II, Heft 2 (1834); XXVIII (1878), S. 39 ff.; Sitzungs- 
berichte des Münchener Altertums- Vereins 1872, Heft III S. 26 ff. 

3) Jahrb. d. Kgl. Prcuss. Kunstsammlungen 1883 S. 3 ff; 1884 S. 42 ff. und 
S. 145 ff. Hoffentlich erfreut uns Chr. Häutle bald mit der Erfüllung des (a. a. O. 
S. 13 und 206) gegebenen Versprechens, über das Stammbuch Hainhofers eine Ab- 
handlung zu bringen. 

4) Schon der jüngero P. von Stetten giebt in seinen „Lebensbeschreibungen" 
an, dass die Hainhoferschen Relationen und Tagebücher mitsamt seinen Noten- 
büchern in die Wolfenbütteische Bibliothek gelangt seien. Der gelehrte Herzog 
August von Braunschweig, der Hauptbegründer jener kostbaren Sammlung, hatte 
Hainhofer im Jahr 1625 zum herzoglichen Rat ernannt. 

5) Vom Bibliothekar Prof. Dr. Wille aufgefunden und mir freundlichst zur 
Verfügung gestellt. 

17 



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- 262 — 



leicht auf dessen Ersuchen übersandt hat. Daher erklärt sich auch das 
Fehlen der Zuschrift, während eine Unterschrift in beiden Exemplaren 
nicht vorhanden ist. Wie die vom Oberbibliothekar von Heinemann 
freundlichst veranlasste Kollationierung mit unserer Heidelberger Ab- 
schrift ergeben hat, weicht letztere nicht nur in Orthographie und Inter- 
punktion wesentlich von der Wolfenbättier ab, sondern zeigt auch im 
Wortlaut des Textes manche Änderungen, Zusätze und Streichungen. 
Es macht den Eindruck, als ob Hainhofer diese Kopie einem Schreiber 
in die Feder diktiert und dabei mit Rücksicht auf die Bestimmung der 
Abschrift einige erklärende Stellen aus dem Gedächtnis zugefügt oder 
die überflüssig erscheinenden Worte weggelassen habe. 1 ) Im Grossen 
und Ganzen sind die beiden Schriftstücke aber als übereinstimmend zu 
bezeichnen. 

Der Wert dieses Reiseberichtes ist ein mannigfaltiger. Das Poli- 
tische tritt dabei fast ganz in den Hintergrund, trotzdem damals, zwei 
Jahre vor Ablauf der Union, die wichtigen Verhandlungen über Fort- 
setzung oder Auflösung derselben stattfanden und die Tauffiestlichkeiten 
somit nicht als einzige Veranlassung zu dieser Zusammenkunft der Häup- 
ter der Union zu betrachten sind. Hainhofer scheint nichts näheres 
darüber erfahren oder im Interesse der Sache davon geschwiegen zu 
haben, denn er erwähnt nur gelegentlich, dass die Fürsten und Räte in 
den Pausen zwischen den einzelnen Festlichkeiten in Sachen der Union 
Beratung gehalten hätten, und fügt in seiner Weise hinzu : „und obwoln 
hey diser Kindtstauf vil aufgangen, vermaint man doch, das Hauss 
Württenberg soll es bey Engelland und der Union in eventum wol 
wider zue gemessen haben" (S. 304). 

Um so interessanter sind die Nachrichten, welche Hainhofer von 
dem Verlaufe der Festlichkeiten und von den einzelnen Persönlichkeiten 
giebt, welche daran teilnahmen. Als Hauptpersonen erscheinen dabei der 
Kurfürst Friedrich V von der Pfalz und seine erlauchte Gemahlin 
Elisabeth, die Tochter König Jakobs von England, welche als die In- 
fantin oder Prinzessin bezeichnet zu werden pflegte. Hainhofer charak- 
terisiert den späteren Winterkönig in folgender Weise (S. 298) : „Der 
Herr Churfürst ist noch ein junger Herr und meines Bedünckens nicht 
über 21 Jar, ist gar freundtlich und leuthseelig, und erzaigt doch aine 
Churfürstliche Reputation darneben, redt wenig aber vernünftig, und wirt 



1) Zu der Auffassang, doss die Abschrift für den Kurfürsten bestimmt gewesen, 
bcstimmt n mich n. A. derartige Zusätze wie das «überaus" auf S. 299 Z. 4. 



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263 - 



ausser Zweifell ain hochverständiger Herr . . Dabei nimmt er gern 
Gelegenheit, auch die ritterlichen und höfischen Eigenschaften des 
Pursten bei den Bitterspielen und Tanzen rühmend hervorzuheben, und 
beschreibt ausführlich den kostbaren Anzug, in dem derselbe der Tauf- 
feierlichkeit beigewohnt hat. Auch über die Kurfürstin ist er des 
Lobes voll (S. 290) : „ist gar ein lebendige, schöne, frölicho und scer 
freundtliche Fürstin, gar nicht stoltz, verstehet ettliche Sprachen, Fran- 
zhösisch und Englisch aber redt sie am liebsten." Wiederholt rühmt 
er ihre Anmut beim Tanz und ihr „gefärbtes" Aussehen, wie er denn 
auch ihren Toilettekünsten gebührende Achtung widerfahren lässt. Wir 
werden sehen, in welch besonderer Weise die englische Königstochter 
geehrt wird und wie sie eigentlich als die Hauptperson beim Feste 
erscheint. 

In Begleitung des kurfürstlichen Paares war erschienen ein Pfalz- 
graf Augustus, der im Fourierzettel und bei Assum (s. u. S. 273) 
übereinstimmend als Johann Augustus Pfalzgraf* bei Rhein oder als 
Herzog von Neuburg verzeichnet steht. Hierunter kann nicht wohl eine 
andere Persönlichkeit verstanden werden, als Pfalzgraf August (1582 — 
1632), der drittgeborene Sohn Philipp Ludwigs von Neuburg, welcher 
1614 das Fürstentum Sulzbach in der Oberpfalz erhielt. Dem luthe- 
rischen Bekenntnisse angehörig, ist er der einzige Pfalzgraf, den wir häufig 
in Gesellschaft des Kurfürsten antreffen, so auch am 17. Mai 1632 beim 
Einzüge Gustav Adolfs in München. Der Beiname Johann ist somit ein 
irrtümlicher Zusatz und vielleicht vom jüngeren Bruder Johann Fried- 
rich auf den älteren übertragen. Hainhofer empfängt von ihm zwei 
Briefe für seinen Stettiner Herzog und lobt ihn als wackeren und ver- 
ständigen Herrn (S. 299). 

Weiter wird in der Begleitung des Kurfürsten, aber laut Fourierzettei 
mit selbständiger Hofhaltung auftretend, angeführt: Fürst Christian 
von Anhalt, »Ihrer Churfrstl: Drl: fürtreflicher Rath, ein hochverstan- 
diger, wachtsamber und unverdrossner Herr und gueter Soldat" (S. 299). 
Als Hauptstütze der Union und eigentlicher Leiter der kurpfälzischen Poli- 
tik musste diese interessante Persönlichkeit dem Augsburger Vorfechter 
des Protestantismus ganz besonders lieb und wert sein, und Hainhofer 
unterl&sst denn auch nicht bei jeder Gelegenheit das Lob dieses Fürsten 
und seines ihn begleitenden, viel versprechenden Sohnes in allen Ton- 
arten zu singen. Auf die Thätigkeit und Rührigkeit dieses seltenen 
Mannes wirft Hainhofers Nachricht ein holles Licht, dass der Fürst am 
18. März mittags 12 Uhr mit den kurfürstlichen Herrschaften aus 



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- 264 — 

Stuttgart abgereist, aber bereits am 21 März um 4 Uhr beim Herzog 
in Stuttgart, offenbar in diplomatischen Geschäften, wieder zurück ge- 
wesen sei. Die Veranlassung zu dieser eiligen Hin- und Herreise weiss 
er freilich nicht anzugeben. 

Ausserdem begleiteten den Kurfürsten „sonderlich in Regiments- 
sachen * der Herr Grosshofmeister Graf von Solms, der als „ein [über- 
auss] verständiger und überaus freundtlicher Herr" gerühmt wird. Es 
ist dies der 1563 geborene Johann Albrecht, Graf von Solms in Brann- 
fels, der Gründer des (1693 ausgestorbenen) Braunfelsischen Zweiges, 
der bei Friedrich V in besonderem Ansehen stand, seinem Herrn nach 
der Schlacht von Prag treu in die Verbannung und das Elend folgte 
und am 4. Mai 1623 im Haag gestorben ist. Über einen anderen von 
Hainhofer genannten Herrn des Gefolges, den Herrn de Bless ist sonst 
nichts bekannt. Um so wichtigere Persönlichkeiten waren der von Hain- 
hofer wiederholt angeführte Dr. [Ludovicus] Camerarius, der bereits 
als Hof rat und Abgesandter Friedrichs IV auf den Reichstagen zu Regens- 
burg (1603 und 1608) eine bedeutsame Rolle gespielt und in Diensten 
der Union wiederholt am kaiserlichen Hofe thätig gewesen war, und 
sein Freund der Hofprediger Dr. Scultetus. Beide wurden bekannt- 
lich später als die Hauptschuldigen angesehen, die den Kurfürsten zur 
Annahme der böhmischen Königskrone verführt haben sollten. An 
anderer Stelle wird noch des Chur-Pfaltzischen Stallmeisters, des 
Herrn Ludwig von Obertraut Erwähnung gethan. Die übrigen 
Personen des Gefolges, die im Fourierzettel wie bei Assum nament- 
lich aufgeführt werden, kommen in unserem Bericht nicht vor. Im 
Ganzen betrug der Zug des Kurfürsten und der Kurfürstin laut Fourier- 
zettel 417 Personen mit 473 Pferden. 

Ferner waren geladen und erschienen: Markgraf Georg Friedrich 
von Baden (Durlach) in Begleitung seiner zweiten Gattin Agathe, ge- 
borenen Gräfin zu Erbach, seiner drei Söhne Friedrich, Karl und Chri- 
stoph und seiner Tochter Anna Augusta, welche bald nach der Rück- 
kehr von dieser Reise ihr junges Leben enden sollte (2. April). Auch 
dieser Fürst, unter dessen Regierung, nach dem Tode seines älteren 
Bruders Ernst Friedrich (1604), alles badische Land auf kurze Zeit 
wieder in einer Hand vereinigt worden war, gehörte zu den eifrigsten 
Anhängern der Union. Der evangelischen Sache treu ergeben, beteiligte 
er sich nach dem unglücklichen Ausgange des böhmischen Krieges an 
den darauffolgenden Kämpfen gegen die katholische Liga, deren Verlauf 
den Markgrafen zum Verzicht auf die Regierung zu Gunsten seines 



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- 265 - 



ältesten Sohnes Friedrichs (V) zwangen. Bei letzterem scheint Hainhofer 
besonders in Gunst gestanden zu haben, wie aus einem freilich nur in 
der Heidelberger Abschritt vorhandenen Passus (s. S. 295) hervorgeht. 
Für den Prinzen Friedrich haben unsere Tauffestlichkeiten noch eine be- 
sondere Bedeutung erlangt, indem hierbei der Grund zu der noch in dem- 
selben Jahre (19 Dez.) erfolgten Vermählung mit des Herzogs von Würt- 
temberg Schwester Barbara gelegt zu sein scheint; „doch wurde das Bei- 
lagor wegen betrübter Zeiten ohne einige Feyerlichkeit beschleunigt." ') 
Im Ganzen waren laut Fourierzettel aus Baden 378 Personen mit 379 
Pferden erschienen. 

Folgt der Markgraf Joachim Ernst von Brandenburg (1583— 
1625, ein Sohn des Kurfürsten Johann Georg), der seit 1603 im Besitz des 
Markgrafentums Ansbach war und von Hainhofer gewöhnlich als Mark- 
graf von Onoitzbach (alterer Name für Ansbach) bezeichnet wird. Er 
rühmt denselben als einen sehr schönen und dabei unerschrockenen Mann, 
welcher „sich das gemeine Wesen seer angelegen sein" lasse und trotz 
„der kalten Zeit und Schneewetter" zu seinem Neffen dem Kurfürsten 
von Brandenburg in Unionsangelegenheiten gereist sei (s. S. 305). Mit 
ihm war sein damals 18jähriger jüngster Bruder Hans Georg, über den 
wir nichts näheres erfahren. Das Gefolge bestand aus 147 Personen 
mit 150 Pferden. 

Die Reihe dor fürstlichen Gäste schliesst „die Durchlauchtigste 
Hochgeborene Fürstin und Frau, Frauürsula Dorothea" (Assum), 
die Witwe des (1593) kinderlos verstorbenen Herzogs Ludwig von Würt- 
temberg, welche Hainhofer gewöhnlich die Fürstliche Wittwe zu Na- 
tingen nennt. Dieselbe war mit einem Gefolge von 27 Personen und 
16 Pferden erschienen und vertrat bei den Tauffostlichkeiten die Paton- 
stelle der ältesten Schwester des Täuflings, der Markgräfin Eva Christine 
von Jägerndorf, die aus unbekannten Gründen am Erscheinen verhin- 
dert war. 

Ausser den „Fürsten-Personen" waren laut Fourierzettel zum Feste 
geladen und erschienen: die Herren Kollegiaten von Tübingen mit 
Gefolge, in der Zahl von 27 Personen, aber nur mit 2 Pferdon, der Graf 
Krafft von Hohenlohe mit 28 Personen und 27 Pferden, Graf Philipp 
Wolff zu Hanau mit derselben Zahl von Personen und Pferden, sowie 
schliesslich eine ganze Schar von sonstigen edlen Herren, Grafen, Ober- 
vögten, Lehnleuten, Provisonern und Forstmeistern, deren Zahl der 

1) Chr. Fr. Sattler, Geschichte d. Herzogth. Wurtemberg VI. Theil, Tübingen 
1773, S. 105. 



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— 266 — 

Fourierzettel auf 237 Personen mit 230 Pferden angiebt. Unter den 
Provisonern — Lehnsleuten im weiteren Sinne — steht auch »Philips 
Hainhofer Patricius Augustanus" verzeichnet. Kechnet man hierzu das 
Personal und die Pferde des Stuttgarter Hofes laut Fourierzettel mit 
309 Personen und 423 Pferden, so ergiebt sich, dass während der Fest- 
woche täglich 1605 Personen zu beköstigen und 1729 Pferde zu füt- 
tern waren. Hierbei scheint bei den Gästen das niedere Gefolge in 
weitestem Umfange mitgerechnet, offenbar aber nicht der eigentliche 
Stuttgarter Hofhalt, sondern nur der zum Feste gewissermassen mobil 
gemachte Teil des Hofstaates und Marstalls. Angesichts dieser Zahlen 
versteht man die oben (S. 262) citierte Bemerkung Hainhofers über die 
grossen Kosten des Festes. 

Wenden wir uns von den Gästen den Wirten zu, so steht voran 
als Gastgeber und Taufvater der damals 33jährige regierende Her- 
zog Johann Friedrich von Württemberg. In allen Stücken das Gegen- 
teil seines energischen, thatkräftigen Vaters Friedrich, dem er 1608 auf 
den Thron gefolgt war, hat dieser Fürst durch seine schwankende und 
zweideutige Politik nicht zum mindesten den rühm- und erfolglosen 
Verlauf des gross angelegten Unionswerkes verschuldet. Gerade damals, 
zwei Jahre vor Ablauf des geschlossenen Bündnissos, handelte es sich 
dämm, die Bedenken des Herzogs gegen Verlängerung desselben zu be- 
seitigen, und wenn dies auch im Verlauf der bei Gelegenheit der Kind- 
taufe gepflogenen Verhandlungen glücklich erreicht wurde, 1 ) so setzte 
doch sein späteres Verhalten bei Ausbruch des dreissigjährigen .Krieges 
der kleinlichen und unrühmlichen Friedenspolitik, in der er das Heil 
zu finden glaubte, die Krone auf. Dabei war Johann Friedrich ein 
gelehrter und gottesfürchtiger Herr, der auf zahlreichen Reisen im In- 
und Auslände seine Bildung zu vervollständigen Gelegenheit gehabt 
hatte und namentlich den künstlerischen Dingen hohes Interesse zu- 
gewendet zu haben scheint. Dass der Herzog auch in den ritterlichen 
Künsten wohl erfahren war, zeigt seine Haltung als Mantenitor bei 
den Kampfspielen, die Hainhofer nicht genug zu rühmen weiss. Der 
beständige Kampf mit den widerstrebenden Ständen hatte dem Herzoge 
bald eine eingehendere Teilnahme an den Verwaltungsgeschäften so ver- 



1) In dem auf Befehl des Herzogs abgefassten Bericht über die Festlichkeiten 
(8. unten S. 272 f.) ist nicht nur jeder Hinweis auf die politische Seite dieser Zu- 
sammenkunft vermieden, sondern auch in vorsichtiger Weise die bei den Auffüh- 
rungen vorgekommene Anspielung auf die gemeinsamen Feinde des evangelischen 
Bekenntnisses absichtlich unterdrückt worden (s. unten S. 291). 



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— 267 — 



leidet, dass letztere fast ganz in die Hände seiner Kate geraten waren. 
Dabei blieben die fortwährenden Beschwerden der Stände über die allzu 
kostbare Hofhaltung ebenso unbeachtet, wie die Klagen des Volkes über 
den Nepotismus und die Bestechlichkeit der Beamten. 

Im Gegensatz hierzu schildert Hainhofer seinem Auftraggeber 
die Verhältnisse im württembergischen Lande in den rosigsten Far- 
ben (S. 305), doch ist nicht zu zweifeln, dass ihm die thatsächlichen 
Verhältnisse wohl bekannt waren, andernfalls gegen sein politisches Ver- 
ständnis und seine Beobachtungsgabe gerechte Bedenken erwachsen müss- 
ten. Die Gründe für sein Verhalten sind leicht erkennbar. So wenig 
er in diesem Briefe als Lohn für die ehrenvolle, gastliche Aufnahme die 
Schäden des herzoglichen Regiments aufdecken durfte, so sehr rausste 
ihm anderseits daran liegen, ein so wichtiges Glied der Union gegen 
den Verdacht übermässiger Verschwendung, zu dem die Schilderung der 
prächtigen Kindtaul'e wohl Anlass geben mochte, in Schutz zu nehmen. 
Daher die Behauptung: „die Underthanen werden zue so grosser Hof- 
haltung, allss zue Stuttgart ist, noch nit gestaigert noch mit Steuern 
beschwert", während gerade damals die Beschwerden des ständischen 
Ausschusses über die zu grossen Aufwendungen für den Hof nicht 
abrissen. Zudem war der Brief zwar für den Herzog von Pommern 
bestimmt, aber olfenbar von vornherein in der Absicht verfasst, auch 
anderweitig abschriftlich verwertet zu werden; somit war doppelte 
Rücksicht geboten. 

Des Herzogs Gemahlin Barbara Sophie war eine Tochter Joachim 
Friedrichs von Brandenburg, somit eine Nichte des oben genannten Mark- 
grafen von Ansbach und Schwester des damaligen Kurfürsten Johann 
Siegmund. Aus dieser im November des Jahres 1609 unter grossartigen 
Feierlichkeiten geschlossenen Ehe waren bereits vier Kinder entsprossen : 
1) Henriette (1610-1623), 2) Friedrich (1612), 3) Antonie (1613- 
1679) und 4) der damals zwei Jahre alte Prinz Eberhard, der spätere 
Nachfolger seines Vaters. Die Taufe des letzteren hatte ohne sonder- 
lichen Prunk am 1. Januar 1615 stattgefunden; auswärtige fürstliche 
Taufpaten waren nicht geladen gewesen. Um so glänzender sollten sich 
die Tauffestlichkeiten des Jahres 1616 gestalten, welche den Gegenstand 
des vorliegenden Berichtes bilden und auf deren engen Zusammenhang 
mit den politischen Verhältnissen ich bereits hingewiesen habe. 

Der junge Prinz war am 19. November des vorhergehenden Jahres 
geboren und erhielt in der Taufe am 10. März, nachdem der am 15ten 
März 1612 geborene Prinz Friedrich noch in demselben Jahr gestorben 



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— 268 — 



war, ebenfalls den Namen Friedrieb. Er ist der Stifter der Linie Würt- 
temberg-Neustadt, war vermählt mit Klara Augusta, Herzogin von 
Braunschweig- Wolfenbüttel und ist nach einem thatenreichen Leben als 
kaiserlicher Generalfeldzeugmeister am 24. März 1682 gestorben. Als 
Taufpaten führt Hainhofer (S. 286) an : 1) den Vater, 2) den Kurfürsten 
und 3) die Kurfürstin von der Pfalz, 4) den Markgrafen von Ansbach, 
5) den Markgrafen von Baden und 6) die Markgräfin Eva Christina 
zu Jägerngorf, welche durch die „Frau Fürstliche Wittwe zu Nürtingen" 
vertreten war. 

Neben dem regierenden Herrn spielen die drei Brüder desselben bei 
den Festlichkeiten eine grosse Rolle: Herzog Ludwig Friedrich 
(1586—1631), der Stifter der Mömpelgardschen Linie, Herzog Achilles 
Friedrich (1591—1630), ein den Wissenschaften besonders ergehener 
Fürst, der politisch keine Rolle gespielt hat, und Herzog Magnus, 
jener tapfere Keiterfuhrer, der 27 jährig in der blutigen Schlacht von 
Wimpfen (26. April 1622) den Heldentod starb. Der dem Alter nach 
zwischen Ludwig Friedrich und Friedrich Achilles stehende Herzog 
Julius Friedrich (1588—1635), der Stifter der Julianischen Linie des 
Hauses, war damals von Stuttgart abwesend, kehrte aber noch in dem- 
selben Jahre nach zweijährigen Reisen aus dem Norden in die Heimat 
zurück. Hainhofer schildert die drei Prinzen als flotte liebenswürdige 
Kavaliere und versäumt nicht zu berichten, welche Aufmerksamkeiten 
ihm jeder der Herrn Herzöge erwiesen habe. Die „drei Würtember- 
gische Freulein", die wiederholt erwähnt werden, waren: Agnes, die 
spätere Herzogin von Sachsen-Lauenburg, Barbara, die noch in dem- 
selben Jahre den Thronerben Friedrich von Baden (s. o.) heiratete, und 
die jüngste der sechs Schwestern Anna, Welche unverehelicht geblieben 
ist. Die beiden ältesten Schwestern waren damals bereits todt, und die 
dritte, Eva Christina, die Gattin Johann Georgs, Markgrafen zu Bran- 
donburg-Jägerndorf, war, wie wir gesehen haben, aus unbekannten Grün- 
den nicht zugegen. Hainhofer beschreibt diese drei Prinzessinnen als 
„über die Massen lange Fürstinnen, so wie die Heldinnen daher treten". 

Der eigentliche Leiter der Festlichkeiten ist der Obrist-Kämmerer 
Graf Christoph von Leiningen, welcher unserem Augsburger man- 
cherlei Gefälligkeiten erweist und denselben auch in der herzoglichen Kunst- 
kammer herumführt. Als eine zweite oberste Hofcharge erscheint der 



I) Pfaff (a. a. 0. S. 403 Anm.) giebt den 19. Dezember an, ebenso die betr. 
Voigtel'sche Stammtafel. 



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- 269 - 

Landhofmeister Schenk Eberhard von Limburg, dem u.a. der Auf- 
trag zufiel, nach der Taufceremonie die Danksagung für die von den fürst- 
lichen Paten überreichten Taufgeschenke zu thun. Ausserdem werden 
noch eine ganze Schar von Hofmeistern, zum Teil namentlich aufge- 
führt, deren Hauptbeschäftigung die Aufsicht bei Tafel gewesen zu 
sein scheint. 

Es würde zu weit führen, alle die einzelnen Persönlichkeiten, die 
der Hainhofer'schc Bericht hervorhebt, an dieser Stelle zu besprechen; 
das nötigste darüber wird in den Anmerkungen gegeben werden. Da- 
gegen folge hier noch zur Übersicht über den Inhalt ein kurzer Aus- 
zug von dem Verlauf der Festlichkeiten. 

Hainhofer war in Begleitung des Augsburger Stadtvogts Johann 
Phoit von Berckheim, der gleichfalls in offizieller Eigenschaft, als Ab- 
gesandter der Reichsstadt zu den Festlichkeiten entsandt war, am Uten 
März 1 ) 1616 von Augsburg aufgebrochen und über Ulm, Uhrspring, 
Göppingen und Esslingen am 17ten in der Frühe zu Stuttgart angelangt, 
woselbst er bei seinem ehemaligen Präceptor, dem inzwischen zum Her- 
zoglich Württembergischen Kammerrat beförderten Dr. Bechler Quartier 
nahm. Nachdem er sich gleich nach der Ankunft bei Hof gemeldet 
und in dem Tanzsaale an der Rittertafel zu Mittag gespeist hatte, 
nahm er am folgenden Tage zunächst eine Besichtigung der für die 
fürstlichen Gäste im Schlosse hergerichteten Räume, besonders der für 
die „Prinzessin* bestimmten Gemächer vor, woran sich abermals das 
Mittagsmahl „bey Hof" anschloss. Der Nachmittag wurde zur Besich- 
tigung der grossen Schlosskellereien, der Gartenanlagen und Lustbauten an 
der Nordseite des Schlosses verwendet; auch den Vormittag des folgenden 
Tages konnten die beiden Augsburger noch verschiedenen Sehenswürdig- 
keiten der Stadt widmen. Sie besuchten die „Neue Stallung * mit der 
Rüstkammer sowie den alten Stall, und erst der Nachmittag des 19. März 
brachte den Beginn der Festlichkeiten, deren Verlauf wir in Kürze hier 
aufführen wollen. 

19 März, Nachmittags : Feierliche Einholung der geladenen Fürstlich- 
keiten. 

Abends 6 Uhr, Festtafel, für die Fürstlichkeiten und Grafen 
in der Ritterstube, für die Ritterschaft im Tanzsaal. 
Schluss: 9 Uhr. 



1) Da im evangelischen Stuttgart damals der neue Kalender noch nicht ein- 
geführt war, so werde ich im Folgenden stets das Datum des alten Stils anwenden. 



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— 270 — 

20 März: Vormittags 9 Uhr: feierlicher Kirchgang, Taufe des Prinzen 

Friedrich. Nach der Entgegennahme der Taufgeschenke 
durch den Landhofmeister, grosse Fest-Tafel. Um 7 Uhr 
„Abendmahlzeit*, darauf Tanzfestlichkeiten im oberen Saale 
des Lusthauses bis 12 Uhr. 

21 Marz: Etwas zeitigere Mittagstafel, 12 Uhr Beginn der Kitterspiele 

in der neuen Bahn vor dem Lusthause. Ringelrennen. Um 
7 Uhr Hoflafel, danach Feuerwerk im Schlossgarten. 

22 März : Vormittags : Konferenz der Fürsten (in Unionssachen), darauf 

zeitige Mittagstafel und Fortsetzung des Ringelrennens in 
der neuen Bahn. Nachtmahlzeit. 

23 März : Zeitige Mittagstafel. Fussturnier in der neuen Bahn bis nach 

Eintritt der Dunkelheit. Beginn der Abendtafel um 11 Uhr 
mit Musikaufführung. 

24 März : Vormittags : Gegenseitiger Besuch der Fürstlichkeiten. Nach 

der Mittagstafel Kübelrennen in der neuen Bahn bis 3 Uhr. 
Besichtigung der Sammlungen im unteren Saale des Lust- 
hauses, des Gartens und des Modells der neuen Grotte. Bei 
der Nachtmahlzeit Vortrag eines italienischen Spassmachers ; 
nachher Verteilung der „ Turnier -Dänkh" und Tanz im 
Lusthause. 

25 März : Allgemeiner Bettag. Ruhe. 

26 März: Nach Frühmahlzeit um 11 Uhr Aufbruch zur Jagd. Rück- 

kehr 4 Uhr. Gegenseitige Besuche. 

27 März : Abreise des Pfalzgrafen Augustus. Gottesdienst in der Hof- 

kapelle. Hoftafel. Fechtschule im Schlosshof. Besichtigung 
des Neuen Stalls mit der Rüstkammer seitens der Fürstlich- 
keiten. Nach dem Nachtmahl grosses Feuerwerk. 

28 März: Nach dem Frühstück Abreise der Markgrafen von Baden, 

nach der Mahlzeit um 12 Uhr Abreise des Markgrafen von 
Brandenburg und der Kurfürstlichen Herrschaften, denen der 
Herzog von Württemberg bis Vaihingen nachreist. 

29 März : Rückkehr des Herzogs nach Stuttgart und Weiterreise der 

Pfalzer nach Heidelberg. 

Hierauf versucht Hainhofer mehrmals vergebens beim Herzoge vor- 
gelassen zu werden, um persönlichen Abschied zu nehmen, wird jedoch 
noch zwei Tage unter dem Vorgeben, dor Herzog wolle das berühmte 
Stammbuch Hainhofers sehen, in Stuttgart festgehalten. Die unfreiwillige 



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— 271 - 

Müsse benutzt Hainhofer zur Besichtigung der übrigen Sehenswürdig- 
keiten in Stadt und Schloss und hat das Glück, Einlass in die herzog- 
liche Kunstkammer zu erlangen, deren Schätze er zum Teil summarisch, 
zum Teil ausführlich beschreibt. Am 31 März um 8 Uhr gelingt es 
ihm endlich, beim regierenden Herrn vorgelassen zu werden und seinen 
Abschied zu erhalten. Nachdem er noch an der Abendtafel mit den 
edlen Herren seiner Tischgesellschaft „das Valete getrunken", bricht er 
am 1 April in der Frühe von Stuttgart auf und gelangt auf dem- 
selben Wege, den er gekommen, am 4 April Abends in Augsburg 
wohlbehalten wieder an. 

Nur einen Tag gönnt hiernach der unermüdliche Mann sich Ruhe: 
unser Bericht trägt das Datum des 6 April. Bereits in Stuttgart 
hatte er zwei Briefe vom 15 und 21 Februar vom Herzoge aus Stettin 
erhalten, und daheim warteten seiner zwei weitere Schreiben vom 27 Fe- 
bruar und 9 März ; wir sehen daraus, wie ungemein lebhaft die Korre- 
spondenz zwischen Augsburg und Stettin in jener Zeit gewesen ist. 

Fragen wir nach dem Zwecke dieses Hainhofer'schen Berichtes über 
die Reise auf die Stuttgarter Kindtaufe des Jahres 1616, so war der- 
selbe offenbar ein doppelter. Erstens sollte damit offiziell Rechenschaft 
gegeben werden, in welcher Weise Hainhofer seinem Auftrage, den 
Stettiner Herzog bei den Tauffeierlichkeiten zu vertreten, nachge- 
kommen war, anderseits sollte die ausführliche Beschreibung des Cere- 
moniells, der Einzelheiten bei den Festmahlen, Ritterspielen und Auf- 
zügen, der Details der Hofhaltung u. dgl. dem Adressaten ein anschau- 
liches Bild von den Verhältnissen, Gewohnheiten und Sitten eines der 
vornehmsten süddeutschen Höfe geben und dabei zugleich für ähnliche 
Vorkommnisse als Anhalt dienen. Aus diesem Grunde werden nicht nur 
die Reihenfolge der Festlichkeiten im Zuge und bei der Tafel, die ein- 
zelnen Aufzüge bei den Spielen und Tänzen, das Ceremoniell bei der 
Taufhandlung, der Wert der Patengeschenke, die Sitten bei Tisch (Zu- 
trinken u. s.w.), die Anzahl der Tafeln und deren Anordnung beschrieben, 
sondern wir erfahren auch von der Ausstattung der Zimmer und Säle, 
von der Kleidung der Hauptpersonen, den Farben der Livreen, den 
Schaugerichten auf den Tafeln, der Anzahl der Gänge und Weine und 
dergl. mehr. Nebenbei verzeichnet Hainhofer mancherlei, von dem er 
wusste, dass es bei seinem herzoglichen Herrn Interesse finden würde. 
Er berichtet über die Waffen- und Kunst-Sammlungen, die neuesten 
Bauten und Anlagen, die Seidenindustrio und die Stcuerverhältnisse 
des Landes, über Künstlor und Kunstwerke, schildert die zum Feste 



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- 272 - 



erschienenen Persönlichkeiten, sowohl ihrem Charakter als ihrem Ausseren 
nach und übermittelt deren Grüsse und Gespräche, wobei er dann ge- 
legentlich nicht unterlässt, die Bedeutung seiner eigenen Persönlichkeit 
ins gebührende Licht zu setzen. 

Nach allen diesen Richtungen hin gehört unser Bericht zu dem 
wertvollsten und anziehendsten, was Hainhofer uns hinterlassen hat. 
Hinzu kommt die frische flotte Schreibweise, welche die Lektüre trotz 
der geschraubten Ausdrucksweise und des langatmigen Satzbaues, wie 
solche in jener Zeit üblich waren, so anziehend macht. Dass diese Re- 
lation, ebenso wie die übrigen, nicht zur Veröffentlichung bestimmt war, 
ist als sicher anzunehmen, 1 ) dennoch beweist das Vorhandensein einer 
Anzahl Abschriften (z. B. existieren von der Relation der Eicbstätter 
Reise im Jahre 1611 [s. oben S. 258 Nr. 1] noch vier Exemplare), 
dass gelegentlich auch anderen beteiligten Personen der Inhalt der 
Schriftstücke mitgeteilt worden ist (vgl. oben S. 262). 

Ausser dem Hainhofer'schen Berichte sind noch zwei Beschreibungen 
dieser Stuttgarter Taufe vorhanden : 

1) ein handschriftliches Gedicht des bekannten Vielschrei- 
bers Jacob Frischlin (Bruder des Dichters Nicod. Frischlin) in der 
Kgl. öffentl. Bibliothek zu Stuttgart (Hist. fol. Nr. 84). Der Autor be- 
schreibt auf 151 Blättern in schwülstigen deutschen Versen die Einzelheiten 
der Tauffeierlichkeiten in ausführlichster Weise, scheint sich aber dabei, 
besonders was die persönlichen Nachrichten anbetrifft, streng an den nach- 
stehend angeführten gedruckten Bericht Assums gehalten zu haben. Das 
Gedicht ist in sechs Bücher geteilt und dem Kurfürsten Friedrich V von 
der Pfalz gewidmet. 2 ) In derselben Weise hatte J. Frischlin bereits die 
Hohenzollerische Hochzeit des Jahres 1598 zu Hechingen geschildert und 
war darin sowohl der Mode der Zeit als dem Beispiele seines berühmten 
Bruders Nicoderaus gefolgt, der die Stuttgarter Hochzeitsfeierlichkeiten 
der Jahre 1575 und 1585 in lateinischen Hexametern besungen hatte. 
Soweit ich das mit blasser Tinte geschriebene Stuttgarter Ms. durchzu- 
gehen in der Lage war, scheint mir dasselbe nichts wichtiges zu enthalten, 
was nicht auch in dem nachstehenden gedruckten Bericht zu finden ist. 

2) Wahrhaff te Relation über des Prinzen Friderich Kindtaufe 
und die bei derselben veranstalteten Feierlichkeiten gefertigt durch 

1) Vgl. Hacutle a. a. 0. 3. 10. Gedruckt ist meines Wissens damals nur die 
„Gründliche Relation" über den Regeusburgcr Reichstag vom Jahre 1614; siehe 
von Heinemann a. a, O. S. 208 u. Nr. 2). 

2) Unter den Heidelberger Handschriften ist eine Abschrift dieses Gedichtes, 
wie man wohl vermuten durfte, nicht vorhanden. 



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Philopatrida Charitinum. Anno MDCXVI. Aus dor Widmung, welche 
das Datum des 13 August 1616 trägt, geht als Verfasser der damalige 
Pfarrer von St. Leonhard, Johann Augustin Assum') hervor, und 
der Wortlaut des Titels *) ergiebt, dass dieser Bericht im Auftrage des 
Herzogs Johann Friedrich verfasst worden ist. Auf 65 zum Teil sehr 
eng bedruckten Seiten in Quer-Folio wird hier eine offizielle Beschrei- 
bung des Festes gegeben in einer Ausführlichkeit, an dio Hainhofers 
Berichterstattung auch nicht entfernt heranreicht. Wir werden deshalb 
bei unseren Anmerkungen wiederholt in die Lage kommen, bei Assura 
nähere Auskunft zu holen und die Hainhofer'sche Beschreibung an der 
des Pfarrers zu kontrollieren. Es würde zu weit führen, wollte ich auf 
dies eigentümliche Werk hier näher eingehen. Dasselbe bietet mit seiner 
vordringlichen Gelehrsamkeit, seiner Umständlichkeit und Weitschwei- 
figkeit eine sehr unerfreuliche Lektüre und steht hierin in schroffem 
Gegensatze zu der freilich mehr skizzenhaft gehaltenen flotten und frischen 
Darstellungsweise des Augsburger Patriziers. 3 ) 

An diese Relation schliesst sich ein Kupferwerk an, welches 
gleichfalls im Auftrage des herzoglichen Taufvaters entstanden und 

1) Vgl. v. Georgii-Georgenau, Fürstlich Württembergisches Dienerbuch, Stutt- 
gart 1877 S. 547. 

2) Der vollständige Titel lautet: Warhaffte Relation Und Historischer, Poli- 
tischer Höfflicher Discours Uber Dess Durchlauchtigen, Hochgeborenen Fürsten und 
Herren Herren Jobann Friderichen, Hertzogen zu Würtemberg und Teck etc. 
Graven zu Mümpelgart etc. Herren zu Heydenbeimb etc. ... J. F. Gn. Jungen 
Sohns Printz Friderichen Angcstelter und Gehaltner, Christlicher und Fürst- 
licher Kind Tauff : Sampt derbey begangenem und glücklich vollendtem Fürstlichem 
Ritterlichem Frewden Fest zu Stuttgardten Den 8. 9. 10. 11. 12. 13. 14 etc. Martii, 
Anno 1616. Auf J. F. Gn. gnädigen Bevehl verfertiget Durch Philopatrida Charitinum. 
Getruckt bey Johann Weyrich Kösslin und Johann Alexander Cellio Anno Christi 
MDCXVI. 

3) Von ähnlichen Beschreibungen derartiger Hoffestlichkeiten seien ausser 
den oben genannten hier noch erwähnt: 1) Vermählungsfest des Pfalzgrafen Fried- 
rich a. 1534 besebr. von Peter Harrer (Univ.-Bibliothek Heidelberg, Cod. Pal. Germ. 
337, bisher ungedruckt). 2) Die Doppelhochzeit am Heidelberger Hofe in Verbin- 
dung mit der Feier des 70. Geburtstages des Kurfürsten Friedrich II im Jahre 
1551, von Nicolaus Cisner, Heidelberg 1552 (Auszüge aus 1) und 2) sowie voll- 
ständ. Titel von 2) in M. Rosenbergs Quellen z. Gesch. des Heidelberger Schlosses, 
Heidelberg 1882 S. 1)4 ff. und 108 ff.). 3) Fürstlich Jülische Hochzeit in Düssel- 
dorf 1585, beschrieben von Dietrich Graniinäus, Köln 1587 (s. Zeitschr. f. deutsche 
Kulturgeschichte IV, 1859 S. 314 ff.). 4) Hochzeit des Herzogs Johann Friedrich in 
Stuttgart 1C09, von Joh. Ötinger, Stuttgart 1610 (in ders. Zeitschrift S. 2G6 ff.). Die 
umfangreichste Litteratur existiert wohl über die Vermählungs- und Einzugsfeier- 
lichkeiten des Kurfürsten Friedrichs V von der Pfalz. M. Rosenberg (a. a. 0. 
S. 165 ff.) zählt allein 30 Nummern auf. 



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als bildliche Ergänzung zu dem Assum'schen Texte zu betrachten ist. 1 ) 
Auch dieses ist, wie die Widmung ergiebt, noch im August 1616 
fertig gestellt und zwar in demselben Querformat, wie der Assum'sche 
Text. (In der Kgl. öffentlichen Bibliothek in Stuttgart sind beide Werke 
in einen Band gebunden.) Die Zeichnungen rühren von dem damals in 
Stuttgart lebenden niederländischen Maler Esaias van Hülsen (f 1640) 
her, die Herstellung der Platten erfolgte in der Werkstatt des älteren 
Matth. Merian, der sich auch auf dem Titelblatt und den Zwischen- 
titeln, sowie einigen der Tafeln als Verfertiger nennt. 

Erwägt man die Eile, mit welcher diese grosse Anzahl Platten 
innerhalb fünf Monaten hergestellt sind, so wird man keine grossen 
künstlerischen Ansprüche daran machen können. Im Ganzen verrät 
sich eine tüchtige Routine, der es mehr auf Deutlichkeit als auf künst- 
lerische Wirkung ankommt. Unser Werk teilt dies Schicksal mit den 
meisten späteren Publikationen der Merian'schen Werkstatt, so be- 
sonders auch mit dem Kupferwerke, welches in derselben Weise die 
Stuttgarter Tauf- und Hochzeitsfeierlichkeiten des folgenden Jahres auf 
92 Tafeln zur Anschauung bringt. 8 ) Vieles, was Assum und Hainhofer 
anführen, wird durch Betrachtung der entsprechenden Hulsen'schen 
Bilder erst verständlich. Diesem Werke und zwar dem Stuttgarter 
Exemplar ist auch unsere Lichtdruck-Tafel entnommen. 8 ) Dieselbe er- 
öffnet dort die Reihe der Abbildungen und ist deshalb hier znr Repro- 
duktion gelangt, weil sie den Schauplatz, auf dem sich die festlichen 
Ereignisse bei der Kindtaufe abspielen, deutlich wiedergiebt. Ein ver- 

1) Der in Kupfer gestochene Titel lautet: Repraesentatio der fürstlichen 
Aufzug und Ritterspiel so der Durchleuchtig Hochgeborn Fürst und Herr Herr 
Johann Friderich Hertzog zu Württemberg . . . . bey Ihrer Fr. Gn. Neuwgeborenen 
Sohn Friderich .... Fürstlicher Kindtauffen den 10 biss auf denn 17 Marty 
Anno 1616. Inn der Fürstlichen Haupt Statt Stuctgarten mit grosser Solemnitet 
gehalten. Alles mit sonderem Fleyss in truck verfertiget Durch Esaiam von Htilsen. 

2) Aigentl. Wahrhaft Declineatio und Abbildung aller Fürstl. Aufzüge und 
Ritterspiele bey dasa . . . Herr Herzog Johann Friderich . . . Ihr. Frl. Gn. Jungen 
Printzcn und Sohn Hertzog Ulrich . . . Kindtauff und dann bey J. F. Gn. Herrn 
Brueders . . . Ludwigen Friderichen Hertzogen zu Württemberg etc. . . . Fürst- 
lichem Beilager und Hochzeytlichem Frewdenfest celebriert und gehalten. In . . . 
Stuttgart den 13, 14, 15, 16 und 17 July Anno 1617; publicirt und verfertigt durch 
Esaiam von Hülsen. Der entsprechende Text dazu rührt von Georg Rudolf 
Weckherlin her und ist gedruckt zu Tübingen bey Dieterich Werlin Anno 1518. 

3) Für das freundliche Entgegenkommen, welches dem Verfasser seitens der 
Verwaltung der Kgl. öffentlichen Bibliothek in Stuttgart auch bei dieser Gelegenheit 
wiederum zu Teil geworden ist, sei hiermit der verbindlichste Dank ausgesprochen. 
Die in der rechten Ecke des Bildes sichtbaren Initialen I C W beziehen sich auf 
den ehemaligen Besitzer des Stuttgarter Exemplars J. C. Wolfskeil. 



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kleinerter Nachstich von Peter Aubry findet sich in einer der späteren 
Merian'schen Folgen von Städte-Ansichten. 

Neben den beiden angeführten ausführlicheren Beschreibungen des 
Stuttgarter Kindtauffestes vom Jahre 1616 möchte Hainhofers gedrängter 
Bericht uberflüssig erscheinen, und doch ist dies keineswegs der Fall. 
Zunächst hat ja die ausfuhrliche Aufzählung aller Einzelheiten der Spiele, 
Aufzüge, Tänze und dergl., wie Assum und Frischlin sie geben, nur 
bedingten Wert; wie wir gesehen haben, fehlt es durchaus nicht an 
Schilderungen ähnlicher Festlichkeiten, deren Ceremoniell sich fast gleich 
bleibt. Dafür hat Hainhofer aber manches bemerkt, was den beiden 
anderen Berichterstattern, die offenbar zum Teil nicht nach dem Augen- 
schein, sondern nach fremden Aufzeichnungen geschildert haben, ent- 
gangen ist. Ferner giebt der Augsburger Patrizier einen subjektiv ge- 
färbten Bericht und übt gelegentlich Kritik, die in den beiden anderen 
Beschreibungen gänzlich fehlt. Die Hauptsache aber ist, dass unsere 
Relation sich nicht ausschliesslich mit den Festlichkeiten beschäftigt, 
sondern daneben, wie bereits hervorgehoben, eine Fülle wertvoller Nach- 
richten über die anwesenden Fürstlichkeiten, über die Bauten und Kunst- 
schätze des damaligen Stuttgart, über die Finanzverhältnisse und Kultur 
des Landes, über die Sitten und das Ceremoniell bei Hofe, über die 
Tracht u. dgl. m. bietet. Alles dies wird man in den beiden offiziellen 
Werken vergebens suchen. So ist denn z. B. auch Hainhofers Schil- 
derung der herzoglichen Kunstkammer als älteste, aus der Zeit vor 
dem dreissigjährigen Kriege stammende Nachricht für die Geschichte 
dieser Sammlung von hervorragendem Werte (vgl. unten Anm. 3 zu 
S. 306). 

In Nachstehendem gebe ich den bis auf eine Stelle (s. Anm. 2 zu 
S. 806) vollständigen Text des Berichtes. Die Schreibweise der Zeit 
mit all ihren Willkürlichkeiten ist nach dem Wolfenbüttler Exemplar 
im Allgemeinen beibehalten, nur hier und da habe ich bei der Druck- 
legung, um das Lesen zu erleichtern, in Bezug auf das Setzen grosser 
oder kleiner Anfangsbuchstaben, sowie in Bezug auf die Interpunktion 
unseren heutigen Gewohnheiten einigermassen Rechnung getragen. 

Als Schluss dieser Einleitung folge eine kurze Beschreibung der 
beigefügten Lichtdruck-Tafel, welche das Original (s. oben) etwa um 
J / 3 verkleinert wiedergiebt. 

Der Standpunkt ist am nordöstlichen Ende des Lustgartens, etwa 
an der Stelle, wo wenige Jahre darauf die berühmte Grotte (s. Anm. 1 
zu S. 297) errichtet wurde, genommen. Im Vordergrunde ein grosser, 



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figurenreicher Springbrunnen l ) innerhalb des von einer Hecke umzäunten 
Pomeranzengartens (Nr. 12), der damals in keinem Lustgarten fehlen 
durfte und im Winter mit einem schützenden Dache versehen zu wer- 
den pflegte. Hechts davon ein in französischem Stile gehaltener Zier- 
garten mit zierlichen Beetanlagen, Springbrunnen und einem auf hohem 
Unterbau errichteten runden Pavillon in der Mitte. Demselben quer 
vorgelagert erscheint eine langgestreckte, von hohen Taxushecken be- 
grenzte, rechteckige Wandelbahn, hinter welcher sich ein hohes Gebäude, 
das berühmte, unter Herzog Ludwig von 1580 — 1593 errichtete Lust- 
haus (Nr. 5; s. Anm. 3 zu S. 279) erhebt. Vor demselben, nach der 
Mitte des Bildes zu erstreckt sich die von einem Zaune begrenzte Neue 
Renn-Bahn (Nr. 7), der Schauplatz der ritterlichen Spiele bei unserer 
Tauffestlichkeit. Zunächst dem Lusthause befindet sich in derselben 
die Preisrichter-Tribüne angebracht; davor ziehen sich die Schranken 
hin, an denen entlang das Stechen stattfand. Der übrige freie Kaum 
diente zum feierlichen Umzüge und zur Aufstellung des Gefolges. Je 
zwei grosse Obelisken bezeichnen den Ein- und Ausgang, die Mitte des 
Platzes zieren zwei Säulen mit Statuen darauf. Links von dem für das 
zuschauende Volk bestimmten umfriedigten Räume sehen wir jenseits 
eines breiten Weges den schattigen Beihergarten mit dem Reiherhaus 
(Nr. 11) darin und in der Verlängerung nach hinten die alte Rennbahn 
(Nr. 8), in derselben Weise wie die neue, mit Säulen an den Eingängen 
und in der Mitte versehen. An der Langseite derselben befindet sich 
rechts das im Jahre 1555 erbaute unscheinbare alte Lusthaus (Nr. 6), 
an der andern Seite der Schiessplatz mit den Scheiben und dem quer 
vorstehenden Schiesshause (Nr. 9). Das dahinter über die Stadtmauer 
emporsteigende Gebäude ist der von H. Schickhardt von 1600—1609 
errichtete, jetzt völlig verschwundene Neue Bau oder Neue Stall (Nr. 2; 
s. Anm. 8 zu S. 280). Als Mittelpunkt des Bildes erscheint das Her- 
zogliche Schloss (Nr. 1), links der hohe Giebel des älteren Bauteiles 
mit seinem runden Eckthurm, rechts daneben die unter Herzog Christoph 
seit 1553 erbauten neueren Teile (s. Anm. 5 zu S. 278) mit den beiden 
mächtigen Kaminen vor der Hofküche, welche später abgerissen worden 
sind. Vor dem Schlosse die Hofmühle (Nr. 10) mit einem Nutzgarten 
davor, an dessen rechter Seite sich eine parkartige Anlage mit einem 
Pavillon in der Mitte ausbreitet. Dahinter ragt die Stiftskirche (Nr. 3) 

1) Fehlt auf dem betr. Plane von Stuttgart in Merians Topographia Sueviae; 
im übrigen herrscht Übereinstimmung, wenn auch auf unserem Prospekt der Deut- 
lichkeit halber eine seitliche Verschiebung einzelner Baulichkeiten, wie z. B. des 
alten Lusthauses nach links hin, stattgefunden hat. 



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mit ihren beiden Türmen empor und weiter nach rechts die heute gleich- 
falls noch vorhandene Kanzlei (Nr. 4), an deren vorderen Ecke die jetzt 
vom Merkur des Giovanni da Bologna bekrönte Wassersäule sichtbar 
wird. Den Abschluss des Bildes nach dieser Seite hin bilden die Häuser 
der nordwestlichen (Liebfrauen- oder Turnierackers-) Vorstadt mit den 
rebenbepflanzten Hügeln im Hintergrunde. 



Stotgarter Bayss Ao. 1610 auf die Kündtstauf. 

[Beschreibung Fürstlich Würtenbergischen Kindtauflfe. geendet ?nd vorricht im Aprili 

den 6. stil. no. od. 27. Martij. st v. 1616.J*) 

Durchleuchtiger HochgeborDer Fürst. Euren Fürstlichen Gnaden Fol i«4 r. 
sein meine vnnderthenige, gehorsambe vnd von Herzen, treuwilligstc 
DieDste besten Vermögens, stündtlich beraith, Gnediger Fürst vnnd Herr. 

E: Frstl: Gn: berichte Ich hiemit vnderthenig, das inn Stuttgart 
Ich 2 E: Frstl: G: gnedige Schreiben den 15. vnnd 21. Februarij, vnnd 
gestern auf meine, Gottlob glückhliche Ankunft alhier, zwej anndere, 
vom 27. Februarij vnnd 9. Martij, alle zue Stettin datiert mit vnnder- 
theniger gepürender Reuerenz wol empfangen, vnd herzlich gern ver- 
nommen, das nicht allain die ordinarij Post wider anfangt inn guete 
richtigkeit, vnnd meine Schreiben vnd Packet vleissig vber zue kommen, 
sondern das auch E: Frstl: Gn: das Bayrische Kunststückion wol con- 
ditionirt vnnd zue dero gnädigen contento empfangen. 1 ) Ich will 
geliebts Gott, nach Spedition der Brieff herumb gehn, vnnd sehen, 
ob vnnsere Künstler, sonnderlich die Mahler seither meines ausseins von 
Hauss, so sich auf 3 Wochen erstreckt, nichts nicht vefertiget haben, 
vnnd was Ich befunden, E: Frstl: Gn: mit negstem wills Gott auisiern, 
interim vnnd hernach E: Frstl: Gn: kürtzlich referiern, wie meine Fol. m t. 
Raiss nach Stuttgart vnnd die Frstl: Kindtstauf daselbstcn abgangen, 
dar Ich dann inn Comp': dess hiesigen Stattvogts 8 ) jeder mit 2 Dienern 
den 4./14. Martij 1616**) von Augspurg ausgefahren, vnnd den Christoph 
Conrat Neidthart 3 ) vnnd Christoph Volcium 4 ) biss nachcr Vlm mit vnnss 
gefierth, dahin wir den 15. Martij, vmb den Mittag kommen, vnnd seer 
bösen Weog vnd noch zimblich frisch AVetter dahin gohapt, den Hannss 
Buedolph Ehingern 6 ) vnnd Hanns Virich Crafften/) so eben auch inn Vlm 
warn, zue vnss beruefen, vnd nach der Mahlzeit auf die Nacht biss gelin 

*) Die mit [ ] eingeschlossenen Worte geben die betreffende Textstelle in der 
Heidelberger Abschrift 

**) Der Heidelberger Text enthält durchweg die umgekehrte Anordnung, d. h. 
das Datum des neuen Stiles über dem des alten. 18 



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Vhrspring gefahren. Den 16. Martij Mittags noch gehn Göppingen ge- 
langt, vnnd weiln die Filss, so da fürfleust, seer tieff wäre, vber den 
Sitz an der Gutschen aussgangen wem, vnd Ich meines Stammbuechs, 1 ) 
das es nicht nass werde, auch, das nicht etwan dass Wasser die Gutschen 
schwemme, vnd vmbkern geförchtet, so haben wir die Räder von der 
Gutschen nemmen vnnd vber den Steeg tragen lassen, auf die Nacht 

Fol. iss r. hernach gehn Esslingen 2 ) gefahren, 

Den 17. dito seindt wir zeitlich gehn Stuttgart kommen, vnd vn- 
sern Einkhcr boy Dr. Bechlern 3 ) genommen, bey dem zue Mittag geessen, 
vnd [auf | das Nachtmahl mit ime gehn Hoff gegangen, alda Ihre Frstl: Gn: 
[der Regierende Hertzog von Württemberg] durch Cristophen von Lay- 
mingen 4 ) mich willkomen gehaissen, vnnd hat man inn dem Dantzsaal 
die Ritterschaft gespeist, weiln man die Ritterstuben 5 ) für die Fürsten- 
Persohnen zuerichtete. Ein Trauschwitz 6 ) vnnd Capitain Offenburger, 
waren Hofmaistern, die haben vnnss gleich an die annder Tafel gefüerth, 
dann an der ersten Tafeil eitel Grauen vnnd Obriste gesessen, an vnn- 
serer Tafel auch 2. Grauen von Lewenstein 7 ) Herrn Herzogen Ludwig 
Friderichs vnd Herzog Achilles Friedrichs [von Württemberg] 2 Hof- 
maistern, ein Berca 8 ) vnnd ein Wöllwarth 9 ) (so 9 Jahr Assessor Camerae 
war, jetzt aber Frstl: Würtenbergischer Rath ist.) vnd wir zwen von 
Augspurg sassen, guet gesprech vnd alle courtoisien von den Assidenten 
hatten, auch alle Mahlzeitten von Christoph von Laymingen Obristcn 

Fol. iss v. Ciimmerern, mit einem Glässlin Wein visitiert wurden. Man trueg diej- 
mahl auf, jedes mal 8 Schüsslen, die 2 erste mahl warme Speisen, 
das drite mahl Confect, Kess vnnd fruchten, hat Jeder seinen Becher 
vor sich mit Tischwein vnnd setzt man 2 hohe Becher, oder bisweilen 
2 hohe Gläser mit Ehrwein auf den Tisch, aus welchen man in kleine 
Spitzglässlein eingesekenckt, vnnd zuestellt, wer es dem andern zue 
trinckt, da dann Jeder nach seiner Gelegenhait, Beschaid thuet. Man 
hat beraith inn die 1000 Personen gespeist, 10 ) vnnd betet dem Hoff- 
Prediger einer vor vnd nach der Mahlzeit, ehe man sitzt vnd wan 
man aufgestanden. Den 18. dito hat man vns Morgens früe gehn Hofl 
gefierth: die für die Chur: vnd Fürsten zuegerichte Zimmer, nach 
einander gezaigt, so mit allerhanndt schönen Tapecereyen vnd Balda- 
chinen behengt gewest, vnd für den Chur-Fursten vnd Infantin allain 
7 Zimmer 11 ) zuegerichtet waren, vnnd inn der Infantin oder Princessin 
Stuben, ein trefflich schöner mit historien von Farben, inn weisse te- 

F..I. isr. r. letta geneheter Baldachin 12 ) hienge, auf die Art, alss wie E: Frstl: Gn: 
vom Srhönbronner meines Behalts 2 Stückhlen haben. Inn diser 



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Stuben stuende auch ein schöner grosser aus Inndianischem Holz ge- 
machter Tresor oder Schreib-Tisch, vnd auf demselben Kaiser Augustus 
auf einem Pferdt von Brunzo von Gio: Bologna 1 ) gemacht, auf den 
Bänckhen lagen Kissener von weisser teletta, der Sessell vnd neben 
Sesselien, Stuel vnnd Teppich auch von weisser teletta, vnd hat man der 
Infantin oder Princessin [dann alles Hoffgesindlin, wann man von Ihrer 
Dblt: redet, sie nun Princessin nennet, vnnd darumben durch diss 
Wörtlin Princessin, Ich auch jedes mahl der Infantin oder Churfürstl: 
Dhlt: verstehe] die schönste vnd am maisten geziertesten Zimmer ein- 
gegeben, von quadrj aber, hab Ich in keinem Zimmer nichts gesehen. 
Den Schreibtisch, an dem die Schlüssen stecketen, hat man der Prin- 
cessin zue einem Behälter Ihrer Sachen vnd Ihr zu verehren hinein gesetzt. 

Mittags haben wir wider bey Hof geessen, vnd neben den Grauen 
von Lewenstain vnd zwen Hofmaistern auch dem Stallmaister ainem 
vonn Anweyl, ainem Truchsessen auss dem Elsass bey vnnss sitzen 
gehapt, vnd hat mich Herzog Ludwig Friderich, durch seinen Hofmaister 
den Wurmbser*) auch wilkommen gehaisen. Ehe wir zuer Tafell Foi isev. 
giengen, raichete vnns Herzog Magnus die Handt. Nach der Mahlzoit 
fiehrt man vnns inn den Keller, vnd zaigt vnss unter anderm dass 
grosse Fass, so 24 Fueder helt, auf die Khindtsauf de Nouo eingefült, 
vnd an zwej Orthen angestochen worden, vnd hat man vnnss wollen 
inn dass Kellerstüblein fieren, darjnnen man die Leuth pflegt mit dem 
Trunckh abzuefertigen, dass sie nicht wissen, wie sie herausskommen, 
obs Büeblen oder Mägdtlen sein, wir haben aber den Braten geschmeckt, 
nicht hinein gewolt, sondern darfür in Garten gangen, inn dem Ich 
diss mahls nicht mehrers observiort, weder was E: Frstl: Gn: Ich vcr- 
schienen Herpst alls Ich aus dem Wildtbadt kommen geschriben, vnd 
vnderthenig berichtet, 8 ) da Ich dann nochmahis die schöne neue Bahn, 
dass Lust-Hauss, 4 ) vnd vnder demselben die grosse Anzahl vilcr Kaiser, 
Königen vnnd Fürsten, genuinas effigies, merer Thails inn gantzer 
Statur repraesentiert, Item, die schöne grottam, 5 ) so E: Frstl: Gn: Ich- 
auch vor disem beschriben, gesehen. Bey den Effigiebus Potentium et 
Principum maine Ich, seie zue anden, das bey so gar wenigen der Name Fol. w r. 
steth, dann ob man sie gleich ietzt waist, oder kent, möchte es doch 
der Posteritet auss der Acht kommen. Es worden sonsten dise Bildt- 
nussen, so fast alle, wie gesagt, Lebenssgrösse, gueten Thails von den 
gerepraesentierten, dess Herzogen von Wirtembergs Frstl: Gn: selbst 
zuegesandt, vnd ist es wol aiu schöne recreatio inn disem weiten vnnd 
langen Saal (dar innen drej Fischgrüeben , mit Springbrunnen sein) 



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— 280 — 

herumb zue spazieren, vnd von disen gerepraesentierten, Potentaten vnd 
Fürsten, vnd von Ihren vitis et rebus gestis, decenter et reuerenter zue 
discuriern. Wann Tch vbrige weil hatte gehabt, so hatte Ich ein wenig 
in notam genommen, was für Fürsten vnd Fürstinin abconterfeiet da- 
rinnen hiengen, es ist mir aber vor aufwartten, die Zeit zerrunnen, vnd 
habe Ich rurnemblich in Acht genommen, den | ietzigen] König inn 
Engellandt, den verstorbnen Grosherzogen von Florentz, vnd den [nechst] 

Fol. 187 r. abgeleibten Hertzogen von Württemberg, beede löblicher Gedächtnuss, 
welliche inn Ihrem Ritters Orden, vnnd habit darstehn. Im Garten habe 
Ich diss mahlss nicht weit von der Grotten, 1 ) dass Raigergestell,*) Item, 
die Pergulos vnnd Gäng, 5 ) die man Architecturisch, auf die Arth, wie 
das Lusthauss zue Durrlach*) ist, auss Hecken zuegerichtet, vnd schon 
zirablich weith mit kommen ist, obseruiert. Bey dem Nachtessen seindt 
wider die 2 Grauen von Lewenstain, einer [Herr Georg Ludwig] von 
Freiberg, ein Schauelitzkische Jägermaister, 6 ) der Sachkürch, 6 ) vnnd einer 
von Stain, 7 ) bey vnss gesessen. 

Den 19. Martij hat man vnss die Neue Stallung, 8 ) daruon Ich auch vor 
disem referiert aller vonn lebendigem Stain auf gebauet, vnnd mit 
Kupfer bedeckt, gezaigt, darinn sein die Säulen an den Rossständen auch 
aussgehauen, hat zue beeden Seitten 6 Gäng, inn jedem Gang 5 Pferdt- 
ständ, vnd allso inn allem 60 Ständ, stehn mehrern Thails der Jungen 
Herrn Pfordt darinnen Inn dem Stall gehet man einen schönen auss- 
gehauenen staininen Schneggen hinauf, 9 ) inn die Rüst Kammer, welliche 

Fol. ige r . ob der Stallung, inn dem vnns der Zeugwarth aufgewartet, darjnnen 
zuesehen auf beeden Seitten durchab eine guete Antzahl Rüstungen, auf 
der Fürsten Leiber gerichtet, vnnd inn der Mitte, stehn etliche Pferdt 
mit Rüstungen, vnd geharrnischten Männern darob, vnd seindt vnder 
den Rüstungen ein Kupferne, vnd ein Messine Rüstung zue mercken, so 
der Herzog von Braunschweigg dem von Württemberg verehrt, Item, 
zwo Rüstungen, darinn ein Graf von Hochenloe von einem Fürsten von 
Anhalt ist zue todt gerent worden, 10 ) zwo andere Rüstungen, darinnen 
Graf Craft vonn Hochenloe, vnnd ein Schauelitzky so starckh auf ei- 
nander gerennt, das beede Pferdt gleich todt gepliben, Es stehet auch 
ein aussgebalgt Spannisch Pferdt dar, so Ertzherzog Albertus Ihren 
Frstl: Gn: verehrt, neben dem steth ein klein aussgebalgt Zeltterlin, 
auf wellichem auch ein Mann sitzt, vnnd brauchen die Junge Herrn 

Fol. 188 v. diss Pferdtlin zum Endtenschiessen, dann sie darein schliefen vnnd den 
Kopf vnnd Hallss ime herunder lassen, alss wann es auf der Waid 
giongc, vnnd [seind] beede Pferdt zue Anrach vberzogen worden. 11 ) Es ist 



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ein Stückhlen dar, so man hin vnnd her wenden vnnd auf Rädern fort 
fieren kan, mit 4 Musceten, so man hoch : vnd nider richtet, vnd durch 
ein laufendt Feur, so man will, alle miteinander kann abgehn machen. 
An den Wenden herumb, hangen mannicherley alt vnd neue Bixen, 
Wöhren, Dolchen, vnder anderm ein schöner mit Türkes, Rubinen, vnd 
Granaten versezter Sebell, so der Herzog von Braunsen weigg Ihren 
Frstl: Gn: verehrt, darneben hangt fast [ein] dergleichen ioiellierter 
Säbel, so der Kaiser Irn Frstl: Gn: geschenckht, ein schön grosse Da- 
maschenische Sebelklingen hangt blos entpor, darfur der Herzog 100 
Cronen bezahlt hat, Es stehet auch ein aussgebalgter Strauss, Item 
3. Krännich [da], die man etwan inn Aufzügen gepraucht, inn wellichcn 
Knaben gangen, die gesungen, vnnd zapfen zogen, das die Kranich uf 
ir Art geschrijen, vnnd gepfiffen, vnd ist inn diser RüstCammer gar 
vil schönes vnnd kostliches Ding zuesehen. Ob der RüstCammer, ist 
es noch nit gar aussgebaut, vnnd soll daselbsthin die KunstCammer Fol iso r . 
kommen. 1 ) 

Nach disem haben wir den alten Stall *) gesehen, inn wellichem dess 
regierenden Herrn Pferdt stehn, darunder seer vil schöner, auss Spanni- 
schen, Neapolitanischen, auss Bayrischen, Ertzherzogs Ferdinanden 
vnnd uss anndern Gestüetten, wie dann Ertzhortzogs Ferdinandji Dhlt: 
erst neulich Ihren Frstl: Gn: ein hipsch Pferdt zuegesandt. Disser Fürst 
delectiert sich gar sehr schöner Pferdt, vnnd ist ein treffenlicher Reütter. 3 ) 
Inn disem Stall stehn Ihrer Frstl: Gn: maiste Pferdt, vnnd schönste 
Haupt Ross. [Es] werden von dess Regierenden vnd der Jungen Herrn 
Pferdt (darunder die Gutschen vnnd BauPferdt begriffen der Junckern 
aber nicht darein gerechnet) täglich bey 400 Pferdt gefüettert, vnnd 
alle wochen bey 100 Scheffel oder Säckh Habern verfrezt. Ob diser 
Stallung seindt die Sättell vnd Zäum, darunder allerlejy Farben Sam- 
metine, von Goldt vnnd Silber gerecamierte 4 ) Sättell, auch einer mit 
Perlen recamiert, 3 schöne recamierte Sattell-Deckhinen, ein schöner 
Zaum vnd Rüstung auf ein Pferdt mit Bömischen Stainen versozt, vnd f«i. iw >. 
seindt auch hierjnnen schöne Sachen zuesehen. Das gebäu an ime selbst 
ist gar alt, vnnd nichts besonders. Im Hof lauffen Böckh vmb, vnd vnder 
denselben einer mit 4 Hörnern, so ime gar seltzam vnnder einander 
gewachsen sein. 5 ) 

Fürters, seindt wir zuer Mittagmahlzeit getierth worden, bey wel- 
1 ich er Ich mit einem von Stockheini (der abstemius ß ) ist) mit einem 
Dachsperger, 7 ) mit dem Obristen Reichaw 8 ) vnd mit dem Künigkhauser, 9 ) 
guette Kundtschaft gemacht, vnd Cappitain von Vlm 10 ) mich auch vil 



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geehrt, weilen Er alhie zue Augspurg vor 4. Jaren von mir auch Ehr 
empfangen. Die Fürsten Personen haben allezeit inn der Fürsten gemach 
geesscn, vnd nicht öffentlichen Tafell gehalten. Vber dem Essen hat 
man den Herrn vnnd Junckhern angesagt, dass sie sich vmb 1 Vhrn 
zuo Pfordt vf der Bahn finden lassen sollen. 

Nach der Mahlzeit haben wir über die Altanen *) hinab die Fürsten 
Persohnen sehen den frembden Herrschaften entgegen reutten, vnd haben 

f«i. lno r. di 0 p a ggj vn d Diener alle ihre liuream angetragen, allss gelb wullin 
Tuech, mit schwarzem Sammet gebremt, 3 Strich neben einander, 
Herzog Ludwig Friderich, hatte rothe: Herzog Achilles Friderich, weisse: 
vnd Herzog Magnuss, blaue Strich, zwischen den zween schwarzen in 
der Liurea gefierth, vnd ist Herzog Magnuss inn weisser Klaidung mit 
4 Trommetern vorher, dem Herrn Marggrauen von Baden, Herzog 
Achilles Friderich, auch mit 4 Trommetern inn Purpurfarber Klaidung, 
dem Herrn Marggrauen von Onoitzbach, vnd der Begierend Herr, inn 
Fouerfarber : vnnd Herzog Ludwig Friderich inn Koth geklaidt, dem 
Herrn Churfürstcn von Haidelberg, vnd [seinor Gemahelin] der Prin- 
cessin, mit 6 Trommetern vnnd 2 Hörpauggen, entgegen geritten, 
jeder Fürst aine Anzahl auss der Ritterschaft, auch von Grauen, vnnd 
Herrn bey sich gehapt, sonderlich vor dem Regierenden Herrn hero, 
ein grosse Anzahl auss der Ritterschaft, Obristen, vnnd Herrn Standts- 
Persohnen, vnd vor der Ritterschaft die Edlen Knaben, 7 schöner Haubt- 

Foi. im v. pferdt, vnnderschiedtlicher Haar, mit schönen Rüstungen, auch Jede 
sonderer Färb, [vnnd] auf die Fürsten seindt alzeit die Dienor, vnnd 
Stalbursch geritten. Nach dem die ganze Reutterei hinauss wäre, hat 
man im Schlosshof für die Fürstinin, vnd das Frauen Zimmer, nidere 
Prugken 8 ) gemacht, vnd ist das Statt- Frauenzimmer inn zimblicher An- 
zahl gehn Hof kommon, der Fürstin aufzuewarten. 

Nach deine man nun dass Zaichen [vflTJ den Thürmen gegeben, vnd 
Potschaft kommen, dass Herr Margraf von Durrlach nache verbanden 
seie, ist das Statt -Frauenzimmer anfangs herunder gegangen, vnd 
hat sich auf den Raien herumb gestellt. Auf dasselbe vber ein weil 
folgete das Hof -Frauenzimmer, das stelte sich auf die Prugkhen, ein 
weil hernach kommen die Fürstinin mit im Hofmaistern, vnd Hof- 
maisterinin, die Regierende Fürstin weiss, vnd die 3 Freulein Feurfarb 
geklaidt. Alss nun die entgegen Reutende vnnd dess Herrn Marggrauen 
Leuth, durch den Schlosshof in Gartten ritten, 3 ) seindt die Fürsten im 
Hof gebliben, abgestigen, vnd Herr Marggraf mit soinen 3 jungen Herrn 

Fol i9i r. den Fürstinin die Haudt geraicht, welliche auf der Brucken stehn 



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hüben. Darnach ist die Frau Marggräuin mit Ihrem Freulin abgc- 
stigen, denen die Fürstinin ab der Pruggen entgegen gangen, sie em- 
pfangen, vnd dann die Fürsten Persohnen mit einander hinauf gegangen. 
Und alss das Frauenzimmer auch abgestanden, ist inen dass Hof- 
Frauenzimmer entgegen gegangen, sie auch empfangen, vnd mit sich 
hinauf gefiehrt, auf welliche das StattFrauenzimmer anch geuolgt. Vast 
nur ein halbe Stundt hernach, kombt der Herr Margraf von Onoitzbach 
durch den Garten herein, 1 ) den man auch empfangen, vnd inn sein Losa- 
ment beglaitet. Wider ein halbe Stund hernach, kombt der Herr Chur- 
fürst von Haydelberg 8 ) mit seinem Ooraitatu an, deme das Frauenzim- 
mer abermahls aufgewartet, vnd alss Ihre Churfrstl: Dhlt: vom Pferdt 
abstigen, sein sie stehn bliben, vnnd den Huet aufbehalten, biss dio 
Churfürstin deren der Regierendt Herr vonn der Gutschen geholffen 
abgestanden, wellicher die Fürstinen vnder denen auch die Frstl: Witwe k„i. m v. 
von Nirtingen wäre, entgegen gangon, sie empfangen. Alssdann hat auch 
der Herr Churfürst Pfaltzgraff Augustus, Fürst Christian von Anhalt, 
vnd sein junger Herr, denen Fürstinen die Hand geraicht, vnnd 
hinauf inn die Losamenter gangen, da der Herzog von Württemberg die 
Princessin abermahls gefierth, das Hof-Frauenzimmer, das Englische 
Frauenzimmer zue sich genommen, vnd das Statt-Frauenzimmer geuolgt. 
Die Reutterey ist auch vorher durch den Hof, vnnd Garten geritten, 
vnd haben beede Herren Margrauen die Complimenti della benvenuta, 3 ) 
mit dem Herrn Ohurfürsten vnnd [der] Churfürstin inn dem Zimmer 
gemacht, vnd ist scider die Bürgerschaft mit 6 Fendlen wol gebuzt, 
welliche auf 2 Seitten, von dem Schloss an, biss zuem Thor, 4 ) bey wel- 
lichem Herr Churfürst eingeritten, gestanden, vber dem Schloss Platz 
wider abgezogen. 

Umb 6 Vhrn hat man gehn Hof geblasen, 5 ) mit 10 Trommeten, 2 
Hörpauggen 6 ) vnd seindt alle Fürsten Persohnen zue der Princessin inn 
dass Losament kommen sie abzueholen, vnnd inn die Ritterstuben zuc- 
beglaitten, inn dem die Tisch vnd Buffett auch die Sessell, vnd Stüel 
mit rothem Samraat bedeckht waren. 7 ) Ob der Frstl: langen TafTell im iumr. 
roth sammethinen Baldachin, waren 3 Württembergische Wappen mit 
Perlen vnnd Rubinen gestickt, auf der Tafel stuenden 40 Speisen zue- 
mahl, vnnd allss man inn 2 verguldten hipsch getribnen Handtbeckhinen 
den Fürsten Persohnen das Wasser geraicht, auf 2 Seitten (vf dem aine 
an der Tafel die Fürstinin, vnd vor ihnen auf der andern seitten die 
Fürsten nach einander hergestanden) vnnd der HofPrediger Dr. Hueber 
das Benedicite gesprochen, seindt die Fürsten Persohnen zue Tisch 



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gesessen. Oben an die Princessin inn einem Sessell, an Ihr zuer lingkhen 
Handt herumb, auch inn einem Sessell die Fürstl: Witwe zue Nirtingen 
(so Herzog Ludwigs von Württembergs löblicher gedechtnuss Gemahelin 
gewesen) an dieser vf Stüulen die Frau Marggräuin von Durrlach [Baden], 
dio Herzogin von Württemberg, das Freulin von Durrlach [Baden], vnd 
die 3 Württembergische Freulin. Bey der Princessin zuer rechten Seit- 
ten herumb, ist gesessen der Herr Churfürst, Herr Margraf von Onoltz- 

Foi. im v. bach, an diesem ist gestanden der Fürschneider, wider gesessen Herr 
Margraf von Durrlach [Baden], Pfaltzgraf Augustus, Fürst Christian 
von Anhalt, der Kegierendt Herr von Württenberg, an disem Herrn 
ist wider gestanden ein Fürschneider, vnd wider gesessen des Herrn 
Marggrauen von Onoitzbach Herr Brueder, vnd Fürst Christians [von 
Anhalt] junger Herr, an dem jüngern Freulin von Württemberg ist 
gesessen Marggraf Friderich von Baden, Herzog Ludwig Friderich, Mar- 
graf Carl, vnnd Marggraf Christoph [von Baden], zue vnderist an der 
Taffell, Herzog Achilles Friderich: vnd Herzog Magnuss alle auf 
Stüelcn mit Sammet bedeckt, vnd an der Zahl 23 FürstenPersohnen. ') 
Auf 2 Seiten dess Saals hat man 2 lange Grauentaflen, zue vnderist 
des Geraachs gegen der Fürstentafell vber, noch aine Grauen: vnd 
Räthtafel gespeist. Inn der Mitte dess Gemachs, vnd sonsten noch an 
2 Orten bey den Fürsten vor irer Tafeil, seindt Tisch zuer Music ge- 
standen, vnd bey den Fenstern rothe Vmbhenge fürgehangen, hinder 

Fol. i9» r. denen die Musicanten gesessen. 2 ) 

Disen Abendt hat man auf einem Chor gespilt, an der ersten 
Grauentafell ist das Gräfliche Frauenzimmer, vnnd bey ime auch et- 
liche Grauen, so deme gedient, vnnd intreteniert, gesessen. Vor der 
Ritterstuben hat man 2 lange Taflen mit Hofmaistern, Truchsessen, 
Mundtschencken, vnnd Paggj gespeist, vnden inn dem Dantzsaal bey 
der Kitterschaft auch ein Grauentafell, vnd seindt bey 130 Tisch inn 
disem Saal gespeist worden, 3 ) vnd 4 Hofmaister auf diss Zimmer bestellt 
gewest, darunder der von Stockhaim, 4 ) ein Lammershaimer, 5 ) vnd ein 
Schauelitzkischer Hofmaister 6 ) waren, die mich allezeit zue ihnen genom- 
men, dann sie spat zue Tisch sitzen, damit Ich vor der Fürstentafel 
die Ceremonien desto mehr vnd lenger sehen möge. Inn der Ritterstuben 
bei den Fürsten, waren auch 4 Hofmaistere allss der Hausshofmaister 
Trauschwitz, 7 ) der Capitain Vllmer, 8 ) ein Offenburger, 9 ) vnd meines Behalts 
ein Buwickhauser. 10 ) Inn der Türnitz hat man von fremden Gesindlin auch 

Fol. 193 v. vber die 100 Tisch gespeist, vnnd ihnen ein Knab vorgebettet. Das 
Württembergische Gesindlin hat man im Garten inn dem alten Schiess- 



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hauss gespeist, 1 ) vnd jedes Zimmer sein aigne Kuchen gehapt. So oft 
ein Tisch vol Leuth beysamen waren, hat man Speisen aufgetragen, 
vnnd eingeschenckt vnnd ein Hauffen Aufwarter verbanden gcwest, vnd 
haben ihre 6 im Saal nichts anders gethan, allss den gantzen Tag biss 
vmb Mitternacht auss 6 Bätschen*) nur immer einschencken. Die Fürsten 
Personen seindt biss vmb 9 Vbrn an der Tafel gesessen, vnd nach 
genommenem Hanndtwasser, vnd gesprochenem Deo gratias die Prin- 
cessin inn ir Zimmer beglaitet, darnach jeder Fürst sich auch retirirt, 
alss sie erstlich den Herrn Churfürsten, darnach die Herrn Marggrauen, 
und Fürst Christian von Anhalt inn ire Losamenter conuoyert 3 ) gehabt. 
Wass jeder Fürst für Grauen vnnd Herrn, auch Kitterschaft mit sich 
gepracht, vnd wie starckh sie erschienen, dass ersehen E: Frstl: Gn: auss 
dem getruckhten Furier Zettel No. I. 4 ) No. 1. 

Den 10./20. Martij am Sontag Laetare, hat man eine hiltzene Prug- «•'<>'• io< r. 
gen durch den Hof zuer SchlossCappelln gemacht, 5 ) vnnd ist der von 
Layningen kommen, hat den Stattvogt Dr. Bechlern, vnd mich, inn die 
Cappellen auf die Bohrkürchen 6 ) gefierth, vnd wider hinder vnss zuege- 
schlossen, auf das wir ein guet Orth einnehmmen, an wellichem wir 
alles wol sehen mögen. Unnd ist bey der Pruggen zue beeden seitten 
die Guardia gestanden. 

Vmb 9 Vhrn seindt die Fürsten Persohnen, mit vorgehendem Co- 
mitatu viller Grauen vnd Herrn, vnd vor denselben die Trommeter vnnd 
Hörpauggen, inn die Kürchen kommen, die Chur: vnnd Fürsten inn don 
Ständen nach einander gestanden, allss wie sie den Abendt zuuor inn der 
Ordnung an der Tafel gesessen, die Grauen vnnd Herrn immer hinder 
inen vnd die Ritterschafft auf der Bohrkürchen herumb, welliche so 
woln allss die Stüel vnden, Tisch vnd Cantzlen mit rothem Sammet 
bedeckht, vnd behengt waren. Baldt nach den Fürsten seindt die Für- 
stinin kommen, auch mit Trommeten vnnd Hörpauggen, vor inen hero Fol. im v. 
ire Hofmaister, nach ihnen ihr Hoff-Frauenzimmer, sein die Fürstinen 
inn der Ordnung, auch in 2 Stüelen oder Gängen, gegen den Chur: vnd 
Fürsten vber gestanden, vnd hat man so baldt die Fürsten kommen, 
inn dor Kürchen auf 4 Choren angefangen zue musiciern, 7 ) drey Chor 
seindt herunden, gegen einander vber, vnd der 4te Chor oben bey der 
Orgell gewest. Allss man nun eine guete weil musiciert, ist der aine 
Hofprediger Dr. Haubor auf die Cantzel getreten, vnd den Text auss 
St. Paulo ad Titum 3 Capit:, de saneta Baptismate explicirt, im Ein- 
gang der Predig den Fürsten, wegen dess neugebornen Printzen gratu- 
liert, dass Wörtlin dess heutigen Sontags Laetare, aussgelegt, darnach 



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von der Tauf, dem Geprauch, Wircken, vnd Nutzung gebandlet, vnd 
schliesslich, dass man inn den Freudenfesten Gottes des Herrn nicht 
vergessen wolle, vermahnt. 

Under werender Predig sein wider Hofmaister, vnd andere vorher 

Fui. 105 r. gogangen, auf sie das altere Württembergische Freulin, 1 ) welliche den 
Jungen Printzen auf beeden Armen eingepunden getragen, vnd von 
Herzog Achille Friderich, vnnd Herzog Magno gefierth worden. Nach 
ihnen folgete dass Stattfrauenzimmerer, vnd die Hofmaisterinnen, vnd 
allss man den jungen Prinzen brachte, stuenden die Fürsten vnnd 
Fürstinen auf, biss man das Freulin mit dem jungen Prinzen zue den 
Fürstinen inn Stuel setzte. Nach vollendter Predig hat man wider mu- 
siciert, vnder dessen der Priester das Wasser, so auf dem Tischlin vor 
dem Altar stuende, inn das Böckhin gegossen, vnnd sein dio Herrn 
vnnd Frauen Geuattern, allss der Herr Churfürst Pfaltzgraf, Herr Marg- 
gralf von Onoitzbach, vnnd Herr Margraf von Durrlach, sampt dess 
jungen Priuzen Herrn Vattern, sodann die Princessin, vnnd Frau Frstl: 
Witwe zue Nirtingen (so Gesandtin der Frau Marggräfin zue Jägern- 
dorf 1 ) gewesen ist, gegen einander für den Altar, oder Tisch getreten, vnd 
dass Freulin mit dem Jungen Printzen auch hinzue gefierth worden, 

Fol 195 v deron 2 Hoftnaistcrinen die weyse gestickte Deckhiu, (so) dem Freulin an 
die Achsslin geheftet, aufgelöset, die Deckin herab genommen, vnd das 
Freulin dem Herrn Churfürsten den jungen Prinzen auf seine beede 
Arm gegeben, vnd wider in ihren Stuel gefierth worden, auf welliches 
der Priester einen kurtzen bericht von der heiligen Tauf vnd darzue 
gehörig Gebett abgelesen, die Herrn vnd Frauen Geuattern inn Namen 
diss Kindts, angesprochen, vnd gefragt, ob er wölle Friderich haissen: 
Darnach, ob er an Gott Vatter den Allmechtigen Schöpfer Himmels 
vnd der Erden glaube? Wider ob er auch an Jhesum Christum vnnd 
[an Gott den Heyl: Geist glaube? vnnd] allsso dass Symbolum Apo- 
stolicum gantz aussgesprochen, vnd auf die drey HauptArticul die hei- 
lige Dreyfaltigkeit betrefendt gefragt, vnnd entlich, ob er dem Teufeil, 
vnnd den Sünden wölln absagen? vnd durch die Heyl: Tauf zue einem 
Glied der Christlichen Kürchen aufgenommen, vnd einverleibt Wörden. 
Unnd allss die Herrn vnd Frauen Geuattern auf jede Frag, an Statt 

Fol. 196 r. dess Kindts, Ja, geantwortet, hat man das Kindt, Friderich getauft. 
Wider umb eine Vermahnung den Geuatern gethan, vnnd hat Herr 
Churfürst den jungen Friderichen, seiner Gemahelin, der Princessin: 
dieselbe, dem Herrn Marggrauen von Onoitzbach, diser, der Frau Witwe 
zue Nirtingen, Sie, dem Herrn Marggrauen von Durrlach, auf die Arm 



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gegeben, wellicher ine vollendts gehalten, biss die Sermon, vnd Cere- 
monien vollendet waren. 

Darnach hat man das Freulein wider hinan getierth, so den jungen 
Prinzen, wider auf den Arm genommen, (so nach dem schönst: vnd 
kostlichsten eingepunden wäre, vnd gar hipsch, vnd gefärbt') aussähe, 
Gott wolle ime glückhliches langes Leben, vnd seinen Frstl: EJltern 
vil Freudt mit ime verleihen) und die 2 Hofmaisterinen die weisse 
Deckhin wider vber ihm dem Freulein an die Achssien geheftet, vnd 
sein alle Fürstl: Personen wider inn ire Stell vnd Sitz gegangen, da 
man [dann] das Tedeum laudamus gesungen, vnd auf 4 Chorn stat- 
lich musiciert. 

Nach empfangenem Seegen haben sich die Trommeter vnd Hör- 
pauggen wider hören lassen, vnd ist man inn der Ordnung processio- 
naliter auss der Kürchen oder Cappel (vor dem ein Stockh vor die F<jl 196 *■ 
Arme stuende) jnn der Fürstin Zimmer gangen, 2 ) vnd die Schanekhung 
darinnen verrichtet, auf welliche der Landthofmaister, Herr Eberhard 
von Lymburg 9 ) die Danckhsagung gethan. Die Präsent sonsten waren von 
dem Herrn Churfürsten, vnd der Princessin für dess Kindts Fraw 
Muetter, ein Hallssbandt auf 2000 Thaler werth, vnd dem Kindt ein 
Cleinoth von 1000 Thaler, der Herr Marggraf von Onoitzbach, gäbe 
auch ein Hallssbandt auf 1500 Thaler, vnd Herr Marggraf von Durr- 
lach ein Hallssbandt vf 1200 Thaler, die Frstl: Abgesandtin, hat wegen 
irer Frau Principalin [der Fraw Marggrauin zue Jägerndorff,] noch 
nichts gegeben, aber darauf vertröstet. 4 ) 

Der Churfürst ist schwartz geklaidt gangen, alless mit Goldt ge- 
stickt, Purpurfarbe gestickte Strimpf, vmb den linckhen Fues den Jar- 
tice 8 ) mit Diamanten versezt, weisse Schuech, der Mantell alles gestickt, 
mit einem köstlichen Hallssbandt darüber, auf dem Wambes ein Dia- 
mantin Kettin, ein schöne Schnuer vnd Clainoth von Diamanthen, auf Fol. w r. 
dem Huet, sampt einem Raigerbusch. Die Princessin steckhte voller 
grosser Diamanthen in Haar, auf den Aermeln, vmb den Halss, an den 
Ohren, vnnd hatte sonderlich an einer Diamantin Kettin auf der blossen 
Brust (dann alles Frauenzimmer ietzt auf Englisch, vornen offen, gehet) 6 ) 
dass schöne grosse Clainoth hangen, so man eines Königreichs werth 
schätzt, vnnd dauon E: Fürstl: Gn: Ich beraits das Couterfeit gesandt. 
Im Haar hatte sie auch weisse Spitfederlin stecken vnd gienge disen 
Tag schwartz geklaidt. Die andern Fürstinen hatten auch vnderschiedt- 
liche schöne Hallssbänder an, sonnderlich die regierendt Fürstin, welliche 
gar vil kostliche Clainoter, vnnd edle Stain mit solle auss Brandenburg 



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herausgepracht haben, 1 ) vnd hat dise Herzogin alle Tag mit Klainothern, 
Geschmuckh, vnnd Klaidern varijert, ist gar ein hipsche, gefärbte wol- 
büldende, freundtliche Fürstin. Der Regierend Herr hat auch immer 
statliche Clainoter auf dem Huet gehapt, sonderlich heut inn dem 
Raigerbuschen ein Feder von Diamant, vnd eine Schnuer von 12 Dia- 
manten, darfür er soll f. 2000 bezalt haben, vnnd hat mir [Christoph] 

Kol. w v. der von Laymingen alle Mahlzeith die Hüet, weilien die Fürsten Per- 
sonen gesessen, gezaigt, dann sie bey der Tafeil die Hüet nie obgehabt. 
Disen Tag wäre die Herzogin auch schwartz geklaidt, die 3 Freulin 
aber Purpurfarb, vnd treten sie daher wie die Heldinen, seindt vber 
die massen lange Fürstinen. ( Es] gehet alles Frauenzimmer frantzösisch 
geklaidt, mit gardecu, die Princessin, vnd ir Frauenzimmer aber, auf 
Englisch, mit Röcken wie Casaggen, 2 ) vnd mit hangenden Aermelen, die 
Frstl: [Frau] Witwe [von Nüertingen] gehet noch auf alt Teutsch, inn 
Casacken mit ihrem velo, vnd schwartzen Häublein auf dem Haupt, 
ist sonsten [noch] ein hipsche gefärbte Fürstin. 

Nach der Schanckhung ist man baldt zuer Tafel gangen, vnd hat 
man die Sessiones nicht verändert. Auf 3 Ohorn hat man musiciert, 
so seindt an den Fenstern Nachtigallen inn Kefeten 3 ) gehangen, welliche 
auch guet Arbeit gemacht. Auf der Tafel sein 2 Schawessen gestan- 
den, von Wachss possiert, inn dem einem 6 Grotten mit 6 schön ge- 
zierten Bildern, Virtutes bedeutendte, gesessen, [Ist] der ganz Berg vmb- 

Koi. it>3 r. gangen, vnd sich allezeit 3 Bilder mit einander bewegt. Der Berg war 
hipsch mit Bluemwerckh, Schneckhlen, vnd Gewechss geziert, oben auf 
dem Berg, stuend die Justitia, welliche Wasser auss dem Mündt durch 
ein Röhrlin inn die Höche sprüzte so wider herunder inn ein Böckhin 
fiele, vnd durch ein aufgeblasen Ventillj vber sich getriben wurde, eine 
Stundt lang liefe, vnnd auch [der Berg] so lang vmbgienge, vnd die 
Bilder sich so lang bewegten. Das andere Schauessen wardt auch ein 
Berg mit dem Pegaso, so Wasser spritzete, bewegte sich aber kein 
Bildt darinnen. 4 ) Etliche aussgebalgte Vögell stuenden auch auff den 
Speisen, vnnd waren sonderlich schöno gezierte Bilder vnnd Gärten auss 
Butterwerckh gemacht gewest, verhanden, so man essen kändte. 

Nach der Mahlzeit, welliche dissmahl spat an fi enge, vnnd zimblich 
lang durierte, ist man inn die Zimmer gangen, complimentj mit ein- 
ander gemacht, vnd einander die visitam gegeben. Zue Mittags sasse 
ich zwischen zwen Theologis, alss zwischen Dr. Haubern, vnnd dem 
Dr. Sculteto, so dess Herrn Churfürsten Hof Prediger, 5 ) vnnd habe ich 

Fol. io« v. den Dr. Haubern vmb die gethane Predig von [der] heiligen Tauf 



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289 — 



gebetten, der mainth sie mechte noch getruckt werden, wo nicht, wölle 
er mirs gerne schicken, 1 ) vnd haben mich dise, vnnd die andern Beysitzer 
vom Ratichio,*) vnnd seinem progressu gefragt, seinen methodum zimb- 
lich commendiert, keiner aber waist wo er sich iezt aufholt,*) sonsten 
solle dieser methodus zue Oiessen schon zimblichen progress haben. 
Zue Nacht vmb 7 Vhrn ist man wider zue Tisch gesessen, statliche 
tractation von allerley schönen gezierten Richten vnd guete Music ge- 
hapt, vnd seindt die FürstenPersonen nach der Mahlzeit durch den 
* Garten, in das Neue Lusthauss zum Ballet gefahren, da im Garten vil 
angezündte Pechpfannen gestanden, vnnd wie die Fürsten Persohnen inn 
Saal 4 ) kommen, die Music angefangen. 

Erstlich ist gesessen die Infantin oder Princessin, darnach die 
Fürstinen inn der Ordnung, wie obgemelt, vnd forts das Frauenzimmer. 
Zuer Princessin rechten Seitten sass der Herr Churfürst [Pfalzgraffj vnnd 
die andern Fürsten wie obgedacht, ausgenommen den Regierenden Herrn 
Herzog [von Württemberg vnd seine beede Herren Gebrüdere, Hertzog] 
Ludwig Friderichen vnnd Herzog Magnum, wellicho im Ballet aufge- 
zogen. Dann allss die FürstenPersonen gesessen, ist ein Jung inn Foi.iwr. 
Weissen Klaidern vnnd haidnisch geklaidt in forma Palladis, 5 ) mit Trom- 
metern vnd Hörpauggen vor ime her, aufgezogen, wellicher an einer 
grossen Tafell ein Carthel vom Ballet oder villeicht das Inuention Cartel 0 ) 
zuem Ringelrennen, abgelesen, dessen Copiam Ich noch nicht bekommen. 
Allss er nun wider abgezogen, vnnd 12 Paggi mit Windtlichtern zue 
beeden Seitten gestanden, seind vber den Gang 4 grosse Köpf die 4 
Thail der Welt bedeutendt, aufgezogen, vnd von ihnen selbst auf dem 
Saal herumb gangen, vnd niemandt darinnen gesehen worden. Allss 
sie auf dem gantzen Saal herumb kommen, haben sich die Köpf auf- 
gethan, vnnd seindt auss Jedem 3 Nationes, vnnd inn allem 12 Na- 
tionen, Jeder seine [sondern] Musicam, nach seiner Landtsarth neben 
im hertanzend herfürkommen, vnd nach einander hergetanzt. 7 ) Herzog 
Johann Friderich wäre ein Mohr, Herzog Ludwig Friderich ein Pol- 
lackh, Herzog Magnus ein Frantzhos, der vom Stain 8 ) ein Spannier, der 
Wurmbser Hofmaister 9 ) ein Italianer in Pantelons Klaidern, der jung 
Wurmbser 10 ) ein Engelländer, der Münchingen 1 ) ein Irrländer, der Raup 18 ) foi. m v. 
ein Lapländer, der Murlet 15 ) ein Türckh, der Ruest 14 ) ein Teutscher, der 
Santemfc 15 ) ein Inndianer vnd der Perennier 16 ) ein Schottländer. Die mach- 
ten im Dantzen ein F, ein E, ein P vnnd 0, dardurch dess Churfürsten, 
vnnd der Churfürstin Namen, vnd den Reichsapftell andeutendt, 17 ) vnd 
hat diser Tantz zimblich lang gewehret. 



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290 — 



Allss sie abgezogen, ist eine grauangestrichne Hüttin mit grossen 
Spieglen vnd Liechtern daruor stehendt, herumb gegangen, 1 ) anss welli- 
cher ein Nymfa kommen, die allen Fürsten Persohnen ein geschribenes 
Carthel zuegestelt, darauf wider weckh gefahren, vnd die Hüttin baldt 
wider kommen. Im Herumbgehn hat sich Jederman inn den Spieglen 
sehen kännen, vnd hat alles voller Leuth geschienen, inn der Hütten 
aber hat man niemand gesehen. Allss die Hütten wider- herumb kom- 
men, ist sie vnden im Saal still gestanden, vnd seindt 12 Oauaglierj 
auf Frantzhösisch geklaidt, herauss gedantzt, dem Klaider voller Spiegel, 
vnnd vber die 400 Spiegel darein genehet waren, dahero sie [sich] auch 
Fol. mo?. verraög des Carthels No. 2 die Spiegelmacher genendt; 8 ) vnd haben sie 
auch einen wunderbaren Dantz mit einander gedanzt, nach dessen 
Vollendung einer vnder ihnen die Princessin aufgetzogen, vnd mit ihr 
ein Couranta 3 ) getanzt, hernach zog sie iren Herrn auf, danzte mit Ihr 
Drl: auch ein Couranta, Ihn Herr zog wider ein Fürstin auf, dieselbe 
wider einen Fürsten. Hernach kamen die Fürsten Personen alle 
inn einen Dantz znesamen, inn wellichem immer dass Erste das Leste 
wurd, wie inn einem Wexel-Dantz, gar hipsch durch einander gienge, 
bissweilen einen Ring machten vnnd kan die Princessin gar zierlich 
vnnd wol dantzen, danzt auch seer gern, ist gar ein lebendige, schöne 
fröliche vnnd seer freundtliche Fürstin, gar nicht stoltz, verstehet et- 
liche Sprachen, Franzhösisch vnnd Englisch aber redt sie am liebsten, 
wie dann Ihre [FrawenZimmer] Junckfrauen auch alle Frantzhösisch 
reden. Als nun discr Dantz biss 12 Vhrn wehrete, hat man sich ange- 
fangen zue retiriern, vnd die FürstenPersonen inn ire Losamenter zue 
beglaiten. 

Den 11./21. Martij, hat man wass zeitlicher Tafel gehalten, 
vnd baldt nach 12 Vhren die Princessin, vnnd die anndere Fürstinnen, 
Fol. Mo v. vnnd Frauenzimmer inn den Gutschen inn das Lusthauss im Garten 
getierth, allda heraussen auf der doppelten Stieg, 4 ) roth Sammetine Deck- 
hinen auf dass Gländer gebraitct, Teppich auf der Erden gelegen, vnnd 
Sessoll gestanden, darinnen die Fürstinen, vnnd bey der Princessin, 
Herr Marggraf von Onoitzbach gesessen. Zue beeden Seitten auf den 
Gängen sasse, vnnd stuende das Frauenzimmer, vnd die Caualierj, vor 
der Sonnen bedeckht, 5 ) dann die gantze Zeit vber, allss dise Fest gewehrt 
haben, seer schön vnnd warm Wetter wäre, vnnd kein mal nie geregnet 
hat. Vnder der Frauenzimmer wäre der Iudicierer aufgemachte Pruggen,") 
vnder wellichen Iudicierorn war Herr Graf von Solmss Churpfälzischer 
Grosshofmaister, Herr Graf von Erbach, 7 ) Herr [Georg Ludwig] von Frej- 



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- 291 — 



berg zuo Oeffingen [Freyherrl, einer von Fleckenstain, 1 ) einer von 
Dachsperg. 2 ) Neben diser Pruggen stuende ein Hütten mit Silber- 
geschürr, auss wellicber man die Gewinneter name. Vor vberhin, so 
lang die Bahn ist, waren Pruggen vnnd Sitze für die spectatores auf- 
gemacht. Allss nun bey der Baiin etlich 100 Spectatores 8 ) waren, ist der Fol. 201 r . 
Herr Mantenitor, 4 ) Herzog Johann Friderich von Württemberg aufge- 
zogen 6 ) mit 6 Patrinj, auf Schimmlen vor ime her reuttendt, auf sie 
ein Berg mit allerlej Früchten behengt, darinnen die Music gesessen, 
geuolgt, vnnd auf disen Berg Herr Mantenitor (allss ein haidtnischer 
Regent geklaidt, sich Priamum Troianum nennet, vnd Junonem, Pal- 
ladem, et Venerem vor ime sitzen habendt auf einem Triumphwagen 
mit vilen pedissequis, 6 ) vnnd 6 schönen HandtRossen herbej kommen, 
wellichen die 6 Patrinj, Jeder eine Lantzen inn der Handt fierendt, 
2 mahl vmb die Bahn gefüerth, vnnd ihne den Herrn Richtern geprä- 
sentiert, welliche auch die 6 Lanzen besichtiget. Allss sich nun Herr 
Mantenitor mit seiner Compagnia zu Eingang der Bahn an sein Orth 
gestellt vnnd dass Inuention Carthel, No. 3 (welliches man den Abendt No. 3. 
zuuor beim Ballet abgelesen, vnnd im Schloss vor der Ritterstuben, inn 
einem Schilt geschribon, aufgehenckt) getruckt aussgeben, ist Herr 
Churfür8t Pfaltzgraf, vnnd inn seiner Compagnia Pfaltzgraf Augustuss 
Fürst Christian von Anhalt vnnd dessen junger Herr, mit vilen andern kolsoiv. 
Caualliern, vnd Auenturierern an die Bahn kommen, sich angemeldet, 
den dess Herrn Mantenitors Patrini bey den Herrn Richtern auch an- 
gemeldt, vnnd aufgefierth, dessen ChurFürstl: Drl: nach ihren Patrinis, 
vnd Trommetern, einen Triumphwagen, vnd einen andern Wagen, da- 
rauf die Cartagineserische spolia angedütten waren, vnd vor denen 
2 Elephanten hergiengen hatte, vnd sie darauf zue Pferdt allain, tan- 
quam Scipio Affricanus, lauth Cartels No. 4. Darnach die 3 gemelto No. 4. 
Fürsten, so mit im Aufzug warn, so dann die anndernCauallierj je 3 
vnd 3, vnd darauf die 0 Haubtross Voigten, vnder denen das Aine 
mit kostlicher Rüstung von Stainen geziert wäre. Allss diser Aufzug 
auch 2-mahl herumb käme, vnnd sich an desHerrn Mantenitors Com- 
pagnia stellete, erscheint an der Bahn Herr Marggraf [ Georg Friderich] 
von Durrlach, wellichen des Herrn Mantenitors Patrinj bey den Herren 
Richtern auch angemeldet, vnd hernach aufgefierth, so diss Carthel vnnd 
Canzonet No. 5 vbergeben, ein Monstrum, an einem Strickh mit vilen Fol. 202 r. 
Köpfen an einem Strick gefangen, [so (meines bedunckhens) einen Span- 
nier, einen Jesuiten vnd Kaputzinern bedeutete (welche dass Teutsch- 
land inquietiren)| vor ihmo herfüeren gehapt, 7 ) Er Herr Margraf darauf 



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— 292 — 

allain geritten, nach ime seine 3 junge Herrn, vnnd auf dise noch 6 
anndere Cauallierj, vnnd 6 HanndtRoss, vnd seindt inn disem Aufzug 
lauter Schimmeil, oder weisse Pfordt vnnd graue gewesen, vnnd die 
Rüstungen an den Pferdten, so woln an den Caualliern all einander 
gleich, vnd Feurfarb. Allss man dass annder mahl herumb, vnd für 
die Herrn Richter kommen, hat ein Jung mit Hörnern so wie der 
Teufel (Gott behüet vnss vor ime) schwartz, vnnd glatt angezogen 
wäre, vnd vnder dem Monstro gienge, das Bildt oder Monstrum den 
Herrn Richtern für die Fuess geworfen, vnd ist er daruon gelaufen. An 
den Schütten der Cauallier waren zuesammen gebundene, Pfeil vnnd 
Handtrew, Concordiam bedeutendt, gemahlt, vnd wäre diser Aufzug wol 
zuesehen, dass die Pferdt all einer Haar waren vnnd der Herr Vatter, 
so drey wackere Söhne nach ime herreitten hatte. Forts ist auf- 

fol 202 v. getzogen Herzog Ludwig Friderich [von Württemberg], so sich Luci- 
didorn nennet, der hat ein schöne grottam von Muschlen vnnd Corallen, 
darinnen ein Springbrunnen wäre, so continue Wassser gebe, vnd dar- 
nach einen grossen Borg, darauf die Göttin Cypris, mit irem Sohn 
No. 6. Amor laut Carthels No. 6 sasse, vor ime gehapt, Er, vnnd seine Caual- 
lier zue Pferdt darauf geuolgt, vnnd auch schöne HandtRoss nach ime 
gehapt. Entlich ist der Beniamin [von] Buwickhausen, 1 ) wie der Alte 
Aymon aufgezogen vnnd ire 4 auf einem Pferdt geritten, mit dem 
No. 7. Cartel No. 7. 

Allss dise Aufzug alle jeder auf der Bahn 2 mal herumb gezogen, 
vnd sich vor den Herrn Richtern präsentierten, so hat Herr Mante- 
nitor angefangen nach dem Ringlin zucrennen, wellichem Herr Churfürst 
zue erst geuolgt, jeder 3 carrieras gerennt vnnd forts diejenige 
Cauallier, die mit dem Herrn Churfürsten aufgezogen, allzeit einer 
3 Carrieras gerent, vnnd forts diejenige Cauallier, die mit dem Herrn 

Fol. 2»3 r. Churfürsten aufgezogen, allzeit einer 3 Carrieras gethan. Wann Herr 
Mantenitor geritten, so haben seine Trometer vnnd Hörpauggen ge- 
scholten, wann Herr Churfürst vnnd die seinen so auch volgende Par- 
teyen geritten, so haben seine [vnnd also einor Jedwedern Parthey, 
die rithe,| Trommeter vnnd Hörpauggen sich auch hören lassen. So 
oft einer wass genommen, so hat derselben Partey patrinj mit der 
Music, die dieselbe Partey gefierth, vorhergehendt, abgehollt, vnnd 
wan man das Present vbergefierth, so haben derselben Partey Trom- 
meter zum Fridenzaichen aufgeblasen, vnd hat Herr Mantenitor am 
maisten dass beste gethan, vnnd immer ein Gewinnet vber das ander 
abhollen, vnd hinweckh fieren lassen. Wie es den Juugen Herrn Marg- 



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293 - 



grauen Christophen von Baden zuc rennen getroffen, hat Herr Mante- 

nitor die Lantzcn vber den Kopf geschlagen, ehe er inn Arrest 1 ) gelegt, 

vnd mit Vleiss neben dem Ringlein weit hingestochen, damit er ime 

die Ehr lasse, weiln er erst 11 Jar alt, wie er dann das Ringlin wacker 

hinweckh genommen, auf einem kleinen Rösslin geritten, welliches er Fol. 203 v . 

nach vollendtem 3 Carrieren ausser dem Schrancken vor den Fürstinen 

vnd dem Frauenzimmer, so lang die Bahn ist, dapfer gedumlet, cor- 

bettiert, vnnd seer hoch gesprengt, so mennigelich gern gesehen. Alss 

es nun gegen dem Abendt gieng, seindt die Parteien wider nacheinander, 

wie sie aufgetzogen, allso auch wider vmb die Bahn herumb, abgezogen, 

vnd hat sich Herr Mantenitor gar wol gehaltten. Nach den 7 Vhrn 

ist man wider zuer Tafel gangen, vnd nach der Mahlzeit im Garten 

ein Schloss mit Feurwerckh angezündt, wellichos schöne Feurkugeln 

vnnd Raggeten inn die Höhe getriben, vnnd vil Schlag gethan, fast 

aine Stund lang gewehrt, vnd niemand verletzt hat. 

Den 12/22 Martii seindt die Fürsten Vormittags vnder ihnen selbsten 
zuesamen kommen, 8 ) vnnd hat Herr Marggraf von Durrlach vorher inn 
seinem Zimmer ein weil mit mir conversiert. Man ist widerum zcitlicli 
zuer Mittag Mahlzeit gangen, nach der Mahlzeit das Frauenzimmer foi. 201 r. 
wider inn das Lusthauss gefahren, deme die andern Fürsten, so den 
Tag zuuor aufgezogen waren, heutt auch aufgewart haben. Herr Marg- 
graf von Onoitzbach ist darumb nie aufgezogen, weiln Ihre Frstl: Gn: 
Iren geliebten Herrn Bmedern den Maister Teutschen Ordens in Preus- 
sen, s ) item Herzog Augustum von Sachsen, 4 ) baide lob: Gedechtnuss 
klagen. Umb 1 Vhrn ist Herr Mantenitor wider auf die Bahn kommen, 
vnd nach im erschinen Herzog Magnus [sein Herr Bruder nach ihm 
erschinen,] mit der gailen vnd keischen Liebe, 5 ) die Truchsessen inn 
Rüstungen, alss wie die teutschen alten Helden, mit dem cartel No. 8 No. 8. 

Darnach ist aufgezogen der von Buwickhausen, 6 ) vnd soin Gesell- 
schaft, wellicher 2 Berg vorher fieren lasson, darauf die Venus vnnd 
das Cupidelin gefangen gelegen, das Cupidelin an Füessen aufgehenckt, 
vnd doch entlich beide widor erledigt waren. Auf dise 2 Berg sein 
die Cauallier auf Hungarisch vnd Möhrisch mit Tüger Thier Heutton F oi. 204 v. 
vmb die Schulttern geritten, laut Cartels No. 9. No. ;). 

Darauf ist Ferdinand Geitzkhof ler, 7 ) grien geklaidt, sein Ross grien 
angestrichen, vnd die Diener grüen geklaidt allss wie ein Faunus, 
Waldgott, oder Siluestris 8 ) aufgezogen, deme man ein hipsch Ross nacli- 
gefuerth, vnd er sein Cartel, mit silber auf grien Taftet goschriben, vber- 
gebon, aber keine Copiam von habe. Entliehen ist der Sintoma 9 ) kommen, 

19 



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— 294 - 



wie ein Jäger, so ime allerlej Bracken, Spür- vnd Jaghund lassen vor- 
fieren, auf die Bahn kommen, vnd hat Herr Mantenitor disen Tag, 
sowoln dass beste gethan, allss den ersten, vnnd die maiste Gewinneter 
bekommen, vnd ime gleich gölten, ob er auf ein nieder oder hoches 
Ross sitze, auch zue Verschonung seiner Ross, so baldt er für dass 
Ringlin hinauss kommen, gleich pariert vnd die carriera nicht ans- 

Koi Ms r. laufen lassen. Alls die Cauallier gerent waren, ist man widerum ab- 
gezogen, vnd ein bar Stund hernach zuer Nachtmahlzeit gegangen. 

Den 13/23 Martij hat man zeitlichen wider zue Morgens geessen, 
nach Essens jseind] die Fürstinnen vnd mit inen Herr Margraf von 
Onoitzbach, vnd Herr Margraf von Durrlach, sampt dem Frauenzimmer 
widerum hin das Lusthauss gefahren. Nach wellichen baldt die Herrn 
Mantonitores, zuem Fuess Turnier 1 ) come Cauallieri dj Malta inn einer 
Malteser Galern aufgezogen, auf der Bahn herumb gefahren, Feur ge- 
geben, Hör Trummel vnd Trommeten, auch Trumrael vnd Pauggen 
waidtlichhören lassen, vnd waren auf der Gallern 18 Personen, die 
namen die obere Gezelt vf der Bahn ein, die Herrn Mantenitores (so 
da waren Herzog Johann Friderich [von Württemberg] 8 ), item der 

Fol. 20-, v. Herr Graf Kraft von Hochenlöe) 5 ) präsentierten sich vor den Herrn 
No. 10. Richtern, vbergaben dass Cartel No. 10 vnnd sandte darauf die Frau 
Churfürstin dem Herrn Herzog Johann Friderichen [zue Württem- 
berg! einen schwarzen Fauor, 4 ) den Sie vmb den lincken Arm truege, 
den Hesse sie durch den Obristen von Schönberg, dem Herrn Mante- 
nitor vmb seinen Arm binden, vnnd ime zue vorhabendem Streit wil 
Glückhs vnnd Victoriam winschen. 

Darnach zöge der Herr Churfürst auch mit 2. Trommelvnd Pfeiffen 
auf Ir Drlt: giengen vorher allain, vnd auf Sie 6 glieder mit Caval- 
lieren allwegen 3 inn einem Glied mit violfarben Cassaggen, vnnd mit 
goldt gestickten seidinen Strimpfen; [die] thaten mit iren Lanzen vor 
dem Frauenzimmer, vor den Herrn Richtern, vnd vor den Herrn 
Mantenitorn, Reuerentz vnd zogen auch vmb die Bahn, ehe sie sich bey 
den Herrn Richtern anmeldeten. Darnach, zogen dess Herrn Marg- 
grauen von Durrlach 3 junge Herrn auf, selbst 13 inn roth vnnd 

Fol. 206 r. weissen drappi auch 2 mahl mit irem Spil auf der Bahn herumb. 

Darauf volgetp Herzog Magnus [von Württemberg] mit 7 Gliden 
oder 21 Cauallieren inn gelben langen Röcken, wie die Ammazones. 
Entlich kam Herzog Achilles Friedrich [von Württemberg,] mit den 
Collegiaten 5 ) inn Blau vnnd Roth, Ir Fürstl: Drl: vorher, vnnd 4 Glieder 
auf sie. Nach dem nun jede Partoy 2 mahl vmb die Bahn gezogen. 



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- 295 - 



jedes mahl ihre Reuerenzen mit dem Lanzen gethan, vnd durch ihre 
Patrinen bey den Herrn Richtern sich angemeldt, [vnd] ihre Cartell 
vbergeben, vnnd nach einander wie sie aufgezogen, gegen den Herrn 
Mantenitorn vber gestanden, so ist Herr Mantenitor, vnd gegen ime 
Herr Chur fürst herfür getretten, zierliche Tritschwunng mit der Lanzen, 
vnd Provocationes gemacht, 3 Lanzen, vnd hernach 5 Schwerter ge- 
hrochen, vnnd allso forts ein Cauallier nach dem andern herfürgetreten, 
3 mal gegen einander mit der Lanzen [ge]gangen, vnd 5 Straich mit 
den Schwertern zuesamen gethan, [vnd zuesammen gesehlagen,] vnd 
alls es an jungen Herrn Marggrauen Christophen von Baden kommen, 
hat Herr Mantenitor mit Vleiss neben [gegen ihn] ausgestochen, vnnd folmäv. 
ime alls noch einem jungen angehenden Cauallier die Ehr geblassen, 
dass er die Lanzen breche. Mit den Schwerdtern aber hat ime Herr 
Mantenitor zimblich guete Straich gegeben, das ime wol werden die 
Ohren gesaust haben. Diser Combatto, mit jedem Cauallier verzog 
sich biss vmb 7 Vhrm, das man [also] hin vnd wider Pechpfannen auf- 
steckete, vnd die Paggj mit Windtliechtern dieneten. Da haben sich 
hernach die Cauallierj alle inn 2 Haufen getailt, vnnd inn der Polj 
vber die Schranken allzue gleich gegen einander kommen, 3 Lantzen [ge]- 
brochen, vnd hernach mit Schwertern zuesammen geschlagen, vnd bro- 
chen, bis sie nit mehr gekändt haben, vnd wie sie anfinngen die 
Schwerdter in der Folj zue brechen, hat man den Schrancken ange- 
zindt, auss wellichem */ 4 Stund lang eino grosse Anzahl Raggeten, weil 
die Caualierj zuesamen schluegen, flogen, doch alle inn die Höcho ge- 
richtet waren, damit don Fürstl: Personen vnd dem Frauenzimmer nie- 
manden kein schaden beschehe, vnd hat man inn dessen auss der Ga- 
leren auch waidtlich geschossen, Trommeten, Trommoll, vnnd Pfeift'en Fol. 207 r. 
alles zuesamen geschallet, biss vmb 10 Vhrn gewohret, vnd bei der 
Nacht gar ernstlich aussgesehen. 1 ) [Man hat] etliche hundert Lantzen 
vnnd Schwerdter zerbrochen, darnach ist man widerum inn der Ordnung 
ab, allss wie man ist aufgetzogen. 

[Biss sich nun die Cauaglierj aussgezogen, hat mich Herr Georg 
Friderich Marggraff von Baden, seyder wider zue sich ihn soin Zimber 
berueffen, vnnd allerhand mit mir conuorsirt, wie dann Ihre Frstl: Gn: 
mein gar Gnädiger Fürst vnnd Herr sein, vnnd so bald sie ihnn Stuctt- 
gardt ankhommen, mir die Hand gereicht haben.] 2 ) Vast vmb 11 Vhrn 
inn der Nacht ist man erst zur Tafel gangen, vnnd allss man ein weil 
gesessen, seindt die Musicanten auss dess regierenden Herrn Vorgemach, 
vber den Dennen [oder Platz] 3 ) inn die liitterstuben in alten teutschen 



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— 296 — 

« 

Soldatenklaidern schwartz vnnd gelb, mit aussgezogenen Ermein, langen 
Hosen, vnnd Lützen, vnnd sammätin hochen Bareten mit Federten, 
alles new, mit irem Spil der Trommell vnnd Pfeiffen vorher aufgetre- 
ten immer Baar vnnd Baar, vmb die Fürstentafell herumb gezogen, 
allss 2 mit langen Raissspiessen, 2 mit Schlachtschwertern, 2 mit 
Streittaxten, 2 mit Hellenparten, vnnd 2 mit Musketen, vnnd wie sie 
vmb die Tafel herumb kommen, haben sie ihre Obwehren abgenom- 
Poi. 507 v. men, 2. Häuften, den ainen oben, den andern vnden bey der Tafel, ge- 
macht, vnd aus iren Obwehren ein Häuf nach dem andern gar lieblich 
angefangen zue musiciern. 

Allss sie nun ein weil allso Musicä Instrumentali gemusiciert, vnd 
echones gemacht, so ist darnach Musica Vocalis auch darein gangen, 
vnd haben sies zum 3 mahl verkert, vnd dise vermaindte Landtsknecht 
durch ire Knäbelbärt auf den Waffen guete Arbeit gemacht, welliches 
der Princessin vnd dem Herrn Churfursten seer wolgefallen, dass sie 
auss rechten Waffen so lieblich gemusiciert haben, welliche Instrumenta 
vnnd Music Herzog Ludwig löblicher Gedechtnuss, machen, vnnd inven- 
tiern lassen. 1 ) Allss nun dise Music vast »/ 4 Stund gewert, ist sie wider 
vmb die FürstenTafell herumb gezogen, vnd zue vnderst vor der Tafel 
aus iren Musceten geschossen. 

Den 14. /24. Martij haben die Fürsten einander vor mittag wider 
ein weil visitiert, nach der [Mittag] Mahlzeit die Fürsten Personen alle 
Fol. 208 r . wider inn das Lusthauss gefahren vnnd dem Kübelrennen 8 ) zuegesehen, 
dem Kübelstecher 30 waren vnnd anfangs allzeit 2 gegeneinander 
rennten, vnd einander wacker herunder stachen, dass die Rosse vnnder 
inen durchliefen, oder wol auch mit ihnen zue Häuften giengen; wann 
einer herunter fiehle, haben Ihre 2 ihn wider aufgehoben, an einem 
Antrit hinnauf gefierth, vnnd aufs Boss wider gesezt. Das beste ge- 
winnet wäre 10 Thaler, vnd hernach die andere Gewinneter weniger. 
Allss nun Ieglicher 3 Carrieras geritten, haben sie endtlich 2 Häuften 
gemacht, vnd inn der Folj vnnder ainist gegeneinander geritten, vnd 
einander herunder gestochen, dass das Heu 3 ) mit Hauffen daruon gestoben, 
vnd vil Gelächters gemacht; vnd hat man den Tag zuuor inn der Thür- 
nitz vmgesagt, dass wer wolle im Kübelrennen sich geprauchen lassen, 
möge es thuen. 

Der Turnier diser Kübelstecherischen Cauallier hat biss vmb 
3 Vhr geweret, vnd seindt sie baldt mit einannder fertig worden. Nach 
dessen Vollendung hat man die Fürsten Persohnen, inn vndern Saal bey 



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— 297 - 



den Conterfetten herumb, darnach in Garten vnd zue der schönen grotta 1 ) Fol. 208 v. 
(die musiciert vnnd Wasser spritzt, noch nur zuem Modoll dienet, vnd 
gleichwoln schon vil 1000 guldin kostet, wie E: Frstl: Gn: ich vor di- 
sem weitlefig dieselbe beschriben) gefiert. Darnach ist man wider innss 
Schloss gefahren, ein weil reposiert, vnnd zuer Nachtmahlzeit gegangen, 
bey wellicher Nachtmahlzeit der Clariss!? u Luca Trono di Venetia inn 
PantelonsKlaidern vnnd sein Diener inn ZannjKlaidern 8 ) erschinen, vnnd 
vor der Tafell mit einannder agiert, vnd einen Fürsten nach dem andem 
angesprochen, auch zuem Regierenden Herrn Hertzogen von Württem- 
berg vnder anndern gesagt, dieses Fest komme im für, wie Cucagna, 3 ) 
da man dess Morgenss frue inn alle Zimmer vnderschiedtliche Speyss 
vnnd Tranckh trage, darnach vmb 10 Vhren den Hungerigen, so die 
Meuler aufreissen, (da hat er gemaint die auf dem Platz vnnd vor dem 
Schloss vnnd inn Schlosshof stehn, vnd sehen gehn Hoff blasen [oder] 
zuem essen) [zue tisch vnd dem essen] rueffe sie mit allerhandt Spciss 
vnnd Trankh settige, nach der Mahlzeit inen allerley kurtzweil anstelle, vol »* r . 
biss inen wider Appetit zum Nachtessen komme, nach wellichen man 
Jedem ein Windtliecht gebe, auf dass er nach Hauss zue kommen ge- 
sehe, darnach so zahle man erst den Wurth, vnd verehre ihn mit Ket- 
tiuen vnnd Pocalen, wann er wolle haimraisen, so danckt man Ime 
[erst noch darzue], dass er kommen sein vnnd vermaine er nicht, das 
es im Schlauraffenland richtiger zuegehe. Hat uacher ein Contrasto 4 ) 
orzehlt, den er mit seinem Wurth habe, vnd dem Herzogen einen Conto 
No. 11 vbergeben, vnnd seinen Auspruch begehrt, vnnd [hat] alless No. 11. 
fein so guet grob Venetianisch fürgebracht, das man seiner auch lachen 
müessen, vnd ihne alle Fürsten gar wol leiden mögen, wie er dann den 
Fürsten erzehlt, er seye sowol von Frstl: Geschlecht, allss Sie, vnd 
seie es inen recht sich zue vermascheariern, so seie es ime [auch] nicht 
vnrecht, inn seinem clarissimo habitu aufzueziehen. 5 ) 

Nach der Mahlzeit, seindt alle Fürsten Persohnen wider inn das Lust- 
hauss 6 ) gefahren, die Fürstinen vnnd das Frauenzimmer herumb gesessen, i ui. v. 
die Fürsten gestanden, vnnd seind die Herrn Judices mit Trommeton vnnd 
Hörpauggen kommen, vnnd die Dänckh aussruefen lassen, da dann wegen 
dess Ringelrennens der Mantenitor Dankh, Horzog Johann Friedrich von 
Württemberg, 7 ) der Erste Inuention Dankh, 8 ) dem Herrn Churfürsten 
Pfaltzgrauen, der ander Inuention Dankh Herzog Ludwig Friderichen 
von Württemberg, der erste Zier: oder Spiessdankh, 9 ) Herrn Marggraf 
Friderichen von Baden, der Ander Graf Kräften von Hochenlöe, der 
erste Treffdanckh, 10 ) Fürst Christian von Anhalt dem Öltern, der annder 



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— 298 - 



Graf Hainrich Wilhelmen von Solms, vod der Junckhfrauen Dankh, 1 ) 
Marggraf Christophen von Baden, [gegeben] worden. 

Wegen dess Fuess Turniers, wurde der erste Mantenitor Dankh, 
dem regierenden Herrn von Württemberg, der annder Herzog Ludwig 
Friderichen [von Württemberg], der dritt Graf Kräften von Hochenlöe. 
Kol. 210 r. Der erste Spiessdankh Herrn Pfaltzgrauen Augusto, der ander Graf 
Kräften von Hochenlöe, der erste Schwerdtdanckh wurde Ludwigen 2 ) vod 
Obertraut, ChurPfaltzisch Stallraaistern, der ander Graf Kräften von 
Hochenlöe, der Spiessdanckh in nder Folie wurde dem Herrn Churfürsten 
Pfaltzgrauen, der Schwerdtdanckh inn der Folie Herrn Georg Lud- 
wigen von Rappoltstain. 3 ) So oft die Richter einen Dankh austhailten, 
haben sie den Krantz, vnd ein Klainoth darein genehet, durch ein darzue 
erbettenes Frstl. Freulein oder Freyin dem Cauagliero, dem er vermaint, 
vnd destinirt gewest, vberraichen lassen, vnnd ime allzeit dass Freulein 
selbst zue gefierth, 4 ) vnnd wie inans geästimiert, sollen die Dänckh zue- 
sammen wol auf ein f. 6000 gostehn. Wann man gedanzt, hat man 
mit Trommel vnd Pfeifen gespilt, dem Herrn Churfürsten mit 12 Windt- 
liechtern vnd den andern Fürsten mit 8 Liechtern vor: vnnd nachge- 
danzt, vnnd wie alle Dänkh aussgethailt waren, hat Herr Churfürst mit 
der Princessin auch [noch] einen Dantz gethan, vnd damit hat sich der 
Dantz geendet. 

Kol. 2iov. Den 15./25. Martij 5 ) habe Ich am Morgens bey dem Herrn Chur- 
fürsten Audienz gehapt, Irer Churfrstl: Drlt: E: Frstl: Gn: freundtlichea 
Gruess vnd Dienst, vnnd dass E: Frstl: Gn: sich vber Irer Churfrstl: 
Drlt: Wolstandt vnd Gesundtheit erfreueten, vermeldt, vnd in E: Frstl: 
Gn: Namen nochmahlen Ihre Churfrstl: Drlt: vmb Ihre Churfrstl: Drlt: 
Gedechtnuss, inn E: Frstl: Gn: Stammbuech 6 ) erbetten, warauf Ire Chur- 
frstl: Drlt: E: Frstl: Gn: für den zueentbotenen Graes freundtlicb ge- 
griest, dorselben alle Wolfart vnd Behägligkeit gewinscht, vnd das so 
baldt Ihre Churfrstl: Drlt: nacher Haidelberg kommen, Sie wegen E: 
Frstl: Gn: Stammbuechs Verordnung thuen wolten, sich erbotten, mein 
Stammbuech gesehen, 7 ) vnd gndst: gesonnen, dass Ichs auch wolte die 
Princessin sehen lassen, welliche es 2 tag inn Ihrer Cammer bey sich- 
behalten, vnnd beeden [dem Herrn Churfürsten vnnd der Churfurstin] 
Fürstlich Personen seer wolgefallen. 

Der Herr Churfürst ist noch ein junger Herr vnd meines Be- 
dünckens nicht über 21 Jar, 8 ) ist gar freundtlich vnd leuthseelig, vud er- 

Koi. an r. zaigt doch aine Churfrstl: Reputation darneben, redt wenig, aber ver- 
nünftig, vnd wirt ausser Zweifell ain hochuerständiger Herr vnd dar- 



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— 299 — 

neben inn Ritterspilen ein dapferer Canallier, dass Er zwar alberaitli 
ist, noch mehr werden, wie Er dann auch feine Leuth bey sich hat, 
sonderlich inn Regimentssachen am Grosshomiaister, dem Herrn Graten 
von Solms, 1 ) so gar ein [vberauss] verständiger, vnd vberaus freundtlicher 
Herr, item, am Herrn de Bless, vnd am Dr: [Ludouicoj Camerario, 
wellicher gar vil inn Reichs- vnd Unionssachen gepraucht wirt. 8 ) Vor- 
nemblich aber ist Fürst Christian von Anhalt, Ihrer Churfrstl: Drlt: 
fürtreflicher Rath ein hochuerständiger, wachtsamber vnnd vnuerdrossner 
Herr vnnd gueter Soldat, vnnd sihet man auss dessen jungen Herrn 
Indole, das er auch seer patrisciern 3 ) würdt. 

Disen Tag haben auch die Herrn, Thaile ires Gesindlins wider 
heimbgeschickt. Disen Nachmittag hat Herzog Ludwig Friderich [von 
Württemberg] nach mir geschickt vnnd meiner begert, zue dem auch 
Herzog Achilles Friderich kommen, vnnd wir allerhandt von Künstlern, 
von der zue Augspurg vor 4 Jaren, vnnd im Wildtbadt vor s / 4 Jaren v «im v. 
gemachten Kundtschaft, vnd von annderm mit einander goredt, alldio- 
weiln seider die andere Fürsten Persohnen, die KunstCammer 4 ) mit einan- 
der gesehen haben, auss wellicher der Regierendt Herr vnder anderm 
der Princessin ein Jaspin[es] Handtböckhin 5 ) vnnd Kannen mit Gold 
vnd Rubinen geziert, auf 2000 Thaler werth, verehrt [hat]. 

Den 16./26. Martij hat man zeitlich zue Morgen geessen vnnd ist 
man vmb 11 Uhrn zue Pferdt vnd Gutschen hinauss auf das Waiblinger 
Feldt zue hözen vnd baitzen gezogen, 5 Wölf, 18 Hasen, 1 Fuchs vnd 
3 Raiger gefangen, einen schönen spasso e ) gehapt, vnd die Princessin so 
starckh gerennt, alls Ir Herr nit mehr. Umb 4 [VhrnJ ist man wide- 
rum inn die Stadt kommen, Complimenti di visite mit einander gemacht, 
vnd [die Fürsten auch ein Weyl beysamen gewesen, vnd] ist sonston 
disen Abendt nichts sonders weiters fürgegangen. Was die Princessin 
vnd Ihr Frauenzimmer für Sättell auf Englisch gehapt, vnnd wie sie 
pflegt auf das Pferdt zue kommen, habe E: Frstl: Gn: Ich auch vor di- 
sem [schrifftlich] angezaigt. 7 ) 

Disen Abent hat Pfaltzgraf Augustus von den FürstonPersohnen 
hin: vnd wider [seinen] Urlaub genommen, vnnd volgenden Tags per Fol 212 r. 
posta hinweckh geritten, mit dessen Frstl: Gn: Ich zue vnderschiedt- 
lichen mahlen geredt, vnnd E: Frstl: Gn: gar vilfeltig gedacht, so mir 
auch inn seinem Zimmer dise 2 Schraiben 8 ) an E: Frstl: Gn: zuegestellt, 
vnd dero Dienst: freundtlichen Gruess, E: Frstl: Gn: anzuemelden, mir 
guädig beuohlen, vnd ist dises auch gar ein wackerer vnd verständiger 
Fürst. 



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— 300 — 

Den 17./27. Martij früe sähe Herr Graf von Solms Chur-Pfaltzi- 
seher Grosshofmaister, vnd Herr Graf von Eisenburg, 1 ) mein Stammbueeh, 
vmb 8 Vhrn muest Ich zue Fürst Christian von Anhalt, mit dessen 
Frstl: Gn: Ich vnder anderm vber E: Frstl: Gn: geliebten Herrn 
Schwägern, Herzogs Augustj von Lünenburg 2 ) gnd: Gesinnen, de ludo 
Scacchorum, in mente zue spilen, geredt, vnd Ihre Frstl: Gn: mir an- 
gezaigt, dass seider sie dess Schachs Praxin in Campagna haben, so 
haben sie das ander, allss Theoriam zimblich auss der Acht gelassen, 
doch wann es die Gelegenheit gebe, so setzen sie noch mit einem zuer 
Kurtzweil ein Spihl, haben sonsten dess Herzogs von Lünenburg Frstl: 
i 212 v. Gn: freundtlieh salutiert, vnnd zue angenemcn Diensten sich willfährig 
erpotten, [sich] auch gegen mir vornemmen lassen, dass sie sich meiner 
Kundtschaft erfreuon, vnd wann sie wider solten gehn Augspurg kom- 
men, wolten sie nicht vnderlassen, mir zue zuesprechen, vnd mein Ca- 
binet zuosehen. 

Vmb 9 Vhrn hat man inn der Hof-Capellen Predig gehalten, vnd 
Dr: Löhrer 3 ) gepredigt, sowoln alls 8 Tag zuuor Dr: Hauber, ein Häuften 
allegationes ex sacris gethan, vnd fast nichts geredt, alls nur ex sacris 
mit allegationibus, 4 ) dartzue dann ein guete memoriam gehört, vnd wie 
meines Präceptoris dess Schenkelij de Arte memoriae localis, 5 ) darüber 
zue red worden. Alle Chur, vnd Fürsten Persohnen, vnd alles Hofge- 
sindlin waren inn der Predig, vnd hat man auf 4 Chorn wider lieblich 
vor: vnd nach der Predig musiciert. Ihre Churfrstl: Drlt: haben Ihren 
Hofrrediger nie predigen lassen. 

Baldt nach gehaltener Predig, ist man zuer Tafel gangen, da man 
widerum 2 schöne Schauessen (dem das aine raptus Sabinarum, das 
f«i. 213 r. annder die Susanna zimlich gross vnd auss Wachs gemacht wäre) auf- 
gesetzt, auf den Fashanen, Aur vnnd Bürghanen, Haselhüener steckten 
iro rechte Köpf, Flügell vnd Federn. Und allss man die wächssine 
Schauessen aussgewichsslet, 6 ) hat man an ir Statt zwen Pelican, vnd 
8 Tag zuuor 2 Phoeniees (Lebensgrösse auss Pasteten gemacht, 
mit Wildtbret darinnen, aussen mit Muschlen vnd Schnecken, vnden 
hcrumb mit Tuftstainen vnnd Corallen geziert, die Phoeniees mit 
Flammen vmbgeben) aufgesezt, so ein hipsche Zier auf der Tafel 
gemacht. Die Fisch waren auch schön aufgestellt, vergult, vnd mit 
Bluemwerkh geziert. Zuer Collation 7 ) hat man disen Tag, sowoln 
auch beim Banchet vor 8 Tagen beschehen, 2 schöne Schauessen gar 
gross auss Conseruen, vnnd Citronaten gemacht, aufgesezt, dauon 
man geschnitten, vnd sie genossen. Das furnembste Schauessen vnnder 



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— 301 — 



disen 4 war zwcn Werckbschueeh hoch, ein Berg von Türcken besetzt 
vnnd bewohnt, wellicbc eine Junckfrau zue obrist auf dem Berg vcr- 
wachten, vndcn vmb den Berg herumb zog ein Fendlin Kricgsknecbt Ko1 2,3 v - 
vor inen her Kitter St. Georg zue Pferdt, so inn Berg hinein ritte, die 
Junckhfrau zu erlösen. 1 ) Von Speisen gäbe man, was man guets von 
allen Orthen bekommen känden, da dann von Ostrien, 8 ) Fischwerckb, 
mazzolini 3 ) vnd süessen Weinen, auch aus Italia vil geholt worden. Das 
Confect wäre auch von allcrlay condierten vnnd candierten 4 ) Früchten, 
vnd Gewächsen, von Zucker vnd wäcbssinon Früchten, von zuckernen 
Schissien, Schalen vnd Körben. 

Weiln Ich vor der Tafel aufwartete, begertc Herzog Ludwig Fri- 
derich, dass Ich mich nach der Mahlzeit finden Hesse, er wolte lnich- 
wass sehen lassen. Alss Ich nun vor Irer Frstl: Gn: Zimmer aufwartete, 
vnd mit Irem Hofmaister dem Wurmbser ein guete Weil conuersierte, 
beruefen sie mich hinein, vnd kombt Herzog Magnus auch zue vns, vnd 
lassen mich Ihre Frstl: Gn: sehen ein schöne Antickh, so ain haidt- 
nischer Idolo, aus Pietra Isada, 5 ) item ein glässerne gedrete Vrnulam, 
meergmener Färb, vnd ist kein End daran, wie sonst an allen Gläsern, 
die man im blasen vnd formiern abschneidet, da das Ende 6 ) gesehen wirt, 
sondern an disem Glas ist alles glatt, vnd das End hinwegs getrehet, f»i.«i r. 
item ein schön geschnitten Geschürrlin, auss dem Goldtupffeten Stain 
vom LucaTrono 7 ) erkauft, wie E: Frstl: Ich vor disem kleine Stainlen 
vnd Ohrenbeheng geschickt habe, vnd Ertzherzogs Maximiljani [zue 
Österreich] vnnd Herzogs Maximilian] inn Bayrn Frstl: Drlt: Drlt: auch 
Pater noster oder Rosenkräntz dauon haben, vnd [ hat] diss Geschürrlen 
200 Ducaten gekostet, vnd Ihre Frstl: Gn: immer geforchtet haben, 
Erzherzog Maximiiianus werde inn Kauf stehn, vnd Ir diss Geschürrlen, 
daroin sie sehr verliebt waren, entgehn. Diser Stain ist dem Trono im 
Schmelzofen, ohnegefehr allso gerathen, allss er im Sinn hatte, wass 
anders zue formiern, vnnd wann man ime gleich gros Gelt gebe, wusste 
er nicht wider dergleichen Stain zue machen. Jetzt wirt er zue dem 
Herzogen von Lotringen | ziehen], vnd ist gar ein gueter Vechiotto. 8 ) 
Darnach hat mir Herzog Ludwig Friderich einen Saphir mit einem Mon 
von Diamanten vmbher, am lingken Ermell hangend, gezaigt, vber die 
massen schön, rein, hoch von Farben, azurro, vnd inn der Grösse wie Fai.su t. 
ein Oliuen, oder ehe lenger, vnnd hat er ine inn Engellandt vmb etlich 
1000 Gulden kauft. Ihre Frstl: Gn: lobten auch, sowol alss E: Frstl: 
Gn: vnnd alle Kunstverständige thuen, gar hoch dess Alexandrj Abondij 9 ) 
Arbeit, vnnd baten mich noch wass weiters bei ime anzuefremmen, 10 ) haben 



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— 302 — 



eine Venerein mit dem Cupidelin von ime. Weiln wir nun allerhandt 
Sachen besichtigten, vnd mit einander von Künstlern conuersierten, so 
zaigt man an, die FürstenPersoncn seien auf dem Gang beisamen, vnd 
jetzt werde die Fechtschuel anfangen. Auf die Glcnder dess Gangs, 1 ) da 
die Fürsten Persohnen, vnd das Frauenzimmer gestanden, hat man 
rotsammenthine Deckinen gebraitet, vnd seindt 2 vom Adell, alls Judi- 
cierer mit Stenglen im Hof gegen den Fürsten vbergestanden, welliche 
die Partia aussgethailt. Federfechter, vnd Marxbrüeder 8 ) waren vorhanden, 
die inn Dusaggen Rappir vnd Dolchen, inn Schwerdtern, Stenglen vnd 
Hellenparten, 3 ) darnach auch ein Taglöhner mit einem jungen Fechter, 
Fol. 2i5 r. mit Fleglen von Küenrues eingefillt, fochten, welliche Fechtschuel bey 
l^j Stund gewehret. Nach disem hat man die Fürsten Persohnen inn 
[ den] Neuen Stall, vnnd inn die RüstCammer gefierth. 4 ) Vor dem Nacht- 
essen conuersiert Ich noch ein Weil mit Herrn Margraf von Durrlachs 
Frstl: Gn:, vnd allss die Fürsten Personen zuer Nachtmahlzeit giengen, 
vnd Ich eben beim Herrn [Marg]grauen vnder der Thür ires Vorzim- 
mers stuende, bestellte mich Herr Marggraf von Onoitzbach auf morgen 
früe mit meinem Stammbuech. Bey der Nachtmahlzeit stuenden 2 
Pfauen Pasteten mit aussgebraiton gespiegelten Schwänzen allsso ganzen 
darob, so gar schön auf der Tafell gesehen. Alle Thier vnd Schau- 
essen sahen gegen der Princessin, vnd hat man wider eine guete Music 
gehalten. 

Nach der Mahlzeit hat auss Beuelch dess Fürsten der Guet 5 ) den 
Lucam Trono, Dr: Bechlern, den Neu, 6 ) vnd mich auf die Neue Stallung 
gefiert, vnnss ein aigen Zimmer, welliches der Stallmaister bestelt hatte, 
eingegeben, auss wellichem wir dass Feurwerckh gesehen, so ein Schiff 
Fol. 215 v. vnnd Castell darauf gewest, das ein Stund 2 lang gebrunnen, schöne 
Feurkuglen inn die Höhe getriben, die sich inn Luft aufgethan, vnd 
wider aine grosse Anzahl Raggeten vnnd Funcken von sich geworffen. 
Ist eine Kugel von der Höche inn die Weinberg gefahren, ein Weil da- 
rinnen brunnen, vnnd dann vnuersehens erst Schläg vnd Baggeten von 
sich gegeben, auch oft schöne Schlangen gemacht. Inn die Weinberg 
hat man etliche Feldtstückhlen vnd Mörsser gezogen, die auch Feur 
gegeben, vnnd Kuglen getriben, vnd ist diss Feurwerkh, ohne sondere 
Verletzung der Leuth abgangen, vnd wol zue sehen gewest. Beim 
Schilf war auch ein Wässerlin, darinnen Wasserkuglen gebronnen. 7 ) 

Den 18./28. Martij morgens vmb 7 Vhrn, habe Ich Herrn Marg- 
grauen von Onoitzbach mein Stammbuech [inn] Ihrer Frstl: Gn: Losa- 
ment geschickt, vnnd weiln sie das Buech begunten zuesehen, kam 



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- 303 — 



Fürst Christian von Anhalt, mit seinem jungen Herrn, baldt darauf 
Herr Marggraf von Durrlach mit seinen 3 jungen Herrn, forts der Re- 
gierend Herzog von Württemberg mit seinen Herrn Brüedern, vnnd f«>i. ji« r. 
Graf Kraft von Hochcnloe, inns Losament, vnd nit lang darnach rueft 
man mich auch hinein, da die jüngern Herrn zuerugkh bey der Thür 
stuenden, vnd die öltere Herrn vornen beim Tisch, mein Buech vor 
Inen hatten, vnd mich fragten, wie E: Frstl: Gn: die von Ihm Fflf: GGn: 
hinein gesandte Stückhlen gefallen, vnnd ob E: Frstl: Gn: Buech Ich nicht 
auch bey mir habe. Alss ich geantwortet die [hinein] gesanndte Stuckhleu, 
haben E: Frstl: Gn: gar wol gefallen, das Buech sei noch nicht bunden, 
vnd sende man die verfertigte Stückhlen nur einzeler weis. Diejenige 
Potentaten vnnd Fürsten, so beraith inn das Buech gegeben, vnd ver- 
willigt, finde man auf der getruckten Lista, so Ich überreichete. 1 ) So 
haben sie sich inn der Lista ersehen, das Buech selbst zue sehen ge- 
winscht, mir die Handt geraicht, vnnd mich gnedig diraittirt. Da Ich 
dann den Kegierenden Herrn gebetten, Er wolte mir nunmer gnädig 
erlauben, auch nach Hauss zue keren, anttworten mir Ire Frstl: Gn: sie 
känden mich noch vor 2 Tagen nicht fort lassen, solle mich [noch] was Fui.2i6 v. 
gedulden. Als Ich nun auss dem Zimmer kommen, war oin Tafeil 
gedeckt, an wellichem die Herrn mit Herrn Marggrauen von Durrlach 
Collation gemacht, vnd nach derselben Herr Marggraff von Durrlach 
mit seiner Gemahelin vnd jungen Herrschaft fort geraist ist, eine 
kalte Kuchin 8 ) mit gefierth hat, vnd noch auf den Abendt biss gehn 
Pfortzhaira gelangen wöllen. 

Nach 9 Vhrn seindt die anndere Chur: vnd Fürsten Personen auch 
zuer Tafel gegangen, vnd hat man noch musiciert, die Mahlzeit sich 
vber ein Stundt erstreckt vnd nach der Mahlzeit noch aino Stundt inn 
den Losamentern zuegepracht, hin: vnd wider dem Hofgesindtlen, Offi- 
ciern, vnd Dienern Präsent gethan, vnd die Princessin mir auch einen 
schönen gefasten Kubin verehrt. Und vmb 12 Vhrn fort [geraist]^ 
Herr Marggraf von Onoitzbach vf Göppingen, vnd Herr Churfürst auf 
Voyingen zue gezogen, 8 ) welcher Herr Churfürst vnd Ihrer Drlt: Gemahe- 
lin, so auch dass Frauenzimmer geritten vnd die Fürstinen vnnd Prin- 
cessin beim [Valete oder] ä Dieu zuuor einander gekusst vnd Urlaub r 0 \.m T . 
genommen haben. Der Regierend Herr vnnd seine Herrn Brüeder haben 
auf ein Stundt lang Ihren Churfrstl: Drl: das Glaidt gegeben, hernach 
wider gehn Hof geritten, dem Hofgesindien aber beuohlen, sie sollen 
mit biss gehn Voyingen reuten, vnnd aufwarten. Wie nun Herr Chur- 
fürst zue Voyingen im Würtshauss die Würtembergische Edelleüth 



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— 304 — 



sichet, fragt er, wass sie da machen, er habe doch seiuer Leuth genug 
bey sich. Bald darauf kombt der Herzog auf der Post auch daher, 1 ) 
empfangt beede Ch urfürstliche Persohnen de nouo inn dem Seiuigen, 
vnd macht guete Ciera 8 ) mit Irer Churfrstl: Drlt:. Dess andern Tags 
haben sie noch die Mittagsmahlzeit daselbst eingenommen, erst recht 
lustig worden, gedantzt, vnd mit einem Trunckh, so woln auch das 
Hofgesindtlin sich von einannder geletzt, vnd geschiden, vnd seindt die 
Chur vnd Fürsten Persohnen, die gantze Zeit vber gar inn gueter Ver- 
trculigkeit bey einannder gewest, sich lustig vnnder einannder erzaigt, 
dem anndern aber keiner zuegetrunckhen, 8 ) sonndern wann einen gedurstet, 
hat er ime seinen Mundtschencken lassen inn seinem Glas zue trinckhen 

Fol. an v. bringen, vnnd credenzen. Der Herr Churfürst hat auss einem güldenen 
Becherlin getruncken, der Princessin hat man auf den Knüen zue trin- 
ckhen geraicht, vnd allain ir vnd dem Herrn Churfürsten, im Trincken 
das Blatt oder Teller vnnder gehalten, den anndern Fürsten nicht, vil- 
leicht daas der Mundtschenckh den Nebensitzenden mit dem Arm im 
Hineinraichen nicht Ungelegenheit mache. 4 ) Die Infantin wäre auch 
contentissima, vnd sagte, Sie wolte 1000 Jacobos geben, das sie mit 
der Herzogin von Würtemberg reden kändte. 5 ) 

Es ist an essen vnnd trinckhen Niemand kein Mangel gelassen, 
alle Tag über 9000 Hofbroth, dise 11 Tag über 100 Oxen, 480 Kälber, 
ohne Geflügel, Fisch vnnd 60 Fueder Landtwein, ohne die frerabde 
Wein verzehrt, vnd 2000 Schöffell Habern verfretzt worden, 6 ) [ist] alles 
schiedtlich vnd friedtlich zuegegangen, man hat nie hören zanggen. 
Die Burgerschaft hat die gantze Nacht gewacht, [ist die gantze Zeith 
über schön wetter gewest,] alle Windtliechter hat man bey Hof aus der 
LiechtKammer gegeben, vnd muess dise 11 Tag über ein merckhliches 
sein aufgegangen, ob man wol bey Hof nicht truncken Leüth gesehen, 

Fol. 2i8 r. wie dann das überflissige Trinckhen an disem Hof (Gott lob) [auch sehr] 
abkombt. 7 ) Keine Gesundtrinckh sein nie herumb gangen vnd fangen 
die Hof: vnd Edelleuth bey etlich Jaren hero an, auch seer zue raisen 
vnnd sich der Sprachen kündig zue machen. Es ist auch dieser Hof 
wegen so viller junger Fürsten, eine rechte Schuel für junge Leuth, 
Hofweiss zue lehrnen, vnnd sich inn Ritterspielen vnnd Kurtzweilen zue 
exercieren. 

Bey disem Conuentu ist vil Köstlichkeit zue sehen: vnd vil Kundt: 
vnd Freundtschaft zue machen gewest, vnd obwoln bey diser Kindstauf 
vil aufgangen, vermaint man doch, das Hauss Württenberg soll es bey 
Engelland vnd der Union in eventum wol wider zue geniessen haben, 



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— 305 — 



vnd dem Vatterlandt zum besten vil nutzliches sein darbei gehandlet 
worden, 1 ) wie dann [neben] den [anndern] Fürsten etlich mal inn iren 
Zimmern, die gehaime Käthe aber aut der Cantzley *) zuesamen kommen 
vnd deliberiert haben, vnd last ime sonderlich auch Herr Marggraff 
von Onoitzbach das gemeine Wesen seer angelegen sein, sich auch 
keine Ungelegenhait dess Wetters thauren 8 ) last, wie er dann inn 
der kalten Zeit vnnd Schneewetter per Posta desswegen 4 ) zum 
Herrn Churfürsten von Brandenburg 5 ) vnd inn die Marckh geraist ist. Fol. sis v. 
Ist gar nüechtern, arbeitsam, vnd nicht allein ein sehr schöner, son- 
dern auch ein hoch verständiger Herr. Ihrer Frstl: Gn: Gemahelin 6 ) seindt 
schwangers Leibs, darumben sie es mit Kaisen nit wagen wöllen. Ich 
hatte sie sonsten wol sehen mögen, weiln sie der schönsten Fürstinnen 
aine im Reich sein solle, vnd weiln ihr Frau Schwester, die Frau von 
Rappoltstain 7 ) mein gar bekandte gnedige Frau, dem Herr mir, vnd sie, 
meiner Hausfrauen gar gnädig vnnd seer freundtlich zue mermahlen 
zuegesprochen vnd geschriben, vnd einannder Präsent schicken. Die 
Undorthanen werden zue so grosser Hofhaltung, allss zue Stuttgart ist, 
noch nit gestaigert, noch mit Steuren beschwert, dann sie mer nicht, 
allss [5 Batzen, oder] kr: 20 von fl: 100 betzahlen. Die Ritterschaft 
ist zwar frei vnnd nicht allso vnnderworflen, wie inn Österreich, vnnd 
Bayrn, aber der merer Thail sein Lehenleüth, oder sonsten bedient, 
allso das sie sich der Contribution nicht waigern känden. 8 ) Das Würt- 
temberger Landt ist sonsten an Wein vnnd Korn oin treflich guet Land 
vnd manglet ihm nur ein schifreich Wasser. Diser Winter hat die 
Reben vnnd [Wein]stöckh im Württemberger Landt seer erfrert, so vo\.-mr. 
wol auf den Bergen, alls inn den Thälern, wie Ich dann selbst, weiln 
Ich zue Stuttgart jetzt wäre, viel Wägen mit abgeschnittenem [ver- 
dorbenem] Holz zum verbrennen sehen hinein inn die Statt fieren, wel- 
liches auch für vns hier zue Augspurg kein guete Zeitung. 

Nach dem die Fürsten alle hinweckh waren, habe ich den Thonauer 9 ) 
visitiert, sein Malerej gesehen vnndt forts zum Kretzmair, 10 ) so ein halber 
Ingegnier ist, gegangen, vnnd auch seine Künsten perruminirt, 11 ) vnd 
vnnder andern bey im gesehen ein klein Werckh, so er selbsten inuentirt, 
dass man die Schinen darmit zeucht, die Stöckh bregt, vnd die Müntz 
gleich abschneidt, da dann immer ains inn das annder gehot. Nacher 
hat er mir ein WasserSchöpfwerckh auss Kettinen, 18 ) item, einen eisernen 
Schneidzeug, so auch einen Drehbanckh mit abgibt gezaigt, vnd oin 
Modell daruon versprochen, vnd darauf mit Dr: Sengern 18 ) vnd mit mir, 
zue Dr: Bechlern 14 ) zuem Nachtessen gangen. 



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306 - 



Den 19./29. Martij habe Ich Vormittag etliche Freundt visitiert, 
vnd allss Nachmittag der Fürst mit seinem Hofgesindt wider herein 
käme, 1 ) geschauet, ob Ich mechte furkommen. Es hat aber nicht sein 

Fol. 219 v. wollen, dann sich der Fürst retirirt, vnnd man nicht für ine geköndt. 
Bin darauf hingangen, hab das schöne kunstliche inn Stain gehauene 
Crucifix auf St. Bartholoraaej Kürchhof gesehen, welliches von dess 
Maisters Hand, so den kunstlichen Ölberg zue Speyr gemacht hat, der 
auch, wie mir Ihre Frstl: Gn: hernach sagten, Württembergisch, vnd 
von Herzog Ludwigen löblicher Gedächtnuss, dem Bischof zue Speyr 
verkauft war. Dieser Herr kaufte ine gern wider an sich, der Bischof 
last ihn aber nicht (mehr] volgen. 2 ) 

Den 20./30. Martij habe ich mich wider bey Ihren Frstl: Gn: an- 
melden lassen, vnd vmb Erlaubtnuss nach Hauss gebetten, die haben 

Fol ?2« r. mein Stammbuech zue sehen begert, vnd mich biss volgenden [Tag] zner 
Gedult gebetten. Alls Ich nun gehört, dass Ich lenger warten mues, 
hab Ich (damit Ich die Zeit nicht vmbsonst zuebringe) gebetten, dass 
man mir doch wolle die KunstCammer weisen, so wolle Ich noch so 
lieb warten. Es ist aber kein Resolution eruolgt, biss Nachmittag, allss 
mich der Guet inn seine KunstCammer füerete, lassen mich Ihre Frstl: 
Gn: suechen, vnnd anzaigen, Ich solle gleich gehn Hof kommen, vnd 
alls Ich kam, vnnd mainete, Ich werde meinen Abschiedt erlangen, so 
kombt das Facit herauss, dass Ihre Frstl: Gn: gnedig beuohlen, man 
solle mir die KunstCammer weisen, welliche sonsten bey Hof noch keiner 
nie gesehen, auch niemand, allss Christoph von Laymingen mit dörfen 
gelm, vnd Ich diss für ein so grosse Gnad halte, allss aine die mir jetzt 
widerfahren ist, wie mich dann dise Zeitung auch mehr erfreuet hat, 
weder Ich waiss nicht was. 

Hat mich allso der von Laymingen, vnd der KunstCammerer, inn 
[den] Thurm 3 ) hinauf gefuerth, zwej Zimmer geöffnet, darjnnen 2 Inn- 
dianische Harrnisch, 2 geflochtene Trühlen, 4 ) etliche Schüsselen, Hörner, 
Inndianische Wöhren, Dolch, Trinckhgeschirr, Schneckhen, Muschlen, 

Fol. 22o v. Riscnbainer, 6 ) ein gantze Menschenhaut, ein Hirschgeweihe, so zue Leipzig 
zue Churfürst [Augustj] zue Saxen Zeiten, an der Wandt 2 mahl ge- 
schwaist, ein grosser Tresor, von schön Inndianischem Holtz, ein Inn- 
dianischer grosser Schreibtisch mit Jaspiss, Agaten, vnd Lapislazolj 
Blatten eingelegt, ein schöne Grotta von Corallen vnnd Muschelen zue- 
samen gesezt, etliche Stuckh von dess Schweglers 6 ) Arbeit auss Feder- 
werckh, item erhebte Landtschaften, vom Achilles 7 ) gemacht, grosse 
Schiltkroten, allerlei gedrehte Helfenbainene Sachen, (wie dann Ire Frstl: 



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307 



Gn: einen gantzen seruitio auss Helfen bain lassen zuerichten) ein seruitio 
von weisser Maiolica, ein inndianische Orgel, ein schöne vergulte Itta- 
lianische Littiera, ein Maxiila von einem Meer Rhinocero, Gazella Horn, 
vnd ein Haufen Inndianische Gewächss, vnnd Sachen stehn, hangen, vnd 
ligen, aber inn keiner Ordnung, sondern nur behaltsweis, biss die rechte 
KunstCammer aussgebaut wirt, 1 ) da sein. 

Darnach hat man mich inn ein ander Zimmer gefierth, vnd 
2 Thüren vor einander aufgeschlossen, darinn Ich etliche Tisch mit 
Sammetin Teppichen, auch mit lidernen Türggischen Teppichen bedeckt Fol ki r. 
gefunden, voller schöner Sachen stehendt; vnder disen Tischen ist einer 
zue obrist von Ebono Holtz, mit Silber, vnd den schönsten staininen 
Blatten, [alss] von Agat, Carniol, Lapislazolj, Jaspiss, Brassme,*) Heli- 
tropj vnd dergleichen Stainen eingelegt, vnd ist diss wohl ain schöne 
tauola di rimesso. 3 ) Darauf stehn vnder anderm etliche schöne Inndia- 
nische Geschirr, etliche Antichen inn Stain vnnd Holtz geschnitten, 
sonderlich in schwartzen Lapidem clidium, 4 ) item, ein Vhrwerckh so 
musiciert, vnnd sich Bildlen darinn bewegen. Auf einem andern Tisch 
stehet ein Centaurus, der dem Vlissi sein Weib entfiert, vnd ein Pfordt 
von dess Gio: Bologna 5 ) Handt, ein antichisch Ross di brunzo, etliche 
Bildlen di brunzo, 6 ) eine grosse Stuffen darinn Granaten gewachssen vnd 
noch darinn stehn, 1 Stuefen darinn ein schöner Schmaralliner Züncken 
zimblich dickh, vnnd bey 5 Zoll lang gewachsen stehet, vnd die Natur 
darinn wol zue uerwundern ist. 7 ) Wider auf einer andern langen Tafel, 
stehet ein grosse Anzahl kleiner vnd grosser Geschürr auss edlen Ge- Foi. 221 v. 
stainen, alle inn iren Puetralen, allss vnder anderm eine grosse Schüssel 
mit güldenen vnd silbernen [haydnischen] Pfenningen versezt,*) aine andere 
gar grosse Schüssell mit lauter silbernen antichischen Pfenningen ein- 
gelegt, ein schön gross Beckhin vnnd Kanten auss Jaspiss mit Goldt 
vnd Rubinen geziert, ein gar gross Christallin Vaso [sehr] schön ge- 
schnitten, mit 4 Schnaupen, 9 ) mit Goldt vnd Rubinen geziert, ein annder 
Christallinin Beckin seer schön, vnnd gross, ein Christalline Tazza, vn- 
derschiedtliche Jaspine Schalen, Becher, vnnd Gefess, mit Goldt, vnnd 
thails mit edlen Stainen geziert, 10 ) ein über die Massen schön vnd künst- 
lich auss gelblechtem Jaspis geschnitener, vnd gezierter Weichkessell 
mit Diamanten versezt, ein ganzer Kopf von Ainhorn mit dem Rohr ob 
der Nasen, darinn das Horn gesteckht, wie dann das Horn auch darbey 
ligt, vnd inn Künbacken die medulla an einem Rörlin, 11 ) vnd ist diser 
Kopf vna pretiosa raritä, vnnd über caput Hyppopotamj, inn roth 
sammetinen Fueter vnd noch 1 Sackh darüber ist. 12 ) 



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— 308 - 

Fol. 22: r. Zwai grosse Geschürr aus Lapislazolj, 2 inn Goldt gefasste Salier 1 ) [salic- 
tos ] vss Topasi, ain Buech mit silbernen [vnnd] vergulten Bietern, wellicbe 
Bletter voller eingelegter haidtnischer Müntzlen sein, dass mans vornen 
bey den ritrato, vnd hinden bey dem reuerso, oder emblemate sehen 
kan,*) ein grosser Elitropi, darein ausswarts di rileuo 3 ) die Ruhe Christj 
geschnitten, inn Goldt, wie ein Pottenschildt 4 ) gefasst, mit [den] 3 Vir- 
tutibus spiritualibus, Fidei, Charitate et Spe, so runde Bildlein sein, 
vnd mit vortrefflichen Diamanten vnd Rubinen geziert ist, ain grosser 
Schmaral auch wie ein Schiltt, inn wellichcm Adam vnnd Eua [im 
Paradis] einwärts geschnitten, nach dem kostlichsten inn Goldt gefasset, 
vnnd mit edlen Stainen geziert, 1 güldene Messerschaidt mit Rubin vnd 
Türgges 5 ) versezt, vnnd ein schön Damaschenisch Messer 0 ) darzue, eine 
güldene Dolchenschaidt mit Stainen nach dem kostlichsten versezt, das 
Heft von Helitropi, ain anderer Inndianischer Dolchen mit einer ebaneo- 
schaidt auch mit Goldt, vnnd Stainen geziert, vnd ist dise lange Tafell, 
mit dem, was darob inn Fuetralen stehet, eines grossen Schatzes werth, 

Fol. 222 v. ain Tisch mit aim Seruitio darob von geschmolzter Limosiner Arbeit, 
auf einem Tisch ein Seruitio von Porcellana, 7 ) auf einem Tisch ein Stral: 
oder Wetterstain, 8 ) ein Huefeisen, mit wellichem man die Veneficas be- 
schlegt, wanns aussreüten sollen, inn Tyrol auf einem hohen Berg ge- 
funden worden, da keine Tier sonsten hinkommen känden, 9 ) Inndianische 
Löffel, Schalen, Körblen, Dinten 10 ) vnnd Trühlen, 11 ) ain schön Geschierr 
ausPietralsada, 18 ) Geschürten auss bolo Armenico 13 ) auss terra sigillata. 14 ) 
Ein schön geezet vnd eingelegt Brettspihl, 1 schön Augsteinin ,5 ) 
Bretspil, 16 ) 1 deto Cristallinin, 1 schöne grosse Inndianische Truhen, 
1 hiltzene Orgell, welliche ein Blinder gemacht, 1 hiltzene Gewicht Vhr, 
1 Tisch voller Corallen vnnderschiedtlicher Farben, vnd thails geschnitten. 
Ain Ay vom Strausen, 1 deto vom Vogel Dnean, 17 ) ein Vogelnest in for- 
ma merabrj | menebrj |, 18 ) Inndianische cymbolae, Trühlen, Damaschenischc 
eingelegte Schissien, Kessel, Bilder, 1 grosse vnd hoche griene samma- 

Foi. 223 r . tine mit Silber beschlagene Flaschen, inn dem ein gantzer Haussrath 
von Agathmuschlen, Silber vnd anderm, etliche Geschürr von Muschlen, 
so der dücke Kronberger 19 ) zue Nürmberg gemacht, (wellicher inn die 
' runde 3 Nürraberger Elen dickh wäre) Vrnulae darinnen die Haiden 
die Aschen der Verstorbenen aufgehalten, Lucernae, Malta auf ein Chri- 
stalline Blatten gemacht, 20 ) 1 Handt auss Bysem 81 ) gemacht, joyelliert 
legni impietritj, 82 ) vnderschiedtliche grosse vnnd kleine von Böhmischen 
Stainen eingelegte Landtschäftlen, so an den Wenden hangen, an wel- 
lichen eine guete Autzahl von Miniatur vnnd Ölfarben von vornemen 



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— 309 - 



Maistern gemahlte Stückhlen hangen. Inn der Höche heramb etliche 
Conterfettische Brustbilder, 1 ) auf den Bänckhen stöhn stainene haidtnische 
Brustbilder vnd gantze Bilder, lauter Antichen, [und] vnnder andern 
Antiquiteten haben mir sonnderlich seer wol gefallen 3 stainene Kindtlen, 
so in einem Driangel auf einannder schlaffen, über die Massen schön, vnd roim v. 
wurden gewiss E: Fürstl: Gn: vmb dises schöne Stückhle auch gebildet 
haben, wann Sies fail gesehen hetten. Ist inn der grösse, wie Cupido, 
den E: Frstl: Gn: inn Porphido Stain von Florenz haben, allain sein 
dise 3 Kindlen, so auch Flugelen haben, nur inn gemainen Stain aber 
auch di rilieuo gehauen. 1 grosser Spiegel dessen Deckeil mit Lapis- 
lazolj Blatten eingelegt, 1 Christalliner Kessell, Orpheus inn Wachs, 
vmb in her allerhandt Vögel von Schweglers Arbeit, 2 ) thails vom jungen 
Hulsio. 8 ) Auf dem Tisch stehet auch ein hoches gantz guldines Crucifix, 
auf das kostlichste mit edlen Stainen geziert, Christus am Creütz seer 
kunstlich gemacht. Der Fuess darauf das Crucifix stehet, ist dreiegget, 
auf jedem Egg sitzt ein Engell mit einem Zettel], dises Crucifix soll 
Ihr Frstl: Gn: 10 000 fl. gekostet haben, vnd habeich nach dem Ritter 
St. Georgen zue Münnichen vnd der Monstrantz zue Eystett 4 ) nit baldt 
ein schöner vnd kuustlicher Stuckh gesehen, dass so sauber, vnd artig 
gemacht ist, [als dises]. 

Ein grosser Altar mit 6 Thüren, alzeit 3 obeinander, gehn auf Foi.ssir. 
Bieter weiss, wie ein Buech, vnnd sein innen vnnd aussen auf das 
schönst vnd fleissigst vbermahlt, von dem Leben vnnd Thaten Christj, 
representierent fast das gantz Neu Testament, ist von Mörapelgart 
nach Stuttgart gepracht worden. Seer würdig zuesehen, seindt sonnst 
auch 2 noch anndere Altartaflen inn disem Zimmer zue sehen. 5 ) Inn 
der Höche hangen Schiltkroten, Crocodill, Fisch vnnd vnnderschiedtliche 
Thier, ain Stuel mit Perlamueter vnnd Gestüpp") eingelegt, Haidtnischo 
Götter, oder Idola, ain Hirschgeweich an dem die aine Stangon mit den 
Enden für sich, die anndere Stangen hinder sich gewachsen, ain Hirsch- 
geweiche, so durch ein Holtz gewachsen, ain wunderseltzamer Rechkopf, 
ain Fues von eim Wildt durch ein Holtz gewachsen, ain Rechfues durch 
ein Holtz gewachsen, vnnderschiodtliche flach vnnd von Wachs possierto 
Sachen, vil inn Holtz goschnitno Sachen, Herzog Friderichs vnnd Sr: folhiv. 
Frstl: Gn: Gemahelin löb: Gedechtnuss Conterfetto Lebensgrösse inn 
Wachs possiert, die Abnemung Christj [vom Chreutz] nach dess Mi- 
chael Angelo Buonarota Original vom Hans de Vos inn Silber [gemacht]. 7 ) 
Vund ligt vnnd hangt inn Summa so vil schönes Ding übereinannder, 
das es wol ein lange Zeit erforderte, alles zue sehen vnnd zuo mercken. 

20 



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- 310 - 



Nacli deine Ich nun die KunstCammer gesehen, ist Cristoph von 
Laymingen mit mir haimhgangen, vnnd weiln Dr: Bechler dess anndern 
Tags verraisen müessen, das Valete mit vnnss genommen. 

Den 21/31. Martij haben Ihre Frstl: Gn: vmb 8 Uhrn mich zue sich 
erfordert, vnd von Kunst vnd anndern Sachen gar gnedig mit mir ge- 
redt, vnnder annderm mir gnedig angeditten, dass Ire Gn: Herr Vatter 
die KunstCammer angefangen, 1 ) vnnd dass Ihre Frstl: Gn: gesinnet seien, 
solliche zue continuiern, vnnd allss wir lang von allerhandt Sachen, auch 
von E: Frstl: Gn: Schreibtisch, vnnd schönen Mayrhof *) redten, vnnd Ich 
Fol. 228 r. vmb alle erwisene Gnad vnnd Ehr, sonderlichen auch dass man mir dio 
KunstCammer getzaigt, vnnderthänig gedanckt, vnnd Ihre Frstl: Gn: 
sich aller Gnad gegen mir erbotten, vnnd durch den von Laymingen 
mir ein hipsche Kettin, mit Irer Frstl: Gn: anhangender Bildtnuss, vnnd 
2 Fass Wein verehren lassen, hat man mich wider inn die Ritterstuben 
zur Mittagmahlzeit geliert, wider an die Erste oder Fürstentafel gesezt, 
vnd weiln eben von Herzogs Julij Friderichs [von Württemberg] Frstl: 
Gn: Schreiben von 14. Merz datirt aus Finlandt ankommen, 5 ) da sie dann 
vnder anderm dem Wormbser ein Brief von 3 Seiten inn Spannischer 
Sprach mit aigenen Handt geschriben, so ist ein Glass auf Ihr Frstl: 
Gn: Gesundthait herumbgangen, vnnd allain der gestanden, so ge- 
truncken bat. 

Nach der Mahlzeit hat mich Dr: Senger inn die 2 Fürstliche Ap- 
potecken Laboratoria, 4 ) inn der jungen Herrschaft: inn der Fürstin: vnd 

Koi. 225 v. dess Frauenzimmers Gemach herumb gefüert. Forts ist der Haugwitz 5 ) 
mit mir zum blinden Orgelmacher Conrat Schotten gangen, bey dem- 
selben einen Trunckh gethan, seine Werckhstatt gesehen vnd von ime 
vertröstet bekommen, dass er mir auch was machen wolle, [vnnder 
annderm] hat mir auch erzelt, wie er auf einer Kais vnuersehens den 
Mann ohne Ärm, so mit den Füessen geschriben, angetroffen, vnd wie 
sie hernach einander zuegeschriben, vnnd correspondiert haben, item wie 
er seie nach Vlm, da ein Pfeifen inn der Kürchenorgl verbrochen wäre, 
durch einen secretarium auf den Augenschein schriftlich bemefen wor- 
den, wie er der Orgell geholfen, vnd wie statlich er von einem ersamen 
Kath seie remuneriert worden, vnnd arbeitet er auf seinem Hobelbanckh 
bey der Nacht, ohne Liecht so wol vnnd guet alls beim Tag, lauft auch 
bey der Nacht so fast im Hauss auf: vnnd ab, alls beim Tag, dann 

Koi. 22c r . ime Scheins halber die Nacht wie der Tag, vnnd im 7 Jar seines Alters, 
meines Behalts, an den Kindtsblatern blindt worden ist. 



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— 811 — 

Nach disem habe ich das Seidin Hauss 1 ) noch eininahl, vnnd da- 
rinnen schönen riccj Sammet, vnnd anndere seidine Wahren, so auss der 
Seiden, die im Württembergerlandt, auss denen im Landt gewachsenen 
Würmen gesponnen wirdt, zue Stuttgart gewürckht worden, auch schöne 
Messinen Zeug,') den man zuer Freudenstat arbeitet vnnd macht, gesehen, 
wie dann Ihre Fürstl: Gn: sich vil bemühen, allerhandt Wahren zue 
Haltung der Underthannen, die man sonst mit Uncosten von Ferrne 
pringt, im Lande selbsten machen zue lassen. Vmb 4 Vhrn ist Fürst 
Christian von Anhalt vnd Ihrer Frstl: Gn: junger Herr, von Haidelberg 
zuerugkh wider ankommen, vnnd seint zue Nachts an der Fürstentafel 
wider allain FürstenPersone gesessen, an der andern Tafel sasse der 
Landthofmaister, 8 ) Herr von Freiberg Fürst Christians Hofmaister, 4 ) 2 mj«v. 
[von] Buwickhausen/') [der] Obrist Reichaw/') der Herrn Gebrüeder Hof- 
maistern, 7 ) vnnd ich, da ich dann mit disen, Herren Laymingern, 8 ) vnnd 
[den] andern Bekandten das Valete getruncken, vnnd meinen Abschiedt 
von inen genommen. 

Vor der Mahlzeith hat mir der von Grüenthal 9 ) etliche getruckte 
Büecher, vnder anderm ain hm roth Sammet gebunden Exemplar Con- 
sultationum de Principatu inter Provincias Europae für E: Frstl: Gn: 
[vnnd] noch ein gleiches Exemplar für E: Frstl: Gn: geliebten Herrn 
Schwägern Herzogs Augustj von Lünenburgs Frstl: Gn: 10 ) inn Herzog 
Achilles Friderichs Namen, dessen Frstl: Gn: selbs inn beede Büecher 
geschriben, zuegestelt, welliches mit anndern mer aus Italia empfangenen 
Büechern E: Frstl: Gn: Ich villeicht noch dise Wochen inn der Küsten 
No. 50 [80] al solito über Nürmberg vnnderthänig zuesenden, vnd die Foi.*«r. 
Fattura bei negster Ordinarj hernach schicken will. Inn den Aufzügen 
kann auch wol kommen, dass Ich etwan irgendts innen impingirt, 11 ) dann 
vnder so vilen Ding schier nicht möglich alles zu ersehen vnd zue be- 
halten. Es hat aber Herzog Julij Fridrichs Secretarius 12 ) der äussern Bc- 
uelch, alles recht zue beschreiben, so gegen negster Mess mochte gc- 
truckt werden, waruon E: Fürstl: Gn: ich allssdann schon Exemplaria, 
geliebts Gott, schicken will. 

Den 22. /I. Merz frue bin Ich von Stuttgart hinweckh gefahren, 
auf den Mittag gen Eberspach, 13 ) vf die Nacht gehn Gengen, 14 ) volgenden 
23./2. Merz vmb 8 Vhrn gehn Geisslingen gelangt, dem Kraft 15 ) den Aug- 
stein, 16 ) darfür er sich gegen E: Frstl: Gn: vnnderthänig bedanckt, zuege- 
stelt, vnd das Mittagmahl zue Vrspring fürnauss nemmcn wöllcn, er 
hat mich aber wogon vnnserer alten Brueder vnnd Kundtschaft so hoch 
vermanth, das Ich im zue gefallen gleich da bliben, da wir dann von Fol. 227 >. 



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- 312 - 



den Beltz Zweigen 1 ) geredt, E: Frstl: Gn: vilfeltig, auch mit dem Gesund- 
trünckhlen (ob er gleich übel auf, vnnd starckh Calculo*) laborirt) vnnder- 
thänig gedacht, vnnd er mich mit Indianischen Sachen, Hafners Arbeit, 3 ) 
vnnd schönen Forhennen 4 ) mit roten Dupfen verehrt, vnd in euentum 
sein Abschiedt von mir genommen, allweiln er vil schwere Gcliger 5 ) 
aussgestanden, vnnd förchte, vnnser Herr Got mochte etwan vnuer- 
sehens vber ine gepioten, vnnd in auss diser Welt abfordern. 

Auf den Abendt bin Ich gehn Vlm kommen, vnnd weilen dess 
andern Tags in patria dem Neuen Calender nach das Osterfest celebriert 
wurde, 6 ) bin Ich mit [Hannss Ruodolph] dem Ehinger 7 ) dess Morgens inn 
die Predig gangen, zue Mittag den Ehinger vnnd Gothardt Spengler 
bey mir behalten, vnd auf den Abendt gehn Güntzbnrg 8 ) geraiset, allda 

Kol. 22« r. Ich im Würtshauss den Hauptman Ibelin Cauallier di Hierusalem, 
welicher vorschines Jar mit einem Pfaltzgrauen von Zweypruggen, vnd 
ainen Blarer 9 ) bey mir in meim Cabinet wäre, angetroffen, welicher mich 
wollen gehn Hof 10 ) fieren, Ich hab aber nicht hinein gewollt, sondern ine 
beim Nachtessen heraussen behalten. 

Den 25./4. Merz bin Ich auf den Mittag gehn Zussmarhausen, vnnd 
auf den Abendt Gottlob, glücklich vnnd wol widerum anhaimbs gelangt, 
vnd zue E: Frstl: Gn: vnnderthenigen Diensten, sonderlich jetzt Ihre 
Vices 11 ) auf Johann Ludwig Geitzkoflers 12 ) Hochzeit, neben Vberraichung 
dess mir gnedig anbevolchenen Präsents zu vertretten mich widerum 
gehorsamblich eingestellt vnnderthäniger Hoffnung, E: Frstl: Gn: werden 
dise Relation meiner Rais, ob sie gleich nicht zierlich noch recht orden- 
lich beschriben (weile gar oft Leuth kommen, die mich immer vom 

Koi.?28v. schreiben genommen) inn Gnaden vermercken, vnnd wenigist darauss 
sehen, wie magnifique es bey diser Fürstlichen Kindtstauf zuegangen, 
was für ain so hochansehlicher Conventus so uiller Chur: Fürsten vnnd 
Herrn es gewest, vnnd was für Gnad des Herzogs von Württemberg 
Frstl: Gn: mir ertzaigt haben. Datum Augspurg Adj 27./6. Mertz Anno 
1616. 

(Darunter folgt von gleichzeitiger, aber anderer Hand:) 

Dem durchlauchtigen hochgebornen Fürsten vnd Hern, Hern Phi- 
lippo dem andern Hertzoge zu Stetin, Pommern, der Cassuben vnd 
Wenden, Fürsten zu Rügen, Grafen zu Gutzkow, Hern der Lande Lauen- 
burg vnd Büttow, meinem gnädigsten Fürsten vnd Hern. 

Alten Stetin. 



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Anmerkungen. 



Seite 277. 

1) Weifher Gegenstand unter diesem „bayrischen Kunststücklen" gemeint ist. 
dürfte vielleicht aus der Wolfenbüttlcr Korrespondenz (s. oben S. 251») zu ermitteln 
sein. Der Pommersche Kunstschruiik, der Meyerhof und der Nähkorb (s. oben S. 261) 
waren damals noch in Arbeit, und hierauf bezieht sich wohl das nachstehende 
Versprechen. 

2) Aus dem „Furier und Futerzetter (s. Amn. 4 zu S. 285) ergiebt sich als 
der Name desselben (den Hainhofer nirgends anführt): Johann Phoit von Berckbeimb. 

3) Wohl ein Verwandter von Wolfgang Neidhart, dem aus Ulm gebürtigen 
Glocken-, Stück- und Bildgiesser in Augsburg, der die berühmten Augsburger Brun- 
nen des Adriaen de Vries und Hubert Gerhard gegossen hat. 

4) Ebenso ist Christoph Volcius wohl ein Verwandter (Bruder?) des bekannten 
Vorkämpfers der evangelischen Sache in Augsburg, des Pastors von St. Auna, Melchior 
Volcius, der gleich nach unserer Kindtaufe zum Württembergischen Rat ernannt 
wurde. 

5) Die Ehinger von Balzheim, eine alte Ulmer Patrizierfamilie. Der hier (und 
unten S. 312) genannte Hans Rudolf ist wahrscheinlich der jüngste Sohn des Johann 
Christoph und der Magdalena Furteubüchin. Wie Grossvater und Vater, so hatte 
auch dieser dio Doktorwürde erlangt. 

6) Hans Ulrich Krafft, einem alten Ulmer Patriziergeschlecht angehörig, lebte 
von 1550 — 1621: berühmt durch seine Reisen und seine Gefangenschaft im Orient, 
die er ausführlich beschrieben und veröffentlicht hat. Seit 1587 erscheint er als 
Administrator des Gebietes, welches Ulm vom Grafen von Helfenstein erworben 
hatte. Wie aus einer folgenden Notiz (auf S. 311) hervorgeht, wohnte er damals 
in Geisslingen und war mit Hainhofer von Alters her befreundet. 

Seite 278. 

1) Über Hainhofers Stammbuch s. unten Anm. 7 zu S. 298. 

2) Hainhofers Reiseroute entspricht somit ganz dem heutigen Schienenwege 
zwischen Augsburg, Ulm und Stuttgart. 

3) In P. von Stettens Lebensbeschreibungen u. s. w. (s. oben S. 254) I, 270 f. 
wird Hieronymus Bechler als der gelehrte Hofmeister der beiden Brüder Hainhofer 
erwähnt, der dieselben auf die Schulen nach Padua und Siena begleitete. Ihm 
widerfuhr hierbei die Ehre, zum Prokurator der deutschen Nation sowohl in Padua 
als in Siena erwählt zu werden. Wann er in Württembergischen Dienst getreten ist, 
scheint unbekannt. Im „Fürstl. Wiirttemb. Dienerbuch" (hsg. von v. Georgii-Georgenau 
Stuttgart 1877) steht er unter den „Expeditions-Räthcn der Rcnth Chammer" z. J. 1612 
verzeichnet: „Hieronymus Bechler J. U. Dr. ist 1616 in Österreich gezogen t zu 
Stuttgart 1620, 23 Merlij im 50. Jahr seines Alters". 



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— 314 — 



4) Der Obrist-Kilmmexer des Herzoglichen Hofes s. oben S. 268. 

5) Wir wollen hier kurz dasjenige zusammenstellen, was bezüglich der Örtlich- 
keiten des alten Stuttgarter Schlosses zum Verständnis des Folgenden notweudig 
erscheint. (Vgl.Lübke, Gesch. d. Renaissanco in Deutschland, 2 Aufl. Stuttgart 1882 I, 
348 ff und K. Pfaff, Geschichte der Stadt Stuttgart, I, II; Stuttgart 1845—46. Ab- 
bildungen bei Ortweiu, Fritsch u. A.). 

Das heutige „alto Schloss" in Stuttgart bildet ein unregelmiissigcs Viereck, 
welches ausscu an drei Ecken von Rundtürmen flankiert, einen inneren, ungefähr 
von Süden nach Norden lang gestreckten Hof umschliesst, und ehemals als festes 
Bollwerk aus der Front der Stadt-Befestigung hervortrat. Von der alten Burg der 
Württemberger Grafen ist nur noch der östlich den Hof begrenzende Flügel erhalten, 
die übrigen Baulichkeiten verdanken dem kunstsinnigen Herzoge Christoph (v. J. 15.53 
ab) ihre Entstehung. Im Ganzen befand sich das Stuttgarter Schloss zur Zeit unseres 
Kindtauf- Festes, abgesehen von den Veränderungen im Innern, in demselben Zu- 
stande, in dem wir dasselbe heute erblicken. Zwei Haupt-Eingänge führten in den 
inneren Hof. Der eine im westlichen Flügel, den Zugang von der Stadt bezw. dem 
zwischen der Kanzlei und der Stiftskirche liegenden Schlossplatze her vermittelnd, 
der andere im Norden von dem ausserhalb der Stadtbefestigung liegenden Lustgarten 
her. Eine bedeckte Zugbrücke (s. den Plan in Merians Topographia Sueviae) über- 
spannte an dieser Stelle deu breiten Schlossgraben. 

Dem westlichen Haupteingange gegenüber erstreckt sich der erwähnte bei der 
Restauration verschonte ältere Flügel, dem in der Mitte die berühmte „Reit- 
schnecke' 4 vorgelegt ist, eine grossartige Treppenanlage, welche in sanfter rampen- 
artiger Neigung bis in das oberste Stockwerk führt und zu Pferde besteigbar war. 
Zu ebener Erde lag in diesem Flügel jener gewaltige Raum: die Türnitz, welche 
heute arg verbaut und entstellt, bei unserm Feste dem ,,fremden Gesinde und Volk" 
als Versaiumlnngs- und Speisesaal diente. In den beiden darüber befindlichen, jetzt 
zu Dienstwohnungen benutzten und entsprechend umgestalteten Stockwerken be- 
fanden sich die Wohnräume des Herzogs und seiner Gemahlin, sowie im zweiten 
Stock der Rittersaal, in welckem die Fürsten Tafel hielten. Die drei übrigen von 
Herzog Christoph seit 1553 in den Formen des neuen Stils (Renaissance) errichteten 
Flügel ötineten sich nach dem Hof zu in drei übereinander liegenden Arkaden-Reihen, 
welche trotz ihrer etwas gedrückten Formgebung von hohem und eigenartigem Reize 
sind. In der nordwestlichen Ecke führten von dem obersten Arkadengang aus einige 
Stufen hinab in den geräumigen Tanzsaal, der heute als Rumpelkammer benutzt, 
damals der Hauptfcstraum des Schlosses war und bei unserer Festlichkeit den 
Grafen und sonstigen vornehmen Gästen, darunter auch Hainhofer, als Speisesaal 
diente. In dem anstossenden nördlichen Flügel befindet sich zu ebener Erde die 
Hofküche, während auf der entgegengesetzten Seite die Schlosskapelle liegt, 
welche durch zwei Stockwerke hindurch reicht und ausser dem Hauptcingang unten, 
einen zweiten oberen, nämlich von den Arkaden des ersten Stockwerks aus zu der 
Empore führenden Zugang hat. Neben dem Thore der Reiterschnecke, durcli 
welches man auch zur grossen Türnitz gelangte, führt in einem späteren Vorbau 
eine breite Treppe zu den berühmten Hof kellern hinab, denen Hainhofer gleich- 
falls seinen Besuch abstattete. Näheres Eingehen auf die im Text erwähnten Räum- 
lichkeiten behalten wir uns für die betr. Stellen vor. 

6) Joachim von Trauschwitz, F. W. Rat und Haushofmeister, war zugleich 
Obervogt zu Bessighcimb (s. v. Georgii-Georgenau, Dienerbuch S. 179). 

7) Nach Assura: Herr Ernst und Herr Johann Hermann, Grafen zu Löwenstein 
und Werthheim, Gebrüder. Ausserdem war noch ein Herr Friedrich Ludwig, Graf 



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- 315 - 



zu Löwenstein und Werthheim beim Feste zugegen. Alle drei werden ebenso wie 
der nachstehende Bcrcka im Fourierzettel unter den Kollegiaten von Tübingen 
angeführt 

8) Herr Adam Gottfried Bercka, Herr von der Dauba und Leippa. 

9) Ohne Zweifel der im Württembergischen Dienerbuch S. 52 unter den Über- 
Räten zum I.Juni 1639 aufgeführte: „Hans Albrecht von Wellhwahrt, ein gelehrter 
Cavalier, laborirte Vormittags sehr eyfcrig, aber des Nachmittags trankh er ein 
Rausch f 15. Maij 1657. 

10) Jedenfalls so zu verstehen, dass bereits am Vorabende des Festes, ehe die 
fürstlichen Gäste eingezogen waren, die Zahl der vom Hofe beköstigten Personen 
an die 1000 betrug. 

11) Die Lage dieser Logier-Räume dürfte nicht mehr mit Bestimmtheit anzu- 
geben sein. 

12) D. h. ein Thronhimmel (oder Betthimmel?) aus weissem feinem Gewebstoff 
(tcletta), auf dem geschichtliche Darstellungen in Farben aufgestickt waren. 

Seite 27». 

1) Giovanni da Bologna (geb. 1524 zu Douai in Flandern, seit 1551 in Italien, 
f 1608 in Florenz), einer der talentvollsten und fruchtbarsten Nachfolger des Michel- 
angelo, bes. auf dem Gebiet der statuarischen Plastik, war mit dem Herzoge Friedrich 
von Württemberg in nähere Beziehung getreten, als dieser in Begleitung seines 
Architekten Heinrich Schickhart 1599 Florenz besucht hatte (s. Lübke a. a. 0. I., 44). 
Daher das Vorhandensein einer Anzahl Werke dieses hoebberühmten Meisters 
in Stuttgart leicht erklärlich. Kleinere Broncen, wie die S. 307 erwähnte, leider 
heute in der Stuttgarter Sammlung nicht mehr nachweisbare Statuette des Kaisers 
Augustus zu Pferde, kamen aus Giovannis Atelier in grosser Anzahl in den Handel ; 
besonders beliebt waren Reiterstatuetten und Pferde. Die neuerdings erfolgte Auf- 
stellung einer Nachbildung des bekanntesten Werkes Giovannis, des fliegenden Mer- 
kurs, auf der ehemaligen Wassersäule an der alten Kanzlei kann somit als ein (un- 
beabsichtigter?) Hinweis auf diese älteren Verbindungen gelten. Über die Bezie- 
hungen Giovannis zu dem kaiserlichen Hof in Wien vergl. den Aufsatz von A. Ilg 
im 4. Bande des Jahrbuches der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten 
Kaiserhauses (Wien 1886) S. 38 ff. 

2) „Hanns Jakob Wurmbser von Vendenheim. Abkhommen (d. h. von seiner 
Stellung als Obervogt am Schwartzwald) im Febr. 1634". (Dienerbuch). 

3) Hainhofer bezieht sich somit auf einen Bericht, den er im vergangenen 
Herbst an den Stettiner Herzog gesandt hatte, und der mit den Berichten über Hain- 
hofers vorangehende Besuche an den übrigen Fürstenhöfen verschwunden zu sein 
scheint (vgl. oben S. 259). 

Ich habe bereits erwähnt, dass von dem Schlosse aus eine bedeckte Brücke 
über den Stadt- und Schlossgraben hinweg direkt in den nordöstlich vor den Wüllen 
sich ausbreitenden Lustgarten hinüberführte. Schon von Alters her war hier ein 
grösserer Garten hinter der Burg vorhanden gewesen, aber erst seit dem XV. Jahrh. 
begannen die Ankäufe für Erweiterungen, welche schliesslich unter Herzog Ludwig 
i. J. 1580 ihren Abschltiss erhielten. Das grosse rings von einer Mauer mit Thoren 
und Türmen umschlossene, südöstlich vomNescnbach begrenzte Gelände (vgl. Merian's 
Plan in der Topographia Sueviae) enthielt nicht nur Gartenanlagen der verschie- 
densten Art, sondern auch die Plätze zum Rennen und zahlreiche Baulichkeiten. 
Ausser der schönen grotta erwähnt Hainhofer an dieser Stelle nur die neue Bahn 
und etwas ausführlicher das Lustbaus, welche beide den Hauptschauplatz der folgen- 
den Festlichkeiten abgaben. 



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— 316 — 

4) Das 1845 abgerissene Neue Lusthaus, so genannt im Gegensatze zu dem 
von Herzog Christoph 1555 erbauten alten Lusthause (Nr. 5 auf unserer Tafel), ge- 
hörte zu den bedeutendsten und frühesten Bauten des Renaissance-Stiles auf deutschem 
Hoden. Dasselbe ist unter Herzog Ludwig in den Jahren 1580-1593 durch dessen 
Baumeister Georg Behr errichtet worden und hatte seines gleichen nicht in deutschen 
Landen. An seiner Stelle erhebt sich jetzt einer der geschmacklosesten Kunst- 
tempel Deutschlands, das grosso Hoftheater, welches in seinen Fundamenten noch 
Reste des alten Baues enthält. Bezuglich der Geschichte und der künstlerischen 
Würdigung dieses in der Raum- wie in der Formgebung gleich ausgezeichneten 
Bauwerkes verweise ich auf die betr. Abschnitte bei Lübke (a. a, O. I, 35<J ff.) und 
Pfaff (Gesch. d. Stadt Stuttgart, Stuttgart 1845 I, 47 ff.), ferner auf die Abhand- 
lung von W. Baumer im Jahresberichte der Kgl. Polytechn. Schule zu Stuttgart 1861) 
und auf die K. Walcher'sche, bisher unvollendete Publikation der Portrait-Büstcn des 
Stuttgarter Lusthauses in Lichtdruckbildern (Stuttgart seit 1887). Die kurz vor dem 
Abbruche ausgeführten Aufnahmen des Architekten Beisbarth (aufbewahrt im Stutt- 
garter Polytechnikum) haben uns wenigstens eine möglichst genaue Anschauung des 
ehemaligen Zustandes überliefert. Hier nur soviel als zum Verständnis der Ürtlich- 
keit für den folgenden Bericht unumgänglich erscheint. 

Das neue Lusthaus war ein längliches Viereck mit gewaltigen Rundtürmen 
an den Koken, zwischen denen sich Bogenreihen, einen äusseren Umgang bildend, 
entlang zogen. Das Innere zerfiel in einen unteren und oberen Saal, die beide ohne 
Zwischenwände die ganze Ausdehnung des Gebäudes einnahmen. Der untere Raum 
bildete eine auf 27 Säulen ruhende und mit Netzgewölben überdeckte Halle, in wel- 
cher drei vertiefte Bassins mit einströmenden Wasserstrahlen („Fischgrücben" bei 
Hainhofer genannt), angenehme Kühlung verbreitetend, angebracht waren. Die Wände 
waren rings herum „mit lustigen und künstlichen, Kayser, König, Fürstliche und 
anderen herrlichen und raren Contrafaiten, Bildnüssen Historien, und verschiedenen 
Stamm-Bäumen bekleidet"' |s. Kurtze Beschreibung Desjenigen Was von einem Frem- 
den in der . . . Residentz-Stadt Stuttgardt ... zu sehen (1736) S. 9J. Ebenso waren 
aussen in dem Umgang unter den Bogenanfängen 65 bunt bemalte Portraitbüstcii 
von Angehörigen des Württembergischen Hauses mit Unterschriften angebracht, die 
heute noch fast vollzählig auf Burg Liechtenstein bewahrt werden (s. darüber die 
oben gen. Publikation). Es kann keinem Zweifel unterliegen, dass die von Hainhofer 
in den folgenden Zeilen erwähnten und beschriebenen Effigies Potentium et Prin- 
eipum nicht mit dieser Württembergischen Ahncngallcrie, sondern mit den oben er- 
wähnten Bildern im Innern des Lusthauses identisch sind. Oberhalb des äusseren 
Hallenganges, zog sich, gleichfalls das ganze Gebäude umziehend, ein offener Altan 
herum, zu dem man auf zwei den Längsseiten in der Mitte vorgelegten Doppel- 
treppen gelangte. Von hier aus erfolgte der Zugang sowohl zu den oberen Gemächern 
der vier Ecktürme als besonders auch, mittelst prächtiger Portale in der Mitte beider 
Langseiten zu dem grossen oberen Saale, der von keiner Stütze unterbrochen, einen 
einzigen ungeheueren von 14 grossen Fenstern erleuchteten Festraum darbot, „'201 
Schuh lang, 71 breit und 51 hoch". Die in Stichbogen gewölbte, sich völlig frei 
tragende hölzerne Decke war mit Bildern des berühmten Wendel Dictterlin aus 
Strassburg geschmückt-, auf den Wänden befanden sich Darstellungen von Städten 
und Forsten des Württemberger Landes, sowie Bildnisse Württembergischer „Räthe 
und Bedienter in Oval-Rahmen gehenkt". An der Hauptwand prangten die Bilder 
des Bauherrn und seiner beiden Gemahlinnen, und ein „schön furniertes, künstlich 
eingelegtes und gemasertes" Tafclwerk mit rings umlaufender Sitzbank vollendete 
die reiche Ausstattung dieses grossartigen Fest-Raumes. 



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In diesem Saale, der bereits bei früberen Hoffestlichkeiten, besonders bei der 
Vermählung Jobann Friedrichs 1609 eine erlauchte Gesellschaft bei Spiel und 
Tanz vereinigt gesehen hatte, fanden die grossartigen Auflüge und Tanze statt, die 
Hainhofer in Nachstehendem beschreibt. Als Fcstplatz für die Kitterspiele: das 
Ringelrennen, Fnsstournier und Kübelstechen, diente die sich an der östlichen Front 
des Lusthauses entlang ziehende „schöne neue Bahn", welche auf unserem Kupfer 
in all ihren Einzelheiten deutlich sichtbar dargestellt ist (Nr. 7). Von dem südlichen 
Teil des Altans und der Treppe des Lusthausos aus hatten die dort versammelten 
Damen einen freien Überblick über den Kampfplatz. 

5) D. b. das Modell derselben (s. unten Anm. 1 zu S. 298). 

Seite 280. 

1) D. h. nicht weit von dem Platze, wo die Grotte hinkommen sollte. 

2) S. Nr. 1 1 auf unserer Tafel. 

3) Diese mir zum Teil auf unserer Abbildung ersichtlich. 

4) Hainhofer meint wohl den Lustgarten der Markgraflichen Residenz den 
auch Merian rühmend erwähnt. 

5) D. h. ein Jagermeister aus dem Geschlecht der Schafelitzky von Muckendel, 
welche dem „Dienerbuch" zufolge zahlreich in Württembergischen Diensten standen. 
S. auch Anm. G zu S. 284. 

6) Dem Fourierzettel zufolge: „Niklauss von Sattkirch, Herzog Achillis Friede- 
richs Hoffmeister". 

I) Ausser einem Etzel Heinrich von Stein, Rat und Amtmann zu Hohen 
Trüben, der im Gefolge des Brandenburgers erschienen war. werden von Assura 
noch ein Philipp und ein David von Stein als Festteilnehmer angeführt. 

8) Die Neue Stallung (bei Merian der Fürstliche Stall genannt) oder der 
Neue Bau (auf unserer Tafel: Nr. 2), das Hauptwerk des Heinrich Schickhardt, 
erhob sich südlich hinter dem Schlosse und ist unter Herzog Friedrich von 1G0O 
bis lf>09 errichtet worden. Auch dieser Prachthau hat das Schicksal des Lusthauses 
geteilt. 1757 brannte das Innere nieder, und zwanzig Jahre spater wurden die 
Ruinen abgerissen. Das Krdgcscboss enthielt Stallungen; darüber befand sich die 
Rüstkammer iu einem mächtigen 124 Fuss langen und 74 Fuss breiten Raum. 
Näheres über diesen Bau bei Lübke a. a. 0. S. 365 ff. 

9) Diese Wendelstiege lag in dem mittleren Pavillon der Hauptfront. 

10) In der „Kurtzen Beschreibung ', deren Verfasser die Schätze der Rüst- 
kammer weit ausführlicher als Hainhofer behandelt, befindet sich eine weitläufige 
Beschreibung dieses Unglücksfalls v. J. 1575. Derselbe war dadurch veranlasst, 
dass Fürst Joachim Krust von Anhalt und der Graf Albrecht von Hohenlohe auf den 
Gedanken gekommen waren, ein Tournier in der alten Weise, ,,so bey 80 Jahren 
hero allerdings in Vergessenheit gerathen" war, d. h. in voller Rüstung mit stumpfeu 
Lanzen vorzunehmen und sich aus dem Sattel zu stechen. Graf Albrecht wurde 
hierbei unter dem Kinn am Halse so unglücklich getroffen, dass er bald darauf 
verstarb. Sein 1844 restaurierter Grabstein befindet sich in der Urbanskapelle der 
Stiftskirche. 

II) Die jungen Herren schlüpften („schlieffen") in den ausgebälgten Pferdcleib 
und Hessen den beweglichen Hals und Kopf herauf und hernieder, damit es aussah, 
als ob das Pferd ruhig graste. Auf diese Weise wurden die Enten getäuscht und 
sicher gemacht, so dass die im Pferde versteckten Jäger leicht zum Schusse kamen. 
Auch im Mittelalter hören wir bereits von derartigen Jagdlisten. 

Seite 281. 

1) Dieser Plan ist nicht zur Ausführung gelangt, denn nach dem 30jährigen 



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Kriege finden wir die Kunstkatnmcr in dem von Herzog Christoph i. J. 1555 erbauten 
sog. alten Lusthanse. (Vgl. Württembergische Jahrbücher 1837 S. 338). 

2) Der alte Marstall, von Herzog Christoph 1560 erbaut, lag auf der West- 
seite des Schlosses. 

3) Erzherzog Ferdinand von Österreich (1578—1637), der spätere deutsche 
Kaiser Ferdinand II, dessen Wahl zum böhmischen Könige den Ausbruch des 
dreißigjährigen Krieges veranlasste. 

4) ricamare (ital.) = sticken. 

5) Auch heute noch besteht in den Kavallerie-Ställen die Sitte, Ziegenböcke, 
wenn möglich solche mit monströsem Gehörne, umherlaufen zu lassen. 

6) abstemius = „non modo qui a vino sed etiam qui a carnibus abstinet", 
(s. Du Cange s. v. abstemius), also nach unserer heutigen Ausdrucksweisc: Vege- 
tarianer. 

7) Karl von Dachsberg, Reiterhauptmann. 

8) Obrist Melchior von Reichaw, + 1620 (Dienerbuch). 

9) Ein Königkhauser kommt weder bei Assum noch im Fourierzcttel oder im 
Dienerbuche vor; also wohl ein Irrthum. 

10) Kapitain Heinrich von Ulm. 

Seite 282. 

1) Die Altanen sind die Arkadengänge an den drei Seiten des inneren Schloss- 
hofes. 

2) Niedrige Tribünen, von denen herab man bequem den ankommenden Gästen 
entgegentreten konnte. 

3) Der Einzug des Markgrafen von Baden, der durch das rote Bildthor (ehe- 
maliges Reinspurger, jetzt Kalwerthor) die Stadt betreten hatte, fand also vom 
Schlossplatz her durch das westliche Hauptportal des Schlosses statt, und der Ab- 
zug des Gefolges durch das nördliche Thor Über die Brücke des Schlossgrabens 
nach dem Lustgarten zu. 

Seite 288. 

1) Der Markgraf von Brandenburg kam von der entgegengesetzten Seite von 
Auerbach her auf der Esslinger Strasse, ohne die Stadt zu berühren, direkt durch 
den Lustgarten eingeritten. 

2) Der Kurfürst mit seiner Gemahlin und zahlreichem Gefolge vom regieren- 
den Herrn selbst eingeholt, kam von Vaihingen her durch das Büchsenthor, so dass 
die ganze Stadt passiert werden musste. Nach Assum geschah dies etwas nach 
•I Uhr in grossartigem Zuge unter dem Jubel der Bevölkerung, die Spalier bildete. 

3) Das Einmischen solcher italienischen Ausdrücke erscheint als eine besondere 
Liebhaberei Hainhofen, welche sowohl durch die engen Beziehungen von Augsburg 
zu den oberitalischen Handelsplätzen, wie durch seinen ehemaligen Aufenthalt in 
Italien erklärlich ist. In den Wolfenbütteler Korrespondenz-Bänden sind zahlreiche 
italienische Briefe neben deutschen und lateinischen vorbanden, welche beweisen, 
dass er diese Sprache vollständig beherrschte. 

4) Das Büchsenthor oder St. Sebastiansthor. Dasselbe war beim feierlichen 
Ilochzeitseinzuge des Herzogs Ludwig i. .1. 1575 neu aufgebaut und lfilO mit einem 
Aussenthor versehen worden (s. Pfaff, Gesch. der Stadt Stuttgart. Stuttgart 1845, 1, 34). 

5) Dies nannte man die Sonnade (sonna). 

6) Heerpauken. 

7) Assum beschreibt die Ritterstubc als: „an dem gefurniertem Brustgetäffel, 
zue allen vier Ecken, geringe herumb, mit verguldtem wohlriechendem und zugweiss 



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coloriertem Lcder beschlagen. Alle Fenster mit ruhten Duffetin Umbhängen wegen 
dess einfallenden Sonnenscheins, beschattet." 

Seite 284. 
1) Die Sitzordnung war Boniit folgende: 

Kurfurstin Elisabeth (die Prinzessin) 
Kurfürst Friedrich V • Ursula, Herzogin von Württemberg. 

Markgräfin Agathe von Baden 
Markgraf Joachim Ernst v. Brandenburg Herzogin Barbara Sophie v. Württemberg 



Vorschneider 

Markgraf Georg Friedrich von Baden 
Pfalzgraf Johann August 
Fürst Christian von Anhalt 



Prinzessin von Baden 
Prinzessin Agnes von Württemberg 
„ Barbara „ 



Anna 



•1 



Der Regierende Herzog zu Württemberg . Markgraf Friedrich von Baden 
Vorschneider ! Herzog Ludwig Friedrich von Württcm- 

Markgraf Hans Georg von Brandenburg ; berg 

Markgraf Karl von Baden 

Der junge Prinz von Anhalt 
Herzog Magnus von Württemberg 



Christoph von Baden 
Herzog Achilles von Württemberg. 



Die von Assum aufgestellte Tafel-Ordnung zeigt am unteren Ende des Tisches 
mancherlei Abweichungen; vielleicht, dass bei der Festtafel am Tauftage, die Assum 
beschreibt, gegenüber der Sitzordnung am vorhergehenden Tage, die Hainhofer uns 
hier vorführt, Änderungen vorgenommen worden sind. Auf Befehl des Herzogs war 
es einer Anzahl bevorzugter Persönlichkeiten, der Sitte entsprechend, gestattet wor- 
den, der Hoftafel als Zuschauer an der Thür stehend beizuwohnen; Hainhofer be- 
richtet somit als Augenzeuge (s. S. 275). In der Zahl der Fürstlichkeiten irrt der- 
selbe aber offenbar, da er selbst in Übereinstimmung mit Assum nur 22 Tischgäste 
aufführt. 

2) Die Anordnung der Tafel ist demnach wohl so zu denken, dass die Fürsten- 
tafel in der Mitte des Saales stand, und, das untere Ende derselben umschliessend, 
die drei gesonderten Grafcntafeln in Hufeisenform herum ; dazwischen die Tische für 
die Musik, deren Verteilung im Saale voraussetzt, dass die Musikanten abwechselnd 
ihre Weisen ertönen Hessen. 

3) Trotz der nicht unbeträchtlichen Verhältnisse des Tanzsaales ist nicht er- 
sichtlich, wie diese Speisung an 130 Tischen zu gleicher Zeit erfolgt sein soll; man 
müsste dann annehmen, dass an jedem derselben nur etwa 3 — 4 Personen gesessen 
hätten, was die Bedienung sehr erschwert haben würde. Hainhofer übertreibt wohl 
oder rechnet als einen „Tisch", wenn die Gäste eines Tisches nach beendigter Mahl- 
zeit aufstanden, um ihren Nachfolgern Platz zu machen. Assum spricht sich über 
die Zahl der Tische nicht aus. 

4) Hans Heinrich von Stockheim, unter den Lehenleuten des Herzogs von 
Württemberg im Fourierzettel, sowie im Dienerbuch (S. 170) als Truchscss iiugeführt. 

5) Hans Sept von Lammersheim, Forstmeister zu Ncrenstett. 

<i) D. h. Einer von Schafclitzki, der Hofmeister war; wahrscheinlich Sebastian 
von Schafclitzki von Mukendel der Ältere, F. W. Kriegsrat und Obrister Lieutuant. 

7) Joachim von Trauschwitz, F. W. Rat und Haushofmeister. 

8) S. oben Anm. 10 zu S. 281. 

9) Kapitain Hamann von Offenburg, Vicehofmeister. 
10) S. unten Anm. 1 zu S. 292. 



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Seite 285. 

1) Nach Assum wurde das württembergische Gesinde täglich um 9 Uhr mor- 
gens und 4 Uhr nachmittags, das ausländische Gesinde um 10 Uhr morgens und 
"» Uhr nachmittags gespeist. 

2) Ratsche oder Ratze, eiue grosse hölzerne Kanne unten weit, oben eng mit 
einem Rohr, aus welcher man die Trinkgefässc bei Tisch nachfüllte. 

3) convoyer, escorter. 

4) Ein Exemplar dieses Fourierzettels besitzt die Kgl. öffentl. Bibliothek zu 
Stuttgart. Der Titel lautet: Summarische Verzcichnuss Aller Chur-Fürsten, Graven 
unnd Herrn, sambt deren bey sich gehabten AdelsPersonen und andern Dienern, 
so auff den 10. Martij Anno 1(»1(5 bey gehaltner Fürstl. Würtembergischer Kindtauff 
in Gegenwart zu Stuttgardt erschinen. Getruckt zu Stuttgardt Johann Weyrich 
Rösslin, Im Jahr 1<>16. Der Text auf dem folgenden Blatte ist überschrieben: 
Furier und FuterZettel. 

5) Die hölzerne Brücke begann wohl an dem Thor der Reiterschnecke, welche 
die fürstlichen Personen horabkamen. 

<>) Wir sagen jetzt dafür Empore. Es ist zu bedauern, dass dies hässlichc 
Mischwort die gute alte Bezeichnung Porkirche oder Borkirche für die erhöhten 
Teile im Gotteshause allmählich ganz verdrängt hat. Dieselbe Zusammensetzung ist 
noch in Worten wie Porscheune, Portenne und dergl. erhalten. Bei der neuerdings 
vorgenommenen Restauration der Schlosskapelle, welche lange Zeit als Magazin, 
zuletzt als Apotheke gedient hat, ist die alte Emporenanlage beibehalten worden. 
Dieselbe zieht sich der in der Mitte der südlichen Langseite gelegenen Altarnische 
gegenüber an der nördlichen Langseite und an den beiden Schmalseiten entlang, 
dem Gesinde und Volke geräumige Unterkunft bietend. Der Altar stand in der 
Mitte der Langseite in einem ausgebauten kleinen Chorraum und befindet sich 
heute an derselben Stelle. 

7) Trotzdem Haiuhofer ein grosser Musikliebhaber war — aus seinem Nach- 
lasse sind auch zahlreiche Notenbände in die Wolfcnbüttlcr Bibliothek übergegangen 
— , beschränkt er sich in seinem summarischen Bericht nur auf allgemeine Angaben 
bezüglich des musikalischen Teiles der Festlichkeiten; um so gewissenhafter hat 
uns Assum die einzelnen Stücke, die zur Aufführung gelangten und die betr. Kom- 
ponisten namentlich überliefert. 

Seite 28«. 

1) Nach Assum war es Anna, die jüngste der württembergischen Prinzessinnen. 

2) Eva Christine die älteste Schwester des Täuflings, Gattin Johann Georgs, 
Markgrafen zu Brandenburg-Jägerndorf. 

Seite 287. 

1) Gefärbt scheint ein Lieblingsausdruck Hainhofen gewesen zu sein, der 
allgemein das frische gesunde Aussehen bezeichnen sollte. 

2) Der Zug ging also den Weg zurück, den er gekommen und die Reiter- 
schnecke hinauf in das dritte Geschoss des alten Flügels. 

3) Herr Eberhard Herr zu Limburg des H. R. R. Erbschenk und Semperfrey, 
F. W. Landhofmei8ter (Assum). 

4) Diese Einzelheiten fehlen bei Assum aus begreiflichen Gründen, ebenso 
wie auch die interessante nachfolgende Beschreibung der Festgewänder der hohen 
Herrschaften. 

5) Italicnisiert aus Jarretiere-, ordre de la Jarretiere, Hosenbandorden. 

6) Wie aus einer Stelle der folgenden Seite hervorgeht, meint er nur die 
Damen im Gefolge der Kurfürstin Elisabeth. 



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Seite 288. 

1) Sie war eine Tochter des Kurfürsten Joachim Friedrich von Brandenburg. 

2) Casaggcn sind Reitröcke, schlicht herabfallend mit langen Schleppen. 

3) Ahd. chevia, kebia, mhd. kefjc, kefet, unser Käfig. 

4) Während Assum die Gerichte aufzählt, wendet Hainhofer seine Aufmerk- 
samkeit mehr der äusseren Ausstattung der Tafel zu. Derlei nur zum Ansehen 
bestimmte Scbauessen spielten zu jener Zeit eine grosse Rolle und boten Gelegen- 
heit sowohl zur Anbringung sinnreicher Anspielungen auf die Bedeutung des fest- 
lichen Tages als zur Entfaltung künstlerischer und mechanischer Spielereien allerlei 
Art. Die Allegorie spielte hierbei eine Hauptrolle. In ähnlicher Weise beschreibt 
Hainhofer die Ausschmückung der Hochzeitstafel in München im Jahre 1613 (siehe 
Haeutle a. a. 0. S. 234 f.). Der Luxus, der hierin entfaltet wurde, spottet jeder 
Beschreibung. 

5) Mit demselben württembergischen Hofprediger Dr. Salomon Ilauber oder 
Huber war Scultetus (Schulze) bereits 10 Jahre vorher zufällig in einem Wirtshause 
zu Speyer zusammengetroffen und hatte dort eine lange öffentliche Disputation über 
die Prädestinationslehre gehalten, die von 9 Uhr bis 3 Uhr nachmittags währte. 
(Vgl. die betr. Artikel bei Zedier und Jöeher.) 

Seite 28». 

1) Im Auszuge bei Assum. 

2) Wolfgang Ratichius (Ratke oder Ratich) aus Holstein (1571 — 1G35) ein zu 
seiner Zeit vielgenannter, etwas abenteuerlich angehauchter Philologe, erstrebte eine 
leichte und bequeme Lehrart der Sprachen und hatte zur Förderung seines Werkes 
IG 12 der Reichsversammlung zu Frankfurt a. M. ein Memorial überreicht, welches 
ihm neben pekuniärer Unterstützung von Seiten des Neuburger Pfalzgrafen Wolf- 
gang Wilhelm auch die Gunst des Landgrafen von Hessen-Darmstadt zuwandte, 
so dass derselbe durch 2 Giessener Professoren einen Bericht darüber ausarbeiten 
Hess. Dieses im Jahr 1614 erschienene Gutachten scheint besonders den Ruf von 
des Ratichius Methode verbreitet zu haben. Seine Hauptthätigkeit entfaltete der- 
selbe später am Kötheocr Hofe. Auf diese Verhältnisse bezieht sich die oben an- 
geführte Unterhaltung Hainhofers. (Vgl. auch Haeutle a. a. O. S. 265). 

3) Aus dem von G. Krause (Wolfgang Ratichius, Leipzig 1872) publizierten 
Briefwechsel geht hervor, dass Ratichius im Januar 1G16 zu Erfurt, in) April zu 
Waldeck und im Juli zu Pyrmont weilte. 

4) Der grosse obere Saal ist gemeint (vgl. Anm. 4 zu S. 316). 

5) Assum schreibt: ,,ein Römer'*. 

6) Dieses Inventionskartell bei Assum S. 28 f. Nach einer schwülstigen Ein- 
leitung, worin Priamus sich bei einem in seiner guten Stadt Troja abgehaltenen 
Ringclrennen als Mantenitor in Begleitung verschiedener Götter und Göttinnen an- 
kündigt und worin er fremde, rittermässige Aventuriers zum Kampf einlädt, folgen 
die Bedingungen des Rennens, an welchem man nur maskiert und in Kostümen 
Teil nehmen durfte. Den Schiusa bildet die Aufzählung der Preise, um welche 
mit dem Mantenitor gerannt werden konnte, sowie die Verkündigung der vom Her- 
zoge gestifteten ,,Tournier-Dünk u . 

7) Dieser Vorgang ist auf dem zweiten Blatte des Hulsen'schcn Knpferwerkes 
wiedergegeben. 

8) S. oben Anm. 7 zu S. 280. 

9) S. oben Anm. 2 zu 8. 279. 

10) Der junge Wurmbser wohl identisch mit dem von Assum erwähnten Rein- 
hard Wurmbser. 



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11) Genannt werden beim Feste wiederholt die Herren Philipp Christoph und 
Christoph Ernst von Münchingen; wahrscheinlich ist aber hier der Kammerjunker 
Werner Dietrich von M. gemeint. 

12) Vielleicht der im Fourierzettel unter den Herren Kollegiatcn von Tübingen 
genannte Heino Rah. 

13) Isaak Murloth oder Morlot im Fourierzcttcl im Gefolge des regierenden 
Herrn unter den Hofjunkern angeführt. 

14) Alexander Ruost ebenso. 

15) Der Santome oder Sintuma ebenso. 

16) Wohl identisch mit Jacob Heronnier, Truchsetz (Fourierzettel). 

17) Nach Assum geschah dies von den Spiegeltanzern (s. u.), welche die Buch- 
staben der beiden Namen ELISABETH und FIUDERICH „emblematischer Weiss" 
stellten. 

Seite 2»0. 

1) S. die Abbildung bei Hülsen Tafel 3. 

2) Bei Assum ist die Hütte als Spiegelkramersladcn bezeichnet und die Nymphe 
als Krämerin oder Ladenfrau. Dieselbe verteilt ein in drei verschiedenen Sprachen 
abgefasstes gedrucktes Sonett (Kartell No. 2). Ausserdem hatten die im Laden 
verborgenen Spiegelmeister vorher „ein Liedtlein zu den Lauten" gesungen, das 
wohl auch auf dem Kartell stand. 

3) Courante oder Corrcnte bedeutet eigentlich einen bestimmten Rhythmus 
von feierlich ernstem Charakter, dann aber auch den Tanz nach dieser Melodie. 
Der Ursprung ist altfranzösisch. Als Kunsttanz der feineren Gesellschaft vom lCten 
bis 18. Jahrhundert sehr beliebt, niemals Volkstanz ('s. Franz M. Böhme, Geschichte 
des Tanzes in Deutschland, I Leipzig 188G, S. 127). 

4) Gemeint ist wohl nicht die Doppeltreppe selbst, welche zum obern Umgange 
und dem Hauptsaal führte, als vielmehr das von einem zierlichen Oberbau bedeckte 
Podest oder Plateau in der Höhe des Umganges, welches auf unserer Tafel sicht- 
bar ist. 

5) Es müssen also Plane gespannt gewesen sein, denn der obere Umgang war 
ausser im mittleren Teile unbedeckt. 

6) Die Tribüne für die Kampfrichter unten an der Rennbahn ist gleichfalls 
auf unserer Tafel dargestellt. 

7) „Herr Ludwig Graf zu Erbach, Herr zu Breuberg, Fürstl. Württemb. Rath 
und Oberamtmann zu Nerenstett bei der grossen Linden" war laut Fourierzettel 
mit 15 Personen und 14 Pferden beim Feste erschienen. 

Seit« 2ftl. 

1) Philipp Jakob, Herr von Fleckcnstein. 

2) Nach Assum: Karl von Daxberg; ausserdem wird noch ein Hans Ludwig 
von Daxberg als Festteilnehmer erwähnt. Assum führt noch als Kampfrichter an: 
den Landhofmeister Herrn Eberhard Herrn zu Limpurg, sowie Herrn Burkhard von 
Erbach, der der Hofmeister Christians von Anhalt war. Jeder der kampfenden 
fürstlichen Herrn war in diesem Kollegio durch eine ihm nahestehende Persönlich- 
keit, die sein Interesse zu wahren hatte, vertreten. 

3) Soll wohl heissen: einige tausend Zuschauer. 

4) An Stelle der alten mannhaften Tourniere traten seit dem Ausgange des 
XV. Jahrhunderts allmählich die gefahrlosen Kampfspiele, von denen Hainhofer in * 
Folgendem berichtet, und bei denen es hauptsächlich auf Entfaltung einer gewissen 
Geschicklichkeit und Grazie zur Erlangung des Preises ankam. Zu den notwen- 
digen Voraussetzungen eines solchen „Karroussete" gehörte ein feierlicher Aufzug 



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in gewisser Verkleidung (Maskerade). Die Kämpfer teilten sich in verschiedene 
Nationen, welche nach einander von „Patrinijs" (Introducteurs) eingeführt, in präch- 
tigem Aufzuge in die Schranken ritten, und gegen den Mantenitor sich im Hingel- 
rennen zu behaupten suchten. Es kam darauf an, im vollen Karriere mit der Lanze 
einen frei schwebenden Ring zu treffen und dabei bestimmte Regeln bezüglich der 
Führung der Lanze, Haltung des Körpers u. s. w. zu beobachten. Strafen standen 
auf das Verlieren eines Bügels, das Bücken des Oberkörpers u. dergl. Der Man- 
tenitor (maintenir, das Feld behaupten) bestimmte die Geldeinsätze, um welche 
gerannt bezw. gestochen wurde. Diese wurden ebenso wie die sonstigen Kampf- 
bedingungen und die „Dank" im Tags zuvor ausgegebenen Kartell öffentlich bekannt 
gegeben. Die Dänk waren Ehrengaben für die zierlichste Invcntion (die „schönste 
Maske", wie wir sagen würden), für das beste Führen des Spicsses, für das zier- 
lichste Rennen u. s. w. 

5) Die Hainhofersche Beschreibung der folgenden Schauspiele leidet an Un- 
deutlichkeit ; um so wertvoller ist die Arbeit Hulsens, welcher diesen Aufzug auf 
16, den folgenden des Kurfürsten auf 15 und den des Markgrafen von Baden auf 
7 Kupfern darstellt. Die Beschreibung des Ringelrennens bei Assum geht natürlich 
mehr in Einzelheiten ein und giebt sowohl die Summen, die herausgekommen sind, 
als auch die Namen der Gewiuner und Verlierer. Daselbst auch die von Hainhofer 
erwähnten Kanzonetteu und Kartells sämtlich abgedruckt. 

6) Pedisequi = Fussgefolge, Diener. 

7) Bezeichnend für die Vorsichtigkeit, mit welcher Johann Friedrich derartige 
Dinge trotz seiner Zugehörigkeit zur Union behandelt wissen wollte, ist der Um- 
stand, dass weder in Assums Text noch auf dem betr. Kupfer bei Hülsen irgend 
eine politische Anspielung nach dieser Richtung hin enthalten ist (vgl. oben S. 266). 

Seite 2»2. 

1) Benjamin Buwickhausen von Walmenrode + 1635 (im „Dienerbuch" zum 
Jahre 1586 unter den Geheimen Regiments-Räthen, 1595 unter den Hoffräthen, 1608 
unter den edlen Ober-Räthen und ausserdem auch als Obrist unter den Hoff-Ofti- 
cicren angeführt), eine der hervorragendsten Persönlichkeiten am württembergischen 
Hofe. In Sachcu der Union als Unterhändler im Jahre 1609 in Frankreich und 
England, ebenso 1614 auf dem Kongress zu Xanten als Abgesandter Johann Fried- 
richs. Ausserdem nahmen laut Fourierzettel am Feste Teil : ein Hofjunker Nikolaus 
von Buwickhausen und ein Daniel Buwickhausen. 

Seite 203. 

1) Es galt für ein besonderes Kunststück, beim Anreiten, ehe man die Lanze 
in die richtige Lage (Arrest) brachte, dieselbe in dio Luft zu werfen oder über 
dem Kopf zu trillern. 

2) Wohl in Unionsangclegenheiten konferiert. 

3) Georg Albrecht (geboren 20. November 1591) Herrenmeister zu Sonnenburg 
f 19. November 1615. 

4) Wahrscheinlich: August, der jüngere Bruder des damaligen Kurfürsten 
Johann Georg, der am 26. Dezember 1615 verstorben war. 

5) Assum erzählt hiervon nichts, sonderu beschreibt den Aufzug von drei 
edlen Engländerinnen mit Rittern von der weissen und roten Rose im Gefolge. 

6) Benjamin v. B. s. oben S. 292 Anm. 1. 

7) Ferdinand Gcitzkofler oder Geitzigkoffler, Frey und Edler Herr zu Hauns- 
heim, im Dienerbuch 1627 als Hofrat verzeichnet, nach der Immission 1641 Statt- 
halter zu Stuttgart, Geheimer Rath, Hof-Kantzley- und Landesdirektor, f ™ Regens- 
burg 1653. 



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8) Ilainhofer hat diesen Aufzug wegen des mangelnden Kartells missverstan- 
den. Nach Assum handelte es sich um die Darstellung eines „Vornemen Insulaners 
aus der grossen und langen mittägigen Insel Madagaskar". 

9) S oben S. 289 Anm. 15. 

Seite 294. 

1) Neben dem Ringelrennen war das Fusstournier ein beliebter Bestandteil 
derartiger Festlichkeiten. Hierbei wurde mit dünnen Spiessen und leichten Schwer- 
tern gegeneinander im Kin/.elkampf gefochten und es kam darauf an unter allerlei 
zierlichen „Provokationen" und graziösen Wendungen möglichst viel Lanzen splittern 
und Schwerter brechen zu machen. Die Herausforderer (Mantenitores) hatten in 
diesem Falle die Idee gehabt, sich als die Ritter der von den Türken bedräuten 
Insel Malta darzustellen, und kamen mit ihrem Gefolge auf einer von Pferden ge- 
zogenen Galeere in die Bahn gefahren (Abbildung bei Hülsen). 

2) Hainhofer vergisst den dritten Mantenitor: Herzog Ludwig. 

3) Herr Krafft Graf zu Hohenlohe, Herr zu Langenburg und Kranichfeld etc. 
Ohristcr und Ritter etc., war mit 29 Personen und 27 Pferden erschienen; ausser- 
dem ein Herr Ludwig Eberhard Graf von Hohenlohe, Herr zu Langenburg etc. mit 
G Personen und 5 Pferden. Ersterer gehörte der Ncuensteiner, letzterer der Walden- 
burger Hauptlinie an und war von 1645 an Senior des Gesamthauses (s. A. Fischer. 
Geschichte des Hauses Hohenlohe 18G8 II, 47). 

4) Favor oder Faveur als Zeichen der Gunst einer Dame, welche dadurch den 
Kämpfer zu ihrem Ritter machte. 

5) Die Herren Kollegiaten (Stiftsherren) von Tübingen waren in der Zahl von 
27 erschienen. 

Seite 295. 

1) Das Fusstournier wurde somit beim Dunkelwerden durch einen Massen- 
kampf in zwei Parteien beschlossen, und standen nach Assum auf jeder Seite der 
Schranke 35 Kavalliere, die über die sie trennende Schranke hinüber auf einander 
loshieben und losstachen, bis das in der Schranke angebrachte Feuerwerk angezün- 
det wurde und dadurch die Kämpfer auseinander getrieben wurden. Dies nannte 
man „in der Folie 1 ' kämpfen. 

2) Es ist nicht einzusehen, ob Hainhofer diese eingeklammerte Stelle in der 
Wolfenbüttcler Abschrift weggelassen oder erst in der Heidelberger zugesetzt hat. 
Letzteres scheint mir wahrscheinlicher. 

3) Die Tenne oder Platz ist der heute noch vorhandene Vorsaal vor den ehe- 
maligen fürstlichen Gemachem, in welchen man von der Reiterstiege zunächst gelangt 

Seite 29«. 

1) Die Musik-Instrumente waren also in der Form von Waffen hergerichtet 
Assum meldet für diesen Abend nur, dass der Tags über durch die langen Kämpfe 
geweckte Durst „tapfer wieder abgelöscht" worden ist, und beschreibt den Aufzug 
dieser „Kriegs-Musika" als am folgenden Tage geschehen. 

2) Bei dem Kübelrennen, welches als Satyrspiel den ritterlichen Schaustellun- 
gen folgte, kämpfte die Gesellschaft der Tiirnitz: Knechte, Stalljungen u. dcrgl. auf 
schlechten Gäulen mit Kübeln statt der Helme und Stangen statt der Lanzen, in 
gepolsterten Kleidern gegeneinander. Der betr. Kupfer bei Hülsen giebt eine gut 
gelungene Abbildung davon; dieselbe Platte wiederholt in der Hülsen 'sehen Publi- 
kation von 1G18 (s. oben S. 274). 

3) Damit waren die Wämser gegen die Stösse und Püffe ausgestopft. 

Seite 297. 

1) Die herühmte schöne grotta war damals, wie Hainhofer kurz darauf seihst 



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angiebt, erat im Modell fertig. Der Plan zu dieser eigenartigen Anlage rührte von 
dem Niederländer Gerhard Philippi her (Bestellungsbrief vom 1. Mai lß 13), dem 
„Esais van der Hülst" (s. Lübke a. a. 0. 1, 369 ; wohl identisch mit unserem Ksaias 
van Hülsen) zur Seite stand. Salomon de Caus, der Schöpfer des berühmten Hortus 
Palatinus beim Heidelberger Schlosse, ist vorübergehend im Jahre 1614 gleichfalls 
mit Aufstellung eines Modells in Stuttgart dafür thätig gewesen-, das Modell 
Philippis trug aber den Sieg davon nnd gelangte schliesslich bald nach unseren 
Festlichkeiten zur Ausführung. Dem Merian'schen Plane zufolge lag die Grotte 
in der Mitte der nördlichen Abschlusstnauer des Lustgartens. Eine ausführliche 
Schilderung des Bauwerks mit seinen Grotten, Wasserfällen, Vexirkünsten, Figuren- 
Gruppen, Wasserorgeln u. dergl. befindet sich in der angeführten „Kurtzen Be- 
schreibung" etc. S. 64 ff. 

2) Der italienische Spassmachcr und Improvisator erschien also als Pantalone 
und sein Diener als Zanni (Giovanni); erstcrer die stehende Possenfigur Venedigs, 
letzterer besonders in Bergamo heimisch. 

3) Cuecagna (ital.) etwa : eine Garküche, in der man alles umsonst haben könne. 

4) Komische Zank- und Streitscene. 

5) Er zieht somit die Fürsten wegen ihrer Maskeraden bei den Festspielen 
auf und meint: ebensogut als diese sieh dabei als alle möglichen Helden, Könige, 
Götter u. dergl. ausgegeben hätten, ebensogut könne er sich jetzt als einen ver- 
kleideten Fürsten ausgeben. Assum übergeht diese Fpisode. 

6) Diesmal nicht auf die Terrassen, sondern in den oberen Saal. 

7) Der regierende Herzog hatte ganz allein zwei Tage lang gegen GO Aveu- 
turiers das Feld gehalten. 

8) Für gute Erfindung des Aufzuges. 

9) Für die beste und zierlichste Führung des Spiesses und gutes Reiten. 
10) Für die grösste Zahl der getroffenen Ringe. Hierbei zählte das Berühren 

mit dem Spiesse 2 Treffer, das Davonführen 3 Treffer. 

Seite 208. 

1) Der junge Herr erhielt den Dank gemäss Absatz 5 der Bestimmungen des 
Inventions-Kartells, in dem es heisst: „So solle ein .lungfrawen- oder Lust-Dank 
dem gegeben werden, welchem das Frauenzimmer solchen zuerkennt". 

2) Irrtümlich für: Hans Michel, Assum zufolge. 

3) Im Fourierbuch in der Gefolgschaft des Markgrafen von Baden angegeben, 
aber ohne Vornamen. Bei Assum heisst derselbe Philipp Wolfgang. Vgl. unten 
S. 305 Anm. 7. 

4) Worauf derselbe mit dein Fräulein einen kurzen Tanz verrichten musste. 

5) Am 25. März war allgemeiner Bettag. 

6) Über das berühmte Stammbuch des Herzogs, welches derselbe etwa seit 
d. J. 1612 nach dem Muster des Hainhnfer'schen zusammenzustellen begonnen hatte, 
s. Zeitschrift für Preussische Geschichte und Landeskunde 1865 II, 2.50, sowie die 
Abhandlungen von Jul. Mueller in den Baltischen Studien, 1878 XXVI II, 48 ff., läO f., 
bes. aber 485 ff. Das Stammbuch bestand aus Beiträgen fast aller europäischer 
Fürsten, von denen jeder ein doppeltes Pergamentblatt, auf der einen Seite mit 
Wappen, Devise und Unterschrift, auf der andern mit einer miniaturartigen Dar- 
stellung aus der biblischen oder alten Geschichte einzusenden hatte. Unter den 
21 Künstlern, deren Namen als Urheber dieser kleinen „Historien" überliefert sind, 
befinden sich u. A. Hans Boll, Jan Brcughel, Paul Brill, Matthias Kager und Lukas 
Kilian. Das kostbare Werk erscheint noch im Nachlasse Bogislavs XIV i. J. 1637, 
ist aber seither verschollen. Hainhofer hatte somit den Auftrag, den Kurfürsten an 

21 



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- 326 - 



sein Vorsprechen zu mahnen und nochmals um Einsendung seines „Gedechtnusses" 
zu bitten. Die vom Herzog Philipp seihst veranlasste und 1615 im Druck erschienene 
Beschreibung (vgl. unten S. 303 Auin. 1) des damaligen Inhalts des Stammbuches 
nennt denn auch in der Zahl derer, welche dem Fürsten eine Zusendung ver- 
sprochen hatten, unter Nr. 100: Fridricus V, comes Palatin. Rheni, Elector, sowie 
unter 101 : Elisabeths, nata o regio maguae Britanniae stemraate, ipsius conjux. Ob 
die Heidelberger Herrschaften in den Wirren der folgenden Jahre ihr Versprechen 
eingelöst haben, ist nicht zu ermitteln. Ein zweites Stammbuch des Herzogs von 
Stettin aus dem Jahre 1617 ist vor kurzem bei Frederik Müller & Cie. in Amsterdam 
zur Versteigenuig gelangt und von einer dortigen Buchhandlung für 885 Gulden 
in fremdem Auftrage erstanden. Näheres darüber in: Mr. J. Nanninga Uitterdijk, 
Catalogus van het Kunstbook van Philippus II etc. 's-Gravenhage 1888, und in dem 
Auktions-Katalog der gen. Firma: Dessins Anciens, Amsterdam 1891. 

7) Über Hainhofers eigenes Stammbuch s. Zeitschrift für Preussische Geschichte 
und Landeskunde 1865, II 258 Anm. 6, vor allem aber die eigene Beschreibung des 
Besitzers in einem Briefe an den Herzog von Stettin vom 9 Juni st. n. 1610, worin 
es heisst: „In meinem Stambuch hab ich wenig Emblemata und Imprese, vast durch- 
gehents lauter Historias, darzue mehrthails gaystliche aber von fürtrefflichen Maistern 
gemacht, als von Hans von Aach, von Joseph Hainzen, Hans Nothenhaymer, Paul 
Brill, vom Isaar in Engellandt, von Brigel, Kilian, Kager, Karg, Fischer, Herzog, 
Alliensi, Künig, Falkhenburg, Daniel Fröschlin, Mozart, Freyberger, Schwarz, Günter, 
Lamb, Martin Schön, Schaidt Beben, und von andern Maistern mehr, da immer 
ainer den andern will hinstehen und hab etlich Stück, da ains fl. 100. 150. bis in 
fl. 200 gelten, so ist das Buch, welches alberait über fl. 2000 kostet, nit nur schön 
von Gemahlen, sondern fürtrefrlich wegen etlicher fürstlicher und hoher Persobnen, 

so alberait darinnen sein und noch darein khommen werden " (Programm 

der Städtischen Real-Lehranstalt zu Stettin, Die ersten 7 Briefe .... Hainhofers 
an den Herzog Philipp von Pommern a. d. J. 1610, herausgegeben von Dr. Schlegel, 
Stettin 1877 S. 18). Auch in den von Haeutle im VIII Jahrgange der Zeitschrift des 
Historischen Vereins für Schwaben und Neuburg (Augsburg 1881) veröffentlichten 
Relationen ist wiederholt von diesem Stammbuch die Rede, und werden dort noch 
Künstler wie Dürer, Tintorctto, Jan Breughel, Friedr. Sustris, de Bry u. A. als im 
Stammbuche vertreten erwähnt. Dasselbe ist wahrscheinlich identisch mit dem auf 
der Wolfenbüttler Bibliothek bewahrten Exemplare, welches der Verfasser bisher 
nicht Gelegenheit hatte einzusehen. Vgl. auch Haeutle a. a. O. S. 13 und 206. Im 
weiteren Verlauf unseres Berichts kommt Hainhofer wiederholt auf das Stammbuch 
zurück, so bes. auch S. 302. 

8) Friedrich V ist geboren am 16 Aug. 1596, war also damals erst 19'/* Jahre alt. 

Seite 29». 

1) S. oben S. 264. 

2) S. oben S. 264. 

3) Patrisciren = nach dem Vater schlagen. 

4) Assum nennt sie: Das Württembergische Thaumasterium oder Wunder- und 
Kunstkammer. 

5) Handbecken. 

6) Zu jener Zeit scheint also das italienische Wort spasso noch nicht in 
Deutschland als „Sposs" eingebürgert gewesen zu sein. 

7) Diese alteren Nachrichten, auf die sich Hainhofer wiederholt beruft, stam- 
men wohl von seinem Heidelberger Aufenthalte i. J. 1615 her. 



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- 327 — 



8) Diese zwei dem Berichte beiliegenden Schreiben des Pfalzgrafen Augustus 
sind in beiden Abschriften am Rande nicht verzeichnet. Der Inhalt wird sich wohl 
auf Unions-Angelegenheiten bezogen haben. 

Seite 300. 

1) Herr Philips Ernst Graf zu Eyssenburg, im Gefolge des Kurfürsten, laut 
Fourierzettel. 

2) Herzog August von Braunschweig- Lüneburg (1579 — 1CG6), der berühmte 
Gelehrte und Gründer der Wolfenbüttelcr Bibliothek. Seine Gattin Klara Maria 
(f 1623) war eine Tochter des Herzog Bogislaw XIII von Pommern, ateo eine 
Schwester Philipps des II, des Adressaten dieses Berichtes. Damals stand der Fürst 
gerade bei den Vorarbeiten zu dem unter dem Namen des Gustavus Selenus von 
ihm herausgegebenen berühmten Schachwerke. — Im Gegensatze zu dem ernsten 
Spiel in der Praxis bezeichnet Hainhofer in den nachfolgenden Zeilen die theo- 
retischen Schachübungen als Knrzweil. Das Auswendig-Spielen (in mente) scheint 
damals noch wenig bekannt gewesen zu sein. Nach A. von der Linde (Geschichte 
und Litteratur des Schachspiels, Berlin 1874) hatte damals eben die letzte Periode 
in der Entwicklung des Schachspieles begonnen, aus der das „vollendete Schach", 
wie wir es heute spielen, hervorging. 

3) Im Dienerbuch unter den Hofpredigera z. J. 1614 verzeichnet: Bernhard 
Ludwig Löhrer, Theol. Dr., . . . f I. April 1631. 

4) Hainhofer meint, dass Löhrers Predigt aus lauter Bibelsprüchen mit gegen- 
seitiger Beweiskraft (allcgatio) d. h. Konkordanzstcllcn bestanden habe. 

5) Das betr. Werk des Lamberti!» Thomas Schenckelius (1547 bis nach 1620), 
eines niederländischen Gelehrten (den Hainhofer vielleicht zu Köln seiner Zeit ge- 
hört hatte, da er ihn als seinen praeeeptor bezeichnet), ist 1613 zu Köln im Druck 
erschienen. 

6) D. h. als man die nur zum Anscbanen berechneten Tafel-Aufsätze mit sol- 
chen vertauscht hatte, welche zugleich verspeist werden konnten. 

7) Unter Colaziono hier wohl die Abendmahlzeit gemeint. 

Seite 801. 

1) Über den Tafel-Luxus s. oben Anm. 4 zu S. 288. 

2) Ostrica, Auster. 

3) Zur Ausschmückung der Tafel sind somit auch damals schon italienische 
Blumcnstriiusse (mazzolini) verwandt worden, deren Import beute bekanntlich einen 
gewaltigen Umfang genommen bat. 

4) condierte eingemachte, candierte verzuckerte Früchte. 

5) Sonst unbekannter Name für eine antike Gesteins-Art (vgl. unten S. 308 
Anm. 12). 

6) D. h. die Ansatzstelle des Blasrohrs. 

7) Die Troni eine alte venezianische Familie. Über den damals offenbar in 
grossem Ansehen stehenden Goldschmied Luca Trono habe ich nichts näheres in 
Erfahrung gebracht. Derselbe scheint auf der Reise zum Herzoge von Lothringen 
begriffen, gerade während der Festlichkeiten nach Stuttgart gekommen und als 
Gast bei Hofe aufgenommen zu sein (s. S. 302). 

8) Vecchiotto, rüstiger Alter. 

9) Alexander Abondio, wahrscheinlich der Jüngere, da der Altere bereits lß06 
gestorben zu schein scheint. Derselbe war eine der namhaftesten Wachsbossierer 
vom Anfang des XVII Jahrhunderts, anfangs am Wiener Hof, zu unserer Zeit wahr- 
scheinlich schon beim Herzoge Max von Baiern in München thätig, woselbst er 
(nach Sandrart) i. J. 1075 gestorben ist. Näheres über die 4 (oder 3) Träger des 



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328 — 



Namens Abondio in Meyers Allgem. Künstler-Lexikon I 28 ff. In München und Wien 
befinden sich noch einige auf unseren Meister zurückzuführende Kunstgegenstände; 
über den Verbleib der offenbar gleichfalls wächsernen Gruppe der Venus mit dem 
Kupido, welche Hainhofer einige Zeilen später erwähnt, habe ich in Stuttgart nichts 
in Erfahrung bringen können. 

10) An Einen etwas frümmen (oder frommen) soviel als: bei ihm etwas be- 
stellen (Schmellerl, 819). 

Seite 802. 

1) D. h. Die Geländer der Arkaden, die, wie wir gesehen haben, den Schloss- 
hof auf 3 Seiten in drei Etagen übereinander umgaben. 

2) Uber die beiden bis in das vorige Jahrhundert hinein reichenden Fechter- 
Innungen der Federfechter und Marxbrüder s. Karl Wassmannsdorff, Sechs Fecht- 
schnlcn der Marxbrüder und Federfechter u. s. w. Heidelberg 1870. Das Wort 
Federfechter, seit dem Jahre 1574 nachweisbar, stammt danach nicht von einer be- 
sonderen Waffe, sondern von dem heiligen Veit her, den die an der Spitze der 
Federfechter stehende Präger Innung zu ihrem Patron gewühlt hatte, ebenso wie 
die hauptsächlich in Frankfurt ansässigen Marxbrüder sich nach ihrem Patron 
St, Markus nannten. Die Viter- oder Veiterfechter in Prag führten eine Schreib- 
feder in ihrem Wappen, die ursprüngliche Ableitung des Namens scheint also 
bald schon in Vergessenheit geraten zu sein. Die Waffen (s. n.) beider Fechter- 
schulcn waren nach Wassmannsdorff dieselben. Die „Schulen" bestanden in Fecht- 
vorstellungen, bei welchen in der Regel nur die berufsmässigen Fechter beider Ge- 
nossensshaften um ausgesetzte Preise gegeneinander stritten. Nach Assum, der 
diese späteren Ereignisse nur ganz flüchtig berührt, war die Hauptperson dabei ein 
Fechtmeister von der Feder aus der herzoglichen Leibgarde. 

3) Die Waffen waren somit sehr mannigfaltige: teils Stosswaffen wie der 
Dusaggc (Disak, Disecken, Dnsek, Duseke), ein kurzer Stossdegen und der Dolch, 
teils Hiebwaffen, wie das Rappir und das lange Schwert. Daneben auch noch Lan- 
zen und Helleparten zum Stechen. 

4) Vgl. die Beschreibung derselben auf S. 280 f. 

5) Guet französisch = Wache, Wächter; vgl. Du Gange s. v. Wachae und Littre 
s. v. guet. Möglicherweise ist aber auch der im Fourierzettel erwähnte Kammer- 
junker des Herzogs Ludwig Gut gemeint. 

6) Wahrscheinlich der im Dienerbuch (S. 61) z. J. 1663 erwähnte Gelehrte 
und Ober-Rath Dr. Joachim Christian Neu. 

7) Dies Schlnss-Feuerwerk wurde in der alten Rennbahn (Nr. 8 auf unserem 
Plane) abgebrannt, über welche man sowohl vom alten Flügel des Schlosses als auch 
von dem Schickhardschen Neuen Baue (Nr. 2 auf unserem Plane) aus eine gute Über- 
sicht hatte. Das Feuerwerk-Schiff, welches ursprünglich bereits bei Gelegenheit 
der Hochzeit des Landesherrn i. J. 1609 hatte abgebrannt, werden sollen, war die 
ganze Zeit über in einem Schuppen hinter der Reitbahn aufbewahrt worden, bis 
es dann bei dieser festlichen Gelegenheit Verwendung fand. Über und über mit 
Raketen, Kanonenschlägen u. dergl. angefüllt und auf einem kleinen Teich schwim- 
mend scheint es zwei Stunden lang sich gegen die in den gegenüberliegenden Wein- 
bergen aufgestellten Mörser, Falkonet und Böller verteidigt zu haben, bis alles mit 
gewaltigem Krachen in die Luft geflogen ist (Assum). 

Seite 303. 

1) Offenbar dieselbe gedruckte Liste, die ich oben S. 298 Anm. 6 erwähnt habe. 

2) Kalte Küche, wie wir heute noch sagen. 



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- 329 - 



3) Beide Herrschaften, der Markgraf und der Kurfürst, kehrten somit auf dem- 
selben Wege heim, auf dem sie gekommen waren. 

Seile 304. 

1) Der Herzog hat also nur scheinbar Abschied genommen und ist mit Kil- 
post nach Vaihingen heimlich hinterher gereist, um mit dem Kurfürsten und der 
Prinzessin dort noch den Abend über zusammen zu sein. 

2) Wörtlich so im Italienischen: far buon ciera (cera) = Bichs wohl gehen 
lassen; cera Gesichtsfarbe, Aussehen, Miene. 

3) Hainhofer betont hier mit Absicht, daas die frühere, echt deutsche Sitte 
bezw. Unsitto des Zutrinkens nicht mehr befolgt wurde. Nicht nur dass dabei in 
der Regel infolge des gegenseitigen Schraubens unmässig viel getrunken wurde, 
man führte dabei auch allerlei derbe und „gotteslästerliche 1 ' Reden, die den Ohren 
der feiner gebildeten englischen Prinzessin nicht sonderlich behagt haben würden. 
Vom Heidelberger Hofe aus war früher schon einmal (1571) eine Reaktion gegen 
das übermässige Trinken, gegen den Sauftcufel, wie Luther ihn nennt, ausgegangen, 
ohne indeBS dauernden Erfolg gehabt zu haben (s. L. Hiiusser, Geschichte der rhei- 
nischen Pfalz, Heidelberg 1845 I, 589, sowie II, 235 ff. Vgl. auch Baltische Studien 
1834 S. 172 Anm. zu S. 21 und 22). 

4) Derartige anscheinende Nebendinge berichtet Hainhofer mit absichtlicher 
Genauigkeit, da es mit zu seiner Aufgabe gehörte, den Herzog bezüglich der Mode 
und Etiquctte an den süddeutschen Höfen auf dem Laufenden zu erhalten. 

5) Die Kurfürstin drückt ihr Bedauern aus, dass die Herzogin von Württem- 
berg nicht bei dieser Abschiedsfeier zugegen war. 

6) Wie wir gesehen hüben (oben S. 266), waren täglich 1605 Personen und 
1729 Pferde zu verköstigen. 

7) Vgl. oben stehende Anm. 3. 

Seite 305. 

1) Vgl. oben S. 262. 

2) Die „alte" Kantzlei (Nr. 4 auf unserm Plane) gegenüber dem westlichen 
Haupteingange zum Schlosse am Schlossplatz gelegen, von Herzog Ulrich seit 1513 
erbaut und 1684 nach einem Brande wiederhergestellt (s. Lübke a. a. 0. 1, 370 ff.). 

3) Dauern, leid sein. 

4) D. h. des „gemeinen Wesens'' (der Union) wegen. 

5) Nämlich zu Johann Siegmund (1572 — 1619), der 1608 seinem Vater Joachim 
Friedrich in der Kur gefolgt und somit ein Neffe des Markgrafen Joachim Ernst 
von Ansbech war. 

6) Der Markgraf hatte sich 1612 mit Marie, des Grafen Johann Georg von 
Solms Tochter, verehelicht. 

7) Ansehnliche Herrschaft in Ober-Elsass, deren Herrengeschlecht im letzten 
Viertel des XVII. Jahrhunderts ausstarb. 

8) Dass diese Angaben den thatsächlicheu Verhältnissen nicht entsprachen, 
ist oben (S. 267) bereits hervorgehoben worden. 

9) Ein Georg Donauer wird um 1611—13 als „llof-Konterfator" erwähnt; siehe 
Beschreibung des Stadtdirektionsbezirks Stuttgart 1856 S. 250. Derselbe Georgius 
Thonauwer nennt sich auf dem Titelblatt des Hulsenschen Kupferwerkes ; das unsere 
Tauffestlichkeiten behandelt, als Inventor. 

10) Im Dienerbuche werden drei Werkmeister dieses Namens erwähnt: 1611 
Kaspar Kretzmayer f 1635, 1619 Hanns Kretzmayer f 1620 und 1630 Hanns Kretz- 
mayer der Jüngere f 1635. 



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— 330 — 



11) ruminare eigentlich vom Viel» gebraucht = wiederkäuen, dann auch: in 
Gedanken wiederkäuen d. h. immer wieder durcharbeiten. 

12) Ketten. 

13) Wahrscheinlich der im Dienerbuche zum Jahr 1608 unter den Leib- und 
Hof-Medicis erwähnte Dr. Johann Andreas Senger, f 1622. 

14) Nachdem die Hoffestlichkeiten vorüber sind, speist Hainhofer bei seinem 
ehemaligen Präceptor und Quartierwirt. 

Seite 306. 

1) Von seinem Ausfluge nach Vaihingen. 

2) Hainhofer meint den St. Leonhaids-Kirchhof in der Esslinger Vorstadt, auf 
dessen Vorhof ein berühmtes steinernes Krucifix stand. Dasselbe, bereits zu Merians 
Zeit draussen vor den Chor vou St. Leonhard versetzt, ist wegen seines schlechten 
Zustandes auf Vorschlag des Prof. Dondorf vor kurzem durch eine vom Bildhauer 
F. Reichelt in Stuttgart gefertigte Kopie ersetzt worden. Wir sehen Christum am 
Kreuze, rechts davon Maria, links Johannes und Magdalena davor auf den Knieen, 
den Kreuzesstamm inbrünstig umschlingend. Der Kopf des Heilands ist am besten 
gelungen, das übrige Figürliche zum Teil erstaunlich roh und ungeschickt, der 
Kunstwert im Ganzen ein geringer. Über den Ursprung dieses Werkes sind Yer- 
sc-hiedene Sagen im Umlauf; Hainhofer bringt eine bisher unbekannte neue Er- 
zählung darüber, deren Wiedergabe wir im Text einiger anstössiger Stellen halber 
ausgelassen haben. Danach hätte ein württembergischer Edelmann dies Krucifix 
als Sühne für ein von ihm an einer Magd begangenes Verbrechen errichten lassen 
und dazu jährlich 100 fl. Almosen gestiftet. Die im Rathause zu Stuttgart auf- 
bewahrte Chronik nennt dagegen die Eheleute Jakob und Klara Walter, genannt 
Kuehorn von Fewerfeld als die Stifter des Werkes. Auch über den Urheber des 
Werkes herrscht keine Gewissheit. Auf einer bei Iletscbel in Stuttgart erschienenen 
älteren Abbildung wird ein Nicodemus Kölle aus Mainz (in den Jahren 1500—1503) 
als Verfertiger genannt. Hainhofer zufolge war es jedoch derselbe Künstler, „so 
den künstlichen Oelberg zue Speyer gemacht". Letzteren habe erst Herzog Lud- 
wig (1554 — 93) an deu Bischof von Speyer verkauft, der ihn dann später nicht 
wieder habe zurückgehen wollen. Der letztere Teil dieser Nachricht, die Hainhofer 
vom Herzoge selbst erhalten haben will, rauss freilich auf einem Irrtum beruhen, 
denn über die Stiftung und Errichtung des weitberühmten Speyerer Ölbergs, der 
heute nur noch in traurigen Resten vorhanden ist, sind wir genau unterrichtet 
(s. A. Schwartzenbergcr, der Ölberg zu Speyer, Speyer 1866 S. 63 f. sowie: die 
Baudenkmale in der Pfalz, Band II 1889 S. 14 ff.). Wie aus den betr. Aktenstücken 
des General-Landesarchivs zu Karlsruhe hervorgeht, wurde „die Visserung" (Visie- 
rung d. i. der Plan) zu dem Speyerer Ölberg „durch den Meister Hansen von Hcyl- 
pronnen" im Jahre 1505 entworfen, aber erst 1509, wahrscheinlich nachdem der 
genannte Meister gestorben war, das Werk durch einen Meister Lorenz von Mainz 
in Angriff genommon und innerhalb zweier Jahre vollendet. Von einem Ver- 
kaufe dieses Kunstwerkes an den Bischof von Speyer in der zweiten Hälfte des 
XVI. Jahrhunderts kann somit keine Rede sein. Dagegen findet die Angabe Hain- 
hofers, dass das Stuttgarter Krucifix und der Speyerer Ölberg von demselben Meister 
herrührten, eine Bestätigung in einer Notiz der oben erwähnten Stuttgarter Chronik, 
die im Rathaus daselbst aufbewahrt wird. Es heisst dort: „Der kunstreich Meister, 
so denn Ölberg zue Speyer am Thumb gemacht, hat diss Werkh (das Krucifix 
bei St. Leonhard) auch gefertigt urd zwar laut eingehauner Jahreszahl 1501" (vgl. 
H. Wagner, die Kreuzigungsgruppen ... zu Frankfurt a. M., Wimpfen und Mainz, 
Darmstadt 1886 S. 25). Somit würde entweder der schwäbische Meister Hans von 



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— 331 — 



Ileilbronn oder Meister Loreitz von Mainz auch als der Künstler des Stutt- 
garter Bildwerks zu betrachten sein. Freilich ist die vermutlich von dem schwä- 
bischen Historiographen Gabelkhofer (f 1616) verfertigte Stuttgarter Chronik kein 
ganz unverdächtiger Zeuge. 

3) Wahrscheinlich der grosse Nordostturm, der an die herzoglichen Gemächer 
anstiess und durch Querwände in mehrere Abteilungen geteilt war. Der bisher un- 
bekannte nachstehende Bericht ist der älteste, den wir über die Schätze des von 
Friedrich I, dem Vorgänger und Vater des damals regierenden Herzogs Johann 
Friedrich, begründeten Kunstkabiuets besitzen. Auch Stalin kennt ihn nicht, welcher 
im Jahrgang 1837 der Württembergischen Jahrbücher (S. 335 ff.) die Entstehung 
und Schicksale der Königl. Münz- Kunst- und Altertümer Sammlung in Stuttgart 
behandelt hat. Wie nachstehender Bericht ergiebt, traten die eigentlichen Kunst- 
gegenstände höherer Gattung dabei sehr in den Hintergrund, und es überwiegen 
Gegenstände, die wir heute in Naturalien-, Münz- und Waffensainmlungeu suchen 
würden. Die Hainhoferschen Aufzeichnungen habeu um so höhere Bedeutung, weil 
sie den vor Ausbruch des dreissigjährigen Krieges vorhandenen Bestand feststellen, 
und weil einzelne Stücke dieses ältesten Bestandes sich noch heute in den König- 
lichen Sammlungen, teils in der Altertümersammlung, teils im Xaturalienkabinct 
mehr oder minder sicher nachweisen lassen, wie Verfasser an Ort und Stelle unter 
gütiger Leitung des jetzigen Direktors der Königlichen Staatssammlung vaterländi- 
scher Kunst- und Altertumsdcnkmale, des Herrn Prof. L. Mayer in Stuttgart fest- 
zustellen Gelegenheit hatte. Dass dies nur bei einer verhältnissmässig kleinen Zahl 
von Gegenständen mit Sicherheit möglich war, liegt zum Teil daran, dass im Laufe 
der Jahrhunderte und im Sturm der Zeiten so manches Kleinod verschwunden ist, 
teils aber auch an der unklaren und Bummarischen Beschreibung Hainhofers. Wollte 
er doch auch seinem Herzog nicht oinen Katalog, sondern nur eine flüchtige Über- 
sicht über den Umfang und die Bedeutung der herzoglichen Kunstkammer geben 
in derselben Weise, wie er im Jahre 1611 über die Münchener Kunstkammer be- 
richtet hatte (s. Haeutle a. a. 0. S. 84 ff.). Dass der Herzog Philipp selber ein eifri- 
ger Sammler war, haben wir oben bereits hervorgehoben, ebenso dass Hainhofers 
im 2. Jahrgang der Baltischen Studien (1834) veröffentlichtes Reisetagebuch die 
Hauptquelle auch für die Kenntnis dieser reichhaltigen ehemaligen Stettiner Samm- 
lung bildet. 

4) Kleine Truhe, Lade, Schachtel. 

5) Knochen von paläontologischen Tieren. 

6) Johannes Schwegler, ein Augsburger Künstler, der auch hei der Anferti- 
gung des Pommerschen Kunstschrankes mehrfach erwähnt wird. Er scheint in 
B ossier- Arbeiten in Wachs sich besonders ausgezeichnet zu haben (s. unten 8. 30!)). 
Nagler (Künstlerlexikon) kennt ihn nur von seiner ThiUigkcit am Pommerschen 
Kunstschrank her (vgl. Haeutle a. a. 0. S. 32). 

7) Achilles Langenbucher, seit 1610 Augushurger Bürger, Goldschmied und 
„geschickt im Pausieren". „Die erhebte Landschaften" waren kleine wohl in Silber 
getriebene Plaketten mit landschaftlichen Darstellungen. Derselbe war auch am 
Pommerschen Kunstschrank, sowie am Meyerhof mit beschäftigt ; Hainhofer klagt 
jedoch : „Achilles wartet von morgens bis Abends dem Sauffen ob und holt sein 
Miserere im Wirthshaus" (s. Jahrb. d. K. Pr. Ksts. 1883 S. 9 und 1884 S. 45). In 
späterer Zeit waren die Spezialität dieses Meisters Spieluhren und dergl. selbst- 
spielende musikalische Instrumente (s. P. von Stetten d. J. Kunst, etc. Geschichte von 
Augsburg, Augsburg 1779 I 190, sowie Haeutle a. a. 0. S. 30). 



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— 332 - 



Seite 307. 

1) Im Sehickhardt'schen Neuen Baue (s. oben S. 280). 

2) Brasseme wohl verderbt aus Prascin = lauebgrüner Quarz. 

3) rimesso, eingelegte, musivischc, Mosaik-Arbeit. Zwei dieser Pracht-Tische 
im K. Naturalienkabiuet noch vorhanden. 

4) Offenbar der schwarze Lapis Lydius, der sog. Probierstein. 

5) Über Giovannis Beziehungen zu dem Herzog Friedrich von Württemberg 
s. oben Anm. I zu S. 279. Das erwähnte „Pferdt" dürfte identisch sein mit dem 
heute noch vorhandenen sich bäumenden Bronce-Rosse (Nr. 25) in der Kgl. Alter- 
tumssammlung; von dem Verbleib der Gruppe des Centaurn Ncssus mit der Deia- 
neira — Hainhofer verwechselt Herkules mit Odysseus — habe ich keine Spur ent- 
decken können. 

6) Bildlen di brunzo wohl = Plaketten, deren sich noch heute eine massige 
Anzahl in der K. Altertumssammlung betindet. 

7) Von diesen beiden Stufen oder Drusen scheint eine erhalten, freilich nicht 
mit Granaten oder Smaragden (Schmarill oder Schmarall), sondern mit Amethysten 
= „Zünken" besetzt. 

8) Audi eine solche mit eingelegten antiken Münzen verzierte Schaale ist 
noch vorhanden. 

9) Schnaupe, Schneppe d. i. der schnabelförmige Ausgussteil. 

10) Von diesen Kristallgcfässen mit mehr oder minder reichen Verzierungen 
sind noch eine Anzahl erhalten. 

11) Die ganze Stelle unklar. Es haudelt sich offenbar um den Kopf eines 
Narwals, der damals für das in der Bibel aufgeführte fabelhafte Einhorn gehalten 
wurde. Der erwähnte Zahn, in Metall montiert, ist heute noch vorhanden, medulla 
= das Mark, das Innere. 

12) Wohl so zu verstehen, dass dieser Einhornkopf mehr wert sei als der Kopf 
eines Flusspferdes und deshalb in einem Futteral von rotem Sammt, mit einem Über- 
zug darüber aufbewahrt werde. 

Seite 808. 

1) Nach dem französchen salicre = Salzfass. 

2) Eine Münz-Sammlung, deren einzelne Stücke in metallene Platten frei ein- 
gelassen, vorn und hinten frei sichtbar waren; die einzelnen Tafeln wurden darauf 
zu einem Band zusammengesetzt. 

3) cn relief, erhöht, im Gegensatz zu dem wenige Zeilen weiter folgenden 
„eiuwärts" d. h. vertieft geschuitten. 

4) Botenschild (?) 

5) Türkis. 

6) Beides noch vorhanden. 

7) Ein Tafel-Service mit jener feinen Email-Malerei, welche bereits Ende des 
XV. Jahrhunderts in Limoges aufgekommen war; nicht mehr nachweisbar, ebenso- 
wenig wie das erwähnte Porzellanservice. 

SJ Wir pflegen diese Strahl- oder Wettersteine (Belemniten) Donnerkeile zu 
nennen. Da man glaubte, dass diese teils zufällig entstandenen, teils von Menschen- 
hand aus verschiedenen Mineralien gefertigten eigentümlichen Formen sich bei Ge- 
witter in den Wolken bildeten und auf die Erde herabfielen, waren dieselben Gegen- 
stand mannigfaltigen Aberglaubens. Daher auch der Name: Teufelsfinger. 

9) Ein Hufeisen konnte an so hoher Stelle natürlich nur von einer Zauberin 
oder Hexe bei ihrem Austritt verloren sein. 

10) Das Wort dinten kommt u. A. auch in der zweiten von Haeutle veröffent- 



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lichten Relation vor (a. a. 0. S. 87). Bedeutung bisher unbekannt; jedenfalls nicht 
verschrieben, wie Haeutle annimmt. 

11) Kleine Truhe, Truhlein. 

12) Unbekannt (s. oben S. 302 Anm. 5). 

13) Siegel- oder Bolarerde. 

14) Also wohl antike Gegenstände, da die Herkunft, bezw. Herstellung der terra 
sigillata der Römer noch nicht wieder entdeckt ist. 

15) Augstein (gewöhnlicher agstein) = Bernstein. Dieser wurde im Mittelalter 
oft mit Achat, Gagat und Magnet vermengt und danach benannt (Grimm). 

Iß) Von den Brettspielen ist das eine erhalten; dazu zwei Figuren- Partieen, 
die eine aus braunem durchsichtigen und aus gelb-opakem Bernstein, die andere 
aus weissem Achat und Karneol gefertigt. 

17) Unbekannte Bezeichnung für irgend ein Fabeltier. 

18) menabrium (oder menebrium wie es in der Heidelberger Abschrift heisst) 
ist nicht nachweisbar, vielleicht verschrieben für manubrium Handhabe, Grifl", Heft. 

19) Derselbe sonst unbekannte Künstler auch in der zweiten von Haeutle ver- 
öffentlichten Relation (a. a. O. S. 89) erwähnt. 

20) Ansichten von Luzern und Malta auf Glas gemalt, vielleicht auch in Glas 
geritzt oder geschliffen. 

21) Bysem = bisam. Der Moschus spielte damals nicht nur als Parfümerie- 
sondern auch als Arznoi-Artikel eine grosse Rolle. Auch fertigte man daraus allerlei 
Luxusartikel: Knöpfe, Ketten (Haeutle a. a. 0. S. 142 und Baltische Studien II, 28), 
Figuren (Lessing a. a. 0. S. 52) u. dergl. m. an. Zu welchem Zwecke unsere „Handt 
auss Bysem" gedient haben mag, ist nicht klar. 

22) Stück versteinerten Holzes iu reicher Fassung. 

Seite 30». 

1) Leider fehlt hier eine nähere Angabe. Jetzt befinden sich in der betr. 
Abteilung nur noch wenige Gemälde mittleren Kunstwertes, darunter auch einige 
Portraits, so u. A. von dem römischen König Ferdinand, der Königin Anna und Luther. 

2) Vgl. über diesen Künstler oben Anm. 6 zu Seite 306. 

3) Nicht näher nachweisbar, vielleicht ein Sohn unseres Kupferstechers Esaias 
von Hülsen. 

4) Über diese beiden berühmten Kunstwerke hatte Hainhofer bereits in den 
beiden Relationen v. J. 161 1 an den Herzog berichtet (Haeutle a. a. 0. S. 69 u. S. 42 f.). 

5) Die beiden Altartafeln sind heute noch vorhanden, dagegen scheint das ehe- 
malige Mömpelgartner Triptychon verloren. 

6) Gestüpp (Gestübb, Stubb) allgemein = Staub, Pulver, eiu besonders in der 
Hüttensprache üblicher Ausdruck; was hier in Verbindung mit Perlmutter-Einlage 
darunter zu verstehen ist, ist mir unklar. 

7) Wahrscheinlich derselbe niederländische Goldschnüed, den P. v. Stetten 
(Kunst- etc. Geschichte S. 466) als Landsmann, Vetter und Schüler des Andreas 
Attenstett nennt, und der um das Jahr 1610 Kammer- Goldschmied des Kaisers 
Rudolf II in Prag war. Hainhofer meint wohl die berühmte Kreuzabnahme des 
Daniele da Volterra in S. Trinita ai Monti in Rom, die im Geiste Michelangelos 
gearbeitet, meines Wissens aber diesem im Ernste niemals zugeschrieben worden ist. 

Seite 310. 

1) Die wiederholten Reisen des Herzogs Friederich (z.T. in Begleitung Schik- 
hards; 8. oben S. 279 Anm. 1) hatten reiche Gelegenheit zu Ankäufen geboten. 

2) Über diese beiden vom Herzoge von Stettin durch Hainhofer besorgten 
Kunstgegenstände, besonders über den Schreibtisch s. den betr. Aufsatz mit Abbil- 



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düngen von Jul. Lessing im 4. und 5. Bande des Jahrbuchs der Kgl. Preussiscben 
Kunstsammlungen. Der „Schreibtisch" befindet sich jetzt als sog. Pommerseber 
Kunstschrank im Berliner Gewerbe-Museum, der „Meyerhof*, ein vollständiges Mo- 
dell eines Hauernbauscs mit allem Zubehör in Edelmetall, ist verloren gegangen. 
Beide für die eigentümliche Geschmacksrichtung der Zeit charakteristischen Spiele- 
reien (vgl. auch die Erläuterung zu Seite 1 Zeile 5 auf S. 1G0 des 2. Bandes der 
Baltischen Studien 1833) waren damals in Augsburg unter Hainhofen Leitung noch 
in Arbeit, und wurden im folgenden Jahre persönlich von Hainhofer in Stettin ab- 
geliefert. 

3) Vgl. oben S. 2G8. 

4) Die Fürstliche Apotheke lag damals ebenerdig westlich neben der Schloss- 
kapelle. 

5) Wohl der im Fourierzettel unter den Obervögten erwähnte Christoph von 
Ilaugwitz, Übervogt zu Neuenburg. 

Seite 311. 

1) Die Einführung der Seiden-Industrie verdankt Stuttgart dem Herzoge Fried- 
rich I, der 1601 zu diesem Zweck eine Gesellschaft gründete. Seit 1611 führte 
unser Joliann Friedrich die Fabrikation auf eigene Rechnung weiter, bis die Stürme 
des 30jährigen Krieges auch dies Unternehmen lahm legten. (S. Pfaff a. a. 0. I, 
208 f.). Die Fabrikation wurde damals in dem sog. Stock, einem in der Liebfrauen- 
vorstadt gelegenen herzoglichen Hause, welches also mit dem „Seidin Haus" identisch 
sein dürfte, betrieben (s. Pfaff a. a, 0. 1, 62). Eine Seidenfabrik lag ehemals auch 
beim Rothenbildthor; 1741) in eine Kaserne umgewandelt (s. Pfaff a. a. II. 74). 

2) Meessene oder Messines (Lat. Messina) in Westflandern in der Nähe von 
Ypcrn gelegen, war zu jener Zeit durch seine Tuchfabrikation und seinen Tuch- 
handel weit berühmt. Diese flandrischen Tuche wurden, wie aus den folgenden 
Worten hervorgeht, in Freudenstadt nachgeahmt. 

3) Herr Eberhard von Limburg 8. oben S. 287 Anm. 3. 

4) Herr Burckhard von Erlach (laut Fourierzettel). 

5) S. oben Anm. 1 zu S. 292. 

6) Obrist Melchior von Reichaw f 1620. 

7) I). h. die oben mehrmals erwähnten Hofmeister der drei württembergischen 
Prinzen. 

8) Der gleichfalls öfter erwähnte Obrist-Kämmerer Christoph von Leiningen. 

9) Wahrscheinlich der Rat Hans Joachim von Grüenthal, im Dienerbuch zum 
Jahre 1605 als Obervogt in Wildtberg und darnach zum Jahre 1615 als Obervogt 
von Tübingen erwähnt. 

10) S. oben S. 300 Anm. 2. Das betr. Exemplar dürfte sich heute noch in der 
Wolfenbüttler Bibliothek befinden. 

11) impingere (ital.) = ummalen, falsch malen, falsch schildern. 

12) Au Stelle dessen scheint der Pfarrer Assum (s. o.S. 273) getreten zu sein. 

13) Hainhofer wählt denselben Weg zur Rückreise wie zur Hinreise, nimmt 
aber zum Teil andere Stationen; Ebersbach liegt halbwegs zwischen Esslingen und 
Göppingen. 

14) Halbwegs zwischen Göppingen und Geisslingen. 

15) S. oben S. 277 Anm. 6. 

16) S. oben S. 308 Anm. 15. 

Seite 312. 

1) Beltzcn, pelzen = setzen, pflanzen (Grimm, Schmeller u. A ). Beltzzweige 
liier wohl soviel als Pfropfreiser. 



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- 335 — 



2) calculus = das Steiucben; hier als Bezeichnung der Steinkrankheit ge- 
braucht. 

3) Der Ausdruck llafnersarbeit damals allgemein für Töpferwaren. 

4) Forhenne, gewöhnlicher Forchen oder Förch (ahd. forahana, forhina, mhd. 
vorhen) = Forelle. 

5) Krankheiten, bei deneu man liegt, Krankenlager. 

C) Hainhofer hebt dies hervor, da in dem protestantischen Württemberg der 
gregorianische Kalender noch nicht eingeführt war. Über die näheren Umstände 
der Einführung desselben in Augsburg im Jahre lf>S3 berichtet ausführlich P. von 
Stetten in seiner Geschichte der Stadt Augsburg 1743 I, 659 ff. 

7) S. oben S. 277 Anm. 5. 

8) Drei Meilen von Ulm am Einflüsse der Günz in die Donau, Hauptort der 
Markgrafschaft Burgau. 

9) Die Blaarer von Warteusee, ein altes, aus dem südlichen Schwaben stam- 
mendes Adelsgeschlecht 

10) Damals residierte in dem alten Schlosse Markgraf Karl von Burgau (f 1618) 
mit seiner Gemahlin Sibylla, Herzogin vou Jülich und Cleve. (Vgl. Merians Topo- 
graphia Sueviae p. 86.) 

11) Die Vices (d. i. die Stelle) vertreten, eine jener bei Hainhofer so beliebten 
Sprachmengungen. 

12) S. 293 Anm. 7 ist bereits ein in württembergischen Diensten stehender Au- 
gehöriger dieses weitverzweigten schwäbischen Adelsgeschlechtes genannt. Über die 
Persönlichkeit dieses Augsburger Geitzkoflers, bei dessen Hochzeit Hainhofer seinen 
Stettiner Herzog abermals zu vertreten hatte, sowie über dessen Beziehungen zu 
dem Stettiner Hofo habe ich nichts näheres in Erfahrung bringen können. Ein in 
Augsburg wohnhafter Zacharias Geitzkofler, Itcichspfennigmcistcr, welchem der bei 
Augsburg gelegene Ort Gailenbach angehörte, kam im Jahre 1600 wegen Gewalt- 
thätigkeit mit dem Magistrate von Augsburg in Streit (s. P. v. Stetten a. a. O. I, 756). 



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Die Verhandlungen des preussischen Abgeordneten- 
hauses über den Erlass von Stempelsteuern für 

Fideikominisse. 

Von 

Georg Meyer. 

Das preussische Stempelstcucrgesctz vom 7. Miirz 1822 bestimmt, 
dass bei Bestätigung von Fideikommissstiftungen eine Stempelsteuer 
von drei Prozent des jedesmaligen Wertes der zum Fideikommiss be- 
stimmten Gegenstände zu erheben ist. Im Laufe des verflossenen Win- 
ters wurde bekannt, dass dem Minister Freiherrn Lucius von Ballhausen 
der Betrag der Steuer für das von ihm begründete Familienfideikommiss 
erlassen sei. Wie sich bald herausstellte, stand der Fall keineswegs 
vereinzelt da; es war bei vielen derartigen Gelegenheiten in ähnlicher 
Weise verfahren worden. 

Infolge eines Antrages des Abgeordneten Richter wurde die An- 
gelegenheit in der Sitzung des preussischen Abgeordnetenhauses am 
21. Januar 1891 einer eingehenden Erörterung unterzogen. Der Antrag- 
steller erklärte derartige Erlasse für unzulässig. „Ich leugne, sagte er, 
dass es ein Recht der Regierung gibt, von einer allgemein verbind- 
lichen, im Gesetze ausdrücklich ausgesprochenen Steuerpflicht Einzelne 
zu dispensieren, es sei denn, dass in den betreffenden Gesetzen selbst 
der Regierung eine solche Vollmacht erteilt ist." (Sten. Ber. S. 413.) 
Er berief sich namentlich darauf, dass die Gesetzgebung seit dem Er- 
lass der Verfassung durch den König in Verbindung mit dem Landtag 
ausgeübt werde und dass es dem Wesen und Zweck solcher Gesetz- 
gebung widerspreche, wenn Einzelne von der Bofolgung der mit allge- 
meiner Verbindlichkeit orlassenen gesetzlichen Vorschriften im Wege 
der Gnade dispensiert würden. 



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— 337 — 



Diesen Ausführungen trat Finanzminister Dr. Miquel mit folgender 
Deduktion gegenüber. In Preussen sind die Rechte der Krone nicht 
durch die Verfassung entstanden, sondern waren vor derselben vor- 
handen. Sie sind also insoweit bestehen geblieben, als sie nicht durch 
die Verfassung aufgehoben oder beschränkt wurden. Vor dem Erlass 
der Verfassung war die Krone, wie sie die Gesetzgebung handhabte, 
um so mehr berechtigt in Einzelfällen Ausnahmen in der Ausführung 
der Gesetze zu machen. So besass dieselbe namentlich auch die Be- 
fugnis, Steuern zu erlassen; die Gesetze, welche die Ausübung dieser 
Befugnis regelten, insbesondere die Begierungsinstruktion vom 23. Ok- 
tober 1817 § 21 und dio Instruktion der Oberrechnungskammer vom 
18. Dezembor 1824, setzen das betreffende Kronrecht stillschweigend 
voraus. Nun ist in der Verfassung kein Artikel vorhanden, der dieses 
Recht aufhebt, also besteht es auch nach Erlass der Verfassung un- 
verändert fort. Es bedurfte keines ausdrücklichen Gesetzes, um dasselbe 
zu bestätigen oder einzuführen. 

Der Entwicklung der preussischen Verfassung stellt der Finanz- 
minister die Entwicklung anderer Länder, namentlich Belgiens, gegen- 
über, wo die königlichen Rechte durch die Verfassung entstanden sind, 
also nur soweit gehen, wie sie die Verfassung ausdrücklich anerkennt 
und konstituiert. 

Der Ausgangspunkt der Miquel'schen Erörterungen ist unzweifelhaft 
richtig gewählt. Die königlichen Rechte sind in Preussen nicht erst 
durch die Vcrfassungsurknnde geschaffen worden, sondern haben vor dem 
Erlass derselben bestanden. Dio Verfassung enthält nicht eine Konsti- 
tuierung, sondern eine Beschränkung der königlichen Befugnisse. Auch 
die Gegenüberstellung der preussischen und belgischen Verfassung ist 
vollkommen zutreffend. Trotzdom sind die Folgerungen, wolcho der 
Finanzminister aus diesen Prämissen zieht, nicht unbedingt zutreffend. 
Die königliche Gewalt besteht fort, sofern sie nicht durch die Verfas- 
sung beschränkt ist. Aber muss diese Beschränkung gerade auf einem 
ausdrücklichen Ausspruch der Verfassung beruhen ? Das wird man kaum 
behaupten können. Auch wenn die förmliche Aufhebung eines könig- 
lichen Rechtes durch positive Verfassungsbestimmungen nicht statt- 
gefunden hat, kann sich die Beseitigung desselben doch als eine not- 
wendige Konsequenz anderweiter Verfassungsvorschriften ergeben. Es ist 
richtig, dass keine ausdrückliche Vorschrift in Preussen existiert, welche 
das Recht der Krone zu Steuererlassen aufgehoben hat. Aber wir dürfen 
trotzdem die Frage aufwerfen : Ist nicht durch die Grundsätze über die 



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— 338 - 



Ausübung der Gesetzgebung, über die allgemeine Verbindlichkeit der 
Gesetze dieses Recht beseitigt oder beschränkt worden? Zu diesem 
Zweck wird es notwendig, zunächst den rechtlichen Charakter der Steuer- 
erlasse näher festzustellen. 

Bei den Erörterungen im Abgeordnetenhause hat der Finanzminister 
das Hecht der Krone zu Steuererlassen als „ein Gnadenrecht auf 
civilrechtlichem Gebiete" bezeichnet (Sten. Ber. S. 415). Diese 
Bezeichnung kann aber als eine zutreffende nicht angesehen werden ; 
mit Hecht ist daher auch schon in den Verhandlungen des Abgeordneten- 
hauses seitens der Abgeordneten Francke (Tondern) und Dr. Wind t- 
horst gegen eine derartigo Charakterisierung Widerspruch erhoben 
worden. Das Begnadigungsrecht des Landesherrn hat sich aus seiner 
Gerichtsherrlichkeit entwickelt ; es findet seine Anwendung nur auf dem 
Gebiete der Strafrechtspflege. Die Befugnis des Königs zu begnadigen 
ist durch Art. 40 der preussischen Verfassung ausdrücklich als fort- 
dauernd anerkannt worden, aber in solchen Worten, dass sie unzweifel- 
haft nur auf Erlass oder Milderung der Strafe bei verurteilten Ver- 
brechern bezogen werden kann. Eine analoge Ausdehnung des Be- 
gnadigungsrechtes auf andere Gebiete, insbesondere auf das der Steuer- 
verwaltung ist also unzulässig. 

Schon eher würde man sich damit einverstanden erklären können, 
wenn der Abgeordnete Francke den Erlass von Steuern als einen Akt 
der staatlichen Vermögensverwaltung bezeichnet. „Ein sol- 
cher Erlass von Forderungen, wenn er seitens des Staates vollzogen 
wird bezüglich fiskalischer Forderungen, ist, sagt er, kein Gnadenakt, 
keine Ausübung eines Majestätsrechtes, sondern ein ganz einfacher Akt 
der staatlichen Vermögensverwaltung." (Sten. Ber. S. 422.) In mehreren 
Staaten, heisst es weiter, übten Beamte, z. B. in Frankreich die Prä- 
fekten die Befugnis aus, derartige Erlasse zu verfügen; in Preussen 
überlasse man es beim Erlass von Domänenpachtgeldern den Regie- 
rungen, die dazu einen besonderen Remissionsfonds hätten. 

Dass es sich bei derartigen Erlassen um Akte der staatlichen Ver- 
mögens- oder, wie vielleicht noch besser gesagt würde, der Finanz- 
verwaltung handelt, mag zugegeben werden. Aber für die rechtliche 
Betrachtung ist damit schliesslich doch auch nur wenig gewonnen. 
Denn Akte der Vermögens- oder Finanzverwaltung können einen sehr 
verschiedenen rechtlichen Charakter haben. Insbesondere darf Domänen- 
und Steuerverwaltung nicht mit demselben rechtlichen Massstabe ge- 
messen werden. Die Domänen Verwaltung bewegt sich durchaus 



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- 339 — 



auf dem Boden des Privat recht es. Die Pachtverträge, welche in 
Bezug auf die Domänen abgeschlossen werden, sind gewöhnliche privat- 
rechtliche Rechtsgeschäfte, wie sie jeder private Grundeigentümer ab- 
schliessen kann. Sie unterliegen lediglich den Vorschriften des Privat- 
rechtes. Die Höhe der Pachtsummen beruht nicht auf einer gesetz- 
lichen Vorschrift, sondern auf einer vertragsmässigen Vereinbarung. Es 
ist durchaus konsequent, wenn der Behörde, welche mit den Pächtern 
die Pachtsnmme vereinbart, die Befugnis beigelegt wird, aus besonderen 
Gründen einen Nachlass an derselben zu gowähren. Ganz anders liegt 
die Sache auf dem Gebiete der Steuer Verwaltung. Diese bildet 
das in eminentem Sinne staatsrechtliche Gebiet der Finanzverwal- 
tung. Hier beruhen alle Grundsätze auf staatlichen Gesetzen. Der Er- 
lass einer Steuer ist also eine Abweichung von einer gesetzlichen Vor- 
schrift. Das preussische Stempelsteuergesetz vom 7. März 1822 schreibt 
vor, dass von Fideikommissstiftungen 3 Prozent des Wertes als Steuer 
erhoben werden sollen. Wenn diese Steuer dem Begründer eines Fidei- 
kommisses erlassen wird, so wird die fragliche Vorschrift für den kon- 
kreten Fall ausser Anwendung gesetzt. Einen Akt aber, durch welchen 
die Anwendung eines Rechtssatzes in einer einzolnen Angelegenheit aus- 
geschlossen wird, bezeichnet man als Dispensation. Steuererlasse 
fallen daher unter den Begriff der Dispensationen. 

Welche Grundsätze gelten nun aber für Dispensationen nach dem 
konstitutionellen Staatsrecht Deutschlands, insbesondere Preussens? Zur 
Erörtorung dieser Frage ist es notwendig, auf die geschichtliche Ent- 
wicklung einzugehen. 

Die staatsrechtlichen Schriftstoller aus der Zeit des alten deutschen 
Reiches pflegen die Frage der Dispensationen in Verbindung mit der 
sogenannten Privilegienhohoit zu behandeln. Sie legen dem Landesherrn 
die Befugnis bei, Privilegien und Dispensationen zu erteilen. In sehr 
klarer und durchaus zutreffender Weise spricht sich darüber Johann 
Jakob Moser aus. „Wer ein Gesetz machen kann, sagt er, der kann 
auch dagegen dispensieren. Und wer es nicht oder doch nicht allein 
machen kann, der kann auch nicht allein dagegen dispensieren. Dies 
ist eine Regel, welche die Natur der Sache selbst an die Hand giebt. M ) 
An einer anderen Stelle bemerkt er über das Wesen der Dispensationen : 
»Dispensation heisst, wenn ein Landesherr von der allgemeinen Regel 
eines Gesetzes, welchem alle oder doch gewisse Gattungen der Unter- 



1) Von der Landeshoheit in Regierungsstellen. Cup. IV § 4!) S. 310. 



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— 340 - 



thanen unterworff'en seynd, zum Vortheil einer einzelnen Person u. s. w., 
in einem einzelnen Fall oder in gewissen eine Ähnlichkeit habenden 
Fällen eine Ausnahmo macht, dass der Befreyte gegen das Gesetz han- 
deln darff, ohne sich dadurch eines Verbrechens oder der darauf ge- 
setzten Straffo schuldig zu machen." 1 ) Und auf die Frage übergehend, 
ob der Landesherr von Landesgesetzen dispensiren könne, führt er fol- 
gendes aus: „Daraus, dass ein Regent über disem oder jenem Gesetz 
der Landstände Gutachten erfordert hat, öder erfordern muss, folget 
noch nicht, dass also der Landesherr gegen ein solches Gesetz niemalen 
dispensiren dörffe; weil wir anderwärts gehöret haben, dass die Com- 
munication mit den Landständen zu dem Ende geschehe, 1. damit nichts 
gegen die Landesfreiheiten hineinkomme, 2. zu vernehmen, ob nicht 
noch etwas zu des Landes Bestem an die Hand gegeben werden könne; 
3. folglich der Landesherr nur in so weit an das Gutachten gebunden 
seye, als die Rechte des Landes und der Unterthanen darunter leiden 
würden : In so weit kann also auch ein Landesherr gegen seine Landes- 
gesetze nicht dispensiren; ausser demo aber hat er freye Hände." 2 ) 

Johann Jakob Moser leitet durchaus folgerichtig die Dispensations- 
gewalt der Landesherren aus ihrem Gesetzgebungsrecht her. In den 
Territorien der Reichszeit war der Landesherr Inhaber der Gesetz- 
gebungsgewalt. Selbstverständlich in denjenigen Ländern, wo sich eine 
absolut-monarchische Verfassung entwickelt hatte, wie in Preussen. Aber 
auch da, wo eine landständische Verfassung bestand. Denn die alten 
Landstände hatten — von ganz vereinzelten Erscheinungen, wie Ost- 
friesland und Württemberg abgesehen — keine entscheidende Stimme 
bei der Gesetzgebung. Ihrer Zustimmung bedurften Gesetze nur dann, 
wenn sie ihre eigenen Rechte und Freiheiten betrafen. Im übrigen waren 
die Stünde auf eine Meinungsäusserung beschränkt. Wenn aber der 
Landesherr kraft eigener Machtvollkommenheit befugt war, Gesetze zu 
erlassen, so konnte er auch die Geltung derselben im einzelnen Falle 
ausschliesscn. So hat sich denn die Moser'sche Ansicht bis zum Ende 
des Reiches behauptet. Noch der letzte Schriftsteller aus der Reichs- 
zeit, Justus Christoph Leist, steht durchaus auf diesem Stand- 
punkte. Da das Recht, Dispensationen zu verleihen, ein Ausfluss der 
gesetzgebenden Gewalt sei, so, bemerkt er, gebühre der Landeshoheit 
vermöge der ihr zustehenden Gesetzgebung das Recht ihren Unterthanen 



1) Von «1er Landeshoheit in Onadnnsarlien. ( ap. VIII § 2 S. 34. 

2) A. a. 0. § G S. 35. 



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nicht nur gegen die Landes- sondern auch gegen die gemeinen fremden 
und teutschen Reichsgesetze Dispensation zu erteilen. Nur gegen 
schlechterdings verbietende und gebietende Reichsgesetze, gegen die 
Landesverfassung und gegen wohlerworbene Rechte eines Dritten dürften 
sie nicht Verstössen. 1 ) 

Nach der Gründung des deutschen Bundes begann in den deutschen 
Staaten der Erlass konstitutioneller Verfassungen, durch welche die Ge- 
setzgebungsgewalt des Monarchen an die Mitwirkung des Landtages 
gebunden wurde. Man hätte denken sollen, dass infolge dessen auch 
eine Änderung in den Anschauungen über die Dispensation sbefugnisse 
eingetreten wäre. Zur Zeit der absoluten Monarchie oder der altstän- 
dischen Verfassung wurde der Landesherr für berechtigt gehalten, von 
Vorschriften der Landesgesetze zu dispensieren, weil er der alleinige 
Inhaber der Gesetzgebungsbefugnisse war. Diese Motivierung traf aber 
für einen konstitutionellen Monarchen nicht mehr zu. Da in den kon- 
stitutionell regierten deutschen Staaten Gesetze nur mit Zustimmung 
des Landtages erlassen werden durften, so hätte folgerichtig auch für 
jede Abweichung von einem Gesetz die Genehmigung des Landtages 
gefordert werden müssen. Diese Konsequenz hat aber die damalige 
Staatsrochtswissenschaft nicht gezogen. Sie hat vielmehr die Fortdauer 
des landesherrlichen Dispensationsrechtes auch nach dem Erlass der 
Verfassungen behauptet. Die namhaftesten Autoritäten auf dem Gebiete 
des deutschen Staatsrechtes haben sich in diesem Sinne ausgesprochen. 
So nimmt R. von Mo hl für den König von Württemberg in Ausübung 
seiner Befugnis dio Gesetze zu vollziehen das Recht in Anspruch, 
von den Vorschriften derselben in einzelnen Fällen zu dispensieren. 2 ) 
H. Zöpfl spricht dem Monarchen die Privilegienhoheit zu und be- 
hauptet, dass in ihr das Recht enthalten sei, Dispensationen von den 
Beschränkungen zu erteilen, welche prohibitive Civilgesetze festsetzten, 
jedoch nur insofern dadurch nicht Veranlassung zur Verletzung von 
Rechten gegeben werde, welche das Gesetz gegen alle Willkür von 
Privatpersonen sicher stollo oder insofern nicht durch den Wortlaut oder 
Geist der Civilgesetze selbst gewisse Arten der Privilegien als unstatt- 
haft ausgeschlossen seien oder erworbene Rechte Dritter verletzten. 
Dasselbe gelte hinsichtlich dos Nachlasses rückständiger Steuern, Ge- 
bühren, Abgaben, Sportein und dergl. 8 ) In ähnlicher Weise äussert sich 

1) Lehrbuch des toutschon Staatsrechtes. 2. Aufl. 1805. § 113 S. 354. 

2) Staatsrecht des Königreiches Württemberg. 2. Aufl. Bd. 1 1840 S. 209. 

3) Grunds, des gem. deutschen Staatsrechtes. 5. A. Bd. II. 18G3 § 481 S. G79. 

22 

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— 342 — 



H. A. Zachariae. Das Dispensationsrecht, d. h. die Befugnis, die An- 
wendung eines Gesetzes für einzelne bestimmte Fälle auszuschliessen 
könne nur dem Souverän oder Inhaber der gesetzgebenden Gewalt zu- 
gesprochen werden, welcher aber berechtigt sei, dasselbe auf seine Be- 
hörden zu übertragen. Die Grenzen des Dispensationsrechtes seien die- 
selben, welche für die gesetzgebende Gewalt überhaupt gälten. Auch 
stehe fest, 1. dass absolut rechtswidrige Handlungen, namentlich Ver- 
brechen, durch Dispensation nicht zu erlaubten gemacht werden könn- 
ten, 2. die Dispensation mit keiner Verletzung der Privatrechtssphäre 
eines Dritten verbunden sein dürfe, 3. der Regent nicht von einer durch 
die Verfassung sanktionierten, ihn selbst oder andere Personen verpflich- 
tenden Bestimmung, z. B. vom Verfassungseide, dispensieren könne, so 
weit er sich die Befugnis dazu nicht vorbehalten habe. Hiernach werde 
sich auch in Deutschland das im allgemeinen unentbehrliche Dispensations- 
recht des Landesherrn, welches unabhängig von ständischer Konkurrenz 
ausgeübt werde, beschränken auf Polizei-, Disciplinar- allenfalls auch 
Steuer- und solche Gesetze, welche die natürliche Rechts- oder Dis- 
positionsfähigkeit der Unterthanen einschränkten oder die Giltigkeit 
einer Handlung im öffentlichen Interesse von der Beobachtung gewisser 
Formen abhängig machten. 1 ) Endlich legt auch L. v. Könne noch in 
der 1869 erschienenen dritten Auflage seines Staatsrechtes der preus- 
sischen Monarchie dem Könige die Befngniss bei, von den Vorschriften 
der Gesetze zu dispensieren. 2 ) Er leitet diese ebenso wie Mohl aus der 
Voll/iehungsgewalt ab und meint, wenn die Verfassungsurkunde auch 
das Recht nicht ausdrücklich erwähne, so sei dasselbe doch schon dess- 
halb anzuerkennen, weil die Gesetze in mehreren Fällen darauf ver- 
wiesen. Übrigens verstehe sich von selbst, dass a) das Recht nicht 
ausgeübt werden dürfe, wo die Gesetze ausdrücklich jede Befreiung von 
einer darin enthaltenen Vorschrift untersagten oder wo die Verfassung 
eine unbedingt verpflichtende Bestimmung ausspreche; b) die Dispen- 
sation niemals mit einer Verletzung der Privatrechtssphäre eines Dritten 
vorbunden sei; und c) nicht ohne Grund bewilligt oder zur Umgehung 
der Gesetze gebraucht werden dürfe. 

Nach diesen Zeugnissen kann es keinem Zweifel unterworfen sein, 
dass bis gegen Ende der 60er Jahre dieses Jahrhunderts die communis 
opinio der deutschen staatsrechtlichen Schriftsteller dahin ging, es be- 



1) Deutsches Staats- und Bundesrecht. 3. Aufl. Bd. II 1867 S. 184 ff. 

2) Bd. I Abt. 1 S. 243. 



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— 343 — 



stehe auch in den konstitutionell regierten deutschen Staaten eine landes- 
herrliche Dispensationsgewalt. Insbesondere wurden, wie sich namentlich 
aus den Erörterungen Zachariaes und Zöpfls ergiebt, Steuernachlässe 
kraft landesherrlicher Machtvollkommenheit für zulässig gehalten. Die 
Motivierung dieser Anschauungen war allerdings keino überzeugende. 
Es ist ganz unmöglich, mit v. Mohl und v. Roenne die Dispensation s- 
befugnis aus der Vollziehungsgewalt abzuleiten. Denn eine Abweichung 
von einer gesetzlichen Vorschrift ist doch keine Vollziehung des Ge- 
setzes, sondern das gerade Gegenteil davon. Ebenso wenig kann das 
Dispensationsrecht des Landesherrn, wie Zachariae will, auf seine Eigen- 
schaft als Inhaber der gesetzgebenden Gewalt zurückgeführt werden. 
Denn wenn der Landesherr auch grundsätzlich als Inhaber der Gesetz- 
gebungsgewalt erscheint, so kann er diesolbe doch nur in Verbindung 
mit dem Landtage ausüben. Eine Berufung Zachariaes auf Moser ist 
ebenfalls nicht zutreffend, da seit Mosers Zeiten eine vollständige Um- 
gestaltung des öffentlichen Rechtszustandes stattgefunden hatte. Wenn 
endlich v. Roenne bemerkt, die königliche Dispensationsgewalt sei in 
einor Reihe von Gesetzen ausdrücklich anerkannt, so ist dem entgegen 
zu halten, dass die angeführten Gesetzo sämtlich aus der Zeit vor Er- 
lass der Verfassung herrühren. 

Die Theorie der genannten Schriftsteller ist demnach nicht aufrecht 
zu erhalten. Sie steht mit fundamentalen Grundsätzen dos konstitutio- 
nellen Staatsrechts in Widerspruch. Im modernen Verfassungsstaate 
wird die Gesetzgebung vom Monarchen in Verbindung mit der Volks- 
vertretung ausgeübt und an die Vorschriften der Gesetze sind alle Or- 
gane des Staates ausnahmslos gebunden. Man mag darüber streiten, 
ob die Dispensation ein Akt der Gesetzgebung oder ein Verwaltungsakt 
ist ; in keinem Falle lässt sich heute noch ein einseitiges Dispensations- 
recht des Monarchen behaupten. Wenn die Dispensation sich als Ge- 
setzgebung charakterisiert, so versteht sich von selbst, dass sie nur von 
den gesetzgebenden Organen ausgehen kann, der Monarch also zur Vor- 
nahme derselben der Zustimmung des Landtages bedarf. Aber auch 
wenn man sie als Vcrwaltungsakt ansieht, ergibt sich ein ganz ähn- 
liches Resultat. Denn die Verwaltung soll nach Massgabc der Gesetze 
geführt werden. Kein Verwaltungsorgan hat das Recht von den Vor- 
schriften derselbon abzuweichen, auch der Monarch nicht. Eine solche 
Abweichung ist nur zulässig, wenn das Gesetz oder ein demselben gleich- 
stehendes Gewohnheitsrecht dieselbe gestattet. Von diesem Standpunkte 
aus kann ein allgemeines Dispensationsrecht des Monarchen nicht mehr 



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344 - 



behauptet werden. Der Monarch kann allerdings die Befugnis besitzen, 
in einzelnen Fällen von der Strengo eines Gesetzes nachzulassen. Aber 
diese Befugnis muss immer auf einen speziellen Rechtssatz, also, wo 
nicht etwa ein unzweifelhaftes Gewohnheitsrecht besteht, auf eine be- 
sondere gesetzliche Vorschrift gestützt werden. Diese Grundsätze gelten 
auch in Preussen. Eine ausdrückliche Ausschliessung der königlichen 
Dispensationsgewalt, wie sie in England durch die declaration of rights 
oder in Belgien durch Art. 67 der Verfassung erfolgt ist, hat allerdings 
in Preussen nicht stattgefunden. Aber aus der Stellung des Königs zur 
Gesetzgebungsgewalt ergibt sich die Beseitigung derselben als eine un- 
abweisliche Konsequenz. Demnach kann der Krone das Recht, gesetz- 
lich bestehende Steuern zu erlassen nach Lage des heutigen Rechts- 
zustandes nicht mehr zugesprochen werden, und die diesbezüglichen 
Auseinandersetzungen des Abgeordneten Richter im preussischen Land- 
tage sind vollkommen zutreffend. 

Die Ansicht, dass die monarchische Dispensationsgewalt durch die 
Veränderung des staatsrechtlichen Rechtszustandes stillschweigend be- 
seitigt sei, wird auch fast von allen neueren staatsrechtlichen Schrift- 
stellern geteilt. Den Wendepunkt in der staatsrechtlichen Theorie be- 
zeichnet eine Abhandlung K. F. v. Gerbers über Privilegienhoheit und 
Dispensationsgewalt im modernen Staat, welche zuerst in der Zeitschrift 
für die gesamte Staatswissenschaft 1 ) veröffentlicht und dann in die 
gesammelten juristischen Abhandlungen des Verfassers aufgenommen 
ist. 2 ) Hier wird zuerst mit Klarheit und Entschiedenheit der Satz aus- 
gesprochen: „Der staatsrechtlichen Natur des Gesetzes im modernen 
Verfassungsstaate entspricht allein der Satz, dass nur noch in denjenigen 
Fällen dispensiert werden könne, wo das Gesetz oder überhaupt das 
geltende Recht dies ausdrücklich zulässt." 3 ) Dieser Auffassung haben 
sich fast alle Neueron angeschlossen, so namentlich H. Schulze 4 ), 
v. Sarwey 8 ), M. Seydel«), E. Loening 7 ), A. Arndt 8 ), P. Hin- 



1) Jahrgang 1871 S. 430 ff. 

2) S. 470 ff. 

3; Gesammelte juristische Abhandlungen S. 489. 

4) russisches Staatsrecht 2. AuH. Bd. II S. 61 ; Lehrbuch des deutschen 
Staatsrechtes Bd. I S. 536. 

5) Wiirtteiubergischcs Staatsrecht Bd. 11 S. 68 ff. 

6) Bayrisches Staatsrecht Bd. III S. 557 ff. 

7) Deutsches Verwaltungsrccht S. 227 ff. 

8) Verordnungsrecht des deutschen Reiches S. 231. 



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— 345 — 



schius 1 ) und Andere. 2 ) Auch L. v. Koenne hat in der 4. Auflage 
seines preussischen Staatsrechts dieselbe angenommen und behauptet 
demnach jetzt, dem Könige stehe das Dispensationsrecht nur insoweit 
zu, als es ihm ausdrücklich durch Gesetz beigelegt sei. 3 ) Nur ganz 
vereinzelt wird noch die ältere Auffassung vertreten. 4 ) Die communis 
opinio ist jetzt ebenso entschieden gegen die Annahme eines allgemeinen 
monarchischen Dispensation srechtes wie sie früher für dieselbe war. 

Auch ich habe nicht nur die jetzt herrschende Ansicht über das 
Dispensationsrecht in meinem Lehrbuch des deutschen Staatsrechts stets 
vertreten 5 ), sondern auch speziell über Steuererlasse in meinem Lehr- 
buch des deutschen Verwaltungsrechtes folgendes bemerkt 6 ): »Der Er- 
lass einer Steuer ist eine Dispensation von der Erfüllung einer staats- 
bürgerlichen Pflicht; er kann daher nur durch einen Akt der gesetz- 
gebenden Organe oder durch einen Verwaltungsakt auf Grund einer 
ausdrücklichen gesetzlichen Ermächtigung erfolgen." Ich habe diesen 
Äusserungen auch heute nichts hinzuzufügen. Zu demselben Resultat 
gelangt Born hak, der die hier erörterte Frage in einer vom kurzem 
veröffentlichten Abhandlung behandelt hat. 7 ) 

Als sich in Preussen die Praxis ausbildete, Steuern, insbesondere 
auch den für Fideikommisse vorgeschriebenen Stempel, durch königliche 
Akte zu erlassen, befand sich dieselbe in vollem Einklang mit den An- 
sichten der massgebendsten Schriftsteller auf dem Gebiete des deutschon 
und preussischen Staatsrechts. Es kann daher auch nicht der geringste 
Zweifel darüber bestehen, dass die Regierung, als sie das bisher übliche 
Verfahren einführte, im besten Glauben gehandelt hat. Seit jener Zeit 
hat in der Wissenschaft ein vollständiger Umschwung der Meinungen 
stattgefunden. Dass aber eine derartige Änderung der theoretischen 
Anschauungen gegenüber einer eingewurzelten Praxis völlig machtlos 
blieb, wird jeder, der weiss, wie derartige Fragen thatsächlich behandelt 
werden, durchaus begreiflich finden. Der Umschwung in den theoreti- 
schen Anschauungen erklärt auch, dass im Abgeordnetenhause die Ver- 



1) In v. Stengels Wörterbuch des deutschen Verwaltungsrechts Bd. I S. 278. 

2) Weitere Citate in meinem Lehrbuc'.i des deutschen Staatsrechtes 3. Aufl. 
S. 533 Anm. 5. 

3) Bd. I S. 453. 

4) v. Kirchenheim, Lehrbuch des deutschen Staatsrechtes S. 116. 

5) 3. Aufl. S. 533. 

6) Bd. II S. 191. Vergl. auch Staatsrecht S. 621. 

7) Archiv für öffentliches Recht Bd. VI S. 311 ff. 



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— 346 — 



treter beider Ansichten sich auf namhafte staatsrechtliche Autoritäten 
berufen konnten, ja dass beide Seiten v. Roennes preussisches Staats- 
recht für ihre Ansichten in das Feld führten. Der eine Teil hatte eben 
die neuere, der andere die alteren Auflagen benutzt. 

Wenn demnach auch nicht zu zweifeln ist, dass die preussische 
Regierung bei Ausbildung der bisherigen Praxis optima fide verfahren 
ist, so kann doch diese Praxis vom staatsrechtlichen Standpunkt aus 
nicht gerechtfertigt werden. Steuererlasse ohne gesetzliche Ermächti- 
gung sind im konstitutionellen Staate nicht zulässig. Nun werden aller- 
dings im Gebiete der Steuerverwaltung stets Fälle vorkommen, wo aus 
Billigkeitsgründen oder wegen Leistungsunföhigkeit Niederschlagung von 
Steucrboträgen angezeigt ist. Das hat namentlich der Abgeordnete 
Francke in durchaus zutreffender Weise ausgeführt. Aber diesen Be- 
dürfnissen kann nur durch eine gesetzliche Regelung Genüge geschehen. 
Für eine derartige gesetzliche Regelung in einem sogenannten Kompta- 
bilitätsgesetz hat sich auch das Abgeordnetenhaus auf Antrag des ge- 
nannten Abgeordneten ausgesprochen. Sollte die Staatsregierung sich 
geneigt zeigen, diesen Weg zu beschreiten, so würde näher zu erwägen 
sein, bei welchen Steuern und in welchem Umfange der Krone das 
Recht zu Erlassen beigelegt werden sollte. Speziell für Fideikommisse 
dürfte das Bedürfnis zu derartigen Erlassen wohl nur in sehr geringem 
Masse vorhanden sein. Gewiss lassen sich Fälle denken, wo auch bei 
Errichtung von Familionfideikommissen ein Steuererlass gerechtfertigt 
werden könnte, z. B. wenn es sich um die Anlegung einer Dotation 
handelte, welche einem verdienten Staatsmann oder Feldherrn aus öffent- 
lichen Mitteln gewährt wäre. Aber wenn, wie es scheint, in Preussen 
der Erlass des Fideikommissstempels zur Regel geworden ist, so geht 
das über das Mass des Zulässigen weit hinaus. Fideikommisse werden 
doch regelmässig nur von Personen errichtet werden, welche den wohl- 
habendsten Kreisen der Bevölkerung angehören. Der von der augen- 
blicklichen preussischen Regierung mit grossem Erfolg zur Geltung 
gebrachte Grundsatz, die Steuerlast möglichst auf die stärksten Schul- 
tern zu legen, spricht also entschieden dafür, Fideikommisse von der 
Steuerpflicht nicht freizulassen. Und so lange der Staat bei Veräusse- 
rung von Immobilien eine Verkehrssteuer in bedeutendem Betrage er- 
hebt, kann und darf er nicht darauf verzichten, die Errichtung der 
Fideikommisse, durch welche grössere Komplexo von Grundstücken un- 
veräusserlich werden, also aus dem freien Verkehr heraustreten, mit 
einer entsprechenden Steuer zu belasten. Möge darum die preussische 



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347 — 



Staatsregicrung die bisherige Praxis aufgeben und die leidige Frage 
möglichst bald einer gesetzlichen Regelung entgegen führen ! 



Nachtrag. 

Während des Druckes meines Artikels ist die denselben Gegenstand 
behandelnde Abhandlung von M. Joel, der gnadenweise Erlass von 
Steuern und Stempeln in Hirths und Seydels Annalen des deutschen 
Reiches 1891 S. 417 rT. erschienen. Die Aulfassung des Verf. weicht 
von der meinigen insofern ab, als er die Anwendung des Dispensations- 
begriffs auf die in Frage stehenden Akte für unzulässig hält. Er sagt 
in dieser Beziehung (S. 418, 419): „Die in Rede stehenden Gnaden- 
ordres des Königs sind überhaupt nicht Anwendungen des Dispensations- 
rechtes ; sie setzen nicht für den einzelnen Fall das Gesetz ausser Kraft, 
sondern sie beseitigen unter voller Anerkennung der eingetretenen Wir- 
kungen des Gesetzes diese Wirkungen wieder für den einzelnen Fall, 
sie enthalten keinen Gesetzgebungsakt, sondern eine Rechtshandlung des 
Königs. In besonders scharfer Weise, heisst es weiter, tritt dieser Unter- 
schied hervor bei der strafrechtlichen Begnadigung, wobei die gericht- 
liche Verurteilung des Angeklagten durchaus aufrecht erhalten wird 
und nur ihre Folge, die gerichtlich ausgesprochene Strafe, aufgehoben 
oder gemindert wird." Der Verf. unterscheidet demnach „die Ausser- 
kraftsetzung des Gesetzes für den einzelnen Fall" und den „Aus- 
schluss der Wirkungen des Gesetzes für den einzelnen Fall. 4 ' 
Ich kann diesen Unterschied als berechtigt nicht anerkennen. Wenn 
die Wirkungen eines Gesetzes für einen einzelnen Fall ausgeschlossen 
werden, so wird das Gesetz eben für diesen Fall ausser Kraft gesetzt. 
Dies gilt auch in dem vom Verf. herangezogenen Falle der Begnadi- 
gung. Wenn ein wegen Mordes zum Tode verurteilter Verbrecher be- 
gnadigt wird, so findet für den einzelnen Fall eine Ausserkraftsetzung 
der Gesetzesvorschrift des § 211 des Strafgesetzbuches statt, nach wel- 
cher der Mord mit dem Tode bestraft wird. Denn diese Vorschrift 
ordnet nicht blos die Verurteilung zum Tode, sondern auch die Voll- 
streckung der erkannten Todesstrafe an. Die Grundlage, auf welche 
Joel seine Unterscheidung von Dispensationen und Gnadenakten auf- 
baut, erweist sich demnach nicht als haltbar, die Charakterisierung der 
letzteren als „Rechtshandlungen" des Königs ist juristisch ohne Be- 
deutung. Ich kann daher an der Auffassung der Steuererlasse als 



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Dispensationen nur festhalten. Ein unbedingtes Recht des Königs zu 
Steuererlassen nimmt aber auch Joel nicht an. Er behauptet vielmehr, 
dass dasselbe durch das Recht des Landtages auf Rechnungskontrole 
beschränkt sei, dass die Regierung, welche einen Steuererlass vornehme, 
zwar den Steuerpflichtigen rechtsgiltig von seiner Verpflichtung ent- 
binde, aber, um von ihrer Verantwortlichkeit für den Steuererlass be- 
freit zu werden, der nachträglichen Zustimmung des Landtages in der 
Form der Entlastung bedürfe. Diese Auffassung ist zwar hinsichtlich 
des juristischen Standpunktes von der meinigen einigermassen ver- 
schieden, kommt aber, was den politischen Kern der Streitfrage betrifft, 
doch zu cinom annähernd gleichwertigen Ergebnis. 



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Zur Geschichte der Heidelberger Bibliotheca 

Palaüna. 



Von 

II. Erdmanusdörffer. 



Der Verlust des unersetzlichen Manuskriptenschatzes der Heidel- 
berger Palatina, seine Entführung nach Kom im Jahr 1623 ist ein so 
beklagenswertes, noch heute nicht verschmerztes Stück aus der deutschen 
Leidensgeschichte jener Zeit, dass auch kleine auf das Ereignis bezüg- 
liche Nebenumstände eines gewissen Interesse nicht entbehren. 

Die Veröffentlichung dos nachfolgenden Aktenstücks mag unter diesem 
Gesichtspunkt gerechtfertigt erscheinen. Es bedarf nur weniger Worte 
zu seiner Erläuterung. 

Als im Jahr 1621 sich das Kriegswetter gegen die rheinische Pfalz 
zusammenzog, die Spanier unter Cordova bereits Frankenthal belagerten, 
Tilly mit dem ligistischen Heer erschien und die von den beiden Feld- 
herrn schon beschlossene Belagerung von Heidelberg noch einmal ver- 
eitelt wurde durch das rasche Herbeieilen Emsts von Mansfeld — da 
gedachte der im Haag weilende Kurfürst Friedrich V wohl mit banger 
Besorgnis seiner bedrohten Hauptstadt am Neckar und richtete am 
15 Oktober (n. St.) 1621 ein Schreiben an Kanzler und Kate zu Heidel- 
berg, worin er ihnen zwei Dinge an's Herz legt : die Sorge für die Forti- 
fikation der Stadt, über deren Stand er durch einen einzusendenden Plan 
unterrichtet zu werden wünscht, und die Sorge für Archiv und Biblio- 
thek, „ sonderlich der Manuscripten", von denen er vermutet, dass man 
sie vielleicht schon in Sicherheit gebracht habe. Bekanntlich aber war 
dies nicht geschehen ; nur das Archiv war nach Frankfurt gerettet wor- 
den — „aber mit der Bibliothekh wegen deren grösse und menge der 
buecher es noch zur Zeit nit geschehen khönndte" — so berichten die 
Räte dem Kurfürsten am 26 Oktober 1621 und sprechen dabei die 



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Hoffnung ans, dass den bevorstehenden Winter über wohl nichts zu be- 
fürchten sei 1 ). 

Ob sich der Kurfürst bei diesem Bescheid beruhigt hat, ist nicht 
bekannt. Dagegen zeigt der hier folgende, bisher nicht gedruckte Brief, 
dass man auch in anderen befreundeten Kreisen fortfuhr, mit Sorge auf 
das Schicksal der Heidelberger Bibliothek zu blicken. 

Henry de Latour an Kanzler und Räte zu Heidelberg 8 ). 

Sedan, 11 Febr. 1622. 

Messieurs, 

apprehendant les inconueniens que la guerre peut apporter, J'ay pense 
de vous escrire touchant la Bibliothecque Palatine qu'il sembleroit 
a propos de transporter hors de Heidelberg les liures manuscrits 
les plus rares, ä la conseruation desquels le public a grand Interest, 
et en ce cas si vous trouuiez bon do les enuoyer en ceste villo, J'en 
prendrois le soing que merite chose si rare et m'obligerois de les 
restituer toutesfois que j'en serois requis, lorsque la saison sera meil- 
leure et la seurete plus grande, et m'asseurant que ce seroit chose 
bien aggreable au Koy de Boerae, je vous en sollicite tant plus vo- 
lontiers et donnerois ordre ä la seurete de sa conduite hors du 
Palatinat, surquoy j'attendray de vos nouuelles et vous asseureray 
que Je suis 

Messieurs 

Le plus affectionne ä vous faire seruice 
Henry de Latour. 

Der Schreiber dieses Briefes, nach dessen Wunsche also die Festung 
Sedan der Zufluchtsort für die gefährdete Palatina werden sollte, war 
zu diesem Erbieten durch die nächsten persönlichen und verwandtschaft- 
lichen Beziehungen zu dem pfalzischen Hause veranlasst. Es war der 
französische Marschall Henri de la Tour d'Auvergne, Duc de Bouillon 
(geb. 1555, gest. 1623), einer der namhaftesten Führer der französischen 
Hugenotten, der Vater des grossen Marschalls Turenne. Er hatte durch 
seine erste Ehe mit Charlotte de la Marek, der Erbin des Herzogtums 
Bouillon und der freien Herrschaften Sedan und Baucourt, ansehnliche 

1) Beide Briefe s. bei A. Th einer, Schenkung der Heidelberger Bibliothek 
S. 4 ; als Datum des zweiten wird wohl 5 Nov. st. n. anzusetzen sein. Über den von 
Friedrich V verlangten Plan der Heidelberger Festungswerke vergl. auch Zange- 
meister in Mittheilungen z. Gesch. des Heidelb. Schlosses II. 291. 

2) Der Brief ist entnommen aus dem Münchener Allgem. Reichsarchiv (30jähr. 
Krieg, fasc. XVIII Nr. 150 fol. 67); ich verdanke seine Mitteilung Herrn Archivrat 
Dr. Obser in Karlsruhe. Nur die Unterschrift ist eigenhändig. 



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Güter, und namentlich den Besitz der wichtigen Festung Sedan erlangt, 
die in seiner Hand nun zu einem der stärksten militärischen Stützpunkte 
der Hugenottenpartei im nördlichen Frankreich wurde. Er hatte in dieser 
Stadt, in der er oft residierte, auch eine Akademie angelegt, dio sich 
bald einer ziemlichen Celebrität erfreute und mit der auch eine Biblio- 
thek verbunden war ; auch Friedrich V hatte mehrere Jahre seiner Jugend 
dort an dem Hofe des glaubensverwandten „Herzogs von Bouillon" ver- 
lebt und seine Studien an der Akademie von Sedan gemacht. 

Dieser mehrjährige Aufenthalt des jungen Kurprinzen Friedrich in 
Sedan hatte um so näher gelegen, als der Herzog auch verwandtschaft- 
lich dem pfalzischen Hause jetzt eng verbunden war. Er verheiratete 
sich in zweiter Ehe mit Elisabeth von Nassau-Oranien, eiuer Tochter 
Wilhelms des Schweigers, war also der Schwager des Kurfürsten Fried- 
rich IV, der Oheim Friedrichs V. Die Beziehungen zwischen Oheim und 
Neffen waren sehr intime, und Friedrich V ist noch öfter im Laufe seines 
Lebens nach Sedan zurückgekehrt. 

Es ist hiernach ersichtlich, dass das Erbieten des Herzogs von 
Bouillon, der Heidelberger Bibliothek in Sedan eine Freistatt bis auf 
bessere Zeiten zu gewähren, durch die Verhältnisse sehr nahe gelegt war. 
Sedan war eine Akademie, zugleich eine starke Festung, und es war in 
der Hand eines dem pfälzischen Hause nahe verbundenen Fürsten. 

Wir wissen nicht, welche Antwort Kanzler und Räte von Heidel- 
berg dem Herzog erteilt haben. Vielleicht hielten sie noch immer, wie 
in dem Brief an den Kurfürsten, an der Hoffnung fest, dass die Gefahr 
vorübergehen werde; vielleicht auch hielten sie die Gefahr des weiten 
Transportes bis nach Sedan für die grössere. 

Man darf es vielleicht beklagen, dass sie auf den Vorschlag nicht 
eingegangen sind, der vermutlich auch die Billigung Friedrichs V hatte. 
Sedan ist damals nicht erobert und verheert worden. Es wäre zu denken, 
dass nach dem Ende des grossen Krieges, als Karl Ludwig von dem 
Erbe seiner Väter Besitz nahm, er auch das kostbare Erbstück der 
Palatiua in Sedan hätte reklamieren und wohlbehalten nach Heidelberg 
zurückführen können. 

Das Geschick fügte es anders: gerade ein Jahr nach jenem Briefe 
des Horzogs von Bouillon, am 14 Februar 1623, brach Leo Allatius mit 
der Wagenkaravane, in der er seine Beute nach Korn entführte, geleitet 
von Tilly'schcn Musketieren, von Heidelberg auf. 



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Festrede 

gelialteo 

bei der Enthüllung des Scheffel-Denkmals zu Hoidelberg 

am 11. Juli 1891 

von 

Adolf Jlausratli. 



Es ist ein Wort der Schrift, dass das Volk müsse wüste werden, 
in dem die Weissagung aufhört. Heute dürfen wir wohl dieses Wort 
des alttestamentlichen Königs auf unsere Dichter anwenden, denn sie 
sind ja die Propheten, denen Gott es verliehen hat, auszusprechen, was 
in der Tiefe des Volksgemüts quillt, was hervorbrechen möchte und 
nach Ausdruck ringt, und weil sie des Volkes Stimme sind, sind sie 
aucli Gottes Stimme. — Ja er hatte recht, der Sänger des alten Bun- 
des: wüste und wild müsste ein Volk werden, in dem nur noch der 
Lärm der Waffen und der Lärm der Eisenhämmer laut würde, die 
heiligsten und innersten Kegungen der Volksseele aber nicht mehr zum 
Ausdrucke kämen. — Wir leben in einem ehernen Zeitalter; eine Saat 
von Kriegerdenkmalen sprosst rings um uns aus der Erde, wohl uns dass 
da unter den Helden, die unser deutsches Wesen schützten und schirm- 
ten, auch der Sänger nicht fehlt, der dieses deutsche Wesen nähren, 
kräftigen und adeln half! Glücklich das Land, das neben das Bild des 
Kriegers auch das freundlichere Bild des Dichters zu stellen hat, doppelt 
glücklich unsere Heimat, der es vergönnt war, dem Vaterlande diesen 
Dichter zu schenken ! — Zweimal im Laufe eines Jahrhunderts hat der 
liederreiche Mund unserer Heimath das Ohr der Nation gefesselt. Die- 
selbe Stadt, in der Job. Peter Hebel wirkte und dichtete, hat dem 
Vaterlande auch Joseph Victor von Scheffel geschenkt, und es 
ist dieselbe unverfälschte treuherzige Volksseele, die in Hebels alaman- 
nischen Gedichten und aus Scheffels Erzählungen zu uns redet, der 
gleiche mutterwitzige Humor, der Hebels Schatzkästlein und Scheffels 
heitere Lieder würzt. 



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- 353 — 

Das also ist das Erste, was wir heute an Scheffel preisen, dass er 
ein deutscher Dichter war, der mit seinem ganzen Wesen im Deutsch- 
tume wurzelte. 

Romanische Kunstform lag ihm fern. Wenig Sonette hat er ge- 
stickt, Oden und Ottaven keine geschmiedet; dafür aber hat er an dem 
Borne mittelalterlicher Dichtung gesogen bis er Frau Aventiure in ihren 
eigenen Weisen zu preisen vermochte. Das alte deutsche Lied, wie es 
Herr Walther von der Vogel weide sang, das hat auch Meister Josephus 
gesungen, darum horchten wir auf, als er zu singen begann und wurden 
seiner Lieder nicht müde; ja das Herz ging uns auf bei dieser Weise, 
die doch so altvertrant und so wohlbekannt uns ans Ohr schlug! Das 
war ja das Lied, das uns die Mutter an der Wiege gesungen, das war 
das Lied, das aus des Knaben Wunderhorn quoll, das war das Lied, 
das die wandernden Burschen auf der Strasse sangen: das deutsche 
Lied fürs deutsche Ohr, fürs deutsche Herz, für deutsche Kehlen, das 
den Deutschen so recht in der Stimme lag. 

Und wie mit Scheffels Liedern, so war es mit Scheffels Gestalten. 
Wie wimmelte doch ehe Scheffel auftrat der deutsche Parnass von frem- 
dem Volke. Da waren die Helden eines Weltschmerzes, den der britische 
Nebel ausgebrütet, da waren die unverstandenen Frauen, die aus Paris 
herübergekommen, da waren die romantischen Künstlerseolen, die mit 
allen exotischen Empfindungen staffiert waren. Wie jubelte da die Na- 
tion, wie lachte ihr das Herz im Leibe, als der Trompeter von 
Säckingen seine deutsche Weise zu schmettern begann, als der 
Kämmerer Spazzo in Treuen vor ihr aufritt, als der Pfalzgraf 
bei Rheine seinen Rundgesang anstimmte, als der Herr von Roden- 
stein seinen Pirschgang antrat. Das ist Fleisch von unserem Fleische 
und Bein von unserem Beine, rief unsere Jugend, und darum hat Scheffel 
die Kunst besessen, die Nation im Innersten zu treffen, weil er nur aus- 
sprach, was in jedem deutschen Herzen lebte, weil seine Gestalten deutsch 
waren bis in die Knochen. So lange deutsches Wesen bleibt wie es ist, so 
lang werden Scheffels Gestalten dauern, weil in ihnen das deutsche Volk 
sich selbst anschaut. Das fühlt der Pflanzer jenseits des Oceans, der in 
einsamem Blockhaus Scheffels Erzählungen liest und Scheffels Lieder 
singt, das weiss der Wirt in Welschland, der nach Scheffels Namen 
und Scheffels Gestalten seine Schenke benennt, weil er sicher ist, dass 
dann der deutsche Pilger an seiner Thüre nicht vorübergehen wird. So 
sind auch wir sicher, dass Scheffels Dichterruhm länger dauern wird als 
dieses Bild von Erz, weil wir an die Dauer deutschen Wesens glauben. 



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— 354 — 

Warum aber wollten Scheffels Freunde, dass sein Bildnis hier unter 
uns in der Universitätsstadt stehe? Darum weil Scheffel vor allem der 
Dichter der akademischen Jugend, der Dichter der Studenten gewesen 
ist. Die Studenten waren die Ersten, die ihn auf den Schild erhoben 
und die Studenten werden die Letzten sein, die von ihm lassen. Wo 
wäre auch ein anderer Dichter, der der echten Jugendlust so zum Aus- 
druck verholfen hätte wie er ? In seinen Liedern da klingen die Gläser, 
da klirren die Waffen, da jubelt die Wanderlust. Was ein junges Herz 
erfreut, das hat ihm sein Meister Joscphns gesungen. Wie scharf tönt 
der Schwerthieb in seiner Hunnenschlacht und am Wasgenstein, wie 
hell läuten uns die Becher aus seinem Gaudeamus entgegen und wo 
gäbe es ein Wanderlied von so raorgenfrischer Wanderlust wie sein: 
zum heiligen Veit von Staffelstein. Denn auch diesen Zug der jungen 
Brust hat Scheffel verstanden. Er teilte den ahnungsvollen Drang des 
Junglings nach der Ferne, der hinter den blauen Bergen ein unbekanntes 
Glück sucht, der dem Zuge der Wolken und der Wandervögel nach- 
schaut und sich sehnt zu verlassen, was er doch liebt, um in der Ferne 
zu finden, was er selbst nicht weiss! Ein solcher Pilgrim auf Erden 
ist auch Scheffel gewesen und mit Recht hat unser Künstler den Poeten 
hier als Wanderer uns vors Auge gestellt, denn seine Losung war: 

„Lass lauern und trauern, wer will hinter Mauern 

Ich fahr in die Welt!" 
Einen fahrenden Schüler mochte der Dichter sich selbst am liebsten 
nennen und ein fahrender Schüler ist er geblieben bis zum letzten Jahr 
seines Lebens. — Gerade darum aber weil er alle Instinkte der jungen 
Brust verstand, die weichen und schwermütigen so gut wie die frohen 
und übermütigen, darum gewann er der Jugend ihr Herz ab. Vor 
allem freilich war er der Dichter des jugendlichen Frohsinns, 
der Dichter der guten Laune, der Dichter des Studentenhumors, dem 
es gefallt die ernsten Dinge der Wissenschaft auch einmal in phanta- 
stischem Spiele durcheinander zu werfen. Dio da grämlich schauen zu 
diesem Übermute, die sollten lieber mit uns fröhlich sein, dass es noch 
eine überschäumende Kraft in der deutschen Jugend giebt, dass ihr die 
Welt sonnig und hell und köstlich erscheint, wie sie Gott geschaffen. 
Als Scheffel auftrat, da war der deutsche Parnass nicht so heiter ge- 
stimmt. Unter Trauerweiden sasson dio deutschen Barden und be- 
trachteten ihr eigenes grosses, zerrissenes Herz, am Waldesrande wallten 
die romantischen Kitter, die aus Harfensteinen Dome bauen wollten und 
die politischen Dichter sangen böse, zornige Weisen, die klangen als ob 
sie Dolche wetzten — und das nannten sio Gesinnung. Und als Scheffel 
von uns genommen wurde, da war wieder ein junges Deutschland er- 
wachsen, das es erstaunlich weit gebracht hat in der greisenhaften 



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- 355 - 



Kunst, auf der Erde nichts zu sehen als die Regenwürmer, am Himmel 
nichts zu entdecken als graue Wolken und an der Sonne nichts zu 
finden als schwarze Flecken — und das nennen sie Realismus. 

Nun auch Scheffel ist ein Realist gewesen. Er schaute die Welt 
nicht in dem Zauberspiegel der Romantik, der die Erde oben und den 
Himmel unten spiegelt, sondern fest auf der Erde stehend begrüsste er 
die beblümte Au und schaute durch der Wolken Riss die ewig leuch- 
tenden Sterne. Die Schönheit dieser Welt in tiefster Seele zu empfinden, 
das war die ewige Jugend, die sein Gott ihm verlieh, und weil er selbst 
innerlich jung blieb, darum blieb auch die Jugend ihm treu. Sie wusstc, 
dass er ein Herz für sie hatte. Wie er sie verstand, so versteht sie ihn ; 
hundert wallende Banner bezeugen es auch heute. Alle ihre Kommerse 
hat Scheffel im Geiste präsidiert und als der Schläger seiner müden 
Hand entsank, da hies es: ex est cantus, solche Lieder wird uns kein 
Anderer mehr singen, der von uns genommen wurde, war der Sänger 
des deutschen Studentenlieds. 

Wohl dem, zu dem die Jugend sich bekennt ! Sie hat alle Zeit ein 
starkes Gefühl gehabt für alles Ächte, und ihr Urteil geht selten fehl, 
eben weil es einfach ist. 

Scheffel wäre aber nie ein Dichter des ganzen deutschen Volkes, 
er wäre nie der Liebling der deutschen Jugend geworden, wäre er nicht 
von Haus aus gewesen ein Dichter von Gottes Gnaden. Über- 
reich sind seine Dichterwege bestreut mit Perlen deutscher Lyrik und 
die Sangeskunst folgte seinen Pfaden -und nahm diese Perlen auf. Das 
ist ja die Probe, ob ein Lied gelungen sei, dass es auch gesungen wird, 
denn zum Singen wurde es gedichtet. Dass Scheffels Lieder diese Probe 
bestanden haben, das brauchen wir hier nicht zu versichern, wo all- 
täglich sein „Altheidelberg, du feine" vom Neckar zum Schlosse empor- 
steigt, wo aljnächtlich sein Rodensteiner durch die stillen Strassen 
schallt. Wenn es zum Wesen des lyrischen Dichters gehört, dass er die 
Kraft der Seele und des Wortes besitze, einen vollen Nachhall seiner 
Stimmung auch in unserem Herzen zu wecken, nun dann ist Scheffel 
ein solcher Lyriker der Freude und des Leides gewesen. — Von dem 
epischen Dichter aber verlangen wir vor Allem, dass er zu erzählen 
verstehe, so dass seine Erzählung uns nicht mehr loslässt, und wer je 
eine Stelle in Scheffels Ekkehard aufschlug, der wird sich auch darüber 
betroffen haben, dass er Seiten und Seiten weiterlas, weil der Erzähler 
ihn nicht mehr frei gab. Das andere aber ist, dass der epische Dichter 
dio Kraft haben muss, Gestalten zu schaffen, die sich einprägen, die 
inneres Leben haben, deren Leben sich aus ihrem Kerne mit Notwen- 
digkeit entwickelt, Gestalten, dio nicht gleich schön gemalten Bildern 
im Buche bleiben, sondern die heraussteigen aus ihren Rahmen, als 



r' 

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— 356 — 



lebendige Kräfte umgehen in der Litteratur und Kinder zeugen, die 
ihnen ähneln. Dass das der Fall gewesen sei mit Jung Werner, mit 
Ekkehard, mit Frau Hadwig, das beweisen die hundert Nach- 
ahmer, die ihr Licht nicht unter den Scheffel, sondern auf den Scheffel 
gestellt haben. Er selbst aber ahmte niemanden nach. Er ist kein Echo 
Göthes und koin Echo Schillers gewesen und auch denen nicht zu verglei- 
chen, die man ein Echo von hundert Echos nennen möchte. Scheffel ist eine 
eigene Stimme im deutschen Dichterwalde. Er hat Weisen gefunden, 
die vor ihm keiner sang und nach ihm keiner zu treffen wusste. Das 
Wesen dieser Weise aber ist der Humor, der an allen Dingen die 
paradoxe Seite erfasst und eine Kraft derPhantasie, die ihm nicht 
nur die Gestalten der Geschichte, sondern auch die Schichten der Ge- 
birge, auch die Versteinerungen der Sammlungen und die Steinäxte der 
Pfahlbauten poetisch belebt. Der Mann, der uns die ernsten Berg- 
psalmen voll Ossian'scher Schwermut sang, der die tiefsten psycholo- 
gischen Probleme bis zu ihren letzten unerbittlichen Consequenzen fort- 
führte, der in seiner berühmtesten Erzählung uns das ganze Geheimnis 
einer Mannesseele entschleierte, er gefiel sich da in einer parodistischen 
Kunst, die sich in Scherzen überbot, als ob er der Welt eigens be- 
weisen wollte, dass der wahre Dichter nicht nur zu weinen, sondern 
auch zu lachen verstehe. 

Die ganze Skala menschlicher Empfindungen hat Scheffel beherrscht, 
denn er ist selbst ein voller und ganzer Mensch gewesen. Das heisst 
aber auf dieser Erde ein Kämpfer sein. Nicht immer ist unserem Dichter 
das Leben leicht geworden. Ein schweres Tassoschicksal schien zu 
Zeiten über ihm zu schweben, dann aber fehlte nicht die Hand des 
fürstlichen Gönners, die ihn hielt, nicht der Arm der Freunde, der ihn 
stützte, und auch sein Genius verliess ihn nicht, so dass er am Abende 
seines Lebens gleich seinem Ekkehard sprechen durfte: , Glücklich der 
Mann, der die Prüfung bestanden!" 

So stehe denn sein Bildnis hier, verschollenen Gegnern zum Trotz, 
tausend jungen Herzen zur Freude! Möge es sie lehren, dass auch die 
Kunst nicht Sache tändelnden Spieles, sondern Sache treuer Arbeit sei, 
und dass der Mann, den sie vor allem als Genossen ihrer frohen Feste 
kennen, auch ein Kämpfer gewesen ist, der den Kampf des Lebens 
tapfer kämpfte und die Kränze redlich verdient hat, die wir heute an 
seinem Bilde niederlegen! 



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